{"id":895,"date":"2015-12-31T12:11:20","date_gmt":"2015-12-31T10:11:20","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=895"},"modified":"2015-12-31T12:11:20","modified_gmt":"2015-12-31T10:11:20","slug":"zur-aktualitaet-von-rosa-luxemburgs-einschaetzung-der-sozialdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=895","title":{"rendered":"Zur Aktualit\u00e4t von Rosa Luxemburgs Einsch\u00e4tzung der Sozialdemokratie"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Patrik K\u00f6bele. <\/em><\/strong><strong>Rosa Luxemburg in der \u00bbJunius-Brosch\u00fcre\u00ab \u00fcber das Versagen der SPD: \u00bbDer tiefste Fall. Nirgends ist die Organisation des Proletariats so g\u00e4nzlich in den Dienst des Imperialismus gespannt\u00ab <\/strong><strong>\u2013<\/strong><strong> au<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>er in Deutschland. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Vor 100 Jahren diskutierte die Gruppe \u00bbInternationale\u00ab um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht Thesen \u00fcber den Untergang der Sozialdemokratie als eigenst\u00e4ndiger Organisation der Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Zum Jahreswechsel 1915\/1916 durfte niemand hoffen, dass der imperialistische Krieg ein baldiges Ende nehmen w\u00fcrde, die Fronten waren wie festgefroren. \u00bbDer Marsch in sechs Wochen nach Paris hat sich zu einem Weltdrama ausgewachsen; die Massenschl\u00e4chterei ist zum erm\u00fcdend eint\u00f6nigen Tagesgesch\u00e4ft geworden, ohne die L\u00f6sung vorw\u00e4rts oder r\u00fcckw\u00e4rts zu bringen. Die b\u00fcrgerliche Staatskunst sitzt in der Klemme, im eigenen Eisen gefangen, die Geister, die man rief, kann man nicht mehr bannen.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>Das war zwar bereits im April 1915 aufgeschrieben worden, traf aber ein dreiviertel Jahr sp\u00e4ter noch immer uneingeschr\u00e4nkt zu. \u00bb\u00c4u\u00dfere Umst\u00e4nde\u00ab, wie es in der am 2. Januar 1916 hinzugef\u00fcgten Einleitung der sp\u00e4ter als \u00bbJunius-Brosch\u00fcre\u00ab bekanntgewordenen Schrift hie\u00df, \u00bbverhinderten damals ihre Ver\u00f6ffentlichung\u00ab. Zum Zeitpunkt der Abfassung sa\u00df die Autorin, die sich das Pseudonym \u00bbJunius\u00ab gegeben hatte, im \u00bbK\u00f6niglich-Preu\u00dfischen Weiber-Gef\u00e4ngnis\u00ab zu Berlin ein. Die Frankfurter Strafkammer hatte sie wegen \u00bbAufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Anordnungen der Obrigkeit\u00ab im Februar 1914 zu einer Haftstrafe von 14 Monaten verurteilt, die sie im Februar 1915 antreten musste. Die Staatsfeindin war Ende September 1913 in der Stadt am Main auf einer Kundgebung aufgetreten und hatte die Hunderttausenden Zuh\u00f6rer zur Kriegsdienst- und Befehlsverweigerung aufgefordert: \u00bbWenn uns zugemutet wird, die Mordwaffen gegen unsere franz\u00f6sischen oder anderen ausl\u00e4ndischen Br\u00fcder zu erheben, so erkl\u00e4ren wir: \u203aNein, das tun wir nicht!\u2039\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>Rosa Luxemburgs Ruf verhallte. Ein knappes Jahr sp\u00e4ter erhoben die Arbeiter auf Befehl junkerlicher Gener\u00e4le und im Interesse gro\u00dfb\u00fcrgerlicher Unternehmer an Rhein und Ruhr die Waffen gegen die ausl\u00e4ndischen Br\u00fcder, und es sollten vier Jahre des gegenseitigen Gemetzels mit Millionen Toten vergehen, bis sie im November 1918 zumindest von einigen gegen die Kriegstreiber und Profiteure gedreht wurden.<\/p>\n<p><strong>Schwierige Abl\u00f6sung <\/strong><\/p>\n<p>Die SPD hatte sich mit der Zustimmung im Reichstag zu den Kriegskrediten im August 1914 und im Dezember 1915 endg\u00fcltig von der Strategie des revolution\u00e4ren Umsturzes verabschiedet und war zum \u00bbArzt am Krankenbett des Kapitalismus\u00ab geworden. Ihre Abstimmung war mit der sogenannten Burgfriedenspolitik verkn\u00fcpft, deren Prinzip es war, auf den Klassenkampf von unten zu verzichten, solange \u00bbdas Vaterland in Gefahr\u00ab sei.<\/p>\n<p>Die Gruppe \u00bbInternationale\u00ab blieb der revolution\u00e4ren Strategie treu und l\u00f6ste sich in einem widerspr\u00fcchlichen Vorgang von der SPD. Programmatische Eckpunkte gab sich die Gruppe auf ihrer Reichskonferenz am 1. Januar 1916. Die f\u00fchrenden Funktion\u00e4re der Linken trafen sich klandestin in den fr\u00fchen Morgenstunden im Rechtsanwaltsb\u00fcro Karl Liebknechts in der Berliner Chausseestra\u00dfe. Sie diskutierten dort die von Rosa Luxemburg auf der Grundlage ihrer \u00bbJunius-Brosch\u00fcre\u00ab entworfenen \u00bbLeits\u00e4tze \u00fcber die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie\u00ab.<\/p>\n<p>Einerseits sch\u00e4tzen die Teilnehmer der Runde ein: \u00bbDurch die Zustimmung zu den Kriegskrediten und die Proklamierung des Burgfriedens haben die offiziellen F\u00fchrer der sozialistischen Parteien in Deutschland, Frankreich und England dem Imperialismus den R\u00fccken gest\u00e4rkt (\u2026). Diese Taktik der offiziellen Parteiinstanzen der kriegf\u00fchrenden L\u00e4nder, in allererster Linie in Deutschland, dem bisherigen f\u00fchrenden Lande innerhalb der Internationale, bedeutet einen Verrat an den elementarsten Grunds\u00e4tzen des internationalen Sozialismus (\u2026).\u00ab Andererseits fehlte noch eine klare Strategie zum notwendigen Bruch mit dieser SPD. Einerseits erfasste die Gruppe, dass mit der Kriegspolitik der Sozialisten in Deutschland, Frankreich und England die proletarische Internationale, die Zweite, zerst\u00f6rt wurde. Andererseits war ihre Analyse harmlos, eher sogar falsch: Die Sozialdemokratie der f\u00fchrenden L\u00e4nder mit ihrer Burgfriedenspolitik habe \u00bbdem Feind: den herrschenden Klassen, in allen L\u00e4ndern Frist gew\u00e4hrt\u00ab. Sie hatte eben nicht nur Frist gew\u00e4hrt, sie hatte die Seite der Barrikade gewechselt. Aus einer revolution\u00e4ren Partei war eine Organisation geworden, die objektiv nicht mehr die Funktion der F\u00fchrung bei der \u00dcberwindung des Kapitalismus, sondern die der Einbindung der Arbeiterklasse in den Kapitalismus ausf\u00fcllte.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist solch ein Prozess auch zerm\u00fcrbend. Genossinnen und Genossen, die den Kapitalismus \u00fcberwinden wollten, wurden von ihrer Partei verlassen, die f\u00fcr sie immer das Instrument f\u00fcr eine solche Revolution war. \u00dcber Jahre hatten sie gelernt, wie wichtig die Organisation, wie wichtig in ihr die Disziplin im Klassenkampf ist. Sich nun seines Standpunktes zu versichern, erforderte in der Tat eine gr\u00fcndliche Analyse des Versagens der Sozialdemokratie.<\/p>\n<p><strong>Verlust des Klassenstandpunkts <\/strong><\/p>\n<p>Rosa Luxemburg leistet in ihrer landl\u00e4ufig \u00bbJunius-Brosch\u00fcre\u00ab genannten Schrift \u00bbDie Krise der Sozialdemokratie\u00ab den wichtigsten Teil zum Verst\u00e4ndnis des \u00dcbergangs der revolution\u00e4ren Sozialdemokratie in eine reformistische Partei. Was sie schrieb, ist heute noch von Bedeutung. Sie macht deutlich, dass ein imperialistischer Krieg von dessen Ausl\u00f6sern nie als solcher begr\u00fcndet wird. Sie zeigt, wohin es f\u00fchrt, wenn Sozialisten dann vom \u00bbWir\u00ab sprechen und nicht mehr von Klassen, wenn also ein fundamentaler Bestandteil des Historischen Materialismus keine G\u00fcltigkeit mehr haben soll. Sie zitiert die Begr\u00fcndung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zur Zustimmung zu den Kriegskrediten: \u00bbJetzt stehen wir vor der (\u2026) Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecken feindlicher Invasionen. Nicht f\u00fcr oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern \u00fcber die Frage der f\u00fcr die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. F\u00fcr unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus (\u2026) viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. (\u2026) Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. Wir f\u00fchlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jeden Volkes auf nationale Selbst\u00e4ndigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir auch in \u00dcbereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen. Von diesen Grunds\u00e4tzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> Luxemburg erkannte, dass hier der Klassenstandpunkt verlassen worden ist. Das hat, wie sie schreibt, \u00bbden tiefsten Fall, den gewaltigsten Zusammenbruch\u00ab zur Folge, und \u00bbnirgends (au\u00dfer in Deutschland, P. K.) (ist) die Organisation des Proletariats so g\u00e4nzlich in den Dienst des Imperialismus gespannt \u00ab.<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> Zur internationalen Katastrophe, zur Katastrophe der Zweiten Internationale, kam es, da \u00bbdie deutsche Sozialdemokratie als die reinste Verk\u00f6rperung des marxistischen Sozialismus\u00ab galt.<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a><\/p>\n<p>Indem die F\u00fchrung der SPD Geschichte nicht mehr als Abfolge von Klassenk\u00e4mpfen ansah, r\u00fcckte auch eine zweite Ursache in den Fokus der Analyse: Das Konkurrenzverh\u00e4ltnis zwischen den Kapitalien hatte sich ver\u00e4ndert. Das Monopol war zum strukturbestimmenden Element des Profitmachens geworden, die Vereinnahmung des Staates f\u00fcr dessen Interessen wurde vorangetrieben. Der Imperialismus als neues Stadium des Kapitalismus hatte sich herausgebildet. Die f\u00fchrenden Monopole und ihre Regierungen k\u00e4mpften um Kolonien, Einflussgebiete, M\u00e4rkte \u2013 das war der Hintergrund des seit 1914 tobenden Krieges. Abseits der L\u00fcgen von der Verteidigung, abseits von konstruierten Kriegsanl\u00e4ssen zeigte dieser Waffengang: \u00bbGesch\u00e4ndet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend \u2013 so steht die b\u00fcrgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht, wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt, als rei\u00dfende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch f\u00fcr Kultur und Menschheit, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt. Mitten in diesem Hexensabbat vollzog sich eine weltgeschichtliche Katastrophe: die Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a><\/p>\n<p><strong>Ankunft im Parlamentarismus: Einheimsung von Mandaten<\/strong><\/p>\n<p>Der dritte Grund, den Luxemburg in ihrer Schrift analysiert, ist das Ankommen der Sozialdemokratie im b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus. Sie stellt fest, dass die richtige Taktik des Ausnutzens der Parlamente und der Wahlen f\u00fcr die Verbreitung sozialistischer Positionen, f\u00fcr \u00bbAgitation und Aufkl\u00e4rung im Sinne des proletarischen Klassenkampfes\u00ab auf den \u00bbschlichten b\u00fcrgerlichen Inhalt: auf die Einheimsung von Mandaten\u00ab reduziert wurde.<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn7\" name=\"_ednref7\">[vii]<\/a> Weite Teile der Sozialdemokratie waren im Parlamentarismus angekommen und gaben ihre relative Autonomie als Organisation der Arbeiterklasse gegen\u00fcber der Klasse der Kapitalisten auf. Das ist der Anfang des Endes der Partei als Organisatorin der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Die Zustimmung zu Kriegseins\u00e4tzen entschied \u00fcber alles weitere, sie war der \u00bbPoint of no return\u00ab. Jenseits davon gab es von nun an keine Sauerei mehr, der man nicht seinen Segen erteilte \u2013 mit welchen salbungsvollen Worten auch immer. Das ist die gro\u00dfe Lehre, die aus der Zustimmung zu den Kriegskrediten gezogen werden muss. Seit diesem Tag stand dem Klassenfeind in Gestalt der SPD kein organisierter Gegner mehr gegen\u00fcber. Aus ihr war ein Gesch\u00e4ftspartner geworden, der daf\u00fcr Sorge trug, den Laden am Laufen zu halten. Rosa Luxemburg schrieb in der \u00bbJunius-Brosch\u00fcre\u00ab: \u00bbDer Klassenkampf ist also von der Sozialdemokratie (\u2026) bis zum k\u00fcnftigen Friedensschluss f\u00fcr nichtexistierend erkl\u00e4rt. Deutschland verwandelte sich mit dem ersten Donner der Kruppkanonen in Belgien in ein Wunderland der Klassensolidarit\u00e4t und der gesellschaftlichen Harmonien.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn8\" name=\"_ednref8\">[viii]<\/a> Das ist gut geschrieben und richtig gesagt, allerdings klingt auch die Erwartung an, mit Kriegsende werde alles wieder in gewohnten Bahnen verlaufen. Lenin dagegen wusste sehr fr\u00fch, n\u00e4mlich im Dezember 1914, es w\u00fcrde keinen Weg zur\u00fcck geben. \u00bbSpaltung der deutschen Sozialdemokratie \u2013 das scheint ein Gedanke zu sein, der viele wegen seiner \u203aUngew\u00f6hnlichkeit\u2039 allzusehr schreckt. Doch die objektive Lage b\u00fcrgt daf\u00fcr, dass entweder dieses Ungew\u00f6hnliche eintritt (\u2026) oder, dass wir Zeugen der qualvollen Verwesung dessen sein werden, was einst die deutsche Sozialdemokratie war.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn9\" name=\"_ednref9\">[ix]<\/a><\/p>\n<p>Rosa Luxemburg hat demnach die wichtigsten Ursachen f\u00fcr den \u00dcbergang der Sozialdemokratie zur Kriegspartei erkannt. Erstens: Aufgabe der Klassenanalyse, besonders auch in der Frage der Nation und damit \u00d6ffnung f\u00fcr nationalistische Positionen, der \u00bbBurgfrieden\u00ab genannte Schulterschluss mit dem Kapital und damit der \u00dcbergang von der Klassenanalyse zur Sozialpartnerschaft. Zweitens: Nichterfassen des \u00dcbergangs des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium und so auch der Entwicklung Deutschlands zu einem imperialistischen Land. Drittens: Ankunft im b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus. Viertens: Aufgabe der Autonomie als Organisation der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p><strong>Brennende Aktualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Diese Analyse ist auch heute von Bedeutung. Ohne Beschw\u00f6rung einer angeblichen russischen Bedrohung h\u00e4tten sich die Mitglieder der SPD im August 1914 vermutlich nicht von der Notwendigkeit des Krieges \u00fcberzeugen lassen. Zur Erinnerung, die sozialdemokratische Reichstagsfraktion erkl\u00e4rte: \u00bbWir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.\u00ab 100 Jahre sp\u00e4ter scheinen der Zar und der von ihm ausgehende Schrecken in der Gestalt des russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin wiedergekehrt zu sein. Deutsche Medien schreien sich die Stimmen heiser, Russland sei gegen\u00fcber der Ukraine ein Aggressor. Man muss angesichts dieser verbreiteten Hysterie annehmen, der Iwan stehe bald wieder an der Elbe. Dennoch wollen das viele nicht glauben. Zu offensichtlich ist der tats\u00e4chliche Sachverhalt auf den Kopf gestellt, zu dreist wird gelogen. Die Kr\u00e4fte der Friedensbewegung (und damit auch wir Kommunisten) verm\u00f6gen es trotzdem nicht, den Unmut mit klaren Losungen organisiert und massenhaft auf die Stra\u00dfe zu tragen. Die Partei Die Linke, die sich schon lange von einer Politik der Stra\u00dfe verabschiedet hat und sich auf \u00bbdie Einheimsung von Mandaten\u00ab (Luxemburg) konzentriert, will nur ein bisschen. Die L\u00fccke f\u00fcllen andere aus. Teilweise dominierte ein grob verzerrtes und arg vereinfachtes Bild vom Imperialismus. Demnach sei noch jede Schandtat, egal auf welchem Flecken Erde begangen, in letzter Instanz auf das b\u00f6sartige Wirken der USA zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Bundesregierung wird nicht daf\u00fcr kritisiert, ihre eigenen Interessen bisweilen r\u00fcde zu verfolgen, sondern daf\u00fcr, willf\u00e4hrige Gehilfin und n\u00fctzliche Idiotin der alles und jeden dominierenden Vereinigten Staaten zu sein. Die falsche Parole \u00bbUS-Kolonie Deutschland\u00ab macht die Runde und erreicht auch die Reihen der Linkspartei.<\/p>\n<p>Die Zahl der Kriege ist weltweit h\u00f6her denn je. Die NATO-Osterweiterung um Russland herum und der Wirtschaftskrieg gegen das Land sowie die Einkreisung der Volksrepublik China vom Pazifik her bilden den Rahmen f\u00fcr eine weitere Versch\u00e4rfung der Lage. In ihm suchen und finden einzelne aggressive Staaten M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Erweiterung ihres Machteinflusses. Der Kriegskurs des NATO-Mitglieds T\u00fcrkei gegen die eigene, kurdische Bev\u00f6lkerung und gegen den Nachbarstaat Syrien durch Unterst\u00fctzung der Terrororganisation \u00bbIslamischer Staat\u00ab (IS) hat hier seine Ursache. Israel versch\u00e4rft seinen eh schon m\u00f6rderischen Umgang mit den Pal\u00e4stinensern und bombardiert dar\u00fcber hinaus St\u00fctzpunkte der Hisbollah\u2026. Auch der neueste Waffengang der Bundeswehr in Syrien ist hier einzuordnen. Nicht zu vergessen ist: Gegenw\u00e4rtig sind weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Diese Situation kann jederzeit Staaten den Anlass bieten, die vielen noch regional gef\u00fchrten Kriege eskalieren zu lassen.<\/p>\n<p>Die Missachtung der Entwicklung des Kapitalismus zum Imperialismus und der Entwicklung Deutschlands zum in der EU f\u00fchrenden imperialistischen Staat ist die Grundlage daf\u00fcr, dass an Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung, wie die Beteiligung der Bundeswehr an der Zerst\u00f6rung syrischer Chemiewaffen im Mittelmeer teilweise mit gro\u00dfer Naivit\u00e4t herangegangen wurde: Das ist keine Abr\u00fcstungsinitiative, es geht vielmehr um den Erfahrungsgewinn in milit\u00e4rischen Situationen und die Teilnahme an solchen Operationen. Differenzierungen, Widerspr\u00fcche, Gemeinsamkeiten und Konkurrenz zwischen den Imperialisten zu \u00fcbersehen f\u00fchrt zur falschen Bewertung: Wegen zahlreicher Angriffe der USA auf die Souver\u00e4nit\u00e4t Deutschlands die Konkurrenz beider imperialistischen Staaten in Frage zu stellen f\u00fchrt dazu, die eigenst\u00e4ndige Rolle, Bedeutung und Gef\u00e4hrlichkeit des deutschen Imperialismus zu untersch\u00e4tzen. \u2026<\/p>\n<p><em>Quelle: Junge Welt vom 31. Dezember 2015 mit einigen K\u00fcrzungen durch die Redaktion maulwuerfe.ch\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Brosch\u00fcre), in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Band 4, S. 51<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Zitiert nach Annelies Laschitza: Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine Biographie, Berlin 1996, S. 437<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Rosa Luxemburg: Die Krise der Sozialdemokratie, S. 63<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Ebenda, S. 55<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Ebenda, S. 54<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref6\" name=\"_edn6\">[vi]<\/a> Ebenda, S. 53<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref7\" name=\"_edn7\">[vii]<\/a> Ebenda, S. 122<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref8\" name=\"_edn8\">[viii]<\/a> Ebenda, S. 123<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref9\" name=\"_edn9\">[ix]<\/a> Lenin: Der tote Chauvinismus und der lebendige Sozialismus, in: Werke, Band 21, S. 89 f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patrik K\u00f6bele. Rosa Luxemburg in der \u00bbJunius-Brosch\u00fcre\u00ab \u00fcber das Versagen der SPD: \u00bbDer tiefste Fall. 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