{"id":884,"date":"2015-12-26T09:08:54","date_gmt":"2015-12-26T07:08:54","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=884"},"modified":"2016-10-13T11:54:04","modified_gmt":"2016-10-13T09:54:04","slug":"zur-herausbildung-des-europaeischen-postfaschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=884","title":{"rendered":"Zur Herausbildung des europ\u00e4ischen Postfaschismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Historiker Enzo Traverso definiert den Postfaschismus als eine Erscheinung, die sich grundlegend vom klassischen Faschismus unterscheidet. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Seine Herausbildung geht mit einer tiefgreifenden politischen Transformation einher, deren Ergebnis noch weitgehend im Dunkeln liegt. Traverso r\u00fcckt auch den sogenannten \u00abIslamo-Faschismus\u00bb in diesen Kontext.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es unterliegt keinem Zweifel, dass sich die politischen Regimes in Europa in einem tiefgreifenden Umbruchprozess befinden. Die seit drei bis vier Jahrzehnten andauernden Angriffe auf die Errungenschaften und Kampfkraft des Proletariats, die teilweise von der Sozialdemokratie und den Zerfallsprodukten der kommunistischen Parteien, insbesondere den eurokommunistischen Formationen, mitgetragen wurden, haben die materiellen Probleme weiter Teile der Arbeiterklasse vergr\u00f6ssert und deren traditionellen politischen Orientierungsgr\u00f6ssen als ein Tr\u00fcmmerfeld zur\u00fcckgelassen. Nicht umsonst wenden sich vor allem vernachl\u00e4ssigte Segmente der lohnabh\u00e4ngigen Mittelschichten und des traditionellen Industrieproletariats vermehrt national-chauvinistischen politischen Bewegungen zu, wie in der Schweiz der Schweizerischen Volkspartei, in Italien der Lega Nord, in Frankreich dem Front national, in Deutschland der Alternative f\u00fcr Deutschland und der Pegida. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Diese hinwiederum treten mit eigenen Konzepten f\u00fcr eine Sozialpolitik auf \u2013 ausser die SVP, die bislang ihre Basis mit fremdenfeindlichen, national-chauvinistischen Konzepten f\u00fcr eine forsche Politik des Sozialabbaus mobilisieren konnte; dies hat wohl seinen Grund darin, dass sich das politische System in der Schweiz bisher als stabiler als in anderen L\u00e4ndern gezeigt hat. Kein Wunder: Die sozialen Zerst\u00f6rungskr\u00e4fte des Neoliberalismus haben hierzulande aufgrund der hohen Tantiemen des helvetischen Imperialismus noch nicht so nachhaltige Spuren hinterlassen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das nachfolgende Interview wurde von Reger Martelli und Catherine Tricot am 9. Dezember 2015 f\u00fcr die Jahresend-Ausgabe der franz\u00f6sischen Zeitschrift <\/strong><a href=\"http:\/\/www.regards.fr\/web\/article\/enzo-traverso-la-mutation-post\"><strong>Regards<\/strong><\/a><strong> gef\u00fchrt. \u00dcbersetzung aus dem Franz\u00f6sischen durch die Redaktion <em>maulwuerfe.ch<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><strong>Der Aufstieg der radikalen Rechten in Europa ruft viele Erinnerungen an den historischen Faschismus wach. Sie haben Ihre Reserven gegen\u00fcber solchen Analogien ge\u00e4ussert. Weshalb?<\/strong><\/p>\n<p>Die radikalen rechten Parteien, die heute in Europa aufsteigen \u2013 in einigen L\u00e4ndern wie etwa in Frankreich der Aufsehen erregende Aufstieg des Front national \u2013 werden durch die wirtschaftliche Krise gen\u00e4hrt, wie ihre Vorfahren in den Zwischenkriegsjahren. Aber diese Krise ist von jener sehr verschieden, die Zusammenh\u00e4nge haben sich grundlegend verschoben, und auch die extremen Rechten sind nicht mehr die gleichen. W\u00e4hrend der Dreissiger Jahre schien der Kapitalismus durch einen Zusammenbruch bedroht. Einerseits aufgrund der internationalen Rezession und, andererseits, wegen der Existenz der UdSSR, die sich im globalen Rahmen als eine Alternative zu einem System darstellte, das alle als historisch am Ende betrachteten. Die Krise der vergangenen Jahre war zun\u00e4chst eine Finanzkrise, dann setzte sie sich in Europa als eine Krise der \u00f6ffentlichen Schulden durch. Heute geht es dem Kapitalismus sehr gut, und es ist keine Alternative in Sicht; er vertieft die sozialen Ungleichheiten und gleichzeitig baut er seine Herrschaft \u00fcber den ganzen Planeten aus.<\/p>\n<p><strong>Wie verh\u00e4lt sich der Kapitalismus heute gegen\u00fcber den Bewegungen der extremen Rechten?<\/strong><\/p>\n<p>In den Dreissiger Jahren wurden die herrschenden Eliten in die Spirale des Nationalismus gezogen, wie sie durch den Ersten Weltkrieg erst richtig in Gang gesetzt wurde. Sie betrachteten den Faschismus als eine m\u00f6gliche politische Option (zun\u00e4chst in Italien, dann in Deutschland, \u00d6sterreich, Spanien, in Zentraleuropa, usw.). Ohne diese Unterst\u00fctzung h\u00e4tten sich die verschiedenen Faschismen nicht aus plebejischen Bewegungen in politische Regimes verwandeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Heutzutage jedoch unterst\u00fctzt der globalisierte Kapitalismus die Bewegungen der extremen Rechten nicht; er f\u00fchlt sich recht wohl mit der Tro\u00efka \u2013 der Europ\u00e4ischen Kommission, der Europ\u00e4ischen Zentralbank und dem W\u00e4hrungsfonds. In der Dreissiger Jahren dr\u00fcckten die Faschismen eine diffuse Tendenz zur St\u00e4rkung des Nationalstaates aus, was verschiedene Analysten, noch vor dem Machtantritt Hitlers in Deutschland, als Entstehung eines totalen Staates interpretierten (St\u00e4rkung der Exekutive, staatliche Intervention in die Wirtschaft, Militarisierung, Nationalismus, usw.).<\/p>\n<p>Der \u00abStaat des Ausnahmezustandes\u00bb, wie er heute Gestalt annimmt, ist nicht faschistisch, sondern neoliberal: Er verwandelt die politischen Autorit\u00e4ten in einfache Vollzugsorgane der Entscheidungen der M\u00e4chtigen des Finanzkapitals, die die globale Wirtschaft beherrschen. Er ist kein starker Staat, eher ein unterworfener Staat, der einen grossen Teil seiner Souver\u00e4nit\u00e4t an die M\u00e4rkte \u00fcbertragen hat.<\/p>\n<p><strong>Sie haben vorgeschlagen, f\u00fcr die Bezeichnung der heutigen radikalen Rechten den Begriff des \u00abPost-Faschismus\u00bb zu verwenden. Gleichzeitig anerkennen Sie die Grenzen dieses Begriffs. K\u00f6nnen Sie dieses Argument etwas ausf\u00fchren?<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff des \u00abPost-Faschismus\u00bb bezeichnet einen \u00dcbergang, von dem man aber noch nicht weiss, wohin er f\u00fchren wird. Die radikale Rechte bleibt weiterhin gepr\u00e4gt durch ihre faschistischen Urspr\u00fcnge (in Osteuropa beispielsweise bezieht sie sich sogar auf diese historische Kontinuit\u00e4t); sie versucht jedoch sich von dieser schweren Erbschaft zu befreien und sich mit einem neuem Kleid zu versehen, indem sie ihre Kultur und ihre Ideologie von Grund auf \u00e4ndert. Ihre Herkunft aus dem klassischen Faschismus wird f\u00fcr sie zu einem immer gr\u00f6sseren Problem.<\/p>\n<p>Der Fall des franz\u00f6sischen Front National ist besonders bezeichnet f\u00fcr diese Ver\u00e4nderung, wie durch den Konflikt zwischen Jean-Marie und Marine Le Pen aufgezeigt wird: eine dynastisch vererbte Parteif\u00fchrerschaft, wo der Vater die urspr\u00fcngliche faschistische Seele und die Tochter eine neue Seele verk\u00f6rpert, die die alten Werte (Nationalismus, Fremdenhass, Rassismus, Autoritarismus, Wirtschaftsprotektionismus) in einen republikanischen und liberal-demokratischen Rahmen zu verpflanzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Was sind die Auswirkungen dieser \u00abpost-faschistischen\u00bb Ver\u00e4nderung?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Ver\u00e4nderung k\u00f6nnte den politischen Rahmen sprengen. Als sich nach den Anschl\u00e4gen vom Januar und insbesondere vom November die gesamte politische Klasse Frankreichs auf die Positionen des Front National stellte, wurde es beinahe unm\u00f6glich, im Namen der Republik gegen diesen zu k\u00e4mpfen. Der Front National ist keine anti-republikanische Kraft, wie es die Action fran\u00e7aise unter der III. Republik noch war. Seine Ver\u00e4nderung spiegelt vielmehr die inneren Widerspr\u00fcche des republikanischen Nationalismus. Es handelt sich nur mehr in Ausnahmef\u00e4llen um einen \u00dcbergang des Faschismus in die Demokratie. Vielmehr um eine Ver\u00e4nderung in Richtung zu etwas Neuem, noch Unbekanntem, mit dem die gegenw\u00e4rtigen, real-existierenden Demokratien in Frage gestellt werden. Nicht mehr der klassische Faschismus, aber auch noch nicht etwas Anderes: In diesem Sinne spreche ich von Post-Faschismus.<\/p>\n<p><strong>Im gedanklichen Universum des \u00abPost-Faschismus\u00bb hat der Hass auf den Moslem den traditionellen Platz des Antisemitismus eingenommen. Wie funktioniert das?<\/strong><\/p>\n<p>Historisch war der Antisemitismus ein Pfeiler des europ\u00e4ischen Nationalismus, insbesondere in Deutschland und Frankreich. Dabei handelte es sich um so etwas wie einen kulturellen Code, um den herum eine Idee einer nationalen Identit\u00e4t konstruiert werden konnte: Der Jude verk\u00f6rperte das \u00abAnti-Frankreich\u00bb, ein Fremdk\u00f6rper, der die Nation von innen her zerfrass und schw\u00e4chte. Der nazistische Epilog des Genozides tendiert dazu, den Judenhass zu singularisieren und die grundlegenden Analogien zwischen dem Vorkriegs-Antisemitismus und der aktuellen Islamophobie zu verwischen.<\/p>\n<p>Wie der Jude von einst ist der Moslem nun zum inneren Feind geworden: nicht integrierbar, Anh\u00e4nger einer Religion und einer Kultur, die den westlichen Werten fremd ist, alsein korrumpierender Virus der Sitten und eine andauernde Bedrohung der Gesellschaftsordnung\u2026 Der anarchistische oder bolschewistische Jude wurde durch den dschihadistischen Moslem ersetzt, die Hakennase durch den Bart, der j\u00fcdische Kosmopolitismus durch den internationalistischen Dschihad. Die Ablehnung des islamischen Schleiers hat die Frauenverachtung und die Homophobie des klassischen Faschismus ersetzt.<\/p>\n<p><strong>Kann die Analogie auf andere Aspekte erweitert werden?<\/strong><\/p>\n<p>In der Tat gibt es andere Analogien: Das bedauerliche Schauspiel unserer Staatschefs, die sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben, um keine Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen, die aus den von unseren \u00abhumanit\u00e4ren Kriegen\u00bb verw\u00fcsteten Gebieten fliehen, erinnert in etwa an die Konferenz von Evian von 1938, an der die grossen West\u00e4chte keine Vereinbarung erzielen konnten zur Aufnahme von j\u00fcdischen Fl\u00fcchtlingen aus den von den Nazis beherrschten L\u00e4ndern Deutschland und \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Heute verk\u00fcnden in mehreren westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern die post-faschistischen Bewegungen die Ausgrenzung und den Hass im Namen des Rechtes und der individuellen Freiheiten. Sicherlich geht es dabei um einen widerspr\u00fcchlichen Prozess, denn die alten Vorurteile sind in der W\u00e4hlerschaft immer noch vorhanden, aber die Tendenz ist recht klar. Mit dem Resultat, dass wir den heutigen Fremdenhass nicht mit den Argumenten gegen den traditionellen Faschismus beikommen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Historiker Enzo Traverso definiert den Postfaschismus als eine Erscheinung, die sich grundlegend vom klassischen Faschismus unterscheidet. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[41,34,45,76],"class_list":["post-884","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-europa","tag-faschismus","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=884"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/884\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":885,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/884\/revisions\/885"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}