{"id":8557,"date":"2020-10-03T11:03:46","date_gmt":"2020-10-03T09:03:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8557"},"modified":"2020-10-03T11:03:47","modified_gmt":"2020-10-03T09:03:47","slug":"deutschland-die-gewalt-der-vereinigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8557","title":{"rendered":"Deutschland: &#8222;Die Gewalt der Vereinigung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Nowak. <\/em><strong>W\u00e4hrend der Bundestag sich zum 30ten Jahrestag der Wiedervereinigung feiert, erinnern zivilgesellschaftlichen Gruppen an die Opfer und diejenigen, die keinen Frieden mit den deutschen Verh\u00e4ltnissen gemacht haben.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben 30 Jahre nach der Wiedervereinigung fast alle im Parlament vertretenen Parteien das hohe Lied vom\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2020\/kw40-de-30-jahre-deutsche-einheit-793474\">Sieg der friedlichen Revolution gesungen<\/a>. Nur die Linkspartei m\u00e4kelte wie \u00fcblich, dass die deutsche Einheit nicht vollendet ist, solange noch unterschiedliche Lebensbedingungen in Teilen des wiedervereinigten Landes bestehen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"394\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Nowak_Masterbild-ec4e5c8f3a6644d8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8558\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Nowak_Masterbild-ec4e5c8f3a6644d8.jpg 700w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Nowak_Masterbild-ec4e5c8f3a6644d8-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption>Fahnen bei der Vereinigungsfeier in Berlin, am 03.10.1990.\u00a0<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1990-1003-004,_Berlin,_Vereinigungsfeier,_Fahnen.jpg\">Foto<\/a>: Bundesarchiv; Bild 183-1990-1003-004 \/ Grimm, Peer \/\u00a0<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">CC-BY-SA 3.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Man zeigte Schwarz-Rot-Gold, wie sich schon an dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2020\/kw40-de-30-jahre-deutsche-einheit-793474\">Text zur Debatte zeigte<\/a>. Unter diesen Zeichen gab es gro\u00dfe Einigkeit und nat\u00fcrlich wurde auch dem AfD-Vertreter nicht widersprochen, der vom Sieg eines patriotischen Aufstandes sprach. Nicht zur Sprache kamen an diesem Tag die Opfer dieses deutschen Patriotismus, seien es Linke, sozial und politisch Unangepasste, Juden und Migranten.<\/p>\n<p>Schon lange vor der Wiedervereinigung gab es diese Angriffe in beiden Teilen Deutschlands in unterschiedlichem Ausma\u00df. Doch sie nahmen ab dem Herbst 1989 enorm zu. Jetzt hat eine kleine Gruppe von Antifaschisten an die rechten \u00dcbergriffe in der Nacht zum 3. Oktober erinnert.<\/p>\n<p><strong>Rechte Gewalt am Vorabend der Vereinigung<\/strong><\/p>\n<p>Auf ihrer\u00a0<a href=\"https:\/\/zweiteroktober90.de\/\">Homepage<\/a>, die schon im Namen verdeutlicht, dass es um die Gewalt am Vorabend der Vereinigung geht, wird an die erinnert, denen am 3. Oktober 1990 nicht zum Feiern zumute war, weil sie um ihr Leben f\u00fcrchten mussten. Der gr\u00f6\u00dfte rechte Angriff am Vorabend des 3. Okt. 1990\u00a0<a href=\"https:\/\/zweiteroktober90.de\/zerbst\/\">fand in Zerbst statt<\/a>. Dort belagerten fast 200 Neonazis ein besetztes Haus und z\u00fcndeten es an. Die 17 jugendlichen Besetzer konnten erst in letzter Minute vom Dach des brennenden Hauses gerettet werden und mussten teilweise schwer verletzt ins Krankenhaus.<\/p>\n<p>Auf der Homepage wird aus einem Brief einiger der Besetzer ans Antifaschistische Infoblatt wenige Tage nach dem \u00dcberfall zitiert:<\/p>\n<p>Zerbst ist eine Stadt, in der es von M\u00f6chtegern-Nazis nur so wimmelt. Wir, das sind ungef\u00e4hr 20 Leute zwischen 13 und 18 Jahren, haben uns vor einem halben Jahr zusammengeschlossen, weil es auf den Stra\u00dfen zu gef\u00e4hrlich wurde. Zu unserer Gruppe geh\u00f6ren Wakes, Punks und Normalos. Die H\u00e4lfte sind M\u00e4dchen. Es gab des \u00d6fteren Zusammenst\u00f6\u00dfe zwischen uns und den Rechten.<\/p>\n<p>Homepage zweiteroktober90.de<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/zweiteroktober90.de\/weimar\/\">Auch in Weimar<\/a>\u00a0kam es am 2. Okt. 1990 zu einem Neo-Nazi\u00fcberfall auf ein besetztes Haus in der Gerberstra\u00dfe, das bis heute mit Vertr\u00e4gen als linker Anlaufpunkt in der Stadt besteht und mit seinen Gittern weiterhin davon zeugt, dass es sich gegen Angriffe verteidigen muss. Rechte Randale gab es vor 30 Jahren auch in den Innenst\u00e4dten von Magdeburg und Leipzig. Auf der sehr benutzerfreundlich gestalteten Homepage finden sich auch viele Originaldokumente, darunter Zeitungsausschnitte aus der Regionalpresse und Fotos der Betroffenen.<\/p>\n<p>In die \u00fcberregionale Presse haben es die Angriffe damals gr\u00f6\u00dftenteils nicht geschafft. H\u00f6chstens wurden einige Zeilen auf den hinteren Seiten vermeldet. Schlie\u00dflich war Deutschland in Feierlaune und wollte sich die patriotische Aufwallung von niemandem verderben lassen. Das war nicht nur am 3. Oktober 1990 so; auch beim Deutschen Sommerm\u00e4rchen, der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft 2006, galt als Spielverderber, wer nicht in Schwarz-Rot-Gold mitfeiern wollte. Die Psychologin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.dagmar-schediwy.de\/\">Dagmar Schediwy<\/a>\u00a0ist eine der wenigen, die in ihrem Buch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lit-verlag.de\/publikationen\/psychologie\/66172\/ganz-entspannt-in-schwarz-rot-gold\">&#8222;Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold&#8220;<\/a>\u00a0einen kritischen Blick darauf wirft.<\/p>\n<p><strong>Ein Tag im deutschen Herbst vor 30 Jahren<\/strong><\/p>\n<p>Die Erinnerung an die Opfer der Vereinigung ist umso verdienstvoller, weil sie einen Kontrapunkt zur dominanten Erz\u00e4hlung vom Sieg der friedlichen Revolution setzt. F\u00fcr die Opfer der rechten Gewalt waren diese Zeiten gar nicht so friedlich. Das Redaktionsteam von\u00a0<em>zweiteroktober90.de<\/em>\u00a0hat einen entscheidenden Tag herausgegriffen. Doch betont es, dass der H\u00f6hepunkt der Gewalt seine Vorl\u00e4ufer hatte.<\/p>\n<p>Die Angriffe vom 2. und 3. Oktober 1990 hatten sich im Vorfeld angebahnt und waren entsprechend absehbar. In den Monaten zuvor hatten Neonazis am Rande gesellschaftlicher Gro\u00dfereignisse wie dem Himmelfahrtstag oder der Fu\u00dfball-WM immer wieder Linke und Migrantinnen und Migranten attackiert. Zudem hatten sie f\u00fcr den 2. und 3. Oktober 1990 solche Angriffe konkret angek\u00fcndigt. Sowohl der Staat als auch die Bev\u00f6lkerung als auch die Presse wussten also davon und konnten sich darauf einstellen.<\/p>\n<p>Homepage zweiteroktober90.de<\/p>\n<p>Und die Gewalt ging danach weiter. Die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.hoyerswerda-1991.de\/\">pogromartigen Ereignisse von Hoyerswerda<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/lichtenhagen-1992.de\/pogrom\/\">Rostock-Lichtenhagen<\/a>\u00a0oder\u00a0<a href=\"https:\/\/www.antifa-frankfurt.org\/Nachrichten\/pogrom_mannheim_schoenau.html\">Mannheim-Sch\u00f6nau<\/a>\u00a0sind nur einige Orte, die sich in erster Linie den Opfern eingepr\u00e4gt haben und manchen kundigen. In linksliberalen Medien wird mittlerweile von den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/46\/neonazis-jugend-nachwendejahre-ostdeutschland-mauerfall\">&#8222;Baseballschl\u00e4gerjahren&#8220;<\/a>\u00a0gesprochen. Manche, die damals als Jugendliche Angst vor der rechten Gewalt hatten, schreiben heute \u00fcber diese Zeit. Einige der T\u00e4ter d\u00fcrften heute AfD-W\u00e4hler sein.<\/p>\n<p>Die Erinnerung an die rechte Gewalt der Vereinigungsjahre macht auch verst\u00e4ndlich, warum sich damals eine antinationale und in Teilen antideutsche Linke bildete, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist.<\/p>\n<p>Umso verdienstvoller, dass das Monatsmagazin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.konkret-magazin.de\/\">Konkret<\/a>, das einen wesentlichen Anteil an der Formierung dieser linken Str\u00f6mung hatte, in der aktuellen Aufgabe mit dem Motto &#8222;30 Jahre sind genug&#8220; daran ankn\u00fcpft. In Potsdam hat gerade unter dem ebenso bezeichnenden Titel\u00a0<a href=\"https:\/\/www.re-kapitulation.org\/\">re:kapitulation<\/a>\u00a0ein Kongress begonnen, der die Menschen erreichen will, die bis heute keinen Frieden mit den deutschen Verh\u00e4ltnissen gemacht haben.\u00a0<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Gewalt-der-Vereinigung-4919108.html\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. Oktober 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Nowak. 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