{"id":9310,"date":"2021-02-22T10:21:18","date_gmt":"2021-02-22T08:21:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9310"},"modified":"2021-02-22T10:21:19","modified_gmt":"2021-02-22T08:21:19","slug":"armut-in-deutschland-zwei-millionen-menschen-muessen-zuhause-frieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9310","title":{"rendered":"Armut in Deutschland: Zwei Millionen Menschen m\u00fcssen zuhause frieren"},"content":{"rendered":"<p><em>Elisabeth Zimmermann. <\/em>Am 15. Februar, als die Temperaturen weit unter Null sanken, gro\u00dfe Teile Europas unter Schnee und Frost versanken und Obdachlose auf den Stra\u00dfen erfroren, meldete das Statistische Bundesamt, dass in Deutschland \u00fcber zwei Millionen<!--more--> Menschen in ihren Wohnungen frieren, weil sie zu arm sind, um zu heizen.<\/p>\n<p>Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2019. 2,5 Prozent der Bev\u00f6lkerung waren damals betroffen. Besonders hoch war der Anteil unter Alleinlebenden mit 4,8 Prozent und unter Alleinerziehenden und deren Kindern mit sieben Prozent. Die Gefahr, unter solchen Bedingungen ernsthaft zu erkranken oder gar zu erfrieren, ist sehr hoch.<\/p>\n<p>Es ist zu bef\u00fcrchten, dass sich die Zahl der Menschen, die im Winter aus finanzieller Not nicht ausreichend heizen k\u00f6nnen, in diesem Winter weiter erh\u00f6ht hat. Die soziale Krise hat sich infolge der Corona-Pandemie weiter versch\u00e4rft. Besonders Menschen, die schon vorher wenig verdienten, sind von Entlassungen und Kurzarbeit betroffen.<\/p>\n<p>Dass sich in einem der reichsten L\u00e4nder der Welt Millionen keine Heizung leisten k\u00f6nnen, ist das Ergebnis der Politik der Regierungen der vergangenen Jahrzehnte. Eine Schl\u00fcsselrolle spielte dabei die Koalition aus SPD und Gr\u00fcnen, die von 1998 bis 2005 unter Gerhard Schr\u00f6der die Bundesregierung stellte. Sie hat mit ihrer Agenda 2010 unter aktiver Mithilfe der Gewerkschaften einen riesigen Niedriglohnsektor geschaffen.<\/p>\n<p>Der st\u00e4ndige Anstieg der Mieten und der Nebenkosten f\u00fcr Heizung und Strom setzt Millionen Menschen und Familien mit niedrigem Einkommen unter Druck. Menschen, die auf Grundsicherung und Hartz IV angewiesen sind, bekommen nicht die tats\u00e4chlichen Strom- und Heizkosten, sondern nur einen \u201eangemessenen Betrag\u201c ersetzt. Die Differenz k\u00f6nnen sie meist nicht aufbringen, da die Hartz-IV-Regels\u00e4tze bereits zu niedrig sind, um das Existenzminium zu sichern. Zurzeit liegt der Regelsatz f\u00fcr eine alleinstehende Person bei 446 Euro im Monat.<\/p>\n<p>Eine Studie des Zentrums f\u00fcr Europ\u00e4ische Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2017 zeigt, dass vor allem Empf\u00e4nger von Grundsicherung von Stromsperren betroffen sind. Der Grund daf\u00fcr ist, dass der Anteil, der bei Hartz-IV f\u00fcr Strom vorgesehen ist, die Stromkosten nicht ausreichend abdeckt. \u201eW\u00e4hrend die Kosten f\u00fcr Strom zwischen den Jahren 2008 und 2018 um knapp 40 Prozent nach oben kletterten, stiegen die staatlichen Zuwendungen f\u00fcr Strom im Regelsatz der Grundsicherung nur um 27 Prozent an.\u201c<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank und die Bundesregierung haben den gro\u00dfen Banken und Konzernen durch Anleihenk\u00e4ufe und Konjunkturpakete mehrere Billionen geschenkt. Der DAX befindet sich im H\u00f6henflug, w\u00e4hrend Tausende Menschen aufgrund mangelnder Schutzma\u00dfnahmen an Covid-19 sterben. Gleichzeitig gibt es keine Unterst\u00fctzung f\u00fcr Menschen, die durch die Versch\u00e4rfung der sozialen Krise in Not geraten oder bereits l\u00e4nger in Armut leben.<\/p>\n<p>Die zehn reichsten Deutschen haben ihr Verm\u00f6gen w\u00e4hrend der Pandemie um 35 Prozent auf 242 Milliarden Dollar vermehrt. Das reichste Prozent der Bev\u00f6lkerung besitzt gleich viel wie die \u00e4rmsten 75 Prozent. Trotzdem plant die Bundesregierung, die Milliardengeschenke an die Reichen durch weitere K\u00fcrzungen im sozialen Bereich, bei Gesundheit und Bildung wieder aus der Arbeiterklasse herauszuholen.<\/p>\n<p>Deutschland ist dabei keine Ausnahme. Laut europ\u00e4ischem Statistikamt waren 2019 EU-weit sieben Prozent der Bev\u00f6lkerung nicht in der Lage, ihre Wohnungen ausreichend oder \u00fcberhaupt zu heizen. In Bulgarien waren es 30,1, in Litauen 26,7 und auf Zypern 21 Prozent. In Italien litten 11,1, in Rum\u00e4nien 9,3, in Spanien 7,5, in Frankreich 6,2 und in Polen 4,2 Prozent unter demselben Problem.<\/p>\n<p>Auch in Schweden, \u00d6sterreich und Finnland konnten zwei Prozent der Bev\u00f6lkerung nicht ausreichend heizen. Insgesamt waren 2019 in der EU 30 Millionen Menschen von diesem Problem betroffen, das entspricht etwa der Bev\u00f6lkerung \u00d6sterreichs, Ungarns und der Tschechischen Republik zusammengenommen. Auch hier muss man davon ausgehen, dass sich die Situation mit der Pandemie weiter verschlimmert hat.<\/p>\n<p>In einem Video-Interview mit\u00a0<em>euronews<\/em>\u00a0schildert eine Rentnerin aus Belgien, dass sie ihre Heizung nur nachmittags aufdreht und abends wieder ausmacht, weil sie das Geld nicht hat, um ihre Wohnung durchgehend zu heizen. Sie berichtet auch, dass sie sich weitgehend nur von Nudeln und Eiern ern\u00e4hrt. Fleisch sei zu teuer und stehe bestenfalls einmal im Monat auf dem Speiseplan.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/02\/22\/armu-f22.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Februar 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elisabeth Zimmermann. Am 15. 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