{"id":8842,"date":"2020-11-29T15:00:52","date_gmt":"2020-11-29T13:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8842"},"modified":"2020-11-29T15:00:53","modified_gmt":"2020-11-29T13:00:53","slug":"engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8842","title":{"rendered":"Engels, die Frauen der Arbeiter:innenklasse und der sozialistische Feminismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Josefina Martinez. <\/em><strong>An seinem 200. Geburtstag sind die Ideen, die Friedrich Engels &#8211; oft gemeinsam mit Karl Marx &#8211; entwickelte, immer noch hochaktuell. Auch f\u00fcr feministische Diskussionen lohnt sich der Blick zur\u00fcck auf das Werk Engels&#8216;.<\/strong><!--more--><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/eng-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8843\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/eng-2.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/eng-2-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/eng-2-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Immer noch tief betroffen vom Tod seines Freundes, begann Engels 1883 damit, Stapel von Briefen, Manuskripten und Notizen zu sichten, die im Haus von Marx in der Maitland Park Road in London unvollendet geblieben waren. Dort findet er zwischen Haufen von Papieren eine Reihe von Notizen, die auf der Lekt\u00fcre des Werkes des amerikanischen Anthropologen Lewis Henry Morgan basierten, dessen letztes Buch\u00a0<em>Ancient Society<\/em>\u00a0(dt.\u00a0<em>Die Urgesellschaft<\/em>) einige Jahre zuvor erschienen war. Die beiden hatten sich \u00fcber dieses Thema ziemlich viel ausgetauscht, und Engels war sehr daran interessiert, einige Ideen zu diesem Thema zu systematisieren. Auf der Grundlage der ethnologischen Notizen von Marx entwickelt Engels eine historische und materialistische Analyse gesellschaftlicher Organisationen, insbesondere \u00fcber die Ver\u00e4nderungen in den Formen der Verwandtschaft, der patriarchalen Familie, der Institution der Ehe und der Monogamie. Sein Buch\u00a0<em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates<\/em>\u00a0wurde 1884 erstmals ver\u00f6ffentlicht und gilt seither als Schl\u00fcsselwerk des sozialistischen Feminismus.<\/p>\n<p>Wir werden sp\u00e4ter auf diesen Text zur\u00fcckkommen, um auf einige seiner grundlegenden Beitr\u00e4ge sowie auf einige der Kontroversen hinzuweisen, die er nach wie vor ausl\u00f6st. Doch zuvor ist es notwendig, sich das allgemeinere Panorama vor Augen zu f\u00fchren, in dem die ersten Formulierungen von Marx und Engels \u00fcber die Emanzipation der Frau erschienen.<\/p>\n<p>Engels schrieb \u00fcber die Situation der doppelten Unterdr\u00fcckung, in der sich die Frauen der Arbeiter:innenklasse befanden, zum ersten Mal in einem Text von 1845,\u00a0<em>Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/em>. Mit diesem Werk versuchte er, den Leser:innen ein wirkliches Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Leben der englischen Arbeiter:innenklasse, ihre Arbeitsbedingungen, die \u00dcberbev\u00f6lkerung in den St\u00e4dten und ihre gro\u00dfen N\u00f6te so nahe wie m\u00f6glich zu bringen. Denn sie stellten f\u00fcr ihn eine Grundlage f\u00fcr die Entstehung verschiedener sozialistischer Str\u00f6mungen, vom utopischen Sozialismus bis zum Kommunismus, dar. Engels war damals 24 Jahre alt, und dieses Buch stellt, wie er in der Einleitung zur deutschen Ausgabe von 1892 erkl\u00e4rt, nur eine embryonale Phase des wissenschaftlichen Sozialismus dar, die sich in den folgenden Jahren als Ergebnis seiner gemeinsamen Arbeit mit Marx entwickeln wird. Der Anfang des Buches ist eine wunderbare visuelle Metapher f\u00fcr die kapitalistische Gesellschaft. Engels erz\u00e4hlt von dem Schock, den man sp\u00fcrt, wenn man nach London einreist und die Themse hinauff\u00e4hrt. Der Reisende ist geblendet von der imposanten Stadt, der Anzahl der Geb\u00e4ude, der Boote, all den Zeichen einer bl\u00fchenden Zivilisation. Als er jedoch hinabsteigt und durch die engen Gassen geht, die zu den \u201eniedrigen\u201c Vierteln f\u00fchren, beginnt er zu verstehen:<\/p>\n<p><em>\u2026diese Londoner [mu\u00dften] das beste Teil ihrer Menschheit aufopfern [\u2026], um alle die Wunder der Zivilisation zu vollbringen, von denen ihre Stadt wimmelt, da\u00df hundert Kr\u00e4fte, die in ihnen schlummerten, unt\u00e4tig blieben und unterdr\u00fcckt wurden, damit einige wenige sich voller entwickeln und durch die Vereinigung mit denen anderer multipliziert werden konnten.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f1\"><strong><em><sup>1<\/sup><\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Engels\u2018 Worte weisen auf die brutalen Ungleichheiten hin, die durch den Kapitalismus verursacht werden, wo jedes \u201eWunder der Zivilisation\u201c auf der Zerst\u00f6rung eines Gro\u00dfteils derselben Gesellschaft \u2013 diejenigen, die nichts haben, die Proletarier:innen \u2013, aufgebaut ist. Engels\u2018 Blick dringt weiter in die Arbeiter:innenviertel vor, um schmutzige und enge Stra\u00dfen, ungeheizte Wohnungen und Lebensmittelknappheit zu entdecken. Und dann verweist er besonders auf die arbeitenden Frauen, die in den Textilwerkst\u00e4tten in der Mehrheit sind, die wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen 10- oder 12-Stunden-Tage arbeiten, aber niedrigere L\u00f6hne erhalten, die in Krisenzeiten als erste entlassen werden und die nach ihrer Heimkehr Kochen, Putzen und Kinderbetreuung \u00fcbernehmen m\u00fcssen. Und obwohl wir hier noch keine Theorie \u00fcber die Rolle der Frauen der Arbeiter:innenklasse in der kapitalistischen Gesellschaft finden, weist Engels immer wieder auf ein gesellschaftliches Ph\u00e4nomen hin, das insbesondere Frauen betrifft. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung, behauptet er, zersetzt die Familie der Arbeiter:innenklasse und macht ihre Existenzbedingungen unm\u00f6glich:<\/p>\n<p><em>So macht die soziale Ordnung dem Arbeiter das Familienleben fast unm\u00f6glich; ein unwohnliches, schmutziges Haus, das kaum zum n\u00e4chtlichen Obdach gut genug, schlecht m\u00f6bliert und oft nicht regendicht und nicht geheizt ist, eine dumpfige Atmosph\u00e4re im menschengef\u00fcllten Zimmer erlaubt keine H\u00e4uslichkeit; der Mann arbeitet den ganzen Tag, vielleicht auch die Frau und die \u00e4lteren Kinder, alle an verschiedenen Orten, sehen sich nur morgens und abends \u2013 dazu die stete Versuchung zum Branntweintrinken; wo kann dabei das Familienleben existieren? Dennoch kann der Arbeiter der Familie nicht entrinnen, er mu\u00df in der Familie leben, und die Folge davon sind fortw\u00e4hrende Familienzerr\u00fcttungen und h\u00e4usliche Zwiste, die sowohl auf die Eheleute wie namentlich auf ihre Kinder im h\u00f6chsten Grade demoralisierend wirken.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f2\"><strong><em><sup>2<\/sup><\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Die Textilfabriken besch\u00e4ftigen Frauen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren, und es gibt dort auch eine gro\u00dfe Zahl von Kindern. Engels weist darauf hin, dass die Arbeiterinnen\u00a0<em>\u201eoft schon drei bis vier Tage nach der Niederkunft wieder in die Fabrik\u201c<\/em>\u00a0zur\u00fcckkehren und w\u00e4hrend ihrer Freizeit von der Arbeit nach Hause laufen, um das Neugeborene zu f\u00fcttern. Wenn sie 12 oder 13 Stunden in den Fabriken verbringen, werden die Kinder in der Obhut eines Familienmitglieds oder Nachbarn zur\u00fcckgelassen, oder sie laufen barfu\u00df durch die Gegend. Arbeitspl\u00e4tze sind auch h\u00e4ufig Schauplatz sexuellen Missbrauchs, da\u00a0<em>\u201edie Fabrikdienstbarkeit wie jede andre, und noch mehr, dem Brotherrn das Jus primae noctis Recht der ersten Nacht erteilt.\u201c<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f3\"><strong><sup>3<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Aus diesem Grund, so Engels, l\u00f6st\u00a0<em>\u201e[d]ie Besch\u00e4ftigung der Frau in der Fabrik [\u2026] die Familie notwendig g\u00e4nzlich auf, und diese Aufl\u00f6sung hat in dem heutigen Zustande der Gesellschaft, der auf der Familie beruht, die demoralisierendsten Folgen, sowohl f\u00fcr die Eheleute wie f\u00fcr die Kinder.\u201c<\/em>\u00a0Die heutige Gesellschaft basiert auf der Familie, aber gleichzeitig zersetzt sie diese und macht ihre Existenzbedingungen unm\u00f6glich. Dieser explosive Widerspruch kennzeichnet die Lebens- und Kampfbedingungen der arbeitenden Frauen und der gesamten Arbeiter:innenklasse. Diese Idee, die noch in den Kinderschuhen steckt, wird sp\u00e4ter von Marx und Engels wieder aufgegriffen werden.<\/p>\n<p>Beide werden auf die Frage zur\u00fcckkommen und einige Definitionen zur Notwendigkeit des Kampfes f\u00fcr die Emanzipation der Frau, eine Analyse des historischen Ursprungs der Unterdr\u00fcckung und eine radikale Kritik an der patriarchalen Familie vorbringen. In\u00a0<em>Die Heilige Familie<\/em>\u00a0greifen sie die Ideen des utopischen Sozialisten Fourier wieder auf:\u00a0<em>\u201eDie Ver\u00e4nderung einer geschichtlichen Epoche l\u00e4\u00dft sich immer aus dem Verh\u00e4ltnis des Fortschritts der Frauen zur Freiheit bestimmen, weil hier im Verh\u00e4ltnis des Weibes zum Mann, des Schwachen zum Starken, der Sieg der menschlichen Natur \u00fcber die Brutalit\u00e4t am evidentesten erscheint. Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das nat\u00fcrliche Ma\u00df der allgemeinen Emanzipation.\u201c<\/em>\u00a0Viele utopische Sozialist:innen hatten sich zuvor mit der Frauenunterdr\u00fcckung befasst und Ideen zu ihrer \u00dcberwindung ausgetauscht. Aus dieser Tradition heraus wurden Themen wie die Notwendigkeit, die Hausarbeit zu vergesellschaften, die Monogamie zu beenden und die freie Liebe zu entwickeln, bis hin zu der Notwendigkeit, die Architektur von Einfamilienh\u00e4usern neu zu organisieren und Pl\u00e4ne f\u00fcr kleine Gemeinschaftsgesellschaften zu entwerfen, behandelt. Diese Umrisse waren jedoch diffus, als Teil eines vorwissenschaftlichen Sozialismus; sie sagten weder klar aus, wie diese Ziele erreicht werden sollten, noch welche gesellschaftliche Kraft sie verwirklichen konnte. Die Erfahrungen der owenitischen Kommunen in den USA brachten keinen Erfolg, obwohl, wie Engels in einem sp\u00e4teren Werk betonte, die utopischen Sozialist:innen mit ihren Schriften die Saat f\u00fcr die Vorstellung der zuk\u00fcnftigen kommunistischen Gesellschaft s\u00e4ten.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f4\"><strong><sup>4<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Flora Trist\u00e1n, eine Pionierin des sozialistischen Feminismus, nimmt eine \u00dcbergangsposition zwischen diesem utopischen Sozialismus und dem wissenschaftlichen Sozialismus ein. In ihrem Buch\u00a0<em>Die Arbeiterunion<\/em>\u00a0(1843) schaffte sie es, einen Vorschlag f\u00fcr die soziale und politische Organisation der Arbeiter:innenklasse zu skizzieren, und befasste sich zum ersten Mal mit dem Verh\u00e4ltnis von Klasse und Geschlecht: Das dritte Kapitel des Buches ist ganz den Frauen gewidmet, die sie \u201edie letzten Sklavinnen\u201c der franz\u00f6sischen Gesellschaft nannte. In ihrem Buch spricht sie die Arbeiter:innen an und weist darauf hin, dass es nicht m\u00f6glich ist, ein Projekt der menschlichen Emanzipation ohne die Ber\u00fccksichtigung der Frauen durchzusetzen.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f5\"><strong><sup>5<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Marx und Engels ihrerseits greifen im\u00a0<em>Kommunistischen Manifest<\/em>\u00a0die Idee wieder auf, dass der Kapitalismus dazu tendiert, traditionelle Familienbande in der Arbeiter:innenklasse zu zerst\u00f6ren, indem er Frauen und Kinder massiv in die Lohnarbeit eingliedert und die Mitglieder der Arbeiter:innenfamilie in der Ausbeutung gleichstellt. Aber gleichzeitig prangern sie die \u201eDoppelmoral\u201c der Bourgeoisie an: W\u00e4hrend den Kommunist:innen vorgeworfen wurde, die \u201eWeibergemeinschaft\u201c errichten zu wollen, \u00fcbte in Wirklichkeit die Bourgeoisie sie durch Ehebruch (sozial nur f\u00fcr M\u00e4nner zugelassen) oder durch Prostitution aus und betrachtete Frauen als ihr Eigentum.<\/p>\n<p>Obwohl es im\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0mehrere Verweise auf die Arbeit von Frauen gibt \u2013 sowohl in Bezug auf die Zusammensetzung der industriellen Reservearmee als auch auf die brutale Ausbeutung der Arbeit von Frauen und Kindern \u2013, wird die systematischere Analyse der Institution Familie und der Ursachen der Unterdr\u00fcckung von Frauen von Engels, wie wir erw\u00e4hnt haben, in\u00a0<em>Der Ursprung der Familie\u2026<\/em>\u00a0entwickelt.<\/p>\n<p><strong>\u200bFamilie, weibliche Arbeit und Kommunismus<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der Grenzen, die dieses Werk haben mag \u2013 weil Morgans Studien inzwischen\u00a0\u00fcberholt sind\u00a0oder wegen einer gewissen schematischen Sicht der historischen Perioden \u2013, ist\u00a0<em>D<\/em><em>er Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates<\/em>\u00a0nach wie vor eine grundlegende Referenz. Dies gilt in erster Linie insofern, als\u00a0das Werk\u00a0den Ursprung der Frauenunterdr\u00fcckung historisch verortet und zeigt, dass sie nicht immer existierte und nicht von der Natur gegeben ist, sondern historisch und gesellschaftlich bedingt ist. In diesem Punkt\u00a0polemisierte\u00a0Engels auch mit den Arbeiten anderer sozialistischer Theoretiker wie Bebel<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote6sym\"><strong><sup>6<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0und Kautsky, die kurz zuvor Arbeiten zu diesem Thema ver\u00f6ffentlicht hatten und\u00a0der Meinung waren, dass die Unterordnung der Frau bis zu den Anf\u00e4ngen menschlicher Gesellschaften zur\u00fcckverfolgt werden k\u00f6nne, als sei sie etwas, das schon immer vorhanden gewesen sei. Engels vertrat die Ansicht, dass dies nicht der Fall sei, sondern dass es egalit\u00e4rere primitivere Gesellschaften oder sogar Gesellschaften auf der Grundlage des Mutterrechts gegeben habe, und er versuchte, diese Historizit\u00e4t hervorzuheben.<\/p>\n<p>Engels stellt eine Beziehung her zwischen der Entstehung des Privateigentums, der Klassenteilung der Gesellschaft und der Herausbildung einer famili\u00e4ren Institution, in der Frauen untergeordnet sind. Durch die Einf\u00fchrung von Ehe und Monogamie werden Frauen und Kinder zum \u201ePrivateigentum\u00a0des\u00a0Mannes\u201e. In diesem Sinne argumentiert er:<\/p>\n<p><em>Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entw\u00fcrdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und blo\u00dfes Werkzeug der Kinderzeugung. [\u2026] Um die Treue der Frau, also die Vaterschaft der Kinder, sicherzustellen, wird die Frau der Gewalt des Mannes unbedingt \u00fcberliefert: Wenn er sie t\u00f6tet, so \u00fcbt er nur sein Recht aus.<\/em><\/p>\n<p>Andererseits gibt es im Vorwort der ersten Ausgabe eine wichtige Passage, die die Beziehung zwischen Produktion und Reproduktion als die Achse aufzeigt, von der aus \u00fcber die Frage der Familie und die Rolle der Frau in der Gesellschaft nachgedacht werden kann:<\/p>\n<p><em>Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenst\u00e4nden der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, unter denen die Menschen einer bestimmten Geschichtsepoche und eines bestimmten Landes leben, werden bedingt durch beide Arten der Produktion: durch die Entwicklungsstufe einerseits der Arbeit, andrerseits der Familie.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote7sym\"><strong><em><sup>7<\/sup><\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Dieses Fragment ist mehrfach zitiert und auch von verschiedenen theoretischen Positionen aus in Frage gestellt worden. Tats\u00e4chlich gab es noch zu Lebzeiten Engels\u2018 eine Debatte zwischen denen, die den Kampf f\u00fcr die Emanzipation der Frauen als eine grundlegende Frage des sozialistischen Programms verteidigten, und einigen konservativeren Sektoren innerhalb der sozialdemokratischen Parteien, die dies nicht akzeptieren wollten.<\/p>\n<p>Um nur ein Beispiel zu nennen: Im Oktober 1886, w\u00e4hrend des Kongresses der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Gotha, hielt Clara Zetkin eine wichtige Rede zur Frage der arbeitenden Frauen und des Sozialismus. Dort erkl\u00e4rte sie, dass der Kampf f\u00fcr die Emanzipation der Frauen mit dem Kampf f\u00fcr den Sozialismus verbunden sei und dass es wichtig sei, die sozialistische Agitation unter den Frauen hervorzuheben und ihre gewerkschaftliche Organisation zu f\u00f6rdern. Die Rede wurde von einem englischen Sozialisten, Belfort Bax, der f\u00fcr seine frauenfeindlichen Positionen bekannt war, heftig angefochten.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote8sym\"><strong><sup>8<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0Als\u00a0Autorit\u00e4tsargument\u00a0versuchte Bax, dem, was Zetkin sagte, die Positionen von Engels entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Es war Eleanor Marx, die j\u00fcngste Tochter von Karl Marx, die Engels pers\u00f6nlich sehr nahe\u00a0stand, die \u00f6ffentlich auf Bax antwortete und bekr\u00e4ftigte, dass die Positionen von Engels und Zetkin miteinander verwandt seien. Die Antwort ist im \u00dcbrigen sehr interessant, weil sie\u00a0gerade\u00a0die Frage der Hausarbeit und der Doppelbelastung f\u00fcr\u00a0arbeitende\u00a0Frauen\u00a0betont. Zun\u00e4chst\u00a0weist sie\u00a0darauf\u00a0hin, dass es in England rund 4,5 Millionen erwerbst\u00e4tige Frauen gibt, in Frankreich 3,7 Millionen, in Italien 3,5 Millionen, in Deutschland \u00fcber 5, in \u00d6sterreich-Ungarn 3,5, also \u00fcber 20 Millionen erwerbst\u00e4tige Frauen in den wichtigsten europ\u00e4ischen Staaten, die in vielen F\u00e4llen die Hauptern\u00e4hrerinnen f\u00fcr \u00e4ltere Menschen, Kinder oder arbeitslose Ehem\u00e4nner sind. Dann weist sie darauf hin, dass zwar viele Aufgaben, die fr\u00fcher im Haushalt erledigt wurden auf\u00a0gesellschaftliche Arbeit\u00a0in der Produktion umgestellt wurden, dass aber privat im Haushalt noch viel Arbeit zu erledigen ist. In Bezug auf die Kontroverse weist\u00a0sie\u00a0darauf hin:<\/p>\n<p><em>Aber neben dieser Fabrik und anderen Lohnarbeiten m\u00fcssen die Frauen auch ihre Hausarbeit erledigen. Ich wei\u00df, dass Belfort Bax oder andere, die seiner Meinung sind, darauf hinweisen k\u00f6nnen, dass der kapitalistische Industrialismus die Frauen von vielen wichtigen Funktionen befreit hat, die einst die Aufgaben einer\u00a0<\/em><em>Hausfrau<\/em><em>\u00a0waren; dass sie nicht mehr Socken stricken, W\u00e4sche n\u00e4hen usw. m\u00fcssen; und dass die anderen Funktionen des Hauses\u00a0<\/em><em>auf ein Minimum reduziert<\/em><em>\u00a0wurden; dennoch gibt es einige Aufgaben im Haushalt, die noch zu erledigen sind, wie Putzen, Waschen, Kochen usw. Der Kapitalismus hat die Maschinerie des Putzens noch nicht erfunden, und gleichzeitig hat er den arbeitslosen Ehemann nicht in einem solchen Ma\u00dfe \u201edomestiziert\u201c, dass er sich um Haus und Kinder k\u00fcmmern und so seine Frau von einem Teil ihrer Last befreien k\u00f6nnte. Ja, Genosse Belfort Bax, Clara Zetkin hatte jedes Recht, mit Engels zu sagen, dass die Frau \u201eProletarierin\u00a0<\/em><em>im Haushalt<\/em><em>\u201c ist. Sie h\u00e4tte eher sagen sollen, dass die Frau unter unserem kapitalistischen Regime eine\u00a0<\/em><em>doppelte Proletarierin<\/em><em>\u00a0ist \u2013 sie hat zwei Arten von Arbeit, die Arbeit einer Produzentin in der Fabrik und die Arbeit einer Hausfrau und Mutter im Haushalt. Einerseits werden ihre Muskeln und ihr Blut f\u00fcr den unmittelbaren Nutzen des Kapitalisten ausgegeben, andererseits f\u00fcr\u00a0<\/em><em>seinen<\/em><em>\u00a0zuk\u00fcnftigen Nutzen \u2013 um eine neue Generation von Proletariern zu unterst\u00fctzen und zu ern\u00e4hren. Arbeit dort, Arbeit hier!<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote9sym\"><strong><em><sup>9<\/sup><\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Wie wir sehen k\u00f6nnen, ist die Antwort von Eleanor Marx, die sich direkt auf Engels bezieht, eindringlich. Von nun an werden sie und Clara Zetkin und andere sozialdemokratische\u00a0Anf\u00fchrerinnen\u00a0sich darauf konzentrieren, arbeitende Frauen zu organisieren und f\u00fcr soziale und politische Rechte f\u00fcr alle Frauen zu k\u00e4mpfen, w\u00e4hrend sie weiterhin die Doppelbelastung der\u00a0Arbeit im Haushalt ins Visier nehmen. Jahrzehnte sp\u00e4ter wird die Erfahrung der russischen Revolution in diesem Sinne eine gro\u00dfe gesellschaftliche Erfahrung sein, die es erlaubt, einige grundlegende Ma\u00dfnahmen zu konkretisieren: die Legalisierung von Abtreibung und Scheidung, die Anerkennung au\u00dferehelich geborener Kinder, gleiche Bezahlung f\u00fcr Frauen sowie die Schaffung von Kindertagesst\u00e4tten, Suppenk\u00fcchen, Krippen und Waschk\u00fcchen, um Schritte zur\u00a0Vergesellschaftung\u00a0der Hausarbeit zu unternehmen.\u00a0Die\u00a0anschlie\u00dfenden R\u00fcckschritte in diesem Bereich, insbesondere in den 1930er Jahren, waren Teil einer internen Konterrevolution,\u00a0die\u00a0eine repressive Diktatur als Staatsform\u00a0st\u00e4rkte\u00a0und mit Stalin an der Spitze eine reaktion\u00e4re Ideologie wiederbelebte, die Frauen als \u201eH\u00fcterinnen des Hauses\u201c in die traditionelle Familie\u00a0einordnete. Die sp\u00e4tere Politik der Kommunistischen Parteien, den Kampf der Frauen vom Kampf der Arbeiter:innenklasse zu \u201etrennen\u201c, als w\u00e4re er eine \u201ezweitrangige\u201c Frage, entspringt nicht einem fr\u00fchen Missverst\u00e4ndnis dieser Frage in den fr\u00fchen Texten des Marxismus, sondern eher einer konservativen Revision des Marxismus zur Rechtfertigung b\u00fcrokratischer Positionen und einer \u00f6konomistischen Interpretation von Klassenfragen.<\/p>\n<p>\u200bPatriarchat, Produktion und Reproduktion<\/p>\n<p>Mit der zweiten Welle der feministischen Bewegung in den sp\u00e4ten 1960er und 1970er Jahren tauchen andere Debatten \u00fcber Engels\u2018 Werk wieder auf. Einerseits\u00a0heben radikalfeministische\u00a0Autorinnen wie Shulamith Firestone und Kate Millett hervor, wie das Werk den Weg \u00f6ffnet, um die Institution Familie zu entnaturalisieren und die Unterdr\u00fcckung der Frau als\u00a0gesellschaftliches\u00a0Ph\u00e4nomen zu begreifen. Aber gleichzeitig kritisieren sie den historischen Materialismus im Allgemeinen, als ob er \u201e\u00d6konomismus\u201c w\u00e4re. Shulamith Firestone<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote10sym\"><strong><sup>10<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0geht so weit zu argumentieren, dass ein\u00a0<em>neuer historischer Materialismus<\/em>\u00a0auf der Grundlage des\u00a0Kampfes<em>\u00a0geschlechtlicher Klassen<\/em>\u00a0entwickelt werden m\u00fcsse. Die Autorin\u00a0diskutiert gegen\u00a0eine \u00f6konomistische Version des Marxismus,\u00a0die sie jedoch umdreht, um\u00a0den Schwerpunkt auf die Frage der Sexualit\u00e4t\u00a0zu legen.\u00a0Indem sie die Bedeutung der materiellen und\u00a0\u00f6konomischen\u00a0Ph\u00e4nomene der\u00a0gesellschaftlichen\u00a0Beziehungen ausl\u00f6scht oder verringert, gelangt sie zu einer idealistischen Konzeption, bei der die M\u00f6glichkeit von Ver\u00e4nderungen auf kulturelle\u00a0Umw\u00e4lzungen\u00a0beschr\u00e4nkt ist. Auf derselben\u00a0Grundlage entwickeln sich in den folgenden Jahren in der\u00a0radikalfeministischen Bewegung\u00a0separatistische Tendenzen, die auf reaktion\u00e4re Weise jedem gemeinsamen Kampf\u00a0von\u00a0verschiedenen unterdr\u00fcckten Sektoren entgegenstehen.<\/p>\n<p>Von einer ganz anderen Position aus ist darauf hingewiesen worden, dass das Werk von Engels und insbesondere die schon zitierte Passage aus\u00a0<em>Der Ursprung der Familie\u2026<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote11sym\"><strong><sup>11<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0als eine Quelle sp\u00e4terer Fehler angesehen werden kann, da sie die Produktionsebene \u00fcberm\u00e4\u00dfig von der Sph\u00e4re der Reproduktion des Lebens trennt. Diese Idee, dass Engels \u201edualistisch\u201c die Sph\u00e4re der Produktion von der Sph\u00e4re der Reproduktion trennt, wird von der marxistischen Feministin Lise Vogel in ihrem Buch\u00a0<em>Marxismus und\u00a0<\/em><em>Frauenunterdr\u00fcckung<\/em>\u00a0(1983, dt. 2019) aufgeworfen. Die Kritik wird in j\u00fcngerer Zeit von verschiedenen Autor:innen aufgegriffen, die eine von ihnen\u00a0als\u00a0Theorie der sozialen Reproduktion definierte Konzeption entwickeln, wie z.B. Sue Ferguson. F\u00fcr Ferguson<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote12sym\"><strong><sup>12<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0habe\u00a0Engels\u2018 Text, obwohl er fundamentale Beitr\u00e4ge zum sozialistischen Feminismus leistet, einen \u201eSamen\u201c ges\u00e4t, aus dem heraus sp\u00e4ter Teile der Sozialdemokratie und der Kommunistischen Parteien die Idee\u00a0vertreten\u00a0h\u00e4tten, dass der \u201ebesondere\u201c Kampf der Frauen vom Kampf der Arbeiter:innenklasse getrennt werden k\u00f6nnte oder sogar auf die Zeit nach der Revolution \u201everschoben\u201c werden sollte.<\/p>\n<p>Meiner Ansicht nach weist die Bedeutung dieser oft zitierten Passage jedoch nicht auf eine solche Trennung hin. Im Gegenteil stellt sie eine Beziehung zwischen beiden Sph\u00e4ren her, und das ist, wie Ariane D\u00edaz betont,\u00a0<em>\u201e<\/em><em>gerade<\/em><em>\u00a0das Neue an Engels\u2018 Analyse,\u00a0<\/em><em>indem sie<\/em><em>\u00a0das Problem der Frauenunterdr\u00fcckung auf die theoretische Ebene der\u00a0<\/em><em>gesellschaftlichen<\/em><em>\u00a0Produktion\u00a0<\/em><em>stellt<\/em><em>, d.h. auf die Achse der\u00a0<\/em><em>\u00dcberlegungen<\/em><em>\u00a0des Marxismus\u201c.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote13sym\"><strong><sup>13<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0Und indem die Unterdr\u00fcckung der Frau in Beziehung zu gesellschaftlichen Ph\u00e4nomenen, Produktion und Reproduktion gesetzt wird, wird diese Frage von jeder biologischen Bestimmung befreit, die die untergeordnete Stellung der Frau naturalisiert.<\/p>\n<p>Wir haben nicht die Absicht, hier die ganze reichhaltige Debatte \u00fcber die soziale Reproduktion\u00a0zu bearbeiten, die in den letzten Jahren wiederbelebt wurde und f\u00fcr die wir\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/politische-oekonomie-der-sozialen-reproduktion-i-arbeit-und-kapital\/\"><strong>diesen<\/strong><\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/mehr-als-care-silvia-federici-arbeiterinnen-und-ihre-klasse\/\"><strong>diesen<\/strong><\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"http:\/\/revista-theomai.unq.edu.ar\/NUMERO_39\/1.%20Varela.pdf\"><strong>diesen<\/strong><\/a>\u00a0Artikel empfehlen.\u00a0Hier weisen wir nur darauf hin, dass\u00a0<em>\u201edas Verst\u00e4ndnis der Beziehung zwischen Reproduktion und Produktion \u2013 und das Aufzeigen der Unterordnung de<\/em><em>r<\/em><em>\u00a0Ersteren unter\u00a0<\/em><em>die<\/em><em>\u00a0Letztere im Kapitalismus \u2013 von grundlegender Bedeutung ist, um eine Strategie des Kampfes zu artikulieren\u201c<\/em>, und zwar aus einer sozialistisch-feministischen Perspektive.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote14sym\"><strong><sup>14<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Es stimmt, dass eine systematischere Theoretisierung aus dem Marxismus \u00fcber die Hausarbeit von Frauen in der Familie erst im Rahmen der Debatten des Feminismus der zweiten Welle in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts\u00a0entstand, als innerhalb der Frauenbewegung unterschiedliche theoretische Positionen und politische Strategien aufeinandertrafen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Marxismus dieser Frage nicht schon fr\u00fcher Bedeutung beigemessen h\u00e4tte, geschweige denn, dass man\u00a0der Meinung gewesen sei, dass der Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Frauen auf die Durchsetzung demokratischer Forderungen und eine egalit\u00e4rere Eingliederung in den Arbeitsmarkt beschr\u00e4nkt\u00a0w\u00e4re, um ihre wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit zu beseitigen. Nichts k\u00f6nnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Dies waren grundlegende Fragen, aber auch der Kampf um die\u00a0Vergesellschaftung der Hausarbeit, denn Frauen waren auch \u201eProletarierinnen im Haus\u201c. Und insgesamt waren all diese K\u00e4mpfe mit einer sozialistischen Strategie zur\u00a0\u00dcberwindung\u00a0des Kapitalismus verbunden.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote15sym\"><strong><sup>15<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Engels selbst bemerkte diese Perspektive in einem Brief aus dem Jahr 1885:\u00a0<em>\u201eEine wirkliche Gleichberechtigung von Frau und Mann kann nach meiner \u00dcberzeugung erst eine Wahrheit werden, wenn die Ausbeutung beider durch das Kapital beseitigt und die private Hausarbeit in eine \u00f6ffentliche Industrie verwandelt ist.\u201c<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#sdfootnote16sym\"><strong><sup>16<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Um auf\u00a0sein\u00a0Verm\u00e4chtnis f\u00fcr den sozialistischen Feminismus zur\u00fcckzukommen, ist es wichtig, die Sch\u00e4rfe der Kritik an der patriarchalen Familie und der Institution der Ehe hervorzuheben, die auch heute noch eine gro\u00dfe Kraft haben. Einerseits angesichts des Anwachsens konservativer Positionen, die\u00a0in\u00a0der Krise von Neoliberalismus und Kapitalismus die Rolle der traditionellen (patriarchalen) Familie unkritisch aufwerten wollen. Engels erinnert uns daran, dass es an dieser Institution nichts \u201eNat\u00fcrliches\u201c gibt und sie auch keine \u201eOase\u201c mitten im Sturm ist, sondern dass sie auf\u00a0\u00f6konomischer\u00a0Abh\u00e4ngigkeit beruht, von hierarchischen Beziehungen durchzogen ist und\u00a0gesellschaftliche\u00a0Widerspr\u00fcche in ihr reproduziert. Geschlechtsspezifische Gewalt kann kaum au\u00dferhalb der Konturen dieser patriarchalen Institution und der Idee des \u201eBesitzes\u201c von Frauen durch ihre Ehem\u00e4nner verstanden werden. Gleichzeitig verschlechtert der Kapitalismus, wie wir oben dargelegt haben, die Existenzbedingungen der arbeitenden Familie \u2013 Millionen wird sogar das Recht auf eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz verweigert \u2013, w\u00e4hrend er sie als eine der Grundlagen dieser Gesellschaft aufrechterh\u00e4lt. Dies erzeugt\u00a0ersch\u00fctternde\u00a0Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Aus Engels\u2018 Sicht werden Frauen die patriarchale Unterdr\u00fcckung erst dann \u00fcberwinden k\u00f6nnen, wenn Familie und Ehe nicht mehr als Einheiten zwingender\u00a0\u00f6konomischer\u00a0Abh\u00e4ngigkeit existieren, wenn reproduktive Arbeit\u00a0vergesellschaftet\u00a0wird und wenn selbst\u00a0<em>\u201e<\/em><em>Pflege<\/em><em>\u00a0und Erziehung der Kinder [\u2026] \u00f6ffentliche Angelegenheit\u201c<\/em>\u00a0sind. Vergessen wir nicht, dass zur Zeit, als Engels schrieb, in einem Gro\u00dfteil der Welt Frauen immer noch Kinder zu Hause erziehen, dass es keine weit verbreitete allgemeine \u00f6ffentliche Bildung und keine Kinderg\u00e4rten\u00a0gab. Nur die Frauen der Bourgeoisie konnten sich durch die schlecht bezahlte Arbeit der Frauen der Arbeiter:innenklasse vollst\u00e4ndig von einem Teil der Arbeit der Kinderbetreuung befreien.\u00a0Trotz aller\u00a0historischer\u00a0Unterschiede ist diese Frage heute immer noch voll und ganz g\u00fcltig, wenn man die Verschlechterung des Bildungswesens und der \u00f6ffentlichen Gesundheit betrachtet, die von den kapitalistischen Regierungen\u00a0durchgesetzt\u00a0wurde,\u00a0wo\u00a0es keine kostenlosen Kinderg\u00e4rten oder Kinderkrippen gibt, die von den ersten Monaten an\u00a0die Betreuung der Kinder garantieren. In j\u00fcngster Zeit sehen wir die dreifache Last, die viele berufst\u00e4tige Frauen in Zeiten\u00a0der\u00a0Pandemie bei der virtuellen Ausbildung ihrer Kinder tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Engels\u2018 Kritik an den\u00a0gesellschaftlichen\u00a0Mechanismen, die die emotionalen und sexuellen Beziehungen zwischen Menschen regulieren und einschr\u00e4nken,\u00a0erm\u00f6glicht\u00a0schlie\u00dflich die Vorbereitung einer Gesellschaft, in der diese Hindernisse \u00fcberwunden werden. Befreiung der pers\u00f6nlichen Beziehungen von den Beschr\u00e4nkungen einer Gesellschaft, die von Privateigentum und der Ausbeutung eines gro\u00dfen Teils der Menschheit beherrscht wird, so dass Liebe, Sexualit\u00e4t und Freundschaft auf neuen Grundlagen wiedergeboren werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch am\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.izquierdadiario.es\/Engels-las-mujeres-trabajadoras-y-el-feminismo-socialista\"><strong><em>21. November 2020 bei Contrapunto<\/em><\/strong><\/a><em>, der Sonntagsausgabe von IzquierdaDiario.es.<\/em><\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f1_text\"><strong>1<\/strong><\/a>.Friedrich Engels,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me02\/me02_225.htm\"><strong>Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/strong><\/a>, 1845.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f2_text\"><strong>2<\/strong><\/a>. Ebd.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f3_text\"><strong>3<\/strong><\/a>. Ebd.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f4_text\"><strong>4<\/strong><\/a>. Friedrich Engels,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me19\/me19_177.htm\"><strong>Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft<\/strong><\/a>, 1880.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f5_text\"><strong>5<\/strong><\/a>. Vgl. Andrea D\u2019Atri,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/brot-und-rosen-geschlecht-und-klasse-im-kapitalismus\/\"><strong>Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus<\/strong><\/a>, Argument 2019.<\/li>\n<\/ol>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f6_text\"><strong>6<\/strong><\/a>.Bebels Buch<em>\u00a0Die Frau und der Sozialismus<\/em>\u00a0wurde zuerst in Leipzig heimlich gedruckt und zirkulierte mehrere Jahre lang unter der Zensur antisozialistischer Gesetze illegal. Bis 1895 wurde es in Deutschland 25 Mal nachgedruckt und erschien in Englisch, Franz\u00f6sisch, Russisch, Italienisch, Schwedisch, D\u00e4nisch, Polnisch, Fl\u00e4misch, Griechisch, Bulgarisch, Rum\u00e4nisch, Ungarisch und Tschechisch. Es hatte offensichtlich eine gro\u00dfe Wirkung. Nach der Ver\u00f6ffentlichung von Engels\u2018 Buch \u00fcberarbeitet Bebel seine eigene Arbeit und bezieht Engels\u2018 Hinweise auf Morgan mit ein.<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f7_text\"><strong>7<\/strong><\/a>. Friedrich Engels,\u00a0<a href=\"http:\/\/mlwerke.de\/me\/me21\/me21_025.htm\"><strong>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates<\/strong><\/a>, 1884; Ders.,\u00a0<a href=\"http:\/\/mlwerke.de\/me\/me21\/me21_027.htm\"><strong>Vorwort zur Erstausgabe<\/strong><\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f8_text\"><strong>8<\/strong><\/a>. Einige Zeit sp\u00e4ter schrieb Bax als Antwort auf Stuart Mills Pamphlet\u00a0<em>The Subjection of Women<\/em>(1869, dt.\u00a0<em>Die H\u00f6rigkeit der Frau<\/em>) einen Text mit dem provokativen Titel\u00a0<em>The Legal Subjection of Men<\/em>(1908), der alle m\u00f6glichen Aussagen gegen die Frauenbewegung enthielt und in dem er behauptete, dass sie es seien, die in der Ehe \u201ePrivilegien\u201c genie\u00dfen.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f9_text\"><strong>9<\/strong><\/a>. Eleanor Marx,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/eleanor-marx\/1896\/11\/proletarian-home.htm\"><strong>The Proletarian in the Home<\/strong><\/a>, 1896. Eigene \u00dcbersetzung.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f10_text\"><strong>10<\/strong><\/a>. Shulamith Firestone,\u00a0<em>The Dialectic of Sex: The Case for Feminist Revolution<\/em>, 1970, dt.\u00a0<em>Frauenbefreiung und sexuelle Revolution<\/em>, 1975.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f11_text\"><strong>11<\/strong><\/a>. \u201eNach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art\u2026\u201c<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f12_text\"><strong>12<\/strong><\/a>. Sue Ferguson,\u00a0<em>Women and work<\/em>, Pluto Press.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f13_text\"><strong>13<\/strong><\/a>. Ariane D\u00edaz,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.laizquierdadiario.com\/ideasdeizquierda\/el-marxismo-y-la-opresion-de-la-mujer\/\"><strong>\u201eEl marxismo y la opresi\u00f3n de la mujer\u201c<\/strong><\/a>, Ideas de Izquierda, 2017.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f14_text\"><strong>14<\/strong><\/a>. Josefina L. Mart\u00ednez, Cynthia Luz Burgue\u00f1o, P<em>atriarcado y capitalismo. Feminismo, clase y diversidad<\/em>, Akal 2019.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f15_text\"><strong>15<\/strong><\/a>. Cynthia Lub, Josefina L. Mart\u00ednez,<a href=\"http:\/\/www.izquierdadiario.es\/Mujeres-revolucion-y-socialismo-revisitando-la-relacion-entre-marxismo-y-feminismo\"><strong>\u201eMujeres, revoluci\u00f3n y socialismo (revisitando la relaci\u00f3n entre marxismo y feminismo)\u201c<\/strong><\/a>, 2020.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/#f16_text\"><strong>16<\/strong><\/a>. Friedrich Engels, Brief an Gertrud Guillaume-Schack, 5. Juli 1885. In: MEW Band 36.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/engels-die-frauen-der-arbeiterinnenklasse-und-der-sozialistische-feminismus\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. November 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Josefina Martinez. An seinem 200. Geburtstag sind die Ideen, die Friedrich Engels &#8211; oft gemeinsam mit Karl Marx &#8211; entwickelte, immer noch hochaktuell. 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