{"id":9081,"date":"2021-01-05T12:53:43","date_gmt":"2021-01-05T10:53:43","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9081"},"modified":"2021-01-05T12:53:44","modified_gmt":"2021-01-05T10:53:44","slug":"russland-krise-und-brutale-verarmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9081","title":{"rendered":"Russland: Krise und brutale Verarmung"},"content":{"rendered":"<p><em>Pierre Lafitte.<\/em> <strong>Die Beh\u00f6rden in den grossen russischen St\u00e4dten haben angek\u00fcndigt, dass bei ihnen das Brot f\u00fcr das neue Jahr ausgehen k\u00f6nnte, da die Nachfrage explodiere. Viele Verbraucher kompensieren n\u00e4mlich den Verzicht auf Obst<\/strong><!--more--> <strong>und Gem\u00fcse, Zucker und Fleisch mit Brot, denn die Preise f\u00fcr diese Lebensmittel haben sich innerhalb weniger Monate teilweise verdoppelt, verdreifacht oder sind sogar noch mehr angestiegen. Und das alles vor dem Hintergrund stark sinkender Einkommen.<\/strong><\/p>\n<p>Die russischen Beh\u00f6rden beziffern den Kaufkraftverlust \u00fcber ein Jahr auf 4 %. In Wirklichkeit bel\u00e4uft sich dieser viel h\u00f6her; 30 % der Russen sagen laut Umfragen, dass sie in Armut leben.<\/p>\n<p>Putin wollte sich k\u00fcrzlich in einer Fernseh-Talkshow dar\u00fcber entr\u00fcstet zeigen. Er schob die Schuld auf die B\u00fcrgermeister und Gouverneure, die die Ausl\u00f6ser dieser Missst\u00e4nde seien. Er befahl ihnen, die Kaufkraft der Bev\u00f6lkerung zu sichern, indem sie die Preise f\u00fcr bestimmte Lebensmittel deckelten. Infolgedessen ist zum Beispiel preisregulierter Zucker aus den Gesch\u00e4ften verschwunden, wo nur Rohrzucker oder Zucker h\u00f6herer Qualit\u00e4t zu einem viel h\u00f6heren Preis zu finden ist, weil er unreguliert ist. Das erinnert an die \u00abDefitsits\u00bb, jene unauffindbaren Waren, die als Besonderheit des Sowjetregimes dargestellt wurden.<\/p>\n<p>Im Fernsehen sagte Putin nichts \u00fcber andere Auswirkungen der Krise: die beschleunigte Abwertung des Rubels, die importierte Produkte teurer macht, ohne dass die L\u00f6hne nachziehen.<\/p>\n<p>Die globale Krise trifft Russland sichtbar: ein kontinuierlicher R\u00fcckgang der Industrieproduktion, ein R\u00fcckgang der Erd\u00f6l- und Erdgasexporte&#8230; Innerhalb weniger Monate befanden sich Millionen von Werkt\u00e4tigen in Industrie und Dienstleistung in Kurzarbeit mit einem l\u00e4cherlich ungen\u00fcgenden Lohnausgleich. Viele andere verloren ihre Arbeit ganz und gar. Und der damit einhergehende Einkommensverlust hat ganze Teile der Arbeiterklasse, aber auch des Kleinb\u00fcrgertums, in die Armut getrieben: Kleingewerbe, freie Berufe und so weiter.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang h\u00e4ufen sich die Streiks f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen oder f\u00fcr die einfache Auszahlung der L\u00f6hne, wie es in den 90er Jahren nach dem Zusammenbruch der UdSSR der Fall war.<\/p>\n<p>Innerhalb von zehn Tagen im Dezember f\u00fchrte dies, um nur einige grosse St\u00e4dte und Unternehmen zu nennen, zu einem Streik der Arbeiter und Arbeiterinnen in einer Automobilfabrik in Novokuznetsk (6 Millionen Rubel Lohnr\u00fcckst\u00e4nde), in einer Papier- und Kartonfabrik am Ussuri-Fluss (vier Monate unbezahlte L\u00f6hne; die Justiz leitete, was nur selten vorkommt, eine Untersuchung gegen den Unternehmer ein), im \u00f6ffentlichen Nahverkehr in Rybinsk, durch die Arbeiter und Arbeiterinnen in einer \u00d6lf\u00f6rderanlage von Rosneft, das Pflegepersonal in Wladimir, das Personal im medizinischen Notfalldienst in verschiedenen St\u00e4dten usw.<\/p>\n<p>Um die sich verschlechternde soziale Situation vergessen zu machen, br\u00fcsten sich die russischen Beh\u00f6rden damit, dass sie am 4. Dezember als erste in Europa eine Impfkampagne mit ihrem eigenen Impfstoff gestartet haben, Sputnik V.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass die Wirksamkeit dieses Impfstoffes \u2013 selbst vom verb\u00fcndeten und verpflichteten belarussischen Lukaschenko bezweifelt \u2013 immer noch Fragen aufwirft, weiss die Bev\u00f6lkerung, dass sie angesichts des Virus ohne Hilfe dasteht, monatelang hin- und hergeworfen zwischen den Befehlen und Gegenbefehlen der Unternehmer und der Beh\u00f6rden. Die Epidemie flammt immer weiter auf, so dass die Krankenh\u00e4user, die in den Provinzen, aber auch in der reichsten Region, in Moskau mit seinen 12 Millionen Einwohnern, \u00fcbervoll sind, oft nicht mehr in der Lage sind, die Kranken aufzunehmen. Ambulanzfahrer und Pflegerinnen prangern dies an&#8230; und manchmal k\u00e4mpfen auch sie um ihre Jobs und Geh\u00e4lter.<\/p>\n<p><em>#Bild: Streikende Arbeiter in der Fahrzeugfarik BelAz in <\/em><em>Schodsina, Belarus; Quelle: <u>Flugblatt der belarussischen Linken an die Arbeiter <\/u><\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"https:\/\/journal.lutte-ouvriere.org\/2020\/12\/29\/russie-crise-et-appauvrissement-brutal_153787.html\">lutte-ouvriere.org&#8230;<\/a> vom 5. Januar 2021\u00a0; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pierre Lafitte. Die Beh\u00f6rden in den grossen russischen St\u00e4dten haben angek\u00fcndigt, dass bei ihnen das Brot f\u00fcr das neue Jahr ausgehen k\u00f6nnte, da die Nachfrage explodiere. 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