{"id":8839,"date":"2020-11-28T11:27:16","date_gmt":"2020-11-28T09:27:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8839"},"modified":"2020-11-28T11:27:17","modified_gmt":"2020-11-28T09:27:17","slug":"engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8839","title":{"rendered":"Engels\u2018 Briefe an Kautsky \u2013 von Leo Trotzki (Oktober 1935)"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Funke.<\/em> <strong>Im Jahr 2020 feiert Engels seinen 200. Geburtstag \u2013 und es ist auch das 80. Jahr seit der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten. Der folgende Text erscheint hier erstmals auf Deutsch. Nicht nur als historisches Dokument,<\/strong><!--more--> <strong>sondern auch f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der wissenschaftlichen Methode des Marxismus und der Rolle von Revolution\u00e4rInnen, ist er wertvoll.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Friedrich Engels, der kongeniale Genosse, Weggef\u00e4hrte und Freund von Karl Marx, w\u00fcrde heuer seinen 200. Geburtstag feiern. Gemeinsam mit Marx entwickelte er die theoretischen Grundlagen des \u201ewissenschaftlichen Sozialismus\u201c (revolution\u00e4ren Marxismus). Mit seinen Arbeiten vertiefte er das Verst\u00e4ndnis von der Entstehung der Menschheit, der Herausbildung der Familie und des Staates als Unterdr\u00fcckungsmaschinerie und \u2013 aus unserer Sicht ganz entscheidend \u2013 er leistete einen gro\u00dfen Beitrag zur Darlegung des dialektischen Materialismus, der philosophischen Methode des Marxismus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Neben seinen Leistungen auf dem Gebiet der Theoriearbeit war Friedrich Engels jedoch auch ein Mann der revolution\u00e4ren Praxis. Mit seinen B\u00fcchern (z.B. \u201eAnti-D\u00fchring\u201c), Artikeln und in unz\u00e4hligen Briefen gab er einer ganzen Generation von f\u00fchrenden K\u00f6pfen der Arbeiterbewegung in Europa theoretisches R\u00fcstzeug, Perspektiven und politische Orientierung, ohne die es niemals m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, die Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert in eine Massenbewegung zu verwandeln.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gerade die \u00f6sterreichische Sozialdemokratie verdankt Engels, der zu Victor Adler und Adelheid Popp ein sehr enges pers\u00f6nliches und politisches Verh\u00e4ltnis pflegte, sehr viel. So waren Engels und seine engste Mitarbeiterin Louise Kautsky federf\u00fchrend im Entstehungsprozess der proletarischen Frauenbewegung in \u00d6sterreich. Genau diesen Aspekt seines Lebenswerks beleuchtet der folgende Artikel von Leo Trotzki. Er entstand 1935 aus Anlass der Ver\u00f6ffentlichung des Briefwechsels von Friedrich Engels und dem deutsch-\u00f6sterreichischen Sozialdemokraten Karl Kautsky in Buchform (Karl Kautsky [Hg.], Aus der Fr\u00fchzeit des Marxismus \u2013 Engels\u2018 Briefwechsel mit Kautsky, Orbis-Verlag A.-G., Prag, 1935).<\/strong><\/p>\n<p><strong>Trotzki zeichnet auf der Grundlage dieses bis dahin unbekannten Materials ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Portr\u00e4t des gro\u00dfen Revolution\u00e4rs.Kautsky galt lange Zeit als jener Theoretiker, der das Werk von Marx und Engels weiterf\u00fchrte. Er kann als der Begr\u00fcnder jener Schule gesehen werden, die sp\u00e4ter als \u201eAustromarxismus\u201c bekannt wurde. Trotzki, der selbst lange Jahre in Wien lebte, hier in der Sozialdemokratie aktiv war und die austromarxistischen F\u00fchrer aus n\u00e4chster N\u00e4he kennenlernen konnte, unterzieht in mehreren B\u00fcchern diese Denkrichtung einer scharfen politischen Kritik, wobei er nachweist, dass die Methode von Kautsky, Otto Bauer &amp; Co. mit der dialektischen Methode und dem revolution\u00e4ren Spirit des Marxismus nicht viel gemein hat.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mit dem folgenden Artikel zeichnet er nach, welche Kluft in der pers\u00f6nlichen Haltung und in der politischen Ausrichtung zwischen Engels und der nachfolgenden Generation der sozialdemokratischen Arbeiterf\u00fchrer bestand. Der aus der 68er-Bewegung bekannte Spruch \u201edas Private ist politisch\u201c nimmt anhand dieses Briefwechsels konkrete Form an.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wir halten diesen Artikel nicht nur als historisches Dokument, das Einblick in die fr\u00fche Geschichte der Arbeiterbewegung und des Marxismus bietet, f\u00fcr interessant, sondern er beinhaltet auch wichtige Ansatzpunkte, um das Verst\u00e4ndnis von der wissenschaftlichen Methode des Marxismus und der Rolle von Revolution\u00e4rInnen in der Arbeiterbewegung zu sch\u00e4rfen.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"530\" height=\"278\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/eng-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8840\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/eng-1.jpg 530w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/eng-1-300x157.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 530px) 100vw, 530px\" \/><\/figure>\n<p><strong>&#8212;&#8211; <\/strong><\/p>\n<p>Das Jahr 1935 markiert den 40. Todestag von Friedrich Engels, einem der beiden Autoren des Kommunistischen Manifests. Der andere war Karl Marx. Dieser Jahrestag ist auch deshalb beachtenswert, da Karl Kautsky, mittlerweile 81 Jahre alt, endlich seine Korrespondenz mit Engels ver\u00f6ffentlicht hat. Das ist ein sehr wertvolles Geschenk f\u00fcr all jene, die sich ernsthaft f\u00fcr die politische Geschichte der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung der Ideen des Marxismus, das Schicksal der Arbeiterbewegung und letztlich die Pers\u00f6nlichkeit von Friedrich Engels interessieren.<\/p>\n<p>Zu Marx\u2018 Lebzeiten spielte Engels, wie er es selbst ausdr\u00fcckte, die zweite Geige. Aber mit der letzten Erkrankung und speziell nach dem Tod von Marx wurde Engels der direkte und unbestrittene Dirigent im Orchester des Weltsozialismus und blieb es die kommenden 12 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Engels l\u00e4ngst von seinen gesch\u00e4ftlichen Verpflichtungen befreit. Er war finanziell v\u00f6llig unabh\u00e4ngig und konnte daher seine ganze Zeit der Redaktion und Publikation des literarischen Nachlasses von Marx widmen, seine eigene Forschungsarbeit betreiben und eine umfangreiche Korrespondenz mit den Linken in der Arbeiterbewegung in allen L\u00e4ndern f\u00fchren. Sein Briefwechsel mit Karl Kautsky stammt aus seiner letzten Lebensphase (1881-1895).<\/p>\n<p>Die in ihrer Zielstrebigkeit und Klarheit einzigartige Pers\u00f6nlichkeit von Engels wurde in den nachfolgenden Jahren vielen Interpretationsversuchen unterzogen \u2013 das ist die Logik des Kampfes. Man muss sich nur in Erinnerung rufen, wie Ebert, Scheidemann und andere w\u00e4hrend des letzten Krieges Engels als deutschen Patrioten portr\u00e4tierten, w\u00e4hrend die Publizisten der Entente ihn als Pangermanisten darstellten. In diesen und anderen Fragen helfen die Briefe, tendenzi\u00f6se \u00dcberlagerungen von Engels\u2018 Pers\u00f6nlichkeit zu beseitigen. Doch das ist nicht die zentrale Bedeutung dieser Briefe. Man kann ohne Angst vor \u00dcbertreibung sagen, dass jedes neue Dokument mit einem Bezug zu Engels ihn als noch viel feineren, edleren und faszinierenderen Menschen zeigt, als er uns zuvor erscheinen musste.<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen 1880er Jahren tat sich Kautsky in der Rolle des offiziellen Theoretikers der deutschen Sozialdemokratie hervor, die ihrerseits wieder zur f\u00fchrenden Partei der Zweiten Internationale aufstieg. So wie Engels zu Lebzeiten von Marx, so spielte auch Kautsky bestenfalls die zweite Geige, solange Engels am Leben war \u2013 mit gro\u00dfen Abweichungen vom ersten Violinisten. Nach dem Tode Engels\u2018 wuchs die Autorit\u00e4t des Sch\u00fclers rasant an und erreichte um die erste Russische Revolution 1905 ihren Zenit. In seinem Kommentar zum Briefwechsel beschreibt Kautsky seine Aufregung bei seinem ersten Besuch bei Marx und Engels. Ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter haben viele junge Marxisten \u2013 speziell auch der Autor dieses Artikels \u2013 dieselbe Aufregung versp\u00fcrt, als sie die Stufen zum bescheidenen Haus in Friedenau, in der Vorstadt Berlins, wo Kautsky \u00fcber viele Jahre wohnte, erklommen. Er wurde damals in Fragen der Theorie als der \u00fcberragende und unangefochtene F\u00fchrer der Internationale angesehen. Von seinen Gegnern wurde er als \u201ePapst\u201c des Marxismus bezeichnet.<\/p>\n<p>Doch Kautsky konnte sich diese Autorit\u00e4t nicht lange erhalten. Gro\u00dfe Ereignisse im letzten Vierteljahrhundert haben ihm gewaltig mitgespielt. W\u00e4hrend und nach dem Krieg war Kautsky regelrecht die Personifizierung nerv\u00f6ser Unentschlossenheit. Was bis dahin nur einige Wenige erahnt hatten, wurde nun vollauf best\u00e4tigt, n\u00e4mlich, dass sein Marxismus im Wesentlichen von rein akademischem und kontemplativem Charakter war. Wenn Kautsky von Wien aus, w\u00e4hrend eines Streiks im April 1889, schrieb, \u201emeine Gedanken sind mehr auf der Stra\u00dfe, als beim Schreibtisch\u201c (S. 242), dann erscheinen diese Worte \u00fcberraschend und fast schon falsch, selbst wenn sie aus der Feder des jungen Kautsky stammen. Sein ganzes Leben lang blieb der Schreibtisch sein wichtigstes Bet\u00e4tigungsfeld. Stra\u00dfenk\u00e4mpfe erschienen ihm eher als Hindernisse. Er hat den Ruf, die Doktrin popularisiert zu haben, er gilt als der Interpret der Vergangenheit, als Verteidiger der Methode. Ja, das war er, aber er war nie ein Mann der Tat, nie ein Revolution\u00e4r oder Erbe des Geistes von Marx und Engels.<\/p>\n<p>Dieser Briefwechsel legt nicht nur die radikalen Unterschiede zwischen den beiden Pers\u00f6nlichkeiten vollst\u00e4ndig frei, sondern auch etwas zumindest f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Generation v\u00f6llig Unerwartetes \u2013 den Antagonismus, der zwischen Engels und Kautsky bestand, und der schlussendlich auch zum Bruch in ihren pers\u00f6nlichen Beziehungen f\u00fchrte.<\/p>\n<p><strong>\u201eDer General\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Engels zeichnete sich durch seine F\u00e4higkeit zur Einsch\u00e4tzung konkreter Umst\u00e4nde und Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse aus. Das und sein umfassendes Spezialwissen in milit\u00e4rischen Angelegenheiten bef\u00e4higten ihn dazu, w\u00e4hrend des Franz\u00f6sisch-Preu\u00dfischen Krieges in der Londoner Pall-Mall Gazette bemerkenswerte milit\u00e4rtheoretische Artikel zu ver\u00f6ffentlichen. Dieser Artikelserie verdankte er die Zuschreibung, einer der besten Milit\u00e4rexperten seiner Zeit zu sein (zweifelsohne schauten sich die Herren aus der \u201eObrigkeit\u201c nicht ohne betr\u00e4chtliches Erstaunen in den Spiegel). In seinem engsten Umfeld erhielt Engels deshalb den scherzhaften Spitznamen \u201eGeneral\u201c. Mit diesem Namen zeichnete er auch eine Reihe von Briefen an Kautsky.<\/p>\n<p>Engels war kein gro\u00dfer Redner, aber vielleicht hatte er auch einfach nie die Gelegenheit, einer zu werden. Gegen\u00fcber \u201eRednern\u201c zeigte er sogar einen Hauch von Verachtung, weil er \u2013 nicht ganz grundlos \u2013 die Meinung vertrat, sie w\u00fcrden komplexe Ideen zu Banalit\u00e4ten reduzieren. Kautsky erinnert sich an Engels aber als einen bemerkenswerten Gespr\u00e4chspartner, der \u00fcber ein unersch\u00f6pfliches Erinnerungsverm\u00f6gen und Witz verf\u00fcgte und sich \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise auszudr\u00fccken pflegte. Leider ist Kautsky selbst nur ein mittelm\u00e4\u00dfiger Beobachter und alles andere als ein K\u00fcnstler: In seinen eigenen Briefen sticht Engels unendlich klarer hervor als in den Kommentaren und Erinnerungen von Kautsky.<\/p>\n<p>Engels Beziehungen zu anderen Menschen waren frei von Gef\u00fchlsduselei und Illusionen, zeichneten sich deshalb durch Unkompliziertheit aus und waren somit auch zutiefst menschlich. In seiner Gesellschaft bei einem Abendessen, wo Vertreter verschiedener L\u00e4nder und Kontinente zusammenkamen, l\u00f6sten sich alle Gegens\u00e4tze zwischen der geschliffenen radikalen Gr\u00e4fin Schack und der alles andere als geschliffenen russischen Nihilistin Vera Sassulitsch wie von Zauberhand auf. Die pr\u00e4chtige Pers\u00f6nlichkeit des Gastgebers dr\u00fcckte sich darin aus, dass er imstande war, sich selbst und die anderen \u00fcber alles Zweitrangige und Oberfl\u00e4chliche zu erheben, ohne auch nur im Geringsten von seinen Sichtweisen oder gar seinen Gewohnheiten abzuweichen.<\/p>\n<p>Man wird an diesem Revolution\u00e4r vergeblich die Wesensz\u00fcge des Bohemiens suchen, die sonst unter radikalen Intellektuellen so weit verbreitet sind. Engels war sowohl in kleinen wie auch in gro\u00dfen Dingen gegen\u00fcber Schlamperei und Pflichtvergessenheit \u00e4u\u00dferst unduldsam. Er sch\u00e4tzte Genauigkeit im Denken, Genauigkeit beim Finanzgebaren, Exaktheit in gesprochenem und gedrucktem Wort. Als ein deutscher Verleger versuchte, seine Schreibweise abzu\u00e4ndern, verlangte Engels mehrere Druckfahnen zur\u00fcck, um sie noch einmal \u00fcberpr\u00fcfen zu k\u00f6nnen. Er schrieb: \u201eIch lie\u00dfe mir eine Orthographie ebensowenig aufoktroyieren als eine Frau.\u201c (S. 147). Diese Verbindung von Zorn und Humor holt Engels beinahe ins Leben zur\u00fcck! Zus\u00e4tzlich zu seiner Muttersprache, die er wie ein Virtuose beherrschte, schrieb Engels frei auf Englisch, Franz\u00f6sisch und Italienisch. Au\u00dferdem konnte er Spanisch und nahezu alle slawischen und skandinavischen Sprachen lesen. Sein Wissen auf den Gebieten der Philosophie, der \u00d6konomie, der Geschichte, der Physik, der Philologie und der Milit\u00e4rwissenschaften h\u00e4tten f\u00fcr ein gutes dutzend ordentlicher und au\u00dferordentlicher Professuren gereicht. Doch abseits dieser F\u00e4higkeiten besa\u00df er einen ganz besonderen Schatz: Das gefl\u00fcgelte Denken.<\/p>\n<p>Im Juni 1884, als Bernstein und Kautsky sich bei Engels \u00fcber den einsetzenden Druck von allen nur denkbaren \u201egebildeten\u201c Biederm\u00e4nnern in der Partei beschwerten, antwortete ihnen Engels: \u201eHauptsache ist, sich nichts bieten zu lassen, aber dabei in aller Gem\u00fcthsruhe zu bleiben\u201c (S. 119). W\u00e4hrend der General nicht immer \u201eGem\u00fcthsruhe\u201c im w\u00f6rtlichen Sinne bewahrte \u2013 im Gegenteil, gelegentlich kochte er \u00fcber vor Wut \u2013, gelang es ihm doch immer, bald wieder \u00fcber den Dingen zu stehen und das notwendige Gleichgewicht zwischen seinen Gedanken und Gef\u00fchlen wiederherzustellen. Die urw\u00fcchsige Seite seiner Pers\u00f6nlichkeit war von einer Mischung aus Optimismus und Humor gegen\u00fcber sich selbst und seinem engsten Umfeld sowie Ironie gegen\u00fcber seinen Gegnern gekennzeichnet. In seinem Optimismus war kein F\u00fcnkchen Selbstzufriedenheit. Die Quelle seiner Lebensfreude entsprang seinem fr\u00f6hlichen und harmonischen Temperament, doch Letzteres war v\u00f6llig durchdrungen mit dem Wissen, das mit der gr\u00f6\u00dften aller Freuden einherging: Der Freude kreativer Auffassungsgabe.<\/p>\n<p>Engels\u2018 Optimismus wirkte sich gleicherma\u00dfen in politischen Fragen wie in pers\u00f6nlichen Angelegenheiten aus. Nach jeder Niederlage hielt er umgehend Ausschau nach Bedingungen, die einen neuen Aufschwung vorbereiteten, und nach jedem R\u00fcckschlag, dem ihm das Leben verpasste, gab er sich einen Ruck und schaute wieder in die Zukunft. So hielt er es bis zum Sterbetag. Es gab Zeiten, in denen er wochenlang nicht aufstehen konnte, um einem Knochenbruch, den er bei einem Sturz w\u00e4hrend einer Fuchsjagd der englischen Gentry erlitten hatte, auszukurieren. Manchmal verweigerten ihm seine gealterten Augen bei k\u00fcnstlichem Licht den Dienst, ohne dass es bei Nebel in London auch tags\u00fcber kein Auskommen gibt. Doch Engels schreibt nie \u00fcber seine k\u00f6rperlichen Leiden, und wenn, dann nur nebenbei, um eine verz\u00f6gerte Antwort zu erkl\u00e4ren und um umgehend zu versprechen, dass alles bald wieder besser laufen und die Arbeit wieder mit voller Geschwindigkeit fortgesetzt werde.<\/p>\n<p>Einer von Marx\u2018 Briefen bezieht sich auf Engels Gewohnheit bei Konversationen scherzhaft zu zwinkern. Dieses \u201eAugenzwinkern\u201c zieht sich durch die gesamte Korrespondenz von Engels. Dieser Mann der Pflicht und sehr tiefgehender Bindungen erinnert an alles andere als an einen Asketen. Er war ein Natur- und Kunstliebhaber, er genoss die Gemeinschaft kluger und lustiger Menschen, er umgab sich gerne mit Frauen und liebte gute Scherze, lachte gerne, sch\u00e4tzte ein gutes Abendessen, guten Wein und guten Tabak. Gelegentlich war er auch nicht abgeneigt, sich bei der Lekt\u00fcre von Rabelais, der sich gerne seine Inspiration unter der G\u00fcrtellinie suchte, einen Lachkrampf zu holen. Generell kann man sagen, dass ihm nichts Menschliches fremd war. Nicht selten finden wir in seinen Briefen Anspielungen, dass in seinem Haus mehrere Flaschen guten Weines ge\u00f6ffnet wurden, wenn es darum ging Neujahr oder den erfolgreichen Ausgang einer Wahl in Deutschland, seinen eigenen Geburtstag und manchmal auch Anl\u00e4sse von geringerer Bedeutung zu feiern. Selten nur finden wir Stellen, wo sich der General beschwert, dass er lieber auf dem Sofa liegen blieb, \u201eanstatt mit euch zu kneipen\u2026 Nun, aufgehoben ist nicht aufgeschoben.\u201c (S. 335) Engels war 72 Jahre alt, als er das schrieb. Einige Monate sp\u00e4ter machte ein falsches Ger\u00fccht in der Presse die Runde, wonach Engels schwer krank sei. Der 73 Jahre alte General schrieb dar\u00fcber: \u201eNun, wir haben auf den hochgradigen Kr\u00e4fteverfall und das st\u00fcndlich erwartete Ableben diverse Flaschen geleert.\u201c (S. 352)<\/p>\n<p>War er ein Epikureer? Die zweitrangigen \u201eSegen des Lebens\u201c waren nie das Entscheidende im Leben dieses Mannes. Er interessierte sich aufrichtig f\u00fcr die Familienmoral aus der Epoche der Wildheit oder die Geheimnisse der irischen Philologie, doch er war stets untrennbar verbunden mit dem zuk\u00fcnftigen Schicksal der Menschheit. Wenn er sich selbst einen trivialen Scherz erlaubte, dann war es nur in der Gesellschaft nicht trivialer Menschen. Seinem Humor, seiner Ironie und seiner Lebensfreude, das f\u00fchlt man, lag immer ein gewisses moralisches Pathos zugrunde \u2013 aber ohne die geringste Phrasendrescherei oder sonderliches Getue, immer gut versteckt, aber umso aufrichtiger und er war stets bereit, selbst ein Opfer zu bringen. Der Gesch\u00e4ftsmann, der Eigent\u00fcmer einer Fabrik, eines Jagdpferdes und eines Weinkellers war bis auf die Knochen ein revolution\u00e4rer Kommunist.<\/p>\n<p><strong>Der Nachlassverwalter von Marx<\/strong><\/p>\n<p>Kautsky \u00fcbertreibt nicht im Geringsten, wenn er in seinem Kommentar zum Briefwechsel feststellt, dass es unm\u00f6glich w\u00e4re, in der Geschichte einen vergleichbaren Fall zu finden, wo zwei M\u00e4nner von so kraftvollem Temperament und eigenst\u00e4ndigem ideologischen Denken wie Marx und Engels ihr ganzes Leben lang durch die Entwicklung ihrer Ideen, ihre soziale Aktivit\u00e4t und pers\u00f6nliche Freundschaft so untrennbar miteinander verbunden blieben. Engels hatte ein schnelleres Auffassungsverm\u00f6gen, war flexibler, umtriebiger und vielseitiger; Marx war schwerf\u00e4lliger, sturer und zu sich selbst und zu anderen strenger. Selbst ein hell leuchtender Stern erster G\u00fcte, war es ihm doch m\u00f6glich, die intellektuelle Autorit\u00e4t von Marx mit jener Bescheidenheit anzuerkennen, mit der er generell seine pers\u00f6nlichen und politischen Beziehungen aufbaute.<\/p>\n<p>Die Zusammenarbeit dieser beiden Freunde \u2013 hier haben wir den Rahmen, wo dieser Begriff seine volle Bedeutung erlangt \u2013 war so tiefgehend, dass es unm\u00f6glich ist, eine Trennlinie zwischen ihren Werken zu ziehen. Aber unendlich wichtiger als das rein literarische Zusammenwirken war die geistige Verbundenheit, die zwischen den beiden existierte und die niemals zerbrach. Sie schrieben sich entweder t\u00e4glich Briefe, schickten sich epigrammatische Notizen und verstanden sich gegenseitig auch auf der Grundlage von kleinen Anspielungen, oder sie setzten ihre gleicherma\u00dfen epigrammatische Konversation inmitten von Zigarrenrauch fort. \u00dcber vier Jahrzehnte st\u00e4rkten sich Marx und Engels so in ihrem ununterbrochenen Kampf gegen die offizielle Wissenschaft und den traditionellen Aberglauben gegenseitig den R\u00fccken. Die \u00f6ffentliche Meinung hatten sie dabei stets gegen sich.<\/p>\n<p>Engels sah in der materiellen Unterst\u00fctzung von Marx eine politische Verpflichtung von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit. Das war auch das Hauptmotiv daf\u00fcr, dass er sich selbst so viele Jahre an die harte Arbeit im \u201efluchbeladenen Gesch\u00e4ft\u201c gebunden hat \u2013 wobei er auch in diesem Bereich genauso erfolgreich wirkte wie in allen anderen. Sein Verm\u00f6gen wurde immer gr\u00f6\u00dfer und damit verbesserten sich auch die Lebensumst\u00e4nde der Familie Marx. Nachdem Marx gestorben war, unterst\u00fctzte Engels weiterhin dessen T\u00f6chter. Die alte Haush\u00e4lterin des Ehepaares Marx, Helene Demuth, die ein fester Bestandteil der Familie war, \u00fcbernahm er in seinen Dienst. Ihr gegen\u00fcber verhielt sich Engels in liebevoller Loyalit\u00e4t. Nach ihrem Tod klagte er, wie sehr er ihre Ratschl\u00e4ge nicht nur in pers\u00f6nlichen, sondern auch in Parteiangelegenheiten vermisse. Engels vermachte Marx\u2018 T\u00f6chtern praktisch sein gesamtes Verm\u00f6gen, das abgesehen von der Bibliothek, den M\u00f6beln usw. rund 30.000 Pfund betrug.<\/p>\n<p>Wenn sich Engels in seinen jungen Jahren in die Schatten der Textilindustrie von Manchester zur\u00fcckzog, um Marx die Arbeit am \u201eKapital\u201c zu erm\u00f6glichen, dann stellte er sp\u00e4ter als alter Mann, und dann ohne zu klagen, und wir k\u00f6nnen mit Sicherheit sagen, ohne Bedauern, seine eigene Forschungsarbeit zur\u00fcck, um Jahre damit zu verbringen, die hieroglyphischen Manuskripte von Marx zu entziffern, \u00dcbersetzungen penibel zu \u00fcberpr\u00fcfen und nicht weniger sorgf\u00e4ltig seine Schriften in nahezu allen europ\u00e4ischen Sprachen zu korrigieren. In diesem Epikureer steckte ein vollkommen ungew\u00f6hnlicher Stoiker!<\/p>\n<p>Berichte \u00fcber den Fortschritt der Arbeit an Marx\u2018 literarischem Nachlass stellen ein konstantes Leitmotiv im Briefwechsel zwischen Engels und Kautsky und anderen Gleichgesinnten dar. In einem Brief an Kautskys Mutter (1885), die eine ziemlich bekannte Autorin beliebter Romane war, bringt Engels seine Hoffnung zum Ausdruck, dass das alte Europa endlich wieder in Bewegung geraten wird. Und er f\u00fcgt hinzu: \u201eIch will nur hoffen, dass es mir Zeit l\u00e4sst, noch den dritten Band vom Kapital fertig zu machen, nachher kanns losgehen!\u201c (S. 206) Aus dieser halb scherzhaften Feststellung l\u00e4sst sich ganz eindeutig die Bedeutung ablesen, die er dem \u201eKapital\u201c beima\u00df; doch es zeigt auch, dass ihm die revolution\u00e4re Aktion weit h\u00f6her stand als jedes Buch, auch \u201eDas Kapital\u201c. Am 3. Dezember 1891, also sechs Jahre sp\u00e4ter, erkl\u00e4rt Engels Kautsky den Grund f\u00fcr sein langes Schweigen: \u201e\u2026verantwortlich ist der dritte Band, \u00fcber dem ich erneut schwitze.\u201c Er ist damit besch\u00e4ftigt, die Kapitel in der furchtbaren Handschrift \u00fcber Geldkapital, Banken und Kredit zu entziffern und studiert gleichzeitig Literatur zu den entsprechenden Themen. Wohl wei\u00df er schon im Vorhinein, dass er in der Mehrzahl der F\u00e4lle das Manuskript aus der Feder von Marx unver\u00e4ndert lassen k\u00f6nne, doch will er sich mit seinen zus\u00e4tzlichen Forschungen gegen redaktionelle Fehler absichern. Und dann kommt noch die endlose, sorgf\u00e4ltig zu erledigende Kleinarbeit dazu! Engels tauscht sich dar\u00fcber aus, ob an einer bestimmten Stelle ein Komma vonn\u00f6ten w\u00e4re, und er dankt Kautsky f\u00fcr das Aufzeigen eines Rechtschreibfehlers im Manuskript. Das ist keine Pedanterie \u2013 sondern eine Form der Gewissenhaftigkeit, der zufolge nichts unwichtig ist, das zum wissenschaftlichen Gesamtwerk von Marx\u2018 Leben beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Engels aber war weit davon entfernt, den Originaltext blind zu bewundern. Beim \u00dcberpr\u00fcfen einer Kurzfassung von Marx\u2018 \u00f6konomischer Theorie durch den franz\u00f6sischen Sozialisten Deville, empfand Engels, seinen eigenen Worten zufolge, oft die Versuchung, hie und da S\u00e4tze zu streichen oder zu korrigieren, die sich bei genauerem Hinsehen als Marx\u2018 eigene Formulierungen erwiesen. Dem lag zugrunde, dass die S\u00e4tze \u201eim Original eine durch das Vorausgegangene klargelegte Beschr\u00e4nkung erfahren, bei Deville aber eine ganz absolut-allgemeine und damit unrichtige Geltung erhalten\u201c (S. 95). Diese wenigen Worte liefern eine klassische Charakterisierung des h\u00e4ufigen Missbrauchs von fix fertigen Formeln des gro\u00dfen Meisters (\u201emagister dixit\u201c).<\/p>\n<p>Aber das ist nicht alles. Engels beschr\u00e4nkte sich nicht darauf, die Manuskripte f\u00fcr den zweiten und dritten Band vom Kapital zu entziffern, feinzuschleifen, zu transkribieren, Korrektur zu lesen und mit Kommentaren zu versehen, sondern wachte mit Argusaugen \u00fcber Marx\u2018 Erbe und verteidigte es gegen feindliche Angriffe. Der konservative preu\u00dfische Sozialist Rodbertus und seine Bewunderer behaupteten, Marx h\u00e4tte die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Rodbertus \u00fcbernommen, ohne die Quelle anzugeben. Mit anderen Worten: Marx habe von Rodbertus abgeschrieben. 1884 schrieb Engels dar\u00fcber in einem Brief an Kautsky: \u201eWelche horrende Unwissenheit dazu geh\u00f6rt, so etwas nur zu behaupten.\u201c (S. 140) Und einmal mehr ging Engels selbst daran, die unbrauchbaren Arbeiten von Rodbertus zu studieren, um diese Vorw\u00fcrfe restlos zur\u00fcckweisen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Briefe von Kautsky beinhalten eine gleicherma\u00dfen erleuchtende Betrachtung der Aff\u00e4re mit dem deutschen \u00d6konomen Brentano, der Marx beschuldigte, Gladstone falsch zitiert zu haben. Marx\u2018 und Engels\u2018 Haltung gegen\u00fcber den Ideen ihrer Gegenspieler \u00e4hnelte, so absurd sie auch waren, der Haltung eines Bakteriologen gegen\u00fcber einem krankheitserregenden Bazillus. Immer wieder st\u00f6\u00dft man in den Briefen von Engels an Marx und an ihre gemeinsamen Freunde auf Stellen, in denen er Marx f\u00fcr sein \u00dcberma\u00df an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit tadelte, das dieser an den Tag legte. Es \u00fcberrascht daher keineswegs, dass er all seine Arbeit zur Seite legte, um Brentano w\u00fctend in die Schranken zu weisen.<\/p>\n<p>Engels trug sich mit dem Gedanken, eine Biographie von Karl Marx zu schreiben. Niemand h\u00e4tte sie so schreiben k\u00f6nnen wie er, da es notwendigerweise in einem gro\u00dfen Ausma\u00df Engels\u2018 eigene Autobiographie gewesen w\u00e4re. Er schreibt an Kautsky: \u201eAn diese Arbeit, auf die ich mich seit langem gefreut habe, gehe ich sobald ich irgend kann.\u201c (S. 382) Engels legt ein Gel\u00fcbde ab, sich nicht l\u00e4nger ablenken zu lassen: \u201eIch bin nun 74 Jahre alt \u2013 ich muss mich beeilen.\u201c Noch heute kann man nur mit Bedauern daran denken, dass Engels dieses Projekt nicht umsetzen konnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr das \u00d6lportrait von Marx, das in der Schweiz in Vorbereitung war, lieferte Engels \u00fcber Kautsky die folgende Farbbeschreibung seines verstorbenen Freundes: \u201eSo braun wie nur f\u00fcr einen S\u00fcdeurop\u00e4er m\u00f6glich, ohne viel R\u00f6the auf den Backen\u2026 Schnurrbart pechschwarz mit wei\u00dfen H\u00e4rchen aber ohne die geringste Beimischung von Braun, ausgenommen verscho\u00dfne Haare, sonst Haar und Bart schneewei\u00df.\u201c (S. 149) Diese Beschreibung macht deutlich, warum Marx von seiner Familie und seinem engsten Umfeld den Spitznamen \u201eMohr\u201c erhielt.<\/p>\n<p><strong>Der Lehrmeister<\/strong><\/p>\n<p>In den ersten beiden Jahren adressierte Engels seinen Briefpartner mit \u201eLieber Herr Kautsky\u201c (der Begriff \u201eGenosse\u201c war damals noch nicht gebr\u00e4uchlich); nachdem sie sich in London n\u00e4her kennengelernt hatten verk\u00fcrzte er die Anrede auf \u201eLieber Kautsky\u201c; von M\u00e4rz 1884 ging er zum Du \u00fcber, wenn er mit Bernstein und Kautsky schrieb, die beide 25 Jahre j\u00fcnger als er waren. Kautsky schreibt nicht ohne Grund: \u201eVon 1883 an betrachtete Engels Bernstein und mich als die zuverl\u00e4ssigsten Vertreter der Marxschen Theorie.\u201c (S. 93) Der \u00dcbergang zur Du-Form spiegelt zweifelsohne die wohlwollende Haltung des Lehrers zu seinen Sch\u00fclern wider. Doch diese \u00e4u\u00dfere Vertrautheit ist kein Beweis f\u00fcr ein tats\u00e4chlich inniges Verh\u00e4ltnis: dem stand haupts\u00e4chlich die Tatsache entgegen, dass sich Kautsky und Bernstein zu einem betr\u00e4chtlichen Ma\u00dfe als Spie\u00dfb\u00fcrger erwiesen. W\u00e4hrend ihres langen Aufenthalts in London unterst\u00fctzte Engels sie dabei, sich die Marxsche Methode anzueignen. Doch er konnte in ihnen weder die revolution\u00e4re Willenskraft noch die F\u00e4higkeit zu k\u00fchnem Denken entfachen. Die Sch\u00fcler waren und blieben Kinder einer anderen Geisteshaltung.<\/p>\n<p>Marx und Engels waren in der Sturm- und Drang-Epoche zu politischem Leben erwacht, und sie nahmen als ausgereifte K\u00e4mpfer an der Revolution von 1848 teil. Kautsky und Bernstein wurden durch die vergleichsweise ruhige Zeitspanne zwischen der von Kriegen und Revolutionen gepr\u00e4gten Epoche der Jahre 1848 und 1871 einerseits und der Epoche zwischen der Russischen Revolution von 1905 und dem Ausbruch des Weltkriegs 1914 andererseits gepr\u00e4gt. Und diese Phase wirkt bis heute nach. W\u00e4hrend seines gesamten und langen Lebens gelang es Kautsky all jene Schlussfolgerungen zu umschiffen, die seinen geistigen und physischen Frieden zu st\u00f6ren drohten. Er war kein Revolution\u00e4r, und das erwies sich als eine un\u00fcberwindbare Barriere, die ihn vom Roten General trennte.<\/p>\n<p>Aber selbst, wenn man davon absieht, waren die beiden viel zu unterschiedlich. Es ist unbestreitbar, dass Engels im pers\u00f6nlichen Kontakt eine noch viel st\u00e4rkere Wirkung entfaltete: Seine Pers\u00f6nlichkeit war viel reicher und bestechender als alles, was er tat und schrieb. Von Kautsky kann das nicht gesagt werden. Seine besten B\u00fccher sind bei weitem kl\u00fcger als er es selbst war. Im pers\u00f6nlichen Umgang verlor Kautsky an Gewicht. Es mag dies auch dazu beigetragen haben, dass Rosa Luxemburg, die in unmittelbarer Nachbarschaft von Kautsky wohnte, viel fr\u00fcher als Lenin sein Spie\u00dfb\u00fcrgertum erkannte, auch wenn sie, was das politische Verst\u00e4ndnis anlangte, mit Lenin nicht mithalten konnte. Aber das bezieht sich alles auf eine weit sp\u00e4tere Phase.<\/p>\n<p>Aus dem Briefwechsel geht eindeutig hervor, dass zwischen dem Lehrer und dem Sch\u00fcler nicht nur auf dem Gebiet der Politik, sondern auch in der Herangehensweise an die Theorie eine unsichtbare Barriere bestehen blieb. Engels, der generell sehr zur\u00fcckhaltend war, wenn es um Lob ging, bezog sich manchmal durchaus mit Begeisterung (\u201eAusgezeichnet\u201c) auf die Schriften von Franz Mehring oder Georgi Plechanow; doch bei Kautsky blieb er mit Lob stets sehr sparsam, und man erahnt eine gewisse Gereiztheit in seiner Kritik. Wie schon Marx beim ersten Besuch von Kautsky bei ihm zu Hause, so war auch Engels von der passiven Selbstzufriedenheit des jungen Wieners und dessen Art, so zu tun, als w\u00fcrde er alles wissen, abgesto\u00dfen. Wie einfach dieser Antworten auf die komplexesten Fragen fand! Es stimmt, dass auch Engels dazu neigte, \u00fcbereilt Verallgemeinerungen zu formulieren; doch im Gegenzug hatte er die Fl\u00fcgel und den Blick eines Adlers, und mit den Jahren eignete er sich die kompromisslose wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, die schon Marx auszeichnete, auch selbst an. Doch Kautsky blieb trotz all seiner F\u00e4higkeiten stets ein Mann der Goldenen Mitte.<\/p>\n<p>\u201eNeun Zehntel der deutschen heutigen Schreiberei ist Schreiberei \u00fcber andre Schreiberei.\u201c (S. 139) Mit anderen Worten: Es mangelte an Analysen der lebendigen Realit\u00e4t und an einer fortschrittlichen Bewegung des Denkens. Engels nahm Kautskys Buch zu Fragen der Urgesellschaft zum Anlass, ihm nahezulegen, dass es nur dann m\u00f6glich sei, auf diesem so breiten und noch zu erhellenden Gebiet etwas wirklich Neues zu sagen, wenn man eine gr\u00fcndliche und ersch\u00f6pfende Forschung zu diesem Thema betreibt. Und er f\u00fcgt ziemlich schonungslos hinzu: \u201eSonst w\u00e4ren B\u00fccher wie Das Kapital viel zahlreicher.\u201c (S. 85)<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter (am 20. September 1884) r\u00fcgt Engels Kautsky erneut f\u00fcr dessen \u201eapodiktische Behauptungen auf Gebieten, wo du dich selbst nicht sicher wei\u00dft.\u201c (S. 144) Solche Anmerkungen ziehen sich durch die gesamte Korrespondenz. Indem er Kautsky daf\u00fcr tadelt, \u201eAbstraktionen\u201c abzulehnen \u2013 ohne die das Denken generell nicht m\u00f6glich ist \u2013 gibt Engels eine klassische Definition, die den Unterschied zwischen einer anregenden und einer leblosen Abstraktion aufzeigt: \u201eMarx fa\u00dft in den Dingen und Verh\u00e4ltnissen vorliegenden gemeinsamen Inhalt auf ihren allgemeinsten Gedankenausdruck zusammen, seine Abstraktion gibt also nur in Gedankenform den schon in den Dingen liegenden Inhalt wieder. Rodbertus dagegen macht sich einen solchen mehr oder weniger unvollkommnen Gedankenausdruck, und mi\u00dft die Dinge an diesem Begriff, nach dem sie sich richten sollen.\u201c (S. 144) Neun Zehntel aller Fehler im menschlichen Denken lassen sich auf diese Formel zur\u00fcckf\u00fchren. Elf Jahre sp\u00e4ter \u00fcbt Engels in seinem letzten Brief an Kautsky Kritik, in dem er ihm zwar geb\u00fchrende Anerkennung f\u00fcr seine Forschungsarbeit \u00fcber die Vorl\u00e4ufer des neueren Sozialismus zollt, ihn aber f\u00fcr seinen Hang zum \u201eGemeinpl\u00e4tzlichen, wo eine L\u00fccke im Studium vorlag\u201c r\u00fcgt. \u201eIm Style f\u00e4llst Du \u2013 um popul\u00e4r zu bleiben \u2013 bald in den Leitartikel bald in den Schulmeister.\u201c (S. 388) Man kann die literarischen Angewohnheiten von Kautsky nicht treffender zum Ausdruck bringen!<\/p>\n<p>Er las f\u00fcr gew\u00f6hnlich die wichtigsten Artikelentw\u00fcrfe des sehr produktiven Kautsky und jeder seiner Kritik-Briefe beinhaltet wertvolle Vorschl\u00e4ge, die das Ergebnis ernsthaften Nachdenkens und manchmal auch eigener Forschungsarbeit sind. Kautskys bekanntes Werk \u201eDie Klassengegens\u00e4tze von 1789\u201c, das in fast alle Sprachen der zivilisierten Menschheit \u00fcbersetzt wurde, scheint ebenfalls durch das intellektuelle Labor von Engels gegangen zu sein. Sein langer Brief \u00fcber die sozialen Gruppierungen in der Epoche der gro\u00dfen Revolution des 18. Jahrhunderts \u2013 wie auch zur Anwendung der materialistischen Methode auf geschichtliche Ereignisse \u2013 geh\u00f6rt zu den gro\u00dfartigsten Dokumenten des menschlichen Geisteslebens. Es handelt sich um einen zu gedr\u00e4ngten Text, und jede darin enthaltene Formel setzt ein viel zu gro\u00dfes Wissen voraus, als dass er weite Verbreitung finden k\u00f6nnte; doch dieses Dokument, das so lange nicht zug\u00e4nglich war, wird stets nicht nur eine Quelle theoretischer Schulung bleiben, sondern wird auch allen, die sich ernsthaft mit der Dynamik der Klassenbeziehungen in einer revolution\u00e4ren Epoche sowie mit den generellen Problemen im Zusammenhang mit der materialistischen Interpretation geschichtlicher Ereignisse auseinandersetzen wollen, eine \u00e4sthetische Freude bescheren.<\/p>\n<p><strong>Kautskys Scheidung und sein Konflikt mit Engels<\/strong><\/p>\n<p>Kautsky behauptet \u2013 und nicht ohne Hintergedanken, wie wir noch sehen werden \u2013 dass sich Engels durch schlechte Menschenkenntnis auszeichnete. Marx war zweifelsohne der bessere \u201eMenschenfischer\u201c. Er konnte weit besser mit den starken und schwachen Seiten anderer Menschen umgehen, was er im Zuge seiner ziemlich schwierigen Arbeit im \u00e4u\u00dferst heterogenen Generalrat der Ersten Internationale unter Beweis stellte. Aber Engels\u2018 Korrespondenz ist der unumst\u00f6\u00dfliche Beweis, dass sich sein nicht immer sehr gl\u00fcckliches Verhalten in pers\u00f6nlichen Beziehungen aus seiner st\u00fcrmischen Direktheit und nicht aus einer mangelnden Menschenkenntnis ergab. Kautsky, der in Fragen der Psychologie selbst sehr kurzsichtig ist, f\u00fchrt als konkretes Beispiel Engels sture Verteidigung von Edward Aveling, dem Lebensgef\u00e4hrten der Marx-Tochter Eleanor, an. Aveling hatte zweifelsohne seine St\u00e4rken, die aber nicht auf dem Gebiet des Menschlichen lagen. Vorsichtig, aber sehr nachdr\u00fccklich, versucht Kautsky die Ansicht zu verbreiten, dass Engels ihm gegen\u00fcber keine psychologische Sensibilit\u00e4t an den Tag legte. Das ist der wahre Grund, warum er Engels F\u00e4higkeit zur Beurteilung von Menschen in Frage stellt.<\/p>\n<p>Sein ganzes Leben lang zeichnete sich Engels durch eine besonders zuvorkommende Haltung gegen\u00fcber Frauen aus, da diese doppelt unterdr\u00fcckt sind. Dieser Weltb\u00fcrger mit seiner enzyklop\u00e4dischen Bildung war mit einer einfachen Textilarbeiterin, einem irischen M\u00e4dchen, verheiratet. Und nach ihrem Tod lebte er mit ihrer Schwester zusammen. Seine liebevolle Beziehung zu den beiden war wirklich bemerkenswert. Marx\u2018 unpassende Reaktion auf den Tod von Mary Burns, Engels erster Frau, lie\u00df einen ersten Schatten \u00fcber ihrer Beziehung aufziehen, doch nach allem, was wir wissen, gab es sonst keine Vorkommnisse, die ihre 40-j\u00e4hrige Freundschaft belasteten. Gegen\u00fcber den T\u00f6chtern von Marx verhielt sich Engels, als w\u00e4ren sie seine eigenen Kinder. Zu einer Zeit, als Marx, scheinbar nicht ohne Einflussnahme seiner Frau, versuchte, sich in das Gef\u00fchlsleben seiner T\u00f6chter einzumischen, gab ihm Engels vorsichtig zu verstehen, dass solche Angelegenheiten niemanden etwas angehen, au\u00dfer die unmittelbar Beteiligten selbst. Engels f\u00fchlte sich der j\u00fcngsten Tochter von Marx, Eleanor, besonders verbunden. Sie ging mit Aveling eine Beziehung ein; er war ein verheirateter Mann, der seine erste Familie verlassen hatte. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass sich rund um das \u201eunrechtm\u00e4\u00dfige\u201c Paar die Stickigkeit der wahren britischen Heuchelei breitmachte. Ist es erstaunlich, dass Engels in Verteidigung Eleanors und ihres Partners, dessen moralischer Eigenschaften ungeachtet, ausr\u00fcckte? Eleanor k\u00e4mpfte f\u00fcr ihre Liebe zu Aveling, solange sie die Kraft daf\u00fcr aufbringen konnte. Engels war nicht blind, doch er war der Ansicht, dass die Frage von Avelings Pers\u00f6nlichkeit in erster Linie Eleanor selbst beurteilen m\u00fcsse. Von seiner Seite sah er es nur als seine Pflicht, sie gegen Heuchelei und \u00fcble Ger\u00fcchte in Schutz zu nehmen. \u201eH\u00e4nde weg!\u201c hielt er den fr\u00f6mmelnden Heuchlern standhaft entgegen. Letztendlich war Eleanor nicht mehr imstande, mit den Schl\u00e4gen, die ihr das Leben versetzte, fertig zu werden und beging Selbstmord.<\/p>\n<p>Kautsky bezieht sich auch auf die Tatsache, dass Engels Aveling in politischen Angelegenheiten ebenfalls unterst\u00fctzte. Doch dies l\u00e4sst sich ganz einfach damit erkl\u00e4ren, dass Eleanor, wie auch Aveling, politisch direkt unter seiner Anleitung arbeiteten. Zwar f\u00fchrte diese Aktivit\u00e4t nicht zu den erw\u00fcnschten Resultaten, doch die Arbeit ihres Gegenspielers Hyndman, den Kautsky weiterhin unterst\u00fctzte, erlitt ebenfalls Schiffbruch. Die Ursache f\u00fcr das Scheitern dieser ersten marxistischen Organisationsversuche muss in den objektiven Bedingungen im damaligen England gesehen werden, die Engels selbst so treffend dargelegt hat. Engels\u2018 pers\u00f6nlicher Gegensatz zu Hyndman ergab sich insbesondere aus dessen hartn\u00e4ckiger Ausdauer, wenn es darum ging, den Namen von Marx zu \u00fcbergehen, was er damit rechtfertigte, dass die Engl\u00e4nder keine ausl\u00e4ndischen Autorit\u00e4ten akzeptieren w\u00fcrden. Engels jedoch hegte den Verdacht, Hyndman selbst sei \u201eder chauvinistischste John Ball, den es gibt\u201c (S. 140). Kautsky versucht Engels\u2018 Vermutung in diesem Punkt zu entkr\u00e4ften, als ob Hyndman durch sein sch\u00e4ndliches Verhalten im Krieg \u2013 wor\u00fcber Kautsky kein Wort verliert! \u2013 seinen niedertr\u00e4chtigen Chauvinismus nicht offen zur Schau gestellt h\u00e4tte. Um wie viel klarer sah Engels auch in diesem Fall!<\/p>\n<p>Das wichtigste Beispiel f\u00fcr Engels \u201eUnf\u00e4higkeit\u201c bei der Beurteilung von Menschen bezieht sich auf Kautskys eigenes Privatleben. In dem nun ver\u00f6ffentlichten Briefwechsel nimmt das Thema von Kautskys Scheidung von seiner ersten Frau einen beachtlichen, wenn nicht den zentralen Platz ein. Dieser heikle Umstand war zweifelsohne ausschlaggebend daf\u00fcr, dass Kautsky so lange die alten Briefe nicht \u00f6ffentlich gemacht hatte.<\/p>\n<p>Das junge Ehepaar Kautsky lebte mehr als sechs Jahre in London in st\u00e4ndiger und ungetr\u00fcbter Gemeinschaft mit Engels und seinem famili\u00e4ren Umfeld. Den General hat es wortw\u00f6rtlich umgehauen, als er fast unmittelbar nach deren Ankunft auf dem Kontinent die Nachricht vom Scheidungsverfahren von Karl und Louise Kautsky erhielt. Die engsten Freunde wurden nun wohl oder \u00fcbel zu den moralischen Schiedsrichtern in diesem Konflikt. Engels stellte sich umgehend und bedingungslos auf Louises Seite und blieb bis zu seinem Tod bei dieser Position.<\/p>\n<p>In einem Brief von 17. Oktober 1888 schrieb Engels eine Antwort an Kautsky: \u201eWenn nun eine St\u00f6rung so bedeutend war\u2026 da\u00df du ernstlich die Absicht der Trennung fa\u00dftest, so war nach meiner Ansicht nach zu erw\u00e4gen die Verschiedenheit der Lage von Frau und Mann unter den heutigen Verh\u00e4ltnissen\u2026 Daraus folgt, da\u00df der Mann nur im \u00e4u\u00dfersten Fall, nur nach reifer \u00dcberlegung, nur in vollster Klarheit \u00fcber die Notwendigkeit der Sache diesen \u00e4u\u00dfersten Schritt tun darf, und dann auch nur in der r\u00fccksichtsvollsten Form.\u201c (S. 227) Aus dem Munde von Engels, der sich bewusst war, dass Herzensangelegenheiten nur die unmittelbar Betroffenen etwas angehen, klingen diese Worte wie eine unerwartete Moralpredigt. Es ist aber kein Zufall, dass er diese S\u00e4tze an Kautsky richtet. Wir sind nicht in der Lage, diesen Ehekonflikt zu analysieren, von dem wir auch nicht alle Seiten kennen. Kautsky selbst ist \u00e4u\u00dferst zur\u00fcckhaltend mit Informationen \u00fcber diese famili\u00e4re Angelegenheit, die schon so lange zur\u00fcckliegt. Aus seinen zugekn\u00f6pften Kommentaren muss man aber schlie\u00dfen, dass Engels seinen Standpunkt unter dem einseitigen Einfluss von Louise entwickelte. Doch woher stammte dieser Einfluss? W\u00e4hrend der Scheidung blieben beide Seiten in \u00d6sterreich. Wie im Falle Eleanors weicht Kautsky offensichtlich dem Kern der Sache aus. Seinem ganzen Zugang nach d\u00fcrfte Engels \u2013 bei ansonsten gleichwertigen Umst\u00e4nden \u2013 dazu tendiert haben, sich auf die Seite des Benachteiligten zu stellen. Doch es ist offensichtlich, dass in seinen Augen nicht \u201ealle \u00fcbrigen Umst\u00e4nde\u201c gleich waren. Dass Louise \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tte, ihn zu beeinflussen, spricht schon f\u00fcr sie. Auf der anderen Seite gab es in Kautskys Pers\u00f6nlichkeit viele Z\u00fcge, die Engels ganz klar absto\u00dfend fand. Dar\u00fcber konnte er still hinwegsehen, solange ihre Beziehung rein auf Fragen der Theorie und der Politik beschr\u00e4nkt blieb. Nachdem er jedoch auf Initiative von Kautsky selbst in diesen pers\u00f6nlichen Streitfall hineingezogen wurde, sprach er offen aus, was er dar\u00fcber dachte. Die Standpunkte eines Menschen und seine Moral sind, wie wir nur zu gut wissen, nicht immer identisch. In Kautsky, dem Marxisten, erahnte Engels den Wiener Kleinb\u00fcrger, selbstzufrieden, egoistisch und konservativ. Einer der wichtigsten Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeit eines Mannes ist seine Haltung gegen\u00fcber Frauen. Engels war ganz offensichtlich der Meinung, dass der Marxist Kautsky auf diesem Gebiet noch immer gewisse Gebote b\u00fcrgerlichen Humanismus n\u00f6tig hatte. Unabh\u00e4ngig davon, ob Engels richtig oder falsch lag, liegt genau darin die Erkl\u00e4rung f\u00fcr seine Haltung.<\/p>\n<p>Im September 1889, als die Scheidung bereits vollzogen war, schrieb Kautsky, ganz offensichtlich mit dem Wunsch zu zeigen, dass er doch nicht so hartherzig und egoistisch ist, achtlos an Engels, dass er Louise \u201ebedauert\u201c. Doch es war genau dieses Wort, mit dem er sich einen Ausbruch der Emp\u00f6rung einhandelte. Der zornige General donnerte in seiner Antwort: \u201eLouise hat sich in dieser ganzen Sache mit einem solchen Heroismus und einer solchen Weiblichkeit benommen, da\u00df wir alle sie nicht genug bewundern k\u00f6nnen. Wenn in dieser Angelegenheit \u00fcberhaupt jemand zu bedauern w\u00e4re, so w\u00e4re es sicher nicht Louise.\u201c (S. 248) Diese schonungslosen Worte, die auf eine etwas vers\u00f6hnlichere Feststellung folgt (\u201eIhr Zwei seid allein kompetent und was Ihr guthei\u00dft, m\u00fcssen wir Andern acceptiren.\u201c) liefern den Schl\u00fcssel zu Engels Haltung in dieser Frage und werfen ein gutes Licht auf seine Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Das Scheidungsverfahren zog sich eine ganze Weile lang, so dass sich Kautsky gezwungen sah, ein ganzes Jahr in Wien zu verbringen. Bei seiner R\u00fcckkehr nach London im Herbst 1889 wurde er von Engels nicht mehr so herzlich empfangen, wie er es von fr\u00fcher gewohnt war. Au\u00dferdem lud Engels fast schon demonstrativ Louise ein, seinen Haushalt zu f\u00fchren, nachdem dieser seit dem Tod von Helene Demuth verwaist war. Louise heiratete bald darauf ein zweites Mal und lebte mit ihrem Ehemann im Haus von Engels. Schlie\u00dflich bestimmte Engels Louise zu einer seiner Erbinnen. Der General war nicht nur gro\u00dfherzig, sondern auch unnachgiebig. Am 21. Mai 1895, zehn Wochen vor seinem Tod, schrieb Engels von seinem Krankenbett aus einen Brief an Kautsky, der von seinem Ton her \u00e4u\u00dferst gereizt und voller unwirscher Vorhaltungen ist. Kautsky schw\u00f6rt, dass diese Vorw\u00fcrfe zur G\u00e4nze unbegr\u00fcndet waren. Mag sein. Doch er erhielt keine Antwort auf seinen Versuch, die Verd\u00e4chtigungen des alten Manns zu zerstreuen. Am 6. August starb Engels. Kautsky versucht den f\u00fcr ihn so tragischen Bruch zwischen den beiden mit der krankheitsbedingten Gereiztheit seines Lehrmeisters zu erkl\u00e4ren. Abseits von den w\u00fctenden Vorhaltungen enth\u00e4lt Engels Brief jedoch auch Bewertungen komplexer historischer Fragen, eine wohlwollende Beurteilung von Kautskys letzter wissenschaftlicher Arbeit und l\u00e4sst generell auf einen \u00e4u\u00dferst hellen Geisteszustand schlie\u00dfen. Nebenbei bemerkt wissen wir von Kautsky selbst, dass schon sieben Jahre vor dem Bruch ein Wandel in der Beziehung zwischen den beiden erfolgt war, und dass dies in einer Form passierte, die keinen Interpretationsspielraum offen lie\u00df.<\/p>\n<p>Im J\u00e4nner 1889 hatte es Engels noch immer ernsthaft in Betracht gezogen, Kautsky und Bernstein zu seinen und Marx\u2018 Nachlassverwaltern zu ernennen. Bald darauf ging er jedoch von dieser Idee ab, was zumindest Kautsky betraf. Er fragte, offensichtlich unter einem Vorwand, ob Kautsky ihm die bereits f\u00fcr die Entzifferung und Transkription \u00fcbergebenen Manuskripte (Theorien \u00fcber den Mehrwert) zur\u00fcckgeben k\u00f6nne. Das passierte im selben Jahr, 1889, als noch kein Gerede von einer krankhaften Gereiztheit war. Wir k\u00f6nnen nur mutma\u00dfen, aus welchen Gr\u00fcnden Engels Kautsky von der Liste der Nachlassverwalter nahm; doch sie ergeben sich fast zwingend aus den Umst\u00e4nden dieses Falls. Engels selbst sah, wie wir wissen, die Ver\u00f6ffentlichung von Marx\u2018 literarischem Nachlass als wichtigste Aufgabe seines Lebens. Es gibt keinerlei Anzeichen f\u00fcr eine \u00e4hnliche Haltung bei Kautsky. Der junge und sehr produktive Schreiber war zu sehr mit seiner eigenen Arbeit besch\u00e4ftigt, um den Manuskripten von Marx die Aufmerksamkeit zu schenken, die Engels verlangte. Vielleicht hatte der alte Mann die Sorge, dass der produktive Kautsky, bewusst oder unbewusst, einige von Marx\u2018 Ideen als seine eigenen \u201eEntdeckungen\u201c verkaufen k\u00f6nnte. Das ist die einzig sinnvolle Erkl\u00e4rung, warum Kautsky durch Bebel ersetzt wurde. Letzterer war von seinem theoretischen Verst\u00e4ndnis zwar weit weniger qualifiziert, aber er genoss im Gegensatz zu Kautsky das volle Vertrauen von Engels.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir bislang von Kautsky geh\u00f6rt haben, dass Engels im Gegensatz zu Marx ein schlechter Psychologe war, unterzieht er an einer anderen Stelle seiner Kommentare beide seine Meister dieser Kritik. Er schreibt: \u201eGro\u00dfe Menschenkenner scheinen beide nicht gewesen zu sein.\u201c (S. 44) Diese Feststellung scheint nicht sehr glaubw\u00fcrdig, wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie reichhaltig und unvergleichlich pr\u00e4zise die pers\u00f6nlichen Charakterisierungen nicht nur in den Briefen von Marx, sondern auch im Kapital sind. Man kann durchaus sagen, dass Marx imstande war, aus einzelnen Charakterz\u00fcgen auf die Pers\u00f6nlichkeit eines Menschen zu schlie\u00dfen, so wie Cuvier aus einem einzelnen Kieferknochen ein Tier zu rekonstruieren vermochte. Wenn Marx 1852 den ungarisch-preu\u00dfischen Provokateur Banya nicht durchschaute \u2013 das einzige Beispiel, auf das sich Kautsky bezieht! \u2013 ist es lediglich ein Beweis daf\u00fcr, dass Marx weder ein Hellseher noch ein Hexenmeister war, sondern auch Fehler bei der Einsch\u00e4tzung von Menschen machte, speziell von jenen, die eher zuf\u00e4llig die B\u00fchne betraten. Mit dieser Behauptung versucht Kautsky ganz offensichtlich Marx\u2018 unvorteilhafter Aussage nach deren erstem und letztem Zusammentreffen zuvorzukommen. Kautsky widerspricht sich selbst, wenn er zwei Seiten sp\u00e4ter schreibt: \u201e[Dass] Marx die Kunst der Menschenbehandlung sehr gut verstand, zeigte er wohl am gl\u00e4nzendsten im Generalrat der \u201aInternationale\u2018.\u201c (S. 46) Eine Frage bleibt jedoch: Wie kann jemand einen \u201egl\u00e4nzenden\u201c Umgang mit Menschen haben, ohne die F\u00e4higkeit zu besitzen, deren Pers\u00f6nlichkeit zu ergr\u00fcnden? Wie kann man da nicht zu dem Schluss kommen, dass Kautsky Argumente sucht, die ihm erlauben, eine negative Bilanz aus seinem Verh\u00e4ltnis zu seinen Lehrern zu ziehen.<\/p>\n<p><strong>Einsch\u00e4tzungen und Prognosen<\/strong><\/p>\n<p>Die Briefe von Engels sind reich an Charakterisierungen verschiedener Pers\u00f6nlichkeiten und an pr\u00e4gnanten Einsch\u00e4tzungen von weltpolitischen Ereignissen. Wir werden uns auf einige wenige Beispiele beschr\u00e4nken. \u201eDer paradoxe Belletrist Shaw \u2013 als Belletrist sehr talentiert und witzig \u2013 als \u00d6konom und Politiker absolut unbrauchbar.\u201c (S. 338) Diese Bemerkung aus dem Jahr 1892 hat bis heute seine ganze Aussagekraft bewahrt.<\/p>\n<p>Der bekannte Journalist V. T. Stead wird als \u201eein ganz verr\u00fcckter Kerl, aber brillanter Gesch\u00e4ftsmann\u201c charakterisiert. Zu Sydney Webb merkt Engels kurz und b\u00fcndig an, dass er \u201eein echter Britischer politician\u201c ist. Das war der herbste Begriff in Engels Wortschatz.<\/p>\n<p>Im J\u00e4nner 1889 schrieb Engels in der Hitze der Wahlkampagne von Boulanger: \u201eDie Wahl Boulangers bringt die Lage in Frankreich zur Krisis. Die Radikalen haben sich zu Knechten des Opportunismus und der Korruption gemacht und damit den Boulangerismus f\u00f6rmlich gez\u00fcchtet.\u201c (S. 231) Diese Worte erscheinen erstaunlich aktuell \u2013 man muss nur anstelle von Boulangerismus Faschismus schreiben.<\/p>\n<p>Engels gei\u00dfelt die Theorie einer \u201eevolution\u00e4ren\u201c Transformation vom Kapitalismus zum Sozialismus als das \u201edas frischfrommfr\u00f6hlichfreie \u201aHineinwachsen\u2018 der alten Sauerei \u201ain die sozialistische Gesellschaft\u2018\u201c (MEW, Bd. 38, S. 125). Diese epigrammatische Formel greift der Kontroverse voraus, die viele Jahre sp\u00e4ter in der Arbeiterbewegung gef\u00fchrt werden sollte.<\/p>\n<p>In demselben Brief zerrei\u00dft Engels die Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten Vollmar: \u201eVollmars Rede mit ihrem ganz \u00fcberfl\u00fcssigen Entgegenkommen gegen die jetzigen Offiziellen und ihren noch \u00fcberfl\u00fcssigeren und obendrein unautorisierten Versicherungen, die Sozialdemokraten w\u00fcrden mitmachen, wenn das Vaterland angegriffen w\u00fcrde \u2013 w\u00fcrden also die Annexion von Elsa\u00df-Lothringen Verteidigen helfen \u2013, hat hier und in Frankreich bei unsern Gegnern helle Freude erregt.\u201c (MEW, Bd. 38, S. 126) Engels verlangte, dass sich die f\u00fchrenden Zeitungen der Partei \u00f6ffentlich von Vollmar distanzieren. W\u00e4hrend des Gro\u00dfen Krieges, als die Sozialpatrioten Engels Namen auf jede nur erdenkliche Weise missbrauchten, kam es Kautsky nie in den Sinn, diese Zeilen zu ver\u00f6ffentlichen. Warum sich gro\u00df Gedanken machen? Der Krieg sorgte auch so f\u00fcr gen\u00fcgend Kummer.<\/p>\n<p>Am 1. April 1895 protestierte Engels gegen die Art und Weise, wie im Vorw\u00e4rts, dem Zentralorgan der Partei, sein Vorwort zu Marx\u2018 Klassenk\u00e4mpfe in Frankreich ausgelegt wurde. Durch Auslassungen sei der Artikel derart verzerrt worden, sch\u00e4umte Engels, \u201eda\u00df ich als friedfertiger Anbeter der Gesetzlichkeit quand m\u00eame (unter allen Umst\u00e4nden, Anm.) dastehe.\u201c (MEW, Bd. 39, S. 452) Er verlangt, dass dieser \u201eschm\u00e4hliche Eindruck\u201c (S. 383) \u2013 koste es, was es wolle \u2013 beseitigt wird. Engels, der zu dem Zeitpunkt auf seinen 75. Geburtstag zuging, war ganz offensichtlich noch nicht bereit, dem revolution\u00e4ren Enthusiasmus seiner Jugend abzuschw\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wenn man \u00fcber all die Fehleinsch\u00e4tzungen von Engels in Bezug auf andere Personen spricht, dann sollte man als Beispiele nicht Aveling, den Schmutzfink in pers\u00f6nlichen Angelegenheiten, oder den Spion Banya anf\u00fchren, sondern die herausragenden F\u00fchrer des Sozialismus: Victor Adler, Guesde, Bernstein, Kautsky selbst und viele andere. Sie alle haben ohne Ausnahme seine Erwartungen verraten \u2013 auch wenn wir klar sagen m\u00fcssen, dass dies erst nach seinem Tod passierte. Doch genau die Tatsache, dass dieser Fehler so allumfassend war, ist der Beweis, dass es sich hierbei nicht um Probleme der individuellen Psychologie handelte.<\/p>\n<p>1884 schrieb Engels mit Bezug auf die deutsche Sozialdemokratie, die schnelle Erfolge erzielte, dass sie eine Partei sei, die \u201efrei von allem Philisterthum im philistr\u00f6sesten, frei von allem Chauvinismus im siegestrunkensten Land Europas\u201c (S. 154) war. Der weitere Lauf der Dinge zeigte, dass sich Engels die zuk\u00fcnftige revolution\u00e4re Entwicklung zu sehr als geradlinigen Prozess vorgestellt hatte. Vor allem hat er den kraftvollen kapitalistischen Aufschwung, der unmittelbar nach seinem Tod einsetzte und bis zum Vorabend des imperialistischen Krieges andauerte, nicht vorhergesehen. Es war genau in diesen 15 Jahren wirtschaftlicher Hochbl\u00fcte, in denen die vollst\u00e4ndige opportunistische Degeneration der f\u00fchrenden Kreise der Arbeiterbewegung vonstattenging. Diese Degeneration zeigte sich im Krieg in vollem Ausma\u00df, und in letzter Instanz f\u00fchrte sie zur sch\u00e4ndlichen Kapitulation vor dem Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Kautsky zufolge war Engels schon damals, in den 1880er Jahren, angeblich der Meinung, die deutsche Revolution \u201ewerde zuerst die b\u00fcrgerliche Demokratie ans Ruder bringen und dann erst die Sozialdemokratie\u201c. Im Gegensatz dazu schrieb Kautsky: \u201eIch nehme an, die n\u00e4chste deutsche Revolution k\u00f6nne nur noch eine proletarische sein.\u201c (S. 190) Das Bemerkenswerte in Verbindung zu dieser alten Meinungsdifferenz, die kaum jemals korrekt wiedergegeben wurde, ist, dass Kautsky es nicht schafft, \u00fcberhaupt die Frage aufzuwerfen, was die deutsche Revolution von 1918 wirklich war. Denn in diesem Fall m\u00fcsste er sagen: Diese Revolution war eine proletarische Revolution; sie legte unmittelbar die Macht in die H\u00e4nde der Sozialdemokratie; doch die Sozialdemokratie gab die Macht, mit der Unterst\u00fctzung von Kautsky selbst, der Bourgeoisie zur\u00fcck. Diese war jedoch unf\u00e4hig, die Macht auszu\u00fcben und musste Hitler zu Hilfe rufen.<\/p>\n<p>Die historische Wirklichkeit ist unendlich reicher an Optionen und \u00dcbergangsstadien, als es das gr\u00f6\u00dfte Genie sich vorstellen k\u00f6nnte. Der Wert politischer Prognosen liegt nicht darin, dass diese mit jeder Stufe der Wirklichkeit \u00fcbereinstimmen, sondern darin, dass sie eine Hilfestellung bieten, den wahren Lauf der Entwicklung zu verstehen. Von diesem Standpunkt aus hat Friedrich Engels den Test der Geschichte bestanden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/arbeiterinnenbewegung\/engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. November 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Funke. Im Jahr 2020 feiert Engels seinen 200. Geburtstag \u2013 und es ist auch das 80. Jahr seit der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten. 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