{"id":8630,"date":"2020-10-17T09:27:48","date_gmt":"2020-10-17T07:27:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8630"},"modified":"2020-10-17T09:27:49","modified_gmt":"2020-10-17T07:27:49","slug":"gletscherschmelze-es-drohen-katastrophale-folgen-fuer-die-menschheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8630","title":{"rendered":"Gletscherschmelze \u2013 es drohen katastrophale Folgen f\u00fcr die Menschheit"},"content":{"rendered":"<p><em>Daniel Jakob. <\/em><strong>Die globale Erderw\u00e4rmung hat inzwischen dazu gef\u00fchrt, dass Gletscher weltweit kontinuierlich an Masse verlieren. Das gleichzeitige Tauen der Permafrostb\u00f6den gilt als m\u00f6glicher Kipppunkt im globalen Klimasystem \u2013 als<!--more--> \u00dcberschreiten einer Schwelle, die die Erderw\u00e4rmung trotz aller Gegenma\u00dfnahmen unumkehrbar machen k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/pol-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8631\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/pol-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/pol-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/pol-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/pol.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><em>Die Polarstern im arktischen Eis (Foto: Christian R. Rohleder \/ bordmeldungen.de)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Am vergangenen Montag lief das Forscherschiff \u201ePolarstern\u201c nach einer einj\u00e4hrigen Expedition im Bremerhaven ein. Die \u201ePolarstern\u201c war am 20. September 2019 vom norwegischen Troms\u00f8 aus zu der nach eigenen Angaben bislang gr\u00f6\u00dften Arktis-Expedition aller Zeiten aufgebrochen. Unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) waren Hunderte Wissenschaftler von 80 Instituten aus 20 L\u00e4ndern in wechselnden Crews an Bord.<\/p>\n<p>Fast zehn Monate war das Schiff im Nordpolarmeer unterwegs, angedockt an eine Eisscholle. So konnten die Wissenschaftler den gesamten Eiszyklus vom Gefrieren bis zum Schmelzen messen und dokumentieren. Die Mission verschlang mehr als 140 Millionen Euro und hatte die Aufgabe, ein ganzes Jahr lang die Welt rund um Eis und Wasser praktisch l\u00fcckenlos zu vermessen. Etwa 200 Parameter wurden erfasst, von den Temperaturen und Str\u00f6mungen tief im Wasser und in bis zu 35 Kilometer H\u00f6he bis zu den Mikroorganismen am und im Eis.<\/p>\n<p>Die Auswertung der gesammelten Daten wird allerdings noch Jahre dauern, wahrscheinlich werden sie noch in Jahrzehnten genutzt. Aber manches ist heute schon offensichtlich \u2013 marodes, br\u00fcchiges, aufgeschmolzenes Eis fanden die Forscher im Sommer bis direkt zum Nordpol. Sie stie\u00dfen immer wieder auf Schmelzwassert\u00fcmpel und offenes Wasser.<\/p>\n<p>\u201eDas war fr\u00fcher ein Gebiet alten Eises\u201c, sagt Polarstern-Kapit\u00e4n Thomas Wunderlich. Nun konnte die Polarstern jedoch praktisch ungehindert in wenigen Tagen zum Nordpol vorsto\u00dfen. Seit den Achtzigerjahren ist die mittlere sommerliche Eisfl\u00e4che in der Arktis um rund die H\u00e4lfte zur\u00fcckgegangen, und das verbleibende Eis ist d\u00fcnn und taut. Die \u201eMosaic\u201c-Expedition hat eine Welt dokumentiert, die untergeht.<\/p>\n<p>Die Beringstra\u00dfe war in diesem Jahr fast eisfrei, was eine Aufnahme des europ\u00e4ischen Erdbeobachtungssatelliten \u201eSentinel 1\u201c vom 7. M\u00e4rz zeigt. Normalerweise ist sie im Fr\u00fchjahr mit Eis bedeckt. Laut der Europ\u00e4ischen Weltraumorganisation Esa ist derzeit im Beringmeer so wenig Eis wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1850. Solche Zust\u00e4nde wird es in Zukunft immer h\u00e4ufiger geben, wie auf der Uno-Umweltkonferenz mitgeteilt wurde. Bis 2050 soll es einen Temperaturanstieg von mindestens 3 Grad Celsius geben, bis 2080 sogar bis 9 Grad Celsius.<\/p>\n<p>Der Weltklimarat (IPCC) rechnet derzeit damit, dass der Meeresspiegel bis 2100 im schlimmsten Fall um bis zu einem Meter ansteigen k\u00f6nnte \u2013 wenn es nicht gelingt, den globalen CO2-Aussto\u00df zu reduzieren. Forscher des Potsdam-Instituts f\u00fcr Klimafolgenforschung (PIK) rechnen ebenfalls damit, dass der Meeresspiegel bei unvermindertem Treibhausgasaussto\u00df die Ein-Meter-Marke bis zum Jahr 2100 \u00fcberschreiten k\u00f6nnte. Bis 2300 betr\u00e4gt der Anstieg sogar f\u00fcnf Meter.<\/p>\n<p>Wird die Erderw\u00e4rmung gem\u00e4\u00df den Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens auf 2 Grad Celsius gegen\u00fcber dem vorindustriellen Niveau begrenzt, g\u00e4be es bis 2100 einen Anstieg von etwa einem halben Meter. Solche weitreichenden Vorhersagen sind generell sehr schwierig zu treffen, wegen zahlreicher vorhandener Studien und Intransparenz. Es wird aber zunehmend klarer, wie Meeresstr\u00f6mungen, Eismassen und Wasserkreisl\u00e4ufe auf den globalen Temperaturanstieg reagieren.<\/p>\n<p>Besonders verheerend zeigt sich die Gletscherschmelze auf Gr\u00f6nland. Denn inzwischen ist sie dort unumkehrbar, auch wenn die Erw\u00e4rmung sofort stoppen w\u00fcrde, berichten Forscher um Michalea King von der Ohio State University. Es geht n\u00e4mlich mehr Gletschereis verloren, als vom Innenland durch Niederschlag nachkommt, was einen dauerhaften R\u00fcckgang der Eismenge zur Folge hat. Bis 2000 befanden sich der Schnee vom Innenland und das Eis noch in Balance, danach kippte das System. Ab diesem Zeitpunkt verloren die Gletscher 500 Milliarden Tonnen Eis im Jahr, 50 Milliarden Tonnen mehr als zuvor.<\/p>\n<p>Im Juli 2020 war die Eisfl\u00e4che so gering ausgepr\u00e4gt, wie in keinem Juli seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1979. Das Eis vom gr\u00f6nl\u00e4ndischen Festland tr\u00e4gt zum globalen Meeresspiegelanstieg bei und k\u00f6nnte auch zum Problem f\u00fcr andere Regionen der Erde werden. Im vergangenen Jahr stieg der Meeresspiegel in nur zwei Monaten um 2,2 Millimeter.<\/p>\n<p>Global trat die Schmelze lange vor allem im S\u00fcden und in tieferen Lagen auf. Das \u00e4nderte sich sp\u00e4testens im Sommer 2012. Angelika Humbert, Professorin f\u00fcr Glaziologie aus Bremen, erkl\u00e4rt: \u201eEs war ein extremes Schmelzjahr in Gr\u00f6nland, man konnte mit Satelliten messen, dass es auf der gesamten Fl\u00e4che des Eisschilds, also bis in gro\u00dfe H\u00f6hen, Schmelzen an der Oberfl\u00e4che gab.\u201c<\/p>\n<p>Ende August dieses Jahres ver\u00f6ffentlichte Ingo Sasgen vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut Auswertungen des Satelliten Grace-Fo. Diese belegen, dass 2019 mehr Eismasse verloren ging als je zuvor, seit Messungen vorgenommen werden. Sasgen sagte: \u201eWir konnten zeigen, dass die Top-5-Verlustjahre in den vergangenen zehn Jahren zu verzeichnen sind.\u201c<\/p>\n<p>Das Schmelzwasser aus Gr\u00f6nland l\u00e4sst nicht nur den Meeresspiegel ansteigen, es k\u00f6nnte auch den Nordatlantikstrom, den Golfstrom, st\u00f6ren. Es h\u00e4tte somit direkte Auswirkungen f\u00fcr Europa, vom Wetter bis zu den Fischbest\u00e4nden. Auch f\u00fcr die umgebende Arktis \u2013 die f\u00fcr die Erderhitzung wohl empfindlichste Region \u2013 h\u00e4tte es Folgen, sollte sich \u00fcber der gigantischen Insel eine neue, typische Sommerwetterlage etablieren.<\/p>\n<p>Die Temperaturen dort sind schon jetzt mehr als doppelt so stark angestiegen wie im globalen Durchschnitt. Wenn alles Eis in Gr\u00f6nland abschm\u00f6lze, l\u00e4ge der Meeresspiegel im globalen Durchschnitt 7 Meter h\u00f6her. Der Schmelzprozess w\u00fcrde tausend Jahre oder l\u00e4nger dauern.<\/p>\n<p>2019 warnte der Weltklimarat: \u201eDie nonlineare Reaktion der Eisschmelze auf Ver\u00e4nderungen der Ozeantemperaturen bedeutet, dass auch ein kleiner Anstieg das Potenzial f\u00fcr eine rapide Schmelze haben und gro\u00dfe Teile eines Eisschildes oder Eisschelfs destabilisieren kann.\u201c<\/p>\n<p>Diese gravierende Naturver\u00e4nderung z\u00f6ge extreme und weitreichende Effekte nach sich. Durch die Eisschmelze wird zwar neues Land offengelegt, aber weltweit werden weit gr\u00f6\u00dfere Landfl\u00e4chen und unz\u00e4hlige Inseln \u00fcbersp\u00fclt und verschwinden. Die von den Gletschern frei gelegten B\u00f6den w\u00e4ren zudem f\u00fcr lange Zeit nicht nutzbar. Durch den Landverlust w\u00fcrden Menschenmassen zur Flucht gezwungen, die die derzeitige Fl\u00fcchtlingskrise weit in den Schatten stellen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird die Druckentlastung durch fehlende Gletscher eine Hebung der Landmasse hervorrufen. Eine daraus resultierende Landschaft ist beispielsweise die Sch\u00e4renlandschaft in Schweden, deren Inseln sich aus dem Wasser gehoben haben. Auf Gr\u00f6nland wird eine solche Hebung in ganz anderen Dimensionen stattfinden.<\/p>\n<p>Auch in den Alpen ist eine dramatische Gletscherschmelze zu verzeichnen. Die vergangenen Hitzejahrzehnte und warmen Winter haben die Schneesaison in den Mittel- und Hochgebirgen extrem verk\u00fcrzt. Die Gletscher der Alpen haben allein von 2010 bis 2014 etwa ein Sechstel (17 Prozent) ihres Eisvolumens \u2013 mehr als 22 Kubikkilometer \u2013 verloren.<\/p>\n<p>Besonders betroffen sind die Schweizer Alpen, wie ein Forscherteam der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg erkl\u00e4rte. Christian Sommer vom Institut f\u00fcr Geografie sagt, dass die Schmelze Auswirkungen \u00fcber den Alpenraum hinaus hat, weil sie Einfluss auf den Wasserhaushalt einiger gro\u00dfer europ\u00e4ischer Flusssysteme mit Ursprung in den Alpen hat.<\/p>\n<p>Schweizer Forscher haben prognostiziert, dass die Alpen bis Ende des Jahrhunderts komplett eisfrei sein k\u00f6nnten. 2050 k\u00f6nnte die H\u00e4lfte der Gletscher in den Alpen geschmolzen sein \u2013 und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob es noch gelingt, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren oder nicht. Die Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten sei schon nicht mehr aufzuhalten, weil die Gletscherschmelze nur sehr langsam auf Klimaver\u00e4nderungen reagiere, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser alarmierenden Prognosen m\u00fcssten sofort umfassende Ma\u00dfnahmen ergriffen, vorhandene Konzepte umgesetzt und alles darangelegt werden, dem Prozess entgegenzuwirken und Schutzvorkehrungen zu treffen. Doch nichts dergleichen wird ernsthaft getan, eher das Gegenteil ist der Fall.<\/p>\n<p>Eine Oxfam-Studie vom 21. September zeigt, dass das reichste Prozent der Menschheit mehr als doppelt so viel CO2 in die Atmosph\u00e4re ausst\u00f6\u00dft wie die \u00e4rmere H\u00e4lfte zusammen. Der Bericht konzentriert sich auf die Jahre 1990 bis 2015. Die reichsten zehn Prozent (630 Millionen) waren in dieser Zeit f\u00fcr \u00fcber die H\u00e4lfte (52 Prozent) des CO2-Aussto\u00dfes verantwortlich. Das reichste Prozent (63 Millionen) allein verbrauchte 15 Prozent, w\u00e4hrend die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung nur f\u00fcr sieben Prozent verantwortlich war.<\/p>\n<p>Eine L\u00f6sung der Umweltprobleme ist im Rahmen des Kapitalismus nicht m\u00f6glich. Appelle an nationale Regierungen (wie durch Fridays for Future) oder Geldspenden einiger Reichen hie und da werden die Klimaerw\u00e4rmung und katastrophale Ausbeutung und Zerst\u00f6rung der Natur nicht aufhalten. Erforderlich ist eine Umstrukturierung der globalen Wirtschaft \u2013 die Neuorganisation der weltweiten Infrastruktur f\u00fcr Energieerzeugung und Transport sowie die Entwicklung neuer Technologien zur sofortigen Eind\u00e4mmung der Kohlenstoffemissionen.<\/p>\n<p>Die Grundlage der Energieproduktion muss von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Das erfordert wiederum eine internationale Anstrengung und massive finanzielle Investitionen in die Infrastruktur, die Entwicklung bestehender Technologien und die Erforschung neuer Ideen, statt Billionen f\u00fcr Krieg und die Selbstbereicherung der Milliard\u00e4re zu verschwenden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/10\/17\/glet-o17.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. Oktober 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Jakob. 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