{"id":9169,"date":"2021-01-25T09:39:55","date_gmt":"2021-01-25T07:39:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9169"},"modified":"2021-01-25T09:39:57","modified_gmt":"2021-01-25T07:39:57","slug":"grossbritannien-streiks-und-die-komplizenschaft-der-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9169","title":{"rendered":"Gro\u00dfbritannien: Streiks und die Komplizenschaft der Gewerkschaften"},"content":{"rendered":"<p><em>Thomas Scripps. <\/em><strong>Die Streiks bei British Gas, British Airways sowie den Logistikunternehmen DHL und Eddie Stobart in Gro\u00dfbritannien gehen weiter. Auch bei dem Busunternehmen Go North West steht ein Streik bevor. Diese Entwicklung<\/strong><!--more--> <strong>ist ein Anzeichen daf\u00fcr, dass die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie die Unterdr\u00fcckung von Arbeitsk\u00e4mpfen, die sie w\u00e4hrend der Pandemie durchgesetzt hat, nicht mehr aufrechterhalten kann.<\/strong><\/p>\n<p>Als das Coronavirus Europa erreichte, kam es in Gro\u00dfbritannien und ganz Europa zu spontanen Arbeitsk\u00e4mpfen f\u00fcr die Sicherheit der Arbeiter. Um eine drohende soziale Explosion abzuwehren, mussten Premierminister Boris Johnson und seine Amtskollegen im Rest Europas Lockdowns einf\u00fchren und Arbeiter kurzfristig nach Hause schicken. Gleichzeitig arbeiteten die Gewerkschaften Hand in Hand mit der Tory-Regierung daran, im Namen der \u201enationalen Einheit\u201c Streiks abzuw\u00fcrgen.<\/p>\n<p>Dadurch ermutigt, gingen die Konzerne zu heftigen Angriffen auf die Arbeitspl\u00e4tze und Arbeitsbedingungen der Besch\u00e4ftigten \u00fcber. Vor allem nach dem ersten Lockdown begannen verschiedene Unternehmen brutale Kampagnen, in denen sie Arbeiter zwangen, schlechtere Arbeitsvertr\u00e4ge zu akzeptieren, indem sie ihnen mit Entlassung drohten, falls sie ablehnen.<\/p>\n<p>Diese Angriffe fanden vor dem Hintergrund wachsender Arbeitslosigkeit und von Hunderttausenden Entlassungen statt. Die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie unterst\u00fctzte auch diese Angriffe mit ihren \u00fcblichen Tricks: Arbeitsk\u00e4mpfe wurden verz\u00f6gert, unterbrochen, isoliert und zerm\u00fcrbt. Danach wurde den Arbeitern eine Vereinbarung aufgezwungen, die die Gewerkschaften vorher mit dem Unternehmen ausgehandelt hatten.<\/p>\n<p>Teile der Arbeiterklasse haben sich jedoch durch die zahllosen \u201eBeratungsabstimmungen\u201c und Verhandlungsrunden des ACAS (die nationale Schlichtungsstelle f\u00fcr betriebliche Auseinandersetzungen) gek\u00e4mpft und ihre Gewerkschaften gezwungen, endlich Streiks zu organisieren.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Arbeitskampf findet bei British Gas statt. Mehr als 7.000 Ingenieure der Gewerkschaft GMB streikten Anfang des Monats gegen Pl\u00e4ne, Personal zu entlassen und zu schlechteren Bedingungen wieder einzustellen, wozu l\u00e4ngere Arbeitszeiten und Einkommensverluste in vierstelliger H\u00f6he geh\u00f6ren. Das Unternehmen hat mit einem massiven Umstrukturierungsprogramm begonnen, das Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und den Abbau von 5.000 Stellen vorsieht. Die Arbeiter streikten am 13. und 16. Januar, weitere Streiktage sind f\u00fcr heute, Freitag sowie den 1. Februar geplant.<\/p>\n<p>Die Muttergesellschaft Centrica steht unter gro\u00dfem Druck ihrer Aktion\u00e4re, nachdem sie in den letzten Jahren Verluste im hart umk\u00e4mpften Energiemarkt hinnehmen musste. Der Aktienkurs von British Gas ist in den letzten f\u00fcnf Jahren um 75 Prozent gesunken. Die Londoner\u00a0<em>Times<\/em>\u00a0titelte letzte Woche: \u201eKostensenkung soll Profite von British Gas erh\u00f6hen.\u201c<\/p>\n<p>Die GMB hat getan, was sie konnte, um ihren Mitgliedern einen faulen Kompromiss aufzuzwingen. Im August letzten Jahres haben die Mitglieder in einer der \u201eBeratungsabstimmungen\u201c f\u00fcr einen Streik gestimmt. Der erste Streiktag fand nach f\u00fcnf Monaten, erst in diesem Januar, statt. In der Zwischenzeit haben die Gewerkschaften, die Tausende von anderen Centrica-Besch\u00e4ftigten repr\u00e4sentieren, eine Vereinbarung mit dem Unternehmen geschlossen.<\/p>\n<p>Das Gleiche geschieht am Flughafen Heathrow, wo etwa 850 Besch\u00e4ftigten der Luftfrachtsparte von British Airways die Entlassung und Neueinstellung droht, wodurch ihre Arbeitsbedingungen verschlechtert und ihre L\u00f6hne um Tausende Pfund pro Jahr gesenkt werden sollen. Die Gewerkschaft Unite hat neun Tage \u201eunterbrochener Streikaktionen\u201c vom 21. Januar bis zum 7. Februar organisiert.<\/p>\n<p>Die Belegschaft von BA musste bereits im letzten Jahr Tausende Entlassungen und Lohnsenkungen hinnehmen. Auch die Vereinbarung, die dem zugrunde lag, hatte Unite ausgehandelt.<\/p>\n<p>In Manchester drohen fast 500 Busfahrern von Go North West, einem Teil der Go-Ahead Group, Entlassung und Neueinstellung. Das Unternehmen will die Zahl der Fahrer um zehn Prozent senken, eine Krankengeldvereinbarung abschaffen und die Zahl der unbezahlten Arbeitsstunden erh\u00f6hen, was einer Lohnsenkung um 2.500 Pfund pro Jahr gleichkommt.<\/p>\n<p>Im September stimmte bei einer Beratungsabstimmung von Unite eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit f\u00fcr einen Streik, doch die Gewerkschaft organisierte nichts. Stattdessen schlug sie dem Unternehmen vor, ihren Plan zur \u201eKostensenkung um eine Million Pfund und Nullrunden im Wert von 200.000 Pfund\u201c zu akzeptieren. Go North West lehnte dies ab und versucht nun, die Fahrer in Einzelgespr\u00e4chen zu zwingen, den neuen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen. Die Gewerkschaft erkl\u00e4rte, sie werde \u00fcber einen tats\u00e4chlichen Streik abstimmen lassen, doch nannte bisher kein Datum.<\/p>\n<p>Genau wie Centrica sind der British-Airways-Mutterkonzern International Airline Group und die Go-Ahead Group milliardenschwere Konzerne, deren Aktienkurse aber schw\u00e4cheln. Deshalb versuchen sie, durch K\u00fcrzungen bei den Arbeitern ihre Profite zu erh\u00f6hen, um ihre Investoren zufriedenzustellen.<\/p>\n<p>Andere systemrelevante Arbeiter, die trotz der Pandemie arbeiten m\u00fcssen, erhalten weiterhin Armutsl\u00f6hne, w\u00e4hrend die Unternehmen Rekordprofite einfahren. Die Pandemie war von der immensen Bereicherung einer winzigen Oligarchie auf der einen Seite und der Verarmung der Arbeiterklasse auf der anderen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Diese Fragen zeigen sich am deutlichsten im Streik bei DHL in Croxteth bei Liverpool. Die 120 Arbeiter, die Unite dort repr\u00e4sentiert, erf\u00fcllen einen Liefervertrag mit Burton Biscuits und AB World Foods. Sie haben mehrere Tage w\u00e4hrend der Weihnachtszeit gestreikt und am letzten Mittwoch und Donnerstag erneut f\u00fcr 48 Stunden. Weitere Aktionen sind f\u00fcr den 2., 3., 4., 5., 8. und 9. Februar geplant.<\/p>\n<p>Die Streikenden fordern eine Lohnerh\u00f6hung und ein Ende der Diskriminierung von Gewerkschaftsmitgliedern. Sie erhalten einen Stundenlohn von 8,94 Pfund, was nur 2,5 Pence \u00fcber dem Mindestlohn liegt, wenn dieser im April erh\u00f6ht wird. Laut dem Regionalvertreter von Unite, Kenny Rowe, wurden mehrere Mitglieder \u201eauf Anweisung des Managements unter fadenscheinigen Vorw\u00e4nden suspendiert oder entlassen\u201c. W\u00e4hrend der Streiks im Dezember rief das Management zu mindestens zehn verschiedenen Anl\u00e4ssen die Polizei zu den Streikposten. Teilweise waren bis zu drei Polizeifahrzeuge auf einmal beteiligt.<\/p>\n<p>DHL geh\u00f6rt der Deutschen Post, einem der 30 gr\u00f6\u00dften Unternehmen in Deutschland und das gr\u00f6\u00dfte Kurierdienst-Unternehmen der Welt. Im Jahr 2020 verzeichnete die Deutsche Post eine Steigerung der Gewinne um 17 Prozent auf die Rekordsumme von 4,84 Milliarden Euro, haupts\u00e4chlich weil das Gesch\u00e4ft von DHL durch die Pandemie boomt. Auch f\u00fcr 2021 und 2022 rechnet das Unternehmen mit steigenden Profiten.<\/p>\n<p>Der Aktienkurs des Unternehmens ist in den letzten 12 Monaten um 27 Prozent gestiegen. In den letzten vier Jahren hat es Dividenden im Gesamtwert von 1,4 Milliarden Euro ausgezahlt.<\/p>\n<p>Zuerst zog Unite den Arbeitskampf bei DHL mit fruchtlosen Verhandlungen mit dem ACAS in die L\u00e4nge. Nachdem das Unternehmen alle Zugest\u00e4ndnisse verweigerte, rief Unite zum Streik f\u00fcr ein Tarifabkommen auf, das einen Lohn von nur 50 Pence \u00fcber dem Mindestlohn vorsah. Danach sagte die Gewerkschaft als Zeichen ihres \u201eguten Willens\u201c f\u00fcnf Streiktage Ende Dezember und Anfang Januar ab, um die Verhandlungen mit DHL wieder aufzunehmen. Diese Scharade brach nach kurzer Zeit zusammen und Rowe gab zu, dass das Unternehmen ein \u201ev\u00f6llig inakzeptables Angebot gemacht hat, das die Bed\u00fcrfnisse der Arbeiter in keiner Weise erf\u00fcllt\u201c.<\/p>\n<p>Die Fahrer bei Eddie Stobart Logistics befinden sich in einer \u00e4hnlichen Lage. Das Unternehmen hat den Lastwagenfahrern in Warrington, die an den Lebensmittelhersteller Walkers Crisps \u00fcberlassen wurden, eine Nullrunde verordnet. Eddie Stobart weigert sich, mit Unite zu verhandeln. Ab dem 26. Dezember verweigerten die Fahrer drei Wochen lang \u00dcberstunden. Ab Montag werden sie sich bis zum 16. Februar weigern, mehr zu arbeiten, und danach f\u00fcr vier Tage streiken. Eine weitere \u00dcberstundenverweigerung ist im Zeitraum vom 20. bis 27. Februar geplant und ein weiterer Streik vom 28. Februar bis zum 2. M\u00e4rz.<\/p>\n<p>Schon im Mai 2019 erhielt Unite von den Arbeitern erstmals das Mandat f\u00fcr einen Streik und organisierte daraufhin eine Reihe von Streiks und \u00dcberstundenverweigerungen. Diese wurden jedoch ausgesetzt, nachdem das Unternehmen versprach, mit der Gewerkschaft zu verhandeln \u2013 als weiteres \u201eZeichen des guten Willens\u201c vonseiten der Gewerkschaft.<\/p>\n<p>Aufgrund der gestiegenen Nachfrage in Folge der Pandemie konnte Eddie Stobart Logistics sein Ergebnis von einem Verlust von sechs Millionen Pfund in den sechs Monaten bis Mai 2019 auf 16 Millionen Pfund Profit ein Jahr sp\u00e4ter verbessern.<\/p>\n<p>Diese Kampfaktionen verdeutlichen die wachsende Bereitschaft der Arbeiter, ihren Lebensstandards und ihrer Arbeitsbedingungen zu verteidigen. Sie machen jedoch auch deutlich, dass diese Stimmung in den Gewerkschaften keinen Ausdruck finden kann, da die Gewerkschaften mit den Interessen der Unternehmen verbunden sind und enge Beziehungen zu diesen unterhalten. Sie werden \u2013 wie sie es seit Jahrzehnten tun \u2013 begrenzte Aktionen organisieren, die sie bei der erstbesten Gelegenheit abbrechen k\u00f6nnen. Am Ende dieser Aktionen wird ein Vertrag zum Ausverkauf der L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen stehen, der vom Unternehmen bestimmt wird.<\/p>\n<p>Die Pandemie und die Wirtschaftskrise, mit der die Arbeiterklasse konfrontiert ist, erfordern einen Frontalangriff auf die Gro\u00dfkonzerne und eine massive Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Dieser kann von den Arbeitern nur unabh\u00e4ngig von der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie durch Aktionskomitees auf der Grundlage einer sozialistischen Perspektive organisiert werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/01\/25\/ukst-j25.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. Januar 2021<\/em><\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Scripps. Die Streiks bei British Gas, British Airways sowie den Logistikunternehmen DHL und Eddie Stobart in Gro\u00dfbritannien gehen weiter. Auch bei dem Busunternehmen Go North West steht ein Streik bevor. 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