{"id":905,"date":"2016-01-08T10:47:55","date_gmt":"2016-01-08T08:47:55","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=905"},"modified":"2016-01-08T10:47:55","modified_gmt":"2016-01-08T08:47:55","slug":"die-politik-der-gewalt-der-tuerkischen-regierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=905","title":{"rendered":"Die Politik der Gewalt der t\u00fcrkischen Regierung"},"content":{"rendered":"<p><em>Aydin Cubukcu.<\/em> Mit Beginn des Syrien-Krieges wurde die T\u00fcrkei zu einem Problemstaat im Nahen Osten. Die AKP-Regierungen hatten fast 15 Jahre ein au\u00dfenpolitisches Programm entwickelt, das gerade auf den Nahen Osten und insbesondere<!--more--> auf die islamischen L\u00e4nder ausgerichtet war. Sowohl im Land selbst als auch im Nahen Osten hat diese Politik aber zu einer Krise beigetragen, die von der AKP kaum mehr kontrolliert werden kann.<\/p>\n<p><strong>Ziel: ein neues osmanisches Reich <\/strong><\/p>\n<p>Die islamistische Ideologie der AKP nach innen wurde durch eine Politik nach au\u00dfen erg\u00e4nzt, die sich darauf orientierte, die Bev\u00f6lkerungen in den islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern der Region unter eigener F\u00fchrung zu versammeln, in den Gebieten des ehemaligen Osmanischen Reiches eine neue Vorherrschaft zu installieren. Die AKP beabsichtigte, die islamistische Ideologie mit einer expansionistischen Politik in der Region zu verbinden. Diese Vorhaben standen im Gro\u00dfen und Ganzen in Einklang mit den Neuordnungspl\u00e4nen der NATO, denen Washingtons und Berlins f\u00fcr den Nahen Osten.<\/p>\n<p>Diese Absichten der Partei haben eine Vorgeschichte, die weit vor ihrer Regierungszeit liegt. Der heutige Ministerpr\u00e4sident Ahmet Davutoglu, der Architekt der neoosmanischen Au\u00dfenpolitik, hatte bereits zu seiner Zeit als Hochschullehrer die Bedingungen analysiert, unter denen die T\u00fcrkei bei Ber\u00fccksichtigung ihres historischen Erbes in der Lage sein w\u00fcrde, zu einem f\u00fchrenden Staat in der Region aufzusteigen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde sp\u00e4ter zum einen die \u00bbNull-Problem-Politik mit den Nachbarl\u00e4ndern\u00ab ausgerufen. Es galt zweitens, eine \u00bbhistorische und geographische Tiefe\u00ab zu erreichen, damit drittens die islamische Zivilisation und insbesondere die T\u00fcrkei \u00bbam Fortgang der Geschichte\u00ab wieder teilhaben k\u00f6nne. Kurzum, die T\u00fcrkei wurde nicht nur zur Anw\u00e4rterin auf die regionale F\u00fchrungsmacht gek\u00fcrt, sie sollte dar\u00fcber hinaus zur \u00bbneuen imperialen Macht\u00ab aufsteigen, die imstande sein w\u00fcrde, eine \u00bbeine neue Zivilisation aus der Taufe zu heben\u00ab. Das au\u00dfenpolitische Konzept der AKP basiert auf der von Davutoglu verfassten Schrift \u00bbStratejik Derinlik\u00ab (strategische Tiefe).<\/p>\n<p>Bis zum Beginn des \u00bbarabischen Fr\u00fchlings\u00ab hatte die t\u00fcrkische Regierung einigerma\u00dfen erfolgreich versucht, eine Politik der islamischen \u00d6ffnung umzusetzen. Nach dem Sturz der Diktaturen in Tunesien und \u00c4gypten verfolgte die AKP das Ziel, die Region zu beherrschen, indem sie sich vor allem auf die Muslimbr\u00fcder insbesondere in \u00c4gypten st\u00fctzte. Die Ziele ihrer Politik entstammen also einer Ideologie des Neoosmanismus, die den Traum einer Wiederbelebung des Osmanischen Reiches formuliert. Dazu geh\u00f6rte gleichzeitig auch die Unterdr\u00fcckung demokratischer Forderungen der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>In den ersten Jahren ihrer Herrschaft wurde die AKP jedoch insbesondere in liberalen Kreisen als eine \u00bbdemokratisch-islamische Kraft\u00ab wahrgenommen. Die von Anfang an vorhandenen repressiven Tendenzen \u00fcbersah man. Es wurde nicht erkannt, dass ihr Programm und ihre Praxis zwar so manch einen demokratischen Fortschritt mit Verweis auf eine Integration in die EU anstrebten, dies allerdings lediglich in Vorbereitung auf eine neue \u00c4ra der Repression. Die mangelnde Klarsicht war einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass die Regierung bei den Volksabstimmungen \u00fcber Verfassungs\u00e4nderungen 2007 und 2010 mit zuerst deutlich \u00fcber und dann mit zumindest knapp unter 60 Prozent Zustimmung der Bev\u00f6lkerung erlangte. Mehrheitlich wurden mit den Referenden die Hoffnungen auf ein demokratischeres politisches Leben zum Ausdruck gebracht. Die AKP und vor allem Erdogan interpretierten die Ergebnisse als gewonnene Vertrauensfragen und nutzten sie zur Legitimation ihrer Machtbestrebungen.<\/p>\n<p><strong>Strategie der Spannung <\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2013 erhielt die konservativ-muslimische Partei einen ersten D\u00e4mpfer. Am 28. Mai begannen in Istanbul Demonstrationen gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gel\u00e4nde des Gezi-Parks, der unmittelbar an den Taksim-Platz angrenzt. Der Protest eskalierte infolge eines gewaltsamen Polizeieinsatzes am 31. Mai 2013. Daraufhin protestierten Demonstranten in mehreren t\u00fcrkischen Gro\u00dfst\u00e4dten. Der Gezi-Aufstand erstreckte sich auf 73 Provinzen, rund drei Millionen Menschen beteiligten sich. Er w\u00e4hrte bis September 2013 und wurde zur bis dahin gr\u00f6\u00dften Protestbewegung gegen die Herrschaft der AKP. Diese Aktionen brachten einerseits die breite Massenbasis der Volksopposition und deren Klassencharakter an den Tag, andererseits f\u00fchrten sie zu wichtigen Erfahrungen im Hinblick auf neue Formen der Organisation und des Kampfes. Die Herrschenden indes gerieten angesichts des Aufstands in Panik und griffen verst\u00e4rkt zu den Mitteln der Gewalt. Mit neuen Gesetzen wurden die Befugnisse des Staatsapparats erheblich ausgeweitet.<\/p>\n<p>Einige Monate nach dem Ende des Gezi-Widerstands, im Dezember 2013, wurde der gro\u00dfe Korruptionsskandal ruchbar. Die Regierung entledigte sich drei ihrer Minister und versuchte ansonsten, die Angelegenheit auszusitzen. Allerdings gab es auch gegen\u00fcber Premier Erdogan Bestechungsvorw\u00fcrfe. Als schlie\u00dflich die Wohnung seines Sohnes durchsucht werden sollte, f\u00fchrte der Skandal zu einer tiefen Staatskrise. Anschlie\u00dfende Polizeigewalt und die Repression gegen oppositionelle Zeitungen und Fernsehsender versch\u00e4rften das Problem zus\u00e4tzlich. Und dennoch vermochte die AKP bei der Kommunalwahl im M\u00e4rz 2014 erneut einen wichtigen Sieg einzufahren. Mit diesem Erfolg im R\u00fccken verst\u00e4rkte sie erneut die Angriffe gegen die Opposition. In der Kurdenfrage wurde dagegen der Anschein erweckt, als w\u00fcrde man bei deren L\u00f6sung vorankommen und einen langfristigen Konsens erreichen.<\/p>\n<p>Die Parlamentswahlen vom 7. Juni 2015 verpassten der AKP einen weiteren D\u00e4mpfer. Die als kurdische Partei bezeichnete HDP (Demokratische Partei der V\u00f6lker) erhielt bei der Abstimmung die Unterst\u00fctzung einer breiten gesellschaftlichen Opposition, die w\u00e4hrend der Gezi-Ereignisse entstanden war. Sie \u00fcbersprang die Zehn-Prozent-H\u00fcrde und zog mit 80 Abgeordneten in die 550 Sitze umfassende t\u00fcrkische Nationalversammlung ein. Dieses Ergebnis f\u00fchrte zum Verlust der Regierungsmehrheit der AKP und gleichzeitig auch zu der Erwartungshaltung innerhalb der Bev\u00f6lkerung, das Ergebnis sei Ausdruck einer neuen Welle der Demokratie.<\/p>\n<p>Allerdings wollten sich die Regierungspartei und ihr F\u00fchrer Erdogan um jeden Preis an der Macht halten und akzeptierten das Wahlergebnis nicht. Um eine Wiederholung der Abstimmung zu erreichen, f\u00fchrten sie das Land immer tiefer in eine politische Krise und bedienten sich dabei mehrerer Verfassungsartikel, die noch aus der Zeit der Milit\u00e4rjunta stammten. Erdogan lie\u00df zugleich alle Absprachen zur kurdischen Frage, die erst kurz zuvor getroffen worden waren, f\u00fcr null und nichtig erkl\u00e4ren, was die Fronten sofort verh\u00e4rtete.<\/p>\n<p>Erdogans Vorgehen f\u00fchrte zu einer gesellschaftlichen Polarisierung und erinnerte an die \u00bbStrategie der Spannung\u00ab zur Verhinderung \u00adNATO-kritischer Regierungen in den siebziger und achtziger Jahren. Am 20. Juli 2015 t\u00f6tete in Suruc ein Selbstmordattent\u00e4ter des \u00bbIslamischen Staates\u00ab 34 sozialistische Jugendliche. Kurz danach wurden zwei t\u00fcrkische Polizeibeamte in ihrer Wohnung im Schlaf erschossen, wof\u00fcr die PKK verantwortlich gemacht wurde. Die Regierung beschloss daraufhin Operationen nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen die PKK und startete Luftangriffe, die allerdings haupts\u00e4chlich den Stellungen letzterer galten. Die AKP hatte die T\u00fcrkei in einen Krieg gef\u00fchrt. Dazu geh\u00f6rten und geh\u00f6ren im eigenen Land Razzien gegen politisch aktive Kurden.<\/p>\n<p>Am 10. Oktober ver\u00fcbte der IS in Ankara einen weiteren Anschlag. Auf dem Platz, auf dem sich Tausende von Menschen f\u00fcr Arbeit, Frieden und Demokratie versammelt hatten, sprengten sich zwei Attent\u00e4ter in die Luft. 102 Menschen, die f\u00fcr ein Ende des Konflikts zwischen der t\u00fcrkischen Regierung und der PKK demonstrieren wollten, lie\u00dfen ihr Leben. Dieses schwere Attentat f\u00fchrte dazu, dass die Oppositionsparteien ihren Wahlkampf f\u00fcr die erneute Abstimmung \u00fcber die Zusammensetzung der Nationalversammlung am 1. November einstellten und alle geplanten Kundgebungen absagten. Die geschaffene Kriegsstimmung beseitigte schlagartig die Zuversicht, die nach dem Wahlausgang vom 7. Juni aufgekommen war. Breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung trichterte man ein, der aktuelle Zustand der Instabilit\u00e4t sei eine Folge des Wahlergebnisses. Eine Wiederholung der Abstimmung schien, so war lanciert worden, der einzige Ausweg aus dieser verfahrenen Situation zu sein. Der Friedensprozess, der zur L\u00f6sung der kurdischen Frage eingeleitet worden war, wurde durch Ankara aufgek\u00fcndigt. Gegen die HDP, die mit der \u00dcberwindung der hohen Zehn-Prozent-H\u00fcrde f\u00fcr den Verlust der Regierungsmehrheit der AKP gesorgt hatte, wurden brutale Angriffe gestartet, um sie unter das Quorum zu dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Strategie der Spannung und der Gewalt f\u00fchrte dazu, dass sich die Stimmen rechter W\u00e4hler noch st\u00e4rker bei der AKP konzentrierten. Dagegen f\u00fchrte sie bei der Opposition teilweise zu Zweifeln und Aufl\u00f6sungserscheinungen. Die Neuwahlen lieferten ein Ergebnis, auf das die AKP hingearbeitet hatte. Diese Politik der Gewalt, die von einer nationalistischen und islamistischen Propaganda flankiert wurde, erzeugte in der Bev\u00f6lkerung \u00c4ngste und Zweifel. Und sie f\u00fchrte zu einer Lagerbildung rund um die AKP, die bei der Wahl erneut die Regierungsmehrheit erringen konnte. Die erzeugte Stimmung und die Kriegf\u00fchrung nach innen und au\u00dfen ebneten den Weg der R\u00fcckkehr zur alten Politik: in Hinblick auf Syrien hie\u00df das, \u00bbtrotz allem\u00ab auf dem Krieg zu beharren, die dschihadistischen Gruppen weiter zu unterst\u00fctzen und die Pl\u00e4ne zu strategischen Milit\u00e4rinterventionen gegen die kurdische Bev\u00f6lkerung umzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Krieg und Faschismus <\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig zerplatzten die expansionistischen Tr\u00e4ume. Das Ziel, \u00bbzu einer der Superm\u00e4chte auf der Welt zu werden\u00ab, steht in un\u00fcberbr\u00fcckbaren Gegensatz zu den real herrschenden Bedingungen. Die Propaganda verk\u00fcndete zwar pausenlos den Aufstieg der T\u00fcrkei zur imperialen Macht und pries Recep Tayyip Erdogan als F\u00fchrer der islamischen Welt. Doch daraus wird einstweilen nichts. Der Verlauf der Aufst\u00e4nde des \u00bbarabischen Fr\u00fchling\u00ab, vor allem in Tunesien, \u00c4gypten und Libyen, sowie das Scheitern der Muslimbr\u00fcder machten Erdogan und den Seinen einen Strich durch die Rechnung. Auch wenn daraufhin einige Positions\u00e4nderungen der t\u00fcrkischen Regierung festzustellen waren, unternimmt die AKP weiterhin alles M\u00f6gliche, sich \u00fcber die Einmischung in Syrien eine Machtposition im Nahen Osten zu verschaffen. Zu diesem Zweck verst\u00e4rkte sie ihre nationalistische Propaganda, um sich die Zustimmung im eigenen Land zu sichern.<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei l\u00e4sst sich mittlerweile beobachten, was h\u00e4ufig dort eintritt, wo Kriege gesch\u00fcrt und gef\u00fchrt werden, ein B\u00fcrgerkrieg droht und die Bev\u00f6lkerung entsprechend bearbeitet wird: Der Charakter eines solchen politischen Regimes nimmt immer st\u00e4rker faschistische Z\u00fcge an. Es gibt starke Hinweise darauf, dass insbesondere die B\u00fcrgerkriegsstimmung bewusst geschaffen wurde. Man kann sagen, dass mit einer Reihe von provokativen \u00dcbergriffen im Vorfeld der Neuwahlen am 1. November 2015 die Staatsb\u00fcrger auf die eigene Seite gezogen werden sollten. Man stellte sie vor die Wahl: \u00bbVertrauen und Stabilit\u00e4t\u00ab oder Demokratie. Die Abstimmung ging auf Kosten letzterer. Einschr\u00e4nkungen der Organisationsfreiheit der unterdr\u00fcckten Klassen und der Meinungsfreiheit waren in der T\u00fcrkei stets gegeben. Das geschah nunmehr aber viel systematischer und unter st\u00e4rkerer Gewaltanwendung. Mit dem Totschlagargument, die \u00bb\u00f6ffentliche Sicherheit\u00ab zu wahren, wurden neue Gesetze erlassen, die Befugnisse der Polizei (so auch das Recht zum Schusswaffeneinsatz bei friedlichen Demonstrationen) ausgeweitet und die Versammlungsfreiheit beschnitten. Die ideologische Zurichtung der gesamten Gesellschaft lie\u00df den Druck auf Frauen und Jugendliche, sich gem\u00e4\u00df religi\u00f6ser Vorgaben zu betragen, erheblich ansteigen.<\/p>\n<p>In den kurdischen Gebieten war unter der Losung \u00bbkommunale Selbstverwaltung\u00ab eine Bewegung in Gang gesetzt worden, die die dortigen Gro\u00dfst\u00e4dte erfasste. Die Regierung antwortete mit verheerenden Milit\u00e4reins\u00e4tzen. Aktuell herrscht in Diyarbakir Krieg, Milit\u00e4r patrouilliert mit Panzern durch die Stra\u00dfen, ganze Stadtteile stehen unter Artilleriebeschuss. Die Hoffnung, dass die kurdische Frage auf dem Wege der Verhandlungen gel\u00f6st werden kann, schwindet immer mehr. W\u00e4hrend die Regierung neue \u00bbAnsprechpartner\u00ab benennen m\u00f6chte, um mit ihnen am Verhandlungstisch \u00fcber \u00bbneue Themen\u00ab zu sprechen, steckt sich die kurdische Bewegung neue und h\u00f6here Ziele wie z. B. Formen der \u00bbSelbstverwaltung\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Die Rechte und K\u00e4mpfe der Arbeiter <\/strong><\/p>\n<p>Das Verhalten der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie sowie Gesetzes\u00e4nderungen zur Versch\u00e4rfung der Arbeitsbedingungen f\u00fchrten dazu, dass die Arbeiterklasse gr\u00f6\u00dferer Lasten zu tragen hatte. Das aber wiederum war die Ursache f\u00fcr starke K\u00e4mpfe. In der Metall- und Automobilindustrie traten ganze Belegschaften gro\u00dfer Betriebe in den Ausstand. Zahlreiche Auseinandersetzungen konnten erfolgreich gef\u00fchrt werden. Auch wenn die Arbeiter sich in diesen K\u00e4mpfen ausschlie\u00dflich auf \u00f6konomische und gewerkschaftsrechtliche Forderungen konzentrierten, reichten deren Auswirkungen viel weiter. Sie wurden in weiteren Branchen zum Vorbild genommen und wirkten sich auch auf andere Gesellschaftsschichten aus.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich verf\u00fcgt die Arbeiterklasse \u00fcber M\u00f6glichkeiten der wirksamsten Opposition gegen die Herrschenden, weil sie die produzierende Hauptkraft ist. Sie ist die einzige Klasse, die \u00fcber die notwendigen Mittel verf\u00fcgt, nicht nur partikulare Interessen gegen die Unternehmer durchzusetzen, sondern auch deren politische Macht in Bedr\u00e4ngnis zu bringen. Dieses Potential verleiht ihr auch den Einfluss, andere Klassen und Schichten zu mobilisieren. Denn ihre \u00f6konomischen und demokratischen Forderungen k\u00f6nnen auch die anderen gesellschaftlichen Gruppen betreffen.<\/p>\n<p>Leider konnte die Arbeiterklasse der T\u00fcrkei diese Macht bisher nicht ins Spiel bringen und ihren Platz innerhalb der gesellschaftlichen Bewegungen einnehmen. Arbeiter, insbesondere junge und aufgekl\u00e4rte, unterst\u00fctzen zwar individuell oppositionelle Kr\u00e4fte. Die Beteiligung am politischen Kampf als organisierte Klasse ist indes noch ziemlich schwach, steckt noch in den Anf\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Das hat zwei Ursachen. Erstens verfolgt die gro\u00dfe Mehrheit der Gewerkschaften als Organisationen der Arbeiterklasse die Entwicklungen au\u00dferhalb ihres unmittelbaren Zust\u00e4ndigkeitsbereichs mit gro\u00dfem Desinteresse. Sie beteiligen sich nicht am demokratischen Kampf. Sie verfolgen bewusst eine Politik, die darauf ausgerichtet ist, die allgemeinen Probleme mit den spezifischen der Arbeiterklasse nicht in einen Zusammenhang zu r\u00fccken. Auch die klasseninternen Unterst\u00fctzungs- und Solidarit\u00e4tsaktionen sind kleinteilig oder auf die jeweiligen Branchen begrenzt. Die kurdische Frage als das schwerwiegendste Problem des Landes, das zu einem seit 30 Jahren anhaltenden Krieg gef\u00fchrt hat, wird von vielen Gewerkschaften v\u00f6llig tabuisiert. Manche sehen darin gar ausschlie\u00dflich ein Problem des Terrors oder separatistischer Bestrebungen. Auch in der Alltagpolitik verhalten sich die Gewerkschaftsf\u00fchrungen nicht anders. Um die Arbeiter von diesen Fragen fernzuhalten, unternehmen sie alles M\u00f6gliche und suchen in Angelegenheiten, die die Arbeiterklasse unmittelbar betreffen, den Konsens mit der Regierung und den Organisationen der Bourgeoisie.<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass beide Aspekte eng miteinander verkn\u00fcpft sind. Arbeiter von der Politik fernzuhalten, das schafft gleichzeitig erleichterte Voraussetzungen f\u00fcr die Aufgabe der Vertretung eigener Interessen. Die F\u00fchrung der DISK (Konf\u00f6deration Revolution\u00e4rer Arbeitergewerkschaften) hat dieses Defizit erkannt und zur Teilnahme an den Friedensaktionen im vergangenen Jahr aufgerufen. Ihre Mitglieder beteiligten sich zahlreich daran. Zu den Opfern der Bombenanschl\u00e4ge von Ankara z\u00e4hlten auch viele von der DISK. Der gewerkschaftliche Zusammenschluss hat auch nach dem Anschlag in Ankara die Proteste und die Friedensaktionen weitergef\u00fchrt. Bei der Vorbereitung eines zweit\u00e4gigen Streiks und einer dreit\u00e4gigen Trauerkundgebung nahm die DISK eine herausragende Stellung ein.<\/p>\n<p>Im Ganzen aber muss die Rolle der organisierten Arbeiter in der Demokratie- und Friedensbewegung als unzureichend bewertet werden. Es ist offensichtlich, dass die Schw\u00e4chen und Defizite der Friedensbewegung nicht ausgeglichen werden k\u00f6nnen, wenn die st\u00e4rkste und wirkungsvollste Kraft, die Arbeiterklasse, nicht die tragende Rolle \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p>Der Krieg in Syrien hat das Potential zu einem Konflikt zwischen den imperialistischen L\u00e4ndern. Die T\u00fcrkei befindet sich inmitten dieser Krise \u2013 sowohl geographisch wie auch politisch. In einer Situation, in der s\u00e4mtliche Probleme miteinander verkn\u00fcpft sind und die Schritte, die zu einer L\u00f6sung oder in eine Sackgasse f\u00fchren k\u00f6nnen, ebenfalls voneinander abh\u00e4ngen, gibt es f\u00fcr die Arbeiterklasse viele M\u00f6glichkeiten, sich im Kampf f\u00fcr den Frieden an vorderster Front zu positionieren. Zentrale und unaufschiebbare Aufgabe ist es, eine gro\u00dfe demokratische B\u00fcrgerbewegung gegen Krieg und Faschismus zu organisieren. Der erste Schritt dazu w\u00e4re eine Einheit innerhalb Arbeiterbewegung. Danach m\u00fcsste eine politische Bewegung, eine Opposition organisiert werden, die die Arbeiterklasse mit den anderen arbeitenden Kr\u00e4ften, mit den unterdr\u00fcckten V\u00f6lkern und den religi\u00f6s unterdr\u00fcckten Minderheiten vereint.<\/p>\n<p><em>Quelle: Junge Welt vom 8. Januar 2016. \u00dcbersetzung aus dem T\u00fcrkischen: Mehmet Calli <\/em><\/p>\n<p><em>Aydin Cubukcu ist politischer Aktivist, Schriftsteller, Revolution\u00e4r und Chefredakteur der Zeitschrift Evrensel K\u00fclt\u00fcr sowie von Hayat TV. Er sa\u00df 19 Jahre in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen und wurde 1991 freigelassen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aydin Cubukcu. Mit Beginn des Syrien-Krieges wurde die T\u00fcrkei zu einem Problemstaat im Nahen Osten. Die AKP-Regierungen hatten fast 15 Jahre ein au\u00dfenpolitisches Programm entwickelt, das gerade auf den Nahen Osten und insbesondere<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[18,49,54],"class_list":["post-905","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-imperialismus","tag-repression","tag-tuerkei"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=905"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":906,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions\/906"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=905"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}