{"id":8976,"date":"2020-12-21T15:47:16","date_gmt":"2020-12-21T13:47:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8976"},"modified":"2020-12-21T15:47:18","modified_gmt":"2020-12-21T13:47:18","slug":"alternative-perspektiven-auf-die-deutsche-wende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8976","title":{"rendered":"Alternative Perspektiven auf die Deutsche Wende"},"content":{"rendered":"<p><em>Lea Klingberg. <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/nicht-meine-einheit\/\"><strong>30 Jahre Wiedervereinigung<\/strong><\/a><strong>. Wir haben uns vorgenommen, selbst zu erleben, wie es um die \u201e<\/strong><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/nicht-meine-einheit\/\"><strong>deutsche Einheit<\/strong><\/a><strong>\u201c steht. Deshalb sind wir mit 30 im SDS organisierten Studierenden durch Th\u00fcringen, Sachsen und<\/strong><!--more--><strong> Brandenburg gereist. Neben Museumsbesuchen, Lekt\u00fcre-Workshops und Stadtrundg\u00e4ngen f\u00fchrten wir Gespr\u00e4che mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Cottbus: Situation politischer Gefl\u00fcchteter<\/strong><\/p>\n<p>Als eine von ungef\u00e4hr 2.000 chilenischen Gefl\u00fcchteten kam Carmen Gennermann vier Jahre nach dem Putsch 1973 in die DDR. Zusammen mit ihrem Mann floh sie 1977 vor dem faschistischen Pinochet-Regime und landete in Cottbus. Carmen machte positive Erfahrungen als politische Gefl\u00fcchtete; sie bekam eine voll eingerichtete Wohnung gestellt, ihr wurden Sonderkredite gew\u00e4hrt. Sie lebte fortan in Sicherheit, konnte eine Ausbildung zur Hebamme machen. Nazigewalt erlebte sie nicht. Dass es vielen anders erging, betont sie jedoch.<\/p>\n<p>Vor allem\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/meinungsstark-politik\/altlasten-einer-ausbeuterischen-fachkraefteeinwanderungspolitik-2\/\">Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter, von denen ein Gro\u00dfteil aus Vietnam und Mosambik kam<\/a>, lebten und arbeiteten unter deutlich schlechteren Bedingungen. Dass diese in die Gesellschaft integriert werden sollten, war nicht das Ziel ihres Aufenthalts. Nachdem ihre Vertr\u00e4ge ausliefen, gingen sie meist zur\u00fcck in ihre Heimatl\u00e4nder. Bis dahin lebten sie oft abgeschottet in Wohnheimen.<\/p>\n<p>Auf die Wende blickt Carmen kritisch, da sie in der DDR gut versorgt war und der Osten ihrer Ansicht nach keinen Vorteil aus der Wiedervereinigung zog. Letztendlich konnte sie sich jedoch erfolgreich in der BRD selbstst\u00e4ndig machen und arbeitet bis heute als Hebamme in der N\u00e4he von Cottbus.<\/p>\n<p><strong>Hoyerswerda: Strukturwandel<\/strong><\/p>\n<p>Hoyerswerda haftet das Stigma als \u201eerste ausl\u00e4nderfreie Stadt\u201c w\u00e4hrend der Baseballschl\u00e4gerjahre, einer Welle von Nazigewalt in den neuen Bundesl\u00e4ndern in den 90ern, bis heute an. Aufgrund des Schaffens von Wohnraum und Arbeitspl\u00e4tzen im Lausitzer Braunkohlerevier herrschte hier in Zeiten der DDR massenhafter Zuzug. Der abrupte Einbruch von 70.000 auf 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner nach der Wende st\u00fcrzte die Stadt in eine tiefe Krise. Die Beendigung des Tagebaus zerst\u00f6rte f\u00fcr die Einwohnerinnen und Einwohner ihr jahrzehntelanges Werk. Die junge Generation zog und zieht noch immer weg und fehlt somit komplett im Stadtbild.<\/p>\n<p>Uwe Proksch von der Kulturfabrik e.V. benennt den Kohleausstieg jedoch als Chance, durch den die Region langsam an Reiz gewinne. Den Verein Kulturfabrik gibt es seit 1994. Er gr\u00fcndete sich als Antwort auf die rechte Gewalt und versucht bis heute, der vorherrschenden Perspektivlosigkeit in Hoyerswerda etwas Positives entgegenzusetzen. Initiativen des Vereins nutzen den Leerstand in der Stadt, malen verlassene Plattenbauten an, veranstalten in ihnen Theaterst\u00fccke, feiern Wohngebietsfeste ohne Wohngebiet. Der einstige Rechtsruck gilt als erfolgreich bek\u00e4mpft, wobei die AfD noch immer hohe Ergebnisse einf\u00e4hrt. Das Projekt dauere an und lie\u00dfe sich nicht von heute auf morgen stemmen, so Uwe Proksch.<\/p>\n<p><strong>Chemnitz: Rechtsextremismus<\/strong><\/p>\n<p>Anders wirkt die Situation in\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/chemnitz-kiz-materia-casper-nura-und-trettmann-mit-konzert-gegen-rechts\/\">Chemnitz<\/a>\u00a0\u2013 im Jahr 2018 Zentrum rechter Organisierung in Deutschland. Nach den Vorf\u00e4llen vom 26. August am Rande des Stadtfestes, bei denen ein Mensch get\u00f6tet und zwei schwer verletzt wurden, riefen die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/stoppt-die-brandstifter-der-afd\/\">AfD<\/a>, Mitglieder der Hooliganszene, Pro Chemnitz und andere rechtsextreme Gruppierungen zu Protesten auf. Diese gipfelten am 1. September in einem vorgeblichen \u201e<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/8-500-demonstranten-bei-bjoern-hoeckes-nazi-trauermarsch-in-chemnitz\/\">Trauermarsch<\/a>\u201c mit ca. 6.500 Teilnehmenden, auf den eine Vielzahl rechter Ausschreitungen folgte. Die spontane Mobilisierung Rechter in einem solchen Ausma\u00df spiegelt den Einfluss der Neonaziszene in der Stadt wider.<\/p>\n<p>Warum gerade Chemnitz? Dominik Intelmann benennt in seinen \u201eSieben Thesen zur urbanen Krise von Chemnitz\u201c[1] verschiedene Gr\u00fcnde. Ein wesentlicher Faktor ist auch hier das Fehlen der jungen Generation. An Kulturprojekten mangelt es nicht, aber diese und die sie veranstaltenden Institutionen werden nicht allzu selten als westdeutsch dominiert empfunden. Betrachtet man etwa die Arbeitslosenquote oder die soziale und technische Infrastruktur, geht es der Stadt nicht schlecht. Dass die Mehrzahl der Immobilien in Chemnitz, aber auch in anderen ostdeutschen Gro\u00dfst\u00e4dten, in westdeutscher Hand sind, tr\u00e4gt jedoch zur Selbstwahrnehmung als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zweiter Klasse bei. Au\u00dferdem stellt die historisch gewachsene Verankerung der rechten Szene in der Zivilgesellschaft Strukturen bereit, in denen der NSU heranwachsen konnte. Bis heute bestehen Probleme, dieser etwas entgegenzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Bischofferode: Treuhand<\/strong><\/p>\n<p>Die Stilllegung des\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/nicht-meine-einheit\/\">Kalisalz-Bergwerks in Bischofferode<\/a>\u00a0ist ein anschauliches Beispiel f\u00fcr das Treuhand-Unrecht. Der DDR-Vorzeigebetrieb wurde 1993 durch die Treuhandanstalt unter fadenscheinigen Begr\u00fcndungen geschlossen. Offiziell gab es keinen Absatzmarkt f\u00fcr Kalisalz. Inoffiziell sollte der Kundenstamm an die BASF-Tochter Kali und Salz AG in Kassel \u00fcbergehen, die auch viele der \u201everalteten\u201c Maschinen \u00fcbernahm. Im Schacht befand sich noch verwertbares Produkt, ein westdeutscher Investor h\u00e4tte den Betrieb \u00fcbernommen. Aber auch der Hungerstreik der Kali-Kumpel, der bundesweite Aufmerksamkeit auf sich zog, konnte die Schlie\u00dfung nicht verhindern.<\/p>\n<p>Das Kali-Museum in Bischofferode verdeutlicht, dass es sich um einen wirtschaftlich arbeitenden Betrieb handelte, geschlossen durch die Treuhand, mit dem Ziel, die DDR-Wirtschaft zu zerschlagen. Referent Willibald Nebel, 1993 selbst f\u00fcr 14 Tage im Hungerstreik, zeigte sich sichtlich frustriert \u00fcber die generelle Ansicht, dass die Produktion in den volkseigenen Betrieben r\u00fcckschrittlich und ineffizient gewesen sei. Seiner Meinung nach war es richtig, dass die Wende kam, aber nicht, wie sie kam. Im Rahmen der Privatisierungen gingen 85 Prozent der DDR-Betriebe an westdeutsche Investorinnen und Investoren, 10 Prozent an ausl\u00e4ndische, nur 5 Prozent blieben in ostdeutscher Hand.<\/p>\n<p><strong>Erfurt: Erinnerungskultur<\/strong><\/p>\n<p>Um einen kritischen Blick auf die Erinnerungskultur an die DDR zu werfen, besuchten wir die Gedenkst\u00e4tte in der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Erfurt, in der politische H\u00e4ftlinge bis zu zwei Jahre einsa\u00dfen. Bei den meisten lautete die Anklage \u201eRepublikflucht\u201c, schon ein Ausreiseantrag f\u00fcr eine Urlaubsreise konnte zu einer Haftstrafe f\u00fchren. Repressionen erfuhren auch K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, die sich dem staatlich vorgegebenen Stil nicht anpassen wollten. Freiheit \u00fcber die Berufs- oder Studienwahl bestand nicht. Dass diese Unfreiheit mit dem SED-Regime abgeschafft wurde, ist zweifelhaft \u2013 dass viele Vergehen, wegen derer DDR-B\u00fcrgerinnen und -B\u00fcrger in Untersuchungshaft kamen, heute durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind, nicht. Das Einfordern des Rechts auf freie Ausreise oder Kritik an der SED, sei sie noch so vorsichtig, konnten Haft bedeuten. Der Einfluss der SED erstreckte sich sowohl \u00fcber die Inhalte des Schulunterrichts, als auch in die Freizeitgestaltung. Einige Gr\u00fcnde von vielen, wegen denen die Menschen die Wende herbeisehnten.<\/p>\n<p><strong>Leipzig: Auswertung<\/strong><\/p>\n<p>In unserer Abschlussrunde in Leipzig haben wir diskutiert, was wir als Studierendenverband mitnehmen. Uns hat die Reise gezeigt, dass es keine einfache Antwort auf die Frage gibt, warum Ost und West keine Einheit sind.<\/p>\n<p>Mit dem rapiden \u00dcberst\u00fclpen eines neuen Wirtschaftssystems ging f\u00fcr die DDR-B\u00fcrgerinnen und -B\u00fcrger jegliche Sicherheit verloren. Kinderbetreuung, Arbeitsplatz, Wohnung \u2013 was zuvor vom Staat zugesichert war, stand nun in den Sternen. Die \u201esoziale\u201c Marktwirtschaft der BRD erlebten und erleben viele Ostdeutsche noch immer als einen harten Konkurrenzkampf. Treuhand-Unrecht und W\u00e4hrungsunion waren der Todessto\u00df f\u00fcr die DDR-Wirtschaft, die sich vor der Wende selbst reproduzieren konnte.<\/p>\n<p>Herauskristallisiert hat sich f\u00fcr uns, wie wichtig das Schaffen kultureller Angebote und ein Sichern der Infrastruktur sind, um den Wegzug zu verhindern. Den Rechten, die das Vakuum nach der Wende vielerorts gef\u00fcllt haben, muss eine starke Linke entgegenstehen, soziale K\u00e4mpfe m\u00fcssen gef\u00fchrt, lokale Begegnungsst\u00e4tten aufgebaut werden. Wir m\u00f6chten kritisch-solidarisch mit der DDR umgehen und ohne zu besch\u00f6nigen das BRD-Narrativ der Erinnerung hinterfragen.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag von Lea Klingberg erschien in gedruckter Form in der neuen\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.linke-sds.org\/media\/critica\/\"><em>Critica<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Referenz:<\/strong><\/p>\n<p>[1] Intelmann, Dominik: Sieben Thesen zur urbanen Krise von Chemnitz. In: sub\/urban, 2019, Band 7, Heft 1\/2, S. 189-202.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/gesellschaft\/alternative-perspektiven-auf-die-wende\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21.Dezember 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lea Klingberg. 30 Jahre Wiedervereinigung. Wir haben uns vorgenommen, selbst zu erleben, wie es um die \u201edeutsche Einheit\u201c steht. 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