{"id":8775,"date":"2020-11-13T09:14:58","date_gmt":"2020-11-13T07:14:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8775"},"modified":"2020-11-13T09:15:00","modified_gmt":"2020-11-13T07:15:00","slug":"gewerkschaften-bieten-lufthansa-bis-zu-50-prozent-lohnsenkung-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8775","title":{"rendered":"Gewerkschaften bieten Lufthansa bis zu 50 Prozent Lohnsenkung an"},"content":{"rendered":"<p><em>Ulrich Rippert. <\/em>Die drei bei der Lufthansa vertretenen Gewerkschaften haben mit der Konzernleitung Lohnsenkungen, Sozialabbau und Entlassungen vereinbart, die alles in den Schatten stellen, was es bisher an Zugest\u00e4ndnissen und Verzichtsangeboten<!--more--> von Gewerkschaftsseite gegeben hat.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/d-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8776\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/d-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/d-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/d-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/d.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Vor einem Jahr streikten Flugbegleiter der Lufthansa noch f\u00fcr bessere L\u00f6hne &#8211; nun werden sie halbiert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Pilotengewerkschaft Cockpit (VC), die Unabh\u00e4ngige Flugbegleiter Organisation (UFO) und Verdi, die die etwa 35.000 Bodenbesch\u00e4ftigen vertritt und bei der Lufthansa als Hausgewerkschaft fungiert, \u00fcberbieten sich regelrecht mit Zugest\u00e4ndnissen. Nach eigenen Angaben bieten sie dem Lufthansa-Vorstand einen Einkommensverzicht von 1,2 Milliarden Euro an.<\/p>\n<p>Cockpit hatte schon im Fr\u00fchjahr zugestimmt, die Pilotengeh\u00e4lter bis zum Jahresende um bis zu 50 Prozent zu senken. Am Mittwoch k\u00fcndigte Cockpit an, diese Gehaltsk\u00fcrzung bis Ende Juni 2022 zu verl\u00e4ngern. Neben Kurzarbeit sehe das Paket Zugest\u00e4ndnisse bei Gehalt und Altersversorgung vor, erkl\u00e4rte VC. \u201eDie in diesem Fr\u00fchjahr vereinbarten und nun zus\u00e4tzlich angebotenen Zugest\u00e4ndnisse belaufen sich auf einen Wert von insgesamt \u00fcber 600 Millionen Euro. Dies entspricht gegen\u00fcber der Vorkrisenzeit Gehaltsreduzierungen von bis zu 50 Prozent\u201c, sagte VC-Pr\u00e4sident Markus Wahl.<\/p>\n<p>UFO hat im Sommer eine Vereinbarung mit Lufthansa unterschrieben, die dem Konzern bis Ende 2023 Einsparungen von einer halben Milliarde Euro bringt. Umgerechnet auf die 22.000 Kabinenmitarbeiter der Muttergesellschaft, f\u00fcr die die Vereinbarung gilt, bedeutet dies einen durchschnittlichen Einkommensverlust von 23.000 Euro im Verlauf von dreieinhalb Jahren.<\/p>\n<p>Verwirklicht werden die Einsparungen durch das Aussetzen von Lohnerh\u00f6hungen, die Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit bei entsprechender Lohnsenkung, die Reduzierung der Beitr\u00e4ge zur betrieblichen Altersversorgung sowie den Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen. Hinzu kommen \u201efreiwillige\u201c Ma\u00dfnahmen wie unbezahlter Urlaub, weitere Arbeitszeitabsenkungen sowie ein vorzeitiger Eintritt in die Rente. Die Betroffenen verlieren damit nicht nur einen gro\u00dfen Teil ihres gegenw\u00e4rtigen Einkommens, sondern auch ihrer zuk\u00fcnftigen Altersversorgung.<\/p>\n<p>Am Mittwoch stimmte nun auch Verdi einem Abgruppierungsvertrag f\u00fcr die Bodenbesch\u00e4ftigten zu. Durch den sofortigen Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Lohnstopp und Verzicht auf Zulagen bis Ende 2021 \u201eleisten die Bodenbesch\u00e4ftigten einen Sparbeitrag von mehr als 200 Millionen Euro zur Bew\u00e4ltigung der Krise\u201c, erkl\u00e4rte Verdi-Vizechefin Christine Behle, die auch stellvertretende Vorsitzende im Lufthansa-Aufsichtsrat ist. Durch die Einigung mit dem Bodenpersonal k\u00f6nnten im n\u00e4chsten Jahr bis zu 50 Prozent Personalkosten dieser Besch\u00e4ftigtengruppe eingespart werden, jubelte Personalchef Michael Niggemann im\u00a0<em>Manager Magazin<\/em>.<\/p>\n<p>Einen derartigen Einkommensverzicht von insgesamt 1,2 Milliarden Euro haben Gewerkschaften hierzulande bisher nicht vereinbart. Das ist eine neue Dimension des gewerkschaftlichen Ausverkaufs. Umgerechnet auf die Gesamtzahl der Besch\u00e4ftigten von gegenw\u00e4rtig etwa 130.000 bedeutet das, einen durchschnittlichen Einkommensverlust von fast 10.000 Euro pro Mitarbeiter.<\/p>\n<p>Und damit nicht genug.<\/p>\n<p>Verdi-Funktion\u00e4rin Behle erkl\u00e4rte am Mittwoch, es handele sich um ein \u201eerstes Ergebnis\u201c, das nach \u201ez\u00e4hen Verhandlungen\u201c erreicht worden sei. \u00dcber weitere Sparma\u00dfnahmen ab dem Jahr 2022 w\u00fcrden fr\u00fchzeitig Gespr\u00e4che vorbereitet.<\/p>\n<p>Dazu kommt noch, dass alle drei Gewerkschaften und ihre Betriebsr\u00e4te intensiv am Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen arbeiten, Entlassungslisten zusammenstellen, Einzelgespr\u00e4che f\u00fchren, um Aufhebungsvertr\u00e4ge durchzusetzen und damit den Druck auf die Besch\u00e4ftigten st\u00e4ndig erh\u00f6hen. Im Sommer war der Abbau von 22.000 Mitarbeitern als unumg\u00e4nglich bezeichnet worden. Jetzt wurde der Arbeitsplatzabbau auf mindestens 30.000 erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite kassieren die Vorstandmitglieder und Anteilseigner Millionen. Ein Blick in den j\u00fcngsten\u00a0<a href=\"https:\/\/investor-relations.lufthansagroup.com\/fileadmin\/downloads\/de\/finanzberichte\/geschaeftsberichte\/LH-GB-2019-d.pdf\">Gesch\u00e4ftsbericht 2019<\/a>\u00a0zeigt, dass die unmittelbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie als Vorwand f\u00fcr eine radikale Umstrukturierung des Konzerns genutzt werden, die seit langem geplant ist, aber bisher am Widerstand der Besch\u00e4ftigten scheiterte.<\/p>\n<p>Ziel ist es, angesichts des weltweiten Wettbewerbs und wachsenden Handelskriegs den Konzern \u201ezu verschlanken\u201c, die Produktivit\u00e4t und Effizienz zu steigern und alle Bereiche auf Profit zu trimmen.<\/p>\n<p>Schon im vergangenen Jahr \u2013 lange vor Corona \u2013 war der Umsatz gegen\u00fcber dem Vorjahr 2018 deutlich zur\u00fcckgegangen und der Gewinn um 44 Prozent eingebrochen.<\/p>\n<p>Im selben Zeitraum wurden die Geh\u00e4lter der sechs Vorstandsmitglieder deutlich auf knapp 14 Millionen Euro erh\u00f6ht. Allein Konzernchef Carsten Spohr kassierte knapp 4 Millionen Euro. Im Gesch\u00e4ftsbericht hei\u00dft es: \u201eDarin nicht enthalten: Pensionsr\u00fcckstellungen f\u00fcr die im Gesch\u00e4ftsjahr 2019 aktiven Vorstandsmitglieder betrugen 16,7 Mio. EUR (Vorjahr: 12,4 Mio. EUR).\u201c<\/p>\n<p>Dazu kommt noch \u201edie Auszahlung von f\u00e4lligen Aktienprogrammen in H\u00f6he von 3,465 Mio. Euro f\u00fcr die sechs Vorst\u00e4nde\u201c und die \u201elaufenden Zahlungen und sonstigen Bez\u00fcge an ehemalige Vorstandsmitglieder und ihre Hinterbliebenen\u201c. Sie betrugen 6,4 Mio. Euro.<\/p>\n<p>Auch die Gewerkschaftsfunktion\u00e4re und Betriebsr\u00e4te, die im Aufsichtsrat sitzen, sahnen kr\u00e4ftig ab. Allen voran Verdi-Funktion\u00e4rin Christine Behle als stellvertretende AR-Vorsitzende. Sie erhielt im vergangenen Jahr AR-Tantjemen von 140.000 Euro.<\/p>\n<p>Ihr folgten mit jeweils 110.000 Euro Christina Weber (Betriebsr\u00e4tin, Verdi), Alexander Behrens (bis Mai 2019 UFO-Vorstandsmitglied) und J\u00f6rg Cebulla (Vereinigung Cockpit). Ilja Schulz (Ex-Pr\u00e4sident Vereinigung Cockpit) kassierte 100.000 Euro. Und je 80.000 Euro gingen an Christian Hirsch (freigestellter Betriebsrat, Verdi), Klaus Winkler (Betriebsrat, Verdi), Olivia Stelz (UFO), Holger Benjamin Koch (Sprecher der Leitenden Angestellten) und Birgit Rohleder (Interessenvertretung der au\u00dfertariflichen Angestellten).<\/p>\n<p>Insgesamt erhielten die zehn so genannten Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat f\u00fcr ihre enge Zusammenarbeit bei der Ausarbeitung von Sparma\u00dfnahmen und Entlassungen 1.070.000 Euro.<\/p>\n<p>Im Sommer ver\u00f6ffentlichten wir den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/06\/26\/luft-j26.html\">Artikel<\/a>\u00a0\u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/06\/26\/luft-j26.html\">Lufthansa und der Bankrott der Gewerkschaften<\/a>\u201c. Darin hei\u00dft es: \u201eDie Ereignisse bei Lufthansa zeigen eindr\u00fccklich den Bankrott der Gewerkschaften und ihrer Perspektive. Seit Jahrzehnten ordnen sie die Interessen der Arbeiter im Rahmen der Sozialpartnerschaft den Profitinteressen der Konzerne unter. Es gibt in Deutschland keine Massenentlassung und Betriebsstillegung, die nicht die Unterschrift der Gewerkschaften und ihrer Betriebsr\u00e4te tr\u00e4gt. Bei Lufthansa gehen die Gewerkschaften nun soweit, Kundgebungen f\u00fcr ein \u201aRettungspaket\u2018 zu organisieren, dass die Vernichtung zehntausender Arbeitspl\u00e4tze und einen massiven Lohn- und Sozialabbau beinhaltet!\u201c<\/p>\n<p>Mit den Sanierungs-Vertr\u00e4gen im Umfang von 1,2 Milliarden Euro zu Lasten der Besch\u00e4ftigten wird die Verwandlung der Gewerkschaften in Unternehmensberater, die die Interessen der Konzerne und der Regierung verteidigen, v\u00f6llig offensichtlich. In der tiefsten globalen Krise des Kapitalismus seit 75 Jahren sind sie entschlossen, den Lebensstandard der Arbeiter zu dezimieren, um die Profite \u201eihrer\u201c nationalen Konzerne im internationalen Handelskrieg zu verteidigen \u2013 und das nicht nur bei der Lufthansa, sondern auch in der Auto-, Maschinenbau-, Stahl- und Chemieindustrie und allen anderen Branchen.<\/p>\n<p>Es ist Zeit, mit diesen korrupten Organisationen zu brechen. Arbeitspl\u00e4tze, L\u00f6hne und soziale Errungenschaften k\u00f6nnen nur in einer Rebellion gegen diese Gewerkschaften verteidigt werden. Dazu ist es notwendig, unabh\u00e4ngige Aktionskomitees aufzubauen, die sich international und konzern\u00fcbergreifend vernetzen und den Kampf zur Verteidigung von Arbeitspl\u00e4tzen und L\u00f6hnen organisieren.<\/p>\n<p>Das erfordert eine sozialistische Perspektive, die nicht den Profit und die Bereicherung der Kapitaleigner, sondern die Interessen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung ins Zentrum stellt. Die Krise der Luftfahrtindustrie kann nicht auf kapitalistischer Grundlage und im nationalen Rahmen gel\u00f6st werden. Sie erfordert die Enteignung der Konzerne und ihre \u00dcberf\u00fchrung in demokratisch kontrollierte, \u00f6ffentliche Institutionen, die den gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnissen und nicht dem Profit dienen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/11\/13\/hans-n13.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 13. November 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Rippert. 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