{"id":8612,"date":"2020-10-15T10:04:01","date_gmt":"2020-10-15T08:04:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8612"},"modified":"2020-10-15T10:04:36","modified_gmt":"2020-10-15T08:04:36","slug":"gefluechtete-in-zuerich-wir-wollen-nicht-zurueck-in-den-bunker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8612","title":{"rendered":"Gefl\u00fcchtete in Z\u00fcrich: \u00abWir wollen nicht zur\u00fcck in den Bunker!\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Louis Libertini.<\/em> Am Mittwoch, 7. Oktober 2020 haben sich zwei Asylsuchende bei einem Sprung aus dem Fenster eines Geb\u00e4udes im Z\u00fcrcher Kreis 4 schwer verletzt. Insgesamt 36 Menschen sind dort in Quarant\u00e4ne eingesperrt<!--more--> und f\u00fcrchten sich vor der R\u00fcckkehr in ihre Unterkunft \u2013 einen unterirdischen Bunker. Nach der Verzweiflungstat diffamiert die verantwortliche Beh\u00f6rde die Betroffenen in einer Pressemitteilung.<\/p>\n<p>Etwa hundert Personen versammelten sich am Donnerstagnachmittag, 8. Oktober 2020 vor dem ehemaligen Pflegezentrum Erlenhof an der Lagerstrasse im Z\u00fcrcher Kreis 4. Es war ein kurzer Moment der Solidarit\u00e4t mit den 36 Asylsuchenden, die sich seit Tagen im Zentrum befinden und verschiedentlich auf ihre prek\u00e4re Situation aufmerksam machen. Das mediale Interesse der vergangenen Tage und wohl auch die harsche Kritik die Sicherheitsdirektor Mario Fehr entgegenschl\u00e4gt, haben zu fast schon absurder Polizeipr\u00e4senz gef\u00fchrt. In allen Seitenstrassen stehen Polizist*innen in Vollmontur und sogar Polizeisprecher Marco Cortesi ist da und spricht in die zahlreichen Kameras. Vereinzelt sind Rufe der Asylsuchenden zu h\u00f6ren, die von der \u00fcberschaubaren Menge jeweils erwidert werden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"854\" height=\"640\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/z\u00fc.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8613\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/z\u00fc.jpg 854w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/z\u00fc-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/z\u00fc-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 854px) 100vw, 854px\" \/><\/figure>\n<p>Es ist ein Zeichen gegen die Geschehnisse der vergangenen Tage und gegen die nach Ende der Quarant\u00e4ne drohende R\u00fcckf\u00fchrung der Bewohner*innen in den Bunker in Urdorf. Vor der Demonstration sagt Ahmad (Name ge\u00e4ndert) dem Ajour Magazin am Telefon: \u00abHelft uns, damit wir nicht in den Bunker zur\u00fcckkehren m\u00fcssen!\u00bb Ahmad ist einer der Bewohner*innen der sogenannten Notunterkunft (NUK) Urdorf (Kanton Z\u00fcrich), der sich mit dem Coronavirus angesteckt hat und im ersten Stock der provisorischen Pflegeunterkunft im Kreis 4 einquartiert ist.<\/p>\n<p><strong>Ungl\u00fcck mit Ansage<\/strong><\/p>\n<p>Letzte Woche passierte das Unvermeidliche: In der Asylunterkunft in Urdorf brach das Coronavirus aus. Es kam zur lange bef\u00fcrchteten Massenansteckung im engen unterirdischen Bunker. 16 der 36 Insass*innen steckten sich mit dem Virus an. Aktivist*innen und \u00c4rzt*innen hatten seit Monaten von diesem Szenario gewarnt \u2013 im vergangenen April schloss sich sogar Mario Fehrs Sozialdemokratische Partei der Forderung nach einer Schliessung des Bunkers an. Doch dazu kam es nicht. Fehr hielt unbeirrt an der unterirdischen Unterkunft in Urdorf fest.<\/p>\n<p>Zwar berichteten die Medien w\u00e4hrend der letzten Tage \u00fcber die Ausbreitung des Coronavirus in der NUK Urdorf, doch die Emp\u00f6rung \u00fcber die Aufrechterhaltung des Bunkers als Ursache f\u00fcr die Massenansteckung blieb aus. Fast schon trotzig verwies die Sicherheitsdirektion des Kantons Z\u00fcrich am 2. April 2020 in einer Pressemitteilung auf die Notwendigkeit der NUK. Im gleichen Atemzug diffamierte sie die Gefl\u00fcchteten, indem sie ein bedrohliches Bild von kriminellen abgewiesenen Asylbewerbern zeichnete. Mario Fehr klopfte sich in der Pressemitteilung sogar noch selbst auf die Schulter: \u00abWir haben in einer f\u00fcr alle in der Schweiz schwierigen Situation das Bestm\u00f6gliche f\u00fcr die Menschen im Asylbereich erreicht.\u00bb<\/p>\n<p>Als in den letzten Tagen die Covid19-F\u00e4lle in der NUK Urdorf bekannt wurden, kam die Reaktion von Mario Fehrs Beh\u00f6rde postwendend: Der Bunker wurde evakuiert und die Erkrankten sowie die \u00fcbrigen Bewohner*innen wurden in der Folge im ehemaligen Pflegezentrum Erlenhof untergebracht. In einer Pressemitteilung vom 2. Oktober 2020 betonte die Sicherheitsdirektion vorauseilend, dass sie keinesfalls daran denke, den Bunker nun zu schliessen: \u00abDie Quarant\u00e4ne wird voraussichtlich zehn Tage dauern. Danach werden alle abgewiesenen, straff\u00e4lligen Asylbewerber in das RKZ Urdorf zur\u00fcckkehren\u00bb, k\u00fcndigte sie damals an.<\/p>\n<p>Doch damit nicht genug. Als am 7. Oktober 2020 bekannt wurde, dass zwei der Asylsuchenden aus dem Fenster des ehemaligen Pflegezentrums Erlenhof gesprungen sind und sich dabei verletzten, wartete die Sicherheitsdirektion im Handumdrehen mit einer weiteren Pressemitteilung auf: Statt auch nur ein Wort des Bedauerns zu \u00e4ussern, wurde die Verzweiflungstat scharf verurteilt.<\/p>\n<p><strong>\u00abLebendig aber trotzdem tot\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Die beiden Asylsuchenden hatten bef\u00fcrchtet, dass sie nach der Quarant\u00e4ne wieder nach Urdorf kommen und sich dort anstecken. Das bewog sie zum Sprung aus dem Fenster im dritten Stock. Dies berichteten verschiedene Medien. Und dass best\u00e4tigt auch Ahmad der ebenfalls im Erlenhof einquartiert ist. Er geh\u00f6rt im Gegensatz zu den beiden verletzten Asylsuchenden zu den infizierten Personen und ist deshalb im ersten Stock untergebracht. Er spricht von schrecklichen Zust\u00e4nden: \u00abNach dem Vorfall hat die Polizei den ganzen dritten Stock abgeriegelt \u2013 alle Fenster und T\u00fcren sind zu.\u00bb F\u00fcr die Tat hat Ahmad Verst\u00e4ndnis, denn auch er f\u00fcrchtet sich, in den Bunker zur\u00fcckzukehren. \u00abIm Bunker hast du keine Luft. Es hat nichts. Die Situation macht uns alle krank. Wir wollen nicht zur\u00fcck. Wir sind doch Menschen und haben ein Recht zu leben! Es f\u00fchlt sich an, als w\u00e4ren wir lebendig aber trotzdem tot.\u00bb<\/p>\n<p>Von den Lebensbedingungen im Bunker oder den \u00c4ngsten der Betroffenen ist in der Medienmitteilung keine Rede. Auch nicht von dem Transparent, das die NUK-Bewohner*innen am Tag vor dem Vorfall an die Br\u00fcstung der Unterkunft an der Langstrasse geh\u00e4ngt hatten. Sie w\u00fcrden nicht gen\u00fcgend Essen erhalten, war darauf zu lesen, und: \u00abHelfen sie uns\u00bb. Die Sicherheitsdirektion malt stattdessen erneut ein bedrohliches Bild von den Gefl\u00fcchteten und f\u00fchrt ausgiebig aus, dass die Asylbewerber abgewiesen worden und \u00fcberdies straff\u00e4llig seien. Damit l\u00e4sst sie durchblicken, dass sie diese Menschen als nicht besonders schutzw\u00fcrdig betrachtet oder sich diese die Situation zumindest selbst zuzuschreiben h\u00e4tten. Anders l\u00e4sst es sich kaum erkl\u00e4ren, dass s\u00e4mtliche Personen nach der Quarant\u00e4ne wieder zur\u00fcck in den Bunker sollen, den Ort der massenhaften Ansteckung mit dem Coronavirus. Sich dem zu entziehen, ist jedoch nicht wie von der Sicherheitsdirektion behauptet \u00abinakzeptabel\u00bb \u2013 es handelt sich dabei schlichtweg um Selbstschutz. Ob die betroffenen Personen straff\u00e4llig waren und ob sie ein Aufenthaltsrecht haben oder nicht, darf dabei kein Gewicht haben. Der Schutz der k\u00f6rperlichen Integrit\u00e4t und der Gesundheit sind verbriefte Menschenrechte \u2013 und gelten unbesehen von Aufenhaltsstatus und juristischer Vorgeschichte. Gerade in einer globalen Pandemie m\u00fcsste dies selbstverst\u00e4ndlich sein. Welchen Stellenwert das f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden hat, machte die Pressemitteilung der Sicherheitsdirektion klar: Lediglich im letzten Abschnitt wird knapp darauf hingewiesen, dass die medizinische Versorgung sichergestellt sei und die Betroffenen \u00abprofessionell betreut und gepflegt\u00bb w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Die SP und ihr Lippenbekenntnis<\/strong><\/p>\n<p>Die Sicherheitsdirektion des Kantons Z\u00fcrich nutzt also einen Vorfall mit Schwerverletzten, um 36 Personen \u00f6ffentlich und pauschal zu verleumden. Die politischen Verantwortlichen f\u00fcr die Massenansteckungen in Urdorf handeln mit Kalk\u00fcl. Sie versuchen die unmenschlichen Zust\u00e4nde und die ungen\u00fcgenden hygienischen Bedingungen in Urdorf und in anderen Zentren aus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung zu dr\u00e4ngen und ihre restriktive Asylpolitik zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Die Ansteckungen in der NUK Urdorf h\u00e4tten verhindert werden k\u00f6nnen. Somit wurden sie zumindest billigend in Kauf genommen. Sicherheitsdirektor Mario Fehr tr\u00e4gt die politische Verantwortung daf\u00fcr. Er und seine Beh\u00f6rde haben die Gesundheit der NUK-Bewohner*innen fahrl\u00e4ssig aufs Spiel gesetzt. Als illegalisierte Menschen hatten sie praktisch keine M\u00f6glichkeit, sich zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Klar ist: Mario Fehr muss weg, schon lange. Aber damit ist das dahinterliegende Problem nicht gel\u00f6st. F\u00fcr die Unterbringung von Menschen unter solch unw\u00fcrdigen Bedingungen bestehen gesetzliche Grundlagen, die unter anderem von SP-Politiker*innen erschaffen und von weiten Teilen der Sozialdemokratie getragen werden. Die SP ist somit als politische Kraft mitverantwortlich f\u00fcr diese Zust\u00e4nde und letztendlich auch f\u00fcr diese Massenansteckung \u2013 dar\u00fcber t\u00e4uscht auch ihr Lippenbekenntnis zur Schliessung des Bunkers in Urdorf nicht hinweg.<\/p>\n<p>Auf unsere Nachfrage, ob sie sich weiterhin hinter Mario Fehr stelle, antwortet die SP Kanton Z\u00fcrich ausweichend: \u00abSchuldzuweisungen, Diffamierungen und R\u00fccktrittsforderungen sind unserer Erfahrung nach eher selten die besten Mittel, um einen konkreten Fortschritt zu erreichen. Darum konzentrieren wir uns auf jene Mittel und Kan\u00e4le, die uns als Partei zur Verf\u00fcgung stehen: das Parlament und das direkte Gespr\u00e4ch mit Mario Fehr.\u00bb Mit anderen Worten: Wer Hetzkampagnen gegen Gefl\u00fcchtete verantwortet, braucht sich von der SP nicht zu f\u00fcrchten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/corona-im-bunker\/\"><em>ajourmag.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Oktober 2020 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Louis Libertini. Am Mittwoch, 7. Oktober 2020 haben sich zwei Asylsuchende bei einem Sprung aus dem Fenster eines Geb\u00e4udes im Z\u00fcrcher Kreis 4 schwer verletzt. 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