{"id":9258,"date":"2021-02-04T09:44:21","date_gmt":"2021-02-04T07:44:21","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9258"},"modified":"2021-02-04T09:44:22","modified_gmt":"2021-02-04T07:44:22","slug":"das-infektionsgeschehen-in-betrieben-wird-systematisch-verheimlicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9258","title":{"rendered":"Das Infektionsgeschehen in Betrieben wird systematisch verheimlicht"},"content":{"rendered":"<p><em>Ludwig Weller. <\/em>Millionen Arbeiter und Angestellte werden jeden Tag gezwungen, in die Betriebe und in die B\u00fcros zu gehen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, auf dass die Profite sprudeln. Obwohl die gef\u00e4hrlicheren Mutationen des SARS-CoV-2-Virus\u2018<!--more--> sich rasant ausbreiten und ein weiteres Massensterben droht, h\u00e4lt die Wirtschafts- und Finanzelite mit aller Macht an der \u00d6ffnung der Betriebe fest.<\/p>\n<p>Seit Wochen stemmen sich die Wirtschaftsverb\u00e4nde, die Gro\u00dfe Koalition, die L\u00e4nderregierungen, und die Gewerkschaften gegen einen Lockdown der Industriebetriebe. Auf keiner Corona-Runde wurde dies auch nur in Erw\u00e4gung gezogen. Selbst Homeoffice im gr\u00f6\u00dferen Umfang wird als unakzeptabler Eingriff ihrer Profitinteressen betrachtet.<\/p>\n<p>Dem entsprechend sickern Nachrichten \u00fcber Corona-Ausbr\u00fcche in Betrieben nur sehr selten an die \u00d6ffentlichkeit. Meist ist nur zuf\u00e4llig in einem Regionalblatt etwas zu finden. Bundesweit wird nur dar\u00fcber berichtet, wenn der Fall nicht mehr zu verheimlichen ist.<\/p>\n<p>Exemplarisch wollen wir hier \u00fcber einige aktuelle Hotspots berichten. Auch das erst k\u00fcrzlich neu gegr\u00fcndete \u201e<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/groups\/460584185074323\">Netzwerk der Aktionskomitees f\u00fcr sichere Arbeitspl\u00e4tze<\/a>\u201c wird diese Berichterstattung fortf\u00fchren und geeignete Handlungsvorschl\u00e4ge unterbreiten.<\/p>\n<ul>\n<li>In der Firma Alukon im bayerischen Konradsreuth, in der knapp 500 Besch\u00e4ftigte Rolladen- und Rolltorsysteme herstellen, habe es Ende Januar mehrere Corona-F\u00e4lle gegeben. Zun\u00e4chst waren 15 Personen positiv getestet worden. Die Produktion wurde am 27. Januar gestoppt, alle Arbeiter des Fertigungsbereiches stehen unter Quarant\u00e4ne. Sofort durchgef\u00fchrte Massentests ergaben, dass sich zehn weitere Mitarbeiter mit dem Corona-Virus infiziert haben, acht davon mit einer Mutation. Im Kreis sei die britische Variante des Covid-19-Virus\u2018 bereits nachgewiesen worden, teilte das Landratsamt in Hof mit. Der Landkreis und die Stadt Hof gelten seit l\u00e4ngerem als Hotspot, mit einer momentanen Inzidenz von knapp unter 300. In vielen Betrieben finden seit Wochen Massentests statt, weil die Lage au\u00dfer Kontrolle geraten ist.<\/li>\n<li>Am Freitag wurde ein Corona-Ausbruch, ebenfalls mit einer Mutation, auf einer Gro\u00dfbaustelle im Ulmer Industriegebiet Donautal bekannt. Laut der\u00a0<em>Augsburger Allgemeinen<\/em>haben am vergangenen Freitag 1000 Massentests begonnen. Da viele der Bauarbeiter in beengten Verh\u00e4ltnissen in unterschiedlichen Sammelunterk\u00fcnften eingepfercht leben, wird von einer hohen Zahl an infizierten Arbeitern ausgegangen. Ob auf der Baustelle weitergearbeitet wird, oder was das Schicksal der infizierten Bauarbeiter und den restlichen zu sch\u00fctzenden Arbeitern in den Massenunterk\u00fcnften sein wird, dar\u00fcber wird nicht berichtet.<\/li>\n<li>Im Hauptsitz der Walter Solbach Metallbau GmbH (WSM) in Waldbr\u00f6l (Bergisches Land) wurde aufgrund von 21 laborbest\u00e4tigten Corona-F\u00e4llen in der Belegschaft der Betrieb bis Ende Januar eingestellt, 160 Besch\u00e4ftigte befanden sich in Quarant\u00e4ne.<\/li>\n<li>Ein weiterer gr\u00f6\u00dferer Ausbruch, wurde in der Neunkirchener Achsenfabrik (NAF) entdeckt. Medienberichte zufolge haben Reihentestungen bisher 20 Covid-F\u00e4lle zu Tage bef\u00f6rdert. Der Managementbeauftragte Wagner r\u00e4umte ein: \u201eWir hatten in den vergangenen Monaten einzelne Infektionen &#8230; aber eine solche Anh\u00e4ufung gab es bisher nicht.\u201c Um wie viele Infizierte es sich genau handelt, wollte Wagner nicht mitteilen, auch nicht in welchen Bereichen diese t\u00e4tig sind, oder wie viele Besch\u00e4ftigte sich derzeit in freiwilliger oder angeordneter Quarant\u00e4ne befinden. Auch die IG-Metall mauert, auf der zust\u00e4ndigen Website f\u00fcr den Landkreis Forchheim findet man keinerlei Meldung. Wie in allen Betrieben wird den Arbeitern nicht nur jede Hilfe, sondern auch jede Information verweigert.<\/li>\n<li>44 Besch\u00e4ftigte von Touratech, dem gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber im baden-w\u00fcrttembergischen Niedereschach, haben sich mit Corona infiziert. Betroffen sei vor allem die Produktion in Halle 1 d. Die Besch\u00e4ftigten des Unternehmens, das Zubeh\u00f6r f\u00fcr Motorr\u00e4der herstellt, w\u00fcrden routinem\u00e4\u00dfig alle 48 Stunden getestet.<\/li>\n<li>Beim Bremerhavener Fischunternehmen Deutsche See sind Anfang der Woche 26 Arbeiter positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Es ist der zweite gr\u00f6\u00dfere Ausbruch in einer Bremerhavener Firma binnen weniger Tage. Am Montag war bekannt geworden, dass sich 29 Besch\u00e4ftigte des Tiefk\u00fchl-Unternehmens Frosta mit Corona infiziert hatten. Am Wochenende stand die Produktion im Bremerhavener Werk still, inzwischen sei der Betrieb wieder angelaufen.<\/li>\n<li>In der Produktionsst\u00e4tte der B\u00e4ckerei Kasprowicz im oberbayerischen P\u00e4hl haben sich 16 von 50 Besch\u00e4ftigten mit dem Coronavirus infiziert. Deshalb sind alle 18 Filialen im Landkreis Weilheim-Schongau und den umliegenden Landkreisen f\u00fcr zwei Wochen bis zum 14. Februar geschlossen. Auch Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Julian Kasprowicz geh\u00f6rt inzwischen zu den Infizierten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das r\u00fccksichtslose und aggressive Verhalten der Unternehmer und Wirtschaftsverb\u00e4nde, bei dem bewusst die Gesundheit und das Leben der Arbeiter aufs Spiel gesetzt wird, ist vom Standpunkt der kapitalistischen Klasse erfolgreich. Das\u00a0<em>Manager Magazin<\/em>\u00a0frohlockte letzte Woche mit der Nachricht: \u201eCorona ein St\u00fcck weit die lange Nase zeigen \u2013 geht doch: Trotz neuer Beschr\u00e4nkungen infolge der zweiten Corona-Welle ist die deutsche Wirtschaft Ende 2020 \u00fcberraschend das zweite Quartal in Folge gewachsen.\u201c<\/p>\n<p>Alle Bundestagsparteien von AfD bis Linke sowie der ganze Medienchor haben keinerlei Interesse daran, das Coronageschehen in den Betrieben zu thematisieren. Verl\u00e4ssliche Fallzahlen in den Betrieben, die immens wichtig w\u00e4ren, um die Arbeiter zu sch\u00fctzen und eine Ausbreitung der Pandemie zu verhindern, werden nicht gezielt erhoben, weder bei den Gesundheits\u00e4mtern noch beim Robert-Koch-Institut (RKI). Wenn sie doch einmal zuf\u00e4llig offen werden, wird versucht, sie zu verheimlichen.<\/p>\n<p>Denn laut offizieller Lesart finden die Infektionen nicht in den Fabriken, Hallen und B\u00fcros statt, sondern im \u201ePrivatbereich\u201c. Wenn Ausbr\u00fcche in Betrieben stattfinden, sind sie \u201evon au\u00dfen\u201c hineingetragen. Das behauptete auch der Hamburger Airbus-Konzern, nachdem 21 Besch\u00e4ftigte positiv getestet wurden und 500 Besch\u00e4ftigte in Quarant\u00e4ne geschickt werden mussten. Jetzt wurde bekannt, dass es sich bei sieben Infektionen um die britische Mutation handelt. Au\u00dferdem seien bereits seit Ende 2020 Verst\u00f6\u00dfe von Airbus gegen die Hygienevorschriften moniert worden. Soviel zu den angeblich hohen Sicherheitsregeln, die von den Gewerkschaften allenthalben gepriesen werden.<\/p>\n<p>Das Argument des \u201eHineintragens\u201c des Virus\u2018 in die Fabriken und Betriebe ist vorgeschoben. Die Gesundheits\u00e4mter k\u00f6nnen ab einem Inzidenzwert von \u00fcber 50 nicht mehr nachvollziehen, wo sich wer infiziert hat. Die Pandemie ist au\u00dfer Kontrolle. Fakt ist aber, dass die Betriebe, in denen die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen unm\u00f6glich einzuhalten sind, ebenso wie Schulen und Kitas, Brutst\u00e4tten der Virusverbreitung sind.<\/p>\n<p>Nur mit einem Shutdown der Industrie und einem Stopp aller nicht lebensnotwendigen Produktion k\u00f6nnen die Besch\u00e4ftigten gesch\u00fctzt und der Pandemieausbreitung Einhalt geboten werden. Warum werden unz\u00e4hlige Leben gef\u00e4hrdet und viele geopfert, nur weil die Unternehmens- und Firmeneigent\u00fcmer ohne die Produktion von Autos, Motorradkoffern, Rollos keine Gewinne einstreichen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Die Abermilliarden der Gro\u00dfkonzerne und ihrer Aktion\u00e4re m\u00fcssen beschlagnahmt werden, um den Besch\u00e4ftigten den vollen Lohnausgleich zu zahlen, kleinere Firmen m\u00fcssen unterst\u00fctzt werden, damit Produktionsanlagen w\u00e4hrend des Stillstands nicht wegen Geldmangels f\u00fcr alle Zeiten stillgelegt werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Arbeiter, die in der Lebensmittelproduktion arbeiten, wie die Arbeiter in den oben genannten B\u00e4ckereien, Fisch- und Tiefk\u00fchlfabriken, d\u00fcrfen weder Kosten noch M\u00fchen gescheut werden, damit sie gut gesch\u00fctzt ihrer Arbeit nachgehen k\u00f6nnen. Sicherheitsvorkehrungen m\u00fcssen erh\u00f6ht, Schutzmechanismen gest\u00e4rkt, Schichtzeiten drastisch verk\u00fcrzt werden.<\/p>\n<p>Doch die Gewerkschaften, ihre Betriebsr\u00e4te und Vertrauensleute begegnen der lebensbedrohlichen Situation, denen Arbeiter und ihre Familien derzeit ausgesetzt sind, mit einer Mischung von Gleichg\u00fcltigkeit, Besch\u00f6nigung und offener Feindschaft gegen Besch\u00e4ftigte. Wir immer stehen sie auch in dieser Frage vollst\u00e4ndig auf der Seite der Unternehmensleitungen.<\/p>\n<p>Stellvertretend f\u00fcr diese abgehobene Funktion\u00e4rsschicht der Gewerkschaften sei hier nur der nordrhein-westf\u00e4lische Bezirksleiter der IG Metall Knut Giesler angef\u00fchrt. Giesler erkl\u00e4rte k\u00fcrzlich, gleich zu Beginn der zweiten Runde der Tarifverhandlungen f\u00fcr die rund 700.000 Besch\u00e4ftigten der Metall- und Elektroindustrie in NRW, Fabriken seien keine Corona-Hotspots. Das h\u00e4tten R\u00fcckmeldungen aus den Betrieben gezeigt. Selbst Homeoffice-Regelungen lehnte er kategorisch ab, sie w\u00fcrden in den Verhandlungen kein Thema sein.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit arbeitet die IG Metall in NRW, wie alle anderen Gewerkschaften auch, gerade die Mechanismen aus, mit denen Arbeitsplatzabbau, Lohnsenkungen und eine versch\u00e4rfte Arbeitshetze in den Betrieben umgesetzt werden k\u00f6nnen. Die Ausbreitung der Corona-Pandemie kommt ihnen als Argument gerade recht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/02\/04\/coro-f04.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Februar 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Weller. Millionen Arbeiter und Angestellte werden jeden Tag gezwungen, in die Betriebe und in die B\u00fcros zu gehen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, auf dass die Profite sprudeln. 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