{"id":9255,"date":"2021-02-04T09:34:28","date_gmt":"2021-02-04T07:34:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9255"},"modified":"2021-02-04T09:34:29","modified_gmt":"2021-02-04T07:34:29","slug":"solidarisch-gegen-corona-wir-haben-einen-nerv-getroffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9255","title":{"rendered":"Solidarisch gegen Corona: &#8222;Wir haben einen Nerv getroffen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00c4rger auf deutschen Spargelh\u00f6fen, Streiks gegen mangelnden Gesundheitsschutz, ein besetztes McDonalds in Marseille: Seit M\u00e4rz dokumentiert der Blog\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.coronasoli.org\/\"><strong><em>SOLIDARISCH GEGEN CORONA<\/em><\/strong><\/a><em>\u00a0vor allem die weltweiten K\u00e4mpfe w\u00e4hrend und <\/em>wegen<!--more--> <em>der Pandemie, verbindet dies aber auch mit weitergehenden Debatten \u00fcber Arbeiter*innenmacht und die \u00dcberwindung der jetzigen miserablen Ordnung. Was dabei bislang herausgekommen ist, l\u00e4sst sich einem von der feministischen Zeitschrift\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.outside-mag.de\/\"><strong><em>OUTSIDE THE BOX<\/em><\/strong><\/a><em>\u00a0gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch mit Beteiligten entnehmen, das wir hier gleich nochmal ver\u00f6ffentlichen, weil in ihm Grundlinien einer sozialrevolution\u00e4ren Antwort auf den ganzen Schlamassel deutlich werden.<\/em><\/p>\n<p>*****<\/p>\n<p><strong>INSIDE THE FOX:<\/strong>\u00a0Euren Blog \u201cSolidarisch gegen Corona\u201d gibt es seit Mitte M\u00e4rz 2020. Wie kamt ihr zu diesem Zeitpunkt auf die Idee, soziale K\u00e4mpfe, Arbeits- und Klassenk\u00e4mpfe w\u00e4hrend der Corona-Pandemie zu dokumentieren?<\/p>\n<p><strong>SOLIDARISCH GEGEN CORONA<\/strong>: In der ersten M\u00e4rzh\u00e4lfte ging es uns wie vielen anderen auch: es gab in diesen Tagen irgendwann einen Moment, an dem man realisiert hat, dass die Corona-Pandemie das eigene Leben unmittelbar betrifft und radikal \u00e4ndern wird. Sei es ganz direkt dadurch, dass man selbst oder liebe Menschen krank werden w\u00fcrden oder durch die enormen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen, die sich in rasantem Tempo einstellten. In den Medien jagten sich Berichte \u00fcber den Zusammenbruch der Versorgung in italienischen Krankenh\u00e4usern, \u00fcber Grenzschlie\u00dfungen und den Sturz der B\u00f6rsenkurse. Schnell zeichnete sich ab, dass die Pandemie eine langwierige Krise ausl\u00f6sen wird, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der ungeheuren Mehrzahl weiter zu verschlechtern droht. Diese Eindr\u00fccke und Ereignisse haben uns dazu bewogen, den Blog ins Leben zu rufen. Das hatte auch eine existenzielle Dimension. Jedes bedrohliche Ereignis dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung birgt die Gefahr, in Angst und L\u00e4hmung zu erstarren. Doch die Pandemie brachte zus\u00e4tzlich durch die Kontaktbeschr\u00e4nkungen einen Schub zur Atomisierung mit sich, so dass man tendenziell auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen war: das \u00f6ffentliche Leben wurde weitgehend eingefroren, Orte fielen weg, Treffen mit Menschen au\u00dferhalb des eigenen Haushalts wurden kriminalisiert. \u201eZieh dich auf deine vier W\u00e4nde und den (famili\u00e4ren) Nahbereich zur\u00fcck, halt dich an die Vorschriften und schalt die Tageschau ein, wir regeln das\u201c, so l\u00e4sst sich die Botschaft des Staates zusammenfassen.<\/p>\n<p><strong>Als Ziel unserer Arbeit im inhaltlichen Sinne kristallisierte sich die Schaffung einer Gegen\u00f6ffentlichkeit heraus.<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollten uns aber nicht in die Isolation und die verordnete Passivit\u00e4t schicken und haben uns daher online zusammengefunden. Das war ein Moment der Selbsterm\u00e4chtigung. Wir wollten unserem Bed\u00fcrfnis nach Austausch einen Rahmen geben und eine Form finden, um kollektiv unter den ver\u00e4nderten Bedingungen ins politische Geschehen intervenieren zu k\u00f6nnen. Als Ziel unserer Arbeit im inhaltlichen Sinne kristallisierte sich die Schaffung einer Gegen\u00f6ffentlichkeit heraus. W\u00e4hrend die offiziellen Stellen das Virus als Herausforderung f\u00fcr die nationale Gemeinschaft pr\u00e4sentieren, geht es uns darum, auf das riesige Konfliktpotential dieser Situation aufmerksam zu machen. Denn wenn eine Pandemie auf die kapitalistische Klassengesellschaft trifft, sitzen eben nicht pl\u00f6tzlich alle im selben Boot. Im Gegenteil: es kommt zur Versch\u00e4rfung bereits zuvor bestehender Ungleichheit. Wer zuvor schon in prek\u00e4ren, schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs gearbeitet hat, erh\u00e4lt jetzt schnell die K\u00fcndigung oder muss sich einem zus\u00e4tzlichen Gesundheitsrisiko aussetzen. Wer zuvor bereits in einem Lager auf engem Raum untergebracht war, ist jetzt aufgrund dieser schlechten Unterbringung besonderer Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Wer zuvor bereits f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Sorgearbeit zust\u00e4ndig war, muss jetzt im Zuge der Schlie\u00dfung von Kitas und Kantinen die schlagartige Reprivatisierung der entsprechenden Arbeiten irgendwie zu Hause auffangen. Es geht uns darum, diese Konfliktlinien aufzusp\u00fcren, ihre Verbindungen zu verstehen und die sich entwickelnden Auseinandersetzungen und K\u00e4mpfe entlang dieser Linien zu dokumentieren. Dabei versuchen wir, entgegen dem Trend zum nationalen Egoismus in der Pandemie, deren globale Dimension zu ber\u00fccksichtigen. \u00dcber die Dokumentation hinaus streben wir an, die Ereignisse zu begreifen. Wir halten es f\u00fcr sehr wichtig eigene Deutungen der Pandemie auf wissenschaftlicher Grundlage zu erarbeiten, um nicht dem Mythos der Naturkatastrophe oder des ganz und gar unverst\u00e4ndlichen Schicksalsschlags aufzusitzen, der quasi von au\u00dfen in die Gesellschaft eingebrochen ist. Als Blogprojekt sind wir haupts\u00e4chlich mit Texten besch\u00e4ftigt. Es ist uns nat\u00fcrlich bewusst, dass wir durch einen reinen Kampf um die K\u00f6pfe die materielle Macht der herrschenden Klasse nicht brechen k\u00f6nnen. Gleichwohl ist dieser Kampf um die Interpretation der Wirklichkeit unverzichtbar. Bei einem zentralen historischen Ereignis wie der Pandemie und der anschlie\u00dfenden Weltwirtschaftskrise k\u00f6nnen wir nicht die Erz\u00e4hlungen b\u00fcrgerlicher Medien und PolitikerInnen \u00fcbernehmen, die alles tun, um die kapitalistische Produktionsweise als Katalysator der Katastrophe aus der Schusslinie zu bringen. Wir haben den Eindruck, dass sich in den letzten Monaten das Bed\u00fcrfnis einer politischen Diskussion \u00fcber gesellschaftliche Ursachen, Reaktionsweisen und Folgen der Pandemie entwickelte \u2013 eine Debatte, die \u00fcber den engen Gesichtspunkt des virologischen Expertentums hinausgehen muss. Die Londoner Angry Workers of the World sprachen in einem Beitrag auf unserem Blog von dem gro\u00dfen Entmystifizierungspotential dieser Krise. W\u00e4hrend sich die sozio\u00f6konomische Situation der Proletarisierten global verheerend entwickelt, bietet die Entwicklung dieses Bewusstseins einen Lichtblick.<\/p>\n<p><strong>INSIDE THE FOX<\/strong>:\u00a0<em>Konntet ihr Entwicklungen der K\u00e4mpfe in der Zeit eurer Dokumentation feststellen?<\/em><\/p>\n<p><strong>SOLIDARISCH GEGEN CORONA:<\/strong>\u00a0Ja, es lassen sich Entwicklungen feststellen. Im Verlauf der Pandemie haben wir ganz verschiedene Subjekte und K\u00e4mpfe gesehen, in denen es um spezifische Anliegen ging. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Lohnabh\u00e4ngigenklasse in sich sehr heterogen ist, so dass beispielsweise eine Angestellte, die Homeoffice und Homeschooling irgendwie unter einen Hut bringen muss, eine ganz andere Arbeits- und Lebensrealit\u00e4t hat, als ein migrantischer Spargelstecher in einer Containerunterkunft. Andererseits h\u00e4ngt das aber auch damit zusammen, dass sich in verschiedenen Phasen der Pandemie und der Pandemiebek\u00e4mpfung verschiedene Schwierigkeiten ergeben, die zu Protest anregen.<\/p>\n<p><strong>Die ersten K\u00e4mpfe brachen Anfang M\u00e4rz in den Kn\u00e4sten aus, in Italien gab es in 27 Gef\u00e4ngnissen Revolten, weltweit folgten unz\u00e4hlige weitere.<\/strong><\/p>\n<p>Es gilt also die Ver\u00e4nderungen auf der Zeitschiene in ihrem Zusammenspiel mit der Vielfalt sozialer Lagen innerhalb der Klasse zu betrachten. Bei aller Diversit\u00e4t lassen sich aber auch \u00fcbergreifende Interessen ausmachen: verschiedene Segmente der Klasse sind in ihren K\u00e4mpfen umgetrieben von der Sorge um die Gesundheit einerseits, der Sorge um das Einkommen andererseits \u2013 ohne dass diese geteilten Interessen bisher zu einer \u00fcbergreifenden Klassenbewegung gef\u00fchrt h\u00e4tten, die die lokalen und fragmentierten Auseinandersetzungen verb\u00e4nde. Die ersten K\u00e4mpfe brachen Anfang M\u00e4rz in den Kn\u00e4sten aus, in Italien gab es in 27 Gef\u00e4ngnissen Revolten, weltweit folgten unz\u00e4hlige weitere. Dabei geht es um Zugang zu sicherer Unterbringung, Aufkl\u00e4rung und medizinischer Versorgung. Gef\u00e4ngnisse und andere geschlossene Einrichtungen wie Altenheime, Milit\u00e4r- und Kreuzfahrtschiffe und Gefl\u00fcchtetenunterk\u00fcnfte haben sich \u00fcberall als Hotspots des Infektionsgeschehens herausgestellt. Es gab kurz darauf auch eine Welle von K\u00e4mpfen von ArbeiterInnen v.a. in stark betroffenen L\u00e4ndern wie Italien, die einen sofortigen Produktionsstopp in nicht-notwendigen Branchen (Automobil, Callcenter, Flugzeugbau etc.) forderten. Oder sie forderten eine Umgestaltung der Arbeit nach Ma\u00dfgaben des Gesundheitsschutzes, etwa ausreichende Schutzkleidung, Trennung von Schichten zur Kontaktverminderung etc. Sehr sporadisch gab es auch Initiativen von ArbeiterInnen, die Produktion in \u201eihren\u201c Betrieben auf andere, akut n\u00fctzliche G\u00fcter wie Beatmungsger\u00e4te umzustellen.<\/p>\n<p><strong>Da sich viele auch die Miete nicht mehr leisten konnten, entwickelten sich etwa in Spanien und den USA Ans\u00e4tze zu Mietstreiks, die die ohnehin stattfindenden massiven Ausf\u00e4lle der Mietzahlungen in eine offensive, kollektive Form \u00fcberf\u00fchren wollen.<\/strong><\/p>\n<p>In diesen K\u00e4mpfen stand der Gesundheitsschutz im Vordergrund. Schon kurze Zeit sp\u00e4ter zeigte sich aber, dass viele Lohnabh\u00e4ngige in der Pandemie in einer Zwickm\u00fchle sitzen: Haben sie Arbeit, dann riskieren sie in vielen Arbeitsverh\u00e4ltnissen eine Infektion; haben sie keine Arbeit, dann fehlt ganz schnell das Geld f\u00fcr das N\u00f6tigste. Es ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera, bzw. Corona und dem Hungertod. Viele informell Besch\u00e4ftigte hatten von einem auf den anderen Tag kein Einkommen mehr. In S\u00fcditalien, aber auch in S\u00fcdafrika, Mittelamerika usw. kam es daher zu Pl\u00fcnderungen und der direkten Aneignung lebensnotwendiger G\u00fcter in Superm\u00e4rkten. Da sich viele auch die Miete nicht mehr leisten konnten, entwickelten sich etwa in Spanien und den USA Ans\u00e4tze zu Mietstreiks, die die ohnehin stattfindenden massiven Ausf\u00e4lle der Mietzahlungen in eine offensive, kollektive Form \u00fcberf\u00fchren wollen. Vielerorts setzte der Staat zwar im Namen der Gesundheit einen repressiven Lockdown durch und nahm vielen ihre Einkommensm\u00f6glichkeiten, garantierte aber gleichzeitig keine Versorgung mit dem Lebensnotwendigen \u2013 ein solcher Gesundheitsschutz ohne Essen und Dach \u00fcberm Kopf ist nat\u00fcrlich eine Farce. Eine direkte Antwort auf die staatliche Repression waren die Riots. In Indien und zahlreichen weiteren L\u00e4ndern kam es zu Scharm\u00fctzeln mit der Polizei, die etwa arbeitslos gewordene WanderarbeiterInnen gewaltsam davon abhalten wollte, sich in ihre Herkunftsd\u00f6rfer zu begeben. Auch in den franz\u00f6sischen Banlieus, wo viele arme Menschen auf engem Raum leben und Polizeischikanen Alltag sind, achtete der Staat verst\u00e4rkt auf die Einhaltung der Kontaktbestimmungen. In diesem Klima kam es hier im April zu einer Welle von Riots im Zusammenhang mit rassistischer Polizeigewalt. Das war ein Vorgeschmack auf die antirassistische Protestwelle im Mai \/ Juni nach der Ermordung von George Floyd und die Jugendkrawalle in Stuttgart. Selbstorganisierte Nachbarschaftshilfen haben vielerorts versucht, Versorgungsl\u00fccken aller Art auszuf\u00fcllen. Diese Praxis gegenseitiger Hilfe hat Wurzeln in der anarchistischen Tradition.<\/p>\n<p><strong>Vielerorts setzte der Staat zwar im Namen der Gesundheit einen repressiven Lockdown durch und nahm vielen ihre Einkommensm\u00f6glichkeiten, garantierte aber gleichzeitig keine Versorgung mit dem Lebensnotwendigen.<\/strong><\/p>\n<p>Es geht darum, ausgehend von der lokalen Ebene ein soziales Gemeinwesen demokratisch \u201evon unten\u201c aufzubauen und dadurch den Staat \u00fcberfl\u00fcssig zu machen. Teilweise waren diese Netzwerke aber auch ganz apolitische Veranstaltungen, die bei Vorstellungen individueller N\u00e4chstenliebe und Zivilcourage stehen blieben.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnung finden sollten auch die Proteste gegen den Lockdown, die in Deutschland als \u201eHygienedemos\u201c bekannt sind. In rechtspopulistisch regierten L\u00e4ndern wie den USA und Brasilien werden sie von der Regierung angedreht, in Deutschland l\u00e4uft das eher in der politischen Schmuddelecke. Insgesamt sind das sehr diffuse Proteste mit einer libert\u00e4ren Grundausrichtung, wozu sich h\u00e4ufig esoterische und antisemitische Versatzst\u00fccke gesellen. Wenn man diese Proteste nicht ausschlie\u00dflich auf der Ebene von Ideologie und Sozialpsychologie betrachtet, sondern nach materiellen Motiven fragt, landet man wieder bei dem oben angesprochenen Dilemma von Krankheitsrisiko und Einkommensausfall: ein schneller \u201eExit\u201c aus dem \u201eLockdown\u201c stellt sich gerade f\u00fcr die stark vertretenen Selbst\u00e4ndigen als geringeres \u00dcbel dar, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz bedroht ist. Warum soll ich meinen Wohlstand f\u00fcr die Gesundheit der alten und kranken opfern? Vom Egoismus der kapitalistischen Konkurrenz ist es zum Sozialdarwinismus nicht weit. Dennoch wird die populistische Behauptung, der Lockdown sei nicht im Interesse der \u201ekleinen Leute\u201c durch die Tatsache konterkariert, dass es auch im Verlauf der Pandemie noch Aktionen von ArbeiterInnen f\u00fcr besseren Gesundheitsschutz und gegen eine \u00fcbereilte R\u00fcckkehr zum Normalbetrieb gab. So traten etwa BusfahrerInnen in Br\u00fcssel Mitte Mai in einen wilden Streik gegen eine Wiederaufnahme der gewohnten, engmaschigeren Fahrpl\u00e4ne, die eine Einhaltung der Schutzvorkehrungen verunm\u00f6glichten. In letzter Zeit tritt vielerorts die \u00f6konomische Krise in den K\u00e4mpfen in den Vordergrund. Besonders in der Peripherie kommt es vermehrt zu Protesten gegen Massenentlassungen, etwa in L\u00e4ndern wie Bangladesch, wo die billigen Konsumg\u00fcter f\u00fcr den Weltmarkt produziert werden. Das sind \u00fcbrigens nur die sichtbaren, kollektiven Kampfformen. Es gibt daneben auch verdeckte Formen, in denen ArbeiterInnen sich sch\u00fctzen oder eine Verbesserung ihrer Bedingungen erzwungen haben. Zum Beispiel das massenhafte Krankfeiern, das durch den Krankenschein per Telefon in der BRD ziemlich leicht war. Christian Frings hat darauf hingewiesen, dass auch die hohen Krankenst\u00e4nde Superm\u00e4rkte und Krankenh\u00e4user dazu bewogen, Pr\u00e4mien an die die ArbeiterInnen zu zahlen. Auch Amazon musste zeitweilig international den Lohn anheben, um die Leute bei der Stange zu halten. Das sollte nicht als freiwillige milde Gabe missverstanden werden.<\/p>\n<p><strong>Andrea Truman \u00e4u\u00dferte k\u00fcrzlich in der Jungle World die weitergehende Hoffnung, die Erfahrung von M\u00fcttern in der Coronakrise k\u00f6nne der Antrieb einer neuen, breiteren Frauenbewegung werden.<\/strong><\/p>\n<p>Eine ganz andere Frage ist, wie die Konflikte um die weitgehend reprivatisierte Sorgearbeit in den Familien und Sorgegemeinschaften gef\u00fchrt werden. Zwar war das Thema geschlechtliche Arbeitsteilung medial schnell recht pr\u00e4sent, Ans\u00e4tze zu kollektiven K\u00e4mpfe im Sinne eines koordinierten feministischen Streiks, die es in den letzten Jahren ja durchaus gab, haben wir jedoch bislang kaum wahrgenommen. Sicher gab und gibt es hier viele mikrologische Auseinandersetzungen in den jeweiligen Beziehungen. Als solche blieben sie aber weitgehend unter dem Radar der politischen \u00d6ffentlichkeit. Umso wichtiger sind die Versuche, das Private zu politisieren, was etwa die Wiener Gruppe Aufstand der Alleinerziehenden gemacht hat. Andrea Truman \u00e4u\u00dferte k\u00fcrzlich in der Jungle World die weitergehende Hoffnung, die Erfahrung von M\u00fcttern in der Coronakrise k\u00f6nne der Antrieb einer neuen, breiteren Frauenbewegung werden. Das w\u00e4re w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p><strong>INSIDE THE FOX:<\/strong>\u00a0Welcher konkrete Kampf, welche konkrete Aktion ist euch besonders aufgefallen?<\/p>\n<p><strong>SOLIDARISCH GEGEN CORONA:<\/strong>\u00a0Es gab zwei Aktionen, die wir besonders bemerkenswert fanden: im April kam es zur Besetzung einer ehemaligen McDonalds Filiale in Marseille durch Angestellte, zur Umwandlung des Lokals in einen Knotenpunkt f\u00fcr die Nachbarschaftshilfe in den umliegenden proletarischen Vierteln. Im Mai kam es in Minneapolis zu einer \u00e4hnlichen Aktion: die Besetzung eines Hotels und seine Umwandlung in eine Obdachlosenunterkunft. Sch\u00f6n an diesen Aktionen ist zun\u00e4chst nat\u00fcrlich, dass hier Leute in einer Notsituation nicht einfach versuchen ihre eigenen Sch\u00e4fchen ins Trockene zu bringen nach dem Motto \u201eRette sich wer kann\u201c, sondern sich zusammentun und gegenseitig unterst\u00fctzen. Diese Situationen enthalten aber noch viel mehr! Es ist faszinierend, dass die Lohnabh\u00e4ngigen \u00fcber die dienende, ausf\u00fchrende Rolle hinauswachsen, die ihnen in einem kapitalistischen Betrieb zukommt. Der antike Philosoph Aristoteles sprach ja von Sklaven als sprechenden Werkzeugen. Man kann das zynisch finden und moralisch verurteilen, aber das interessante daran ist, dass es die Perspektive der herrschenden Klasse auf die Ausgebeuteten offenlegt: sie sind daf\u00fcr da, um willf\u00e4hrig einem fremden Zweck zu dienen, n\u00e4mlich dem des Eigent\u00fcmers. Und dann kommt der Moment, an dem diese Ausf\u00fchrenden gemeinsam und praktisch mit der Vorstellung brechen, sie seien blo\u00dfe Werkzeuge, die daf\u00fcr da sind Burger zu braten und Kunden anzul\u00e4cheln, um damit die Taschen der Eigent\u00fcmer zu f\u00fcllen. In dem Moment, in dem sie den Laden f\u00fcr die Nachbarschaftshilfe umfunktionieren setzten sie sich selber den Zweck ihres Tuns. Und der letzte Zweck ihres Tuns besteht jetzt nicht mehr darin, mit der Zubereitung von Lebensmitteln mehr Geld f\u00fcr irgendwelche Eigent\u00fcmer rauszuholen bzw. darin, mit dem Lohn irgendwie selbst \u00fcber die Runden zu kommen, sondern es geht jetzt darum, mit diesen Lebensmitteln den Hunger von Bed\u00fcrftigen zu stillen bzw. darum, etwas zu tun, dessen Sinn und Notwendigkeit man selbst einsieht. Sie kommen auch aus der Individualisierung heraus, in die sie das Lohnverh\u00e4ltnis bringt, wo es die Vorgesetzten sind, die den Einzelnen sagen, was sie tun sollen und wo der Unternehmer immer versuchen wird, die Kooperation im Betrieb so zu gestalten, dass die Angestellten ihre kollektive Macht nicht wahrnehmen. Das Management versteht sich in der Regel als Hirn, das plant, entscheidet und den \u00dcberblick hat, w\u00e4hrend die ArbeiterInnen die H\u00e4nde sind, die nur ihren kleinen Bereich haben, in dem sie funktionieren sollen. Doch in dieser Situation muss eine qualitativ neuartige Kooperation entstehen, es muss ein neuer organisatorischer Zusammenhang selbst geschaffen werden. Das erfordert eine andere Art der Kommunikation, neue Formen der Entscheidungsfindung usw., wodurch sich die Beziehungen untereinander, die F\u00e4higkeiten und Selbstverst\u00e4ndnisse ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>In Situationen wie denen in Marseille missachten die Proletarisierten dieses gesellschaftliche Tabu und \u00fcbertreten auch die Gesetze, die das Eigentum sch\u00fctzen.<\/strong><\/p>\n<p>Auch das Verh\u00e4ltnis zu den Dingen \u00e4ndert sich. Es werden neue Nutzungsm\u00f6glichkeiten entdeckt. Das Privateigentum bedeutet ja, dass die Proletarisierten von ihm ausgeschlossen sind. Sie haben nicht zu entscheiden, was mit den Dingen geschieht. Ob die Maschinen in einer Fabrik zur Produktion von Gewehren oder von Fahrr\u00e4dern dient, dar\u00fcber haben diejenigen nicht zu entscheiden, die diese Gegenst\u00e4nde tagt\u00e4glich herstellen. In Situationen wie denen in Marseille missachten die Proletarisierten dieses gesellschaftliche Tabu und \u00fcbertreten auch die Gesetze, die das Eigentum sch\u00fctzen. Diese \u00dcberschreitung l\u00f6st auch die Dinge aus ihren erstarrten Funktionszusammenh\u00e4ngen heraus, neue Gebrauchswerte werden entdeckt. Besonders interessant waren also Aktionen die zum Vorschein brachten, dass in den Menschen und ihren Beziehungen zueinander, aber auch in den Dingen und Orten Potentiale schlummern, die im Normalvollzug der kapitalistischen Gesellschaft verk\u00fcmmern. Darum geht von diesen Geschichten eine gro\u00dfe Faszination aus, was sich auch in der Resonanz gezeigt hat, die die entsprechenden Beitr\u00e4ge auf unserem Blog erhielten.<\/p>\n<p><strong>INSIDE THE FOX:<\/strong>\u00a0Welche Art von Feedback habt ihr bisher auf eure Arbeit erhalten? Gab es auch Kritik?<\/p>\n<p><strong>SOLIDARISCH GEGEN CORONA:<\/strong>\u00a0Wir haben eine Weile lang recht viel Aufmerksamkeit erhalten und das Feedback war \u00fcberwiegend sehr positiv. Kritik gab es aber auch, sie entz\u00fcndete sich vor allem an zwei Plakaten, die wir im M\u00e4rz gestaltet haben. Darauf haben wir einerseits einige Einsch\u00e4tzungen der Situation knapp zusammengefasst, andererseits ein paar allgemeine Verhaltensempfehlungen, sowie politische Forderungen formuliert. Diese Plakate wurden online viel geteilt, die Druckvorlagen in verschiedenen Sprachen wurden von unserem Blog heruntergeladen und in zahlreichen St\u00e4dten teilweise sehr rege dezentral verklebt. Wir haben damit einen Nerv getroffen.<\/p>\n<p><strong>Sollte man Forderungen aufstellen und an wen kann man diese Forderungen adressieren? Welchen Stellenwert hat die Forderung nach dem Schutz individueller Grundrechte im Verh\u00e4ltnis zu \u00f6konomischen und sozialen Aspekten?<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig stie\u00df dieser Agitationsversuch in unserem eigenen Milieu auch auf Kritik. Es wurden viele Fragen aufgeworfen, wie: Wer spricht da und f\u00fcr wen? Sollte man Forderungen aufstellen und an wen kann man diese Forderungen adressieren? N\u00e4hren (diese) Forderungen Illusionen bez\u00fcglich des Staates? Mit welchen Druck- und Machtmitteln soll diesen Forderungen Nachdruck verliehen werden? Wie ist das Blogprojekt an lokale Solidarit\u00e4tsstrukturen angebunden? Ist Solidarit\u00e4t ein Wert, der die Arbeit tr\u00e4gt, oder leistet das Projekt praktische Hilfe? Welchen Stellenwert hat die Forderung nach dem Schutz individueller Grundrechte im Verh\u00e4ltnis zu \u00f6konomischen und sozialen Aspekten? In welchem Verh\u00e4ltnis stehen unmittelbar dringliche Notforderungen zu einer langfristigen politischen Strategie, zu Reformen und dem Ziel einer sozialen Revolution? Wir haben uns mit diesen Fragen auseinandergesetzt, doch wir wollten uns nicht in Grundsatzdiskussionen verlieren, sondern gleichzeitig am Geschehen dranbleiben, auch ohne letztg\u00fcltige Kl\u00e4rung der allgemeinen Fragen. Es blieb aber eine Verunsicherung und die Angst davor, \u201eetwas falsch zu machen\u201c trug sicher dazu bei, dass wir uns ab April auf die Redaktionsarbeit konzentriert haben. Die st\u00e4rker politisch-agitatorische Arbeit trat demgegen\u00fcber zur\u00fcck. Einige Monate sp\u00e4ter stellt nun Gerhard Hanloser in seinem Bericht von der Berliner Hygienedemo am 1. August fest, dass in der marxistischen Linken zwar sehr viele richtige Analysen zur Corona-Krise zirkulieren, diese jedoch nicht lebensweltlich f\u00fcr andere erfahrbar wurden. Er spricht in diesem Zusammenhang vom R\u00fcckzug der radikalen Linken in die Internetwelt der Corona-Blogs. Daran ist lediglich die Suggestion falsch, es handle sich lediglich um eine nicht notwendige taktische Fehlentscheidung, so als h\u00e4tten KommunistInnen im M\u00e4rz durch die Einrichtung von Blogs die M\u00f6glichkeit verpasst, alles zum Guten zu wenden. Aber gab die Verfasstheit dieses politischen Milieus vor der Krise wirklich etwas grundlegend Anderes her? Zu fragen w\u00e4re anl\u00e4sslich der Erfahrung politischer Bedeutungslosigkeit der in der Pandemie gerade, warum die Einrichtung eines Blogs noch zum Besten geh\u00f6rt, was wir in einer welthistorischen Krise hinbekommen, was das \u00fcber den allgemeinen Zustand unserer Sache aussagt und wie wir mittel- und langfristig Wege finden k\u00f6nnen, um mit gr\u00f6\u00dferer Wirkmacht ins Geschehen eingreifen zu k\u00f6nnen. Sowohl das aktivistische Schnellschie\u00dfen, als auch sein Gegenst\u00fcck, der R\u00fcckzug in die kontemplative Haltung des Kritikers, sind Ausdruck der gleichen desolaten Ausgangssituation, in der sich die Unsrigen heute befinden.<\/p>\n<p><strong>INSIDE THE FOX:<\/strong>\u00a0Danke f\u00fcr das Interview.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/kosmoprolet.org\/de\/wir-haben-einen-nerv-getroffen\">kosmoprolet.org&#8230;<\/a> vom 3. Februar 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c4rger auf deutschen Spargelh\u00f6fen, Streiks gegen mangelnden Gesundheitsschutz, ein besetztes McDonalds in Marseille: Seit M\u00e4rz dokumentiert der Blog\u00a0SOLIDARISCH GEGEN CORONA\u00a0vor allem die weltweiten K\u00e4mpfe w\u00e4hrend und wegen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9256,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[87,121,44,45,49,37,17],"class_list":["post-9255","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeitswelt","tag-covid-19","tag-gesundheitswesen","tag-neoliberalismus","tag-repression","tag-service-public","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9255"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9257,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9255\/revisions\/9257"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}