{"id":9336,"date":"2021-02-25T09:33:58","date_gmt":"2021-02-25T07:33:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9336"},"modified":"2021-02-25T09:33:59","modified_gmt":"2021-02-25T07:33:59","slug":"fiebertraeume-der-oekonomischen-coronaleugner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9336","title":{"rendered":"Fiebertr\u00e4ume der \u00f6konomischen Coronaleugner"},"content":{"rendered":"<p><em>Jakob Zelger. <\/em><strong>Wir erleben derzeit den st\u00e4rksten Einbruch der weltweiten Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch bereits vor Ausbruch von Covid-19 und seiner globalen Auswirkungen war das Wirtschaftswachstum auf dem niedrigsten<\/strong><!--more--> <strong>Wert seit Jahren und wir standen kurz vor einer Rezession. Wirtschaftsf\u00fchrer, Thinktanks und Regierungschefs konnten die Auswirkungen der Pandemie zu Beginn nicht einsch\u00e4tzen und erwarten immer noch einen raschen Aufschwung nach der Krise. Eine marxistische Analyse zeigt, dass eine R\u00fcckkehr zu stetig wachsender Wirtschaft in weiter Ferne liegt. Das Wirtschaftssystem geh\u00f6rt auf neue Beine gestellt.<\/strong><\/p>\n<p>\u00abVon einer Rezession in \u00d6sterreich gehe ich nicht aus, au\u00dfer die Hysterie entwickelt sich noch weiter.\u00bb Diese Worte vom Pr\u00e4sident der\u00a0<em>Industriellenvereinigung<\/em>\u00a0Georg Kapsch aus einem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000115447909\/iv-chef-kapsch-zu-corona-virus-absurde-hysterie\">Interview<\/a>\u00a0mit dem\u00a0<em>Standard<\/em>\u00a0Anfang M\u00e4rz 2020 wirken nach beinahe einem Jahr mit Lockdowns und wirtschaftlicher Krise ziemlich weltfremd. Sie zeigen aber auch, wie schlecht die Wirtschaftsbosse kapitalistische Krisen einsch\u00e4tzen und, dass wir ihnen nicht die Entscheidung \u00fcber die Wirtschaft nicht \u00fcberlassen sollten.<\/p>\n<p>Die letzten gro\u00dfen Krisen des Kapitalismus \u2013 angefangen beim B\u00f6rsencrash Ende der 1920er-Jahre bis zur letzten gro\u00dfen Krise 2008\/09 \u2013 hatten alle den Zusammenbruch des Finanzsektors als Ausl\u00f6ser und f\u00fchrten zum Kollaps der Realwirtschaft. In der aktuellen Krise, ausgel\u00f6st durch ein Virus, das durch den Eingriff in sensible \u00d6kosysteme entfesselt wurde, ist bisher nur die reale Wirtschaft betroffen, der Finanzwelt geht es besser als zuvor. Das liegt vor allem an der Entkopplung der B\u00f6rsen von der Realwirtschaft und den Billionen an Steuergeldern, die in die Rettung von Unternehmen gesteckt wurden.<\/p>\n<p><strong>Die Wirtschaft wird sich lange nicht erholen<\/strong><\/p>\n<p>Derzeitige\u00a0<a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/economic-outlook\/#gdp-projections\">Prognosen<\/a>\u00a0gehen von einer sehr langsamen Erholung der Weltwirtschaft aus. Laut OECD (<em>Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung<\/em>) wird das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) erst wieder gegen Ende 2021 den selben Wert wie Ende 2019, also vor der Krise, erreichen. F\u00fcr \u00d6sterreich gibt es sogar noch d\u00fcsterere\u00a0<a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/economy\/austria-economic-snapshot\/\">Vorhersagen<\/a>\u00a0durch die OECD. Sie rechnen mit keiner Erholung der \u00f6sterreichischen Wirtschaft vor Ende 2022. Verschiedene \u00f6sterreichische\u00a0<a href=\"https:\/\/wko.at\/statistik\/prognose\/text-PDF.pdf\">Wirtschafts-Prognosen<\/a>\u00a0gehen von h\u00f6heren Wachstumsraten aus, aber selbst mit diesen ist es nicht m\u00f6glich, das Vorkrisen-Niveau zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>Die Wirtschaftskrise verstehen<\/strong><\/p>\n<p>Eine\u00a0<a href=\"https:\/\/thenextrecession.wordpress.com\/2021\/01\/02\/forecast-for-2021\/\">Erkl\u00e4rung<\/a>\u00a0f\u00fcr die Tiefe der Wirtschaftskrise liefert der marxistische \u00d6konom Michael Roberts. Viele der Unternehmen im Dienstleistungssektor mussten in den Lockdowns geschlossen werden und haben teilweise nicht mehr aufgesperrt. Dadurch gibt es einen starken Anstieg der Arbeitslosenzahlen. Weiters wurden Unternehmensschulden angeh\u00e4uft, was zur Folge hat, dass\u00a0<a href=\"https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/sites\/39a88ab1-en\/1\/3\/2\/2\/index.html?itemId=\/content\/publication\/39a88ab1-en&amp;_csp_=fd64cf2a9a06f738f45c7aeb5a6f5024&amp;itemIGO=oecd&amp;itemContentType=issue#figure-d1e4446\">Investitionen<\/a>, die ein wichtiger Bestandteil der kapitalistischen Wirtschaft sind, nicht get\u00e4tigt werden k\u00f6nnen. Besonders kleine Firmen waren gezwungen, w\u00e4hrend der letzten Monate Kredite aufzunehmen, die viele auf l\u00e4ngere Sicht nicht zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen. Dadurch steigt die Anzahl der sogenannten Zombie-Firmen, die nur durch Geldspritzen vor dem Bankrott bewahrt werden. Durch die Insolvenz einer gro\u00dfen Anzahl solcher Firmen, entsteht eine\u00a0<a href=\"https:\/\/thenextrecession.wordpress.com\/2020\/12\/02\/a-credit-crash-ahead\/\">Kredit- und Finanzkrise<\/a>, die die aktuelle Wirtschaftskrise noch vertiefen wird.<\/p>\n<p><strong>Die Ungleichheit verst\u00e4rkt sich in der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Bisher zeichnet sich keine Finanzkrise ab, die Aktien- und Anleihenm\u00e4rkte sind auf einem H\u00f6henflug. Der Grund daf\u00fcr sind Billionen an Geldern und Krediten, die von Regierungen in die Hand genommen wurden, um Banken und Unternehmen zu helfen, sowie L\u00f6hne und Geh\u00e4lter zu zahlen. Banken konnten dadurch ihre R\u00fccklagen verst\u00e4rken, w\u00e4hrend Unternehmen und Haushalte Ersparnisse horten.<\/p>\n<p>Dennoch sind Hoffnungen, die von einem verst\u00e4rkten Konsum nach einer Normalisierung durch Impfungen ausgehen, fehl am Platz. Der gro\u00dfe Teil an den privaten Ersparnissen liegt n\u00e4mlich in den H\u00e4nden der Reichen, auf die nur ein kleiner Teil des Konsums f\u00e4llt. Der durchschnittliche Haushalt hat w\u00e4hrend der Pandemie keine Ersparnisse angeh\u00e4uft, sondern Schulden. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den Unternehmenssektor. Die gr\u00f6\u00dften Anteile an Geldhilfen gingen an Gro\u00dfunternehmen und an die IT-Branche, ein Bereich, der kaum vom Wirtschaftsabschwung betroffen ist. Das ist die Grundlage f\u00fcr eine Kredit- und Finanzkrise in der Zeit nach dem R\u00fcckgang der Unterst\u00fctzung durch Regierungen. Die Folgen w\u00e4ren der Bankrott vieler Klein- und Mittelunternehmen, das Ausbleiben erhoffter Einnahmen ausbleiben und steigende Lohnkosten.<\/p>\n<p><strong>Steigende Schulden, insolvente Firmen<\/strong><\/p>\n<p>Laut dem\u00a0<em>Institute of International Finance<\/em>\u00a0betrug die weltweite\u00a0<a href=\"http:\/\/spglobal.com\/marketintelligence\/en\/news-insights\/latest-news-headlines\/pandemic-to-push-global-debt-to-record-277-trillion-by-end-2020-8211-iif-61361095\">Verschuldung<\/a>\u00a0im November 2020 277 Billionen USD, das entspricht 365 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und bedeutet eine gewaltige Steigerung zu den 320 Prozent Ende 2019. Diese schnell aufgebauten Schulden k\u00f6nnen zu Problemen mit der Kreditw\u00fcrdigkeit vieler Unternehmen f\u00fchren. Besonders betroffen sind jene im Einzelhandels-, Freizeit- und Gewerbeimmobiliensektor, wo besonders viele Konkurse zu erwarten sind. Die OECD sch\u00e4tzt, dass je nach Sparte bis zu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/sites\/39a88ab1-en\/1\/3\/2\/2\/index.html?itemId=\/content\/publication\/39a88ab1-en&amp;_csp_=fd64cf2a9a06f738f45c7aeb5a6f5024&amp;itemIGO=oecd&amp;itemContentType=issue#figure-d1e4277\">30% der Unternehmen<\/a>\u00a0weltweit in finanzielle Notlagen geraten werden oder Insolvenzen anmelden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Im besten Fall gibt es eine schwache Erholung<\/strong><\/p>\n<p>Sollte die Reihe an Unternehmenspleiten nicht eintreten und eine Finanzkrise ausbleiben, so wird die wirtschaftliche Erholung der meisten Staaten trotzdem extrem schwach sein. Ausgenommen davon ist nur eine Handvoll Wirtschaften, an ihrer Spitze China, das voraussichtlich ein Drittel des gesamten tats\u00e4chlichen weltweiten BIP-Zuwachses ausmacht. Die weltweite Wirtschaft wird im besten Fall \u2013 Impfung einer gro\u00dfen Anzahl von Menschen und R\u00fcckkehr zu einem normalen Arbeitsalltag \u2013 fr\u00fchestens Ende 2021 jenen Wert erreichen, auf dem sie 2019 stand und damit den schlimmsten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg um 4,2 Prozent ausgleichen.<\/p>\n<p>Der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/economy\/euro-area-and-european-union-economic-snapshot\/\">europ\u00e4ische Wirtschaftsraum<\/a>\u00a0steht im weltweiten Vergleich noch schlechter da. Das BIP war zum Ende des Jahres 2020 7,5 Prozent geschrumpft und die OECD geht davon aus, dass es erst Ende 2022 wieder das Niveau von 2019 erreichen wird. \u00d6sterreich geh\u00f6rt mit einem Abschwung von 8 Prozent zu den Schlusslichtern in der Eurozone und die OECD geht nicht davon aus, dass es den Einbruch des BIP bis Ende 2022 ausgleichen kann. Es wird im besten Fall nur eine allm\u00e4hliche Erholung der Wirtschaft in den n\u00e4chsten beiden Jahre geben.<\/p>\n<p><strong>Wirtschaftsforscher liegen falsch<\/strong><\/p>\n<p>Zu Beginn der Pandemie in \u00d6sterreich (Ende M\u00e4rz) gingen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/wirtschaft\/oesterreich\/2055742-Ein-scharfer-aber-kurzer-Einbruch.html\">\u00d6konomen<\/a>\u00a0am\u00a0<em>Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung<\/em>\u00a0(Wifo) und am\u00a0<em>Institut f\u00fcr h\u00f6here Studien<\/em>\u00a0(IHS) noch davon aus, dass es nur eine kleine Schrumpfung der Wirtschaft um 2,5 Prozent geben werde. Chef\u00f6konom der\u00a0<em>Industriellenvereinigung<\/em>\u00a0Christian Helmenstein war damals \u201eoptimistisch, dass \u00d6sterreich auch heuer die Krise gut meistern werde, da sich [\u2026] die Einbr\u00fcche in Grenzen halten werden.\u201c<\/p>\n<p>Erst bei der Jahresabschlussbilanz mussten auch diese \u00d6konomen den starken R\u00fcckgang der \u00f6sterreichischen Wirtschaft eingestehen. Von den Prognosen der OECD mit einem Minus von 8 Prozent waren die Vorhersagen von Wifo, IHS und\u00a0<em>\u00d6sterreichischer Nationalbank<\/em>, die nur zwischen 7 und 7,5 Prozent errechnet haben, weit darunter. Ihre Vorhersagen f\u00fcr die kommenden 2 Jahre liegen zwischen 3,5 und 4,5 Prozent Wachstum, im Vergleich dazu prognostiziert die OECD 1,4 und 2,3 Prozent Wachstum zum Vorjahresniveau.<\/p>\n<p><strong>Ein Zur\u00fcck zur Profitmaximierung verhindern<\/strong><\/p>\n<p>In einer aktuellen Umfrage des Kreditschutzverbandes 1870, f\u00fcr die 600 Unternehmen befragt wurden, erwartet ein Viertel der Befragten eine Entspannung der wirtschaftlichen Situation im dritten Quartal 2021, ein weiteres Viertel erst ab 2022. Das steht im krassen Kontrast zu den Prognosen der OECD. Der Chef des\u00a0<em>Umfrage-Institutes<\/em>\u00a0bringt das neoliberale Credo und den Wirtschaftsoptimismus der \u00f6sterreichischen Unternehmer auf den Punkt: \u201eDen Krisenaktionismus m\u00fcssen wir hinter uns lassen, stattdessen muss wieder zu einer wettbewerbsorientierten Volkswirtschaft zur\u00fcckgekehrt werden\u201c. Wir d\u00fcrfen solchen Menschen nicht die Entscheidung \u00fcber unsere wirtschaftliche Zukunft \u00fcberlassen. Wir brauchen eine demokratische Kontrolle der Wirtschaft durch die Arbeiter_innen, damit in Zukunft Pandemien verhindert oder zumindest erfolgreich einged\u00e4mmt werden k\u00f6nnen. Dann stehen nicht mehr Profitmaximierung sondern die Bed\u00fcrfnisse der Mehrheit im Fokus.<\/p>\n<p><em>#Bild: In der Grafik wird sichtbar, dass selbst bei einer starken Erholung der Wirtschaft das Wachstum nicht an das Niveau von 2019 wird anschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Grafik: OECD<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/rasche-wirtschaftserholung-ein-fiebertraum-der-okonomischen-coronaleugner\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. Februar 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jakob Zelger. Wir erleben derzeit den st\u00e4rksten Einbruch der weltweiten Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. 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