{"id":8621,"date":"2020-10-16T15:18:01","date_gmt":"2020-10-16T13:18:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8621"},"modified":"2020-10-16T15:18:02","modified_gmt":"2020-10-16T13:18:02","slug":"oeffentliche-gelder-in-corona-pandemie-das-geschaeft-mit-dem-impfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8621","title":{"rendered":"\u00d6ffentliche Gelder in Corona-Pandemie: Das Gesch\u00e4ft mit dem Impfen"},"content":{"rendered":"<p><em>Ingo Arzt. <\/em><strong>Die \u00f6ffentliche Hand bezahlt Entwicklung und Herstellung von Corona-Impfstoffen, \u00fcbernimmt die Risiken \u2013 und hat keinerlei Einblick in die Vertr\u00e4ge.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Schweden sind bis heute traumatisiert, wenn jemand einen schnellen Impfstoff w\u00e4hrend einer Pandemie verspricht, so wie jetzt gegen das Coronavirus. Ein Drittel w\u00fcrde z\u00f6gern, sich oder seine Kinder gegen Sars-Cov-2 impfen zu lassen, ergab eine Umfrage im Juli.<\/p>\n<p>Die Skepsis r\u00fchrt von der vergangenen Pandemie im Jahr 2009, als das Virus H1N1, alias die Schweinegrippe, grassierte. Damals kam es nach Impfungen zu Narkolepsie-Erkrankungen, oft bei Kindern und Jugendlichen, mit lebenslangen Folgen. Bis heute sind in Schweden 421 F\u00e4lle best\u00e4tigt.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/medico_patente.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8622\" width=\"419\" height=\"419\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/medico_patente.jpg 200w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/medico_patente-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 419px) 100vw, 419px\" \/><\/figure>\n<p>Die jetzige Pandemie ist ungleich schwerer als die Schweinegrippe. Corona forderte bisher offiziell weltweit 1 Million Opfer, die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich deutlich h\u00f6her. Schwerer ist auch die Entwicklung eines Impfstoffes, die Pharmaindustrie startete praktisch bei null. Die Risiken sind h\u00f6her, der Druck gr\u00f6\u00dfer, immer wieder f\u00e4llt deshalb warnend das Stichwort Pandemrix, wie vergangene Woche in einer Anh\u00f6rung des EU-Parlaments.<\/p>\n<p>Pandemrix, so hie\u00df der Impfstoff gegen H1N1A. Auf Basis eines \u00e4lteren Impfstoffes entwickelte der britische Konzern GlaxoSmithKline damals das Pr\u00e4parat, \u00fcber 30 Millionen Menschen in der EU lie\u00dfen sich impfen.<\/p>\n<p><strong>Wie viele Corona-Impstoffe?<\/strong><\/p>\n<p>Laut WHO werden derzeit 40 Impfstoffe klinisch an Menschen getestet, weitere 151 werden zus\u00e4tzlich erforscht, einige bereits an Tieren. 11 befinden sich in der dritten klinischen Phase, bei der in mehreren L\u00e4ndern bis zu 30.000 Menschen pro Wirkstoff geimpft werden. Noch gibt es keine Ergebnisse dieser Studien, eine Zulassung in Russland sehen Expert*innen sehr skeptisch.<\/p>\n<p><strong>Wann ist es so weit?<\/strong><\/p>\n<p>Donald Trump hofft: noch vor den US-Wahlen am 3. November; aber das d\u00fcrfte schwer sein. Die beiden Pharmaunternehmen Pfizer und Biontech glauben, gemeinsam bereits im Oktober \u201eeine Notfallzulassung oder eine andere Form der beh\u00f6rdlichen Genehmigung f\u00fcr einen wirksamen und sicheren Impfstoff gegen Covid-19 beantragen zu k\u00f6nnen\u201c. Das hei\u00dft aber nicht, dass er bereits breit eingesetzt werden kann: In Europa hat die zust\u00e4ndige EMA noch keine Daten zur dritten Testphase des Impfstoffes ausgewertet. Der europ\u00e4ische Lobbyverband Vaccines Europe hofft auf mehrere abgeschlossen Phase-III-Studien bis Ende des Jahres, dann w\u00e4ren Zulassungen Anfang 2021 m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Und was soll es kosten?<\/strong><\/p>\n<p>Der britische-schwedische Konzern AstraZeneca rechnet laut\u00a0<em>Financial Times<\/em>\u00a0mit 1,7 bis 3,4 Euro pro Dosis. Johnson &amp; Johnson spricht von 8,5 Euro. Der US-Konzern Moderna nannte 63 Euro; die deutschen Curevac und Biontech machen noch keine Angaben.\u00a0<em>(ia)<\/em><\/p>\n<p><strong>Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen<\/strong><\/p>\n<p>Schweden entsch\u00e4digte die Gesch\u00e4digten sp\u00e4ter mit je 1 Million Euro \u2013 auch wenn bis heute nicht eindeutig gekl\u00e4rt ist, ob der Impfstoff oder das Virus die Narkolepsie ausgel\u00f6st hat. In Deutschland meldete das Paul-Ehrlich-Institut 86 F\u00e4lle.<\/p>\n<p>Wird es bei Corona genauso laufen? Unerwartete Nebenwirkungen bei einzelnen Menschen sind bei der gewaltigen Zahl an Impfungen praktisch nicht auszuschlie\u00dfen, sagen Experten. Mittlerweile sind elf Impfstoffe in der finalen, dritten Testphase vor einer Zulassung. F\u00fcr jeden Wirkstoff erhalten mindestens 30.000 Proband*innen eine Probeimpfung.<\/p>\n<p>Die Entwicklungsorganisation Oxfam\u00a0<a href=\"https:\/\/www.oxfam.org\/en\/press-releases\/small-group-rich-nations-have-bought-more-half-future-supply-leading-covid-19\">hat k\u00fcrzlich ausgerechnet<\/a>, dass die EU, USA, Australien, Japan, die Schweiz, Gro\u00dfbritannien, Hongkong und Israel bereits \u00fcber Vorvertr\u00e4ge 2,7 Milliarden Impfdosen bei AstraZeneca, Gamaleya\/Sputnik, Moderna, Pfizer und Sinovac bestellt haben. Die j\u00e4hrliche Kapazit\u00e4t allein dieser Unternehmen ist doppelt so hoch.<\/p>\n<p>Vergangene Woche l\u00f6cherten sowohl der Industrie- als auch der Umweltausschuss des EU-Parlaments Vertreter der Pharmaindustrie und der EU-Kommission. Diese verhandelt geb\u00fcndelt f\u00fcr die ganze Staatengemeinschaft die Vorabvertr\u00e4ge mit den Konzernen.<\/p>\n<p><strong>Konzerne sichern sich ab<\/strong><\/p>\n<p>Bisher hat sie zwei abgeschlossen, aber was steht da eigentlich drin? Was muss die \u00d6ffentlichkeit noch f\u00fcr einen Impfstoff zahlen, der bereits fast komplett mit Steuermitteln finanziert wird? Welche Risiken \u00fcbernimmt die Industrie, wenn es nicht nur zu unerwarteten, sondern angesichts der Zahl der zu Impfenden fast schon unvermeidbaren Nebenwirkungen kommt?<\/p>\n<p>Pascal Canfin, franz\u00f6sischer Vorsitzender des Umweltausschusses, fasst die Lage im Gespr\u00e4ch mit der taz in einem Satz zusammen: \u201eBisher haben wir null Transparenz.\u201c Die immens gro\u00dfe Mehrheit der Parlamentarier unterst\u00fctze zwar die Bem\u00fchungen der EU-Kommission. \u201eDer Impfstoff wird dringend erwartet, schlie\u00dflich stehen wir offenbar vor einer zweiten Coronawelle\u201c, sagt Canfin.<\/p>\n<p>Das Parlament musste aber aus der Presse erfahren, dass es eine wie auch immer geartete Deckelung bei Haftungsfragen durch die EU-Kommission gibt, wenn bei Impfungen etwas schiefgeht. Politisch kann die EU-Kommission nat\u00fcrlich niemandem verbieten, einen Pharmakonzern zu verklagen, wenn man glaubt, durch eine Impfung gesch\u00e4digt worden zu sein. Aber sie kann und wird laut Nachrichtenagentur Reuters die Haftung daf\u00fcr \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Eine Vertreterin der Lobbyorganisation Vaccines Europe sagte den EU-Parlamentariern, es gehe um versteckte Dinge, die auftreten, wenn eine so gro\u00dfe Bev\u00f6lkerung geimpft w\u00fcrde. \u201eEs gibt eine Regelung, wonach Kommission und Mitgliedstaaten Unternehmen schadlos halten gegen Klagen auf diesem Gebiet\u201c, sagte sie. Offenbar wollen die Pharmakonzerne also eine zus\u00e4tzliche Absicherung im Gro\u00dfexperiment Corona-Impfung.<\/p>\n<p><strong>Transparenz gegen Verschw\u00f6rungsmythen<\/strong><\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Arzneimittelagentur EMA ist in der EU f\u00fcr die Zulassung zust\u00e4ndig und versichert, man werde trotz des Zeitdrucks so pr\u00fcfen wie immer. Keine Kompromisse bei der Sicherheit, die sei das \u201ewichtigste Kriterium\u201c, sagten auch Industrievertreter.<\/p>\n<p>Doch der EU-Abgeordnete Tiemo W\u00f6lken, SPD, sieht bereits in den Haftungsklauseln einen sch\u00e4dlichen Kompromiss: \u201eDas ist ein Sicherheitsrisiko. Wer weniger Risiken tr\u00e4gt, der gibt sich vielleicht auch weniger M\u00fche\u201c, sagt er der taz.<\/p>\n<p>Und er sieht ein zweites Problem: \u201eIn Zeiten, in denen st\u00e4ndig Verschw\u00f6rungstheorien \u00fcber Impfstoffe verbreitet werden, m\u00fcssen wir mit maximaler Transparenz antworten.\u201c Alles andere gef\u00e4hrde die Akzeptanz von freiwilligen Impfungen. Eine Pflicht lehnt W\u00f6lken ab, die ist in Deutschland ohnehin vom Tisch.<\/p>\n<p>Die Intransparenz geht so weit, dass weder Parlamentarier noch \u00d6ffentlichkeit wissen, wer f\u00fcr die EU \u00fcberhaupt mit den Pharmakonzernen verhandelt. Das w\u00fcrde diese Verhandlungen gef\u00e4hrden, sagt ein Sprecher der Kommission der taz. \u201eWir sind uns voll bewusst, dass alles, was wir tun, sp\u00e4ter \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnte\u201c, sagt er.<\/p>\n<p><strong>\u201e\u00d6ffentliche Gelder, \u00f6ffentliche Regeln\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland hat Vertreter in das Team entsandt. Es seien ausschlie\u00dflich Mitarbeitende des Bundesgesundheitsministeriums, die eine Erkl\u00e4rung \u00fcber das Nichtvorliegen jeglicher Interessenkonflikte abgegeben h\u00e4tten, schreibt das Ministerium auf Anfrage. \u201eBei Informationen wie Preisangaben sowie Entwicklungs- und Produktionspl\u00e4nen handelt es sich um sensible Betriebs- und Gesch\u00e4ftsgeheimnisse, die auch nach deutschen Recht einem besonderen Schutz unterliegen\u201c, so das Ministerium.<\/p>\n<p>Parlamentarier W\u00f6lken l\u00e4sst das nicht gelten: \u201eWir haben eine Pandemie. Das \u00f6ffentliche Interesse wiegt in dieser Ausnahmesituation deutlich mehr als das kommerzielle Interesse\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Ein EU-Parlamentarier dr\u00fcckte es so aus: \u201e\u00d6ffentliche Gelder, \u00f6ffentliche Regeln.\u201c Doch der Deal der EU mit den Pharmakonzernen entbindet diese von fast allen Risiken.<\/p>\n<p>Jean St\u00e9phenne, Aufsichtsratschef beim neuen Star der deutschen Impfstoffhersteller, dem T\u00fcbinger Unternehmen Curevac, beschrieb vor dem EU-Parlament, wie genau das l\u00e4uft: Derzeit verhandelt die Kommission mit dem Unternehmen noch einen Vorabvertrag \u00fcber 400 Millionen Impfdosen.<\/p>\n<p><strong>Pharmakonzerne meist fein raus<\/strong><\/p>\n<p>Der sieht vor, dass mit jedem Meilenstein bei der Entwicklung ein Teil des Kaufpreises flie\u00dft: Erst f\u00fcr die klinische Phase-III-Studie und parallel f\u00fcr die Impfstoffe, die vorproduziert werden. Sollten die sich am Ende als wirkungslos erweisen, dann zahlt die Kommission s\u00e4mtliche bis dahin hergestellten Impfdosen.<\/p>\n<p>Die EU \u00fcbernimmt also einen Gro\u00dfteil der Risiken, kommt der Vertrag zustande. Und das, obwohl Curevac bereits 252 Millionen Euro F\u00f6rderung von der Bundesregierung erhalten hat, dazu hat der Bund noch f\u00fcr 343 Millionen Euro einen Teil des Unternehmens erworben.<\/p>\n<p>Im Fall der Schweinegrippe zahlte GlaxoSmithKline \u00fcbrigens f\u00fcr die mutma\u00dflichen Sch\u00e4den durch die Impfung bis heute keinen Cent. Noch l\u00e4uft in Deutschland ein Verfahren auf Schadenersatz. Generell seien solche Anspr\u00fcche gegen Pharmakonzerne aber selten und schwer durchsetzbar, sagt die Anw\u00e4ltin Anja Dornhoff, die die Gesch\u00e4digten vertritt.<\/p>\n<p>GlaxoSmithKline machte 2010 1 Milliarde Euro Umsatz mit Pandemrix. Peanuts im Vergleich zu dem, was f\u00fcr einen Corona-Impfstoff zu erwarten ist.<\/p>\n<p><em>Mitarbeit: Eric Bonse, Reinhard Wollf<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/taz.de\/Oeffentliche-Gelder-in-Corona-Pandemie\/!5716965\/\"><em>taz.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Oktober 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ingo Arzt. 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