{"id":9008,"date":"2020-12-26T10:40:05","date_gmt":"2020-12-26T08:40:05","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9008"},"modified":"2020-12-26T10:40:06","modified_gmt":"2020-12-26T08:40:06","slug":"widersprueche-und-widerstaende-in-deutschland-lockdown-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9008","title":{"rendered":"Widerspr\u00fcche und Widerst\u00e4nde in Deutschland: Lockdown 2.0"},"content":{"rendered":"<p><em>Wilhelm Schulz. <\/em>Der Lockdown light von Bund und L\u00e4ndern ist gescheitert. Noch Mitte November verk\u00fcndeten Regierungen und b\u00fcrgerliche Politik, dass sich die Infektionszahlen, wenn auch auf hohem Niveau, stabilisiert h\u00e4tten und das extrem rasche<!--more--> Viruswachstum gebrochen w\u00e4re.<\/p>\n<p>All das erweist sich als Sch\u00f6nwetterrhetorik. Der Herbst wurde kalt und tr\u00fcbe und der Winter wird noch k\u00e4lter und d\u00fcsterer werden. Die Entwicklung von Impfstoffen mag zwar die Gesundheitslage im Laufe des kommenden Jahres substantiell verbessern \u2013 kurzfristig w\u00fctet die Pandemie jedoch wie nie zuvor, und zwar weltweit und in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Pandemische Lage<\/strong><\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels, am 12. Dezember, waren bundesweit 321.500 Menschen infiziert. Zum Vergleich: Die H\u00f6chstzahl der ersten Welle betrug am 7. April 2020 64.318 Personen. In der 2. Dezemberwoche erlebten wir zudem einen Anstieg der Zahlen in allen Bundesl\u00e4ndern au\u00dfer Bremen. Hamburg bildete mit 38,1 % den traurigen Rekord. W\u00fcrden alle Bundesl\u00e4nder als gleich gro\u00df gewertet werden, so w\u00e4re der durchschnittliche Anstieg gegen\u00fcber der vorhergehenden Woche etwa 16 %, der Medianwert liegt dabei bei 14,35 % (Quelle: RKI vom 12.12.2020).<\/p>\n<p>Nicht minder dramatisch stellt sich die Zahl der t\u00e4glich an oder mit Corona Verstorbenen dar. Im Dezember \u00fcberstieg sie mehrfach den bisherigen H\u00f6chststand vom 15. April mit 510 Verstorbenen pro Tag. Der bisherige Negativrekord wurde am 10. Dezember mit 604 Toten erreicht. Hochgerechnet auf einen Monat entspr\u00e4che das \u00fcber 15.000 (!) Toten. Ohne drastische Ma\u00dfnahmen zum Gesundheitsschutz und zur Kontaktbeschr\u00e4nkung drohten \u00fcber die kommenden Monate noch dramatischere Zahlen und eine massive \u00dcberlastung des Gesundheitswesens, vor allem aufgrund fehlenden Personals, an dem es \u00fcber Jahre neoliberaler \u201eReformen\u201c, Privatisierungen und K\u00fcrzungen nun \u00fcberall mangelt.<\/p>\n<p>Setzt sich diese Entwicklung fort, droht der gesundheitspolitische Deichbruch. Das d\u00e4mmert wohl auch der Bundesregierung und den L\u00e4ndern. Faktisch besteht die Landkarte Deutschlands nur noch aus Risikogebieten. Ein \u201eechter\u201c Lockdown zeichnet sich ab, der ab 16. Dezember gelten soll. Dieser soll folgende Ma\u00dfnahmen umfassen:<\/p>\n<ul>\n<li>Bundesweite Schlie\u00dfung von Schulen und Kitas<\/li>\n<li>Schlie\u00dfung aller Gesch\u00e4fte und L\u00e4den, die nicht der Versorgung mit lebensnotwendigen G\u00fctern dienen<\/li>\n<li>Ausgangssperren, die sich jedoch regional oder lokal unterschiedlich gestalten<\/li>\n<li>Eine Verl\u00e4ngerung und Ausweitung der Entsch\u00e4digungszahlen f\u00fcr geschlossene Gesch\u00e4fte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>G\u00fcltig sind die Ma\u00dfnahmen bis zum 10. Januar, gewisserma\u00dfen als Verl\u00e4ngerung der Weihnachtsferien unter massiven Kontaktbeschr\u00e4nkungen. Bund und L\u00e4nder hoffen, mit einem h\u00e4rteren Lockdown Neuinfektionen und Verbreitungsrate so weit absenken zu k\u00f6nnen, dass Schulen und Gesch\u00e4fte ab der 2. oder 3. Januarwoche wieder zur \u201eNormalit\u00e4t\u201c zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, die Zahlen bis zum Fr\u00fchjahr \u201ekontrollierbar\u201c bleiben und aufgrund von Impfungen der besonders Gef\u00e4hrdeten einschlie\u00dflich der Besch\u00e4ftigten in Krankenh\u00e4usern und in der Altenpflege weniger Menschen schwer erkranken oder gar sterben.<\/p>\n<p><strong>Heilige Weihnacht, b\u00f6ses Neujahr?<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr soll auf Neujahrsfeiern verzichtet werden und auch das heilige Fest des Friedens, der Liebe und der Familie, besser als Weihnachten bekannt, nur eingeschr\u00e4nkt stattfinden.<\/p>\n<p>Sinnvoll sind solche Kontaktbeschr\u00e4nkungen allemal. Allein, der ideologische und wirtschaftliche Eiertanz um diese Ma\u00dfnahmen weist auf die Widerspr\u00fcchlichkeit der Regierungspolitik hin, die auch den h\u00e4rteren Lockdown durchzieht \u2013 wohl auch wie ihre gesamte Regierungszeit.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Reisen zum famili\u00e4ren Weihnachtsfest au\u00dfer Frage stehen und die Kontaktbeschr\u00e4nkungen etwas erleichtert werden, soll das f\u00fcr das andere gro\u00dfe, vergleichsweise weltliche Neujahrsfest nicht gelten. Dieses feiern wir schlie\u00dflich ausgelassen mit FreundInnen und nicht nur mit der heiligen, vorzugsweise christlichen Familie.<\/p>\n<p>Angesichts der pandemischen Lage mahnen neuerdings auch CDU-PolitikerInnen zur Zur\u00fcckhaltung unterm Weihnachtsbaum. Noch am 21. November verteidigte Friedrich Merz im Tagesspiegel die Weihnachtsfeier noch als letztes Refugium der Freiheit: \u201eEs geht den Staat auch nichts an, wie ich mit meiner Familie Weihnachten feiere.\u201c<\/p>\n<p>Angesichts steigender Todeszahlen schweigt er seither. Freilich: Die Doppelmoral der b\u00fcrgerlichen Politik ersch\u00f6pft sich l\u00e4ngst nicht damit. Fast alle Bef\u00fcrworterInnen eines h\u00e4rteren Lockdowns wollen nicht nur ein Familienfest light, sondern auch das Weihnachtsgesch\u00e4ft einigerma\u00dfen retten.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass der 12. Dezember, der letzte \u201esichere\u201c Einkaufstag, zum umsatzst\u00e4rksten des Jahres wurde. Die Kaufh\u00e4user waren \u00fcbervoll. W\u00e4hrend die \u201ePolitik\u201c st\u00e4ndig die B\u00fcrgerInnen ermahnt, sich verantwortlich zu verhalten und auf die Abstands- und Hygieneregeln zu achten, sollten m\u00f6glichst viele ihre Eink\u00e4ufe noch rasch und rechtzeitig erledigen und nicht nur online shoppen.<\/p>\n<p>Geradezu sinnbildlich offenbarte sich die Doppeldeutigkeit am Beispiel Frankfurt\/Main am 12. Dezember. Der SPD-Oberb\u00fcrgermeister Peter Feldmann erlie\u00df einerseits ein Verbot der Querdenken-Demonstration, andererseits reduzierte die Stadt f\u00fcr einen Tag die Ticketpreise auf die Kosten von Kinderfahrscheinen, um das Weihnachtsgesch\u00e4ft anzukurbeln.<\/p>\n<p>Neben dieser makaberen Doppeldeutigkeit l\u00e4uft die gesamte Weihnachts- und Neujahrspolitik der Regierungen aber auch auf folgendes Muster hinaus: Gelingt es nicht, die Zahlen zu reduzieren, sind daf\u00fcr die Menschen hauptverantwortlich. Das Brechen von Kontaktbeschr\u00e4nkungen im privaten Bereich, im Haushalt, mit Familie und FreundInnen wird als zentrales, wenn nicht als das Hauptproblem der unkontrollierten Ausbreitung der Pandemie pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p><strong>Kapitalistisches Pandemiemanagement und seine Widerspr\u00fcche<\/strong><\/p>\n<p>Dabei treten die Widerspr\u00fcche des kapitalistischen Pandemiemanagements seit Monaten offen zutage.<\/p>\n<p>Der zweite Lockdown erstreckte sich im Wesentlichen auf Bereiche des privaten Konsums und der Freizeit \u2013 von der Gastronomie bis zu Theater, Konzerth\u00e4usern und Kinos. Zu Recht fragten sich Millionen, warum der Besuch eines Klassenzimmers mit 30 Sch\u00fclerInnen erlaubt, ein Treffen mit 5 FreundInnen jedoch pandemietreibend sein sollte. Zu Recht fragen sich Millionen, warum z. B. Kinos und Theater mit funktionierenden Hygienekonzepten geschlossen wurden, w\u00e4hrend Shoppingmalls (Einkaufszentren) weiter offenhielten. Hinzu kam, dass die Regierung keine Vorsorge f\u00fcr eine absehbare zweite Welle getroffen hatte \u2013 sei es durch dauerhafte Ma\u00dfnahmen im Gesundheitsbereich oder durch die Ausstattung der Schulen mit Luftfiltern oder Verkleinerung der Klassengr\u00f6\u00dfen. Schlie\u00dflich h\u00e4tte das Milliarden gekostet, die schon zur Rettung der Unternehmen verbraten waren. Die \u00f6ffentliche innere Widerspr\u00fcchlichkeit der Ma\u00dfnahmen rief viel berechtigte Emp\u00f6rung hervor und verschaffte in den ersten Wochen auch der rechtspopulistischen Querdenken-Bewegung weiter Zulauf.<\/p>\n<p>Vor allem aber f\u00fchrte sie dazu, dass sich Corona im Herbst wieder massiv ausbreitete und die zweite Welle der Pandemie weit mehr Opfer fordert als die erste.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt auch mit einem grundlegenden Unterschied des Lockdowns zusammen. Im M\u00e4rz und April stellten die meisten Industriebetriebe aufgrund unterbrochener Lieferketten ihre Produktion ein. Die Schulen waren geschlossen, der \u00f6ffentliche Verkehr ging massiv zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Im Lockdown light, aber auch nach Versch\u00e4rfung der Ma\u00dfnahmen durch die Bundes- und Landesregierungen Mitte Dezember 2020, blieben zentrale Teile der kapitalistischen \u00d6konomie ausgenommen \u2013 genauer gesagt jene, die f\u00fcr die Schaffung des Mehrwerts und f\u00fcr Kredit und Kapitalzirkulation wesentlich sind: Industrie, Transport und Finanzsektor.<\/p>\n<p>In der Weihnachtszeit kommen schlie\u00dflich nicht nur Familien zusammen, es ist auch der Zeitraum, indem viele Menschen ohnehin Urlaub genommen haben, in der viele Werke sogar Betriebsurlaub anordnen, indem Eltern sowieso mit ihren Kindern zuhause bleiben m\u00fcssen. Summa summarum ist es f\u00fcr das Kapital der billigste Zeitpunkt f\u00fcr einen Lockdown!<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass gro\u00dfe Kapitalfraktionen die Wirtschaftspolitik der Regierung durchaus mit Wohlwollen betrachten. Die Unternehmen, die mit st\u00e4rkerer Kritik gegen\u00fcber den Ma\u00dfnahmen laut wurden, sind vor allem in der Zirkulationssph\u00e4re ans\u00e4ssig, wie beispielsweise die Veranstaltungsbranche, der Tourismus- und Hotelsektor und auch der \u201enicht-systemrelevante\u201c Einzelhandel. Diese sollten teilweise mit halbgaren \u00dcberbr\u00fcckungshilfen befriedet werden oder durch Appelle daran, dass \u201eEinkaufen [\u2026] eine patriotische Pflicht\u201c ist, wie CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier es formulierte.<\/p>\n<p><strong>Verschiebung des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses<\/strong><\/p>\n<p>Dass die SPD und die Gewerkschaften den Kurs der Regierung mitbestimmten bzw. mittragen, erkl\u00e4rt wesentlich, warum es bislang so wenig Widerstand von links gab. \u00dcber Monate befand sich auch die Linkspartei im Dornr\u00f6schenschlaf. Mit dem Herbstbeginn geht sie immerhin vermehrt auf Distanz zur Regierung und fordert eine Verm\u00f6gensabgabe von 300 Milliarden Euro \u00fcber 20 Jahre.<\/p>\n<p>Auch wenn die Krise 2020 teilweise beschr\u00e4nkt wurde durch Milliardenst\u00fctzen, KurzarbeiterInnengeld, Finanzhilfen aller Art, darf das nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass sie schon in diesem Jahr zu dramatischen Einkommenseinbu\u00dfen, Lohnverzicht, Entlassungen, Betriebsschlie\u00dfungen gef\u00fchrt hat:<\/p>\n<ul>\n<li>Noch immer arbeiten Millionen in Kurzarbeit. Viele Kleinunternehmen, FreiberuflerInnen, Selbstst\u00e4ndige stehen vor dem Aus.<\/li>\n<li>In der Tarifrunde des \u00f6ffentlichen Dienstes erlitten die Gewerkschaften eine schwere Niederlage, was zu stagnierenden oder sinkenden Einkommen f\u00fcr Millionen Besch\u00e4ftigte in den n\u00e4chsten 3 Jahren f\u00fchren wird.<\/li>\n<li>In der Gro\u00dfindustrie \u2013 insbesondere im Automobil- und Luftfahrtbereich \u2013 drohen oder laufen massive K\u00fcrzungsprogramme, Massenentlassungen und der Verlust zehntausender Arbeitspl\u00e4tze in Konzernen wie Daimler.<\/li>\n<li>Der Umstieg auf Homeoffice w\u00e4hrend der Pandemie ver\u00e4ndert Millionen Arbeitsverh\u00e4ltnisse und damit die Ausbeutungsraten massiv zugunsten des Kapitals.<\/li>\n<li>W\u00e4hrend Teile des Unternehmertums massive Einbu\u00dfen erlitten, gibt es nat\u00fcrlich auch \u201eCorona-GewinnerInnen\u201c wie Logistik, Versandhandel oder die Pharma-Industrie.<\/li>\n<li>Der sog. Green New Deal entpuppt sich als F\u00f6rderprogramm f\u00fcr die E-Mobilit\u00e4t \u2013 auf Kosten von Besch\u00e4ftigten und Umwelt, wie am Dannenr\u00f6der Wald zu sehen ist.<\/li>\n<li>Hunderttausenden droht, wegen sinkender Einkommen und weiter steigender Mieten und Wohnungsspekulation ihr Heim zu verlieren.<\/li>\n<li>Regierungen und Kapital nutzen die Pandemie zur Einschr\u00e4nkung demokratischer Rechte und zur Einsch\u00fcchterung der ArbeiterInnenklasse und sozialer Bewegungen. Nicht nur Gesetze werden versch\u00e4rft. Alle, die mit Demonstrationen, Besetzungen f\u00fcr ihre berechtigten sozialen, gewerkschaftlichen und politischen Interessen eintreten, werden unter Generalverdacht gestellt, die Gesundheit anderer zu gef\u00e4hrden. Die wahnwitzige, pseudoradikale kleinb\u00fcrgerliche Querdenken-Bewegung, die Freiheit mit R\u00fccksichtslosigkeit gleichsetzt und tats\u00e4chlich den Tod Tausender billigend in Kauf nimmt, erleichtert den b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften dabei ihre Politik.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Aufgaben f\u00fcr 2021<\/strong><\/p>\n<p>Die Z\u00f6gerlichkeit der Regierungen in Bund und L\u00e4ndern bez\u00fcglich der Einschr\u00e4nkungen zwischen Weihnachten und Neujahr, aber auch die Friedhofsruhe bez\u00fcglich der fiskalpolitischen Ma\u00dfnahmen gegen\u00fcber der Corona-Neuverschuldung zeigen einerseits, dass die Pandemie sicher zum Hauptthema der kommenden Bundestagswahl wird. Andererseits wird die Regierung versuchen, die ganz massiven Einsparungen erst in der n\u00e4chsten Legislatur durchzuziehen. Bis zur Bundestagswahl soll alles am besten noch \u201eabgefedert\u201c und sozial stattfinden. Die Gesamtrechnung f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Pandemie und f\u00fcr die Kosten der kapitalistischen Krise \u2013 insbesondere f\u00fcr die Staatsverschuldung \u2013 soll erst nach den Wahlen pr\u00e4sentiert werden.<\/p>\n<p>Die Ma\u00dfnahmen der Regierung verdeutlichen, dass im Kapitalismus eine Bek\u00e4mpfung der Pandemie h\u00f6chstens \u00fcber ein medizinisches Heilmittel erfolgreich sein kann. W\u00e4hrenddessen werden wir durch ein widerspr\u00fcchliches Krisenmanagement von einer Welle in die n\u00e4chste zu geraten drohen.<\/p>\n<p>Dem Lockdown der Regierung m\u00fcssen wir die Forderung nach einer Schlie\u00dfung aller f\u00fcr Gesundheit, Versorgung, Infrastruktur nicht notwendigen Bereiche entgegenstellen. Dabei k\u00f6nnen wir uns nicht auf das Kabinett oder die Ministerpr\u00e4sidentInnen und ihren Apparat \u2013 und erst recht nicht auf die UnternehmerInnen verlassen. Diese muss vielmehr unter Kontrolle der Besch\u00e4ftigten und Gewerkschaften erfolgen. Diese m\u00fcssen bestimmen, welche Arbeit, welche Art Produktion aufrechterhalten und welche wie lange eingestellt wird. An den Schulen m\u00fcssen Kontrollaussch\u00fcsse aus Besch\u00e4ftigten, Sch\u00fclerInnen und Eltern festlegen, ob und unter welchen Bedingungen der Unterricht aufgenommen werden kann.<\/p>\n<p>Ein solcher Lockdown ist angesichts der aktuellen Notlage notwendig. Er muss zugleich erg\u00e4nzt werden durch den Ausbau der Testkapazit\u00e4ten, von Infrastruktur in Schulen und Betrieben, wie mit Raumluftfiltern, Quarant\u00e4neangeboten in Hotels f\u00fcr Personen ohne eigenen R\u00fcckzugsort (z. B. Fl\u00fcchtlinge und Obdachlose) und einer gesellschaftlichen Kontrolle \u00fcber die Vergabe sicherer Impfstoffe.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzt werden muss dies durch die Sicherung der Einkommen und L\u00f6hne von allen, die in Kurzarbeit sind; f\u00fcr Arbeitslosengeld in der Mindesth\u00f6he von 1600.- Euro\/Monat statt Hartz IV, durch die Auszahlung eines Mindesteinkommens f\u00fcr kleine Selbstst\u00e4ndige und Studierende und f\u00fcr St\u00fctzungsprogramme von Kleinunternehmen, um sie vorm Ruin zu bewahren.<\/p>\n<p>Zugleich braucht es aber auch entschiedene Ma\u00dfnahmen, um die Kosten der Krise und der Pandemie den gro\u00dfen Kapitalien und Verm\u00f6gensbesitzerInnen aufzuzwingen. Ohne Eingriffe in das Privateigentum an den gro\u00dfen Unternehmen, in das Kreditwesen, in den Kapitalverkehr wird jede Bek\u00e4mpfung der Pandemie immer nur St\u00fcckwerk bleiben, immer vom Widerspruch zwischen allgemeinen Gesundheits- und Lebensinteressen und den Profitinteressen des Kapitals gepr\u00e4gt sein.<\/p>\n<p>Die entsch\u00e4digungslose Verstaatlichung des gesamten Gesundheitswesens unter Kontrolle der dort Arbeitenden w\u00e4re dazu ein erster unerl\u00e4sslicher Schritt \u2013 und zugleich auch ein Mittel sicherzustellen, dass ein Impfstoff allen gem\u00e4\u00df ihrer Bed\u00fcrftigkeit kostenlos zukommt und zwar nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in der sog. Dritten Welt.<\/p>\n<p>Die Frage der entsch\u00e4digungslosen Enteignung betrifft aber auch alle Sektoren, die mit Entlassungen, K\u00fcrzungen drohen oder diese schon vornehmen \u2013 womit auch ein wichtiger Schritt gesetzt w\u00e4re zur Enteignung der Schl\u00fcsselpositionen der Wirtschaft, vor allem der gro\u00dfen Konzerne, Banken und Finanzinstitutionen.<\/p>\n<p>Nur durch eine Verstaatlichung unter Kontrolle der arbeitenden Bev\u00f6lkerung w\u00e4re es m\u00f6glich, die Produktion und Investitionen gem\u00e4\u00df eines gesellschaftlichen Plans \u00fcber notwendige, n\u00fctzliche, aufzunehmende und unn\u00f6tige, einzustellende Arbeit in der Pandemie und zum Umbau nach \u00f6kologischen und sozialen Kriterien zu reorganisieren.<\/p>\n<p><strong>Kampf<\/strong><\/p>\n<p>Eine solche L\u00f6sung der gesundheitlichen (und \u00f6konomischen) Krise muss jedoch erk\u00e4mpft werden. Das Perfide an der Situation ist, dass wir damit rechnen m\u00fcssen, dass die sozialen Angriffe zurzeit noch nicht mit einem Schlag, sondern eher in Form einer Salamitaktik einschlagen. Dagegen entsteht zwar spontan lokaler Widerstand, aber er verbindet sich keineswegs automatisch. Die Gewerkschaften begrenzen die Auseinandersetzungen in der Regel auf den jeweiligen Standort \u2013 auch dort, wo betriebliche Auseinandersetzungen gegen Schlie\u00dfungen und Entlassungen gef\u00fchrt werden. Sie weigern sich aus Perspektive von Co-ManagerInnen, dies im Gesamtbetrieb, geschweige denn innerhalb der Branche oder gar in der Gesellschaft insgesamt auszufechten. Dadurch entstehen zwar immer wieder heroische betriebliche Auseinandersetzungen. Diese verpuffen jedoch schnell und zeichnen so auch ein Bild von Aussichtslosigkeit.<\/p>\n<p>Die Aufgabe von Revolution\u00e4rInnen, von klassenk\u00e4mpferischen ArbeiterInnen besteht aktuell nicht darin, auf die Spontaneit\u00e4t der Klasse zu hoffen, sondern schon jetzt die Organisationen der ArbeiterInnenbewegung, seien es Gewerkschaften oder Parteien wie die SPD und die Linke in Debatten um die Organisierung und den Inhalt eines Widerstandes zu ziehen und den Aufbau eine Antikrisenbewegung in Angriff zu nehmen. Um den Inhalt, die Forderungen, die Strukturen einer solchen Bewegung braucht es eine \u00f6ffentliche und kontrovers gef\u00fchrt Diskussion \u2013 vor allem aber die gemeinsame Aktion, um die Frage des Kampfes gegen die Krise nicht dem b\u00fcrgerlichen Parlament zu \u00fcberlassen und zugleich offen um die effektivsten Kampfmethoden zu streiten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/12\/17\/widersprueche-und-widerstaende-lockdown-2-0\/\"><em>Neue Internationale 252&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. Dezember 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Schulz. Der Lockdown light von Bund und L\u00e4ndern ist gescheitert. 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