{"id":8785,"date":"2020-11-17T09:51:48","date_gmt":"2020-11-17T07:51:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8785"},"modified":"2020-11-17T09:51:49","modified_gmt":"2020-11-17T07:51:49","slug":"querdenkerbewegung-festival-des-irrationalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8785","title":{"rendered":"Querdenkerbewegung: Festival des Irrationalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Marcel Hartwig. <\/em>Leipzig am 7. November 2020. Gegen Abend ist die Stimmung rund um den Hauptbahnhof gekippt.\u00a0 Eine Gruppe von mehreren hundert Hooligans, Neonazis und rechten Kampfsportlern hat Absperrungen der Polizei durchbrochen, und<!--more--> macht denen, die zuvor Teilnehmende der \u00bbQuerdenken\u00ab Kundgebung auf dem Augustus Platz in der Innenstadt waren, den Weg frei, sich auf dem Innenstadtring als Demonstration zu formieren. Ges\u00e4nge werden laut: \u00bbOh wie ist das sch\u00f6n\u00ab, ist ebenso zu h\u00f6ren wie der aggressive Ruf: \u00bbStra\u00dfe frei!\u00ab Es fliegen Flaschen, Steine und B\u00f6ller auf die Polizei, die sich schrittweise zur\u00fcckzieht, und schlie\u00dflich die Innenstadt Leipzigs f\u00fcr eine nicht genehmigte Demonstration der Anh\u00e4ngerschaft von \u00bbQuerdenken\u00ab freigibt.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"467\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/leipzig-querdenken-november-7-700x467-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8786\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/leipzig-querdenken-november-7-700x467-1.jpg 700w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/leipzig-querdenken-november-7-700x467-1-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption>Hauptsache Herzchen: Teilnehmer der \u00bbQuerdenken\u00ab-Demonstration am 7. November 2020. Foto:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/marcokemp\/50578095612\/in\/album-72157716794383678\/\">Marco Kemp<\/a>\u00a0\/ Flickr,\u00a0<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/2.0\/\">CC BY-NC-SA 2.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Zuvor hatten sich Zehntausende auf dem Augustus Platz zu einer Kundgebung versammelt: ohne Abstand und Masken. Wer an diesem Tag im Umfeld der Kundgebung eine Maske trug wurde angep\u00f6belt oder k\u00f6rperlich bedr\u00e4ngt. Journalist*innen werden bedroht und geschlagen. Am folgenden Sonntag pilgerten \u00bbQuerdenken\u00ab-Anh\u00e4nger*innen zum V\u00f6lkerschlachtdenkmal vor den Toren Leipzigs, wo sich die Versammlung in g\u00e4nzlicher Abwesenheit der Polizei zu einem Festival des Irrationalismus entwickelte.<\/p>\n<p>In den Tagen danach sprach die Polizei entgegen gut dokumentierter Fakten von einem weitgehend friedlichen Verlauf. In der Innenpolitik des Freistaates Sachsen begann eine Debatte um die beh\u00f6rdliche Ignoranz gegen\u00fcber rechten politischen Akteur*innen. Politische Konsequenzen und R\u00fccktritte wurden ohne Erfolg gefordert.<\/p>\n<p>Schon Wochen vorher hatte die in Baden-W\u00fcrttemberg ans\u00e4ssige Initiative \u00bbQuerdenken\u00ab f\u00fcr ihre Demonstration in Leipzig geworben. Busse wurden angemietet, \u00fcber Messengerdienste kursierten Aufrufe zu Fahrgemeinschaften, au\u00dferdem die Ank\u00fcndigung, die Veranstaltung in Leipzig werde eine weiterer Schritt auf dem Weg zu einer Bewegung gegen die \u00bbCorona-Diktatur\u00ab sein. Das Bild, welches sich auf dem Augustus Platz bot, war das einer Anh\u00e4ngerschaft, die von schw\u00e4bischen T\u00fcftlern mit ausgepr\u00e4gter Impfskepsis \u00fcber esoterische Hippies und v\u00f6lkische Siedler bis zu militanten Neonazis und Hooligans reichte. Dass die Zahl der Teilnehmer*innen in\u00a0Leipzig nicht auf wenige Hundert beschr\u00e4nkt bleiben w\u00fcrde, war in den Wochen zuvor auf den diversen Kan\u00e4len sozialer Netzwerke im Umfeld von \u00bbQuerdenken\u00ab durchaus erkennbar.<\/p>\n<p><strong>Von Pegida zu \u00bbQuerdenken\u00ab?<\/strong><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick haben Pegida und \u00bbQuerdenken\u00ab nichts miteinander zu tun. W\u00e4hrend erstere Bewegung ihren Schwerpunkt im Osten hatte, und nie wirklich im Westen ankam, ist die Mobilisierung f\u00fcr \u00bbQuerdenken\u00ab im (S\u00fcd-)Westen deutlich st\u00e4rker, als in Ostdeutschland. Doch es war Pegida und die darauf folgende beschleunigte Entgrenzung rechter Einstellungs- und Verhaltensmuster von denen \u00bbQuerdenken\u00ab nun profitiert: In der b\u00fcrgerlichen Mitte ist eine rechte Deutung gegenw\u00e4rtiger gesellschaftlicher Widerspr\u00fcche weitgehend enttabuisiert; Entsolidarisierung und Ausgrenzungsdiskurse verbinden sich mit rechter Demokratiefeindschaft zu einer aggressiven Stimmung, in der die Durchsetzung rechter Politik mit Gewalt nicht mehr ausgeschlossen ist. Die sich in Messengerkan\u00e4len vollziehende Radikalisierung eines Teils der Anh\u00e4ngerschaft von \u00bbQuerdenken\u00ab scheint nach dem gleichen Muster wie bei Pegida und den Demonstrationen in Chemnitz: Es finden sich Aussagen wie \u00bbProtest allein ist wirkungslos\u00ab.<\/p>\n<p>Nach den ersten gro\u00dfen Kundgebungen in Bad Cannstatt bei Stuttgart im Fr\u00fchjahr dieses Jahres konnte \u00bbQuerdenken\u00ab im August einen Mobilisierungserfolg in Berlin verzeichnen. Das breite Echo, auf die symbolische Besetzung der Treppen des Reichstagsgeb\u00e4udes durch mit Reichsflaggen ausgestattete Teilnehmer*innen l\u00f6ste eine Debatte um die politische Einsch\u00e4tzung von \u00bbQuerdenken\u00ab aus. Eine h\u00e4ufig verwendete Formel war, dort formiere sich eine Querfront aus zuvor als unvereinbar geltenden politischen Str\u00f6mungen von rechts und links. Diese Deutung passt ins Schema der Extremismustheorie und ihrer Annahme, Extremisten von links und rechts glichen ihre Positionen in Bezug auf das Handeln des Staates in der Corona-Krise einander an. In der Folge fanden sich jedoch keine empirischen Belege daf\u00fcr, dass sich linke Akteur*innen in nennenswertem Umfang am \u00bbQuerdenken\u00ab-Protest in Berlin beteiligt h\u00e4tten. Im Gegenteil: Linke Gruppen hatten fr\u00fchzeitig das rechte Ideologiegemisch der inzwischen in der Versenkung verschwundenen Gruppe Widerstand 2020 kritisiert.\u00a0<\/p>\n<p>In Berlin wie in Leipzig wurde ein Milieu sichtbar, deren gemeinsamer Nenner zun\u00e4chst die Leugnung und Relativierung des medizinischen Ausma\u00dfes der Pandemie und deren Folgen ist. Daraus findet sich die Annahme abgeleitet, die Eliten inszenierten diese als \u00bbCorona-Diktatur\u00ab, um im Zuge dessen autorit\u00e4re Ma\u00dfnahmen durchzusetzen. Hiermit sind je nach weltanschaulicher Selbstverortung der Sprecher*innen sodann antisemitische, verschw\u00f6rungsideologische und offen rechtsextreme Deutungen verbunden. Diverse Fraktionen der Reichsb\u00fcrgerszene warben in Berlin und Leipzig ebenso f\u00fcr sich wie Vertreter*innen diverser alternativmedizinischer Richtungen und Heiler*innen, das NPD-Magazin Deutsche Stimme und die Jungen Nationalen.<\/p>\n<p><strong>Bilder und historische Protestkulissen<\/strong><\/p>\n<p>Dass die \u00f6ffentliche Wahrnehmung von Protest wesentlich davon abh\u00e4ngt, wie es seinen Akteur*innen gelingt, die knappe Ressource mediale Aufmerksamkeit gerade im Internet an sich zu binden, gilt auch f\u00fcr \u00bbQuerdenken\u00ab. Lokale und regionale Aktionen m\u00f6gen ihren Teilnehmer*innen eine situative Erfahrung der Selbstwirksamkeit verschaffen; auf die gro\u00dfen B\u00fchne der Politik schafft es eine Serie von Demonstration in Baden-W\u00fcrttemberg deshalb noch nicht.<\/p>\n<p>Dies \u00e4ndert sich, wenn sich Massenprotest in einer historisch und symbolisch aufgeladenen Kulisse in Szene zu setzen vermag. Da die Politik des Protests immer \u00fcber Bilder vermittelt ist, ist es nicht egal, ob Protest auf einem leeren Parkplatz oder vor dem Reichstagsgeb\u00e4ude stattfindet. So gesehen war der Augustus Platz in Leipzig gut gew\u00e4hlt. Denn die Kundgebung und die anschlie\u00dfend von Neonazis gegen die Polizei auf dem Leipziger Innenstadtring durchgesetzte Demonstration bewegte sich exakt in der ikonischen Bildkulisse des Herbst 1989 in Leipzig am Ende der DDR. In den Reihen von \u00bbQuerdenken\u00ab wird st\u00e4ndig auf das Jahr 1989 in der DDR Bezug genommen. Zu gern sehen sich die Akteur*innen in der Rolle einer vom Staat unterdr\u00fcckten und verfolgten B\u00fcrgerrechtsbewegung, die ihren Protest artikuliert. Wenn es \u00bbQuerdenken\u00ab gel\u00e4nge, sich nach au\u00dfen als legitimer Erbe des Umbruchs in der DDR zu inszenieren, w\u00e4re dies mehr als nur ein geschichtspolitischer Coup. Ob Schriftsteller wie Uwe Tellkamp, die AfD oder Pegida: Sie alle bem\u00fchen die Parallele zum Untergang der DDR, was ihrem Handeln historisch-moralische Autorit\u00e4t verleihen soll.<\/p>\n<p>Zahlreiche rechte Youtuber sorgten mit ihren Livestreams von den Demonstrationen in Berlin und Leipzig zudem f\u00fcr eine rechtsalternativ-mediale Pr\u00e4senz, deren Reichweite mit der etablierter Medienformate durchaus verglichen werden kann. Die im Stream vermittelten Eindr\u00fccke und Ansichten tragen dazu bei, die Inhalte der \u00bbQuerdenken\u00ab Bewegung \u00fcber das Protestereignis hinaus zu popularisieren.<\/p>\n<p><strong>Rechte Akteure in Leipzig<\/strong><\/p>\n<p>In Leipzig trat die AfD als Partei, anders als noch in Berlin, nicht \u00f6ffentlich wahrnehmbar in Erscheinung. Wohl auch, weil man in der AfD ahnte, dass NPD, Die Rechte und militante Neonazis den Tag in Leipzig auch als B\u00fchne nutzen w\u00fcrden. Die dokumentierte Anwesenheit von Vertreter*innen der AfD gibt jedoch einen Hinweis darauf, dass man in der Partei das Format \u00bbQuerdenken\u00ab genau beobachtet und abw\u00e4gt, ob und wann eine \u00f6ffentliche Stellungnahme zu Gunsten von \u00bbQuerdenken\u00ab und vergleichbaren Protestformen angezeigt ist. Die Partei hofft, politisch von den \u00f6konomischen Folgen des Lockdowns zu profitieren, ist sich aber in der Bewertung der Pandemie uneins.<\/p>\n<p>Ebenfalls in Leipzig anwesend war der neurechte Verleger G\u00f6tz Kubitschek, der das rechte Netzwerk rund um Projekte wie \u00bbEin Prozent\u00ab orchestriert. Auch er d\u00fcrfte in Leipzig sondiert haben, ob eine aktive Rolle f\u00fcr ihn und sein politisches Umfeld in Frage kommt. Noch nach der Berliner \u00bbQuerdenken\u00ab-Demonstration hatte Kubitschek in einem Vlog-Beitrag verk\u00fcndet, das neurechte Milieu k\u00f6nne nicht sinnvoll und erfolgreich im Fahrwasser von \u00bbQuerdenken\u00ab surfen, da deren Agenda zu abwegig sei. Bei Pegida war Kubitschek in deren Entstehungsphase rasch als Berater, dann als Redner eingestiegen und bestimmte so die Ausrichtung eine gewisse Zeit wesentlich mit.<\/p>\n<p>Weniger z\u00f6gerlich ist da das rechte Compact Magazin. Das Krawallblatt unter den am Kiosk verf\u00fcgbaren rechten Printmedien begleitet \u00bbQuerdenken\u00ab von Beginn an mehr als nur wohlwollend.\u00a0 Unter dem Titel \u00bbTage der Freiheit\u00ab produzierte Compact nach der Demonstration in Berlin ein reich bebildertes Sonderheft, in dem \u00bbQuerdenken\u00ab als Freiheitsbewegung \u00fcberh\u00f6ht wurde. Das \u00bbQuerdenken\u00ab f\u00fcr unterschiedliche Fraktionen der extremen Rechten von Interesse ist und Ankn\u00fcpfungspunkte bietet, ist offenkundig. Entscheidend ist, wer in der kommenden Zeit inhaltlich den Takt vorzugeben vermag.<\/p>\n<p>Bislang hat die AfD in den Umfragen von der Corona-Krise nicht profitiert. Da im n\u00e4chsten Jahr jedoch nicht nur eine Bundestagswahl, sondern zahlreiche Landtagswahlen vor der T\u00fcr stehen, sucht die Partei nach Wegen, die \u00f6konomischen Verlier*innen der Corona-Krise an sich zu binden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/nach-leipzig-wohin-steuert-die-querdenken-bewegung\/\"><em>akweb.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. November 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marcel Hartwig. Leipzig am 7. November 2020. 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