{"id":8983,"date":"2020-12-22T10:42:09","date_gmt":"2020-12-22T08:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8983"},"modified":"2020-12-22T10:42:11","modified_gmt":"2020-12-22T08:42:11","slug":"social-reproduction-theory-marxismus-oder-feministische-sackgasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8983","title":{"rendered":"Social Reproduction Theory: Marxismus oder feministische Sackgasse?"},"content":{"rendered":"<p><em>Aventina Holzer. <\/em><strong>Frauenstreiks, Proteste gegen Gewalt an Frauen und Aktionen f\u00fcr gleiche Bezahlung finden \u00fcberall auf der Welt statt. Es ist kein Geheimnis, dass die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Proteste weiterhin existieren und sich teilweise versch\u00e4rfen, und es ist essenziell<!--more-->, dass sich Gruppierungen mit diesen Themen besch\u00e4ftigen und Bewegungen aufzubauen versuchen. Die Analysen, woher diese Probleme kommen, unterscheiden sich aber stark. Radikal-feministische Zug\u00e4nge, die oft von einem losgel\u00f6sten Patriarchat sprechen (\u00e4hnlich wie Vorstellungen im b\u00fcrgerlichen Feminismus, obwohl dort viele nicht mal soweit gehen w\u00fcrden), haben in der Analyse zum Beispiel wenig mit sozialistisch-feministischen oder marxistischen Zug\u00e4ngen zu tun. Es ist wichtig, den Ursprung der Frauenunterdr\u00fcckung zu analysieren, um ableiten zu k\u00f6nnen, welche Forderungen und K\u00e4mpfe n\u00f6tig sind, um die jetzige Situation von sexistisch unterdr\u00fcckten Menschen zu verbessern, aber andererseits auch dieses System als Ganzes zu \u00fcberwinden. Denn es gilt: Kein Sozialismus ohne Frauenbefreiung, keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus!<\/strong><\/p>\n<p>Social Reproduction Theory (Theorie sozialer Reproduktion; SRT) erhebt den Anspruch, die Unterdr\u00fcckung der Frau auf einer materialistischen Ebene zu erkl\u00e4ren. Es handelt sich um keine eigene Str\u00f6mung, sondern eher eine theoretische und auch oft akademische Auseinandersetzung mit sozialer Reproduktion im Kapitalismus und, wie diese von \u201eorthodoxer\u201c marxistischer Theorie abweicht oder sie weiterentwickelt. Sie versucht dabei auch, den Ursprung der Frauenunterdr\u00fcckung in der Klassengesellschaft aufzudecken, der laut vielen TheoretikerInnen, die sich mit Social Reproduction Theory besch\u00e4ftigen, auch von au\u00dferhalb dieser Sph\u00e4re herkommt und mit der F\u00e4higkeit zu geb\u00e4ren zusammenh\u00e4ngt bzw. Frauen historisch in eine untergeordnete Rolle dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der SRT h\u00e4ngt stark mit der des sozialistischen Feminismus zusammen, der in den 1970er Jahren als Antwort auf den Radikalfeminismus entstand. Beide Str\u00f6mungen teilen die Kritik, dass die ArbeiterInnenbewegung zu diesem Zeitpunkt m\u00e4nnlich dominiert ist und wenig Platz f\u00fcr \u201efeministische\u201c bzw. Frauenk\u00e4mpfe lie\u00dfe. Auch wird oft (nicht immer, wie wir sp\u00e4ter sehen werden) die Auffassung vertreten, dass der Marxismus alleine Frauenunterdr\u00fcckung nicht ausreichend erkl\u00e4ren k\u00f6nne \u2013 viele RadikalfeministInnen w\u00fcrden ihn sogar ganz ablehnen. Trotz dieser Gemeinsamkeiten gibt es aber nat\u00fcrlich politische Abgrenzungen und unterschiedliche Vorgehensweisen. So sehen RadikalfeministInnen das Hauptproblem im Patriarchat und die Unterdr\u00fccker in den M\u00e4nnern, w\u00e4hrend der sozialistische Feminismus sich immer auch auf Klassengesellschaft und -unterdr\u00fcckung bezieht und eine Art Hybrid zwischen Marxismus und Feminismus darstellt.<\/p>\n<p>Auch wenn beide Zug\u00e4nge sehr problematische Z\u00fcge aufweisen, gibt es einen Grund, warum sie phasenweise einen starken Anhang genie\u00dfen. Genauso wie Teile von Identit\u00e4tspolitik und Queertheorie greifen sie auch reales Versagen der F\u00fchrung der ArbeiterInnenbewegung, unterdr\u00fcckten Menschen eine Stimme zu geben und ihre K\u00e4mpfe als gerechtfertigt zu sehen. Es ist klar, dass die Sozialdemokratie und der Stalinismus keinen guten Eindruck hinterlassen haben, wenn es um die Fragestellungen geht, wie man unterdr\u00fcckte Personen, in diesem Fall Frauen, gewinnen und sie in die Organisationen einbeziehen kann.<\/p>\n<p>Trotz berechtigter Kritik war der Versuch der sozialistischen FeministInnen, eine marxistische Synthese mit feministischen Positionen zu finden, nicht erfolgreich. Oft wurde neben der \u00f6konomischen Unterdr\u00fcckung noch ein davon losgetrenntes, tiefer liegendes oder in jedem Fall parallel zum Klassenwiderspruch existierendes soziales Verh\u00e4ltnis als eigentliche Ursache der Frauenunterdr\u00fcckung verortet. Oft wird das unter dem abstrakten Begriff Patriarchat zusammengefasst und im schlimmsten Fall suggeriert, man k\u00f6nne dieses \u00fcberwinden, ohne die \u00f6konomische Ebene zu ver\u00e4ndern und den Klassengegensatz zu \u00fcberwinden. Patriarchale Strukturen gibt es auf jeden Fall, sie sind allerdings untrennbar mit dem jeweiligen System der Klassenausbeutung verwoben und ihre jeweiligen Ausformungen werden letztlich von der Struktur der Klassengesellschaft bestimmt, nicht umgekehrt. Beides baut aufeinander auf.<\/p>\n<p>Wird das Verh\u00e4ltnis von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung nicht korrekt bestimmt, kann das im schlimmsten Fall die K\u00e4mpfe der Unterdr\u00fcckten spalten (Wie sollen M\u00e4nner gegen eine systematische Unterdr\u00fcckungsform k\u00e4mpfen, zu der sie per Definition keinen Zugang haben oder in der sie ohne Unterschied ihrer Klassenposition sogar die Unterdr\u00fccker sind?). Sonst ist es aber auch eine Argumentation, die sehr schnell in Widerspr\u00fcchen endet (Warum gibt es diese spezielle Ebene nur bei Frauenunterdr\u00fcckung? Hei\u00dft das, andere Unterdr\u00fcckungsformen haben auch andere Ursachen? Wie wird das dann argumentiert und was ist die materielle Basis daf\u00fcr?). Schlie\u00dflich ist der Behauptung eines neben dem kapitalistischen Ausbeutungsverh\u00e4ltnis parallel existierenden grundlegenden Unterdr\u00fcckungs- oder Ausbeutungsverh\u00e4ltnisses in der realen Gesellschaft eine Tendenz zur Bildung klassen\u00fcbergreifender B\u00fcndnisse aller Frauen immanent. Jede feministische Str\u00f6mung \u2013 auch der sozialistische Feminismus \u2013 muss daher notwendigerweise den grundlegenden Charakter des Lohnarbeit\/Kapitalverh\u00e4ltnisses relativieren.<\/p>\n<p>Auch wenn der sozialistische Feminismus keinen qualitativen Bruch mit dem Radikalfeminismus vollzogen hat, war und ist seine Praxis in Bezug auf Frauenk\u00e4mpfe etwas, worauf sich MarxistInnen beziehen und aus ihren Erfolgen, aber auch ihren Fehlschl\u00e4gen lernen m\u00fcssen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der SRT, die als Produkt der sozialistisch feministischen Bewegung entstanden ist. Lise Vogel, eine ihrer Begr\u00fcnderInnen, beschreibt diesen Prozess in ihrem 1983 erschienenen Buch\u00a0<em>\u201eMarxism and the Oppression of Women \u2013 Toward a Unitary Theory\u201c<\/em>1\u00a0so:<\/p>\n<p><em>\u201eDieses Projekt begann vor mehr als 10 Jahren. Wie bei vielen anderen Frauen in den sp\u00e4ten 1960er Jahren fiel mein Engagement f\u00fcr die aufkommende Frauenbewegung mit meiner Entdeckung der marxistischen Theorie zusammen. Zun\u00e4chst dachten viel von uns, man brauche die marxistische Theorie einfach nur zu erweitern, um sie f\u00fcr unsere Anliegen als Frauenbewegung nutzbar zu machen. Schnell merkten wir jedoch, dass dieser Zugang viel zu mechanisch war und vieles unbeantwortet lie\u00df. Die marxistische Theorie, die wir vorfanden, und auch das sozialistische Verm\u00e4chtnis an Werken zur Unterdr\u00fcckung der Frauen bedurfte einer grundlegenden Umgestaltung. Einige wandten sich aufgrund dieser Erkenntnis vollst\u00e4ndig vom Marxismus ab. Andere blieben bei dem Versuch, von der sozialistischen Theorie Gebrauch zu machen. Sie verfolgten nun das Ziel, die Unzul\u00e4nglichkeiten der sozialistischen Tradition durch eine ,sozialistisch-feministische Synthese\u2019 zu \u00fcberwinden. Obwohl ich mit diesem Ansatz sympathisierte, verfolgte ich weiterhin das urspr\u00fcngliche Vorhaben, die marxistische Theorie zu erweitern. Daf\u00fcr war es jedoch notwendig zu untersuchen, was marxistische Theorie \u00fcberhaupt ist. \u00dcberdies machte mir eine gr\u00fcndliche Lekt\u00fcre der wichtigsten Texte des 19. Jahrhunderts zur sogenannten ,Frauenfrage\u2019 klar, dass die theoretische Tradition \u00e4u\u00dferst widerspr\u00fcchlich ist. \u2026 Dennoch bin ich nach wie vor davon \u00fcberzeugt, dass nicht sozialistisch-feministische Synthesen, sondern eine[r] Wiederbelebung der marxistischen Theorie in den bevorstehenden K\u00e4mpfen f\u00fcr eine Befreiung der Frauen als theoretische Orientierung am besten dient.\u201c<\/em>2<\/p>\n<p>Vogel versucht also, in ihrer Auseinandersetzung mit sozialer Reproduktion den Marxismus weiterzuentwickeln und ihn nicht, wie viele andere, aufzugeben. Das ist auch der Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema.<\/p>\n<p>Bevor wir uns allerdings weiter Lise Vogel widmen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir einige Begriffe kl\u00e4ren, da sie teilweise sehr unterschiedlich verwendet werden.<\/p>\n<p>Soziale Reproduktion beschreibt in der marxistischen Terminologie zwei essenzielle Abl\u00e4ufe im Kapitalismus. Einerseits die Reproduktion der Ware Arbeitskraft. Menschen brauchen bestimmte Dinge (Schlaf, Essen etc.), um \u201esich selbst\u201c bzw. in diesem Fall eher ihre \u201eF\u00e4higkeit zu arbeiten\u201c reproduzieren zu k\u00f6nnen. Hierzu z\u00e4hlt nat\u00fcrlich auch die intergenerationale Reproduktion, also Kinder zu bekommen, die im weiteren Verlauf, ihre Arbeitskraft anbieten k\u00f6nnen. Andererseits beschreibt soziale Reproduktion auch die des Systems als Ganzem, also die Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft (unter anderem auch durch Ideologie). Die zwei Bedeutungen sind logischerweise nicht voneinander trennbar. Schlie\u00dflich kann sich ein System, das auf Ausbeutung der Arbeitskraft basiert, auch nur selbst reproduzieren, wenn diese im Laufe der Zeit erneuert und seine Legitimit\u00e4t immer von Neuem best\u00e4rkt wird. In der SRT liegt aber der Hauptfokus auf der ersteren.<\/p>\n<p>Gesellschaftlich notwendige Arbeit ist also gleichzeitig unter den zwei vorangehenden Bedeutungen zu sehen. Im Grunde ergibt sich der Unterschied im Rahmen des Verh\u00e4ltnisses von Lohnarbeit und Kapital daraus, dass die soziale Reproduktion zum einen vom Standpunkt des\/der individuellen LohnarbeiterIn aus betrachtet wird, zum anderen vom Standpunkt der Gesamtklasse.<\/p>\n<p>Notwendige Arbeit muss im kapitalistischen Produktionsprozess geleistet werden, um sich selbst zu reproduzieren (also der Teil des Arbeitstags, f\u00fcr den tats\u00e4chlich Lohn gezahlt wird). Alles was dar\u00fcber hinausgeht, ist Mehrarbeit. Dies betrifft die Verh\u00e4ltnisse in der kapitalistisch vergesellschafteten Produktion. Nur in dieser Sph\u00e4re werden sowohl der (Tausch-)Wert der Arbeitskraft wie der Mehrwert, den sich das Kapital aneignet, erzeugt. Die Arbeit des\/r Lohnabh\u00e4ngigen bei sich zuhause (Haus-, Erziehungs- und Sorgearbeit) ist ebenso notwendig wie n\u00fctzlich, f\u00fcgt der Arbeitskraft allerdings \u201enur\u201c Gebrauchswerte hinzu.<\/p>\n<p>Im Folgenden wird f\u00fcr Reproduktionsarbeit auch h\u00e4ufig der Begriff Hausarbeit verwendet werden. Darunter fallen die unterschiedlichsten \u201eAufgaben\u201c, die der Reproduktion der Ware Arbeitskraft dienen, wie Putzen, Kochen, aber auch Kindererziehung oder Sorgearbeit. Der Grund f\u00fcr die Zusammenfassung unter den Begriff Hausarbeit liegt darin, dass die besondere Stellung von Reproduktionsarbeit sehr stark damit zusammenh\u00e4ngt, dass sie einen Prozess darstellt au\u00dferhalb des unmittelbaren kapitalistischen Verwertungskreislaufs (in diesem Fall im h\u00e4uslichen Rahmen). Reproduktionsarbeit, die kommerzialisiert, also in letzteren integriert wird, unterliegt \u00e4hnlichen bis gleichen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten wie die in der kapitalistischen Produktion. Die Auseinandersetzung mit dem Thema sozialer Reproduktion versucht, den Ist-Zustand und das Entstehen von Frauenunterdr\u00fcckung zu erkl\u00e4ren. Deshalb wird der Fokus auf der Beschreibung der h\u00e4uslichen Sph\u00e4re, biologischen Charakteristika der Frauenunterdr\u00fcckung und Frauenk\u00e4mpfen speziell liegen.<\/p>\n<p>Die Arbeit von Lise Vogel umfasst zwei bedeutende St\u00e4rken, die ihren Ansatz positiv vom sozialistischen Feminismus oder jedenfalls von dessen Mainstream abheben. Erstens erkennt sie die zentrale Bedeutung der gegens\u00e4tzlichen Stellung von Frauen aus der herrschenden und beherrschten Klasse an. Auch wenn es f\u00fcr die klassen\u00fcbergreifende Solidarit\u00e4t eine \u201egewisse Basis\u201c in den Erscheinungsformen der Unterdr\u00fcckung gibt (Gewalt gegen Frauen, rechtliche Diskriminierung, sexistische Ideologie), so gibt es einen fundamentalen Unterschied, der aus ihrer Stellung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen den Klassen folgt:\u00a0<em>\u201eNur Frauen der untergeordneten Klasse beteiligen sich an der Aufrechterhaltung und Erneuerung der unersetzlichen Kraft, die die Klassengesellschaft am Laufen h\u00e4lt \u2013 der ausbeutbaren Arbeitskraft.\u201c<\/em>3\u00a0Die Frage der Reproduktionsarbeit bildet daher wesentlich eine f\u00fcr die proletarischen Frauen. Die Frauen aus den Mittelschichten und dem Kleinb\u00fcrgerInnentum nehmen eine Zwischenstellung ein. F\u00fcr die Frauen aus der herrschenden Klasse existiert das Problem faktisch nicht, sie lassen auch in der Sph\u00e4re der Reproduktion andere (zumeist Frauen) f\u00fcr sich arbeiten.<\/p>\n<p>Zweitens geht sie zurecht davon aus, dass in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft die Kapitalakkumulation die Reproduktionsarbeit bestimmt. Deren Form, Zusammensetzung und innere Struktur\u00a0<em>\u201esind de facto direkt von der Entwicklung der kapitalistischen Akkumulation betroffen.\u201c<\/em>4\u00a0Damit kann sie erkl\u00e4ren, warum unter bestimmten Bedingungen Frauen zur\u00fcck an den Herd gedr\u00e4ngt, unter anderen wiederum deren Lohnarbeit im Gegenteil massiv ausgeweitet wird, warum also damit zusammenh\u00e4ngend die Hausarbeit auch im Kapitalismus partiell vergesellschaftet wird und warum also andererseits diese Prozesse unter ver\u00e4nderten Akkumulationsbedingungen tendenziell r\u00fcckl\u00e4ufig sind.<\/p>\n<p><strong>Lise Vogel<\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Buch versucht Lise Vogel, einen Grundstein f\u00fcr eine marxistische Auseinandersetzung mit sozialer Reproduktion zu legen. Bezeichnend ist, dass sie eine g\u00e4ngige Argumentation vom sozialistischen Feminismus dezidiert nicht mittr\u00e4gt. Den Vorwurf, dass Marx geschlechtsblind sei und seine Kategorien deshalb nicht f\u00fcr die Erkl\u00e4rung von Frauenunterdr\u00fcckung herbeigezogen werden k\u00f6nnen, lehnt sie ab. Sie versucht stattdessen, einerseits zusammenzutragen, welche Auseinandersetzung mit Frauenunterdr\u00fcckung es in der marxistischen Theorie gab, andererseits daraus eine einheitliche marxistische Analyse abzuleiten.<\/p>\n<p>Diese Herangehensweise verfolgen zwar nicht alle TheoretikerInnen der SRT gemeinsam, aber die Notwendigkeit, bei der Untersuchung der \u00f6konomischen Umst\u00e4nde anzufangen, die \u00f6konomische Basis zu durchleuchten, um Frauenunterdr\u00fcckung wirklich zu verstehen, ist eine der gr\u00f6\u00dften St\u00e4rken dieses Ansatzes. Es wird versucht, die Produktionsverh\u00e4ltnisse als menschliche zu verstehen und dementsprechend auch Frauenunterdr\u00fcckung auf diese Ebene zu heben und nicht eine \u201eexterne\u201c \u00f6konomische, durch die Unterdr\u00fcckung innerhalb der Klassengesellschaft verursachte, neben einer gesonderten, eigentlich (\u201eintrinsisch\u201c) \u00fcber der jeweiligen ausbeuterischen Produktionsweise stehende zu argumentieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Lise Vogel pr\u00e4sentieren sich die Schlussfolgerungen ungef\u00e4hr so: Menschen haben die F\u00e4higkeit, mehr Gebrauchswert zu produzieren, als sie f\u00fcr ihre Erhaltung brauchen \u2013 jedenfalls ab einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung. In einer Klassengesellschaft wird diese F\u00e4higkeit zugunsten der herrschenden Klasse genutzt. Sie eignet sich das daraus resultierende \u00dcberschussprodukt, Surplus, an, das im Kapitalismus die Gestalt des Mehrwerts annimmt. Es braucht eine ausgebeutete Klasse, die st\u00e4ndig zur Verf\u00fcgung steht, um ein System, das auf diesem Kreislauf aufbaut, zu erhalten. Diese muss sich aber nat\u00fcrlich erneuern (ArbeiterInnen leben nicht f\u00fcr immer), durch neue Arbeitskr\u00e4fte ersetzt werden. Hier wird der Unterschied zwischen Mann und Frau ausschlaggebend. Frauen, die w\u00e4hrend sie schwanger sind, eine eingeschr\u00e4nkte F\u00e4higkeit zum Arbeiten haben, schaffen einen Widerspruch f\u00fcr die herrschende Klasse. Einerseits m\u00f6chte diese ihre Mehrwertaneignung maximieren, andererseits braucht sie auch diese Art Reproduktion, um langfristig ihre Klassenherrschaft aufrechtzuerhalten. \u00dcber die Klassenk\u00e4mpfe, die diese Widerspr\u00fcche aufzul\u00f6sen versuchen, entstanden im Lauf der Geschichte viele unterschiedliche Formen der Reproduktionssph\u00e4re.<\/p>\n<p>Lise Vogel analysiert einige historische Gemeinsamkeiten, die fast jede Klassengesellschaft teilt. Fast immer h\u00e4ngt es mit der Verantwortung des Mannes zusammen, f\u00fcr den materiellen Erhalt der Familie zu sorgen, und Frauen kommt die Aufgabe zu, einen gr\u00f6\u00dferen Teil der notwendigen Reproduktionsarbeit zu leisten. Diese Aufteilung resultiert in einer institutionalisierten Form von m\u00e4nnlicher Dominanz \u00fcber Frauen.<\/p>\n<p>Sie weist auch darauf hin, dass der Ort der sozialen Reproduktion auch stark mit den gesellschaftlichen Bedingungen selbst unterm Kapitalismus schwankt. In einer Kriegssituation war es historisch gesehen \u00f6fter wichtig, Frauen in den Produktionsprozess zu ziehen und die Familie als Ort der famili\u00e4ren Reproduktion hintanzustellen, was sich aber je nach Situation auch wieder \u00e4ndern kann. So ist die Familie sehr h\u00e4ufig Fixpunkt von sozialer Reproduktion, da damit auch eine starke ideologische Festigung (also Reproduktion des Gesellschaftssystems) einhergeht.<\/p>\n<p>Die Familie als speziellen Ort der Hausarbeit leitet Lise Vogel aus ihrem Verst\u00e4ndnis von notwendiger Arbeit her. Notwendige Arbeit ist, wie bereits erkl\u00e4rt, die Arbeit, die zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft \u2013 im Kapitalismus \u2013 notwendig ist. Soweit, so gut. Die auf einer gesellschaftlichen Ebene notwendige, damit wertschaffende Arbeit, die ja Teile der Reproduktion umfasst, setzt sie aber auch in dieselbe Kategorie wie die individuell notwendige Arbeit im h\u00e4uslichen Produktionsprozess. Der gro\u00dfe Unterschied ist aber, dass f\u00fcr den einen Teil der notwendigen Arbeit ein Lohn gezahlt wird und f\u00fcr den anderen nicht. Diese Situation (Zahlen von Lohn und Separieren von Lohn- und Hausarbeit) l\u00e4uft nun laut ihr auf das Wirken in speziellen Orten der Reproduktion und Hausarbeit abseits der eigentlichen Produktionssph\u00e4re hinaus \u2013 hier meistens der Familie.<\/p>\n<p>Es handelt sich nicht um ein unabsichtliches Vermischen von individuellen Komponenten mit gesellschaftlichen, sondern um ein Verst\u00e4ndnis, welches die sozialen Konsequenzen aus der notwendigen Trennung der Reproduktion von Lohnarbeit zwischen Produktions- und Heimsph\u00e4re aufzuzeigen versucht. Das sind die Ans\u00e4tze von dem, was unter Social Reproduction Theory zu verstehen ist.<\/p>\n<p>Lise Vogel speziell ist es ein gro\u00dfes Anliegen, mit ihren Ideen einen Ansto\u00df f\u00fcr eine einheitliche Theorie der sozialen Reproduktion zu liefern. Sie versucht, diese Theorie, die Produktion und Reproduktion auf einer Ebene analysiert, gegen die \u201eZwei-System-Theorie\u201c durchzusetzen, die laut ihr von vielen sozialistischen FeministInnen vertreten wird. \u201eZwei-System-Theorie\u201c kann verstanden werden als Zugang, der vorher beschrieben wurde und sich durch eine gesonderte Ebene der Frauenunterdr\u00fcckung auszeichnet, die losgel\u00f6st von der \u00f6konomischen existiert.<\/p>\n<p>Diese zwei Kernelemente machen die SRT auch f\u00fcr MarxistInnen so spannend. Auch wenn wir den Vorwurf nicht teilen w\u00fcrden, dass Marx \u201egeschlechtsblind\u201c gewesen w\u00e4re, ist es kein Geheimnis, dass sich die marxistische Besch\u00e4ftigung mit dem Thema soziale Reproduktion in Grenzen h\u00e4lt. Hier liegt es an uns, die Theorie weiterzuentwickeln und ein einheitliches Verst\u00e4ndnis von Reproduktion und Produktion zu schaffen. Das geht aber auch nur mit den Methoden und Werkzeugen, die wir durch den Marxismus gelernt haben. Die Ausgangsanalyse von der \u00f6konomischen Basis abh\u00e4ngig zu machen, ist also unerl\u00e4sslich und nur dar\u00fcber k\u00f6nnen wir die unterschiedlichen Facetten und Ausdr\u00fccke von Unterdr\u00fcckung erkennen.<\/p>\n<p>Es gibt allerdings auch genug Beitr\u00e4ge zur Social Reproduction Theory die die Fragestellung etwas anders beantworten, als Lise Vogel es tut.<\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel f\u00fcr die Fehlschl\u00fcsse einer Analyse der Social Reproduction Theory ist die Debatte rund um Bezahlung f\u00fcr Hausarbeit.<\/p>\n<p><strong>Mariarosa Dalla Costa\/Selma James<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Arbeitskraft die einzige Ware ist, die auch au\u00dferhalb der Produktionssph\u00e4re produziert wird, wirft das laut TheoretikerInnen der Social Reproduction Theory mehr Fragen auf, als beantwortet werden. Sie setzen den Punkt, dass es ja keine klare Grenze gibt zwischen der Sph\u00e4re der Produktion und Reproduktion, in der Arbeitskraft regeneriert, reproduziert wird, da dies ja auch nicht ausschlie\u00dflich in der famili\u00e4ren Sph\u00e4re passiert.<\/p>\n<p>Maria Rosa Dalla Costa und Selma James spitzen diese Fragestellung in ihrem gemeinsamen Werk\u00a0<em>\u201eDie Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft\u201c<\/em>5\u00a0zu. Dies ist auf jeden Fall ein fr\u00fcher Beitrag zur SRT, wenn auch nicht so fundiert argumentiert wie bei Lise Vogel und in theoretischer Hinsicht dieser in vielen Bereichen direkt entgegengesetzt. Sie besch\u00e4ftigen sich darin vor allem mit der Produktivit\u00e4t von Hausarbeit und der Rolle der Frau als Hausfrau (\u201eAlle Frauen sind Hausfrauen\u201c). Was hei\u00dft das? Schafft Hausarbeit Wert bzw. Mehrwert?<\/p>\n<p>Sie sagen: ja! Frauen reproduzieren die Ware Arbeitskraft, sind also an einer Steigerung des Mehrwerts beteiligt. Laut ihnen sind Produktion und Dienstleistungen zuhause Teile der produktiven Konsumtion des Kapitals. Frauen sind demnach ein eigenes revolution\u00e4res Subjekt, schlie\u00dflich sind ja auch alle Frauen Hausfrauen. Die Verschleierung der Hausarbeit als nichtproduktive Arbeit ist eines der Hauptprobleme f\u00fcr die \u00dcberwindung des Kapitalismus und die politische Organisierung dagegen ist notwendig. Daf\u00fcr stellen sie die Forderung nach einer Bezahlung (Lohn) f\u00fcr Hausarbeit auf. Das soll Frauen in den \u00f6konomischen Kampf ziehen und hierbei seien ja durch den produktiven Charakter der Hausarbeit auch dieselben Kampfmethoden m\u00f6glich wie bei K\u00e4mpfen im Betrieb. Ganz im Sinne von: Die Welt steht still, wenn keine h\u00e4usliche Reproduktionsarbeit mehr geleistet wird und ohne diesen politischen Kampf steht sie eben nicht still.<\/p>\n<p>Wir widersprechen dieser Analyse. Hausarbeit schafft weder Mehrwert noch Tauschwert der Ware Arbeitskraft und verf\u00fcgt dementsprechend nicht \u00fcber dieselben Kampfmethoden und Taktiken, um das System in die Knie zu zwingen. Hierbei ist die Frage von privater Konsumtion essenziell. Marx schreibt:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Konsumtion des Arbeiters ist doppelter Art. In der Produktion selbst konsumiert er durch seine Arbeit Produktionsmittel und verwandelt sie in Produkte von h\u00f6herem Wert als dem des vorgescho\u00dfnen Kapitals. Dies ist seine produktive Konsumtion. Sie ist gleichzeitig Konsumtion seiner Arbeitskraft durch den Kapitalisten, der sie gekauft hat. Andrerseits verwendet der Arbeiter das f\u00fcr den Kauf der Arbeitskraft gezahlte Geld in Lebensmittel: dies ist seine individuelle Konsumtion. Die produktive und die individuelle Konsumtion des Arbeiters sind also total verschieden. In der ersten handelt er als bewegende Kraft des Kapitals und geh\u00f6rt dem Kapitalisten; in der zweiten geh\u00f6rt er sich selbst und verrichtet Lebensfunktionen au\u00dferhalb des Produktionsprozesses.\u201c6<\/em><\/p>\n<p>Die Frage, ob und wie Mehrwert geschaffen wird, entscheidet sich also einzig und allein im unmittelbaren kapitalistischen Produktionsprozess. Da die Reproduktion in der h\u00e4uslichen Sph\u00e4re au\u00dferhalb dessen steht, braucht man eine besondere Analyse, um diese zu verstehen. Wie bereits erw\u00e4hnt, besteht der Versuch der SRT darin, die Analyse von Produktion und Reproduktion auf dieselbe Ebene zu holen. Dalla Costa und James tun dies, indem sie beide einfach gleichsetzen. Das ist eine heftige Verk\u00fcrzung der Problematik und spiegelt in keiner Form die Realit\u00e4t wider.<\/p>\n<p>Oft wird die Bezeichnung \u201eproduktive\u201c bzw. mehrwertschaffende Arbeit in einem moralischen Kontext verwendet. Das ist aber nat\u00fcrlich nicht richtig. Wie kann es sonst sein, dass die exakt selbe Arbeit in privaten Krankenh\u00e4usern zum Beispiel Mehrwert schafft, die Carearbeit zuhause allerdings nicht? Es ist klar, dass die Arbeit in beiden F\u00e4llen Gebrauchswerte erzeugt. Ihr Unterschied liegt aber nicht in der bezahlten bzw. unbezahlten Form, sondern im unterschiedlichen Verh\u00e4ltnis zum Kapital. Arbeit f\u00fcr eine\/n KapitalistIn z.\u00a0B. als Haush\u00e4lterIn ist zwar bezahlt, aber vermehrt nicht sein\/ihr Kapital, sondern dient ihren\/seinen pers\u00f6nlichen Gen\u00fcssen und wird nicht aus Bestandteilen des fungierenden Kapitals alimentiert, sondern aus der davon abgezwackten Revenue. Sie ist wie die unbezahlte der Hausfrau Dalla Costas\u2019\/James\u2019 kein Moment des Kapitalkreislaufs. Beide sind auch nicht unproduktiv im Marx\u2019schen Sinn, denn diese schafft zwar ebenfalls keinen Mehrwert, dient aber im Kapitalkreislauf dem Formenwechsel Geld \u2013 Ware \u2013 Geld und speist sich in Form des Profits aus dem Mehrwert (kommerzielle Handels- und Geldgesch\u00e4fte). Sie sind nichtproduktiv statt unproduktiv, stehen au\u00dferhalb der kapitalistischen Produktionsweise im engeren Sinn.<\/p>\n<p>Ein Streik bei der Hausarbeit schadet zuallererst den ArbeiterInnen selbst und erst viel sp\u00e4ter dem System. Ein Streik in der Produktionssph\u00e4re h\u00e4lt die Mehrwertproduktion dagegen sofort an und trifft unmittelbar, sofort die KapitalistInnen. Die Unterschiede liegen auf der Hand.<\/p>\n<p>Die Debatte \u00fcber Lohn f\u00fcr Hausarbeit wird auch positiv von reaktion\u00e4rer Seite aufgegriffen. Ein Problem, das auch von Dalla Costa\/James anerkannt wird, ist, dass eine Entlohnung der Hausarbeit Frauen weiter von der Lohnarbeit in den Unternehmen isolieren k\u00f6nnte und auch mehr \u00f6konomische Anreize zum R\u00fcckzug daraus bieten w\u00fcrde (da Frauen dort meist schlechter bezahlt werden als M\u00e4nner), Vollzeitlohnarbeit zu leisten, w\u00e4hrend M\u00e4nner \u201earbeiten\u201c gehen. Frauen aus dem gemeinsamen \u00f6konomischen Kampf herauszuhalten und weiter an die h\u00e4usliche Sph\u00e4re zu ketten, ist etwas, was sich mit konservativen Zielen einfach kombinieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Aussage \u201ealle Frauen sind Hausfrauen\u201c hat eine gewisse Berechtigung in dem Sinne, dass allen diese Aufgabe im Kontext von \u201eGeschlechterrollen zugeschrieben\u201c wird \u2013 in Wirklichkeit wird diese Arbeitsteilung durch das Wertgesetz best\u00e4ndig produziert und dr\u00fcckt sich in geschlechtlich unterschiedlichen L\u00f6hnen und Erwerbsbiographien aus. Damit soll die Doppel- bzw. Mehrfachbelastung von (haus-)arbeitenden) Frauen im Kapitalismus angesprochen werden. Andererseits suggeriert sie ein gemeinsames revolution\u00e4res Subjekt, das auch \u00fcber Klassengrenzen hinausgeht. Diese Doppelbelastung gilt aber nur f\u00fcr lohnabh\u00e4ngige Hausfrauen. Eine Kapitalistin unterliegt keiner solchen, wenn sie sich Leute aus dem Proletariat anstellt, um diese Arbeiten f\u00fcr sich verrichten zu lassen. Zeitgleich verneint diese Betonung auf Hausfrauen den Fakt (was auch sicher an den Unterschieden in der Zeitperiode liegt, in der das Buch geschrieben wurde), wie viele Frauen in Arbeitsk\u00e4mpfe involviert sind und als Hauptort ihrer Organisierung den Arbeitsplatz und eben nicht die h\u00e4usliche Sph\u00e4re sehen. Die Forderung nach einem Lohn f\u00fcr Hausarbeit k\u00f6nnte f\u00fcr viele von diesen auch eine (aus \u00f6konomischer Perspektive heraus argumentierte) R\u00fcckkehr in die h\u00e4usliche Sph\u00e4re bedeuten, wo sie viel schlechter zu erreichen und langfristiger und schwerer zu organisieren sind. Au\u00dferdem handelte es sich bei einer solchen Bezahlung nicht um Lohn im Marx\u2019schen Sinn, sondern um eine Transferleistung, die wie alles im Kapitalismus vorwiegend aus dem Lohnfonds aufgebracht werden muss (wie Sozialversicherungs-, Rentenleistungen und Steuern). Von daher ist die Losung doppelt falsch.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber stehen Forderungen nach Vergesellschaftung der Hausarbeit, also darauf hinzuarbeiten, dass nicht Einzelpersonen, Familien und vor allem Frauen zust\u00e4ndig f\u00fcr \u201eh\u00e4usliche, individuelle\u201c Subsistenz- und Reproduktionsarbeit sind, sondern Strukturen zu schaffen und zu f\u00f6rdern, die eine Aufteilung auf mehrere H\u00e4nde und K\u00f6pfe erm\u00f6glichen. Gemeinsame Waschk\u00fcchen, Gemeinschaftsr\u00e4ume, in denen es Kochm\u00f6glichkeiten gibt, Abl\u00f6sung und Unterst\u00fctzung bei der Kinder- und Angeh\u00f6rigenbetreuung mit dem langfristigen Ziel unterschiedsloser gesamtgesellschaftlicher, sozialisierter \u201eEltern- und Verwandtschaft\u201c, sind dabei konkrete Ansatzpunkte.<\/p>\n<p>Aber nur weil der Lohn f\u00fcr Hausarbeit keine sinnvolle Forderung ist, hei\u00dft das nicht, dass es nicht auch spezielle Methoden braucht, um Frauen (speziell, die in der individuellen Reproduktionssph\u00e4re gebundenen) in den politischen und \u00f6konomischen Kampf hineinzuziehen. Hierbei kommen wir zu den aktuellsten Auspr\u00e4gungen der SRT, zu den TheoretikerInnen der Frauenstreikdebatte.<\/p>\n<p><strong>Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser<\/strong><\/p>\n<p>Die prominenteste Protestform der internationalen Frauenbewegungen sind Frauenstreiks. Sie haben h\u00e4ufig unterschiedliche Ziele und setzen sich aus verschiedensten politischen Str\u00f6mungen zusammen. Ihr Zweck ist es aber immer, auf bestimmte Missst\u00e4nde bez\u00fcglich der Gleichbehandlung von Frauen aufmerksam zu machen. In Lateinamerika ist die Bewegung vor allem auf den Stopp von Femiziden (Morden an Frauen \u201enur\u201c wegen ihres Geschlechtes) und Machismo (\u201etoxische M\u00e4nnlichkeit\u201c) ausgelegt. In vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sind die Proteste auf ungleiche Bezahlung von weiblicher Arbeit zugespitzt.<\/p>\n<p>Die Autorinnen von\u00a0<em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0% \u2013 Ein Manifest\u201c<\/em>7\u00a0versuchen, eine antikapitalistische Perspektive in diese Frauenstreiks hineinzutragen, die eine Br\u00fccke zwischen Arbeitsk\u00e4mpfen und Identit\u00e4tspolitik schaffen soll.<\/p>\n<p>Dabei fokussieren sie sich auch stark auf soziale Reproduktionstheorie in ihrer Erkl\u00e4rung, warum es die unterschiedlichsten Unterdr\u00fcckungsformen gibt, und versuchen, innerhalb ihrer Thesen einen Vorschlag f\u00fcr die Bewegung aufzustellen. Durch den manifestartigen Charakter wird auch hier wesentlich weniger in die Tiefe gegangen und viele der aufgestellten Theorien der AutorInnen werden nicht ausreichend erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Sie argumentieren, dass es zu einer neuen feministischen Welle kommt, die auch eine neue Art des Streikens einf\u00fchrt. Das kann unter anderem Entzug von Sex, Lohnarbeit und L\u00e4cheln inkludieren. Sie stellen also in ihrer Argumentation den Streik von LohnarbeiterInnen auf eine Ebene mit dem Frauenstreik, der sowohl lohnabh\u00e4ngige als auch nichtlohnabh\u00e4ngige Frauen umfasst. Sie meinen, durch diese Gleichsetzung wird die Diskrepanz aufgezeigt, wieviel Arbeit eigentlich zur Reproduktion momentan geleistet und wieviel davon eben nicht entlohnt wird. F\u00fcr sie ist das der erste wichtige Schritt, um eine Br\u00fccke zwischen Klassen- und Identit\u00e4tspolitik zu schlagen.<\/p>\n<p>Dieser Zugang steht sehr stark in der Argumentationslinie von Dalla Costa\/James, auch wenn die TheoretikerInnen von \u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c andere Forderungen aufstellen. Sie versuchen, die neue Kampfform des Frauenstreiks in einen Kontext mit den heftigsten Problemen des Kapitalismus zu bringen und dadurch eine Gesellschaftsanalyse aufzustellen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr entwickeln sie elf Kernthesen. Die wichtigsten (zusammengefasst) sind, 1) dass wir eine gesamtgesellschaftliche Krise durchleben, 2) Geschlechterunterdr\u00fcckung in ihren Wurzeln durch die Unterordnung von sozialer Reproduktion unter (un)produktive Arbeit f\u00fcrs Kapital verursacht wird, 3) der liberale Feminismus bankrott ist und es einen antikapitalistischen und 4) internationalen Zusammenschluss braucht. In ihrem Buch stellen sie auch viele der Thesen in einen Gegensatz zur bisher existierenden feministischen, aber auch zur ArbeiterInnenbewegung, die f\u00fcr sie vor allem eine m\u00e4nnliche darstellt.<\/p>\n<p>Der erste Punkt der gesamtgesellschaftlichen Krise versucht, Kapitalismus nicht nur als Wirtschafts-, sondern als Gesellschaftssystem zu enttarnen. Der Neoliberalismus spielt hierbei eine Rolle, genauso aber die unterschiedlichen Auswirkungen der Krise unter anderem bez\u00fcglich Reproduktionssph\u00e4re, aber auch Klima. Dass der Kapitalismus nicht nur eine rein \u00f6konomische Kategorie ist, ist auch in der marxistischen Theorie eine wichtige Erkenntnis, allerdings ist die \u00f6konomische Basis eine der relevantesten Triebfedern. Die zugrundeliegenden \u00f6konomischen Mechanismen des Gesellschaftssystems f\u00fchren zu vielen unterschiedlichen Problemen wie Umweltzerst\u00f6rung oder Sexismus.<\/p>\n<p>Die These, dass Geschlechterunterdr\u00fcckung aus einer systematischen Unterordnung von sozialer Reproduktion unter (kapitalistische) Produktion resultiert, wird nicht genau erkl\u00e4rt. Die starke Aufspaltung in eine Produktions- und Reproduktionssph\u00e4re geht laut den AutoInnen mit deren ungleicher Bewertung einher (speziell durch den Akt der Nichtbezahlung letzterer). Diese spezielle Situation habe sich im Kapitalismus soweit versch\u00e4rft, dass es eigentlich notwendig sei, den Klassenbegriff neu zu definieren und Klassenkampf immer mit Kampf um soziale Reproduktion zu verkn\u00fcpfen. Eine (Moralische? \u00d6konomische? Die AutorInnen erkl\u00e4ren das nicht wirklich) Gleichbewertung von Reproduktionsarbeit w\u00fcrde gleiche Beteiligung an den politischen K\u00e4mpfen und die Verbindung der Bewegungen erm\u00f6glichen. Was ist Klasse dann aber f\u00fcr sie? Sie sagen zwar, sie beziehen sich nicht auf einen \u201ealtmodischen\u201c Klassenbegriff, tun aber auch so, als w\u00e4ren Frauenbewegung und Klassenkampf zwei unterschiedliche t\u00e4tige Subjekte \u2013 wobei in Wirklichkeit keines ohne das andere existieren kann. Hierbei betonen sie auch, dass der neue Feminismus ein klar intersektionalistischer sein muss, haben aber keine Vorschl\u00e4ge bzw. Programmatik anzubieten.\u00a0<em>\u201eGewiss, unser Manifest bietet keinen pr\u00e4zisen Entwurf einer Alternative, da diese nur aus den K\u00e4mpfen um ihre Verwirklichung hervorgehen kann.\u201d<\/em>8<\/p>\n<p>Ihre Abwendung vom liberalen Feminismus hin zu einem antikapitalistischen ist ein enormer Fortschritt. Allerdings muss kritisch bilanziert werden, dass hierbei aufgrund der schwammigen Analyse nicht ausgeschlossen ist, dass es sich dabei um mehr als ein Lippenbekenntnis handelt. Das Manifest f\u00fcr die neue Welle der Frauenbewegung spricht nicht \u00fcber eine nachkapitalistische Gesellschaft und lehnt \u201everaltete\u201c marxistische Ideen zu dem Thema ab. Es bleibt also unklar, was eigentlich die Perspektive ist und wie man dorthin kommen soll (abgesehen von Frauenstreiks). Dabei ist es nat\u00fcrlich essenziell, dass sie eine internationalistische Sichtweise einzunehmen versuchen, aber ohne Vorschl\u00e4ge, wie Internationalismus umzusetzen ist bzw. welche Strukturen es daf\u00fcr braucht, bleiben diese Ideen ohne praktische Handlungsanweisung \u2013 sind also nicht umsetzbar.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr einen Feminismus vertreten die AutorInnen also genau? Eine Mischung aus sozialistischem Feminismus, moderneren queertheoretischen Ideen und Intersektionalit\u00e4tsansatz mit ein bisschen \u2013 subjektivem \u2013 Antikapitalismus und SRT! Das Buch ist trotzdem ein interessanter Beitrag zu letzterer, da der Fokus auf Frauenstreiks, die momentan elementarste Kampfform in der Sph\u00e4re der Reproduktion, wichtig ist und bei vielen anderen vergessen wird.<\/p>\n<p>Frauenstreiks sind ein fortschrittliches Element des Klassenkampfes. Werkt\u00e4tige Frauen, die versuchen, auch ihre nichtwerkt\u00e4tigen Geschlechtsgenossinnen in den Klassenkampf hineinziehen \u00fcber ihre Forderungen und konkreten Handlungen, sind eine Bereicherung f\u00fcr den Klassenkampf. Obwohl nat\u00fcrlich gemeinsame Streiks von Lohnarbeitern und Lohnarbeiterinnen mehr Wirkung aus\u00fcben, kann der politische Kampf nicht mit rein \u00f6konomischen Zielen gewonnen werden. Frauen in der h\u00e4uslichen Sph\u00e4re k\u00f6nnen durch diese Protestform erreicht und die bestimmte frauenspezifische Unterdr\u00fcckung insbesondere der Hausfrauen in proletarischen Familien kann thematisiert werden. Allerdings ist der Frauenstreik kein Selbstzweck, wie h\u00e4ufig argumentiert wird: Entzug von Zuneigung und emotionaler Arbeit kann sicherlich als Kampfform in ungleichen Beziehungen oder zum Selbstschutz dienen, ist aber in den seltensten F\u00e4llen eine gesellschaftspolitische.<\/p>\n<p><strong>Wer ist Subjekt der Frauenbefreiung?<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeiten von Lise Vogel und erst recht das Manifest \u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c enthalten jedoch beide eine zentrale Schw\u00e4che, wenn es darum geht, das Subjekt der Frauenbefreiung sowie der Verbindung dieses Kampfes mit dem gegen den Kapitalismus zu bestimmen. Korrekterweise stellt Vogel fest, dass die Frauenunterdr\u00fcckung auf ihrer\u00a0<em>\u201ebesonderen Stellung \u2026 innerhalb der kapitalistischen gesellschaftlichen Reproduktion\u201c<\/em>9\u00a0fu\u00dft. Wie wir gesehen haben, weist sie auch jede Theorie zur\u00fcck, die die Reproduktionssph\u00e4re als eine gesonderte, nicht von der Kapitalakkumulation bestimmte, begreift. Sie kommt an dieser Stelle der marxistischen Auffassung sehr nahe, die daraus herleitet, dass die arbeitenden Frauen eine Vorreiterinnenrolle im Kampf gegen Frauenunterdr\u00fcckung spielen m\u00fcssen, dass die Bildung einer proletarischen Frauenbewegung ein notwendiges Mittel im Befreiungskampf darstellt, sowohl um die Klassenunabh\u00e4ngigkeit der arbeitenden Frauen von allen b\u00fcrgerlichen und kleinb\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften herzustellen wie auch um gegen Sexismus, Chauvinismus und m\u00e4nnliche Privilegien innerhalb der ArbeiterInnenklasse vorzugehen.<\/p>\n<p>Dies schlie\u00dft B\u00fcndnisse mit Frauen anderer Klassen keineswegs aus. Insbesondere mit den B\u00e4uerinnen und den radikalen, progressiven Frauen der Mittelschichten und aus dem Kleinb\u00fcrgerInnentum wird eine proletarische Frauenbewegung gemeinsame K\u00e4mpfe um demokratische und soziale Rechte f\u00fchren m\u00fcssen, was auch Aktionsb\u00fcndnisse mit b\u00fcrgerlichen Frauen (z.\u00a0B. um gleiche politische Rechte, um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch) einschlie\u00dft. Eine solche Taktik unterscheidet sich aber grundlegend von der Vorstellung einer klassen\u00fcbergreifenden Frauenbewegung.<\/p>\n<p>Die Analyse der Reproduktionsarbeit von Lise Vogel legt, auf den ersten Blick, eine solche Schlussfolgerung nahe. Sie zieht diese jedoch noch nicht. Vielmehr erfahren wir:\u00a0<em>\u201eDer Mangel an Gleichheit ist die Grundlage der Frauenbewegungen, die Frauen aus unterschiedlichen Klassen und Schichten zusammenbringen.\u201c<\/em>10<\/p>\n<p>F\u00fcr sie existieren zwei Quellen der Frauenunterdr\u00fcckung im Kapitalismus, n\u00e4mlich eine auf \u00f6konomischer Ebene, eine andere auf politischer. Mangelnde Gleichheit gilt ihr, im Gegensatz zu anderen Klassengesellschaften (!), als\u00a0<em>\u201eein Merkmal der Frauenunterdr\u00fcckung in der kapitalistischen Gesellschaft.\u201c<\/em>11<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr eine marxistische Analyse w\u00e4re hier jedoch zu bestimmen, wie sich die \u00f6konomische und gesellschaftliche Basis der Frauenunterdr\u00fcckung zur Ungleichheit verh\u00e4lt. Es bedarf eigentlich keiner gro\u00dfen Kunst zu erkennen, dass die politische, rechtliche Ungleichheit, die Diskriminierung, reaktion\u00e4ren Geschlechterrollen usw. den \u00dcberbau einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung darstellen und eine wirkliche Befreiung der Frau nur m\u00f6glich ist, wenn der Kampf \u00fcber den um gleiche b\u00fcrgerlich-demokratische Rechte hinausgeht.<\/p>\n<p>Vogel betrachtet die Kettung der Frau an die private Hausarbeit und die Ungleichheit in der politischen Sph\u00e4re als gleiche Strukturen oder gesellschaftliche Subsysteme, die die Frauenunterdr\u00fcckung hervorbringen. Der Einfluss der falschen, strukturalistischen Lesart des Marxismus, von Althusser und Poulantzas ist hier unverkennbar, eine grundlegende methodische Schw\u00e4che ihres Buches, die sie mit den fr\u00fchen Schriften der TheoretikerInnen des Linkspopulismus teilt.12\u00a0Sie wie die gesamte SRT fallen hier weit hinter die politischen Errungenschaften marxistischer TheoretikerInnen und der sozialistischen Frauenbewegung, einer Zetkin, Luxemburg oder Kollontai zur\u00fcck, die alle auf einer Trennung von proletarischer und b\u00fcrgerlicher Frauenbewegung beharrten. Vogel l\u00e4sst uns hingegen mit einer klassen\u00fcbergreifenden Bewegung zur\u00fcck, die wie durch ein Wunder \u00fcber den Kapitalismus hinausgehen soll.<\/p>\n<p><em>\u201eDiese Bewegungen (die Frauenbewegungen; Anm. d. Red.) unterscheiden sich durch ihre explizite oder implizite Interpretation von Gleichheit. Einige betrachten die Gleichheit zwischen Frauen und M\u00e4nnern als ein im Grunde zufriedenstellendes Ziel. Solche Bewegungen darf man zu Recht b\u00fcrgerliche Frauenbewegungen nennen. Doch die Widerspr\u00fcche des Sp\u00e4tkapitalismus werden wahrscheinlich auch diesen Frauenbewegungen zumindest zu einer gewissen Einsicht in den Unterschied zwischen b\u00fcrgerlicher Gleichheit und tats\u00e4chlicher gesellschaftlicher Gleichheit verhelfen. Dies k\u00f6nnte f\u00fcr die Entwicklung einer Frauenbewegung, die sich zum Sozialismus hin orientiert, f\u00f6rderlich sein.\u201c<\/em>13<\/p>\n<p>Warum die b\u00fcrgerlichen Frauen im Sp\u00e4tkapitalismus den proletarischen n\u00e4herstehen und zu kritischeren Positionen gedr\u00e4ngt werden sollen als die b\u00fcrgerlichen Frauenbewegungen in vorgehenden Perioden, bleibt eine reine Wunschvorstellung, die im Buch nicht weiter begr\u00fcndet wird. Vogel unterstellt, dass die b\u00fcrgerlichen Frauen ihr Klasseninteresse einfach hinter sich lassen k\u00f6nnten. Die Frauen der herrschenden Klasse werden ihre Privilegien, ihre herrschende Stellung, die auf der Ausbeutung der proletarischen Frauen (und M\u00e4nner) gr\u00fcndet, niemals aufgrund einer \u201eEinsicht\u201c aufgeben. Allenfalls werden einzelne mit den M\u00e4nnern und Frauen ihrer Klasse brechen.<\/p>\n<p>Damit eine sozialistische Frauenbewegung entstehen kann, braucht es den Bruch mit allen Illusionen in b\u00fcrgerliche und kleinb\u00fcrgerliche Kr\u00e4fte. Nur so k\u00f6nnen die Arbeiterinnen, die proletarischen Frauen eine eigene, f\u00fchrende Rolle im Kampf spielen. W\u00e4hrend Vogel in ihrer Analyse der Reproduktion wichtige Schritte zu deren Verst\u00e4ndnis liefert und die Notwendigkeit einer proletarischen Frauenbewegung eigentlich nahelegt, bricht sie mit dieser Analyse aufgrund ihres strukturalistischen Verst\u00e4ndnisses von Kapitalismus. Politisch f\u00fchrt ihre Verteidigung klassen\u00fcbergreifender Frauenbewegungen in keine sozialistische Richtung, sondern zur Unterordnung unter den b\u00fcrgerlichen und kleinb\u00fcrgerlichen Feminismus. In der Subjektfrage treten die Schw\u00e4chen der SRT nicht nur bei Vogel, sondern erst recht im<em>\u00a0\u201eFeminismus der 99\u00a0%\u201c<\/em>14\u00a0deutlich zutage. Wenn die neue Frauenbewegung zu einer wirklich sozialistischen, internationalistischen und revolution\u00e4ren Kraft werden soll, muss sie diese Schw\u00e4chen hinter sich lassen.<\/p>\n<p><strong>Fazit und Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil unseres Textes besch\u00e4ftigt sich mit fehlerhaften Schlussfolgerungen der SRT aus dem einfachen Grund, dass klar herausgefiltert werden muss, auf welchem Fundament man weiterbauen kann. Die Auseinandersetzung mit sozialer Reproduktion muss eine kontinuierliche sein. Es ist notwendig, mit theoretisch falschen Schlussfolgerungen so fr\u00fch wie m\u00f6glich zu brechen.<\/p>\n<p>Es ist in der Tat so, dass SRT der Einstiegspunkt f\u00fcr die fortschrittlichsten feministischen Kr\u00e4fte darstellt. Auch wenn \u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c sicher keine marxistische Perspektive aufzeigt, ist die Intention, eine antikapitalistische Losung in die Frauenstreikbewegung hineinzutragen, etwas, worauf wir aufbauen m\u00fcssen und k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Abgleitfl\u00e4chen sind auch wichtig zu beachten. Bei oberfl\u00e4chlicher Auseinandersetzung liegt die Schlussfolgerung sicher nahe, eine eigene Ebene der Frauenunterdr\u00fcckung heraufzubeschw\u00f6ren, die eines gesonderten Kampfes von Frauen bedarf und nicht mit der historisch-dialektischen Methode des Marxismus erkl\u00e4rt werden zu k\u00f6nnen scheint. Auch ist, wie anfangs erw\u00e4hnt, der Zugang, \u00fcber feministischen Sozialismus den Marxismus weiterentwickeln zu wollen, unzureichend und endet in der gleichen methodischen Weggabelung. Daf\u00fcr ist jedoch v.\u00a0a. die Entstellung der klassischen marxistischen Lehren durch Sozialdemokratie, Stalinismus und etliche zentristische Str\u00f6mungen verantwortlich, die sie im wahrsten Sinne des Wortes wie einen toten Hund behandelt und vollst\u00e4ndig verdreht haben.<\/p>\n<p>Das Verstehen von sozialer Reproduktion ist klarer Weise theoretische Voraussetzung f\u00fcr die \u00dcberwindung der Unterdr\u00fcckung der Frau. Die kritische Auseinandersetzung mit Autorinnen wie Lise Vogel und deren Analyse stellt dabei einen wichtigen Ankn\u00fcpfungspunkt dar, diesen Bereich besser auszuleuchten, zu verstehen und weiterzuentwickeln, aber die Frage der Befreiung der Frau l\u00e4sst sich nicht allein dar\u00fcber beantworten.<\/p>\n<p>Kapitalistische Tendenzen, die Einbeziehung der Frau in die Lohnarbeit, der spezielle Charakter der Doppel- oder Mehrfachbelastung, sexistische Unterdr\u00fcckung von Inter-, Trans- und nichtbin\u00e4ren Personen sind alles Erscheinungen, die Antworten brauchen, die \u00fcber das reine Verstehen von sozialer Reproduktion hinausgehen. Wie Vogel auch argumentiert, gibt es einen Widerspruch zwischen der Steigerung des Mehrwerts, der Ausdehnung der Lohnarbeit u.\u00a0a. durch Einbezug von Frauen in die Produktion und der Zeit, die in notwendige Reproduktionsarbeit gesteckt werden muss. Die L\u00f6sung davon ist nat\u00fcrlich (meistens) kein bewusster, sondern ein ideologisch verschleierter Prozess im Kapitalismus, der viele zus\u00e4tzliche Probleme schafft. Nicht alle Frauen sind in derselben Form in Reproduktionsarbeit involviert. Es ist also vor allem eine Untersuchung notwendig, die die \u00f6konomischen Urspr\u00fcnge der Frauenunterdr\u00fcckung in der Geschichte aufdecken soll und unser Verst\u00e4ndnis von der kapitalistischen Wirtschaft und der aller vorhergehenden Gesellschaftsformationen st\u00e4rkt.<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p>1\u00a0Pluto Press, London u.\u00a0a. 1983<\/p>\n<p>2\u00a0Vogel, Lise: a.\u00a0a.\u00a0O., ; S. ix; auf Deutsch: Marxismus und Frauenunterdr\u00fcckung \u2013 Auf dem Weg zu einer umfassenden Theorie, Unrast-Verlag, M\u00fcnster\/Westf. Oktober 2019, 1. Auflage, S. 23. Hiernach auch im Folgenden zitiert<\/p>\n<p>3\u00a0Ebenda, S. 214<\/p>\n<p>4\u00a0Ebenda, S. 220 (Fu\u00dfnote 3)<\/p>\n<p>5\u00a0Dalla Costa, Mariarosa; James, Selma, Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft, Merve Verlag, Internationale Marxistische Diskussion 36, Berlin\/West 1973<\/p>\n<p>6\u00a0Marx, Karl: Das Kapital Bd.1, 21. Kapitel, MEW 23, Dietz Verlag, Berlin\/Ost 1971, S. 596f.<\/p>\n<p>7\u00a0Arruzza, Cinzia; Bhattacharya, Tithi; Fraser, Nancy, Feminismus f\u00fcr die 99\u00a0% \u2013 Ein Manifest, Matthes &amp; Seitz, Berlin 2019<\/p>\n<p>8\u00a0Ebenda, S. 102<\/p>\n<p>9\u00a0Vogel, Lise, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 238<\/p>\n<p><em>1<\/em>0\u00a0Ebenda, S. 241<\/p>\n<p>11\u00a0Ebenda, S. 239<\/p>\n<p>12\u00a0Vergleiche dazu unsere Kritik an Laclau\/Mouffe: Suchanek, Martin, Sackgasse Linkspopulismus. Eine Kritik der Theorien von Laclau und Mouffe, in: Revolution\u00e4rer Marxismus 50, Verlag Global Red, Berlin 2018, S. 172 \u2013 235<\/p>\n<p>13\u00a0Vogel, Lise, a.\u00a0a.\u00a0O., S. 241<\/p>\n<p>14\u00a0Siehe dazu: March, Urte (Red Flag Britain), Feminism for the 99\u00a0%, in: Fight! Revolution\u00e4re Frauenzeitung Nr. 8, Berlin 2020<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/12\/21\/social-reproduction-theory-moderner-marxismus-oder-feministische-sackgasse\/\"><em>Revolution\u00e4rer Marxismus 53&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Dezember 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aventina Holzer. Frauenstreiks, Proteste gegen Gewalt an Frauen und Aktionen f\u00fcr gleiche Bezahlung finden \u00fcberall auf der Welt statt. Es ist kein Geheimnis, dass die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Proteste weiterhin existieren und sich teilweise versch\u00e4rfen, &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8984,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7,5],"tags":[25,87,32,80,13,22,4],"class_list":["post-8983","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-frauenbewegung","tag-friedrich-engels","tag-marx","tag-politische-oekonomie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8983","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8983"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8985,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8983\/revisions\/8985"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8984"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}