{"id":8979,"date":"2020-12-21T16:08:48","date_gmt":"2020-12-21T14:08:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8979"},"modified":"2020-12-21T16:09:56","modified_gmt":"2020-12-21T14:09:56","slug":"8979","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8979","title":{"rendered":"Die Corona-Krise im historischen Kontext sehen"},"content":{"rendered":"<p><em>Nima Sabouri.<\/em><strong> Die Corona-Pandemie macht abermals deutlich, dass das kapitalistische System krisenanf\u00e4llig ist. Und wie die Corona-Krise die Linksradikalen betrifft. Der globale Kapitalismus setzt sich unter den durch vergangene Krisen geschaffenen<\/strong><!--more--><strong> Voraussetzungen fort und f\u00fchrt so unweigerlich zu neuen, in Schwere und Ausmass zunehmenden Krisen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>1.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Krisen \u00f6ffnen fortgehend neue Bereiche (wie Klimawandel, Pandemien, usw.) und gleichzeitig &#8211; aufgrund der zunehmenden Verwobenheit der globalen Verh\u00e4ltnisse &#8211; beeinflussen sie immer gr\u00f6ssere Teile der Welt und Gesellschaft. Aus dieser Perspektive ist die globale Krise, die sich aus der Ausbreitung der Corona-Pandemie ergibt, keine eigenst\u00e4ndige Krise, sondern lediglich die j\u00fcngste Kombination kapitalistischer interner Krisen, die sicherlich mit neuen Merkmalen einhergeht.<\/p>\n<p>Diese Krisen entstehen durch die grundlegenden Strukturen und Mechanismen des kapitalistischen Systems. Daher ist es innerhalb dieses Systems nicht m\u00f6glich, diese zu l\u00f6sen. Historische Ereignisse und Beobachtungen zeigen, dass unter dem Kapitalismus selbst die relative Bew\u00e4ltigung der Krisen, also die Abschw\u00e4chung ihrer jeweiligen Folgen, unrealistisch ist. Stattdessen h\u00e4ufen sich die Krisen an und versch\u00e4rfen sich gegenseitig, wodurch sie wiederum neuen Krisen den Boden bereiten.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund haben in den letzten zwei Jahrzehnten die H\u00e4ufigkeit, Schwere und das geografische Ausmass von Krisen sowie ihre menschlichen und nat\u00fcrlichen Folgen beispiellos zugenommen. Die Corona-Pandemie trat nach den gef\u00e4hrlichen, aber geografisch begrenzten Epidemien der vergangenen Jahre auf, von denen jede eine echte Warnung vor der n\u00e4chst gr\u00f6sseren Epidemie war[1]. Bei den Staaten als politische Vertreter des Kapitals stossen diese Warnungen jedoch auf taube Ohren.<\/p>\n<p><strong>2.<\/strong><\/p>\n<p>Die Fortsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise erfordert, dass der Umfang der Ausbeutung und Unterwerfung von Menschen sowie der Umfang der Ausbeutung und Zerst\u00f6rung der Natur[2] so weit wie m\u00f6glich erweitert werden. In den letzten Jahrzehnten war der Klimawandel das wichtigste Ereignis, das den kapitalistischen Aspekt der Zerst\u00f6rung der Natur und das Grundbed\u00fcrfnis des Kapitals zur \u201eAusbeutung der Natur\u201c hervorhob.<\/p>\n<p>Die innere Logik des Kapitallebens, also die Weiterverwertung des Wertes, kennt keine Grenzen; Das Leben der Natur (und des Menschen) ist jedoch durch bestimmte Grenzen begrenzt (z.B. die Endlichkeit nat\u00fcrlicher Ressourcen oder die Verwundbarkeit von \u00d6kosystemen und Arten). In Bezug auf das Leben auf der Erde basiert die Logik des Kapitals auf destruktiver Abstraktion &#8211; statt inhaltlicher und langfristiger Planung z\u00e4hlt die kurzfristige Gewinnabsch\u00f6pfung, die neutral gegen\u00fcber Leid und Umweltzerst\u00f6rung ist. So gesehen war die jahrhundertealte Geschichte der kapitalistischen Entwicklung in der Tat die Geschichte der politischen Bem\u00fchungen des Kapitals, die Dominanz seiner abstrakten Logik \u00fcber das konkrete Leben von Mensch, Fauna und Flora zu etablieren und auszudehnen (wobei auch verschiedene Formen des Widerstands &#8211; von Menschen und Natur- auftraten).<\/p>\n<p>In gewisser Weise ist der Kapitalismus ein besonderes historisches System, in dem die Wirtschaft stark dazu tendiert, sich von Gesellschaft und Natur zu trennen, um \u00fcber den Interessen und Bed\u00fcrfnissen der meisten Menschen und der Natur zu stehen. Das Auftreten der Corona-Pandemie kann als eine weitere Manifestation der abschreckenden Reaktionen (oder des &#8222;Widerstands&#8220;) der Natur auf kapitalistische Zerst\u00f6rung angesehen werden. Viele Wissenschaftler*innen haben schon jahrelang davor gewarnt[3], dass t\u00f6dliche weltweite Pandemien unvermeidlich sein werden, entweder durch steigende durchschnittliche atmosph\u00e4rische Temperaturen oder durch die fortgesetzte Zerst\u00f6rung lebender Arten und die Zerst\u00f6rung ihrer nat\u00fcrlichen Lebensr\u00e4ume.<\/p>\n<p><strong>3.<\/strong><\/p>\n<p>Aufgrund seiner historischen Grundlagen, seiner Entstehung und Etablierung, parallel und verwoben mit der Entwicklung des Kapitalismus, sind die heutigen Staaten direkt oder indirekt[4] von der Fortsetzung der kapitalistischen wirtschaftspolitischen Verh\u00e4ltnisse abh\u00e4ngig. Da sie als politische Verk\u00f6rperung der globalen kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse den Interessen des Kapitals und der Kapitalistenklasse inh\u00e4rent verpflichtet sind, k\u00f6nnen sie keine glaubw\u00fcrdige Antwort auf die allgegenw\u00e4rtigen Krisen des Kapitalismus geben. Denn die Entstehung dieser Krisen ist nicht auf die Nebenwirkungen (seitliche Fehler) des kapitalistischen Systems zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern eine grundlegende Folge der Befriedigung der Kapitalbed\u00fcrfnisse[5].<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten hat die Art und Weise, wie Staaten mit der Klimakrise umgegangen sind, diese strukturelle Unf\u00e4higkeit deutlich gemacht. Die historische Ausweitung des Kapitalismus hat andererseits nicht nur die nationalen Grenzen und die nationalistische Politik nicht widerlegt, sondern versch\u00e4rft, was den Erwartungen und Anspr\u00fcchen der b\u00fcrgerlichen Denker widersprach. Grund daf\u00fcr ist die Tatsache, dass das Kapital historisch gesehen haupts\u00e4chlich im Rahmen nationaler Zentren organisiert wurde und das nationale Kapital seine internen und externen Einfl\u00fcsse nur durch die Vermittlung von Staaten aufrechterhalten und erweitern konnte. Die Staaten sind dabei neben ihrer Rolle als H\u00fcter der kapitalistischen Ordnung auch selbst Akteure innerhalb des globalen Konkurrenzgeschehens. \u00dcber ihre wirtschaftlichen, milit\u00e4rischen und territorialen Machtmittel konkurrieren sie weltweit, um ihre Stellung zugunsten der eigenen (Wirtschafts-)Wachstumssteigerung und Machtausweitung zu verbessern.<\/p>\n<p>Bei Rivalit\u00e4ten und Konflikten zwischen Staaten spielen letztendlich die Konfrontationen der Bed\u00fcrfnisse nationaler Grosskapitale eine grosse Rolle, da diese f\u00fcr die nationale Wirtschaft von wichtiger Bedeutung sind. Deshalb ging die Globalisierung der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse &#8211; entgegen den Erwartungen &#8211; mit der St\u00e4rkung und Ausweitung des Nationalismus einher. Globale Krisen (wie die Corona-Krise) erfordern globale L\u00f6sungen. Es liegt auf der Hand, dass Nationalstaaten sich zu solchen L\u00f6sungen nicht verpflichten k\u00f6nnen, da sie sowohl kapitalistische als auch nationale Interessen bedienen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>4.<\/strong><\/p>\n<p>Die potenziell steigende Verbreitung der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse seit dem Zweiten Weltkrieg hat zu einer Zunahme der Kapitalmenge und zur Entstehung neuer Kapitalzentren auf globaler Ebene gef\u00fchrt. Der Zugang zu nat\u00fcrlichen Ressourcen[6] sowie die Schaffung und Erweiterung neuer nationaler und globaler M\u00e4rkte sind jedoch in geringerem Mass gewachsen, sodass sich die Ausbeutung vorhandener Ressourcen seinen grundlegenden &#8222;Grenzen&#8220; n\u00e4hert.<\/p>\n<p>Diese Kollision ist die Hauptursache f\u00fcr die Entstehung aktueller Krisen. Die neoliberale Enteignung der Massen (insbesondere die Intensivierung der Kommodifizierung der Natur und der Kommerzialisierung der grundlegenden sozialen Dienste), die seit den 1980er Jahren auf der globalen kapitalistischen Agenda steht, konnte keine unbegrenzte Quelle bieten, um diesem Engpass zu entkommen und das Wachstum der Kapitalakkumulation sicherzustellen.<\/p>\n<p>Die neoliberale Zwangsflexibilisierung der Arbeit und der Arbeitskr\u00e4fte hat den Widerstand der Arbeitskr\u00e4fte weltweit dramatisch niedergeschlagen und die antikapitalistischen Bewegungen geschw\u00e4cht. Dadurch ist jedoch lediglich die politische Macht (Subjektivit\u00e4t) des Kapitals (bis auf weiteres) erh\u00f6ht worden, ohne eine langfristige Option zur \u00dcberwindung des grundlegenden Engpasses[7] f\u00fcr das kapitalistische Wachstum schaffen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Trotz der schnellen globalen Ausweitung der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse konnte das rasche Aufkommen und Wachstum neuer Technologien (einschliesslich Informations- und Digitaltechnologien sowie High-Tech-Industrien) die Arbeitsproduktivit\u00e4t und die Bandbreite neuer Verbraucherbed\u00fcrfnisse nicht so stark steigern, dass das gew\u00fcnschte Kapitalwachstum dauerhaft (jenseits seiner Grenzen) gew\u00e4hrleistet wird.<\/p>\n<p>Mit dem Ausbruch der Krise von 2008 wurden alle Hoffnungen auf ewiges kapitalistisches Wachstum, die der Neoliberalismus geweckt hatte, pl\u00f6tzlich zunichte gemacht. Das unvermeidliche Ergebnis dieser Expansion des Kapitals und der zunehmenden Kollision mit seinen Grenzen war (aufgrund der in These 3 beschriebenen gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit des kapitalistischen Wirtschaftens von der Infrastruktur der Nationalstaaten) eine zunehmende Konfrontation zwischen nationalen Zentren des Kapitals auf globaler Ebene.<\/p>\n<p>Die \u00e4ussere Manifestation davon ist einerseits die Zunahme inter-imperialistischer Konflikte und die Versch\u00e4rfung ihrer Polarisierungen und andererseits haben sich die Kluft und die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zwischen den fortgeschrittenen Industriel\u00e4ndern und dem &#8222;globalen S\u00fcden&#8220; versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Konsequenzen dieser historischen Situation war, dass erneut der Boden f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit nationalistischer und populistischer Ideologien und Politiken geschaffen wurde. Der Aufstieg des nationalistischen Populismus in den Vereinigten Staaten, Russland, dem Vereinigten K\u00f6nigreich, Brasilien, Indien, Ungarn, Polen usw. und die St\u00e4rkung der rechtsextremen Tendenzen in vielen anderen L\u00e4ndern haben in diesem Kontext stattgefunden.<\/p>\n<p>Die allgegenw\u00e4rtige Krise infolge der Corona-Pandemie ist in einem globalen politischen Klima entstanden, das bereits von nationalistischen Konflikten zerr\u00fcttet worden ist. Mit den zunehmenden Folgen der Corona-Krise wird deshalb der politische und ideologische Einfluss der rechtspopulistischen Str\u00f6mungen und ihre Bewegungsreichweite sicherlich zunehmen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wird die steigende \u00f6ffentliche Panik und Verzweiflung \u00fcber die Todesf\u00e4lle durch Corona die vermeintlich apokalyptischen Aspekte der Corona-Krise (und des Klimawandels) erh\u00f6hen und dadurch den Einfluss religi\u00f6ser fundamentalistischer Tendenzen verst\u00e4rken, die im Allgemeinen leicht mit dem rechtsextremen und rechtsgerichteten Populismus artikuliert werden (k\u00f6nnen).<\/p>\n<p><strong>5.<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren sind die Folgen der Klimakrise f\u00fcr den Menschen &#8211; wie erwartet \u2013 sehr weit verbreitet, und haben die Dynamik vergangener Spannungen auf der Welt mit neuer Antriebskraft verst\u00e4rkt. Die zunehmende Schwere von verheerenden D\u00fcrren, Br\u00e4nden und \u00dcberschwemmungen f\u00fchrt jedes Jahr zu Hunger oder zur Vertreibung und Migration von Millionen.<\/p>\n<p>Aufgrund der Folgen der Klimakrise haben die sozialen, ethnischen und politischen Spannungen in vielen L\u00e4ndern hinsichtlich des Zugangs zu sicherem Wohngebiet, Wasserressourcen, Ackerland und anderen Lebensressourcen bereits erheblich zugenommen. Auch politische Auseinandersetzungen und milit\u00e4rische Konflikte zwischen Nachbarl\u00e4ndern haben zugenommen.<\/p>\n<p>Im Bereich der Weltpolitik hat die Klimakrise die Kluft und den Konflikt zwischen den Industriel\u00e4ndern und dem &#8222;globalen S\u00fcden&#8220; vertieft und zu einer Zunahme politisch-imperialistischer Interventionen beigetragen, wobei sich viele L\u00e4nder gezwungen sehen, sich mehr denn je einer der imperialistischen Polarisierungen anzuschliessen. Das Scheitern des Pariser Abkommens war\/ist in der Tat ein klares historisches Zeichen f\u00fcr den Sieg der nationalistischen Politik \u00fcber eine Politik internationaler Vereinbarungen in der heutigen Welt.<\/p>\n<p>In einem solchen Kontext ist der nationalistische (und populistische) Ansatz als Reaktion auf die Ausbreitung der Corona-Pandemie keine \u00dcberraschung. Der heftige Wettbewerb zwischen m\u00e4chtigen L\u00e4ndern um die Monopolproduktion des Corona-Impfstoffs enth\u00fcllt sicherlich die krankhafte Bem\u00fchungen des Kapitals, die Krise zu kommodifizieren. Viel wichtiger ist jedoch, dass daraus die gef\u00e4hrliche Kraft der Verschmelzung von Kapital und Nationalismus deutlich wird, welche die Hauptantriebskraft f\u00fcr die Fortsetzung des Imperialismus und der Weltherrschaftsverh\u00e4ltnisse ist.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass die Logik von Wettbewerb, Profit und imperialistischer Vorherrschaft selbst unter diesen kritischen Umst\u00e4nden gewichtiger ist als die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit, zeigt, dass sich m\u00f6gliche globale Entwicklungen zwangsl\u00e4ufig auf den Schienen bewegen, die schon durch imperialistische\/kapitalistische Machtverh\u00e4ltnisse verlegt worden sind. Infolgedessen m\u00fcssen sich die Staaten als weitsichtiger Verwalter des nationalen Kapitals in ihrer Praxis in Richtungen bewegen, die letztendlich die immanente fatale Kurzsichtigkeit des Kapitals auf politischer Ebene verfolgen und erweitern.<\/p>\n<p>Die gleichzeitige Unterordnung der Staaten unter die nationalistische und kapitalistische Politik hat angesichts der Corona-Krise eine t\u00f6dliche Konsequenz: Die Voraussetzungen des Wirtschaftswachstums, ob gewollt oder ungewollt, haben Vorrang vor den Voraussetzungen der \u00f6ffentlichen Gesundheit. Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch, der unter normalen (also nicht krisenhaften) Bedingungen, insbesondere in Industriel\u00e4ndern, nicht so sichtbar ist: der Widerspruch zwischen der formellen Verpflichtung der Staaten zu Gesundheit und \u00dcberleben der B\u00fcrger*innen und derer tats\u00e4chlichen Verpflichtung auf die Interessen des nationalen Kapitals.<\/p>\n<p><strong>6.<\/strong><\/p>\n<p>Vielen Wissenschaftlern und Epidemiologen zufolge erfordert eine angemessene Reaktion gegen\u00fcber der Corona-Pandemie zur Minimierung der Inzidenz und Mortalit\u00e4tsrate die enorme Reduzierung der \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten f\u00fcr einen bestimmten Zeitraum. Eine solche L\u00f6sung, die auch von den Staatsfunktion\u00e4ren und sogenannten Gesundheitsexperten bef\u00fcrwortet wird, widerspricht jedoch den Bed\u00fcrfnissen und Priorit\u00e4ten der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Da die kapitalistische Wirtschaft ein ununterbrochenes Wachstum ben\u00f6tigt, verursacht selbst eine vor\u00fcbergehende Reduzierung sogenannter &#8222;unn\u00f6tigen Aktivit\u00e4ten&#8220; einen erheblichen Schaden f\u00fcr ihre Wachstumsrate. Je langsamer das Wirtschaftstempo eines Landes infolge der Corona-Krise wird, desto mehr wird das Land in der globalen wirtschaftspolitischen Macht-Hierarchie fallen. In der Tat k\u00f6nnen Staaten daher ihren wissenschaftlichen Anspr\u00fcchen[8] nicht treu bleiben und m\u00fcssen der Bereitstellung nationaler Kapitalinteressen und nationalistischer Erw\u00e4gungen Vorrang vor den Anforderungen der Gesundheit der B\u00fcrger*innen einr\u00e4umen.<\/p>\n<p>In einem solchen Kontext haben fast alle Staaten der Welt die Politik der &#8222;Wirtschaft First!&#8220; durchgesetzt: sowohl eine Minderheit von ihnen (wie die USA und Brasilien, der Iran usw.), deren Regierungen sich offen f\u00fcr die Herdenimmunit\u00e4t entschieden haben, als auch die Mehrheit derer, die offiziell von der Priorit\u00e4t der Gesundheit (des Lebens) der B\u00fcrger*innen sprachen. Und jede Form der Politik von &#8222;Wirtschaft First!&#8220; l\u00e4uft unweigerlich auf Herdenimmunit\u00e4t hinaus[9]. Allerdings ist die vollst\u00e4ndige Umsetzung des Ansatzes \u201cHerdenimmunit\u00e4t\u201d sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher Ebene f\u00fcr die Staaten sehr riskant, da ihre menschlichen Folgen unvorhersehbar sind und leicht ausser Kontrolle geraten k\u00f6nnen, wodurch die politische Stabilit\u00e4t sowie die Verf\u00fcgbarkeit von Arbeitskr\u00e4ften und damit letztendlich die Kapitalsicherheit gest\u00f6rt werden kann.<\/p>\n<p>Infolgedessen verwenden die meisten Staaten erg\u00e4nzende Ans\u00e4tze, w\u00e4hrend sie eine solche Vision (Herdenimmunit\u00e4t) beibehalten: Einerseits fordern sie die Menschen auf, mit der Krise zu leben[10] (genau wie ihren Umgang mit der Klimakrise, also eine Koexistenz) und versuchen diesbez\u00fcglich die Krise umfassend zu &#8222;normalisieren&#8220;; Andererseits versuchen sie, die \u00f6ffentliche Meinung zu steuern, indem sie Pandemiedaten (oder ihre Interpretationen) manipulieren und Medienpropaganda entwickeln[11]. In dieser Hinsicht werden abh\u00e4ngig von den Umst\u00e4nden verschiedene Richtlinien angewendet: von der Schuldzuweisung an die Menschen und der Verurteilung ihrer Nachl\u00e4ssigkeit bei der Erh\u00f6hung der Inzidenzrate bis hin zum Vorgeben, Sondermassnahmen zu ergreifen, die aber wiederum v\u00f6llig unzureichende und widerspr\u00fcchliche L\u00f6sungen sind[12].<\/p>\n<p><strong>7.<\/strong><\/p>\n<p>In fast allen Gesellschaften, in denen die Corona-Pandemie weit verbreitet ausbricht, wurde seit dem ersten Monat ein wichtiges Ph\u00e4nomen beobachtet: Die Verteilung der gesundheitlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise ist eindeutig klassenabh\u00e4ngig: Menschen, die aufgrund ihrer anf\u00e4lligen wirtschaftlichen Position stark von (Tages-)Arbeit und Tageslohn abh\u00e4ngig sind[13], k\u00f6nnen ihre t\u00e4glichen Kontakte nicht einschr\u00e4nken oder sich zu Hause unter Quarant\u00e4ne stellen und sind daher viel st\u00e4rker als andere dem Virus ausgesetzt[14].<\/p>\n<p>Viele von ihnen sind auch nicht in der Lage, sich hygienische Pr\u00e4ventionsmassnahmen, Corona-Tests und sogar notwendige medizinische Versorgung (nach der Ansteckung mit dem Virus) zu leisten. Gleichzeitig sind diese Gruppen diejenigen, die aufgrund unzureichender Ern\u00e4hrung ein relativ schw\u00e4cheres Immunsystem haben und h\u00e4ufig in kleinen, aber dicht besiedelten H\u00e4usern in armen Stadtteilen oder am Rande von St\u00e4dten leben.<\/p>\n<p>Die derzeitige Verteilung der Infektionsf\u00e4lle nach st\u00e4dtischen Gebieten zeigt deutlich, dass die Pandemie in den Armenvierteln, in denen eine grosse Anzahl von Menschen dicht bei einander wohnt, viel gr\u00f6ssere Auswirkungen hat. Die intensiv besetzten Busse und U-Bahnen, die die Fahrg\u00e4ste von den und in die armen Stadtteile transportieren, sind ein t\u00e4gliches Symbol f\u00fcr die Klassenverteilung des Ansteckungsrisikos durch Corona zeigt. Noch h\u00e4rter sozial und gesundheitlich betroffen sind diejenigen Menschen, die in der kapitalistischen Gesellschaft und\/oder der rassistischen Ideologie der Nationalstaaten nicht verwertbar sind (und damit als \u00fcberfl\u00fcssig oder parasit\u00e4r angesehen werden[15]), also Menschen, die nicht arbeiten k\u00f6nnen oder d\u00fcrfen. In Zeiten der Corona-Krise hat die Sorge um Gesundheit und Leben dieser Menschen keinerlei Priorit\u00e4t.<\/p>\n<p>Konkret betroffen sind vor allem Menschen in Fl\u00fcchtlingslagern, chronisch kranke und alte Menschen. Dar\u00fcber hinaus kommen die Auswirkungen des neoliberalen Prozesses der Kommodifizierung und Kommerzialisierung der Gesundheit, die durch die Reduzierung der \u00f6ffentlichen Infrastruktur in diesem Bereich (oder deren Zug\u00e4nglichkeit) eine bedeutende Rolle bei der Erh\u00f6hung der Todesf\u00e4lle der Corona-Pandemie gespielt haben. Diese Auswirkungen betreffen auch vor allem die Mehrheit der Gesellschaft (die Arbeiterklasse oder alle sozial Benachteiligten).<\/p>\n<p>Ein weiterer wichtiger Aspekt dieses Klassencharakters der Corona-Krise ist die zus\u00e4tzliche Versch\u00e4rfung der bereits existierenden Widerspr\u00fcche und Krisen der Kapitalverwertung auf Kosten der Arbeiterklasse, der unterprivilegierten, Ausgeschlossenen, Ausgestossenen. Steigende Arbeitslosigkeit, Arbeitsprekarisierung, gesteigerte Ausbeutung und Unsicherheit des Lebensunterhalts, Ausbreitung von Armut und der Entzug von Rechten und sozialen Absicherungen usw. werden als Folge der wirtschaftlichen Einbr\u00fcche durch die Corona-Krise weiterhin und verst\u00e4rkt zunehmen. Daher stellt sich die Frage: Wie sieht eine alternative politische Herangehensweise aus, die sich mit der Notlage der Mehrheit (der Arbeiterklasse und der Unterprivilegierten und der sozial benachteiligten) angesichts der vielf\u00e4ltigen und allgegenw\u00e4rtigen Folgen der Corona-Pandemie besch\u00e4ftigt?<\/p>\n<p><strong>8.<\/strong><\/p>\n<p>Eines der Probleme, die die Linke in ihrer politischen Herangehensweise an die Klimakrise in den letzten zwei Jahrzehnten hatte, und die einen grossen Teil von ihnen daran gehindert hat, sich als Teil einer Kampfstrategie aktiv zu beteiligen, ist, dass ihnen die tats\u00e4chlich betroffenen, also die eigentlichen Subjekte dieses Kampfes, meistens unbekannt erschienen und weiterhin erscheinen; die Teilnahme am Klima-Kampf war daher ausschliesslich mit moralischen und intellektuellen Motivationen verbunden oder wurde auch so betrachtet[16]. Hinsichtlich der linken Reaktionen auf die Corona-Krise scheint dies in den letzten Monaten erneut aufzutreten und verwirrt linke und fortschrittliche Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Dieses Dilemma sollte jedoch im Fall der Corona-Krise nicht als ungel\u00f6stes Problem wiederholt werden: Die Folgen der Corona-Krise sind unmittelbarer und greifbarer als die Krise der globalen Erw\u00e4rmung und haben (zumindest kurzfristig) weitreichendere soziale und geografische Auswirkungen. Angesichts des Klassencharakters dieser Folgen ist das potenzielle Hauptsubjekt politischer Intervention in dieser Situation die Arbeiterklasse (im weitesten Sinne des Wortes); also die benachteiligte\/untergeordnete und unterdr\u00fcckte Mehrheit der Gesellschaften, die immer die Hauptlast der kapitalistischen Krisen tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Neben der direkten Bedrohung des menschlichen Lebens und Gesundheit, insbesondere aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Folgen, hat die Corona-Pandemie das t\u00e4gliche Leben der Benachteiligten in allen Gesellschaften stark beeintr\u00e4chtigt und ist bereits zu einem herausfordernden politischen Thema geworden. Alle Fakten und Beobachtungen deuten darauf hin, dass die bereits heute sichtbaren sozio-\u00f6konomischen Folgen der Corona-Krise nur die Spitze des Eisbergs sind.<\/p>\n<p>Es ist daher anzunehmen, dass die Corona-Krise mit der Versch\u00e4rfung ihrer Folgen zunehmend zu einem Hauptproblem aller Gesellschaften wird. Wenn in naher Zukunft kein zuverl\u00e4ssiger Impfstoff gegen das Corona-Virus gefunden und in Massenproduktion hergestellt wird, wird diese Pandemie die aktuelle Weltlage weiter in Richtung einer ausgewachsenen Krise treiben, wodurch die Widerspr\u00fcche des kapitalistischen Systems und die Grenzen seines politischen Rahmens (also der liberalen Demokratie) mehr denn je aufgedeckt werden. In dieser Hinsicht werden mit den wachsenden sozio\u00f6konomischen Dimensionen der Corona-Pandemie ihre politischen Implikationen als Triebfedern kapitalistischer Krisen sichtbarer und entscheidender.<\/p>\n<p>In diesem Kontext werden auch die Staaten ein deutlicheres Bild ihres Klassencharakters und ihres repressiven Inhaltes vermitteln, indem sie mehr denn je die Interessen der Mehrheit ignorieren und mehr denn je die daraus resultierenden Protestbewegungen und antikapitalistischen Kr\u00e4fte zerschlagen m\u00fcssen. Die wichtige Frage (angelehnt an die bereits in der vorherigen These beschriebene) lautet also: Wie k\u00f6nnte der antikapitalistische Kampf inmitten der kommenden tiefen Krise neu definiert werden und ihre potenziellen Subjekte einbeziehen?<\/p>\n<p><strong>9.<\/strong><\/p>\n<p>Linke Kr\u00e4fte und Organisationen haben &#8211; mit wenigen Ausnahmen &#8211; bislang passiv auf die Corona-Pandemie und die daraus resultierende globale Krise reagiert. Am optimistischsten betrachtet, wurden sie einfach von der Geschwindigkeit historischer Ereignisse \u00fcberholt (wie in vielen anderen F\u00e4llen in den letzten Jahrzehnten).<\/p>\n<p>Im Allgemeinen nahmen sie entweder das Ausmass der Corona-Krise nicht ernst genug oder waren so in ihrer derzeitigen Routine verwickelt, dass sie nicht die Gelegenheit (oder die Lust) hatten, ihre Kampfstrategie zu erneuern. Im Gegensatz zu den Linken haben die Staaten diese Krise sehr ernst genommen: sowohl ihre Gefahren\/Bedrohungen f\u00fcr ihre eigenen Priorit\u00e4ten und Ziele, als auch ihre M\u00f6glichkeiten die eigene Herrschaft zu erweitern[17].<\/p>\n<p>Die Passivit\u00e4t der linken Kr\u00e4fte angesichts der Corona-Krise beruht nat\u00fcrlich auf einige Einsch\u00e4tzungen, von denen die wichtigsten die folgenden w\u00e4ren:<\/p>\n<ol>\n<li>a) Durch &#8222;\u00dcbertreiben&#8220; der Corona-Krise k\u00f6nnen die Staaten ihre Macht erweitern, indem sie den Notstand ausnutzen und dadurch weitere Kontrollmassnahmen durchsetzen und normalisieren.<\/li>\n<li>b) Die Herausforderung, die die Corona-Krise mit sich bringt, f\u00fchrt zu einer unbeabsichtigten St\u00e4rkung der rechten Str\u00f6mungen. Diese leugnen die Gefahren der Pandemie und bek\u00e4mpfen die Vorsichtsmassnahmen der Staaten.<\/li>\n<li>c) Die Corona-Pandemie ist eine vor\u00fcbergehende Krise und die Dimensionen ihrer tats\u00e4chlichen und potenziellen Folgen sind im Vergleich zu anderen bestehenden Problemen nicht besonders ausgepr\u00e4gt. Wenn sich die Linken darauf konzentrieren, werden sie ihre grundlegenden Aktivit\u00e4ten vernachl\u00e4ssigen, was im Interesse der Bourgeoisie liegt.<\/li>\n<li>d) Die Bew\u00e4ltigung dieser Krise liegt ausserhalb der praktischen M\u00f6glichkeiten und Funktionen der linken Kr\u00e4fte. Eine L\u00f6sung, die sich grundlegend von den staatlichen Ans\u00e4tzen unterscheidet, ist unvorstellbar.<\/li>\n<li>e) Auch wenn die grundlegende Einschr\u00e4nkung wirtschaftlicher Aktivit\u00e4ten eine gerechtfertigte wissenschaftliche L\u00f6sung w\u00e4re, wird ihre Umsetzung den Arbeiter*innen und den Benachteiligten zus\u00e4tzlichen Lebensdruck auferlegen. Daher ist die Umsetzung einer solchen Politik weit von den Bed\u00fcrfnissen der Menschen entfernt und stellt die Linke gegen sie. \u2026 Durch eine Kombination dieser Argumente haben die Linken ihre politische Arena bez\u00fcglich der Corona-Krise in der Tat ihren Gegner \u00fcberlassen[18]. Das Spielfeld wurde den Staaten und in geringem Masse den rechtspopulistischen Str\u00f6mungen \u00fcberlassen (dies ist ganz offensichtlich, insbesondere in der deutschen Gesellschaft).<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>10.<\/strong><\/p>\n<p>Die revolution\u00e4ren linken Kr\u00e4fte sollten einer gegenw\u00e4rtigen welthistorischen Krise aufgrund ihrer Erfahrungen, Ziele und Kampftraditionen grunds\u00e4tzlich nicht gleichg\u00fcltig gegen\u00fcberstehen oder planlos die daraus resultierenden Gefahren\/Bedrohungen und Chancen beobachten. Ihre aktuelle geschw\u00e4chte Situation zeichnet sich insbesondere durch eine Zerstreuung und ihre eigene Verzweiflung aus. Dies f\u00fchrt dazu, dass sie nicht mit der Krise Schritt halten k\u00f6nnen und demnach sich auch nicht spezifisch damit auseinander setzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Fragen der historischen Herausforderung, die sich die Linken stellen m\u00fcssen, sind: Wie kann die Corona-Krise als historisch bestehender und entscheidender Faktor mit den gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen Kampfstrategien und Priorit\u00e4ten der Linken verbunden werden, damit diese erneut im Einklang mit der politischen Aufgaben und Vision der Linken steht? Wie kann auf dieser Grundlage eine gemeinschaftliche Agenda aufgestellt werden, um so viele linke Kr\u00e4fte und fortschrittliche Tendenzen wie nur m\u00f6glich zu vereinen?<\/p>\n<p>Welche Elemente, Merkmale und Methoden sollte diese Agenda enthalten, damit sich die Unterdr\u00fcckten oder potenzielle Zielgruppen oder Tr\u00e4ger der linken Politik verbinden und gleichzeitig einen starken Gegendiskurs (gegen den staatlichen Ansatz zur Normalisierung der Krise) schaffen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Kurz gesagt, wie kann eine aktive Intervention in der aktuellen Krise die Aussichten des antikapitalistischen Kampfes st\u00e4rken und M\u00f6glichkeiten bieten, die potenziellen Subjekte dieses Kampfes zu st\u00e4rken und zu organisieren? Um klare und konkrete Antworten auf diese Fragen zu finden, ist eine gemeinsame Auseinandersetzung mit der aktuellen Krise erforderlich, die es selbst wiederum erfordert, die Krise als grundlegende bestehende Herausforderung anzuerkennen.<\/p>\n<p>Nach dem, was gesagt wurde, kann es jedoch m\u00f6glich sein, einige Grundelemente des linken alternativen Ansatzes zur Corona-Krise zu skizzieren:<\/p>\n<ol>\n<li>a) Dieser Ansatz sollte die Lage und die Interessen der Mehrheit der Gesellschaft (untere Klassen) und ihre t\u00e4glichen Anliegen und Bed\u00fcrfnisse hervorheben und die M\u00f6glichkeiten der Selbstverwaltung, Solidarit\u00e4t und Organisation der unteren Klassen st\u00e4rken. Dieser Prozess sollte dazu dienen, durch St\u00e4rken des kritischen Denkens und linker Werte sowie solidarischer K\u00e4mpfe in der Gesellschaft, die Perspektive revolution\u00e4rer Organisierung gegen den Kapitalismus zu entwickeln. Klassischer ausgedr\u00fcckt: die linke Konfrontation mit der Corona-Krise muss einen Klassenansatz beinhalten, da der wahre Klassenkampf in der heutigen Situation ohne Pandemiefolgen nicht denkbar oder effektiv w\u00e4re; die Folgen der Corona-Krise treffen die unterste Klasse und dadurch ist der Klassenkampf unweigerlich mit dem t\u00e4glichen Leben der Menschen verbunden. Deshalb m\u00fcssen die Linken wieder in der Gesellschaft pr\u00e4senter sein &#8211; ohne Angst vor den Vorw\u00fcrfen, Schwierigkeiten und Gefahren, die damit verbunden sind, oder vor dem langen Weg, der bevorsteht.<\/li>\n<li>b) Eine alternative Intervention in der Corona-Krise erfordert eine aktive und grundlegende Auseinandersetzung mit der widerspr\u00fcchlichen Politik des Staates, da der Staat als politisches Organ des Kapitalismus unter allen Umst\u00e4nden verpflichtet ist, Kapitalinteressen zu sichern und somit den Vorrang der Wirtschaft vor den Bed\u00fcrfnissen der Gesellschaft um jeden Preis aufrechtzuerhalten und zu gew\u00e4hrleisten. Um die dominierende Wirtschaft zu retten, normalisiert der Staat einerseits unerbittlich die Krise und macht gleichzeitig das unachtsame Verhalten der Menschen f\u00fcr die Zunahme der Todesf\u00e4lle verantwortlich; Zus\u00e4tzlich legt der Staat die wirtschaftlichen Kosten der Krise und die Rettung grosser Unternehmen auf die Schultern der unteren Klassen. Dar\u00fcber hinaus nutzt der Staat die Krise als Mittel zur Schaffung eines Ausnahmezustands, um die Kontroll- und Repressionspolitik zu versch\u00e4rfen.<\/li>\n<li>c) Da der Klimawandel (die kapitalistische Zerst\u00f6rung der Natur) letztendlich der Ursprung der Corona-Pandemie ist, m\u00fcssen die Linken ihre Strategie und Politik zur Bek\u00e4mpfung der Corona-Krise auf die Bek\u00e4mpfung der Klimakrise ausrichten. Dies ist nicht nur ein Kampf, der auf moralischen und ideologischen Werten beruht, sondern ein Kampf um das \u00dcberleben auf diesem Planeten[19]. In dieser Hinsicht sollte nicht vergessen werden, dass dieser Kampf auch mit der m\u00f6glichen Entdeckung des Corona-Impfstoffs nicht enden wird, denn mit der anhaltenden krankhaften Fortsetzung des Kapitalismus und deren Grenz\u00fcberschreitung werden zuk\u00fcnftige Pandemien und weitere gef\u00e4hrliche Folgen der Klimakrise noch hinzu kommen. Diese Ans\u00e4tze der Linken zu der Corona-Krise ebnen folglich nur den Weg der n\u00e4chsten notwendigen und ernsthaften K\u00e4mpfe.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>11.<\/strong><\/p>\n<p>Schliesslich stehen wir vor der grundlegenden Frage: &#8222;Was ist zu tun?&#8220;. Diese Frage ist in Zeiten historischer Krisen von entscheidender und transformativer Bedeutung, obwohl sie in den t\u00e4glichen und verstreuten Praxen der Linken immer implizit auftaucht. Die Antwort auf diese Frage muss, wie Marx bei der &#8222;Elften These&#8220; \u00fcber Feuerbach erw\u00e4hnte, im Prozess der kollektiven Praxis gesucht und formuliert werden. Vielleicht kann man immer noch mit einer Stimme aus der Literatur und den Traditionen der revolution\u00e4ren Linken sagen: \u201eDie Geschichte ist offen f\u00fcr konstruktive und revolution\u00e4re Praxis\u201c. Ja, das ist im Prinzip so. Aber die Folgen und Versch\u00e4rfungen der gegenw\u00e4rtigen ineinander verstrickten Krisen tr\u00e4gt sofort zu der Bemerkung bei und warnt uns: &#8222;Aber nicht f\u00fcr immer.&#8220; Und so werden sie an Rosa Luxemburgs tiefe Warnung erinnert: Das historische Schicksal der Menschheit w\u00e4re: &#8222;entweder Sozialismus oder Barbarei&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p>[1] Siehe z.B. Katherine F. Smith, Michael Goldberg , et al. (2014): Global rise in human infectious disease outbreaks, Journal of Royal Society, Vol. 11, Issue 101<\/p>\n<p>[2] Laut einer Studie der Umweltorganisation WWF (WWF\u2019s Living Planet Report 2020) sind mehr als zwei Drittel der Tierwelt seit 1970 vernichtet bzw. vom Menschen zerst\u00f6rt worden. Auch ein kurzer Bericht dazu in Oktober 2018 von The Guardian.<\/p>\n<p>[3] Siehe z.B.: Sonia Shah (2016): PANDEMIC: Tracking Contagion from Cholera to Ebola and Beyond ; Farrar, Straus &amp; Giroux. Siehe auch das Interview with Rob Wallace about the coronavirus pandemic.<\/p>\n<p>[4] Direkte Abh\u00e4ngigkeit: aufgrund der unmittelbaren Vorteile der Aufw\u00e4rtsbewegung des nationalen Kapitals f\u00fcr die Staaten in den fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4ndern (einschliesslich der Schaffung relativer sozialer Wohlfahrt und politischer Stabilit\u00e4t); Indirekte Abh\u00e4ngigkeit: aufgrund des geringeren Wachstums der konventionellen kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse in vielen L\u00e4ndern des &#8222;globalen S\u00fcdens&#8220;, werden die staatlichen Eliten nur dann von den &#8222;Vorteilen&#8220; des Kapitalismus profitieren, wenn sie die globalen wirtschaftspolitischen Machtverh\u00e4ltnisse weiterhin einhalten w\u00fcrden. Diese erfordert, die Unterwerfung und Unterordnung der &#8222;s\u00fcdlichen&#8220; L\u00e4nder in der herrschenden Arbeitsteilung innerhalb der Weltm\u00e4rkte. Dies wird notwendig, besonders weil es in den meisten Gesellschaften (auf verschiedene konkrete Weise) eine tiefe wirtschaftspolitische Kluft zwischen Staat und der Mehrheit der Gesellschaft gibt. Infolgedessen befinden sich solche Staaten in einer fragilen politischen Position, die dazu f\u00fchrt, sich immer mehr auf den repressiven Apparat zu st\u00fctzen, was diese Kluft wiederum versch\u00e4rft. Der oben genannte Mechanismus ist einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die Tendenz der Staaten im &#8222;globalen S\u00fcden&#8220;, sich zunehmend der Kapitalordnung und deren Machtverh\u00e4ltnisse auf globaler Ebene zu unterwerfen.<\/p>\n<p>[5] Das Beharren darauf, dass das Coronavirus aus China stammt oder absichtlich in den Laboratorien dieses oder jenes Landes hergestellt wurde, best\u00e4tigt die Intensit\u00e4t nationalistischer Ans\u00e4tze in einer globalen Krise, ist aber gleichzeitig ein bewusster Versuch, den tats\u00e4chlichen Ursprung der Krise (systematische Zerst\u00f6rung der Natur) zu vertuschen.<\/p>\n<p>[6] Siehe z.B. Chris Rhodes: Human Consumption of Natural Resources Exceeds an Annual 100 Billion Tonnes. Resilience, Feb. 2020. Und \u00fcber Folgen der kapitalistischen Landwirtschaft, siehe u.a.: Robert Albritton (2009): Let Them Eat Junk; How Capitalism Creates Hunger and Obesity, Pluto Press.<\/p>\n<p>[7] Diese grundlegende Grenze kann auch wie folgt interpretiert werden: Die abstrakte Logik des Kapitals befasst sich mit den realen Grenzen der konkret-historischen Welt. Siehe u.a. dieses Essay: \u202b\u200c\u200c\u202b\u202aBell, \u202b\u202aJohn \u202b&amp; \u202b\u202aSekine, \u202b\u202aThomas \u202b\u202a(2001): \u202b\u202aThe \u202b\u202aDisintegration \u202b\u202aof \u202b\u202aCapitalism: \u202b\u202aA \u202b\u202aPhase \u202b\u202aof \u202b\u202aEx-Capitalist \u202b\u202aTransition. In Albritton et al. (eds.): Phases of Capitalist Development: Booms, Crises and Globalizations, Palgrave.<\/p>\n<p>[8] Es sei darauf hingewiesen, dass alle Regierungen angesichts der Corona-Pandemie stark von einer solchen Behauptung abh\u00e4ngig sind, so dass jeder der Ansicht ist, dass sie ausschliesslich auf wissenschaftlichen Ratschl\u00e4gen und L\u00f6sungen beruhen. Aus diesem Grund nehmen sie normalerweise eine grosse Anzahl von Virologen und Epidemiologen in ihre politischen Schaufenster auf. [9] Trump hat k\u00fcrzlich allen ein \u00f6ffentliches Geheimnis gel\u00fcftet: \u201cWir f\u00fchren keine Quarant\u00e4ne durch, weil es f\u00fcnfzig Milliarden Dollar pro Tag kosten w\u00fcrde\u201d.<\/p>\n<p>[10] Weil sie (aufgrund ihrer strukturellen Einschr\u00e4nkungen) weder in der Lage sind, die Corona-Krise zu l\u00f6sen, noch die Entdeckung eines zuverl\u00e4ssigen Impfstoffs f\u00fcr Covid-19 in Sicht ist.<\/p>\n<p>[11] Zum Beispiel f\u00fchren einige westeurop\u00e4ische Regierungen ihre Vermeidung einer vollst\u00e4ndigen Quarant\u00e4ne (f\u00fcr mehrere aufeinanderfolgende Wochen) auf das Respektieren des Bed\u00fcrfnisses der Menschen zu Arbeiten oder ihrer Grundfreiheit zur\u00fcck. Ein weiterer aussagekr\u00e4ftiger Indikator in dieser Hinsicht ist das folgende Argument der staatlichen Eliten, die Schulen auch in der Zeit der zweiten Welle weiterhin offen zu halten. In Deutschland beispielsweise haben Regierungseliten wiederholt auf eine Welle \u00f6ffentlicher Besorgnis reagieren m\u00fcssen, nachdem die vorherige Behauptung, Kinder seien immun gegen Corona, nicht mehr funktioniert hatte und es mehr oder weniger Ende Oktober unm\u00f6glich war, die wachsende Zahl der Infektionen in den Schulen zu verbergen. Es wird auf Argumente zur\u00fcckgegriffen: &#8222;Wir m\u00fcssen das Grundrecht der Kinder auf Bildung respektieren.\u201c Wir m\u00fcssen den Wunsch der Eltern respektieren, dass ihre Kinder Schulen und Kinderg\u00e4rten besuchen.&#8220; All diese offensichtlichen T\u00e4uschungen sind Versuche zu verbergen, dass ein normaler Betrieb von Schulen und Kinderg\u00e4rten f\u00fcr die Aufrechterhaltung des Prinzips &#8222;Wirtschaft zuerst!&#8220; notwendig ist. Denn nur dadurch k\u00f6nnen die Eltern normal weiterarbeiten; und nur dadurch ist die Normalisierung der Krise m\u00f6glich.<\/p>\n<p>[12] Wie die von der deutschen, franz\u00f6sischen und britischen Regierung angek\u00fcndigten Teil-Lockdowns angesichts der zweiten Pandemiewelle (Ende Oktober), die fragw\u00fcrdigerweise die meisten Arbeitspl\u00e4tze, Schulen und Kinderg\u00e4rten vom Teil-Lockdown ausschliessen.<\/p>\n<p>[13] Dieses Menge umfasst auch viele derjenigen, die mit der Gefahr bedroht waren\/sind, ihren Arbeitsplatz oder ihren Job zu verlieren, wenn sie sich dem t\u00e4glichen Arbeiten verweigern w\u00fcrden.<\/p>\n<p>[14] Selbst vereinzelte Nachrichten und Berichte haben bisher eine hohe Anzahl von Infektionsf\u00e4llen und Todesf\u00e4llen bei Arbeiter*innen gemeldet, worunter besonders nennenswert sind: Angestellte bei grossen Firmen und Fabriken (wie Schlachth\u00f6fe), bei Superm\u00e4rkten- und Filialisten, Reiniger und Strassenkehrer, Postboten, Krankenschwestern, usw.<\/p>\n<p>[15] Der Nachweis, dass \u00e4ltere Menschen in Deutschland praktisch als st\u00f6rend\/parasit\u00e4r behandelt werden, ist das sehr niedrige Rentenniveau oder der stetige Anstieg des Rentenalters.<\/p>\n<p>[16] Abgesehen von den Ansichten, die den Kampf gegen die Klimakrise lediglich als Kampf gegen eine unklare und abstrakte Gefahr in der Zukunft betrachteten (und daher keine Priorit\u00e4t h\u00e4tten).<\/p>\n<p>[17] David Harvey warnt so davor: \u201cIf the only policies [against the corona-crisis] that will work are socialist, then the ruling oligarchy will doubtless move to ensure they be national socialist rather than people socialist\u201d. Anti-Capitalist Politics in the Time of COVID-19, March 2020.<\/p>\n<p>[18] Bei diesem ungerechtfertigten R\u00fcckzug ist die Linke auch von einem anderen ihrer Grundprinzipien abgewichen: Die linke Tradition hat sich immer dazu verpflichtet, die Stimme der Stillen, der Ausgeschlossenen und der Ausgestossenen in der Gesellschaft zu sein. Die zunehmende Normalisierung der Coronaopfer in den t\u00e4glichen Nachrichten (und die Bedeutungslosigkeit der Infektionszahlen und Ereignisse in der Medienwelt) befreit die linken Kr\u00e4fte nicht zumindest davon, auf die schockierenden Tatsachen hinter diesen Zahlen zu reagieren. Zumal ein grosser Teil dieser Todestraktinsassen aus den untersten und wehrlosesten Teilen der Gesellschaft stammt. Die Tatsache, dass offizielle Quellen und Medien &#8211; oft zum Zweck der &#8222;Normalisierung der Situation&#8220; &#8211; Kranke und \u00e4ltere Menschen als Hauptopfer darstellen, erh\u00f6ht nur die Verantwortung der Linken, sich der hierarchischen Bewertung des menschlichen Lebens (wie in der NS-Zeit) und seiner Normalisierung zu widersetzen. Das Prinzip, das hier als Leitfaden und Kriterium f\u00fcr die Beurteilung herangezogen werden kann, ist, dass ein Tod, der vorhersehbar und im Prinzip vermeidbar ist, aber durch die unterschiedlichen Priorit\u00e4ten der herrschenden M\u00e4chte verwirklicht wird, von Natur aus &#8222;Massenmord&#8220; ist.<\/p>\n<p>[19] Es ist, als ob die Natur uns mit der lautesten Stimme warnt und uns anruft.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/politik\/theorie\/die-corona-krise-im-historischen-kontext-sehen-6153.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. Dezember 2020<\/em><\/p>\n<p style=\"margin-top: 0pt; margin-bottom: 6pt; font-family: Arial; font-size: 9.0pt;\"><span style=\"font-style: italic;\">Bild: Hauptbahnhof Hamburg w\u00e4hrend der Corona-Pandemie, April 2020. \/\u00a0<\/span><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Hauptbahnhof,_Hamburg_(LRM_20200420_060520).jpg\"><span style=\"font-style: italic;\">Matti Blume<\/span><\/a><span style=\"font-style: italic;\">\u00a0<\/span><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/deed.de\"><span style=\"font-style: italic;\">(CC BY-SA 2.0 cropped)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nima Sabouri. Die Corona-Pandemie macht abermals deutlich, dass das kapitalistische System krisenanf\u00e4llig ist. Und wie die Corona-Krise die Linksradikalen betrifft. Der globale Kapitalismus setzt sich unter den durch vergangene Krisen geschaffenen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8980,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[8,87,121,44,76,22,49,37,17],"class_list":["post-8979","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-altersvorsorge","tag-arbeitswelt","tag-covid-19","tag-gesundheitswesen","tag-neue-rechte","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-service-public","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8979"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8979\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8982,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8979\/revisions\/8982"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8980"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}