{"id":9367,"date":"2021-03-08T16:38:29","date_gmt":"2021-03-08T14:38:29","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9367"},"modified":"2021-03-08T16:38:30","modified_gmt":"2021-03-08T14:38:30","slug":"eine-polemik-zu-zero-covid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9367","title":{"rendered":"Eine Polemik zu #Zero Covid"},"content":{"rendered":"<p><em>Gerald Gr\u00fcneklee. <\/em><strong>Die Liste menschlicher Albernheiten ist unendlich lang, und nun hat sich eine neue fixe Idee in vielen Hirnen eingenistet: es ist die Idee, man k\u00f6nnte Covid-19 ausrotten. Komplett und dauerhaft. Zero Covid.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Nun gibt es in der Geschichte der Medizin ein paar wenige Beispiele, wo man ein Virus tats\u00e4chlich ausrotten konnte, oder wenigstens fast \u2013 wobei fast eben immer noch unzureichend ist. Eine ziemlich vollst\u00e4ndige Ausrottung gelang bisher, trotz jahrelanger Kampagnen und Programme auch bei anderen Seuchen, eigentlich nur bei Pocken. Und da lagen die globalen Verh\u00e4ltnisse noch anders: die neoliberale Wirtschaft hatte sich noch nicht global durchgesetzt, in vielen Weltregionen waren die Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse daher weniger ausgepr\u00e4gt \u2013 und wir haben gesehen, dass Armut zwar nicht Ursache des Coronavirus ist, prek\u00e4re Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse aber seine Ausbreitung erleichtern und beschleunigen.<\/p>\n<p>Zudem haben Pocken immer klare Symptome, w\u00e4hrend das Coronavirus in den allermeisten F\u00e4llen symptomfrei verl\u00e4uft \u2013 weshalb die WHO auch davon ausgeht, dass es, Stand Anfang 2021, auch mindestens 750 Millionen Infektionen weltweit gab, etwa das Zehnfache der damals offiziell erfassten Fallzahl. Das macht es dem Virus viel einfacher, sich zwischendurch zu verstecken. Ausserdem h\u00fcpft das Coronavirus im Gegensatz zu Pocken \u2013 die allerdings auch locker 40 mal so t\u00f6dlich waren wie Covid-19 \u2013 munter zwischen Mensch und Tier hin und her. Tiere m\u00f6gen keine Impfgegner*innen zu sein \u2013 sie f\u00fcr Impfprogramme zu gewinnen, ist andererseits auch schwierig, und alle potentiell virentragenden Tiere weltweit zu \u201ekeulen\u201c, wie es heisst, d\u00fcrfte, zumal viele Nutztiere darunter sind, auch weder machbar noch durchsetzbar sein.<\/p>\n<p>Warum das Coronavirus nicht mehr verschwinden wird, dass ist neben der urs\u00e4chlichen Seite \u2013 es m\u00fcsste der Raubbau an Mensch und Natur gestoppt werden \u2013 auch der Umstand, dass es nicht lohnt: das Coronavirus ist zu ungef\u00e4hrlich. \u201eIn dem Moment, in dem man verhindern kann, dass eine Corona-Welle hunderte Menschen pro Tag t\u00f6tet und Krankenh\u00e4user schliessen l\u00e4sst, ist einfach kaum noch ein Anreiz da, eine Jahrzehnte dauernde Ausl\u00f6schungskampagne zu starten\u201c (Fischer 2021). Auch wenn Initiativen wie ZeroCovid dies beharrlich ignorieren: f\u00fcr den Grossteil der Menschen ist das Virus eben nicht gef\u00e4hrlicher als eine Grippe, wenn auch die Infektiosit\u00e4t aufgrund noch nicht vorhandener Herdenimmunit\u00e4t zweifellos deutlich gr\u00f6sser ist.<\/p>\n<p>Diese Fakten geben den Hintergrundrahmen ab f\u00fcr die neueste Trag\u00f6die, die sich deutsche Wohlstandslinke nun ersonnen haben. Ja, \u201elinks\u201c verorten sich die \u201eZeroCovid\u201c-Verfasser*innen, im Gegensatz zum von mehreren Wissenschaftler*innen verfassten \u201eNoCovid\u201c-Aufruf, der einmal mehr gegen alle statistische Belastbarkeit betont, dass Covid-19 auch f\u00fcr junge Menschen gef\u00e4hrlich sei, und der sich schon damit selbst diskreditiert (kleine Erinnerung: von den rund 62.000 vom RKI Anfang Februar ausgewerteten deutschen Corona-Toten waren ganze 13 unter 19 Jahren alt).<\/p>\n<p>Bereits die formulierten Grundaussagen von ZeroCovid sind vor allem eines \u2013 n\u00e4mlich grundverkehrt. \u201eDas erste Ziel ist, die Ansteckungen auf Null zu reduzieren\u201c, schreibt ihr \u2013 und zeigt damit nur, dass ihr keine Ahnung vom Coronavirus habt. Mag sein, dass ihr in eurer Welt mal erlebt habt, dass das W\u00fcnschen geholfen hat \u2013 weltfremd bleibt euer Ziel dennoch. \u201eDie Strategie, die Pandemie einzud\u00e4mmen, ist gescheitert\u201c, schreibt ihr. Oh, ihr Tagtr\u00e4umenden, reisst die Augen auf. Ziel war es von vornherein, die Pandemie so einzud\u00e4mmen, dass das privatisierte Gesundheitssystem nicht zusammenbricht und die Wirtschaft der Industriestaaten nicht kollabiert. Das hat funktioniert \u2013 kollabieren tut die \u00d6konomie zwar anderswo, doch dies zu erkennen hindert euch eure eurozentristische Brille. Ihr wollt Europa retten, w\u00e4hrend der Rest der Welt vollends aus den Fugen ger\u00e4t \u2013 und nennt das noch \u201eSolidarit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>Eine auf Covid-19 fokussierte Maxime, dass jede\/r Tote eine\/r zu viel sei, ist in der Pandemie ein monstr\u00f6ser Wahn, ein irrsinniges Eigentor, das umso mehr Tote gebiert, je l\u00e4nger daran festgehalten wird. Das zeigt sich an den immensen Folgesch\u00e4den von Lockdowns. Solche Tatsachen k\u00f6nnt ihr beiseite wischen wie ihr das vermutlich auch mit der Stanford-Studie rund um John A. Ioannidis tut, die zeigte, dass ein Lockdown keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen hat. \u201eFaktenchecks\u201c versuchen die Standford-Studie ja auch im Misskredit zu bringen, u.a. mit dem Hinweis, dass sie sich \u201evor allem bei Verharmlosern verbreitet\u201c und \u201egew\u00e4hlte Regierungen delegitimiert w\u00fcrden\u201c (BR, 21.1.2021). Das sind ja wirklich umwerfende Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>\u201eWir wollen die politische L\u00e4hmung in Bezug auf Corona \u00fcberwinden\u201c, schreibt ihr. Ja, was war denn bitte sch\u00f6n gel\u00e4hmt? Der Staat hat politisch agiert wie seit langem nicht, gel\u00e4hmt wart doch ihr selbst. Sonst k\u00f6nntet ihr erkennen, dass die f\u00fchrenden Industriestaaten das Coronavirus f\u00fcr eine forcierte gigantische Umverteilung von unten nach oben genutzt haben (national wie global), markiert gerade auch in ihren \u201eHilfspaketen\u201c. Ihr glaubt offenbar, die Regierung habe irgendwie versagt, doch das hat sie nicht, das Katastrophen-Management, dass das des gr\u00f6ssten anzunehmenden Unfalls zur Leitlinie erkl\u00e4rt \u2013 und dar\u00fcber u.a. eine Stimmung der Angst erzeugt, deren Effizienz sich gerade in euch erweist -, war alles in allem durchaus erfolgreich. Die Toten sind dazu kein Widerspruch, denn Tote waren &#8211; Vorsicht: Staatskritik! \u2013 noch nie ein grunds\u00e4tzliches Problem f\u00fcr Staaten.<\/p>\n<p>\u201eDemokratie ohne Gesundheitsschutz ist sinnlos und zynisch. Gesundheitsschutz ohne Demokratie f\u00fchrt in den autorit\u00e4ren Staat\u201c, schreibt ihr \u2013 und habt doch genau diesen autorit\u00e4ren Staat mitgetragen, oder habt ihr gegen irgendeine der zahllosen autorit\u00e4ren Massnahmen in den letzten Monaten demonstriert? Ich habe nichts geh\u00f6rt. Im \u00dcbrigen \u00fcberseht ihr, das Demokratie und autorit\u00e4rer Staat kein grunds\u00e4tzliches Gegensatzpaar sind \u2013 immerhin hat das \u201edemokratische\u201c, von Staaten erm\u00f6glichte und abgesicherte neoliberale Wirtschaftssystem erst zum verheerenden Zustand des Gesundheitssystems gef\u00fchrt, auf den nun das Coronavirus trifft.<\/p>\n<p>Euer Demokratieverst\u00e4ndnis ist offenbar bestenfalls sozialdemokratisch. \u201eDemokratie, das ist, wenn zwei W\u00f6lfe und ein Schaf \u00fcber die n\u00e4chste Mahlzeit abstimmen. Freiheit, das ist, wenn das Schaf bewaffnet ist und die Abstimmung anficht\u201c, das ist von Benjamin Franklin, der ist immer f\u00fcr markige Spr\u00fcche gut, und auch wenn ich hier nicht der Waffenlobby das Wort reden will, so lohnt doch der erste Teil des Zitates mal des Nachdenkens.<\/p>\n<p>Auch der Rest eures Manifestes ist bestenfalls alte Sozialdemokratie: die Gewerkschaften werden erinnert, sich f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten einzusetzen, die bisherigen Privatisierungen im Gesundheitswesen sollen artig \u201ezur\u00fcckgenommen\u201c werden. Ihr wollt Sonderabgaben f\u00fcr hohe Einnahmen und Unternehmensgewinne. Dass Einkommensungleichheit und Gewinne der eigentliche Skandal sind, schreibt ihr nicht \u2013 offenbar glaubt ihr noch an die guten Reichen, die euch gerne etwas abgeben werden f\u00fcr die gute Sache, wenn sie nur daran erinnert werden. Ihr wollt die totale Kontaktbeschr\u00e4nkung, auch am Arbeitsplatz. Gut, gegen die Arbeit kann man sein, das \u201eRecht auf Arbeit\u201c ist schliesslich im Grunde ein Recht auf Ausbeutung (siehe Paul Lafargue\u00b4s \u201eRecht auf Faulheit\u201c, aber soweit geht eure Arbeitsverweigerung dann auch wieder nicht.<\/p>\n<p>Ihr fragt nicht nach dem Sinn eines komplett geschlossenen Kulturbetriebs bei minimalem Infektionsrisiko, ihr fragt nicht, wie das Sozial- und Gesundheitswesen \u201earbeitslos\u201c organisiert werden kann, ihr fragt nicht, ob manche Menschen vielleicht unter den gegebenen Bedingungen gar keine andere Wahl haben, als zu arbeiten. Wie, bitte sch\u00f6n, stellt ihr euch euren \u201esolidarischen Lockdown\u201c vor? Oder wollt ihr doch heimlich den Kapitalismus abschaffen und eine weitgehende Vergesellschaftung? Zu lesen ist davon jedenfalls nichts. Auch die Idee eines Generalstreiks \u2013 die einzige Aktionsform, mit der zumindest die noch Besch\u00e4ftigten tats\u00e4chlich eine gewisse Durchsetzungsmacht erreichen k\u00f6nnten \u2013 fehlt bei euch. Gut, der ist in Deutschland ja auch verboten, und Verbotenes wollt ihr doch nicht fordern.<\/p>\n<p>Ihr wollt niemanden zur\u00fccklassen, doch welche Folgen hat euer \u201eStay at home\u201c beispielsweise f\u00fcr Frauen, die bei eurem Lockdown zuhause verpr\u00fcgelt werden, wenn nicht Schlimmeres? Welche \u201ebesondere Unterst\u00fctzung\u201c habt ihr f\u00fcr sie vorgesehen? Kollektiver Hausarrest, das ist vielfach kein \u201etrautes Heim\u201c, nicht die skandinavische \u201ehygge\u201c-Idylle. Wollt ihr vor jeder Haust\u00fcr Polizist*innen abstellen? H\u00e4usliche Gewalt ist schliesslich kein Privileg von klar definierbaren Bev\u00f6lkerungsgruppen. Ihr fragt nicht, wie viele Menschen an unterschiedlichsten Krankheiten erkranken und deren Immunsystem geschw\u00e4cht wird, eben weil ihnen eben die letzten Kontakte genommen werden (es leben ja nicht alle in euren pl\u00fcschig-solidarischen WG\u00b4s).<\/p>\n<p>Mal angesehen von den Hungertoten ausserhalb Europas: eine Studie aus der Schweiz kommt zum Ergebnis, dass durch die Lockdown-Politik in den Industriestaaten erheblich mehr Lebensjahre durch Suizide, Depressionen, Suchterkrankungen, Armut, h\u00e4usliche Gewalt und die Folgen sozialer Isolation verloren gehen als gerettet werden (Moser et al. 2020).<\/p>\n<p>Euer Lockdown w\u00fcrde h\u00f6chstens in einer wirklich solidarischen Weltgesellschaft ohne massive Kollateralsch\u00e4den funktionieren \u2013 vielleicht seht ihr die, ich nicht. Und bevor ihr nun auf die Idee kommt, ich wollte da zynisch etwas gegeneinander aufrechnen: selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6ren Risikogruppen soweit irgend m\u00f6glich gesch\u00fctzt. Das aber geschieht eben gerade nicht durch Lockdowns.<\/p>\n<p>Schon der erste Lockdown hat nichts gebracht, nun ist euch der zweite, dritte, vierte\u2026 (ja, wer z\u00e4hlt die noch?) zu halbherzig, ja, ihr seid wirklich beratungsresistent. W\u00e4re im \u00dcbrigen der gezielte Schutz von Menschenleben euer Anliegen, so br\u00e4uchtet ihr nicht euer Manifest zu schreiben, sondern k\u00f6nntet euch f\u00fcr optimale Unterst\u00fctzungs- und Versorgungsstrukturen f\u00fcr \u00e4ltere Menschen einsetzen. Das w\u00e4re dann punktgenaue Hilfe, ja, sogar solidarisch. Aber ihr hinterfragt nicht, wie kontraproduktiv ein Lockdown ist, sondern ruft wie Suchtkranke nach mehr Stoff vom vermeintlichen Wundermittel.<\/p>\n<p>Als positives Beispiel f\u00fcr ZeroCovid gilt euch wahrscheinlich Australien \u2013 aber fragt mal, wieviel Elend hinter den Wohnungst\u00fcren entsteht, wenn wegen eines einzigen Infektionsfalles ganze Millionenst\u00e4dte sofort dicht gemacht werden. Schon mal was von h\u00e4uslicher Gewalt geh\u00f6rt, oder gibt es das in euren akademischen Kreisen nicht? Klar ist es erstrebenswert, die Zahl von Neuinfektionen zu senken \u2013 aber um welchen Preis?<\/p>\n<p>Mir scheint, eure eigene Angst hat beim Schreiben den Stift \u2013 oder die Finger an der Tastatur \u2013 gef\u00fchrt. Angst an sich ist nichts, dessen man sich sch\u00e4men muss; schon gar nicht angesichts monatelanger regelrechter Angstkampagnen von Politik und Medien (man weiss inzwischen, dass es dazu von Fr\u00fchjahr 2020 an ein regierungsamtliches Drehbuch namens \u201eWie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen\u201c gab). Aber man sollte doch zumindest ehrlich sich selbst und anderen gegen\u00fcber sein und die Angst auch offen kommunizieren. Was macht ihr, wenn die Menschen nicht freiwillig zuhause bleiben? Braucht es \u2013 ganz \u201esolidarisch\u201c, nat\u00fcrlich &#8211; mehr Polizei? Werden die Renitenten, Unbelehrbaren eingesperrt, wenn sie nicht den Abstand einhalten? Ist ja zu ihrem eigenen Besten\u2026<\/p>\n<p>In den letzten Monaten konnten wir mehr als genug sehen, wie gern ihr mit dem Staat kooperiert, an den ihr jetzt auch eure Forderungen richtet. Ihr wollt Impfstoffe zum Allgemeingut machen \u2013 warum eigentlich nur Impfstoffe? Glaubt ihr, das Impfen alleine wird euch erl\u00f6sen? Ich glaube, ihr habt euch einfach schon noch fr\u00fcher ein Impfmittel und ein schnelleres Durchimpfen erhofft, damit ihr keine Angst mehr haben braucht. Und sonst so? Nicht einmal ein bedingungsloses Grundeinkommen oder wenigstens die Sozialisierung von Grund und Boden fordert ihr. Euer Aufruf dr\u00fcckt Besitzstandsdenken aus, ja, eigentlich soll im Grossen und Ganzen alles bleiben wie es ist. Damit seid ihr euch einig mit der Regierung.<\/p>\n<p>Eine Linke, die ihren Namen verdiente, h\u00e4tte ihre Unterst\u00fctzung den \u00c4rmsten, Prek\u00e4rsten, Verletzlichsten zu erweisen. Ihr tut das Gegenteil davon. Arbeitslosigkeit \u2013 im Kapitalismus eine Lockdown-Folge \u2013 hat eine h\u00f6here Mortalit\u00e4t, Morbidit\u00e4t und Suizidrate zur Konsequenz (Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin 2020). Der Lockdown macht die Reichen reicher und die Armen \u00e4rmer &#8211; aber ihr g\u00f6nnt den Armen immerhin ein Rettungspaket, da werden sie sich hoffentlich dankbar erweisen. Die Armen sind doppelt gestraft, weil sie von eurer f\u00fcrsorglichen Umarmung \u201emitgenommen\u201c werden sollen. Und das alles erdreistet ihr euch auch noch, einen \u201eradikalen Strategiewechsel\u201c zu nennen. Lest mal beim Duden nach: radikal, das heisst an die Wurzel gehen.<\/p>\n<p>Ihr legitimiert mit eurem Apell den starken Staat, k\u00f6nnt deshalb die noch autorit\u00e4rere Politik in L\u00e4ndern wie China und Taiwan offen bewundern (nicht in eurem Aufruf, aber das gaben Unterzeichnende eures Appells in Interviews zu Wort). Das ist alles ebenso falsch wie \u00f6de. Ihr qualifiziert euch mit eurem Appell, mit Gr\u00fcnen oder Linken mitzuregieren. Das kann man machen, man kann es auch lassen. Aber verkauft das bitte sch\u00f6n nicht noch als irgendwie progressiv, gar radikal. Eine fast religi\u00f6s anmutende Heilserwartung spricht aus euren Zeilen, die doch \u00fcberaus weltfremd sind. Es tut mir leid: euer Weltbild ist paternalistisch und reaktion\u00e4r, eure Vorstellungen sind autorit\u00e4tsh\u00f6rig und staatstragend. Ihr macht Politikberatung und nennt das \u201elinks\u201c.<\/p>\n<p>Eure herausposaunte vermeintliche moralische \u00dcberlegenheit ist anmassend und widerlich. Ihr kennt offenbar in euren Wohlstandsquartieren nur eine einzige Gef\u00e4hrdung eures Daseins: das Coronavirus. Die Milliarden wirklich Elenden, an diversen behandelbaren Krankheiten Leidenden, Verdammten und an den Rand gedr\u00e4ngten Existenzen dieser Welt werden mit keinem Wort in eurem eurozentrischen Aufruf erw\u00e4hnt, doch sie werden die Zeche der Lockdowns vielfach mit ihrem Leben bezahlen. Stattdessen applaudiert ihr dem nationalstaatlichen bzw. europ\u00e4ischen Konkurrenzdenken.<\/p>\n<p>Aber hej, schon mal von einem Virus geh\u00f6rt, dass vor Staatsgrenzen kehrt macht? Aufgemerkt: Pandemien sind ein Katalysator f\u00fcr nationalistisches Denken. Ist es \u201elinks\u201c, wenn der Nationalismus nun als \u201eeurop\u00e4isch\u201c etikettiert wird? Manche von euch waren einst f\u00fcr offene Grenzen, weltweit wohlgemerkt, und einige von euch haben in der Vergangenheit, als sich das Virus der Angst noch nicht in den K\u00f6pfen eingenistet hatte, Nationalismus mit guten Gr\u00fcnden kritisiert, ihr k\u00f6nntet es also besser wissen. Anbiedern beim Staat und seinen Repressionsorganen, das k\u00f6nnen andere besser \u2013 wundert euch also bitte nicht, wenn rechte Bewegungen erh\u00f6hten Zulauf erhalten. \u00dcberlebt lieber mal, was das mit eurem Agieren der letzten Monate zu tun hat.<\/p>\n<p>Ihr fordert noch mehr von der Medizin (also noch h\u00e4rtere Massnahmen), auf dass dieses Land bald genesen sei. Es steckt eben noch eine Menge Kolonialismus in euren K\u00f6pfen. Es ist \u201esolidarisch\u201c, europ\u00e4ische Menschenleben zu sch\u00fctzen, gegen die Menschenleben ausserhalb Europas? Wer von uns geht \u00fcber Leichen? Dass die Schlinge des Kapitalismus sich nun durch das Virus beschleunigt zuzieht \u2013 das nehmt ihr in eurer Blase offenbar gar nicht wahr. Linkssein, das hatte mal etwas mit K\u00e4mpfen zu tun. Mehr noch: angesichts der Herausforderungen der Zukunft m\u00fcssen sich die unterschiedlichen Kampffelder mehr miteinander verbinden. Euch aber f\u00e4llt nichts Besseres ein, als die Gesellschaft dichtmachen zu wollen. Dabei nutzten die Herrschenden die Schockstarre der letzten Lockdowns bereits bestens.<\/p>\n<p>Der Kampf um gesellschaftliche Ver\u00e4nderung aber, er erfordert die Wiederaneignung des offenen Raumes, er erfordert die Strasse \u2013 der Lockdown als freiwillige Selbst-Einschliessung verhindert diese Auseinandersetzungen. Sagte ich Kampf? Ja, Kampf \u2013 ein Wort, das bei euch fehlt. Ihr redet lieber von Strategie \u2013 an den Begriffen scheiden sich die Fronten. Solidarit\u00e4t, wenn sie nicht nur eine Worth\u00fclse sein soll, braucht unmittelbaren Austausch. Euer Lockdown verhindert dies. Menschen m\u00fcssen sich kennen, sie m\u00fcssen direkt miteinander kommunizieren, das ist Grundlagen jeder konkreten Solidarit\u00e4t, jeder gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung. Ansonsten hat die Solidarit\u00e4t bloss denselben hohlen Appellcharakter, wie wenn die Regierenden den Gemeinschaftssinn ihres Staatsvolkes ausrufen.<\/p>\n<p>Mit eurem Traktat habt ihr euch allen gegen\u00fcber, denen es wirklich um eine umfassende Aufkl\u00e4rung und Emanzipation geht, klar auf der anderen Seite positioniert. Euer Aufruf ist bestenfalls \u00fcberfl\u00fcssig. Wahrscheinlich ist es noch schlimmer, denn ihr tragt mit dazu bei, dass das Gelegenheitsfenster f\u00fcr linke Politik ungenutzt bleibt, ja, dass sich die Linke selbst aufhebt.<\/p>\n<p>Das ist entt\u00e4uschend, weil etliche von euch es besser wissen sollten, viele von euch haben schliesslich mal kluge, kritische und anregende Texte geschrieben. Und es ist schmerzhaft, da sich hier Wege trennen und ich einige von euch \u2013 oder zumindest ihre Publikationen \u2013 bisher sehr gesch\u00e4tzt habe. Aber Ent-T\u00e4uschungen sind ja auch immer Phasen der Kl\u00e4rung, und so tr\u00e4gt die Pandemie nun zu Trennungen, aber auch zu Neusortierungen bei, das ist besser, als weiter T\u00e4uschungen mit sich herumzuschleppen. Um mal mit einem markigen Zitat zu enden: \u201eMir ist die gef\u00e4hrliche Freiheit lieber als eine ruhige Knechtschaft\u201c (Jean-Jacques Rousseau).<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (2020): Stellungnahme 8.9.2020; Berlin<\/p>\n<p>Fischer, Lars (2021): zit. nach\u00a0<a href=\"https:\/\/scilogs.spektrum.de\/fischblog\/warum-covid-19-nie-wieder-verschwinden-wird\/\">https:\/\/scilogs.spektrum.de\/fischblog\/warum-covid-19-nie-wieder-verschwinden-wird\/<\/a><\/p>\n<p>Gr\u00fcneklee, Gerald (2021): Corona \u2013 Gegenwart und Zukunft unter dem Virus; Wetzlar (in Vorbereitung)<\/p>\n<p>Moser, Dominik Andreas et. al (2020): zit. nach\u00a0<a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/340844921_Years_of_life_lost_due_to_the_psychosocial_consequences_of_COVID19_mitigation_strategies_based_on_Swiss_data\">https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/340844921_Years_of_life_lost_due_to_the_psychosocial_consequences_of_COVID19_mitigation_strategies_based_on_Swiss_data<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/politik\/deutschland\/zero-covid-eine-polemik-6274.html\"><em>Untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. M\u00e4rz 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerald Gr\u00fcneklee. Die Liste menschlicher Albernheiten ist unendlich lang, und nun hat sich eine neue fixe Idee in vielen Hirnen eingenistet: es ist die Idee, man k\u00f6nnte Covid-19 ausrotten. Komplett und dauerhaft. 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