{"id":8596,"date":"2020-10-12T08:26:57","date_gmt":"2020-10-12T06:26:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8596"},"modified":"2020-10-12T08:26:59","modified_gmt":"2020-10-12T06:26:59","slug":"krieg-in-bergkarabach-es-werden-wahllos-wohngebiete-angegriffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8596","title":{"rendered":"Krieg in Bergkarabach: \u201eEs werden wahllos Wohngebiete angegriffen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit dem 27. September w\u00fctet in der umstrittenen Region Bergkarabach der blutigste Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan seit Anfang der 1990er Jahre. Bewohnt fast ausschlie\u00dflich von christlichen Armenier*innen, geh\u00f6rt die autonome <!--more-->Region nach v\u00f6lkerrechtlicher Lehrmeinung zu Aserbaidschan. Wir unterhielten uns mit Hovhannes Gevorkian \u00fcber Ausma\u00df, Hintergr\u00fcnde und die Rolle wichtiger anderer Akteure des Krieges.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Hovhannes ist Jurist und ver.di-Funktion\u00e4r. Er ist armenischer Abstammung und lebt in Berlin.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Bergkarabach_logo_L-300x300-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8597\" width=\"435\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Bergkarabach_logo_L-300x300-1.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Bergkarabach_logo_L-300x300-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 435px) 100vw, 435px\" \/><figcaption>By\u00a0<a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/photos\/stele-bergkarabach-stepanakert-2336492\/\">tatyanakoltsova, Pixabay<\/a>, published under\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Public_domain\">public domain<\/a>\u00a0(edited by Jakob Reimann, Die Freiheitsliebe).<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe: Am 10. Oktober einigten sich Aserbaidschan und Armenien auf eine Waffenruhe, was die j\u00fcngsten Gefechte im umstrittenen Bergkarabach erst einmal beenden sollte. Doch auf Anfang, wie kam es \u00fcberhaupt zum Krieg? Was ist der grundlegende Konflikt?<\/strong><\/p>\n<p>Hovhannes Gevorkian: Die Region ist seit Jahrzehnten zwischen beiden L\u00e4ndern umstritten, wobei die Wurzeln f\u00fcr diesen Disput bis in die Anfangszeit der Sowjetunion und sogar davor zur\u00fcckreichen. Die derzeitige Situation ist von dem Krieg Anfang der 1990er gepr\u00e4gt, als Armenien das Gebiet gewinnen und dazu noch sieben weitere Provinzen kontrollieren konnte. \u00dcber 50.000 Menschen lie\u00dfen bei diesem Krieg ihr Leben, mehr als eine Million Menschen wurde zu Gefl\u00fcchteten. Seitdem ist vor allem Armenien am Status quo interessiert, w\u00e4hrend Aserbaidschan sein Milit\u00e4r massiv aufr\u00fcstet und immer wieder von der R\u00fcckeroberung Karabachs spricht.<\/p>\n<p>Hinsichtlich dieses Krieges gab es erste Auseinandersetzungen schon Mitte Juli, allerdings nicht in Karabach (die Region selbst benutzt den armenischen Namen Arzach daf\u00fcr). Aserbaidschan griff die nordarmenische Provinz Tavush an, um wahrscheinlich einige strategisch wichtige Milit\u00e4rposten zu erobern, die unweit der Pipelines liegen, wo Baku \u00d6l und Gas \u00fcber Georgien in die T\u00fcrkei und nach Russland exportiert. Seitdem konnten wir eine sehr enge Allianz zwischen der T\u00fcrkei und Aserbaidschan beobachten, wo nicht nur in Nachitschewan gemeinsame Milit\u00e4r\u00fcbungen stattfanden, sondern auch t\u00fcrkisches Milit\u00e4r in Aserbaidschan stationiert wurde.<\/p>\n<p>Seitens Ankaras gab es eine aggressive Kriegsrhetorik, die auch an den Genozid an den Armenier*innen 1915 ankn\u00fcpfte. So erkl\u00e4rte Erdogan bei einer Rede am 22. Juli: \u201eWir werden die Mission fortf\u00fchren, die unsere Gro\u00dfv\u00e4ter seit Jahrhunderten im Kaukasus angef\u00fchrt haben.\u201d Noch w\u00e4hrend die Verhandlungen in Moskau stattfanden, erkl\u00e4rte das t\u00fcrkische Verteidigungsministerium, dass eine Waffenruhe nur Sinn machen w\u00fcrde, wenn sich Armenien ganz aus Arzach zur\u00fcckziehen w\u00fcrde. Jerewan und Baku haben Erfahrungen mit solchen Auseinandersetzungen und haben auch gewisse Mechanismen entwickelt, um die Situation nicht v\u00f6llig au\u00dfer Kontrolle geraten zu lassen. Nun allerdings ist die T\u00fcrkei de facto eine Kriegspartei und signalisiert deutlich, dass ein Waffenstillstand nicht ohne Zustimmung zustande kommen wird.<\/p>\n<p><strong>Welches Ausma\u00df hatte der Krieg? Wie gro\u00df ist die Zerst\u00f6rung und wie viele Menschen mussten ihr Leben lassen?<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg begann am Morgen des 27. September durch einen gro\u00dfangelegten und kalkulierten Angriff seitens der aserbaidschanischen Truppen zusammen mit den eigens aus Syrien rekrutierten islamistischen Dschihadisten. Das t\u00fcrkische Milit\u00e4r war nicht nur in die Planungen involviert, sondern von Anfang an eine Kriegspartei mit eigenen Kampfjets, milit\u00e4rischen Beratern und Soldaten. Die Soldaten griffen zwar nicht direkt ein, allerdings waren die Kampfjets im Einsatz und schossen ein armenisches Flugzeug \u00fcber armenischem Territorium ab.<\/p>\n<p>Es ist schwer, die genauen Todeszahlen zu beziffern, da sie von beiden Seiten nicht offen und ehrlich zugegeben werden, aber unabh\u00e4ngige Beobachter*innen sprechen insgesamt von tausenden Toten, wobei mehrere Dutzend Zivilist*innen dabei sind. Es ist ein sehr heftiger Krieg, der mit allen milit\u00e4rischen Mitteln gef\u00fchrt wird. Besonders die Hauptstadt von Arzach, Stepanakert, leidet sehr unter den schweren Bombardements, die eindeutig Kriegsverbrechen darstellen, weil wahllos Wohngebiete angegriffen werden.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger der Krieg andauert, desto erbitterter wird er gef\u00fchrt werden. Der Waffenstillstand wurde von Baku und Ankara von Anfang an missachtet und Stepanakert und andere St\u00e4dte weiterhin bombardiert. Die armenische Seite reagierte auch mit Angriffen auf die n\u00e4chste gr\u00f6\u00dfere Stadt Ganja, wobei es auch zu Zerst\u00f6rungen der zivilen Infrastruktur kam.<\/p>\n<p><strong>Jetzt zu den j\u00fcngsten Friedensverhandlungen. Wie kam es dazu und was genau beinhaltet das Abkommen?<\/strong><\/p>\n<p>Noch gibt es keine Friedensverhandlungen. Beide Seiten haben unter russischer Vermittlung nach \u00fcber zehnst\u00fcndigen Gespr\u00e4chen erkl\u00e4rt, dass es eine Feuerpause geben wird, um die Gefangenen und Toten auszutauschen. Verhandlungen unter der F\u00fchrung der OSZE haben Vorrang, weitere Parameter werden sp\u00e4ter ausgehandelt. Es ist auch interessant, dass dies mit den jeweiligen Au\u00dfenministern zustande kam und nicht mit den rangh\u00f6chsten Repr\u00e4sentanten der L\u00e4nder wie Wladimir Putin, Nikol Paschinyan und Ilham Aliyev.<\/p>\n<p>Die Waffenruhe ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung, da ein Krieg katastrophale Folgen f\u00fcr die Region hat und ferner die Gefahr birgt, dass er sich auf andere Gebiete ausweitet. Beide Bev\u00f6lkerungen leiden darunter und am meisten ist es ohne Frage die jeweilige arbeitenden Klasse, da der Krieg jetzt schon zusammen mit der herrschenden Covid-19-Pandemie zu einer Verschlechterung der Wirtschaft und der Lebens- und Arbeitsbedingungen gef\u00fchrt hat. Jeder Tag Krieg ist zu viel und versch\u00e4rft die tiefe Spaltung zwischen den jeweiligen arbeitenden Klassen, die sowieso schon ein tiefes Misstrauen untereinander haben.<\/p>\n<p>Deswegen ist es wichtig, die Gemeinsamkeiten der beiden Klassen zu betonen. Es ist definitiv zu begr\u00fc\u00dfen, dass zum Beispiel die Aserbaidschanische Linke Jugend sich deutlich gegen den Krieg positionierte.<\/p>\n<p><strong>Ein Bericht von Amnesty International von letzter Woche beschuldigt das aserbaidschanische Milit\u00e4r, in Stepanakert, der Hauptstadt von Bergkarabach, international ge\u00e4chtete Streubomben aus israelischer Produktion gegen zivile Ziele eingesetzt zu haben. (Vgl.\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/387970.s%C3%BCdkaukasus-streubomben-auf-stepanakert.html\"><strong>hier<\/strong><\/a><strong>) Was ist deine Reaktion auf die Anschuldigungen und wie intensiv ist die israelisch-aserbaidschanische Kooperation im Allgemeinen?<\/strong><\/p>\n<p>Streubomben einzusetzen, ist in jeglicher Hinsicht v\u00f6lkerrechtlich verboten und ein Verbrechen. Es gibt Videos aus Stepanakert, der Hauptstadt von Arzach\/Karabach, die zeigen, was f\u00fcr ein erschreckendes Ausma\u00df der Einsatz solcher Bomben haben kann. Der mehrmalige Einsatz der Bomben auf zivile Gebiete ist erwiesen und gut dokumentiert. Ob sie aus israelischer Produktion sind, kann ich nicht sagen, aber unwahrscheinlich ist das aufgrund der engen Beziehungen zwischen Tel Aviv und Baku nicht. Israel ist der wichtigste Waffenexporteur f\u00fcr Aserbaidschan und mittlerweile durch anhaltende Drohnenlieferungen, die f\u00fcr die armenische Bev\u00f6lkerung sehr gef\u00e4hrlich sind, eine der Seiten, die diesen Krieg weiter anheizt.<\/p>\n<p><strong>Auch die T\u00fcrkei ist ein wesentlicher Unterst\u00fctzer Bakus, insbesondere durch Waffenlieferungen. Das aserbaidschanische Milit\u00e4r prahlte online regelrecht mit seinem Einsatz t\u00fcrkischer Kampfdrohnen in den j\u00fcngsten Gefechten. Wie eng ist die t\u00fcrkisch-aserbaidschanische Kooperation und welche strategischen\/geopolitischen Interessen verfolgt Ankara hier?<\/strong><\/p>\n<p>Die Kooperation ist sehr eng und so tief wie nie zuvor. Zwischen Baku und Ankara gab es schon immer eine Allianz und t\u00fcrkische Waffenlieferungen f\u00fcr aserbaidschanisches \u00d6l und Gas waren Standard. Heute allerdings sieht es so aus, als w\u00fcrde die T\u00fcrkei den Ton in diesem Krieg angeben und klar die F\u00fchrung gegen\u00fcber Baku haben. Der Pr\u00e4sident von Arzach\/Karabach, Arajik Harutjunjan, der selbst an der Front ist und die vielleicht meistgehasste Figur in Aserbaidschan ist, sagte offen, dass \u201enicht Aserbaidschan, sondern die T\u00fcrkei Krieg gegen uns f\u00fchrt\u201d.<\/p>\n<p>Es gibt t\u00fcrkische Waffen, aber auch t\u00fcrkische Milit\u00e4rangeh\u00f6rige in Aserbaidschan. Die Abstimmung zwischen den beiden Regimen ist sehr eng und immer wieder gibt es ranghohe Besuche seitens der t\u00fcrkischen Politiker in Baku. Erst k\u00fcrzlich, n\u00e4mlich am 6. Oktober war der t\u00fcrkische Au\u00dfenminister Mevl\u00fct \u00c7avu\u015fo\u011flu in Baku und sprach davon, dass die T\u00fcrkei und Aserbaidschan \u201eeine Nation\u201c seien. Er sagte: \u201eNiemand sollte Zweifel haben, dass wir auch als ein Staat handeln werden, wenn es n\u00f6tig sein sollte.\u201d \u00dcbersetzt: Die T\u00fcrkei sieht Aserbaidschan als Teil seines Einflussgebietes an und droht offen damit, direkt in den Krieg zu intervenieren.<\/p>\n<p>Der Hintergrund dieser sehr aggressiven Herangehensweise liegt darin, dass die T\u00fcrkei so eine st\u00e4rkere Pr\u00e4senz in Aserbaidschan aufbauen und dort Milit\u00e4rbasen errichten kann, nachdem das zuvor nur in der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan m\u00f6glich war, die zwar an die T\u00fcrkei, aber nicht an Aserbaidschan grenzt. Nicht zuletzt kann so die russische Hegemonie im Kaukasus wom\u00f6glich zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden, wobei Moskau und Ankara nat\u00fcrlich gegenseitige Interessen haben, nicht nur im Kaukasus, sondern auch in Libyen und Syrien.<\/p>\n<p><strong>Der Bergkarabach-Konflikt gilt als einer der am l\u00e4ngsten andauernden Konflikte der Welt. Zwar gab es jetzt die von Moskau ausgerufene Waffenruhe, doch was muss geschehen, um die Region dauerhaft zu befrieden?<\/strong><\/p>\n<p>Die wichtigste Forderung zurzeit ist der Waffenstillstand, weil der Krieg unfassbar intensiv ist und insgesamt schon tausende Tote aufzuweisen hat. Auch die zivilen Opfer nehmen mit der Dauer des Krieges immer mehr zu, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Kosten, die dieser Krieg mit sich bringt. Ein Waffenstillstand ist die Grundlage f\u00fcr weitere Verhandlungen, die notwendig sind, da es hier keine milit\u00e4rische L\u00f6sung geben wird. Daf\u00fcr ist auch notwendig, dass sich die T\u00fcrkei zur\u00fcckzieht und insbesondere der Einsatz der islamistischen Dschihadisten (unter denen es \u00fcbrigens viele Opfer gibt) sofort beendet wird.<\/p>\n<p>Allerdings bedeutet ein Waffenstillstand noch keinen Frieden; wobei es wichtig ist zu wissen, dass nie ein Friedensvertrag unterzeichnet wurde, sondern nur das Abkommen von Bischkek, wo am 12. Mai 1994 der letzte gro\u00dfe Krieg beendet wurde. Dieser Konflikt ist komplex, aber Fakt ist, dass er damit zu tun, dass sich auf beiden Seiten moderne kapitalistische Nationalstaaten gebildet haben, die jeweils f\u00fcr sich homogen sein wollen. Das nationalistische Denken ist tief verankert und hat die Region traumatisiert. Ich pers\u00f6nlich denke, dass ein friedliches und freies Zusammenleben nur gemeinsam m\u00f6glich ist, damit auch die Frage der Gefl\u00fcchteten gel\u00f6st werden kann: Dies kann allerdings niemals unter kapitalistischen Bedingungen m\u00f6glich sein, sodass die kapitalistische Ordnung nicht nur in Armenien und Aserbaidschan, sondern in der gesamten Region gest\u00fcrzt werden muss.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p><em>Das Interview wurde am 11. Oktober via E-Mail gef\u00fchrt. Das Titelbild zeigt die Skulptur\u00a0<strong>Tatik Papik<\/strong>, die sich am n\u00f6rdlichen Stadteingang von Stepanakert befindet, der Hauptstadt von Bergkarabach. Die Skulptur des armenischen Bildhauers Sargis Baghdasaryan gilt als Symbol der Unabh\u00e4ngigkeit Bergkarabachs.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/es-werden-wahllos-wohngebiete-angegriffen-im-gespraech-mit-hovhannes-gevorkian-ueber-den-krieg-in-bergkarabach\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. Oktober 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem 27. September w\u00fctet in der umstrittenen Region Bergkarabach der blutigste Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan seit Anfang der 1990er Jahre. 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