{"id":8814,"date":"2020-11-24T09:31:36","date_gmt":"2020-11-24T07:31:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8814"},"modified":"2020-11-24T09:31:38","modified_gmt":"2020-11-24T07:31:38","slug":"deutschland-ist-auch-nach-30-jahren-einheit-ein-gespaltenes-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8814","title":{"rendered":"Deutschland ist auch nach 30 Jahren Einheit ein gespaltenes Land"},"content":{"rendered":"<p><em>Jakob Reimann. <\/em>Vor einer Weile besuchte ich \u00fcbers Wochenende eine Freundin in Wei\u00dfwasser in der Oberlausitz nahe der polnischen Grenze. Abends gingen wir tanzen und feiern. Auf dem ehemaligen Glasindustriegel\u00e4nde gibt\u2019s<!--more--> in der Hafenstube heute gelegentliche Live-Musik und Poetry Slam. Am n\u00e4chsten Morgen machten wir eine Radtour \u00fcbers Land. Auf dem Weg aus der Stadt raus fuhren wir an einer ehemaligen Glash\u00fctte vorbei. Ich liebe das metaphertriefende Schauspiel von zarten Blumen und kr\u00e4ftigen B\u00e4umen, die sich ihren Weg durch massiven Stein bohren \u2013 die Natur holt sich zur\u00fcck, was ihr geh\u00f6rt. Wir fuhren weiter zum Tagebau Nochten, wurden vom Security vertrieben, nahmen den Schleichweg durch den Wald und fuhren kilometerweit nahe der Abbruchkante entlang. Am Horizont die K\u00fchlt\u00fcrme des Kraftwerks Boxberg \u2013 auch liebevoll Wolkenmacher genannt. Ich habe zwar nie Herr der Ringe gelesen, doch vermute ich, dass so in etwa Mordor aussehen muss. Wir fahren weiter nach M\u00fchlrose \u2013 eines der letzten deutschen D\u00f6rfer, die der Kohle weichen sollen. Die meisten Dorfbewohner*innen wie auch der Ortsvorsteher haben sich kaufen lassen und beziehen bald schicke neue H\u00e4user einige Kilometer weiter. Nicht so der widerspenstige G\u00fcnther. Im Dreiseitenhof seiner Familie ist er geboren und will hier auch sterben. Wir gehen rein, sitzen am wackligen Holztisch mit sorbischer Bl\u00fcmchentischdecke, trinken Mineralwasser aus Gl\u00e4sern, die gewiss vor Jahrzehnten in einer der nahegelegenen Glash\u00fctten gezogen wurden. Stolz zeigt er uns die gesammelten Zeitungsartikel \u00fcber ihn und sein Dorf, erz\u00e4hlt mit zitternder Stimme \u00fcber seinen Protest, seine Unbeugsamkeit. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich weigert zu gehen, weil er stur ist oder weil ihm die politische Dimension seiner Taten ein Anliegen ist. Wir trinken aus und fahren zur\u00fcck nach Hause, in Wei\u00dfwasser vorbei an Plattenbauten und Ecken, wo einst viele Platten mehr standen, die aus Mangel an Bedarf abgerissen wurden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"560\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/BeitragBl\u00fchendeLandschaften.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8815\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/BeitragBl\u00fchendeLandschaften.jpg 1000w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/BeitragBl\u00fchendeLandschaften-300x168.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/BeitragBl\u00fchendeLandschaften-768x430.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Bl\u00fchende Landschaften seh\u2018 ich nicht: Tagebau Nochten &#8211; Foto: Rene Schwietzke via flickr.com (CC BY 2.0)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute ist der 3. Oktober. Widerwillig lese ich das Transkript von Steinmeiers Rede \u2013 30 Jahre Deutsche Einheit. Er erz\u00e4hlt etwas von Stolz und Demokratie, von Mut und Demut, vom \u201eZusammenwachsen von Ost und West\u201c, kritisiert den \u201emilitanten Nationalismus\u201c der Preu\u00dfen, um uns dann einzuschw\u00f6ren: \u201eSchwarz-Rot-Gold, das sind unsere Farben und die lassen wir uns nicht nehmen!\u201c Er schlie\u00dft mit der Erkenntnis, Deutschland sei ein Land mit der Zuversicht, \u201edass Freiheit \u00fcber Unfreiheit triumphiert\u201c. Dann denke ich zur\u00fcck an Wei\u00dfwasser. An die Anekdote da oben. Auch in ihr quillt aus jedem Satz und zwischen allen Zeilen 30 Jahre Einheit. Genau wie in Steinmeiers Rede, nur eben ganz anders. Von welcher Freiheit, welcher Unfreiheit redet Steinmeier \u00fcberhaupt? Wei\u00dfwasser war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das Zentrum der europ\u00e4ischen Glasproduktion, drei von vier Werkt\u00e4tigen arbeiteten im oder f\u00fcrs Glas. In den 1920ern war die kleine Gemeinde dann der gr\u00f6\u00dfte Glas produzierende Ort der Welt. Auch nach den Enteignungen der Glaswerke in der DDR blieb Wei\u00dfwasser ein bedeutender Glasproduzent, der Tausende Menschen besch\u00e4ftigte. Als die Treuhand dann ihre Heuschrecken ausschickte, \u201ebl\u00fchende Landschaften\u201c abzum\u00e4hen, brach die Glasindustrie in Wei\u00dfwasser in sich zusammen und besch\u00e4ftigt heute mitten im Zentrum der Stadt im letzten verbliebenen Werk keine 500 Leute mehr. Von den 38.000 Einwohner*innen vor der Wende sind heute noch 15.000 \u00fcbrig. Welche Freiheit meint Steinmeier also? Die Freiheit, arbeitslos zu werden, Meth zu rauchen oder wegzuziehen?<\/p>\n<p><strong>Der gro\u00dfe Raubzug<\/strong><\/p>\n<p>Darauf hinzuweisen, ist zum Klischee verkommen, doch scheint es immer wieder geboten: \u201eprivatisieren\u201c stammt vom lateinischen \u201eprivare\u201c und meint \u201eberauben\u201c. Die Treuhand wurde in den letzten Atemz\u00fcgen der DDR gegr\u00fcndet \u2013 eigentlich, um \u00fcber Anteilsscheine die Volkseigenen Betriebe und das DDR-Verm\u00f6gen treuh\u00e4nderisch auf die DDR-B\u00fcrger*innen zu \u00fcbertragen. Doch nach der Wiedervereinigung wurde sie dem Bonner Finanzministerium unterstellt und ihre F\u00fchrungsriege mit westdeutschen Gro\u00dfindustriellen besetzt; darunter Rohwedder (Hoesch AG), Gohlke (Deutsche Bundesbahn) und Odewald (Kaufhof AG). Privatisierung als Dogma: Der gro\u00dfe Raubzug konnte beginnen. Statt B\u00fcrger*innenbeteiligung und Anteilsscheinen wurde das \u201eVolkseigentum\u201c entdemokratisiert und der Treuhand \u00fcberschrieben, inklusive aller Besitzrechte. Klaus-Dieter Heiser von der Neuk\u00f6llner Linken schrieb dazu vor zehn Jahren: Die Treuhand wurde \u201edamit nicht nur Besitzerin, sondern auch Eigent\u00fcmerin von rund 8500 \u201avolkseigenen\u2018 Betrieben mit etwa vier Millionen Besch\u00e4ftigten in rund 45.000 Betriebsst\u00e4tten. Hinzu kamen 17,2 Milliarden Quadratmeter landwirtschaftliche Fl\u00e4chen, 19,6 Milliarden Quadratmeter bewirtschaftete W\u00e4lder, 25 Milliarden Quadratmeter Immobilien, etwa 40.000 Einzelhandelsgesch\u00e4fte und Gastst\u00e4tten, 14 Centrum-Warenh\u00e4user sowie einige tausend Buchhandlungen, hunderte von Kinos und Hotels und einige tausend Apotheken.\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn1\">(1)<\/a><\/p>\n<p>An all dem konnten sich Westdeutsche dann nach Belieben bedienen: Dresdner und Deutsche Bank nahmen das Filialnetz der DDR-Staatsbank, RWE und Preussag nahmen sich die Energieversorgung, Siemens schnitt sich hier und da einige Filetst\u00fccke heraus. Der gr\u00f6\u00dfte Coup gelang jedoch der Allianz: \u201eIn keinem anderen Gewerbe ist es einem Westunternehmen gelungen, sich nach dem Mauerfall quasi die gesamte Ostbranche einzuverleiben\u201c, schrieb der Spiegel. Die Allianz \u00fcbernahm 30 Millionen Versicherungspolicen von der Staatlichen Versicherung, bei der sich jede*r DDR-B\u00fcrger*in versichern musste. Finanzminister Theo Waigel (CSU) focht jeden politischen Gegenwind gegen diese offensichtlich kartellrechtlich unzul\u00e4ssige \u00dcbernahme des M\u00fcnchner Konzerns ab. Die Allianz \u201ezahlte\u201c f\u00fcr die \u00dcbernahme 271 Millionen Mark, doch nicht in \u00f6ffentliche Kassen, sondern als Einlage in die eigens f\u00fcr das Ostgesch\u00e4ft gegr\u00fcndete Deutsche Versicherungs-AG, die sp\u00e4ter in der Allianz aufging, also an sich selber. Unterm Strich \u201ezahlte\u201c sie also Null Mark f\u00fcr eines der DDR-Kronjuwelen, das allein im letzten DDR-Jahr 1989 noch \u00dcbersch\u00fcsse in H\u00f6he von 1,7 Milliarden Mark erwirtschaftete.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn2\">(2)<\/a><\/p>\n<p><strong>Noch ein Beispiel:<\/strong><\/p>\n<p>Mit einem Weltmarktanteil von 13 Prozent waren die Kaliwerke Bischofferode in Th\u00fcringen weltweit auf Platz 3 der Produzenten von Kalisalzen, D\u00fcngemittelhersteller im Westen rissen sich ob ihrer hohen Qualit\u00e4t um die Salze. Fast 2.000 Menschen arbeiteten dort. Dann kamen die Heuschrecken. Es kamen gierige Manager, korrupte Politiker und Gewerkschaftsf\u00fchrer. Die Treuhand nahm sich die Kaliwerke und wollte sie mit einer BASF-Tochter fusionieren, die alsbald die Schlie\u00dfung der Gruben ank\u00fcndigte. Es folgte der \u201eh\u00e4rteste Arbeitskampf, den das Land je erlebt hat\u201c (der Freitag): Bundesweite Unterschriftensammlungen und Proteste, ein Besuch beim Papst, der Marsch auf Berlin vor die Treuhandzentrale, Werksbesetzungen. 40 Kumpel gingen in den Hungerstreik, zwei Wochen sp\u00e4ter geht das Foto des ausgemergelten Kumpel Willibald Nebel auf der Notarzttrage liegend um die Welt. Alles vergebens, die Kaliwerke wurden geschlossen und geflutet \u2013 einzig und allein aus dem Grund, \u201edie Wettbewerbsbedingungen der [BASF-Tochter] zu verbessern, man wollte sein Monopol um jeden Preis behalten\u201c, wie es auf den Seiten der Stadt Bischofferode hei\u00dft. Im neu gegr\u00fcndeten Gewerbegebiet fanden dann zwei Dutzend Kalikumpel eine neue Anstellung, ein paar mehr \u201edurften\u201c ihre alten Gruben fluten und dann als Securities das Gel\u00e4nde bewachen. Hunderte Menschen waren jedoch gezwungen, das kleine Dorf zu verlassen. Und die BASF-Tochter erhielt eine Milliarde D-Mark als Belohnung sowie bis ins Jahr 1997 Verlustausgleichszahlungen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn3\">(3)<\/a><\/p>\n<p><strong>Das Treuhand-Fazit:<\/strong><\/p>\n<p>19.500 Unternehmen wurden privatisiert, Tausende weitere abgewickelt, 25.000 kleine Gesch\u00e4fte und Restaurants verkauft, ebenso rund 50.000 Immobilien.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn4\">(4)<\/a>\u00a0Viele Betriebe wurden teils f\u00fcr eine D-Mark verkauft, allein der Deutschen Bank wurden 112 Niederlassungen in bester Lage f\u00fcr Peanuts regelrecht hinterhergeworfen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn5\">(5)<\/a>\u00a0Doch wie war das m\u00f6glich, wie k\u00f6nnen im vermeintlich regelbasierten, marktwirtschaftlich organisierten Kapitalismus einfach ganze Konzerne verschenkt werden? Der Trick ging in etwa so: All die Unternehmen wurden zwar der Treuhand \u00fcberschrieben, doch finanzielle Belastungen, Schulden also, blieben in den B\u00fcchern der Unternehmen. F\u00fcr Gro\u00dfbanken waren sie damit nicht kreditw\u00fcrdig und wurden f\u00fcr \u201eK\u00e4ufer\u201c so zum Schn\u00e4ppchen. Im Anschluss wurden die Altschulden der Unternehmen durch die Treuhand ganz oder teilweise erlassen \u2013 et voil\u00e0: ein Konzern f\u00fcr lau.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn6\">(6)<\/a>\u00a0Wenn ein Diebstahl \u00fcber verschiedene Ecken und von einer Vielzahl konspirierender Akteure ausgef\u00fchrt wird, f\u00e4llt es schwer, ihn \u00fcberhaupt noch als solchen zu erkennen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Frage: Wo ist das \u201eVolkseigentum\u201c, das die Generationen meiner Eltern und Gro\u00dfeltern im kriegszerst\u00f6rten Osten, in von den Sowjets leerger\u00e4umten Industrieanlagen und demontierten Fertigungshallen neu aufgebaut haben, geblieben? Die kurze Antwort: 85 Prozent wurde an Westdeutsche \u00fcbertragen, zehn Prozent an Investor*innen aus dem Ausland und f\u00fcnf Prozent blieben im Osten.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn7\">(7)<\/a><\/p>\n<p>Dieser kriminelle Raubbau der \u2013 man kann es nicht anders sagen \u2013 Mafiaorganisation Treuhand am Verm\u00f6gen und an den Betrieben im Osten hatte katastrophale messbare makro\u00f6konomische Auswirkungen, doch hinterlie\u00df er auch pers\u00f6nlich unz\u00e4hlige Traumata, die derart fl\u00e4chendeckend waren, dass sie nicht minder eine gesamtgesellschaftliche Gr\u00f6\u00dfe waren und die Psyche im Osten derart getroffen haben, wie es sonst nur Kriege verm\u00f6gen \u2013 etwas, das im Westen gerne unter dem verachtenswerten Kampfbegriff \u201eJammerossi\u201c subsumiert wird. Der \u201eJammerossi\u201c hatte und hat noch einen zweiten Punkt, \u00fcber den er \u201ejammert\u201c und der ebenso vors\u00e4tzlich herbeigef\u00fchrt wurde wie der erste.<\/p>\n<p><strong>Arbeitslosigkeit, Sklaverei und Sarrazin<\/strong><\/p>\n<p>In der DDR gab es \u2013 zumindest auf dem Papier \u2013 bekanntlich Vollbesch\u00e4ftigung. Im Westen waren 1989 hingegen knapp \u00fcber zwei Millionen Menschen arbeitslos, entsprechend 7,9 Prozent. Eine Vereinigung zweier solcher Situationen ist aus arbeitsmarktpolitischer Sicht eine Katastrophe, ist doch nicht zuletzt aus Physik und Chemie bekannt, dass ein System mit einem derartigen Gef\u00e4lle in welchem Parameter auch immer instabil sein muss. Auftritt eines Nazis, der 20 Jahre sp\u00e4ter mit Ver\u00f6ffentlichung eines ekelhaften Buches \u2013 durch das ich mich selbst auch durchgeekelt habe \u2013 zum ideologischen Wegbereiter der AfD, zum Star der Neuen Rechten werden sollte. Thilo\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/05\/sarrazin-ist-kein-intelligenzforscher\/\">Sarrazin<\/a>\u00a0analysierte bereits 1974 in seiner Doktorarbeit die Rentabilit\u00e4t von Sklavenarbeit in den US-S\u00fcdstaaten.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn8\">(8)<\/a>\u00a0Sarrazin erkannte alsbald den grundlegenden \u00f6konomischen Wert der Sklavenarbeit: \u201eDie Sklaverei gab die n\u00f6tige Anleitung und Aufsicht, welche der N**** brauchte, um produktiv zu sein.\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn9\">(9)<\/a>\u00a0F\u00fcr den Sozialdemokraten Sarrazin, der w\u00e4hrend des Schreibens an seiner Dissertation 1973 in die SPD eintrat, war ein Menschenleben gleich wie Baumwollpreise oder Transportkosten lediglich ein mikro\u00f6konomischer Parameter unter vielen: \u201eDie Kosten der Sklavenhaltung waren so gering, dass dadurch die niedrige Produktivit\u00e4t der N**** ausgeglichen wurde.\u201c Und wie 36 Jahre sp\u00e4ter in Sarrazins Bestseller \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c stand auch damals schon die Geschlechterfrage im Fokus seiner Analyse: \u201eDie N****sklavin besa\u00df die H\u00e4lfte bis zwei Drittel der Produktivit\u00e4t eines m\u00e4nnlichen Sklaven.\u201c Da sie jedoch \u201ew\u00e4hrend ihres Lebens 5-10 Kinder produzierte, welche in der Produktion verwendet oder verkauft werden konnten\u201c, bilanziert Sarrazin, dass \u201esich f\u00fcr weibliche Sklaven h\u00f6here Kapitalwerte und interne Zinsf\u00fc\u00dfe als bei den M\u00e4nnern\u201c ergeben. Abschlie\u00dfend Sarrazins Fazit, das ihm 1974 seinen Doktortitel an der Bonner Uni einbrachte: \u201eInsgesamt l\u00e4sst sich der Schluss ziehen, dass die Sklavenhaltung mindestens ebenso profitabel war wie alternative Verwendungen des eingesetzten Kapitals.\u201c<\/p>\n<p>Zusammen mit dem damaligen Finanzminister Theo Waigel (CSU) und dem Staatssekret\u00e4r \u2013 und sp\u00e4teren IWF-Direktor und Bundespr\u00e4sidenten \u2013 Horst K\u00f6hler (CDU), die Sarrazins Innovationsgeist beide in h\u00f6chsten T\u00f6nen lobten, managte er\u2006 \u2006 ma\u00dfgeblich die sogenannte \u201eW\u00e4hrungs-, Wirtschafts- und Sozialunion\u201c. Sarrazin konnte seine aus der US-Sklavenarbeit erlangten arbeitsmarktpolitischen Erkenntnisse nun endlich in der echten Welt anwenden und von den \u201eN***sklaven\u201c auf die Ostdeutschen \u00fcbertragen. Dazu verfasste er im Januar 1990 sein finanz- und arbeitsmarktpolitisches Grundsatzpapier, in dem er das \u201eFreisetzungspotential\u201c berechnete, das im Zuge der Wiedervereinigung auf Seiten der DDR-B\u00fcrger*innen generiert werden musste. (Wobei \u201eFreisetzung\u201c einfach ein Euphemismus f\u00fcr \u201ein die Arbeitslosigkeit treiben\u201c ist und das zu bestimmende \u201ePotential\u201c jenen Wert darstellt, der ben\u00f6tigt wird, um das oben beschriebene instabile System zwischen Ost und West bez\u00fcglich der stark abweichenden Arbeitslosenquote zu stabilisieren.) Sarrazins Rezept f\u00fcr die DDR-Arbeiter*innenschaft: \u201e[Es muss] erhebliche Freisetzungen geben. Bei Freisetzungen im Umfang von ca. 35 bis 40 v. H. der Industriebesch\u00e4ftigten w\u00e4re der in der Bundesrepublik \u00fcbliche Anteil der Industriebesch\u00e4ftigten an der Wohnbev\u00f6lkerung erreicht.\u201c Es m\u00fcssen also nur zwei von f\u00fcnf Besch\u00e4ftigten im Osten arbeitslos gemacht werden und die Wiedervereinigung steht auf makro\u00f6konomisch soliden F\u00fc\u00dfen. Gesagt, getan: Waigel, K\u00f6hler und Sarrazin trieben vors\u00e4tzlich drei Millionen Ostdeutsche in die Arbeitslosigkeit, um den Osten so an das geringere Besch\u00e4ftigungsniveau des Westens anzugleichen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#fn10\">(10)<\/a><\/p>\n<p><strong>Der tiefe Spalt<\/strong><\/p>\n<p>Es f\u00e4llt schwer, Westdeutschen die Auswirkungen der Wende auf die ostdeutsche Psyche verst\u00e4ndlich zu machen \u2013 der Raubzug am Verm\u00f6gen und den in Jahrzehnten geschaffenen materiellen Werten, das millionenfache St\u00fcrzen in die Arbeitslosigkeit, das \u00dcberst\u00fclpen eines anderen Systems von heute auf morgen. Hinzu kommen die systematischen Dem\u00fctigungen und die in weiten Teilen bis heute fortw\u00e4hrende Herablassung. Was hei\u00dft es, wenn unter Vorsatz ganze St\u00e4dte ausgeblutet werden? Wenn reihenweise Lebensentw\u00fcrfe vernichtet werden? Unz\u00e4hlige naive und gutgl\u00e4ubige Ostdeutsche, die von westdeutschen Firmen mit b\u00f6swilligen Absichten \u00fcber den Tisch gezogen wurden. NVA-Soldaten, die es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, zur Bundeswehr zu gehen, zum \u201eKlassenfeind\u201c. Oder die Tausenden Menschen aus der Glasindustrie in Wei\u00dfwasser, die ihre Jobs verloren und deren Fabriken, die einst in alle Welt exportierten, heute bauf\u00e4llige Ruinen sind. Oder die Kalikumpel aus Bischofferode, deren Lebensgrundlagen aufgrund der Gier der BASF-Vorst\u00e4nde geflutet wurden.<\/p>\n<p>All das sind Identit\u00e4ten, die bewusst zerst\u00f6rt wurden, mit allen Konsequenzen, die ein Identit\u00e4tsverlust mit sich bringt. Dasselbe gilt \u2013 ob mir durch meine gr\u00fcne Brille das nun passt oder nicht \u2013 f\u00fcr die Tausenden Jobs in der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/wir-blockieren-am-ort-der-zerstoerung\/\">Lausitzer Kohle<\/a>. 1789 wurde im heutigen Lauchhammer der erste Kohlefl\u00f6z angebohrt. Kohlekumpel: Das ist eine \u00fcber zweieinhalb Jahrhunderte gewachsene Identit\u00e4t. Und wenn, im Wesentlichen, westdeutsche Politiker*innen in Berlin zwar vollkommen richtig doch viel zu sp\u00e4t den Kohleausstieg beschlie\u00dfen, ohne all diesen Leuten auch nur irgendetwas anzubieten, ist das mit drei\u00dfig Jahren Verz\u00f6gerung der zweite Tritt ins Gesicht all der Lausitzer*innen. Die zweite Dem\u00fctigung. Drei Jahrzehnte hallt das Echo durch die Geschichte und beweist einmal mehr, dass die Entscheidungstr\u00e4ger*innen unf\u00e4hig sind, ihre Blase zu verlassen und f\u00fcr nur einen Moment die Welt durch die Augen jener Personen zu betrachten, deren Leben sie mit ihren Entscheidungen auf den Kopf stellen werden. Erst nehmen sie uns das Glas, jetzt nehmen sie uns die Kohle. Und zur\u00fcck bleibt \u00d6dland, Mordor.<\/p>\n<p>Mag sein: Vom hohen Ross aus klingt das hier unten vielleicht wirklich alles wie \u201eJammern\u201c. Doch von der realen Welt am Boden aus betrachtet ist das die bittere Erkenntnis, dass Deutschland auch nach 30 Jahren Einheit ein tief gespaltenes Land ist.<\/p>\n<p><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref1\">(1)<\/a>\u00a0Zit. nach marx21, Klaus-Dieter Heiser, (14) 2010: Ausverkauf der DDR: Verbl\u00fchte Landschaften.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref2\">(2)<\/a>\u00a0Zit. nach und vgl. Der Spiegel, Alexander Jung, 2.10.2015: Der Schatz im Paternoster.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref3\">(3)<\/a>\u00a0Vgl. Untergang des Kaliwerkes, bischofferode.de; sowie Capital, 26.8.2019: Der Kampf der Kalikumpel von Bischofferode gegen die Treuhand.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref4\">(4)<\/a>\u00a0Vgl. M\u00e4rkische Oderzeitung, Nina Jeglinski, 6.8.2019: Das Erbe der Anstalt \u2013 die Treuhand im Fokus eines Forschungsprojekts.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref5\">(5)<\/a>\u00a0Vgl. Telepolis, Reinhard Jellen, 4.12.2012: Die gro\u00dfe Enteignung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref6\">(6)<\/a>\u00a0Vgl. Anm. 1.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref7\">(7)<\/a>\u00a0Vgl. Mitteldeutscher Rundfunk, 7.7.2020: Wie die Treuhand den Osten verkaufte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref8\">(8)<\/a>\u00a0Vgl. Ossietzky, Otto K\u00f6hler, (1) 2016: Bundeszentrale \u2013 Sklaverei ohne Sarrazin.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref9\">(9)<\/a>\u00a0Im Originaltext benutzt der Rassist Sarrazin das N-Wort, das hier durch \u201eN***\u201c ersetzt wurde, weil die ausgeschriebene rassistische Schreibweise BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) h\u00e4ufig als eine retraumatisierende Mikro-Aggression erleben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/#ref10\">(10)<\/a>\u00a0Vgl. (5)<\/p>\n<p><strong>Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/2020\/08\/service\/schnupperabo\/\"><strong><em>hier.<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/bluehende-landschaften-seh-ich-nicht\/\"><em>graswurzel.net&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. November 2020<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jakob Reimann. Vor einer Weile besuchte ich \u00fcbers Wochenende eine Freundin in Wei\u00dfwasser in der Oberlausitz nahe der polnischen Grenze. Abends gingen wir tanzen und feiern. 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