{"id":8704,"date":"2020-10-30T09:25:33","date_gmt":"2020-10-30T07:25:33","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8704"},"modified":"2020-10-30T09:25:35","modified_gmt":"2020-10-30T07:25:35","slug":"italien-in-der-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8704","title":{"rendered":"Italien in der Pandemie"},"content":{"rendered":"<p><em>Maurizio Coppola. <\/em>Als im Februar-M\u00e4rz 2020 die sogenannte Corona-Krise aus- brach, konnte sich niemand vorstellen, welches Ausma\u00df sie annehmen und dass sie die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse auf diese Weise ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Trotzdem sind die<!--more--> starken Umw\u00e4lzungen \u2013 gerade auch in Italien \u2013 nicht \u00fcberraschend. Denn es handelt sich schlie\u00dflich um eine Weiterf\u00fchrung der Wirtschaftskrise von 2008\/09-2012, von der sich die s\u00fcdeurop\u00e4ische Halbinsel bis vor der Pandemie noch nicht wirklich erholt hatte.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"450\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/italien_text.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8705\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/italien_text.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/italien_text-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/italien_text-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption><em>500 neue Coronaf\u00e4lle nach Schul\u00f6ffnungen. Sch\u00fcler*innen und Lehrer*innen protestierten landesweit am 25.\/26.9.20 gegen die Politik des Bildungsministeriums.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Bruttoinlandsprodukt Italiens lag seit der Jahrtausendwende stets unter dem EU-Durchschnitt, der R\u00fcckgang in der Krise 2009 erreichte knapp -6%, drei Jahre sp\u00e4ter verzeichnete er -3%. Die Erholung in den Folgejahren war schleppend, im Jahr 2019 verzeichnete Italien BIP-Wachstum von nur +0.3%. Und aktuell f\u00e4llt es noch rapider: Der Internationale W\u00e4hrungsfonds geht f\u00fcr das Jahr 2020 von einem R\u00fcckgang von 12.8% aus, im Falle einer \u00abzweiten Welle\u00bb des Virus k\u00f6nnte sich die Rezession noch verschlimmern.<\/p>\n<p>Der Unternehmensverband Confindustria war sich dessen seit dem Ausbruch der Pandemie bewusst. Als die italienische Regierung von Giuseppe Conte am 9. M\u00e4rz 2020 verlauten lie\u00df, aufgrund des Coronavirus alle nicht lebensnotwendigen Aktivit\u00e4ten zu schlie\u00dfen, \u00fcbte die Confindustria umgehend Druck auf die Regierung aus. Die Angst vor der Pandemie war gro\u00df, doch noch gr\u00f6\u00dfer war die Angst vor einer weiteren Vertiefung der \u00f6konomischen Krise und somit vor dem Verlust von \u00abMarktanteilen\u00bb und Profitm\u00f6glichkeiten auf Unternehmensseite. Es musste also weiter produziert werden und zwar m\u00f6glichst in allen Sektoren.<\/p>\n<p>Obwohl die Zahlen der Corona-Erkrankungen und der Toten im ersten Monat der Pandemie stetig stiegen (am 27. M\u00e4rz z\u00e4hlte man 919 Tote!), konnte schlie\u00dflich Confindustria erzwingen, dass rund 60% der Betriebe w\u00e4hrend der gesamten \u00abersten Welle\u00bb weiterproduzierten. Besonders in Norditalien, dem industriellen Zentrum des Landes, verbreitete sich infolge dessen das Virus an den Arbeitspl\u00e4tzen rasant. Die Arbeiter*innen reagierten k\u00e4mpferisch auf die Missst\u00e4nde in den Betrieben. Fehlende Schutzma\u00dfnahmen wie die Zurverf\u00fcgungstellung von Masken, die regelm\u00e4\u00dfige Desinfizierung der Arbeitspl\u00e4tze und die vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung beim Aufdecken von Corona-F\u00e4llen geh\u00f6rten zu den Hauptgr\u00fcnden der zahlreichen Arbeitsniederlegungen in der ersten Phase der Pandemie. Tats\u00e4chlich konnten die Arbeiter*innen dadurch verschiedentlich Verbesserungen in den Betrieben erzwingen.<\/p>\n<p><strong>Hundertausende Jobs vernichtet<\/strong><\/p>\n<p>Der Staat allerdings hinkte in der Frage der sozialen Absicherung weit hinter den Bed\u00fcrfnissen der Arbeiter*innen her. Obwohl die Kurzarbeitsregelung erweitert wurde, blieben zahlreiche Arbeiter*innen davon ausgeschlossen und die atypischen Arbeiter*innen (Zeitarbeit, (Schein-)Selbst\u00e4ndige etc.) erhielten im besten Falle nur Einmalzahlungen. Dies f\u00fchrte zu einer seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehenen Verarmung breiter Gesellschafts- schichten. Im Juni waren laut offiziellen Sch\u00e4tzungen 1 Million Menschen in die Armut abgerutscht. Karitative Organisationen sprachen von einer 40%-igen Erh\u00f6hung ihrer \u00abKlient*innen\u00bb bei der kostenlosen Essensverteilung.<\/p>\n<p>Besonders betroffen von diesen Verarmungsprozessen sind Arbeiter*innen im informellen Sektor. Im Tourismus und der Gastronomie beispielsweise konnte auch das K\u00fcndigungsverbot den Job von zehntausenden von Menschen nicht retten, da viele ohne Vertrag arbeiten. Zudem gab das Virus den geographischen Regionen praktisch den Todessto\u00df, die schon vor dem Corona-Ausbruch \u00f6konomisch noch den Vorkrisenzahlen 2008-2012 hinterher hinkten: Im S\u00fcden Italiens, wo die offizielle Arbeitslosenquote schon knapp 20% betr\u00e4gt, rechnet man bis Jahresende mit dem Verlust von weiteren 650.000 Arbeitspl\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Diese soziale Situation bereitet den Politiker*innen Sorgen. Die italienische Innenministerin Luciana Lamorgese erkl\u00e4rte noch vor einigen Wochen in der nationalen Presse, die Politik m\u00fcsse sich auf einen \u00abheissen Herbst\u00bb gefasst machen, falls Unternehmen und Regierung nicht gewillt seien, die Notlage zahlreicher Arbeiter*innen ernst zu nehmen. Der Kochtopf brodelt und es bleibt offen, welchen Weg die Verteilungsk\u00e4mpfe in Italien einschlagen werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/plumpe.noblogs.org\/archive\/507\"><em>plumpe.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Oktober 2020<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maurizio Coppola. Als im Februar-M\u00e4rz 2020 die sogenannte Corona-Krise aus- brach, konnte sich niemand vorstellen, welches Ausma\u00df sie annehmen und dass sie die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse auf diese Weise ver\u00e4ndern w\u00fcrde. 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