{"id":9063,"date":"2021-01-04T09:15:37","date_gmt":"2021-01-04T07:15:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9063"},"modified":"2021-01-04T09:15:38","modified_gmt":"2021-01-04T07:15:38","slug":"kein-land-in-sicht-corona-vs-capitalism","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9063","title":{"rendered":"Kein Land in Sicht? Corona vs. Capitalism"},"content":{"rendered":"<p><em>Christoph Morich. <\/em>Die gegenw\u00e4rtigen Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie f\u00fchren uns deutlicher denn je vor Augen, welche Position die Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft einnehmen: sie sind das Anh\u00e4ngsel ihrer Produktionsverh\u00e4ltnisse, die<!--more--> zwar von ihnen t\u00e4glich gemacht, doch nicht von ihnen kontrolliert werden. Sie sollen f\u00fcr m\u00f6glichst wenig Geld arbeiten, f\u00fcr m\u00f6glichst viel Geld konsumieren und dieses Leben als das alternativlos bejubeln. Unverfroren appellieren Politiker*innen aller Couleur an die Solidarit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung, die darin bestehen soll, alles was Geld generiert weiterzubetreiben und alles andere zu unterlassen. Der Weihnachtseinkauf wird zum \u201epatriotischen Akt\u201c (Peter Altmaier) und die Sph\u00e4re der Arbeit bleibt \u2013 egal, wie spinnefeind sich die Politiker*innen in allen sonstigen Fragen der Pandemie-Bek\u00e4mpfung sind \u2013 unangetastet. Der Kapitalismus ist zur \u201ezweiten Natur\u201c (Marx) geworden und auf die l\u00e4sst sich offenbar noch weniger Einfluss nehmen als auf die erste, gegen deren Unannehmlichkeiten zumindest noch ein Impfstoff entwickelt werden kann. Und da der noch nicht f\u00fcr alle da ist, aber die R\u00e4der der Fabrik und die Drohnen bei Amazon niemals stillstehen d\u00fcrfen, m\u00fcssen viele Familien nun in Kauf nehmen, dass ein Gro\u00dfelternteil nicht nur dieses Jahr, sondern nie mehr mit unter dem Weihnachtsbaum sitzen wird. Schuld daran tr\u00e4gt aber in den \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rungen nicht etwa die ausbeutende Klasse, die Menschen zwingt, in \u00fcberf\u00fcllten S-Bahnen zu ihren Arbeitsst\u00e4tten ohne ernst zu nehmende Hygienekonzepte zu fahren, sondern chronologisch in dieser Reihenfolge: Familienfeiern, alkoholisierte Jugendliche und Gl\u00fchweintrinker*innen. Tritt man f\u00fcr einen Moment aus dem Spektakel der Corona-Berichterstattung zur\u00fcck, in der man t\u00e4glich mit den neusten Fallzahlen, dem aktuellsten Streit zwischen Bund und L\u00e4ndern und der letzten Ermahnung von Markus S\u00f6der bombardiert wird, f\u00e4llt es einem t\u00e4glich schwerer nachzuvollziehen, warum mittlerweile nicht der*die letzte Politiker*in aus dem Amt gejagt, das Kapital enteignet und diese Pandemie besiegt ist. Zumindest letzteres ist in vielen anderen L\u00e4ndern schon seit L\u00e4ngerem der Fall.<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich: die allt\u00e4gliche Barbarei des Kapitalismus spitzt sich im Zuge der Corona-Pandemie weiter zu. Und auch daraus macht die b\u00fcrgerliche Presse keinen Hehl. So res\u00fcmiert die\u00a0<em>FAZ<\/em>\u00a0die \u00f6konomischen Ver\u00e4nderungen des letzten Jahres: \u201eDas Virus bringt Elend und Armut in die Welt. Unternehmen gehen Pleite, Arbeitspl\u00e4tze verloren. Das ist die eine Seite der Pandemie. Auf der anderen Seite steht der Glanz jener Unternehmen, die von der Coronakrise profitieren. Dies sind vor allem die Vorreiter aus der digitalen Welt, die mit zerst\u00f6rerischer Kraft lang etablierte Gesch\u00e4ftsmodelle zum Kollaps bringen. Diesen Trend gab es schon vor Corona. Aber das Virus hat ihn beschleunigt.\u201c W\u00e4hrend der Gro\u00dfteil der Pfleger*innen, die zu Beginn des Jahres von deutschen Balkonen beklatscht wurden, heute keinen Cent mehr verdient und daf\u00fcr auch noch l\u00e4nger arbeiten muss, kam es unter den Superreichen zu einer Verm\u00f6genssteigerung, dessen Dimensionen sich, wenn \u00fcberhaupt, nur noch durch gewitzte Rechenspielchen begreifen lassen. So k\u00f6nnte etwa Jeff Bezos jedem*r seiner weltweit 840.400 Mitarbeiter*innen \u00fcber 100.000 Dollar schenken und w\u00e4re noch immer so reich wie zu Beginn der Pandemie im M\u00e4rz dieses Jahres.<\/p>\n<p>Die andere Seite des sozio\u00f6konomischen Gef\u00e4lles, das Elend dieser Welt, l\u00e4sst sich dagegen ohne gedankliche Hilfskonstruktionen begreifen. Nach Sch\u00e4tzungen der Weltbank werden bis Ende des Jahres bis zu 115 Millionen Menschen mehr als im letzten Jahr in die absolute Armut gedr\u00e4ngt, was hei\u00dft, dass sie mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben m\u00fcssen. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihre Grundbed\u00fcrfnisse zu befriedigen und m\u00fcssen dauerhaft um das eigene \u00dcberleben k\u00e4mpfen. Und auch das Elend in den europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingslagern wurde in der vergangenen Woche wieder sehr plastisch, als \u00c4rzt*innen aus Moria berichteten, dass sie in erster Linie Kinder behandeln m\u00fcssen, deren Extremit\u00e4ten in der Nacht von Ratten angeknabbert werden, die in den unhygienischen Zust\u00e4nden der Lager \u2013 im Gegensatz zu den darin lebenden Menschen \u2013 die idealen Lebensbedingungen vorfinden. Ob diese Meldung es bis dato nicht in die b\u00fcrgerliche Presse schaffte, weil sie die sowieso schon getr\u00fcbte weihnachtliche Stimmung noch weiter vermiest h\u00e4tte, l\u00e4sst sich wohl nicht endg\u00fcltig beurteilen. Das Elend an den Toren Europas nach und nach aus der \u00f6ffentlichen Berichterstattung verschwinden zu lassen, scheint auf jeden Fall schon seit L\u00e4ngerem auf der Agenda der gro\u00dfen Medienkonzerne zu stehen.<\/p>\n<p>Die kurze Hoffnung, dass sich die Dinge im Zuge der jetzigen Krise vielleicht doch einmal zum Besseren wenden k\u00f6nnten, die zu Beginn der Corona-Pandemie f\u00fcr einen Moment zu versp\u00fcren war, ist auf jeden Fall verflogen. Stattdessen m\u00fcssen wir bilanzieren, dass die Welt genauso barbarisch geblieben ist, wie sie davor war. Diese grundlegendste Erkenntnis \u00fcber die Gegenwart zu verleugnen und auch aus der letzten Schei\u00dfe noch die Hoffnung auf Gold zu machen, geh\u00f6rt zu den wesentlichen Aufgaben b\u00fcrgerlicher Ideologie. So schreibt das Springer-Blatt\u00a0<em>Die Welt<\/em>\u00a0im Hinblick auf die verheerenden Folgen der Corona-Pandemie im globalen S\u00fcden: \u201eMitunter kann die Krise sogar als Chance wirken. So h\u00e4tten L\u00e4nder wie Ecuador, die Philippinen und Uganda nach Ansicht der Weltbank die Gelegenheit genutzt und wichtige regulatorische Reformen auf den Weg gebracht und ihre Investitionen in die Digitalisierung erh\u00f6ht.\u201c Die j\u00fcngste Krise bietet also erneut die Chance, sich f\u00fcr die Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu wappnen, um irgendwann nicht mehr zu den Verlierern geh\u00f6ren zu m\u00fcssen. Denn es ist wie in der Bundesliga: wenn sich nur alle Teams genug anstrengen, werden am Ende alle deutscher Meister.<\/p>\n<p>Im Spott \u00fcber den deutschen Idealismus, der es niemals geschafft hat, die materiellen Ursachen des Elends der Welt ins Auge zu fassen, schrieb Karl Marx bereits vor \u00fcber 170 Jahren folgendes Gleichnis nieder: \u201eEin wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertr\u00e4nken nur im Wasser, weil sie vom Gedanken der Schwere besessen w\u00e4ren. Schl\u00fcgen sie sich diese Vorstellung aus dem Kopfe, etwa indem sie dieselbe f\u00fcr eine abergl\u00e4ubige, f\u00fcr eine religi\u00f6se Vorstellung erkl\u00e4rten, so seien sie \u00fcber alle Wassersgefahr erhaben. Sein Leben lang bek\u00e4mpfte er die Illusion der Schwere, von deren sch\u00e4dlichen Folgen jede Statik ihm neue und zahlreiche Beweise lieferte.\u201c Der Idiotie des wackren Mannes entspricht heute der \u00f6ffentliche Diskurs \u00fcber die Reformierbarkeit dieses Systems, der permanent und im Zuge von Krisen noch etwas lauter zu vernehmen ist. So wie dem wackren Mann, die Ursache des Ertrinkens niemals in der Schwerkraft zu liegen scheint, so wenig sind es f\u00fcr die Apologet*innen des Kapitalismus die Gesetze dieser Produktionsweise, die das t\u00e4gliche Elend erzeugen. Und so wird, anstatt diesen Irrsinn endlich zu beenden, in jeder Krise aufs Neue nach dem bisher \u00fcbersehenen Kniff gesucht, der die kapitalistische Gesellschaft zu einer lebenswerten Gesellschaft f\u00fcr alle werden l\u00e4sst \u2013 den Kapitalismus also nicht mehr so funktionieren l\u00e4sst, wie er nach den Erkenntnissen jeder ernst zu nehmenden Analyse funktioniert.<\/p>\n<p>Das staatliche Handeln w\u00e4hrend der momentanen Krise gibt einen Ausblick, was uns bez\u00fcglich der noch viel verheerenderen Verwerfungen im Zuge des Klimawandels erwarten wird. Das System muss gerettet werden, egal wie viele Menschen daf\u00fcr sterben. Um im Bilde zu bleiben: Das Boot, in dem wir laut Politik alle gemeinsam sitzen, ist die Titanic. Die wird \u2013 entgegen aller anderen Verlautbarungen \u2013 untergehen und die Rettungsboote werden dann bereits f\u00fcr die 1. Klasse reserviert sein. Statt dem Orchester spielt auf dem Deck dann wahrscheinlich ein DJ, der versucht, den Untergang des Schiffes noch in letzter Sekunde wegzubassen. Um das zu verhindern, braucht es die Einsicht in die Schwerkraft und dann die Meuterei.<\/p>\n<p><em># Titelbild: Metro Centric, CC BY-NC 2.0, Capitalism Kills<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2021\/01\/04\/kein-land-in-sicht-corona-vs-capitalism\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Januar 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Morich. 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