{"id":8760,"date":"2020-11-10T09:15:38","date_gmt":"2020-11-10T07:15:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8760"},"modified":"2020-11-10T09:15:39","modified_gmt":"2020-11-10T07:15:39","slug":"friedrich-engels-zum-200-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8760","title":{"rendered":"Friedrich Engels zum 200. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p><em>Gerald Falke. <\/em>Anl\u00e4sslich des Geburtstagsjubil\u00e4ums von Friedrich Engels bietet sich die Gelegenheit, im R\u00fcckblick die Bedeutung seiner Leistungen zu res\u00fcmieren. In den \u00fcblichen Einsch\u00e4tzungen erscheint er oft lediglich als eine Art Schattenexistenz von Karl Marx.<!--more--> Sofern die Unterschiedlichkeit der beiden betont wird, gilt Engels oft als der Empiriker gegen\u00fcber dem Theoretiker Marx, als passiver Poet gegen\u00fcber dem aktiven Philosophen oder gar als der Reformer gegen\u00fcber dem Revolution\u00e4r. Manche werfen Engels sogar vor, er habe die Marx\u2019sche Theorie naturalisiert und eine Grundlage f\u00fcr verschiedene Probleme und Fehlentwicklungen geschaffen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"534\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/karl-marx-5299054_960_720-800x534-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8761\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/karl-marx-5299054_960_720-800x534-1.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/karl-marx-5299054_960_720-800x534-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/karl-marx-5299054_960_720-800x534-1-768x513.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Ein Leben gegen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung<\/strong><\/p>\n<p>Am 28.11.1820 wurde Engels in der preu\u00dfischen Stadt Barmen als Sohn einer Unternehmerfamilie geboren. Diese galt als pietistisch fromm. In seinem Umfeld waren durch den Einfluss der b\u00fcrgerlichen Revolution in Frankreich und Napoleons Eroberungen die feudalen Lebensbedingungen vor\u00fcbergehend bereits den b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen mit einer sich entfaltenden Industrie gewichen. Nach dem Besuch eines Gymnasiums begann er im Betrieb seines Vaters eine kaufm\u00e4nnische Lehre, die er bei einem Gro\u00dfhandelskaufmann in Bremen fortsetzte. Seine eindrucksvolle Korrektheit und Zuverl\u00e4ssigkeit wurden hierbei besonders ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>In seiner Jugend entwickelte er bereits ein Interesse an sozialen Verh\u00e4ltnissen seiner Umgebung, in denen schwierige und unsichere Bedingungen vorherrschten und beispielsweise beinahe die H\u00e4lfte aller Kinder im Schulalter bereits zur Arbeit in den Fabriken gezwungen war. Im Zuge der internationalen Gesch\u00e4ftsreisen seines Vaters bekam er dann fr\u00fchzeitig eine weltoffene Sichtweise. Er erlernte mit geringem Aufwand verschiedene Sprachen, fertigte gerne Zeichnungen und Karikaturen vom Leben und Treiben der Menschen an und begeisterte sich f\u00fcr die Geschichte, besonders verschiedene Freiheitsk\u00e4mpfe. Er schrieb auch leidenschaftliche Gedichte und wollte \u2013 angeregt durch die musikalischen Vorlieben seiner Herkunftsfamilie \u2013 als Komponist von Chor\u00e4len und S\u00e4nger der Freiheit bekannt werden. Anonym oder auch unter einem Pseudonym ver\u00f6ffentlichte er \u201eBriefe aus dem Wuppertal\u201c.<\/p>\n<p><strong>Weg zum Kommunismus<\/strong><\/p>\n<p>Im Zuge seines Milit\u00e4rdienstes in Berlin besuchte er Vorlesungen an der Universit\u00e4t und im jung-\/linkshegelianischen \u201eDoktorclub\u201c, dem Marx, Bauer, K\u00f6ppen, Stirner und andere angeh\u00f6rten. Aufgew\u00fchlt von seiner Befassung mit Hegel, Feuerbach und Strau\u00df, den hier diskutierten fortschrittlichen Ideen und der darin bemerkten Unvers\u00f6hnlichkeit von Religion und Philosophie zweifelte er zunehmend an der Richtigkeit seiner Religiosit\u00e4t und entschied sich letztlich f\u00fcr die vorw\u00e4rtsweisende Vernunft. Dem war bereits seine Emp\u00f6rung \u00fcber den Zwiespalt zwischen dem religi\u00f6sen Mystizismus in seiner Heimat und der praktischen Menschenverachtung im sozialen Leben vorausgegangen. Mit der Ver\u00f6ffentlichung einer Kritik an der Philosophie Schellings machte er sich in Berlin schon in jungen Jahren einen Namen. Er konzentrierte sich bereits in dieser Zeit auf das Zusammenwirken von Politik und Philosophie, die Einheit von revolution\u00e4rer Theorie und praktischem Handeln. Dadurch distanzierte er sich von der junghegelianischen Vorstellung, die das Wort bereits f\u00fcr die eigentliche Tat hielt.<\/p>\n<p>Gerne schrieb er aber zun\u00e4chst weiterhin Gedichte und Prosast\u00fccke, unter denen sich auch eine Kom\u00f6die und eine Liebesgeschichte finden. Dabei nutzte er die Literatur zunehmend als ideologische Waffe f\u00fcr den Fortschritt der Menschheit. Explizit politische Texte ver\u00f6ffentlichte er in dieser Zeit noch weiter anonym oder als Friedrich Oswald. Anschlie\u00dfend hielt er sich zum Abschluss seiner kaufm\u00e4nnischen Ausbildung in England auf, wo er die irische Arbeiterin Mary Burns kennenlernte, mit der er eine Lebensgemeinschaft begann. Diese Beziehung trug wesentlich zur Ausbildung und Festigung seines Klassenstandpunktes bei.<\/p>\n<p>Auf einer Durchreise traf er 1842 in K\u00f6ln erstmals mit Marx zusammen, der ihn aber zun\u00e4chst f\u00fcr einen Verb\u00fcndeten der Junghegelianer hielt und deshalb etwas distanziert blieb. Immerhin verfasste Engels einige Korrespondenzen f\u00fcr die\u00a0 \u201eRheinische Zeitung\u201c, deren Chefredakteur Marx wurde, und begann mit diesem einen Briefwechsel. In der Folge kooperierten beide nach M\u00f6glichkeit in direktem Austausch, begannen eine lebenslange feste Freundschaft und unternahmen auch gemeinsame Reisen. Als erstes Gemeinschaftsprojekt verfassten sie eine Kritik an spekulativ idealistischen Vorstellungen in ihrer Kritik der kritischen Kritik, die damit als die \u201eHeilige Familie\u201c in die Geschichte einging.<\/p>\n<p><strong>Marx und Engels<\/strong><\/p>\n<p>In England fand Engels einen sehr weitgehend entwickelten Kapitalismus mit ausgepr\u00e4gten Klassenk\u00e4mpfen vor. Die englische Bourgeoisie konnte bereits 1688 dem Feudalismus die Vorherrschaft abringen und das Proletariat konnte schon 1824 die Anerkennung der Trade Unions durchsetzen. Manchester war nicht nur der langj\u00e4hrige Arbeitsort von Engels, sondern auch das Zentrum der Textilindustrie und der Bewegung der ChartistInnen f\u00fcr politische und soziale Reformen. Vor diesem Hintergrund setzte sich Engels eingehend und systematisch mit den sozialen und politischen Verh\u00e4ltnissen auseinander, sah sich in den englischen St\u00e4dten um, nahm an \u00f6ffentlichen Versammlungen teil, arbeitete an verschiedenen Zeitungen mit und publizierte auch in den in Frankreich erschienenen \u201eDeutsch-Franz\u00f6sischen Jahrb\u00fcchern\u201c.<\/p>\n<p>Als die \u201eRheinische Zeitung\u201c verboten wurde, ging Marx nach Paris und gr\u00fcndete dort mit Arnold Ruge die \u201eDeutsch-Franz\u00f6sischen Jahrb\u00fccher\u201c. Nachdem Marx jedoch 1845 ausgewiesen wurde, gr\u00fcndete Engels im Folgejahr in Br\u00fcssel ein Kommunistisches Korrespondenzkomitee. Mit 27 Jahren trat er dem von deutschen Handwerksgesellen in Paris gegr\u00fcndeten \u201eBund der Gerechten\u201c bei und erhielt auf dessen 2. Kongress mit Marx das Mandat zur Abfassung eines Parteiprogramms, das als \u201eKommunistisches Manifest\u201c in die Geschichte eingehen sollte.<\/p>\n<p>Zur Bedeutung des proletarischen Klassenstandpunktes fand Engels vor allem durch seine Analysen der b\u00fcrgerlichen \u00d6konomie, Marx wiederum durch seine Auseinandersetzung mit der Hegel\u2019schen Philosophie, was dieser kurz so ausdr\u00fcckte: \u201eWie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, \u2026\u201c (Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 391).<\/p>\n<p>Zu Kommunisten wurden Marx und Engels im Zuge ihrer internationalen Erfahrungen. Engels durch seine Mitarbeit in der englischen sozialistischen Presse, Marx durch den Einfluss der franz\u00f6sischen SozialistInnen.<\/p>\n<p>Nach der R\u00fcckkehr in seine Heimat 1848 und einem Engagement f\u00fcr eine \u201erote Republik\u201c musste Engels in die Schweiz fliehen, konnte aber nach einigen Monaten wieder nach K\u00f6ln zur\u00fcckkehren. Infolge seiner Beteiligung am bergischen Aufstand wurde er vor\u00fcbergehend verhaftet und musste abermals fliehen.<\/p>\n<p>Mit 30 Jahren begann er schlie\u00dflich eine unternehmerische T\u00e4tigkeit in der v\u00e4terlichen Firma in Manchester, die er \u00fcber zwei Jahrzehnte beibehielt. Inzwischen hatte sich Marx in London niedergelassen, was den Kontakt erleichterte, der mithilfe eines beinahe t\u00e4glichen Briefwechsels erg\u00e4nzt wurde.<\/p>\n<p>Danach konnte er sich mit einer Abfindung aus dem Gesch\u00e4ft zur\u00fcckziehen und sich propagandistischen und organisatorischen T\u00e4tigkeiten widmen. Durch seine Sprachkenntnisse f\u00fchrte er auch zahlreiche internationale Korrespondenzen. Er \u00fcbersiedelte nach London und wurde Mitglied des Generalrats der 1864 von Marx gegr\u00fcndeten Internationalen Arbeiterassoziation, an deren Kongress 1872 in Den Haag er mit Marx teilnahm.<\/p>\n<p>In dieser Ersten Internationale gab es intensive Auseinandersetzungen mit anarchistischen und blanquistischen Vertretungen. Vor diesem Hintergrund und den Erfahrungen der Pariser Kommune vertraten Marx und Engels die Bildung einer politischen Partei, um dem Proletariat ein Handeln als Klasse zu erm\u00f6glichen. Nach kurzer Zeit existierte aber diese Internationale nicht mehr, was die Gr\u00fcndung einer neuen erforderte.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Impuls dazu ging von der deutschen ArbeiterInnenbewegung aus. Der 1863 von Lassalle gr\u00fcndete Allgemeine Deutschen Arbeiterverein und die von Wilhelm Liebknecht und Bebel gegr\u00fcndete Sozialdemokratische Arbeiterpartei kamen 1875 zu einem gemeinsamen Kongress in Gotha zusammen und beschlossen dabei ein gemeinsames Programm. Nach einem folgenden Kongress in Erfurt entstand aus der in Gotha gegr\u00fcndeten Sozialistischen ArbeiterInnenpartei in der Folge die Sozialdemokratische Partei.<\/p>\n<p>Marx und Engels betrachteten die Bildung einer gemeinsamen ArbeiterInnenpartei als enormen Fortschritt, sahen sich aber gen\u00f6tigt, deren theoretische und programmatische Fehler einer grundlegenden Kritik zu unterziehen. Mit Marx formulierte Engels eine deutliche Kritik daran, besonders an den Illusionen in die m\u00f6gliche Rolle von Produktionsgenossenschaften, den \u201eVolksstaat\u201c und die demokratische Republik. Immerhin galt ihnen als einzig m\u00f6gliche \u00dcbergangsperiode von der kapitalistischen in eine kommunistische Gesellschaft die zwischenzeitliche revolution\u00e4re Diktatur des Proletariats.<\/p>\n<p>Nach dem Tod von Marx engagierte sich Engels weiter f\u00fcr einen Fortschritt in der internationalen Organisierung der ArbeiterInnenklasse und trug nach anf\u00e4nglichen Vorbehalten ma\u00dfgeblich zur Bildung der Zweiten Internationale bei. Letztlich wurde er 1893 auf dem Internationalen Sozialistischen ArbeiterInnenkongress in Z\u00fcrich noch Alterspr\u00e4sident. Nach einem Kuraufenthalt starb er schlie\u00dflich 1895 in London.<\/p>\n<p><strong>Ein Werk f\u00fcr den Sozialismus<\/strong><\/p>\n<p>Engels\u2018 theoretisches Werk war stets darauf ausgerichtet, die Erkenntnisse von den Natur- bis zu den Sozialwissenschaften, von den allgemeinsten Problemstellungen der Philosophie\u00a0 bis zu besonderen Fragestellungen der Milit\u00e4rgeschichte einzubeziehen, und erreichte in der Folge einen paradigmatischen Einfluss auf vielf\u00e4ltige Wissenschaftsgebiete.<\/p>\n<p>Mit seinem Werk \u201eLudwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie\u201c zeichnete er die ersten materialistischen Ans\u00e4tze in der deutschen Philosophiegeschichte nach, verwies zugleich auf deren innere Schranken und deren \u00dcberwindung durch den wissenschaftlichen Sozialismus.<\/p>\n<p>Nachdem f\u00fcr D\u00fchring die Lehren von Marx lediglich r\u00fcckst\u00e4ndige und w\u00fcste Konzeptionen mit logischer Fantasterei waren und sein Einfluss erheblich angewachsen war, entschied sich Engels zu einer Erwiderung, daran ankn\u00fcpfend einer grundlegenden Darlegung seiner mit Marx entwickelten dialektischen Methode und sozialistischen Weltanschauung, in der Fragen der Philosophie, \u00d6konomie, Geschichte und vielf\u00e4ltiger anderer Wissenschaften behandelt wurden. Mit \u201eHerrn Eugen D\u00fchrings Umw\u00e4lzung der Wissenschaft (Anti-D\u00fchring)\u201c schuf er aber ein Werk, das sich f\u00fcr die Gewinnung\u00a0 der ArbeiterInnenklasse f\u00fcr den Marxismus als hervorragend geeignet erwies. Bis heute stellt es eine Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr jede\/n kommunistische\/n Revolution\u00e4rIn dar.<\/p>\n<p>Seine \u201eUmrisse zu einer Kritik der National\u00f6konomie\u201c, in der er die \u00f6konomische Struktur der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und besonders die Auswirkung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln f\u00fcr elementare Entfremdungen, gesellschaftliche Spaltungen und zwischenmenschliche Feinseligkeiten nachzeichnete, inspirierten Marx zu einer eingehenden Auseinandersetzung mit der politischen \u00d6konomie.<\/p>\n<p>In \u201eDie Lage der arbeitenden Klasse in England\u201c klagte er die englische Bourgeoisie des Raubes, des Mordes und anderer Verbrechen an, entwickelte die Theorie f\u00fcr die erforderliche Selbstbefreiung des Proletariats und schuf auch eine wesentliche Grundlage f\u00fcr die wissenschaftliche Soziologie.<\/p>\n<p>In \u201eDer deutsche Bauernkrieg\u201c und seiner \u201eEinleitung zu Marx\u2019 \u201aDer B\u00fcrgerkrieg in Frankreich\u2019\u201c zeigte sich Engels\u2018 ausgepr\u00e4gtes Interesse f\u00fcr milit\u00e4rische Aspekte und deren gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4nge. Wegen seiner vielf\u00e4ltigen milit\u00e4rwissenschaftlichen Studien erhielt er im Freundeskreis den Spitznamen \u201eGeneral\u201c. Auch praktisch verteidigte er 1849 aktiv die Aufst\u00e4ndischen in Elberfeld und beteiligte sich wenige Wochen sp\u00e4ter am B\u00fcrgerkrieg in Baden und in der Pfalz. Dabei plante er die milit\u00e4rischen Aktionen mit und nahm auch an mehreren Gefechten teil.<\/p>\n<p>\u201eDer Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates\u201c wurde ein Standardwerk, das zeigt, wie die jeweils neuen Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sich in eine systematische Konzeption zusammenf\u00fcgen lassen. Neue und verbesserte Erkenntnisse zu einzelnen Abschnitten widerlegen nicht die darin entwickelte Methode, sondern verweisen auf die st\u00e4ndig notwendige Weiterentwicklung solcher Werke.<\/p>\n<p>Seine \u201eDialektik der Natur\u201c war von ihm nicht in der erschienenen Publikationsform gedacht. Vielmehr sind darin einzelne Fragmente mit vielf\u00e4ltigen anschaulichen Beispielen zur objektiven Dialektik in der Natur zusammengefasst, was in der stalinisierten Sowjetunion dann zur Naturalisierung der Geschichtsschreibung missbraucht wurde.<\/p>\n<p>Weit \u00fcber seinen urspr\u00fcnglichen Anlass bekannt wurde seine \u201eZur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs 1891\u201c. Dort polemisierte er vor allem gegen den Forderungsteil des sog. Erfurter Programms, das entscheidenden Fragen ausweiche und damit die M\u00f6glichkeit eines Hineinwachsens in den Sozialismus selbst in der deutschen Monarchie suggeriere.<\/p>\n<p>In seinem \u201eGrunds\u00e4tze des Kommunismus\u201c entwickelte er bereits eine wesentliche\u00a0 Grundlage des von Marx verfassten \u201eKommunistischen Manifests\u201c.<\/p>\n<p><strong>Nachtr\u00e4glicher Missbrauchsversuch<\/strong><\/p>\n<p>Bernstein, der 1899 eine klar reformistische Grundlegung vorlegte und damit eine grundlegende Diskussion zur Ausrichtung der Sozialdemokratie er\u00f6ffnete, kritisierte nicht nur den revolution\u00e4ren Marxismus, den er in einer zerst\u00f6rerischen blanquistischen Tradition stehend sah, sondern berief sich auch auf Engels, der am Ende seines Lebens der parlamentarischen T\u00e4tigkeit und den gesetzlichen Mitteln zur gesellschaftlichen Demokratisierung mit dem Stimmzettel den Vorzug gegeben und die Zeit ungesetzlicher Umst\u00fcrze f\u00fcr \u00fcberwunden erkl\u00e4rt habe.<\/p>\n<p>Damit wollte er Engels in Opposition zu Marx bringen, der in der Frage der m\u00f6glichen Herrschaftsform der ArbeiterInnenklassse unmissverst\u00e4ndlich auf die Erfahrungen der Pariser Kommune hinwies.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit kann von diesem Gegensatz keine Rede sein. Bereits in jungen Jahren entwickelte Engels die \u00dcberzeugung, dass eine Verbesserung der materiellen Lage des Proletariats eine gewaltsame Umw\u00e4lzung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse erfordert. 1842 verk\u00fcndete er die Notwendigkeit einer sozialen Revolution, in der \u201enur eine gewaltsame Umw\u00e4lzung der bestehenden unnat\u00fcrlichen Verh\u00e4ltnisse, ein radikaler Sturz der adligen und industriellen Aristokratie die materielle Lage der Proletarier verbessern kann.\u201c (Engels, Innere Krisen, in: MEW 1, Dietz, Berlin\/Ost, 1956, S. 460)<\/p>\n<p>Engels brandmarkte zeitlebens die b\u00fcrgerliche Rechtsstaatlichkeit als blo\u00df scheinbare Gerechtigkeit, die politische Freiheit als Scheinfreiheit der \u00fcbelsten Knechtschaft und die politische Gleichheit der b\u00fcrgerlichen Demokratie als Heuchelei zur Verh\u00fcllung der despotischen Herrschaft des Kapitals. Wenn soziale \u00dcbel mit demokratischen Mitteln \u00fcberwunden werden sollen, muss die Demokratie eine soziale werden \u2013 geleitet vom Prinzip des Sozialismus. Echte Freiheit und Gleichheit bedeuten Kommunismus.<\/p>\n<p>Der sozialdemokratische Reformismus bezieht sich nun freilich nicht auf solche Aussagen, sondern auf einige Kommentare von Engels angesichts der Entwicklungen in Amerika, England und Frankreich sowie der Wahlerfolge der deutschen Sozialdemokratie. Hieran kn\u00fcpfte sich n\u00e4mlich der Eindruck einer neuen proletarischen Kampfweise am Ende des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt einer parlamentarischen Form eines friedlichen \u00dcbergangs der b\u00fcrgerlichen in eine sozialistische Gesellschaft. F\u00fcr einen solchen Fall beschrieb Engels die demokratische Republik als besondere Form der Diktatur des Proletariats.<\/p>\n<p>Er erg\u00e4nzte allerdings die parlamentarische Ausrichtung ausdr\u00fccklich mit der Forderung, dass alle politische Macht tats\u00e4chlich in der Volksvertretung konzentriert sein m\u00fcsste und betonte angesichts des Verbots eines offen republikanischen Parteiprogramms in Deutschland, \u201ewie kolossal die Illusion ist, als k\u00f6nne man dort auf gem\u00fctlich-friedlichem Weg die Republik einrichten, und nicht nur die Republik, sondern die kommunistische Gesellschaft.\u201c (Engels, Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs 1891, in: MEW 22, Dietz, Berlin\/Ost, 1977, S. 235)<\/p>\n<p>Engels sah im Wahlrecht nicht einfach ein \u201eWerkzeug zur Befreiung\u201c, sondern auch ein m\u00f6gliches \u201eInstrument der Regierungsprellerei\u201c. Speziell in den nordamerikanischen Verh\u00e4ltnissen stellte er fest, wie aus der Politik ein Gesch\u00e4ft werden kann, in dem \u201ezwei gro\u00dfe Banden politischer Spekulanten\u201c mit den korruptesten Mitteln f\u00fcr sich ausbeuten lassen.<\/p>\n<p>Anstelle der Vorstellung einer Machtergreifung durch eine parlamentarische Mehrheit warnte er, \u201eda\u00df die Herrschenden noch lange vor diesem Zeitpunkt gegen uns Gewalt anwenden werden; das aber w\u00fcrde uns vom Boden der Stimmenmehrheiten auf den Boden der Revolution f\u00fchren.\u201c (Engels, Antwort an den ehrenwerten Giovanni Bovio, in: MEW 22, Dietz, Berlin\/Ost, 1977, S. 280)<\/p>\n<p>Und zur speziellen Frage, ob k\u00fcnftig der Stra\u00dfenkampf unbedeutend werden w\u00fcrde, erkl\u00e4rte er noch in seinem Todesjahr: \u201eDurchaus nicht. Es hei\u00dft nur, da\u00df die Bedingungen seit 1848 weit ung\u00fcnstiger f\u00fcr die Zivilk\u00e4mpfer, weit g\u00fcnstiger f\u00fcr das Milit\u00e4r geworden sind. Ein k\u00fcnftiger Stra\u00dfenkampf kann also nur siegen, wenn diese Ungunst der Lage durch andere Momente aufgewogen wird. Er wird daher seltener im Anfang einer gro\u00dfen Revolution vorkommen als im weiteren Verlauf einer solchen und wird mit gr\u00f6\u00dferen Kr\u00e4ften unternommen werden m\u00fcssen.\u201c (Engels, Einleitung zu Karl Marx\u2018 \u201eKlassenk\u00e4mpfe in Frankreich 1848 bis 1850\u201c, in: MEW 22, Dietz, Berlin\/Ost, 1977, S. 522)<\/p>\n<p><strong>Der Freund Engels<\/strong><\/p>\n<p>Engels unterst\u00fctzte Marx mit regelm\u00e4\u00dfigen finanziellen Zuwendungen, \u00fcberarbeitete dessen englische Zeitungsartikel und sorgte beispielsweise daf\u00fcr, dass dessen schwer entzifferbare Nachlassfragmente des 2. und 3. Bandes des \u201eDas Kapital\u201c zeitnah nach dessen Tod ver\u00f6ffentlicht werden konnten. Einen geplanten 4. Band konnte er nicht mehr fertigstellen.<\/p>\n<p>Die lebensl\u00e4ngliche Freundschaft mit Marx wurde lediglich einmal eingetr\u00fcbt, n\u00e4mlich infolge dessen teilnahmsloser Reaktion auf den Tod seiner Gef\u00e4hrtin Mary Burns.<\/p>\n<p>Im Unterschied zum b\u00fcrgerlichen Standardbild eines Gelehrten, der aus seiner individuellen geistigen Entfaltung sch\u00f6pft, dabei wenn m\u00f6glich gleich den ganzen Weltgeist zu Bewusstsein kommen l\u00e4sst, zeigen Marx und Engels das Potential einer Kooperation. Beide h\u00e4tten f\u00fcr sich niemals das schaffen k\u00f6nnen, was sie gemeinsam vollbringen konnten. W\u00e4hrend sie in monologischen Bem\u00fchungen bereits jeder f\u00fcr sich zu wegweisenden Einsichten fanden, entfaltete eigentlich erst ihr dialogisches Schaffen, ihr Werk als gemeinsames seinen welthistorischen Rang. Beide erg\u00e4nzten, unterst\u00fctzten und inspirierten\u00a0 sich. Ohne Engels h\u00e4tte Marx sicher nicht die erforderlichen Ressourcen f\u00fcr seine theoretischen Arbeiten gehabt und auch nur schwerlich zu seiner Ber\u00fchmtheit gefunden. Ohne Marx h\u00e4tten Engels vielf\u00e4ltige Inspirationen gefehlt und er h\u00e4tte auch kaum seine erreichte Bedeutung erlangt.<\/p>\n<p>Lenin w\u00fcrdigt dieses Zusammenwirken in einem Nachruf auf Engels vortrefflich mit einem geschichtlichen Vergleich: \u201eAntike Sagen berichten von manchen r\u00fchrenden Beispielen der Freundschaft. Das europ\u00e4ische Proletariat kann sagen, da\u00df seine Wissenschaft von zwei Gelehrten und K\u00e4mpfern geschaffen worden ist, deren Verh\u00e4ltnis die r\u00fchrendsten Sagen der Alten \u00fcber menschliche Freundschaft in den Schatten stellt.\u201c (Lenin, W. I.: Friedrich Engels, in: ders.: Werke Bd. 2, \u00dcbers. d. 4. russ. Ausg., Dietz, Berlin\/Ost, 1961, S. 12)<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/11\/08\/friedrich-engels-zum-200-geburtstag\/\"><em>Neue Internationale 251&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. November 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerald Falke. Anl\u00e4sslich des Geburtstagsjubil\u00e4ums von Friedrich Engels bietet sich die Gelegenheit, im R\u00fcckblick die Bedeutung seiner Leistungen zu res\u00fcmieren. 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