{"id":8791,"date":"2020-11-18T09:15:18","date_gmt":"2020-11-18T07:15:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8791"},"modified":"2020-11-18T09:15:19","modified_gmt":"2020-11-18T07:15:19","slug":"fast-sieben-millionen-erwachsene-in-deutschland-ueberschuldet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8791","title":{"rendered":"Fast sieben Millionen Erwachsene in Deutschland \u00fcberschuldet"},"content":{"rendered":"<p><em>Elisabeth Zimmermann. <\/em>In Deutschland kommt fast jeder zehnte Erwachsene mit seinem Einkommen nicht \u00fcber die Runden. Das zeigt der gerade ver\u00f6ffentlichte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.boniversum.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/SchuldnerAtlas_Deutschland_2020.pdf\">Schuldneratlas 2020<\/a>\u00a0der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Diesem Bericht<!--more--> zufolge sind \u00fcber 6,85 Millionen Menschen \u00fcber 18 Jahren \u00fcberschuldet.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"566\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/m\u00fc-1024x566.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8792\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/m\u00fc-1024x566.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/m\u00fc-300x166.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/m\u00fc-768x424.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/m\u00fc.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><em>Andrang bei einer Lebensmittel-Tafel in M\u00fcnchen<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Schuldenatlas analysiert und dokumentiert die H\u00f6he der privaten \u00dcberschuldung einer Person, die Rechnungen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum nicht bezahlen, Kreditraten mehrmals nicht bedienen kann oder Privatinsolvenz anmelden muss.<\/p>\n<p>Der Atlas verzeichnet einen geringen R\u00fcckgang zum Vorjahr. Allerdings sind darin die l\u00e4ngerfristigen Auswirkungen der Pandemie noch gar nicht ber\u00fccksichtigt: Der Atlas st\u00fctzt sich teilweise auf Basiswerte des Statistischen Bundesamts aus dem letzten Jahr bis Mai 2020 und eigene Hochrechnungen f\u00fcr das Jahr 2020. Ein n\u00e4chster Bericht wird zweifellos noch einmal massiv gestiegene Zahlen aufweisen.<\/p>\n<p>Im Vergleich zum letzten Bericht im Vorjahr sind knapp 70.000 Menschen weniger \u00fcberschuldet, ein R\u00fcckgang von knapp einem Prozent. Dies trifft allerdings nicht auf alle Regionen zu: Die h\u00f6chsten privaten \u00dcberschuldungsraten nach St\u00e4dten und Landkreisen \u00fcberschneiden sich oft mit den Regionen, in denen hohe Armut herrscht. So gibt es auch eine Reihe von St\u00e4dten, unter anderen im Ruhrgebiet, wo die \u00dcberschuldung von Privatpersonen bzw. Privathaushalten angestiegen ist, so in Herne und Gelsenkirchen auf \u00fcber 18 Prozent und in Duisburg auf 17,5 Prozent. Die Stadt mit der h\u00f6chsten privaten \u00dcberschuldung ist Bremerhaven mit 21,8 Prozent.<\/p>\n<p>Bundesweit warnen die Forscher von Creditreform vor \u201eder Ruhe vor dem Sturm\u201c. Angesichts der tiefen wirtschaftlichen Krise, die sich in Folge der Corona-Pandemie entwickelt, gehen sie davon aus, dass die private \u00dcberschuldung und der Anstieg von Privatinsolvenzen sich in der n\u00e4chsten Zeit enorm versch\u00e4rfen werden. Der Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, Patrik-Ludwig Hantzsch, sagt voraus, dass die Folgen der Pandemie gravierender sein werden als die der Weltwirtschaftskrise 2008\u20132009.<\/p>\n<p>Seit Ausbruch der Pandemie haben etwa 700.000 Menschen ihren Job verloren (Stand: Ende August 2020). Viele weitere Hunderttausende Arbeitspl\u00e4tze sind bedroht. Mehr als sieben Millionen Menschen waren oder sind in Kurzarbeit. Nach Sch\u00e4tzungen von Creditreform k\u00e4mpfen etwa zwei Millionen Freiberufler und Soloselbst\u00e4ndige um ihre Existenz.<\/p>\n<p>Fast 15 Millionen Haushalte in Deutschland m\u00fcssen mit geringeren Einkommen zurechtkommen. Sie m\u00fcssen trotzdem Miete zahlen, Kitageb\u00fchren \u00fcberweisen und Lebensmittel einkaufen. Diejenigen, denen ihr Einkommen schon zuvor kaum zum N\u00f6tigsten gereicht hat, stehen immer \u00f6fter vor der Alternative, ob sie ihre Rechnungen bezahlen oder Essen auf den Tisch bringen sollen.<\/p>\n<p>Die Corona-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen versch\u00e4rfen das Anwachsen der sozialen Ungleichheit. Auch die Forscher von Creditreform gehen davon aus, dass die Schere zwischen Arm und Reich durch die Pandemie weiter auseinander driftet und sich am einen Ende die Schulden im gleichen Ma\u00df aufh\u00e4ufen wie am anderen Ende die gro\u00dfen Verm\u00f6gen. Sie weisen darauf hin, dass im Fr\u00fchjahr vor allem Jobs im Niedriglohnbereich verloren gingen, in der Gastronomie oder bei Taxiunternehmen, um nur einige Bereiche zu nennen. Auch befristete Stellen von Berufseinsteigern und \u201eMinijobern\u201c waren und sind stark betroffen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Grund, den Creditreform seit einiger Zeit als wesentlich f\u00fcr die \u00dcberschuldung von Privatpersonen und Privathaushalten anf\u00fchrt, ist die stetig wachsende Zahl von langfristigen Geringverdienern. 2020 sind 640.000 \u00dcberschuldungsf\u00e4lle auf l\u00e4ngerfristige Niedrigeinkommen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Diese Zahl hat sich fast verdreifacht seit dem Jahr 2015, als es 230.000 \u00dcberschuldungsf\u00e4lle aus diesem Grund gab und diese Kategorie zum ersten Mal eingef\u00fchrt wurde. Diese F\u00e4lle sind f\u00fcr neun Prozent aller privaten \u00dcberschuldungen verantwortlich.<\/p>\n<p>Verantwortlich f\u00fcr das rasante Anwachsen des Niedriglohnbereichs sind die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze, die die SPD\/Gr\u00fcnen-Regierung von Gerhard Schr\u00f6der und Joschka Fischer im Jahr 2005 mit Unterst\u00fctzung der Gewerkschaften einf\u00fchrte. Welche massiven gesellschaftlichen Auswirkungen diese Politik hatte, dazu f\u00fchrt der Schuldneratlas folgende Zahlen des Statistischen Bundesamts an:<\/p>\n<p>\u201eGut jede und jeder f\u00fcnfte abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte (21 Prozent) in Deutschland arbeitete im April 2018 im Niedriglohnsektor. Damit wurden rund 8 Millionen Jobs unterhalb der Niedriglohnschwelle (11,05 Euro brutto je Stunde) entlohnt. [\u2026] Mit 1,5 Millionen wurden die meisten Niedriglohnjobs im Handel gemeldet, im Gastgewerbe waren es 1,2 Millionen. Damit lagen gut zwei Drittel (67 Prozent) aller Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse im Gastgewerbe im Niedriglohnbereich, mehr als in jeder anderen Branche. Zum Vergleich: Im Handel lag der Niedriglohnanteil bei 29 Prozent, am zweith\u00f6chsten war der Anteil in der rund 310.000 Besch\u00e4ftigte z\u00e4hlenden Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft mit 54 Prozent.\u201c<\/p>\n<p>Durch die Corona-Pandemie wird die Lage noch einmal erheblich versch\u00e4rft, und zahlreiche junge Menschen verlieren gerade ihren Job oder Ausbildungsplatz. Insbesondere Studierende, die neben ihrem Studium arbeiten m\u00fcssen, k\u00f6nnen kaum Ersatz f\u00fcr weggefallene Nebenjobs in der Gastronomie und \u00e4hnlichen Bereichen finden. Ihre prek\u00e4re Situation wird sich vor allem im Bericht des n\u00e4chsten Jahres widerspiegeln. Im aktuellen Schuldenatlas 2020 ging die Zahl \u00fcberschuldeter junger Menschen im Vergleich zum Vorjahr um 303.000 auf 1,1 Millionen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Allerdings ist die \u00dcberschuldung bei \u00e4lteren Menschen stark angestiegen. In der Altersgruppe ab 50 bis 59 Jahren stieg sie um 73.000 auf 1,3 Millionen F\u00e4lle, bei den 60- bis 69-J\u00e4hrigen um 84.000 auf 725.000 F\u00e4lle, und bei der Altersgruppe ab 70 Jahren um 89.000 auf 425.000 F\u00e4lle. Diese \u00dcberschuldungszahlen geben einmal mehr den Blick frei auf die wachsende Altersarmut und die soziale Dimension der Pandemie: \u00c4ltere Menschen, die von ihrer Rente nicht leben k\u00f6nnen, m\u00fcssen zus\u00e4tzlich arbeiten, obwohl sie als Senioren von vorneherein zur Risikogruppe der besonders Gef\u00e4hrdeten geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise hat die Anzahl der geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigten in den Altersgruppen ab 60 Jahren sehr stark zugenommen, da viele in dieser Gruppe von ihrer Rente nicht leben k\u00f6nnen. Noch deutlicher zeigt sich die wachsende \u00dcberschuldung bei den \u201eim Nebenjob geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigten\u201c. Hier betrug der Anstieg seit 2003 rund 691 Prozent.<\/p>\n<p>In einem Extrakapitel geht die Studie von Creditreform auf die extrem hohe \u00dcberschuldung privater Verbraucher in den USA und Gro\u00dfbritannien ein. Beide L\u00e4nder sind besonders schwer von der Corona-Pandemie betroffen. In den USA sind aufgrund der kriminellen Politik der \u201eHerdenimmunit\u00e4t\u201c, die von beiden kapitalistischen Parteien, den Republikanern und Demokraten vertreten und durchgesetzt wird, inzwischen mehr als 250.000 Menschen an Covid-19 verstorben. In Gro\u00dfbritannien sind offiziell \u00fcber 65.000 Todesopfer zu beklagen, wobei die Dunkelziffer aber weit h\u00f6her liegt.<\/p>\n<p>In beiden L\u00e4ndern wird wie auch hier die Corona-Pandemie benutzt, um extreme Angriffe auf Arbeitspl\u00e4tze, L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen durchzuf\u00fchren. Die \u00dcberschuldungsquote in den\u00a0<strong>USA<\/strong>\u00a0wird in der Studie von Creditreform mit 21,7 Prozent angegeben. Fast 58 Millionen Menschen k\u00f6nnen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. 30 bis 40 Millionen sind von Zwangsr\u00e4umungen bedroht. \u00dcber 41 Millionen Arbeiter haben seit M\u00e4rz dieses Jahres ihren Job verloren. Die tats\u00e4chliche Arbeitslosenquote betr\u00e4gt mindestens 20 Prozent. Bereits vor Corona litten 37 Millionen Amerikaner an Hunger. Inzwischen ist ihre Anzahl weiter angestiegen. Zig Millionen sind auf Nahrungsmittelunterst\u00fctzung von Foodbanks angewiesen.<\/p>\n<p>In\u00a0<strong>Gro\u00dfbritannien<\/strong>\u00a0betr\u00e4gt die private \u00dcberschuldungsquote laut Creditreform 19,6 Prozent und betrifft 10,5 Millionen Menschen. Die Arbeitslosigkeit ist in diesem Jahr von vier auf zehn Prozent gestiegen. \u00dcber 14 Millionen Menschen leben in Armut. Die Situation wird sich f\u00fcr Millionen von Arbeitern nach dem Auslaufen von staatlichen Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen (\u00e4hnlich der Kurzarbeitergeld-Regelung in Deutschland) Ende Oktober noch weiter versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland zeigen sich die Auswirkungen von Armut, Arbeitslosigkeit, Niedriglohnarbeit und \u00dcberschuldung in einem immer gr\u00f6\u00dferen Andrang bei den Lebensmitteltafeln. Laut der letzten Erhebung aus dem Jahr 2019 nutzten bundesweit 1,65 Millionen Menschen die Tafeln, um preisg\u00fcnstig Lebensmittel zu erwerben. 44 Prozent sind Erwachsene, 30 Prozent Kinder und Jugendliche, 26 Prozent Senioren. Besonders die Anzahl der \u00c4lteren wie auch der Kinder und Jugendlichen ist innerhalb eines Jahres alarmierend um zwanzig bzw. zehn Prozent angestiegen.<\/p>\n<p>Das enorme Ausma\u00df der sozialen Ungleichheit, das sich in der privaten \u00dcberschuldung von Millionen Menschen ausdr\u00fcckt, wird durch die Ma\u00dfnahmen der kapitalistischen Regierungen auf der ganzen Welt seit Ausbruch der Corona-Pandemie noch weiter versch\u00e4rft. Direkt im Fr\u00fchjahr wurden Hunderte von Milliarden an Euros, Dollars oder Pfund den Konzernen und Banken als sogenannte Hilfspakete in den Rachen geworfen. Es diente dazu, die Aktienkurse hoch zu halten, damit sich die Reichen und Reichsten noch weiter bereichern konnten.<\/p>\n<p>Die Corona-Pandemie hat eine klare soziale Komponente. W\u00e4hrend Millionen von Arbeitern mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Wirtschaft und Schulen trotz der Gefahren durch Covid-19 bezahlen m\u00fcssen, wachsen die Verm\u00f6gen der Superreichen weiter ins Unermessliche.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/11\/17\/cred-n17.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. November 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elisabeth Zimmermann. In Deutschland kommt fast jeder zehnte Erwachsene mit seinem Einkommen nicht \u00fcber die Runden. Das zeigt der gerade ver\u00f6ffentlichte\u00a0Schuldneratlas 2020\u00a0der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. 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