{"id":9175,"date":"2021-01-26T09:00:47","date_gmt":"2021-01-26T07:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9175"},"modified":"2021-01-26T09:13:45","modified_gmt":"2021-01-26T07:13:45","slug":"zehn-jahre-aegyptische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9175","title":{"rendered":"Zehn Jahre \u00c4gyptische Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>Johannes Stern. <\/em><strong>Heute vor zehn Jahre begannen die Massenproteste in \u00c4gypten, die 18 Tage sp\u00e4ter zum Sturz des langj\u00e4hrigen Diktators Hosni Mubarak f\u00fchrten und Arbeiter und Jugendliche weltweit elektrisierten.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die \u00e4gyptische Revolution war ein machtvoller revolution\u00e4rer Aufstand, in dem die Arbeiterklasse die zentrale Rolle spielte. Am 25. Januar 2011 gingen in Kairo und anderen zentralen St\u00e4dten des Landes \u2013 darunter Suez, Port Said und Alexandria \u2013 Zehntausende auf die Stra\u00dfen. Am sogenannten \u201eFreitag des Zorns\u201c drei Tage sp\u00e4ter besiegten die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Massen dann in b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Auseinandersetzungen die ber\u00fcchtigten Sicherheitskr\u00e4fte des Regimes.<\/p>\n<p>In den folgenden Tagen demonstrierten in ganz \u00c4gypten Millionen. Der von Hunderttausenden besetzte zentrale Tahrir-Platz wurde zum internationalen Symbol des Aufstands, aber es war das Eingreifen der Arbeiterklasse, das Mubarak letztlich den entscheidenden Schlag versetzte. Am 7. und 8. Februar brach eine Welle von Streiks und Fabrik-Besetzungen im gesamten Land los, die auch nach Mubaraks Sturz am 11. Februar weiterging.<\/p>\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt der revolution\u00e4ren Entwicklung gab es Sch\u00e4tzungen zufolge 40 bis 60 Streiks pro Tag, allein im Februar 2011 waren es so viele wie im gesamten Jahr zuvor. Hunderttausende Arbeiter in den zentralen Industriezentren des Landes befanden sich im Streik. Darunter Suezkanalarbeiter und Stahlarbeiter in Suez und Port Said und die 27.000 Textilarbeiter von Ghazl al-Mahalla, der gr\u00f6\u00dften Industrieanlage \u00c4gyptens in Mahalla al-Kubra im Nildelta.<\/p>\n<p>Die&nbsp;<em>World Socialist Web Site<\/em>&nbsp;und das IKVI werteten die Entwicklungen in \u00c4gypten und Tunesien, wo Massenproteste wenige Wochen zuvor den Diktator Zine al-Abidine Ben Ali zu Fall gebracht hatten, als Beginn einer neuen revolution\u00e4ren Epoche. In einem Perspektivartikel mit dem Titel \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2011\/02\/pers-f02.html\">Die \u00e4gyptische Revolution<\/a>\u201c schrieb der Vorsitzende der internationalen Redaktion der WSWS David North:<\/p>\n<p><em>Die \u00e4gyptische Revolution versetzt dem kapitalistischen Triumphgeschrei, das der Aufl\u00f6sung der UdSSR durch die Sowjetb\u00fcrokratie 1991 folgte, einen vernichtenden Schlag. Klassenkampf, Sozialismus und Marxismus seien irrelevant f\u00fcr die moderne Welt, hie\u00df es. \u201eDie Geschichte\u201c \u2013 im Sinne von \u201eDie Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen\u201c, wie es bei Marx und Engels hei\u00dft \u2013 sei beendet. K\u00fcnftig seien f\u00fcr die Medien nur noch Revolutionen vorstellbar, die im Voraus mit einem \u201eFarbcode\u201c versehen, vom US-Au\u00dfenministerium politisch konzipiert und dann von wohlhabenden prokapitalistischen Teilen der Gesellschaft durchgef\u00fchrt werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieses selbstzufriedene und reaktion\u00e4re Szenario ist nun in Tunesien und \u00c4gypten zerplatzt. Jetzt meldet sich die Geschichte mit aller Macht zur\u00fcck. Was gegenw\u00e4rtig in Kairo und ganz \u00c4gypten vor sich geht, ist eine wirkliche Revolution. \u201eDer unbestreitbarste Charakterzug der Revolution ist die direkte Einmischung der Massen in die historischen Ereignisse\u201c, schrieb Trotzki, der wahre Spezialist auf diesem Gebiet. Diese Definition passt haargenau zu dem, was jetzt in \u00c4gypten geschieht.<\/em><\/p>\n<p>Zehn Jahre sp\u00e4ter herrscht in \u00c4gypten jedoch nicht die Arbeiterklasse, sondern eine von den imperialistischen M\u00e4chten unterst\u00fctzte blutr\u00fcnstige Milit\u00e4rdiktatur, die einen erneuten Aufstand der Massen f\u00fcrchtet und jedes Anzeichen von sozialer Opposition brutal unterdr\u00fcckt. Am 22. Januar verl\u00e4ngerte das \u00e4gyptische Parlament auf Gehei\u00df des neuen Diktators und fr\u00fcheren Generals von Mubaraks Gnaden Abdel Fatah al-Sisi den Ausnahmezustand um weitere drei Jahre. Seit dessen Putsch gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Mohammed Mursi im Juli 2013 verschwanden mehr als 60.000 politische Gefangene in den Folterkellern des Regimes. Tausende wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund eines neuen Aufschwungs des Klassenkampfs weltweit \u2013 befeuert durch die dramatischen Auswirkungen der Corona-Pandemie \u2013 und der immer offeneren Hinwendung der herrschenden Klasse zu Faschismus und Diktatur, ist es notwendig, die Lehren aus dieser Entwicklung zu ziehen. Wie war es m\u00f6glich, dass die Konterrevolution in \u00c4gypten obsiegte, und was sind die politischen Aufgaben f\u00fcr die kommenden Klassenauseinandersetzungen? Der Schl\u00fcssel zur Antwort auf diese zentrale Frage liegt im konkreten Studium der Ereignisse und der Rolle von politischen Tendenzen und Programmen. Das Hauptproblem der \u00e4gyptischen Revolution war das Fehlen einer revolution\u00e4ren F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Einen Tag vor Mubaraks Sturz warnte David North in einer weiteren&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2011\/02\/egak-f11.html\">Perspektive<\/a>:<\/p>\n<p><em>Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr droht den \u00e4gyptischen Arbeitern, wenn sich au\u00dfer den Namen und den Gesichtern des F\u00fchrungspersonals nichts politisch Substantielles \u00e4ndert, nachdem sie gen\u00fcgend gesellschaftliche Kraft entfaltet hat, um einem alternden Diktator die Macht aus den H\u00e4nden zu rei\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p><em>In anderen Worten: Wenn der kapitalistische Staat intakt bleibt. Wenn die politische Macht und die Kontrolle \u00fcber das Wirtschaftsleben in den H\u00e4nden der vom Milit\u00e4r gest\u00fctzten \u00e4gyptischen Kapitalisten und ihren imperialistischen Herren in Europa und Nordamerika verbleibt. Wenn Demokratieversprechen und soziale Reformen zur\u00fcckgenommen werden und bei erster Gelegenheit ein neues Regime brutaler Unterdr\u00fcckung eingesetzt wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Diese Gefahren sind nicht \u00fcbertrieben. Die gesamte Geschichte des revolution\u00e4ren Kampfes im zwanzigsten Jahrhundert zeigt, dass der Kampf f\u00fcr Demokratie und die Befreiung imperialistisch unterdr\u00fcckter L\u00e4nder nur durch die Macht\u00fcbernahme der Arbeiterklasse auf der Grundlage eines internationalistischen und sozialistischen Programms erfolgen kann, wie Leo Trotzki in seiner Theorie der permanenten Revolution ausgef\u00fchrt hat.<\/em><\/p>\n<p>In \u00c4gypten best\u00e4tigte sich diese Einsch\u00e4tzung. Alle Fraktionen und Parteien der Bourgeoisie und ihre stalinistischen und pseudolinken Anh\u00e4ngsel haben ihren im Kern konterrevolution\u00e4ren Charakter gezeigt. Sie kollaborierten mit den Imperialisten und verteidigten den \u00e4gyptischen Kapitalismus und seine Institutionen. Das gilt f\u00fcr die mittlerweile wieder verbotene Muslimbruderschaft, die als Regierungspartei vor dem Putsch mit dem Milit\u00e4r paktierte, Streiks und Proteste verbot und die imperialistischen Interventionen in Libyen und Syrien unterst\u00fctzte, genauso wie f\u00fcr nasseristische oder \u201eliberale\u201c Parteien.<\/p>\n<p>Hier nur einige der prominentesten Beispiele: So stellte etwa die Nationale Vereinigung f\u00fcr den Wandel mit Mohamed El Baradei den ersten Vizepr\u00e4sidenten in Sisis Putschregierung. Der F\u00fchrer der \u201eUnabh\u00e4ngigen Gewerkschaften\u201c Kamal Abu Eita trat als Arbeitsminister in die Regierung ein. Hamdeen Sabahi, der F\u00fchrer des nasseristischen Egyptian Popular Current, verteidigte \u00f6ffentlich die Massaker des Regimes. Als die Armee bei der Aufl\u00f6sung des Protestcamps von Mursi-Anh\u00e4ngern auf dem Rabaa El-Adaweya-Platz in Kairo mindestens 900 Putschgegner ermordete, darunter Frauen und Kinder, erkl\u00e4rte Sabahi im Fernsehen: \u201eWir werden Hand in Hand bleiben, das Volk, die Armee und die Polizei.\u201c<\/p>\n<p>Eine der korruptesten Str\u00f6mungen, die der Konterrevolution den Weg ebneten, waren die sogenannten Revolution\u00e4ren Sozialisten (RS), eine pseudolinke Gruppierung in \u00c4gypten, die u.a. enge Verbindungen zur Socialist Workers Party (SWP) in Gro\u00dfbritannien und der Linkspartei in Deutschland unterh\u00e4lt. In jedem Stadium der Revolution bestanden sie darauf, dass Arbeiter keine unabh\u00e4ngige Rolle spielen k\u00f6nnten, sondern sich im Kampf f\u00fcr ihre demokratischen und sozialen Rechte der einen oder anderen Fraktion der Bourgeoisie unterordnen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Nach Mubaraks Sturz sch\u00fcrten die RS Illusionen ins Milit\u00e4r, das unter der F\u00fchrung von Mubaraks fr\u00fcherem Verteidigungsminister Muhammed Tantawi die Macht \u00fcbernommen hatte. In einem Artikel f\u00fcr den britischen&nbsp;<em>Guardian<\/em>&nbsp;bezeichnete der RS-Aktivist Hossam el-Hamalawy \u201ejunge Offiziere und Soldaten\u201c als \u201eunsere Verb\u00fcndeten\u201c und erkl\u00e4rte, die Armee werde \u201eschlie\u00dflich den \u00dcbergang zu einer \u201azivilen\u2018 Regierung gestalten\u201c.<\/p>\n<p>Als das Milit\u00e4r gegen Proteste und Streiks vorging und Forderungen nach einer \u201ezweiten Revolution\u201c laut wurden, belebten die RS ihre fr\u00fchere Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Muslimbruderschaft wieder. In offiziellen Statements bezeichneten sie die Islamisten als \u201erechten Fl\u00fcgel der Revolution\u201c und riefen zur Stimmabgabe f\u00fcr Mursi in der Stichwahl der Pr\u00e4sidentschaftswahl 2012 auf. Mursis Sieg feierten sie anschlie\u00dfend als \u201eSieg der Revolution\u201c und \u201egro\u00dfen Erfolg gegen die Konterrevolution\u201c.<\/p>\n<p>Als in Folge der arbeiterfeindlichen und pro-imperialistischen Politik Mursis neue Streiks und Proteste ausbrachen, orientierten sich die RS wieder aufs Milit\u00e4r. Sie unterst\u00fctzten die Tamarod-Allianz, die u.a. von ElBaradei, dem \u00e4gyptischen Multimilliard\u00e4r Naguib Sawiris und ehemaligen Funktion\u00e4ren des Mubarak-Regimes finanziert wurde und die Milit\u00e4rs zum Sturz von Mursi aufrief. In einem Statement vom 19. Mai 2013 bezeichneten die RS Tamarod als \u201eeinen Weg, die Revolution zu vollenden\u201c, und erkl\u00e4rten ihre \u201eAbsicht, in vollem Umfang an dieser Kampagne teilzunehmen\u201c.<\/p>\n<p>Die Reaktion der RS auf den Milit\u00e4rputsch am 3. Juli best\u00e4tigte dann vollends ihren konterrevolution\u00e4ren Charakter. Sie feierten den Putsch als \u201ezweite Revolution\u201c und riefen die Demonstranten auf, \u201edie Revolution zu besch\u00fctzen\u201c. W\u00e4hrend das Milit\u00e4r den Unterdr\u00fcckungsapparat des Mubarak-Regimes wieder herstellte, verbreiteten die RS erneut die M\u00e4r, die Milit\u00e4rregierung k\u00f6nne zu demokratischen und sozialen Reformen gedr\u00e4ngt werden. In einer Erkl\u00e4rung vom 11. Juli riefen sie dazu auf, Druck auf die neue Regierung auszu\u00fcben, um \u201esofortige Ma\u00dfnahmen zur Erlangung von sozialer Gerechtigkeit f\u00fcr Millionen armer \u00c4gypter\u201c zu erreichen.<\/p>\n<p>Seitdem sind die RS vor allem bem\u00fcht, ihre Spuren zu verwischen. In seinem aktuellen Artikel zum Jahrestag der Revolution im SWP-Blatt&nbsp;<em>Socialist Worker<\/em>&nbsp;schreibt Hamalawy \u00fcber die konterrevolution\u00e4re Verschw\u00f6rung: \u201eDas Milit\u00e4r wandte sich im Geheimen an die s\u00e4kulare Opposition (Linke, arabische Nationalisten, Liberale) und sicherte sich deren Unterst\u00fctzung f\u00fcr einen Putsch im Juli 2013. Was folgte, waren die gr\u00f6\u00dften Massaker in \u00c4gyptens moderner Geschichte, unter dem Jubel der \u00e4gyptischen Linken.\u201c Hamalawy verschweigt geflissentlich, dass zu diesen \u201eLinken\u201c seine eigene Organisation und er selbst geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Die entscheidende Lehre aus der \u00c4gyptischen Revolution ist die Notwendigkeit, vor dem Ausbruch von Massenk\u00e4mpfen eine revolution\u00e4re F\u00fchrung aufzubauen. Nur so kann die politische Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiterklasse von der Bourgeoisie und ihren kleinb\u00fcrgerlichen Handlangern hergestellt und k\u00f6nnen die Massen mit einem sozialistischen Programm und der Perspektive der permanenten Revolution bewaffnet werden, um den Kapitalismus zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Das IKVI und seine Sektionen orientieren sich dabei an der Konzeption, die auch die bolschewistische Partei und ihre F\u00fchrer Lenin und Trotzki vor der Oktoberrevolution in Russland angeleitet hat. In der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2012\/10\/sep1-o20.html\">Resolution<\/a>, die auf dem Zweiten Nationalen Kongress der SEP (US) im Jahr 2012, also ein Jahr nach der \u00e4gyptischen Revolution, verabschiedet wurde, schrieben wir:<\/p>\n<p><em>Es reicht nicht aus, die Unvermeidlichkeit revolution\u00e4rer K\u00e4mpfe vorherzusagen und dann ihre Entwicklung abzuwarten. Solch eine Passivit\u00e4t hat nichts mit Marxismus gemein. Marxismus fordert die Einheit von theoretisch angeleiteter Erkenntnis und revolution\u00e4rer Praxis. Dar\u00fcber hinaus \u2013 wie das Nachspiel zu Mubaraks Sturz nur allzu klar darlegt \u2013 ist f\u00fcr den Sieg der sozialistischen Revolution eine revolution\u00e4re Partei erforderlich. Die Socialist Equality Party muss alles in ihrer Macht Stehende tun, um vor dem Ausbruch von Massenk\u00e4mpfen eine bedeutsame politische Pr\u00e4senz innerhalb der Arbeiterklasse zu etablieren \u2013 vor allem unter ihren fortgeschrittensten Elementen.<\/em><\/p>\n<p>Angesichts eines erneuten Aufschwungs des Klassenkampfs weltweit, muss diese Arbeit nun mit vielfacher Energie fortgesetzt werden. Darin besteht die Aufgabe des IKVI und seiner Sektionen und sympathisierenden Gruppen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/01\/25\/pers-j25.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. Januar 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Stern. 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