{"id":8877,"date":"2020-12-05T12:57:37","date_gmt":"2020-12-05T10:57:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8877"},"modified":"2020-12-05T12:58:27","modified_gmt":"2020-12-05T10:58:27","slug":"die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizer-sonderfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8877","title":{"rendered":"Die EMS-Chemie, die Nazis und der \u00abSchweizer Sonderfall\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Raphael Liebermann.<\/em> <strong>Am 5. November 2020 wurde im Schweizer Fernsehen SRF die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/play\/tv\/dok\/video\/ems-chemie---dunkle-helfer-nach-dem-zweiten-weltkrieg?urn=urn:srf:video:780f0451-1498-40cd-8987-6a7a268d06e1\">Doku \u201cEms-Chemie \u2013 Dunkle Helfer nach dem Zweiten Weltkrieg\u201d<\/a>\u00a0ausgestrahlt und ist seitdem online verf\u00fcgbar. Der Dokumentarfilm, in dem sich<!--more--> Gespr\u00e4che mit Zeitzeug*innen und Historiker*innen abwechseln, ist aus mehreren Gr\u00fcnden empfehlenswert. Die Doku wirft Licht auf die dunklen Flecken der Entstehungsgeschichte des gr\u00f6ssten Konzerns Graub\u00fcndens, der \u00abEms-Chemie\u00bb, ehemals Hovag. Die unvorteilhaften Aspekte der Firmengeschichte waren von der Eigent\u00fcmerfamilie Blocher in ihrer vorangegangenen Eigendarstellung eifrig ignoriert worden. <\/strong><\/p>\n<p>Aufgrund der vielen historischen Verbindungen des Konzerns sowohl zur schweizerischen als auch zur internationalen Politik h\u00f6rt die historische Aufarbeitung nicht an den Werkstoren auf. Am Beispiel der Geschichte der Ems-Chemie l\u00e4sst sich nicht nur viel \u00fcber die Geschichte der Schweiz w\u00e4hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg lernen, sondern auch \u00fcber den Umgang der Medien mit Rechten.<\/p>\n<p><strong>Kooperation zwischen Nazis und der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl ich es allen sehr ans Herz legen w\u00fcrde, die Doku selber zu schauen, m\u00f6chte ich hier einen kurzen \u00dcberblick geben. 1936 gr\u00fcndete der Agraringenieur Werner Oswald die \u00abHolzverzuckerungs-AG\u00bb (Hovag). Ein grosses Werksgel\u00e4nde entstand jedoch erst mit der finanziellen Unterst\u00fctzung des Bundesrats ab 1940. Die Hovag sollte im Auftrag des Staates im grossindustriellen Massstab Ethanol (ein Benzinersatz) aus Holz herstellen, um die Treibstoffversorgung der Schweizerischen Armee im bereits w\u00fctenden Weltkrieg zu sichern. Dieses Unterfangen gelang mit der Unterst\u00fctzung des SP-Nationalrats Robert Grimm und einer Abnahmeverpflichtung des Bundesrates, welche die Nachfrage garantierte. Diese Subventionen waren n\u00f6tig, da sich die Fertigung von Treibstoff aus Holz im armen, b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Graub\u00fcnden im Vergleich mit herk\u00f6mmlichem Benzin nicht rechnete. Der Aufbau des Chemiewerks ist also nur im Kontext des Aufbaus der schweizerischen Kriegswirtschaft und der wirtschaftlichen Entwicklungspolitik des Bundesrates zu verstehen. Die Hovag war aber trotz der Subventionen zu keinem Zeitpunkt in der Lage, die Nachfrage des Landes zu decken. Ganz \u00e4hnlich wie es der Schweiz auch mit dem Plan Wahlen und der \u00abAnbauschlacht\u00bb nie gelang, die Lebensmittelversorgung allein durch die heimische Produktion zu gew\u00e4hrleisten, um sich gegen allf\u00e4llige Embargos w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs zu wappnen. F\u00fcr den Mythos der autonomen wehrhaften und dadurch eben neutralen Schweiz war dies jedoch von zentraler Bedeutung.<\/p>\n<p>Der SP-Nationalrat Robert Grimm war mit der Treibstoffversorgung w\u00e4hrend dem Krieg betraut worden. Seine rechte Hand der Anwalt Ernst Imfeld unterhielt beste Verbindungen in das Umfeld des NS-Wirtschaftsministers, Herrmann G\u00f6ring. Die Kooperation mit dem NS-Staat sicherte die Benzinzufuhr der Schweiz w\u00e4hrend dem Krieg. Nach dem Krieg revanchierte sich der Schweizer Staat daf\u00fcr, indem er den einstigen SS-Hauptsturmf\u00fchrer Ernst Rudolf Fischer, der bis 1939 Direktor des Chemie-Trusts I.G.-Farben (Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG; heute BASF, Bayer etc.) war, aufnahm und so vor den Nachfolgeprozessen zu den N\u00fcrnberger Prozessen bewahrte. Damals musste sich die I.G.-Farben n\u00e4mlich f\u00fcr Pl\u00fcnderungen in den von der NS-Diktatur besetzten Gebieten, systematische Zwangsarbeit bis zum Tod und die Erfindung des ber\u00fcchtigten Zyklon B verantworten.<\/p>\n<p>Im beiderseitigen Interesse vermittelte Ernst Rudolf Fischer belastete Chemiker an die Hovag, u.a. Johann Giesen. Dieser hatte nach dem Zweiten Weltkrieg als Zeuge in den N\u00fcrnberger Prozessen noch versucht, den SS-Offizier und Chef der Buna-Werke<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;Heinrich B\u00fctefisch durch seine Aussagen zu entlasten. Johann Giesen war also \u00fcberzeugter Nazi, der keinen Befehl brauchte, um sich sch\u00fctzend vor die T\u00e4ter der Vernichtungspolitik zu stellen. Er selbst war vor Kriegsende zum Produktionsleiter im I.G.-Farbenwerk Auschwitz-Monowitz aufgestiegen. Damit hatte er an der \u00abVernichtung durch Arbeit\u00bb (Bezeichnung von Joseph Goebbels) teilgehabt und den Vernichtungskrieg der Wehrmacht mit Treibstofflieferungen unterst\u00fctzt. Johann Giesen und die chemischen Syntheseverfahren der I.G.-Farben sollten die Hovag auch in die Nachkriegszeit retten. Denn nach dem Krieg liefen die Abnahmevertr\u00e4ge zwischen der Hovag und dem Schweizer Staat aus, sodass ein geregelter Umbau der Hovag erfolgen musste. F\u00fcr diesen Umbau war das Wissen von Johann Giesen, welches er sich w\u00e4hrend der Arbeit im I.G.-Farben Werk bei Auschwitz angeeignet hatte, zentral. Das wichtigste war wohl die Nylon-Synthese, dessen Produkt unter dem Markennamen Grilon<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftn2\">[2]<\/a>&nbsp;als modernes Schweizer Erzeugnis beworben wurde.<\/p>\n<p>Mit dem \u00dcbergang zur Marktwirtschaft war Werbung wichtiger geworden. Obwohl hier eine gewisse Kontinuit\u00e4t von den Durchhalteparolen der Kriegszeit zur Werbung auf dem freien Markt auff\u00e4llt. Ein sch\u00f6nes Beispiel hierf\u00fcr ist der von Werner Oswald in Auftrag gegebene&nbsp;<a href=\"https:\/\/nossaistorgia.ch\/entries\/KEAVXokGZNa\">Film&nbsp;<em>Ems-Chemie<\/em><\/a>&nbsp;aus dem Jahr 1955, aus dem einige Ausschnitte in der Doku gezeigt werden. Dieses Propagandawerk kolportiert, wie der Unternehmer Oswald die Bergbauern aus der Armut befreit und aus Schweizer Holz ein schweizerisches Produkt der Moderne schafft. F\u00fcr die Verstrickungen mit dem NS-Staat blieb in Oswalds \u00abWerbefilm\u00bb dabei kein Platz.<\/p>\n<p><strong>Aufarbeitung oder Neutralit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Da die Schweiz vom Krieg nicht durch Kampfhandlungen oder Besatzung betroffen war, kam es hier zu keinem Bruch. Vielmehr herrschten dieselben politischen Funktion\u00e4re bis in die Nachkriegszeit hinein. Deren Herrschaft war nach dem Krieg eher noch gefestigt worden, sodass es beispielsweise bis in die 1950er Jahre dauerte, bis der Bundesrat seine Notstandsvollmachten abtrat. Die schweizerische Politik und ihre Durchhalteideologie muss einiges an Legitimit\u00e4t besessen haben, angesichts einer verschonten Schweiz inmitten eines zerst\u00f6rten Europas. Und diese Ideologie des Erfolgsmodells der neutralen Schweiz schrieb sich nun im Kalten Krieg fort. Das Milit\u00e4r war auch hier von zentraler Bedeutung. Dessen Wehrhaftigkeit wurde als Garant f\u00fcr das gesamte schweizerische Gesellschaftsmodell dargestellt. Das Milit\u00e4r war auch ein Stabilisator der patriarchalen Ordnung, da nur die Wehrhaftigkeit des Mannes auch zur politischen Repr\u00e4sentation berechtigte.<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Durch die sowjetische Bedrohung, welche die Kriegspropaganda suggerierte, wurde die Schweiz zu einer monolithischen Gesellschaft zusammengeschweisst, in der Klassenkonflikte undenkbar waren. Die Ideologie der wehrhaften und autonomen, aber neutralen Schweiz lebte fort und passte sich der neuen geopolitischen Lage an, indem nach dem Zweiten Weltkrieges die faschistische Bedrohung durch die kommunistische ersetzt wurde. Diese Kontinuit\u00e4t f\u00fchrt dazu, dass \u00fcber vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Bundesrat noch verlautbaren konnte: \u00abDie Schweiz hat keine Armee, die Schweiz ist eine Armee.\u00bb Und in diese Geschichte der Selbstbehauptung f\u00fcgt sich die imaginierte Heldengeschichte des Werner Oswalds ein, der Kraft seiner Begabung und seines Willens (\u00abEr war beseelt.\u00bb, Originalton Christoph Blocher) quasi als b\u00fcrgerlicher \u00dcbermensch den Hovag-Konzern erschuf und zu dessen heutiger Gr\u00f6sse f\u00fchrte. Genau diese Geschichte versucht die Familie Blocher als ihre eigene fortzuschreiben<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftn4\">[4]<\/a>. Aufgrund der pers\u00f6nlichen und wirtschaftlichen Voreingenommenheit der Familie Blocher ist es wenig verwunderlich, dass sie sich nicht um eine kritische Aufarbeitung der Geschichte der Ems-Chemie bem\u00fcht, sondern diese eher zu verhindern sucht.<\/p>\n<p>Die Reaktion der Sozialdemokratie gibt da hingegen mehr zu denken auf. \u00abEms-Chemie\u00bb bietet den Zuschauer*innen einen Einblick in die problematische Position der Sozialdemokratie. Als Rebekka Wyler, die zur Zeit der Produktion der Doku Co-Generalsekret\u00e4rin der SP war, auf die kritische Rolle des damaligen SP-Nationalrats Robert Grimm angesprochen wird, stellt sie sein Handeln als pragmatisch und von den Sachzw\u00e4ngen bestimmt dar. F\u00fcr Wyler steht weiter ausser Frage, dass Grimm aus der im Nachhinein schlaueren Sicht falsch gehandelt habe. Allerdings sei schwierig zu rekonstruieren, was Grimm selbst damals wirklich gewusst habe. Des Weiteren w\u00fcrde mit einer \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung der Partei zu ihrer eigenen Schuld und Vergangenheit im Kampf um Aufarbeitung schlussendlich auch nichts gewonnen. Der einzige inhaltliche Unterschied zur Darstellung Blochers ist also, dass Wyler zumindest eine Aufarbeitung fordert, um die Sache abzuschliessen. Aber hier wird es interessant, da Wyler die historische Aufarbeitung eher als Feigenblatt und nicht als ernstgemeinten Handlungsauftrag an ihre Partei versteht. Denn wenn es nach Wyler geht, bleibt das Selbstbild der neutralen unabh\u00e4ngigen Schweiz als der weltweit aussergew\u00f6hnliche Einzelfall unangetastet. Dies ist paradox, da Wyler zwar die damals zwingende wirtschaftliche Notwendigkeit der Handelskontakte mit den faschistischen Achsenm\u00e4chten hervorhebt, aber dabei nicht sieht, in welchem Widerspruch dies zur Geschichtsfigur der neutralen Schweiz steht. \u00dcberbr\u00fcckt wird der Widerspruch durch die Darstellung von Robert Grimm als verantwortungsbewusstem realpolitischen Staatsmann, der mithalf die Schweiz sicher durch den Sturm zu steuern.<\/p>\n<p>Die Forderung nach historischer Aufarbeitung an sich ist durchaus zu begr\u00fcssen, allerdings liegt der Vorstellung von Aufarbeitung, wie sie die SP hier vertritt, ein grundlegendes Missverst\u00e4ndnis des Begriffs zugrunde. Denn Aufarbeitung bedeutet nicht den Abschluss eines Sachverhalts, sondern den Beginn einer politischen Auseinandersetzung. Anstatt es mit der Anerkennung bisher unbeleuchteter brauner Flecken im Geschichtsbild bewenden zulassen, w\u00fcrde eine erfolgreich aufarbeitende Politik die Schl\u00fcsse aus der Vergangenheit als Handlungsanleitung verstehen. Sie w\u00fcrde endlich einen konsequenten Kampf gegen rechts f\u00fchren. Sie w\u00fcrde endlich die Opfer des totalen Terrors entsch\u00e4digen. Sie w\u00fcrde in Solidarit\u00e4t mit den Opfern des gegenw\u00e4rtigen rechten Terrors \u2013 sei es auf der Strasse, im Internet oder in den menschenverachtenden Fl\u00fcchtlingslagern \u2013 den Kampf gegen rechts aufnehmen.<\/p>\n<p><strong>Rechtsradikaler Geschichtsrevisionismus und b\u00fcrgerliche Ideologie<\/strong><\/p>\n<p>Was in der Doku sehr gut herausgearbeitet wird, ist der Streit um die Deutungshoheit \u00fcber die Vergangenheit. Offensichtlich wird dies an der Person Christoph Blochers. Blocher ist Kapitalist, er bereichert sich an der Arbeit anderer Menschen. Als Kapitalist, gerade als \u00abself-made\u00bb Million\u00e4r, h\u00e4ngt er einer bestimmten Ideologie, d.h. einem bestimmten Weltbild an. Und dieses Weltbild pr\u00e4gt auch, wie er die Vergangenheit seines Konzerns sieht. Diese Sicht der Dinge vertritt er auch vor laufender Kamera. Wenn es Christoph Blocher aber gelingen soll sein Weltbild vom historisch unbelasteten freien Unternehmer auf die realen Geschehnisse zu projizieren, muss er Geschichtsrevisionismus betreiben.<\/p>\n<p>Blocher sieht sich als Teil des mit hochgekrempelten \u00c4rmeln anpackenden schweizerischen Unternehmertums, und damit sieht er auch seinen Reichtum als Produkt seiner eigenen Arbeit. Und er macht politischen Einfluss geltend, um seinen Reichtum und dessen Grundlage in Form freier unternehmerischer T\u00e4tigkeit \u2013 also der Ausbeutung der Arbeit anderer \u2013 notfalls mit der Waffe in der Hand zu bewahren. Blocher sieht seinen Lebenslauf als direkte Fortsetzung des imaginierten Werdegangs Werner Oswalds, als das widerst\u00e4ndige unternehmerische Individuum, dass seine Freiheit gegen den Staat durchsetzt. Der darin enthaltene \u00dcberlegenheitsgedanke ist dabei zutiefst undemokratisch. Er geht von einer Chancengleichheit aus, wie es sie auch in der Schweiz weder gab noch gibt, und suggeriert somit, dass es ganz an einem selbst l\u00e4ge, ob man es schafft wie Blocher Reichtum anzuh\u00e4ufen. Folglich pr\u00e4sentiert sich der \u00abself-made\u00bb Unternehmer Blocher verdientermassen als \u00fcber dem Rest der Gesellschaft stehend. Blocher steht letzten Endes f\u00fcr ein Weltbild, das im Kalten Krieg \u2013 die Zeit, in der Blocher aufwuchs und Reichtum anh\u00e4ufte \u2013 gefestigt wurde. Ein Weltbild, das damals die Schweiz hinter einem Antikommunismus vereinte und als absolutes Gegenteil zur Sowjetunion konstituierte. Und ein Weltbild, das heute die pers\u00f6nlichen Freiheiten untrennbar mit dem Schutz des Privatbesitzes verkn\u00fcpft, sodass sie als identisch erscheinen und im gegenw\u00e4rtig vorherrschenden Weltbild nur noch in einem Atemzug verwendet werden. Das kapitalistische Weltbild von Christoph Blocher ist eng mit der herrschenden Ideologie der Schweiz verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Dieses ideologische Selbstbild des unabh\u00e4ngigen Unternehmers wird in der Doku mit der staatlichen finanziellen Unterst\u00fctzung der Hovag kontrastiert. In Christoph Blochers Weltbild geht also offensichtlich einiges vergessen. Vergessen geht die Arbeit aller, die diesen Konzern tats\u00e4chlich physisch aufgebaut und \u00fcber Jahrzehnte am Laufen gehalten haben. Sie werden mit dem Konsumversprechen \u00abMade in Switzerland\u00bb ersetzt. Und der Klassengegensatz geht auf in einem aussergew\u00f6hnlichen Volk, in dem es angeblich jede*r zu Wohlstand bringen kann. Vergessen geht der Ursprung des Konzerns als unrentabler Betrieb im Auftrag des Staates, der nicht in der Lage war die Nachfrage der Schweiz zu befriedigen. Und dass der Betrieb eingegangen w\u00e4re, h\u00e4tten die Seilschaften der Schweizer Politik zur NS-Wirtschaftselite nicht einige Kriegsverbrecher in die Schweiz geholt und damit Strumpfhosen made in Ems erst m\u00f6glich gemacht. Vergessen wird damit auch die NS-Vergangenheit zentraler Angestellter der Hovag. All das hat im Weltbild von Christoph Blocher keinen Platz.<\/p>\n<p>Als Blocher mit der historisch aufgearbeiteten Vergangenheit konfrontiert wird, die er eigentlich ausgeblendet hat, stockt er einen Moment. Danach verliert er sich in einer Reihe von Rechtfertigungen. Wie die meisten seiner Generation und seiner Klasse f\u00e4ngt er damit an, dass er von nichts wusste, nur um sich dann von den charakterlich unsympathischen Nazis in Oswalds Konzern zu distanzieren. Darauf folgt eine Tirade an Relativierungen, die in dem nichtssagenden Lebkuchenherzspruch kulminieren, dass das Leben nun einmal so sei. In der Wirtschaft sei nun mal kein Platz, um sich der ideologischen Lauterkeit anderer zu vergewissern. Der Firmen-Chef muss das Unternehmen am Laufen halten und der Chemie-Angestellte arbeiten. Also m\u00fcsse man sich derweil auch auf Leute aus bestimmten Zusammenh\u00e4ngen einlassen. Ebenso sei es bis heute g\u00e4ngige Praxis, dass nach dem Fall von Schurkenstaaten und im Wiederaufbau zerst\u00f6rter Gebiete die Expert*innen ehemaliger Schurkenstaaten nicht auf ihre ideologische bzw. moralische Vertr\u00e4glichkeit mit dem neuen System gepr\u00fcft, sondern in die neue Wirtschaft integriert werden. Dabei verliert Blocher allerdings kein Wort zur einzigartigen historischen Bedeutung der NS-Verbrechen. Dieses Mass an Verharmlosung der Verbrechen des NS-Staates steht Alexander Gaulands \u00ab<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=i7FWiiGobmM\">Vogelschiss<\/a>\u00bb in Nichts nach.<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Aber das Weltbild Christoph Blochers w\u00e4re nicht so gef\u00e4hrlich, wenn es nicht so einflussreich w\u00e4re. Es ist aber einflussreich, da ein grosser Teil der \u00e4rmeren und leidenden Menschen der herrschenden Ordnung paradoxerweise zustimmt. Hierzu m\u00f6chte ich die Aufmerksamkeit auf eine Person lenken, die diese Paradoxie geradezu darstellt: Marcel Capaul. Capaul war die rechte Hand Werner Oswalds und verk\u00f6rpert das Sinnbild des autorit\u00e4ren Charakters. Marcel Capaul ist in derselben Zeit aufgewachsen wie Christoph Blocher, sie teilen auf gewisse Weise die gleiche Sozialisation. Aus den O-T\u00f6nen Capauls l\u00e4sst sich ableiten, dass er genau wie Blocher den wirtschaftlichen Erfolg Werner Oswalds als eine direkte Konsequenz seines \u00fcberlegenen Charakters auffasst. Marcel Capaul ist bestimmt nicht arm, aber in seinem hierarchischen Weltbild steht er auch nicht auf derselben Ebene wie Werner Oswald. Er befindet sich also in einer gespannten Situation: zum einen ist er sich seiner gesellschaftlich (nach seinem Weltbild) Minderwertigkeit bewusst, auf der anderen Seite bezieht er aus der N\u00e4he zum b\u00fcrgerlichen \u00dcbermenschen Oswald ein Selbstwertgef\u00fchl, das es ihm erlaubt auf Menschengruppen, die weniger haben als er, selbstgerecht herabzuschauen. Seine Konformit\u00e4t mit der b\u00fcrgerlichen Ideologie zeigt sich in einer Szene der Doku wunderbar, wo er dem Kamerateam im Hobbykeller seines Vaters stolz ein mit Klebband aufgeh\u00e4ngtes DIN-A4 Blatt pr\u00e4sentiert, das ihn neben der grinsenden Konzern-Chefin Magdalena Martullo Blocher zeigt. Freudestrahlend erz\u00e4hlt er, wie wichtig seine Erfahrung f\u00fcr die Million\u00e4rin gewesen seien, sodass er sogar eine Rede anl\u00e4sslich der Jubil\u00e4umsfeier der Ems-Chemie halten durfte.<\/p>\n<p>Da es in der Natur der Sache liegt, dass sich der wachsende Teil des Reichtums in den H\u00e4nden weniger sammelt, steht die Geisteshaltung Marcel Capauls stellvertretend f\u00fcr den eines gr\u00f6sseren Teils der Schweizer Bev\u00f6lkerung. N\u00e4mlich f\u00fcr jenen Teil, der grundlos glaubt, aufgrund individueller Leistung und St\u00e4rke mehr zu haben und mehr zu verdienen als der Rest. Diese entsolidarisierende Haltung f\u00fcgt sich nahtlos in die b\u00fcrgerliche Ideologie ein. Dieser autorit\u00e4re Charakter verachtet und bestraft die \u00f6konomisch Schw\u00e4cheren und jene, die das Wertesystem des Kapitalismus ablehnen. Darum ist er eine zentrale St\u00fctze des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich diagnostizieren, dass sich der schweizerische Rechtsradikalismus dem weitverbreiteten Bild der neutralen Schweiz bedient und es mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verkn\u00fcpft. So wird die Abstiegs- und Verlustangst der \u00abNormalbev\u00f6lkerung\u00bb gen\u00e4hrt und auf die Fremden und Unterlegenen gerichtet. Hierbei greift der Rechtsradikalismus auf bestehende latente Ressentiments zur\u00fcck und radikalisiert sich. Abwechselnd werden sie tagesaktuell gegen Immigrant*innen, Muslim*innen, Arbeitslose, Feminist*innen, den Klimastreik, etc. gerichtet. Aktualit\u00e4t gewinnt das Problem durch die gegenw\u00e4rtige Krise, die viele Existenzen zerst\u00f6rt und in noch mehr Menschen Angst hervorruft. Dieses Klima der Unsicherheit f\u00fchrt dazu, dass die Propaganda der Rechten bei mehr Menschen ankommt, da es mit ihrer Angst Widerhall findet. Diesen R\u00fcckhalt, den die Rechtsradikalen dadurch erfahren, werden sie nutzen, um ihre Macht inner- wie ausserparlamentarisch auszuweiten.<\/p>\n<p><strong>Wie man mit Rechten redet<\/strong><\/p>\n<p>Es ist erschreckend, dass es nach Jahrzehnten der politischen Dominanz der SVP immer noch einen hilflosen Journalismus gibt, der keine Strategie im Umgang mit dem Rechtsradikalismus hat. Die O-T\u00f6ne Blochers werden zwar mit detaillierten historischen Forschungsergebnissen als falsch entlarvt, trotzdem bekommt er viel Zeit zur Selbstdarstellung als gem\u00fctlich jovialer alter Mann.<\/p>\n<p>Wie in diesem Artikel eingangs festgestellt wurde, ist die Auseinandersetzung um die Interpretation der Geschichte eine politische Auseinandersetzung. Und wenn ein falsch verstandener sachlicher Journalismus ein rechtsradikales Programm als eine gleichberechtigte Meinung unter vielen unkommentiert hinstellt, leistet er damit eben jenem rechtsradikalen Projekt Vorschub.<\/p>\n<p>Die Propaganda ist das zentrale Werkzeug des Rechtsradikalismus, die wichtiger ist als der Inhalt selbst. Die Propaganda dient dem Appell an die individuelle Angst, die sie selber weiter sch\u00fcrt. Den Ver\u00e4ngstigten wird die rechtsradikale Bewegung als heimeliger Ausweg angeboten. Und so werden Rechtsradikale die medialen Plattformen, die man ihnen bietet, immer zur Propaganda nutzen. Die Aufgabe des Kommentars ist es, der Propaganda ihren unverd\u00e4chtigen heimeligen Charakter zu nehmen und sie so als das zu entlarven, was sie ist: eine L\u00fcge. Eine L\u00fcge zur Unterdr\u00fcckung der Lohnabh\u00e4ngigen, eine L\u00fcge zur sexistischen Unterdr\u00fcckung der Frauen durch patriarchale Gewalt, eine L\u00fcge zur homo-, queer- und transphoben Aussonderung von LGBTQI+-Personen, eine L\u00fcge um antisemitische und rassistische Vernichtungsfantasien als normal und vern\u00fcnftig erscheinen zu lassen. Die Aufgabe des journalistischen Kommentars ist es, dass dies am Ende des Interviews mit einem Rechtsradikalen wie Christoph Blocher offensichtlich wird.<\/p>\n<p>Doch genau diesen kontextualisierenden Kommentar bleiben die Macher*innen der Doku ihren Zuschauer*innen letztlich schuldig. Zwar ist es gute journalistische Praxis, den Betroffenen einer Recherche die M\u00f6glichkeit einer eigenen Stellungnahme zu geben. Und die historische Forschung kann von den Perspektiven von Zeitzeug*innen profitieren, da sie es verm\u00f6gen einen direkten Bezug der Geschichte zur Gegenwart herzustellen. Und eine polarisierende Figur, wie Christoph Blocher, als Zeitzeugen zu gewinnen, tr\u00e4gt zudem zur Verbreitung der Doku bei.<\/p>\n<p>Aber hier ist der Fehler schon passiert. Denn es wird vorausgesetzt, dass alle Zeitzeug*innen durch ihre (unhinterfragte) Ansicht bereits einen Beitrag zum Erkenntnisgewinn beim Publikum leisten. Rechtsradikale werden die mediale Aufmerksamkeit aber immer zur Verbreitung ihrer Propaganda nutzen. Denn sie sind eben nicht an der kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit interessiert. Vielmehr versuchen sie die Konsequenzen, die sich aus der Aufarbeitung ergeben m\u00fcssten \u2013 z.B. dass die Ems-Chemie mit ihrem Firmengewinn die Opfer rechten Terrors unterst\u00fctzten sollte \u2013, zu verhindern. Das Ziel Blochers ist es, die Ergebnisse der kritischen Forschung zu untergraben. Es ist einfach nicht m\u00f6glich seine Wortspende, deren einziges Ziel die Sabotage ist, als gleichwertigen Beitrag in die Dokumentation zu integrieren, ohne dass ihr problematische Charakter verloren geht. Eine M\u00f6glichkeit, diesen Widerspruch zu \u00fcberbr\u00fccken, w\u00e4re gewesen, den O-Ton gesondert zu kommentieren. Die Macher*innen der Doku lassen die kontr\u00e4ren Versionen der Geschichte aber unkommentiert nebeneinanderstehen und appellieren an das kritische Publikum, aus diesen widerspr\u00fcchlichen Darstellungen selbst den richtigen Sinn zu stiften. Diese liberale Hoffnung ist aber ahistorisch, da sie ausblendet, dass die SVP die schweizerische Politik der letzten Jahrzehnte massgeblich mitbestimmt hat. Das rechtsradikale Weltbild der SVP ist mittlerweile nicht nur in weiten Teilen der hiesigen Bev\u00f6lkerung salonf\u00e4hig geworden, sondern gilt teilweise als normal und gleichbedeutend mit dem gesunden Menschenverstand. Und einem nicht unerheblichen Teil des Publikums, bei dem die Propaganda der SVP verf\u00e4ngt, eine Entschuldigung zu geben sich nicht mit der Geschichte auseinandersetzen zu m\u00fcssen, indem Christoph Blocher stellvertretend f\u00fcr sie mit den Achseln zuckt, war ein Fehler der Macher*innen des Dokumentarfilms. Sie haben ihr eigenes Werk sabotiert, und damit das Potential ihres Films teilweise verschenkt.<\/p>\n<p><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftnref1\">[1]<\/a>&nbsp;Die Buna-Werke waren auf Betreiben des NS-Staates gegr\u00fcndet worden. In den Chemiewerken stellte die I.G.-Farben eine synthetische Alternative zu Kautschuk her.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftnref2\">[2]<\/a>&nbsp;Grilon ist der Markenname der Ems-Chemie f\u00fcr ihre Variante eines Polyamids; Polyamide sind robuste Kunststoffe, die beispielsweise im Maschinenbau, Elektronik, Automobilindustrie oder in der Textilindustrie weiterverarbeitet werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftnref3\">[3]<\/a>&nbsp;Elisabeth Joris, 30 Jahre Abstimmung \u00fcber die Abschaffung der Armee, Friedenszeitung 31-19.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftnref4\">[4]<\/a>&nbsp;In dem Buch \u201cErfolg als Auftrag\u201c aus dem Jahr 2011 wird die Geschichte der Ems-Chemie stringent von Werner Oswald bis zur jetzigen Konzern-Chefin Magdalena Martullo Blocher erz\u00e4hlt. Die Rolle der belasteten Chemiker aus dem NS-Staat bleibt unerw\u00e4hnt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/#_ftnref5\">[5]<\/a>&nbsp;Alexander Gauland (ex-Chef und heute Ehrenvorsitzender der AfD) bezeichnete 2018 die NS-Zeit als Vogelschiss der ansonsten glorreichen deutschen Geschichte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/geschichte-die-ems-chemie-die-nazis-und-der-schweizerische-sonderfall\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Dezember 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Raphael Liebermann. Am 5. November 2020 wurde im Schweizer Fernsehen SRF die\u00a0Doku \u201cEms-Chemie \u2013 Dunkle Helfer nach dem Zweiten Weltkrieg\u201d\u00a0ausgestrahlt und ist seitdem online verf\u00fcgbar. 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