{"id":8642,"date":"2020-10-19T08:45:03","date_gmt":"2020-10-19T06:45:03","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8642"},"modified":"2020-10-19T08:45:05","modified_gmt":"2020-10-19T06:45:05","slug":"die-objektiven-ursachen-der-sozialen-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8642","title":{"rendered":"Die objektiven Ursachen der sozialen Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p><em>Nick Beams. <\/em>In den f\u00fchrenden Kreisen der Politik macht sich Nervosit\u00e4t breit. Man bef\u00fcrchtet, dass die Vertiefung der sozialen Ungleichheit explosive Folgen haben wird \u2013 haben doch die Billionenbetr\u00e4ge, die den Finanzm\u00e4rkten und Gro\u00dfkonzernen<!--more--> w\u00e4hrend der Coronapandemie in den Rachen geworden wurden, dieses Problem nochmals versch\u00e4rft. Um einem Ausbruch des Klassenkampfs zuvorzukommen, soll also erneut die Illusion verbreitet werden, dass die kapitalistische Wirtschaft irgendwie reformiert werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Beispielhaft f\u00fcr die krampfhaften Bem\u00fchungen, ideologische Schutzbarrieren aufzubauen, sind zwei Artikel, die vor Kurzem in zwei ma\u00dfgeblichen Zeitschriften des politischen Establishments der USA erschienen: im\u00a0<em>Time<\/em>-Magazin und in\u00a0<em>Foreign Affairs<\/em>.<\/p>\n<p>Das\u00a0<em>Time<\/em>-Magazin berichtete am 14. September ausf\u00fchrlich \u00fcber eine Studie der traditionsreichen US-Denkfabrik RAND Corporation, in der die massiven Auswirkungen der wachsenden sozialen Ungleichheit in den USA w\u00e4hrend der letzten 45 Jahre aufgezeigt werden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nyc-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8643\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nyc-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nyc-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nyc-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nyc.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Bau neuer Luxuswohnblocks mit Blick auf den Central Park in New York, April 2018 (AP Photo, Mark Lennihan)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die RAND Corporation kam zu dem Ergebnis, dass in diesem Zeitraum fast 50 Billionen Dollar von den unteren 90 Prozent der Einkommensbezieher an die oberen 10 Prozent umverteilt wurden. Der Gro\u00dfteil ging das oberste 1 Prozent. Wenn die Einkommen heute noch so verteilt w\u00e4ren wie im Zeitraum 1945 bis 1975, w\u00e4re das Gesamteinkommen der unteren 90 Prozent der amerikanischen Arbeiterklasse laut der Studie im Jahr 2018 um 2,5 Billionen Dollar h\u00f6her gewesen.<\/p>\n<p>Dazu hei\u00dft es im\u00a0<em>Time<\/em>-Magazin: \u201eDas entspricht fast zw\u00f6lf Prozent des BIP. Das w\u00e4re genug, um das Medianeinkommen um mehr als das Doppelte anzuheben. Es w\u00e4re genug, um den Monatslohn jedes amerikanischen Arbeiters in den unteren neun Dezilen Jahr f\u00fcr Jahr um 1.144 Dollar zu erh\u00f6hen. Monat f\u00fcr Monat, Jahr f\u00fcr Jahr.\u201c<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eKlasse\u201c kommt in dem Bericht nicht vor. Das ist nicht verwunderlich, steht doch die\u00a0<em>New York Times<\/em>\u00a0an der Spitze der Bestrebungen, alle gesellschaftlichen Probleme ausschlie\u00dflich auf die Hautfarbe zur\u00fcckzuf\u00fchren. Da ist das Wort \u201eKlasse\u201c nat\u00fcrlich tabu. Dennoch geht aus den Daten der RAND-Forscher Carter C. Price und Kathryn Edwards eindeutig hervor, dass die Klassenzugeh\u00f6rigkeit der entscheidende Faktor bei der Einkommensverteilung ist. Sie schreiben: \u201eUnabh\u00e4ngig von Hautfarbe, Geschlecht, Bildungsgrad oder Einkommen zeigen die Daten, dass bei der unabl\u00e4ssigen Umverteilung der Einkommen von unten nach oben seit 1975 diejenigen geblutet haben, deren Einkommen unterhalb des 90. Perzentils liegt.\u201c<\/p>\n<p>Das\u00a0<em>Time<\/em>-Magazin erw\u00e4hnt eine weitere Studie der Denkfabrik American Compass, laut der ein m\u00e4nnlicher Arbeiter, der das Medianeinkommen erh\u00e4lt, im Jahr 1985 30 Wochen im Jahr arbeiten musste, um die Kosten f\u00fcr Wohnung, Gesundheitsversorgung und Bildung f\u00fcr seine Familie bezahlen zu k\u00f6nnen. Im Jahr 2018 ist dieser Wert auf 53 Wochen angestiegen, d.h. auf mehr als ein Jahr.<\/p>\n<p>\u201eIm Jahr 2018 betrug das gemeinsame Haushaltseinkommen von zwei Vollzeitbesch\u00e4ftigten kaum mehr als das Haushaltseinkommen, auf das bei konstant bleibender Ungleichheit ein Alleinverdiener gekommen w\u00e4re. Familien mit zwei Verdienern arbeiten jetzt doppelt so lange f\u00fcr einen zusehends schwindenden Anteil des Kuchens. Die Kosten f\u00fcr Wohnung, Gesundheitsversorgung, Bildung, Kinderbetreuung und Mobilit\u00e4t sind derweil zwei bis drei Mal so schnell angestiegen wie die Inflation.\u201c<\/p>\n<p>Das Geld ist an die oberen Einkommensschichten gegangen. Der Anteil des obersten Prozents am Gesamteinkommen ist von 9 Prozent im Jahr 1975 auf 22 Prozent im Jahr 2018 gestiegen. Der Anteil der unteren 90 Prozent ist unterdessen von 67 Prozent auf 50 Prozent gesunken.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist, dass 47 Prozent der Mieter am Rande des Existenzminimums leben; 40 Prozent der Haushalte weniger als 400 US-Dollar als Notreserve haben; 55 Prozent der Bev\u00f6lkerung \u00fcber keine R\u00fccklagen f\u00fcr das Alter verf\u00fcgen; 72 Millionen keine Krankenversicherung haben oder unterversichert sind und die Zuzahlungen nicht leisten k\u00f6nnen. Zudem sind Millionen Menschen gezwungen, angesichts von Covid-19 unter unsicheren Bedingungen zu arbeiten, weil sie sonst nicht \u00fcberleben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Nach der Darstellung dieser verheerenden Statistiken versucht das\u00a0<em>Time<\/em>-Magazin, die zugrunde liegenden Ursachen zu vertuschen und zu verhindern, dass der Leser die notwendigen politischen Schl\u00fcsse zieht. Es betont: \u201eDiese Umverteilung von Einkommen, Wohlstand und Macht war nicht unvermeidlich;\u00a0<em>sie war eine Entscheidung<\/em>\u00a0\u2013 ein direktes Ergebnis der Trickle-down-Politik, f\u00fcr die\u00a0<em>wir<\/em>\u00a0uns seit 1975 entschieden haben.\u201c [Hervorhebung im Original]<\/p>\n<p>Demnach waren also \u201ewir\u201c es, die sich daf\u00fcr \u201eentschieden\u201c haben, die Steuern f\u00fcr Milliard\u00e4re zu senken, die M\u00e4rkte durch Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe zu manipulieren, Gro\u00dfkonzernen durch Fusionen und \u00dcbernahmen immense Macht zu verschaffen, den Mindestlohn auszuh\u00f6hlen und Politiker zu w\u00e4hlen, die den Interessen der Reichen und M\u00e4chtigen Vorrang vor den Bed\u00fcrfnissen der Bev\u00f6lkerung einger\u00e4umt haben.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, letzten Endes ist die Masse der Bev\u00f6lkerung selbst schuld am andauernden Niedergang ihres Lebensstandards.<\/p>\n<p>Eine genauerer Blick auf die objektiven politischen und wirtschaftlichen Fakten entlarvt diese Behauptung als Verleumdung und zeigt, dass die tieferen Ursachen in der Logik des kapitalistischen Profitsystems liegen, dessen Gesetze \u00fcber den Markt vermittelt werden. Die Masse der Bev\u00f6lkerung hat hier\u00fcber keine Kontrolle, weil sich die gro\u00dfen Banken und Konzerne, die \u00fcber das Wirtschaftsleben bestimmen, in Privateigentum befinden.<\/p>\n<p>Den Beginn der Umverteilung von unten nach oben datiert die Analyse der RAND Corporation auf die Jahre 1974-1975. In diesen Jahren endete der Nachkriegsboom, w\u00e4hrend dem die Einkommen aller Gesellschaftsschichten etwa dieselbe Wachstumsrate aufwiesen wie das Pro-Kopf-BIP, die Einkommensunterschiede also nicht zunahmen.<\/p>\n<p>Das Ende dieses Booms k\u00fcndigte sich 1971 an, als das auf festen Wechselkursen basierende Weltw\u00e4hrungssystem (Bretton-Woods-System) abgeschafft wurde. US-Pr\u00e4sident Nixon reagierte damals auf die stagnierende Position des US-Kapitalismus in der Weltwirtschaft, indem er die Bindung des US-Dollars an die Goldvorr\u00e4te der USA aufhob.<\/p>\n<p>Dieser Schritt leitete eine Periode globaler wirtschaftlicher Turbulenzen ein, die zur Rezession von 1974-1975 f\u00fchrten, dem bis dahin schwersten Einbruch seit der Gro\u00dfen Depression.<\/p>\n<p>Auch w\u00e4hrend des Booms hatte es Rezessionen gegeben. Die Rezession von 1974-1975 hatte jedoch eine andere Qualit\u00e4t, weil ihr im Gegensatz zu den Rezessionen der 1950er und 1960er Jahre nicht kein Aufschwung und keine h\u00f6here Wachstumsrate folgte. Stattdessen m\u00fcndete sie in eine sogenannte \u201eStagflation\u201c \u2013 einen Zustand, der durch geringes Wirtschaftswachstum, erh\u00f6hte Arbeitslosigkeit und steigende Inflation gekennzeichnet ist.<\/p>\n<p>In der Rezession von 1974-1975 \u00e4u\u00dferte sich eines der grundlegenden Gesetze der kapitalistischen Wirtschaft, die Marx erkannt hatte: der tendenzielle Fall der Profitrate.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Booms konnte diese Tendenz durch die steigende Arbeitsproduktivit\u00e4t aufgefangen werden. Als dies nicht mehr ausreichte, reagierte das Kapital in den USA und im Rest der Welt mit einer grundlegenden Umstrukturierung der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Diese Umstrukturierung bestand aus einer Offensive gegen die Arbeiterklasse, die Anfang der 1980er Jahre einsetzte. Sie umfasste die Zerst\u00f6rung ganzer Industriezweige, die Auslagerung von Teilen der Produktion in Billiglohnl\u00e4nder, die beschleunigte Entwicklung computergest\u00fctzter Technologien und die zunehmende Hinwendung zu spekulativen Finanzgesch\u00e4ften, um schnelle Profite zu erzielen.<\/p>\n<p>Auf diese Weise wurde Einkommen in H\u00f6he von rund 50 Billionen US-Dollar von unten nach oben verteilt, und zwar unter sowohl republikanischen als auch demokratischen Regierungen. Als willf\u00e4hriges Instrument dazu diente die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, die sich in eine offene Agentur des Kapitals verwandelte. Diese Umverteilung war keineswegs das Ergebnis einer \u201eWahl\u201c der Bev\u00f6lkerung, sondern das Ergebnis objektiver Impulse, die sich aus der kapitalistischen Wirtschaft selbst ergaben und letztlich die Richtung und Funktionsweise des gesamten politischen \u00dcberbaus bestimmten.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise haben sich Price und Edwards, die Autoren der RAND-Studie, nicht zu den Ursachen der wachsenden Ungleichheit ge\u00e4u\u00dfert. Sie haben lediglich erkl\u00e4rt, auf diesem Gebiet m\u00fcsse \u201emehr geforscht\u201c werden.<\/p>\n<p>Betrachtet man diese Frage allerdings auf der wissenschaftlichen Grundlage der von Marx entdeckten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Kapitalismus, so tritt die Ursache der Ungleichheit deutlich zutage. Marx hatte aufgezeigt, was sich jetzt bewahrheitet, m\u00f6gen es die b\u00fcrgerlichen \u00d6konomen auch jahrzehntelang bestritten haben: dass die objektive Logik des Profitsystems, unabh\u00e4ngig von den Irrungen und Wirrungen seiner historischen Entwicklung, zwangsl\u00e4ufig zur Anh\u00e4ufung von Reichtum an einem Pol der Gesellschaft und zu Armut und Elend am anderen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Daraus ergeben sich klare politische Schlussfolgerungen, die jedoch alle \u201eKritiker\u201c \u2013 vor allem aus dem \u201elinken\u201c Spektrum \u2013 zu vertuschen versuchen. Die einzige M\u00f6glichkeit, wie die Arbeiterklasse ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und die gewaltigen Verm\u00f6gen und Produktivkr\u00e4fte nutzen kann, die sie durch ihre Arbeit selbst geschaffen hat, liegt in der Abschaffung des Profitsystems. Dies bedeutet die \u201eExpropriation der Expropriateure\u201c, d. h. \u00dcberf\u00fchrung der gro\u00dfen Unternehmen und des Finanzsystems in \u00f6ffentliches Eigentum unter demokratischer Kontrolle.<\/p>\n<p>Was haben die \u201eKritiker\u201c dem entgegenzusetzen? Dies fasst das\u00a0<em>Time<\/em>-Magazin in einem Artikel von Nick Hanauer und David Rolf zusammen. Hanauer ist Risikokapitalanleger, Rolf seines Zeichens Gr\u00fcnder und langj\u00e4hriger Vorsitzender des Local 775 der Dienstleistungsgewerkschaft Service Employees International Union.<\/p>\n<p>Hanauer und Rolf pl\u00e4dieren f\u00fcr \u201eExperimente\u201c, um den Einfluss der Arbeitnehmer zu st\u00e4rken, und schlie\u00dfen mit den Worten: \u201eKaum etwas deutet darauf hin, dass die gegenw\u00e4rtige Regierung irgendein Interesse an der Bew\u00e4ltigung dieser Krise hat. Wir hoffen auf die historische K\u00fchnheit einer Regierung unter Biden.\u201c Mit anderen Worten, die Arbeiterklasse muss im Rahmen der kapitalistischen Politik gefangen bleiben.<\/p>\n<p>Auch der Artikel der \u201elinken\u201c \u00d6konomin Mariana Mazzucato mit dem Titel \u201eKapitalismus nach der Pandemie, den Aufschwung richtig organisieren\u201c, der am 2. Oktober in\u00a0<em>Foreign Affairs<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlicht wurde, zielt darauf ab, die tieferen Ursachen der derzeitigen Krise zu verschleiern.<\/p>\n<p>Zu Beginn des Artikels analysiert die Autorin die Reaktion auf die Finanzkrise von 2008. Das Rettungspaket f\u00fcr das Finanzsystem im Wert von drei Billionen Dollar erm\u00f6glichte es Unternehmen und Investmentbanken, die Fr\u00fcchte des Aufschwungs zu ernten. Die Bev\u00f6lkerung dagegen \u201ebekam eine Weltwirtschaft, die genauso kaputt, ungleich und kohlenstoffintensiv war wie zuvor. Nachdem die L\u00e4nder wegen der Corona-Pandemie und den daraufhin eingef\u00fchrten Lockdowns ins Schleudern geraten sind, d\u00fcrfen sie nicht den gleichen Fehler wiederholen.\u201c<\/p>\n<p>Mazzucato bezeichnet die gegenw\u00e4rtigen \u201eRettungsbem\u00fchungen\u201c der Regierungen und Zentralbanken als notwendig, aber \u201ees reicht nicht, dass Regierungen nur als Geldgeber der letzten Instanz intervenieren, wenn die M\u00e4rkte versagen oder Krisen entstehen. Sie sollten die M\u00e4rkte aktiv gestalten, so dass sie langfristige Ergebnisse liefern, die allen zugutekommen. Die Welt hat die Gelegenheit dazu bereits 2008 verpasst, aber das Schicksal hat ihr eine neue Chance gegeben\u201c.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit war die Reaktion auf die globale Finanzkrise kein \u201eFehler\u201c, sondern eine klassenbedingte Reaktion. Im Jahr 2008 hatte die Finanzialisierung, die mit dem Ende des Nachkriegsbooms begonnen hatte, ein solches Ausma\u00df erreicht, dass die gesamte amerikanische Wirtschaft von den Spekulationen, der Korruption und der Kriminalit\u00e4t der Wall Street abh\u00e4ngig war. Nicht umsonst lie\u00df sich Pr\u00e4sident George W. Bush auf dem H\u00f6hepunkt der Krise zu der Bemerkung hinrei\u00dfen: \u201eThis sucker\u2019s going down.\u201c<\/p>\n<p>Nach der Krise von 2008 haben die Billionen Dollar, welche die Fed mittels ultra-niedriger Zinss\u00e4tze und einer Aufbl\u00e4hung der Geldmenge in die Finanzm\u00e4rkte gepumpt hat, den Berg von fiktivem Finanzkapital weiter vergr\u00f6\u00dfert. Als die Pandemie zuschlug, kam Mitte M\u00e4rz das gesamte Finanzsystem zum Stillstand, woraufhin die Fed und die Regierung in noch gr\u00f6\u00dferem Stil eingreifen mussten.<\/p>\n<p>Mazzucato ist sich durchaus bewusst, welches Ausma\u00df dieser Prozess angenommen hat. Sie erkl\u00e4rt: \u201eDer gr\u00f6\u00dfte Teil der Profite des Finanzsektors wird auch wieder in die Finanzbranche investiert \u2013 in Banken, Versicherungsgesellschaften und Immobilien \u2013 und nicht in produktive Zwecke wie Infrastruktur oder Innovationen \u2026 Die derzeitige Struktur der Finanzbranche befeuert also ein schuldenfinanziertes System und Spekulationsblasen, die, wenn sie platzen, Banken und andere Unternehmen zwingen, um staatliche Hilfe zu betteln.\u201c<\/p>\n<p>Dennoch behauptet sie, dieses System k\u00f6nne im Handumdrehen ge\u00e4ndert werden und der Welt die Chance bieten, eine bessere Wirtschaft zu schaffen, die \u201eweniger Ungleichheit erzeugt\u201c und \u201eexklusiver und nachhaltiger\u201c w\u00e4re.<\/p>\n<p>Warum vertritt die Autorin diesen Standpunkt, obwohl sie sich vollauf bewusst ist, dass er von der Realit\u00e4t widerlegt wird?<\/p>\n<p>Kurz gesagt, aus politischen Gr\u00fcnden. Mazzucato ist Teil eines \u201elinken\u201c Milieus in Teilen des Kleinb\u00fcrgertums, das zwar Kritik an der kapitalistischen Wirtschaft \u00fcbt, aber einen unabh\u00e4ngigen Kampf der Arbeiterklasse entschieden ablehnt, weil es darin eine Gefahr f\u00fcr seine sozialen und wirtschaftlichen Privilegien erblickt. Deshalb verbreitet sie Illusionen \u00fcber m\u00f6gliche Reformen.<\/p>\n<p>Im Versuch, diese Illusionen theoretisch zu untermauern, behauptet Mazzucato, die Krisen des Kapitalismus w\u00fcrden nicht aus seinen objektiven und unl\u00f6sbaren Widerspr\u00fcchen hervorgehen, sondern aus falschen Denkweisen.<\/p>\n<p>Nachdem sie unter der \u00dcberschrift \u201eDen Wert neu denken\u201c die aktuelle Krise ausf\u00fchrlich beschrieben hat, erkl\u00e4rt sie: \u201eDas alles deutet darauf hin, dass die Beziehung zwischen dem \u00f6ffentlichen Sektor und der Privatwirtschaft zerst\u00f6rt ist. Um sie wiederherzustellen, muss man zuerst das tiefere Problem der Wirtschaft angehen: Der Begriff des Werts wird allgemein falsch verstanden.\u201c<\/p>\n<p>Doch wie Mazzucato sehr wohl wei\u00df, hat Marx im ersten Kapitel des\u00a0<em>Kapitals<\/em>, das sich mit der Keimform der kapitalistischen Wirtschaft befasst, festgestellt, dass der Wert kein willk\u00fcrlicher Begriff ist, sondern eine objektive gesellschaftliche Beziehung darstellt. Damit baute Marx auf der Arbeit seiner Vorg\u00e4nger aus der klassischen politischen \u00d6konomie auf.<\/p>\n<p>Der Wert ist geschichtlich bedingt. Er entsteht im Kapitalismus, einem bestimmten historischen sozio\u00f6konomischen System, in dem die Produktion zwar gesellschaftlich erfolgt, die Produktionsmittel aber in Privateigentum sind. Der Wert einer Ware wird ihr nicht von K\u00e4ufern oder Verk\u00e4ufern zugeschrieben, sondern er wird von der Menge der gesellschaftlich notwendigen Arbeit bestimmt, die in der Ware verk\u00f6rpert ist, und durch Geld repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Die kapitalistische Produktionsweise geht aus der Warenproduktion hervor. Die Arbeitskraft \u2013 die einzige Ware, die die Arbeiterklasse besitzt \u2013 wird auf dem Markt gekauft und verkauft. Die Eigent\u00fcmer der Produktionsmittel verwenden die Arbeitskraft, um einen Mehrwert zu erzeugen, der \u00fcber ihren Kaufpreis hinausgeht. Dieser Mehrwert bildet die Grundlage der Profite aus der Produktion und der anderen Einkommen, die Grundbesitzern, Banken und Finanziers zuflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ziel dieses Systems ist nicht die Produktion von Waren und Dienstleistungen zum Wohl der Gesellschaft, sondern die Akkumulation von Geld, das Wert repr\u00e4sentiert. Das Geld steht, wie Marx ausf\u00fchrte, am Anfang und am Ende des Prozesses. Auf diesem Wege entsteht zwangsl\u00e4ufig eine Situation, in der das Finanzkapital das System beherrscht und das gesamte politische und wirtschaftliche Establishment die Interessen dieser Oligarchie verteidigt \u2013 ungeachtet der sozialen Kosten und, wie die Pandemie so anschaulich gezeigt hat, auch ohne R\u00fccksicht auf Menschenleben.<\/p>\n<p>Trotzki schrieb einmal, kein Teufel habe jemals freiwillig seine Krallen beschnitten. Und die Krallen der Finanzoligarchie bohren sich nicht deshalb immer tiefer in den K\u00f6rper der Gesellschaft, weil jemand den Begriff des Werts falsch verstanden hat.<\/p>\n<p>Sie sind das unvermeidliche Produkt einer Gesellschaftsordnung, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht. Dieses System befindet sich mittlerweile in einem weit fortgeschrittenen Zustand des Verfalls. Wenn die Menschheit wieder Fortschritte machen soll, muss es von der Arbeiterklasse vollst\u00e4ndig abgeschafft und durch den Sozialismus ersetzt werden.<\/p>\n<p>Die verzweifelten Versuche, die lebenszerst\u00f6rende objektive Logik des kapitalistischen Systems zu verschleiern und zu mystifizieren, sind ein sicheres Zeichen f\u00fcr die Dringlichkeit dieser Aufgabe.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/10\/19\/ineq-o19.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. Oktober 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nick Beams. In den f\u00fchrenden Kreisen der Politik macht sich Nervosit\u00e4t breit. 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