{"id":929,"date":"2016-01-21T21:46:07","date_gmt":"2016-01-21T19:46:07","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=929"},"modified":"2016-01-21T21:46:07","modified_gmt":"2016-01-21T19:46:07","slug":"die-geburtshelfer-des-is","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=929","title":{"rendered":"Die Geburtshelfer des IS"},"content":{"rendered":"<p><em>Knut Mellenthin. <\/em>Seit bald 15 Jahren f\u00fchren die USA und ihre Verb\u00fcndeten \u00bbKrieg gegen den Terror\u00ab. In dieser Zeit haben sie es geschafft, das Problem, das sie angeblich bek\u00e4mpfen wollen, \u00fcber gro\u00dfe Teile der Welt zu verbreiten. Die Gegner, gegen die bis zu 200.000 NATO-Soldaten<!--more--> im Einsatz waren, sind um ein Vielfaches zahlreicher und st\u00e4rker geworden. Bewaffnete islamistische Organisationen verf\u00fcgen heute \u00fcber schwer angreifbare R\u00fcckzugsgebiete im Irak, in Syrien, auf der \u00e4gyptischen Sinaihalbinsel, in Libyen und anderen Staaten der Region, im Jemen und in Nigeria einschlie\u00dflich seiner Nachbarl\u00e4nder. Hunderte Anh\u00e4nger des \u00bbIslamischen Staates\u00ab (IS) operieren auch in Somalia und Afghanistan.<\/p>\n<p>Im Herbst 2001, als US-Pr\u00e4sident George W. Bush den \u00bbWar on Terror\u00ab ausrief, besa\u00df Al-Qaida, die damals als Nummer eins des internationalen Terrorismus galt, kein einziges Territorium dieser Art. Zwar begann die NATO ihre Milit\u00e4rintervention in Afghanistan mit der vorgeschobenen Begr\u00fcndung, der Organisation Bin Ladens einen \u00bbSafe haven\u00ab wegnehmen und eine R\u00fcckkehr verhindern zu wollen. Diese Ausrede wird selbst heute noch regelm\u00e4\u00dfig wiederholt, wenn es die Verewigung westlicher Milit\u00e4rpr\u00e4senz in Afghanistan \u00f6ffentlich zu rechtfertigen gilt. Tatsache ist jedoch, dass die Taliban zu keinem Zeitpunkt versucht haben, ihre Ideologie mit Terrorakten oder durch die Unterst\u00fctzung ausl\u00e4ndischer Terrorgruppen in alle Welt zu exportieren.<\/p>\n<p>Als Bush nach den Angriffen vom 11. September 2001 von der Regierung in Kabul ultimativ die Auslieferung Osama bin Ladens verlangte, lehnten die Taliban diese Forderung nicht etwa rundweg ab, sondern wollten lediglich Beweise f\u00fcr die US-amerikanischen Anschuldigungen gegen den Al-Qaida-F\u00fchrer sehen. Bush war nicht bereit, dar\u00fcber zu verhandeln oder auch nur zu sprechen. Das ist nicht weiter verwunderlich: Erstens waren die milit\u00e4rische Zerschlagung der Taliban-Herrschaft und eine langdauernde Besetzung Afghanistans von der US-Regierung und auf sie einwirkenden Thinktanks wie dem American Enterprise Institute (AEI) schon mehr als ein Jahr vor dem 11. September in allen Einzelheiten geplant worden. Zweitens konnte die US-Regierung ihre Behauptung, Al-Qaida habe bei der Organisierung der Angriffe irgendeine Rolle gespielt, nicht belegen. Gegen Bin Laden wurde im Zusammenhang mit dem 11. September niemals Anklage erhoben, es fand nie ein Prozess gegen ihn statt, seine T\u00f6tung durch ein US-Spezialkommando in Pakistan am 2. Mai 2011 war \u2013 sofern die ganze Geschichte \u00fcberhaupt stimmt \u2013 ein von Pr\u00e4sident Barack Obama befohlener Mord.<\/p>\n<p><strong>Destabilisierung von Regionen <\/strong><\/p>\n<p>Eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr die Ausbreitung des IS und \u00e4hnlicher Organisationen \u00fcber gro\u00dfe Teile Asiens und Afrikas war und ist die nachhaltige Destabilisierung mehrerer vergleichsweise \u00bblaizistischer\u00ab, nicht von religi\u00f6sem Extremismus gepr\u00e4gter Staaten durch die USA und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten. Das war zun\u00e4chst der Irak, der im M\u00e4rz 2003 von US-amerikanischen und britischen Truppen \u00fcberfallen wurde. Heute befindet sich das Land teilweise unter der Herrschaft des IS und im \u00dcbrigen in einem Zustand, der kaum noch eine R\u00fcckkehr in einen gemeinsamen Staatsverband von Schiiten, Sunniten und Kurden vorstellbar erscheinen l\u00e4sst. Mehrere Millionen Menschen, darunter Akademiker mit gesellschaftlich wichtigen Berufen, haben den Irak verlassen. Die Lebensverh\u00e4ltnisse der meisten Frauen sind deutlich schlechter als vor der Beseitigung der Baath-Herrschaft durch die US-Streitkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Das gilt \u00e4hnlich auch f\u00fcr Libyen und Syrien, den n\u00e4chsten Opfern der Interventionskoalition aus USA, EU, Saudi-Arabien und anderen Monarchien der arabischen Halbinsel. In Libyen f\u00fchrte das milit\u00e4rische Eingreifen der NATO, das im M\u00e4rz 2011 begann, im Oktober zum Sturz und zur Ermordung des Staatsoberhaupts Muammar Al-Ghaddafi. Voraussehbare Folgen waren die bis heute wirkende Aufl\u00f6sung der Zentralmacht, ein chaotisches Neben- und Gegeneinander zahlreicher Milizen und die \u00dcberflutung Nordafrikas mit Waffen und islamistischen K\u00e4mpfern aus Libyen. Sowohl Waffen wie K\u00e4mpfer gelangten auch in gro\u00dfen Mengen nach Syrien.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus erhielten der IS und \u00e4hnliche Organisationen in Syrien seit Fr\u00fchjahr 2012 Waffenlieferungen, die haupts\u00e4chlich vom Saudi-Regime bezahlt und organisiert waren. Die Transporte, unter anderem aus Kroatien, wurden, Berichten der <em>New York Times<\/em> zufolge, nach der Pr\u00e4sidentenwahl in den USA Anfang November 2012 massiv gesteigert. An der \u00bbLuftbr\u00fccke\u00ab sollen saudische, jordanische und katarische Flugzeuge beteiligt gewesen sein. Die T\u00fcrkei habe f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Waffen- und Munitionslieferungen sowie deren Verteilung das Management besorgt. Wahrscheinlich hat nur die Unterst\u00fctzung der syrischen Streitkr\u00e4fte durch unmittelbar an der Front operierende iranische Berater und seit einigen Monaten das milit\u00e4rische Eingreifen Russlands einen Zusammenbruch des syrischen Staatsapparats verhindert.<\/p>\n<p>Man sollte in diesem Kontext nicht vergessen, dass ein weiterer Versuch der US-Administration, ein Land des Gro\u00dfraums Nahost-Nordafrika zu destabilisieren und zu zerst\u00f6ren, am Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis in der betroffenen Bev\u00f6lkerung scheiterte. Im Februar 2005 begannen im Libanon Massendemonstrationen, an denen sich Zehntausende Christen und sunnitische Muslime beteiligten. Die F\u00fchrer dieser Bewegung, f\u00fcr die westliche Werbeagenturen den Namen \u00bbZedernrevolution\u00ab erfanden, waren bew\u00e4hrte Partner der US-Regierung. Der von Washington offenbar angestrebte B\u00fcrgerkrieg scheiterte an einer Massenmobilisierung der schiitischen Hisbollah, die der Gegenseite demonstrierte, dass ein bewaffneter Konflikt allenfalls mit dem gemeinsamen Untergang enden k\u00f6nnte. Nach Sch\u00e4tzungen folgten am 8. M\u00e4rz 2005 bis zu eine halbe Million Menschen dem Aufruf der Hisbollah zur Kundgebung in Beirut. Damit war die \u00bbZedernrevolution\u00ab im Wesentlichen beendet.<\/p>\n<p>Im Juli 2006 unternahm Israel mit offener Unterst\u00fctzung der USA einen Versuch, die politische Niederlage doch noch in einen milit\u00e4rischen Sieg zu verwandeln. Ein Feldzug gegen Hisbollah, verbunden mit Luftangriffen auf Wohngebiete in Beirut und anderen St\u00e4dten sollte zur Spaltung der libanesischen Bev\u00f6lkerung und zur Isolierung der Schiitenmiliz f\u00fchren. Der Krieg endete einen Monat sp\u00e4ter nach hohen Verlusten und weitgehend erfolglosen Operationen der israelischen Streitkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>George W. Bushs Au\u00dfenministerin Condoleezza Rice hatte Israels Angriff auf den Libanon zustimmend kommentiert: \u00bbWas wir hier sehen, ist gewisserma\u00dfen das Heranwachsen \u2026, sind die Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens. Bei allem, was wir tun, sollten wir darauf achten, dass wir zu einem neuen Nahen Osten vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngen und nicht zum alten zur\u00fcckgehen.\u00ab<\/p>\n<p>Es war die Zeit, da Bush und sein Team an m\u00f6glichst vielen Pl\u00e4tzen der Welt k\u00fcnstliche \u00bbRevolutionen\u00ab in Gang bringen wollten und Massenbewegungen f\u00fcr weitgehend manipulierbar hielten. Es kam zu Regierungswechseln in Serbien (Oktober 2000), in Georgien (November 2003) und in der Ukraine (November 2004). Analoge Umsturzpl\u00e4ne scheiterten jedoch unter anderem in Venezuela, Usbekistan, Kirgistan und Belo Russland. Vielleicht setzte Obama aus diesem Grund 2011 in Libyen und Syrien von Anfang an in erster Linie auf die Unterst\u00fctzung bewaffneter Gruppen.<\/p>\n<p>Der \u00bbIslamische Staat\u00ab ist im Kontext der Ausbreitung extrem-fundamentalistischer Kampforganisationen eine noch sehr junge, aber in kurzer Zeit erstaunlich erfolgreiche Erscheinung. Unter dem Namen \u00bbIslamischer Staat im Irak und Al-Scham\u00ab (ISIS) existiert sie erst seit April 2013, wobei der Name Al-Scham ungef\u00e4hr das heutige Syrien bezeichnet. Seit dem 29. Juni 2014 nennt sich die Organisation mit dem Anspruch, ein weltweites Kalifat errichten zu wollen nur noch \u00bbIslamischer Staat\u00ab, IS. 19 Tage zuvor hatte sie die Herrschaft \u00fcber die nordirakische Millionenstadt Mossul \u00fcbernommen, aus der sie bis heute nicht vertrieben werden konnte.<\/p>\n<p><strong>Ausbreitung des IS <\/strong><\/p>\n<p>Auf die Proklamation des IS folgten zahlreiche Anschlusserkl\u00e4rungen von bestehenden Organisationen oder Abspaltungen von Individuen und Personengruppen. Der dahinterstehenden Theorie zufolge bilden sie alle zusammen einen Staat, der aus geographisch nicht miteinander verbundenen Territorien besteht. Gr\u00f6\u00dfere Gruppen oder Organisationen werden als \u00bbProvinzen\u00ab des IS bezeichnet. Die gegenw\u00e4rtig vermutlich wichtigsten Teile des IS befinden sich \u2013 abgesehen vom Kerngebiet Syrien-Irak \u2013 in Libyen, \u00c4gypten, Nigeria, Afghanistan, Somalia und im Gazastreifen.<\/p>\n<p>In Libyen beherrscht der IS-Ableger einen K\u00fcstenstreifen von etwa 200 bis 240 Kilometern, der \u00f6stlich und westlich der Hafenstadt Sirte liegt. Der IS, anfangs haupts\u00e4chlich bestehend aus Libyern, die vom Kampf im Nahen Osten zur\u00fcckgekehrt waren, hatte sich im Oktober oder November 2014 zun\u00e4chst in der Stadt Derna festgesetzt, aus der er aber von lokalen Milizen vertrieben wurde. Im Februar und April 2015 provozierte die Gruppe internationale Aufmerksamkeit, indem sie bei zwei Massenhinrichtungen insgesamt rund 50 \u00e4gyptische und \u00e4thiopische Christen enthauptete und die Videos \u00fcber das Internet verbreitete. Aufsehen hatten die Terroristen schon am 27. Januar 2015 mit einem \u00dcberfall auf das Luxushotel \u00bbCorinthia\u00ab in der Hauptstadt Tripolis erregt: Sie t\u00f6teten neun Menschen, darunter mehrere Ausl\u00e4nder. Im Juni \u00fcbernahmen sie die Herrschaft \u00fcber Sirte und schlugen dort im August einen Aufstand mit gro\u00dfer Brutalit\u00e4t nieder.<\/p>\n<p>Die Zahl der IS-K\u00e4mpfer in Sirte und Umgebung wird meist auf 2.000 bis 3.000 gesch\u00e4tzt. Angesichts der Tatsache, dass sie sich seit Monaten in ihrem Territorium halten, erscheint diese Zahl erstaunlich niedrig und geradezu unglaubw\u00fcrdig. Seit Dezember 2015 wird berichtet, dass der IS in Sirte anscheinend planm\u00e4\u00dfig durch Kr\u00e4fte verst\u00e4rkt wird, die von der zentralen Leitung, deren Sitz in Syrien oder im Irak vermutet wird, aus diesen L\u00e4ndern abgezogen werden. Ihre finanzielle Ausstattung d\u00fcrften sie ebenfalls von daher empfangen. Eigene Ressourcen, etwa durch den Handel mit Erd\u00f6l, scheint er bisher kaum zu haben.<\/p>\n<p>Wichtigster Gegner des libyschen IS sind \u00f6rtliche Milizen, die die Gruppe in Schach halten und sie daran hindern, sich weiter auszubreiten. Zum Teil sind sie selbst islamistisch orientiert, allerdings ohne die extremen Praktiken des IS und ohne die Ambition, Terror in andere L\u00e4nder zu bringen. W\u00fcrden die Milizen entwaffnet und aufgel\u00f6st, wie von den USA und der EU gefordert und vorangetrieben wird, w\u00fcrde ein Vakuum zugunsten des IS drohen.<\/p>\n<p>Im benachbarten \u00c4gypten verf\u00fcgt der IS \u00fcber zahlreiche Schlupfwinkel im schwer zug\u00e4nglichen Gel\u00e4nde der Sinaihalbinsel. Im Kern handelt es sich dort um eine \u00e4ltere islamistische Organisation, die sich im November 2014 umbenannte und dem IS als \u00bbProvinz Sinai\u00ab anschloss. Die \u00e4gyptischen Streitkr\u00e4fte f\u00fchren dort einen schweren Kampf, in dem sie bisher keine nachhaltigen Erfolge zu verzeichnen hatten, aber angeblich schon mehr als 600 Soldaten durch Tod verloren haben. Der \u00e4gyptische IS ist auch au\u00dferhalb der Halbinsel zu Anschl\u00e4gen wie der Ermordung des Oberstaatsanwaltes Hischam Barakat in Kairo im Juni 2015 f\u00e4hig.<\/p>\n<p>Dagegen ist der IS in Gaza anscheinend nur eine Bel\u00e4stigung und Gefahr f\u00fcr die Hamas. Die Zahl seiner Anh\u00e4nger, \u00fcberwiegend ehemalige Mitglieder der Hamas und anderer fundamentalistischer Organisationen, ist nicht bekannt. Im vergangenen Jahr haben sie ungef\u00e4hr zwanzig nicht sehr bedeutende Anschl\u00e4ge durchgef\u00fchrt, von denen die meisten sich gegen Einrichtungen der Hamas richteten. Die Gruppe ist der IS-Zentralorganisation nicht formal angeschlossen. Ihre politischen Hauptgegner sind Hamas und die pal\u00e4stinensische Nationalbewegung. Ziel des Dschihad sei nicht die Befreiung des Landes, sondern die Einf\u00fchrung der Scharia, formulierte die Gruppe in einem Propagandavideo gegen Hamas. Objektiv nutzen ihre Taten Israel. Im geeigneten Moment k\u00f6nnte die Gruppe der Regierung in Jerusalem durch den Abschuss einer Rakete einen Kriegsvorwand liefern.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich ist die Konstellation in Afghanistan, wo die Existenz eines IS-Ablegers fast ausschlie\u00dflich den Taliban schadet. Die Gruppe firmiert dort als \u00bbProvinz Khorasan\u00ab \u2013 ein historischer Name, der au\u00dfer Afghanistan auch Teile Pakistans einschlie\u00dft. Angeblich haben sich einige hundert fr\u00fchere Mitglieder der sogenannten pakistanischen Taliban, die sich in den letzten zwei bis drei Jahren in zahlreiche Fraktionen aufgesplittert hatten, dem IS angeschlossen. Eigene Aktionen sind ihnen aber bisher nicht eindeutig zuzuweisen.<\/p>\n<p>Auch aus Afghanistan wird von Zeit zu Zeit gemeldet, dass ein paar Dutzend oder einige hundert Aufst\u00e4ndische dem IS Ergebenheit geschworen h\u00e4tten. Unter ihnen sollen sich viele ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer aus der Region befinden: Usbeken, Tadschiken, Pakistaner und Leute aus dem russischen Kaukasus. Schwerpunkt des afghanischen IS soll die Provinz Fariab im Norden des Landes sein, die fr\u00fcher zum Zust\u00e4ndigkeitsbereich der deutschen Bundeswehr geh\u00f6rte. W\u00e4hrend die Taliban im vergangenen Jahr milit\u00e4risch sehr erfolgreich war, h\u00f6rte man von Aktivit\u00e4ten des IS nichts.<\/p>\n<p><strong>Konkurrenz der Terrorverb\u00e4nde <\/strong><\/p>\n<p>Im Jemen profitiert der IS \u2013 \u00e4hnlich wie Al-Qaida, aber in sehr viel geringerem Umfang \u2013 von dem Machtvakuum, das durch das milit\u00e4rische Eingreifen Saudi-Arabiens in den B\u00fcrgerkrieg seit Ende M\u00e4rz 2015 entstanden ist. Al-Qaida verf\u00fcgt \u00fcber ein ausgedehntes Territorium im S\u00fcdjemen mit der bedeutenden Hafenstadt Mukalla. \u00d6rtliche Gegner scheint die Organisation nicht zu haben, mit der starken Separatistenbewegung in diesem Gebiet arbeitet sie m\u00f6glicherweise punktuell zusammen. Das \u00bbReich\u00ab von Al-Qaida bleibt von Angriffen der saudischen Luftwaffe verschont, Mukalla ist von der ansonsten sehr wirkungsvollen Seeblockade der Saudis ausgenommen. In j\u00fcngster Zeit soll die Organisation K\u00e4mpfer aus dem S\u00fcden weiter nach Norden verlegt haben, um sich am Krieg der saudisch gef\u00fchrten Koalition gegen die Schiiten und die mit ihnen verb\u00fcndeten Teile der regul\u00e4ren jemenitischen Streitkr\u00e4fte zu beteiligen.<\/p>\n<p>Dagegen ist die Zahl der IS-Angeh\u00f6rigen, \u00fcberwiegend wohl fr\u00fchere Al-Qaida-Leute, vorl\u00e4ufig gering. Ihre Hauptt\u00e4tigkeit sind Bombenanschl\u00e4ge auf schiitische Moscheen im Jemen selbst, aber auch in Saudi-Arabien. Der IS verfolgt dabei die gleiche Strategie, mit der er auch im Irak erfolgreich war: das Provozieren schiitischer Reaktionen mit den selben Mitteln und das Entfesseln eines \u00bbReligionskriegs\u00ab zwischen den Bev\u00f6lkerungsgruppen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des Golfs von Aden, in Somalia, besteht die islamistische Kampforganisation Al-Schabab. Von ihr spalten sich viele kleinere Gruppen von einigen hundert Mitgliedern ab. Die fr\u00fcheren Anh\u00e4nger schlie\u00dfen sich oft dem IS an. Milit\u00e4risch sind diese Abspaltungen bis jetzt bedeutungslos. Al-Schabab f\u00fchrt, abgesehen vom Nachbarstaat Kenia, keine Aktionen im Ausland durch und ermutigt sie nicht. Auch Kenia ist erst Angriffsziel, seit es im Oktober 2011 seine Streitkr\u00e4fte nach Somalia schickte, um sich dort an der internationalen Milit\u00e4rintervention zu beteiligen und einen Marionettenstaat im S\u00fcden des Landes zu schaffen. Gegenw\u00e4rtig befinden sich rund 22.000 Soldaten aus Kenia, Uganda, Burundi, \u00c4thiopien und Dschibuti in Somalia. Sie verteidigen eine nicht legitimierte Regierung. Seit Beginn des B\u00fcrgerkriegs 1991 haben keine Wahlen mehr stattgefunden. Auch die f\u00fcr dieses Jahr versprochene Abstimmung wird, das steht bereits fest, wieder ausfallen. Die USA und die EU unterst\u00fctzen den Kampf gegen Al-Schabab sowohl finanziell als auch durch Milit\u00e4rausbilder und Waffenhilfe. Mit welchem Recht und mit welcher langfristigen politischen Perspektive, ist unklar.<\/p>\n<p>In Westafrika hat der IS Verb\u00fcndete in Nigeria, dem bev\u00f6lkerungsreichsten Land des Kontinents, gewonnen. Das gilt zumindest formal, seit die islamistische Organisation \u00bbBoko Haram\u00ab sich im M\u00e4rz 2015 dem IS anschloss. Wesentliche \u00c4nderungen in der Kampfweise von \u00bbBoko Haram\u00ab scheinen sich daraus bisher nicht ergeben zu haben. \u00c4hnlich wie in Somalia betreiben die USA und die EU die Internationalisierung des Konflikts durch Interventionstruppen aus ihren Partnerstaaten in der Region. Praktisch hat das haupts\u00e4chlich zur Ausweitung der milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten von \u00bbBoko Haram\u00ab auf Kamerun, Niger und den Tschad gef\u00fchrt. In Nigeria selbst soll die Organisation mindestens 6.000 K\u00e4mpfer haben. Sie h\u00e4lt sich in mehreren schwer zug\u00e4nglichen R\u00fcckzugsgebieten im Norden des Landes auf, deren Gesamtfl\u00e4che auf rund 20.000 Quadratkilometer \u2013 das Bundesland Sachsen ist nur wenig kleiner \u2013 gesch\u00e4tzt wird.<\/p>\n<p>Andere islamistische Organisationen in der Region \u2013 so insbesondere in Mali und in Burkina Faso \u2013 stellen sich bisher nicht als Anh\u00e4nger des IS, sondern als Teil des Al-Qaida-Netzwerks dar. Letztlich scheint dieser Unterschied aber kaum von Bedeutung. Der IS hat aufgrund seiner stringenteren Ideologie, seiner werbewirksam zur Schau gestellten Mordpraktiken und nicht zuletzt durch die enormen Finanzmittel, die ihm offenbar immer noch zur Verf\u00fcgung stehen, die besseren Chancen, sich im Konkurrenzkampf der Terrorverb\u00e4nde durchzusetzen.<\/p>\n<p><em>Quelle: Junge Welt vom 22. Januar 2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Knut Mellenthin. 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