{"id":8864,"date":"2020-12-04T11:01:50","date_gmt":"2020-12-04T09:01:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8864"},"modified":"2020-12-05T13:02:06","modified_gmt":"2020-12-05T11:02:06","slug":"corona-hochschule-und-klassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8864","title":{"rendered":"Corona, Hochschule und Klassismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Erna und Federico Cassar\u00e0. <\/em><strong>Die Krise hat Studierende besonders hart getroffen. Schon vorher hat f\u00fcr viele das Geld kaum gereicht, um steigende Lebenshaltungskosten zu decken. Nun haben etwa 40 Prozent der Studierenden<!--more--> mit Nebenjob diesen verloren. Als f\u00fcr die Unternehmen austauschbare Arbeitskr\u00e4fte in prek\u00e4ren Vertr\u00e4gen waren sie unter den ersten, auf die die Kosten der Krise abgew\u00e4lzt wurden.<\/strong><\/p>\n<p>den Studierenden ein Anspruch auf ALG II einger\u00e4umt. Stattdessen sollen sie sich entweder privat verschulden oder darauf hoffen, dass ihr Antrag auf eine \u00dcberbr\u00fcckungshilfe von h\u00f6chstens 500 Euro nicht wegen Kleinigkeiten abgelehnt wird, wie in mehr als einem Drittel der F\u00e4lle geschehen.<\/p>\n<p><strong>Sozialer Ausschluss in der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Die sozialen Unterschiede an den Hochschulen haben sich so weiter versch\u00e4rft. Viele Studierende m\u00fcssen um die Finanzierbarkeit ihres Studiums bangen, es im schlimmsten Fall gar abbrechen. Hier schl\u00e4gt die \u00f6konomische Krise wieder asymmetrisch zu: Sie verschont wohlhabendere Studierende und trifft die \u00c4rmeren, die nicht das Privileg haben, sich auf den R\u00fcckhalt ihrer Familie verlassen zu k\u00f6nnen. Das sind \u00fcberproportional oft jene, deren Eltern keine Akademiker*innen sind, die aus migrantischen Familien stammen, die als queere Menschen die Unterst\u00fctzung ihrer Angeh\u00f6rigen verloren haben.<\/p>\n<p>Die Unt\u00e4tigkeit des Staates in Anbetracht der dramatischen Lage, stellt die angeblich universelle Zug\u00e4nglichkeit der Hochschule abermals in Frage. Ausschlie\u00dfende Strukturen sind von der Bewerbung bis zum Abschluss omnipr\u00e4sent. Transphobe Geschlechterpolitiken, rassistische Professor*innen und geringe Frauenanteile in wissenschaftlichen Positionen sind nur wenige Beispiele daf\u00fcr. Was in der liberalen Einbildung einer \u201eHochschule f\u00fcr alle\u201c unter den Tisch f\u00e4llt, ist die Relevanz klassistischer Ausschlusspraktiken, gegen\u00fcber Menschen mit geringem \u00f6konomischem, kulturellem oder sozialem Kapital.<\/p>\n<p>\u00dcber das Materielle hinaus, begegnet Studierenden aus Nicht-Akademikerinnen-Familien auch Diskriminierung aufgrund habitueller Erwartungen an Ausdruck, Auftreten und Geschmack. Unzug\u00e4ngliche Sprache, das dekadente Zurschaustellen der Kenntnis von bestimmten Theorien und Autor*innen und Erwartungen eines breiten Allgemeinwissens erschweren den Zugang zur akademischen Welt f\u00fcr Kinder von Nicht-Akademikerinnen und Nicht-Akademikern.<\/p>\n<p>Als b\u00fcrgerliche Institution verh\u00e4rtet und reproduziert die Hochschule somit Klassenunterschiede und f\u00fchrt fort, was im dreigliedrigen Schulsystem beginnt: eine soziale Auslese, die letztlich den Zugang zu Institutionen des Journalismus, des Justizwesens, der Wissenschaft und der Politik nur denjenigen gew\u00e4hrt, die bereits aus der b\u00fcrgerlichen Schicht stammen. Die klassistische Universit\u00e4t wird zentrales Instrument daf\u00fcr, diese gesellschaftlichen Bereiche exklusiv zu halten.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Hochschule frei von&nbsp;<\/strong><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/klasse-rasse-und-geschlecht-in-deutschland-zur-kritik-des-liberalen-feminismus\/\"><strong>Klassismus<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Eine wirklich f\u00fcr alle zug\u00e4ngliche Universit\u00e4t zu schaffen, hei\u00dft also, klassistische Ausschlussmechanismen zu bek\u00e4mpfen. Die materiellen Voraussetzungen f\u00fcr ein Studium f\u00fcr alle m\u00fcssen geschaffen werden. Daf\u00fcr br\u00e4uchte es vor allem in Zeiten von Corona ausreichende Soforthilfen. Generell bedeutet es die Umwandlung des restriktiven BAf\u00f6G, mit seinen viel zu geringen Regels\u00e4tzen, in ein Studienhonorar f\u00fcr alle. Dieses w\u00fcrde als ausreichend hoher Vollzuschuss gezahlt, ohne H\u00fcrden wie Staatsb\u00fcrgerschaft oder Regelstudienzeit. Damit w\u00e4re nicht nur soziale Sicherung geboten, sondern auch der Beitrag von Studierenden im wissenschaftlichen Prozess anerkannt.<\/p>\n<p>Genauso muss aber an einer Hochschule Platz sein f\u00fcr alle Wissens-, Lebens und Ausdrucksformen. Derzeit gilt n\u00e4mlich, dass universit\u00e4re Bildung b\u00fcrgerliche Bildung ist. Sie l\u00f6scht Wissen und Erfahrungswerte von Personen aus, die nicht aus dem b\u00fcrgerlichen Milieu stammen, indem sie diese als unwissenschaftlich oder schlicht als Nicht-Wissen abstempelt. Es muss also mehr Diversit\u00e4t an Inhalten und Formaten und ein selbstbestimmtes Lernen und Forschen erm\u00f6glicht werden, um akademische Freiheit zu st\u00e4rken. Das kann nur funktionieren, wenn wir die Vorstellung \u00fcberwinden, nur universit\u00e4r genormtes, b\u00fcrgerliches Wissen sei wertvoll und ernstzunehmen. Wir brauchen eine Wissenschaft, die nicht nur in den Inhalten kritisch ist, sondern auch in der Form. Eine Wissenschaft, die alle Arten von Erkenntnissen und Erfahrungen ernst nimmt, wertsch\u00e4tzt und in den politischen Diskurs einflie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag von Fede Cassar\u00e0, Erna Cassar\u00e0 erschien in gedruckter Form in der neuen&nbsp;<\/em><a href=\"http:\/\/www.linke-sds.org\/media\/critica\/\"><em>Critica<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/gesellschaft\/corona-hochschule-und-klassismus\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Dezember 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erna und Federico Cassar\u00e0. Die Krise hat Studierende besonders hart getroffen. Schon vorher hat f\u00fcr viele das Geld kaum gereicht, um steigende Lebenshaltungskosten zu decken. 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