{"id":9369,"date":"2021-03-08T16:46:50","date_gmt":"2021-03-08T14:46:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9369"},"modified":"2021-03-08T16:46:51","modified_gmt":"2021-03-08T14:46:51","slug":"was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9369","title":{"rendered":"Was wir in der Betreuungskrise von den Bolschewiki lernen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p><em>Marco Blechschmidt.<\/em><strong> Die Frage der Vergesellschaftung der Hausarbeit hat bei Sozialist:innen Tradition. Gerade in der Pandemie lohnt ein Blick zur\u00fcck.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Pandemie betrifft seit \u00fcber einem Jahr alle Bereiche unseres Lebens. Auf den Familien lastete dabei mit Distanzunterricht und Kitaschlie\u00dfung eine besondere Last. Die Pandemie versch\u00e4rfte auch hier Probleme, die bereits vorher bestanden hatten. Wie also sollte die Betreuungsarbeit verteilt sein? Die Bolschewiki gaben darauf vor \u00fcber einhundert Jahren eine klare Antwort: Nicht die Familien sollen in der Pflicht sein, sondern der Staat.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki waren l\u00e4ngst nicht die ersten Sozialist:innen, die sich die Vergesellschaftung der Hausarbeit zum Ziel gesetzt hatten. Bereits im utopischen Sozialismus war die Frage aufgeworfen worden. In den alternativen Gemeinschaften nach den Ideen Charles Fouriers oder Robert Owens sollten sowohl die Unterk\u00fcnfte als auch die Reproduktionsarbeit gemeinschaftlich sein. Allerdings stellten die Utopist:innen der ersten Jahrzehnte der 19. Jahrhunderts die geschlechtliche Arbeitsteilung nicht grunds\u00e4tzlich in Frage. So sollte die Hausarbeit zwar gemeinschaftlich, aber immer noch von Frauen verrichtet werden. Auch Karl Marx und Friedrich Engels griffen die Frage bereits in ihrem Fr\u00fchwerk \u201eDie Deutsche Ideologie\u201c auf, in dem sie sich f\u00fcr eine \u201egemeinschaftliche Hauswirtschaft\u201c auf Grundlage der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte aussprachen.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote1sym\"><strong><sup>1<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Auf dieses Erbe bezogen sich die Bolschewiki. Sie verstanden die Vergesellschaftung der Hausarbeit als einen zentralen Punkt ihres Programms der Frauenbefreiung. Ihrer Vision lagen eine Reihe von Prinzipien zugrunde:<\/p>\n<p><em>Das erste Prinzip ist, dass die Emanzipation der Frauen eine zentrale Aufgabe der Revolution und keine Nebensache ist. Das zweite Prinzip besagt, dass die Frauen sich nur durch den Einbezug in die gesellschaftliche Produktion emanzipieren k\u00f6nnen und nicht durch rechtliche Anerkennung des Wertes der in der kapitalistischen Gesellschaft geringgesch\u00e4tzten Hausarbeit. Und zuletzt, dass die Abschaffung der Hausarbeit die Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass die Frauen ins \u00f6ffentliche Leben einbezogen werden k\u00f6nnen.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote2sym\"><strong><em><sup>2<\/sup><\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr den revolution\u00e4ren Fl\u00fcgel der Arbeiter:innenbewegung war die Vergesellschaftung der Hausarbeit stets ein so selbstverst\u00e4ndlicher Teil des Programms, dass Trotzki 1923 in \u201eFragen des Alltagslebens\u201c davon sprach, dass die Familien von Kindererziehung, K\u00fcche und Waschk\u00fcche, \u201ewie es sich geh\u00f6rt\u201c, entlastet werden m\u00fcssten.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote3sym\"><strong><sup>3<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0Die Russische Revolution ist das klassische Beispiel, wie erste Schritte in Richtung der Verwirklichung dieses Programms gegangen werden konnten. Kindertagesst\u00e4tten, Krippen und Schule wurden geschaffen. Aber auch in sp\u00e4teren revolution\u00e4ren Aufschw\u00fcngen wurde die Frage immer wieder aufgeworfen. Raquel Varela beschreibt in ihrem Buch \u201eA People\u2019s History of the Portuguese Revolution\u201c, wie Arbeiter:innen in der Nelkenrevolution den Mangel an Kinderbetreuung selbst in die Hand nahmen:<\/p>\n<p><em>In Nova Oeiras, einem Vorort von Lissabon, beklagte die Bev\u00f6lkerung den Mangel an Kindertagesst\u00e4tten. Die bestehenden Einrichtungen kosteten 1.500 Escudos im Monat, was mit einem Arbeiter:innenlohn v\u00f6llig unbezahlbar war. Sie entschieden sich also, ein leerstehendes Haus zu besetzen: \u201aWir begannen unseren Kampf f\u00fcr diese Kindertagesst\u00e4tte, um den Menschen zu helfen. [\u2026] In nur zwei Tagen wurden 23 Kinder angemeldet, im Alter zwischen einem Monat und sechs Jahren.\u2018<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote4sym\"><strong><em><sup>4<\/sup><\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Marxist:innen konnte diese Frage jedoch nie von anderen Fragen der Analyse oder des Programms insgesamt losgel\u00f6st sein oder sich auf ambitionierte Formulierungen beschr\u00e4nken. In dem oben erw\u00e4hnten Text verweist Trotzki auf die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung des jungen Sowjetstaates, um eine Vergesellschaftung der Hausarbeit und der Betreuung leisten zu k\u00f6nnen. Denn die Ma\u00dfnahmen zur Vergesellschaftung der Hausarbeit in der jungen Sowjetunion waren in den ersten Jahren zwar von einer starken Vision gepr\u00e4gt gewesen. In der Praxis jedoch war der junge Staat gezwungen, mit den Auswirkungen der wirtschaftlichen Zerr\u00fcttung durch den Weltkrieg und den folgenden B\u00fcrgerkrieg fertig zu werden. Vergesellschaftung der Hausarbeit bedeutete vor allem den verzweifelten Versuch, hunderttausende Waisen und obdachlos gewordene Kinder in staatlichen Einrichtungen zu versorgen. Mit der durch die widrigen Umst\u00e4nde erzwungenen Wiedereinf\u00fchrung beschr\u00e4nkter Marktmechanismen in der Neuen \u00d6konomischen Politik (NEP) nach 1921 ging schlie\u00dflich auch eine Beschr\u00e4nkung staatlicher Mittel f\u00fcr die Unterbringung und Betreuung von Kindern einher. Wendy Goldman fasst diese widerspr\u00fcchliche Situation in \u201eWomen, the State and Revolution\u201c so zusammen:<\/p>\n<p><em>Der Einsatz f\u00fcr sozialisierte Kindererziehung existierte auch 1926 noch, doch er konnte nicht umgesetzt werden. Die praktischen Lehren der sozialen Wohlfahrtspolitik wurden unter harten Bedingungen entwickelt, aufgezwungen durch eine ruinierte Wirtschaft. [\u2026] Die anhaltende Weigerung von Erzieher:innen und Rechtsgelehrten w\u00e4hrend der 1920er Jahre, Strafen gegen Jugendkriminalit\u00e4t anzuwenden, und ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr rehabilitierende, progressive, kindzentrierte Institutionen legt Zeugnis ab von der St\u00e4rke dieser fr\u00fcheren Visionen.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote5sym\"><strong><em><sup>5<\/sup><\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Die widrigen Bedingungen des B\u00fcrgerkriegs und der internationalen Isolation setzten nicht nur der Umsetzung der bolschewistischen Vision enge Grenzen. Sie leisteten auch der B\u00fcrokratisierung des jungen Staats Vorschub, die mit der Figur Josef Stalins verbunden ist. Der Stalinismus vertrat in Fragen des Geschlechts eine zunehmend konservative Position. 1936 erkl\u00e4rte Stalin: \u201eDie sowjetische Frau hat dieselben Rechte wie der Mann, aber das entbindet sie nicht von der gro\u00dfen und edlen Pflicht, die die Natur ihr auferlegt hat: Sie ist Mutter, sie schenkt Leben.\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote6sym\"><strong><sup>6<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0Fortschritte in der Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit wurden zunichte gemacht, Frauen in ihrer Rolle als M\u00fctter glorifiziert. 1944 wurde in der Sowjetunion der Titel der \u201eHeldenmutter\u201c f\u00fcr Frauen mit zehn oder mehr Kindern eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>1918\/19 war es u.a. eine Typhusepidemie gewesen, mit der die junge Sowjetmacht zu k\u00e4mpfen gehabt hatte. In einer durch Hunger geschw\u00e4chten Bev\u00f6lkerung fielen ihr rund 1,5 Millionen Menschen zum Opfer. Die Pandemie, die wir derzeit durchleben, hat nicht dieselbe t\u00f6dliche Kraft entwickelt. Doch auch heute befinden wir uns in einer Ausnahmesituation. Die Voraussetzung echter Vergesellschaftung ist die gemeinschaftliche Arbeit, der zwischenmenschliche Kontakt. Wie kann das funktionieren, wenn die Eind\u00e4mmung der Pandemie die Einschr\u00e4nkung ebensolcher Kontakte erfordert? Wie k\u00f6nnen Schritte zu einer tats\u00e4chlichen Vergesellschaftung der Betreuung unter den pandemischen Bedingungen der Gegenwart unternommen werden? Der Artikel\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/betreuung-in-zeiten-der-pandemie\/\"><strong>\u201eBetreuung in Zeiten der Pandemie\u201c<\/strong><\/a>\u00a0aus der aktuellen Nummer des\u00a0<em>Klasse Gegen Klasse Magazins<\/em>\u00a0sucht nach Antworten in der Betreuungskrise.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote1anc\"><strong>1<\/strong><\/a>. Karl Marx und Friedrich Engels (1969): Die Deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, Berlin, S. 5 \u2013 530, online abrufbar bei\u00a0<a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me03\/me03_009.htm.\"><strong>de<\/strong><\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote2anc\"><strong>2<\/strong><\/a>. Andrea D\u2019Atri (2019): Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus, Hamburg, Argument, S. 139.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote3anc\"><strong>3<\/strong><\/a>. Leo Trotzki (1923): Von der alten Familie \u2013 zur neuen, in: Ders.: Fragen des Alltagslebens, Hamburg, online abrufbar bei\u00a0<a href=\"https:\/\/sites.google.com\/site\/sozialistischeklassiker2punkt0\/trotzki\/1923\/leo-trotzki-fragen-des-alltagslebens\/von-der-alten-familie-zur-neuen\"><strong>Sozialistische Klassiker 2.0<\/strong><\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote4anc\"><strong>4<\/strong><\/a>. Raquel Varela (2019): A People\u2019s History of the Portuguese Revolution, London, Pluto Press, S. 129. Eigene \u00dcbersetzung.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote5anc\"><strong>5<\/strong><\/a>. Wendy Goldman (1993): Women, the State and Revolution. Soviet Family Policy and Social Life, 1917-1936, Cambridge, S. 100. Eigene \u00dcbersetzung.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/#sdfootnote6anc\"><strong>6<\/strong><\/a>. Zitiert nach D\u2019Atri: Brot und Rosen, S. 147.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>#Bild: Sowjetische Kinderbetreuungspropaganda, 1930. Links: &#8222;Ich langweile mich zuhause.&#8220; Rechts: &#8222;Ich bin fr\u00f6hlich im Kindergarten!&#8220; Quelle:\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/lselibrary\/3268808891\/in\/album-72157613569955535\/\"><strong><em>Flickr<\/em><\/strong><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p>Q<em>uelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-wir-in-der-betreuungskrise-von-den-bolschewiki-lernen-koennen\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. M\u00e4rz 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marco Blechschmidt. Die Frage der Vergesellschaftung der Hausarbeit hat bei Sozialist:innen Tradition. 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