{"id":938,"date":"2016-01-24T19:45:10","date_gmt":"2016-01-24T17:45:10","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=938"},"modified":"2018-01-19T19:36:49","modified_gmt":"2018-01-19T17:36:49","slug":"weltgewerkschaft-ituc-in-der-tradition-der-unterwerfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=938","title":{"rendered":"Weltgewerkschaft ITUC: In der Tradition der Unterwerfung"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Erstmals nimmt mit Sharan Burrow eine Gewerkschaftsvertreterin als Co-Vorsitzende am Weltwirtschaftsforum in Davos teil. <\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong><em>Die Ehre, die dem Internationalen Gewerkschaftsbund mit dem Schlag zum strategischen Partner zukommt, sagt so einiges \u00fcber die staatstragende Bedeutung der heutigen Gewerkschaften aus.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>(<em>az<\/em>) Weniger klar als auch schon spricht das WEF die gesellschaftlichen und globalen Probleme des niedergehenden Kapitalismus an. Noch letztes Jahr konnte man zwischen den Zeilen der vom WEF formulierten globalen Top-Herausforderungen die Tendenz der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft hin zur Barbarei herauslesen. Dieses Jahr sieht es anders aus, das WEF spricht tats\u00e4chlich nicht mehr von Problemen, sondern von zu meisternden Aufgaben \u2013 dies nach einem Jahr, in dem sich die \u00f6konomische Krise immer fester in einer (geo-)politischen Krise manifestiert hat und sich dieses Manifest der Krisenhaftigkeit und Perspektivlosigkeit immer mehr im Alltagsbewusstsein vieler verankert hat. Die Widerspr\u00fcche sind auf dem Tisch, jetzt gilt es propagandistisch gute Miene zum b\u00f6sen Spiel zu machen und die Illusion zu sch\u00fcren, es gebe einen dritten Weg zwischen Sozialismus und Barbarei.<\/p>\n<p>Dass in diesem Moment pl\u00f6tzlich der Internationale Gewerkschaftsbund (ITUC) auf der B\u00fchne der Eliten erscheint, hat durchaus eine historische Analogie. Die Zimmerwalder Konferenz, die sich im 2015 zum hundertsten Mal j\u00e4hrte, erinnerte uns an die Integration der gewerkschaftlichen und politischen Strukturen der ArbeiterInnenbewegung in die b\u00fcrgerliche Herrschaftsordnung. Damals \u2013 im Zuge des Ersten Weltkriegs und auf dem H\u00f6hepunkt der ArbeiterInnenmacht \u2013 liess sich der reformistische Teil der ArbeiterInnenbewegung kaufen. Sozialdemokratie und Gewerkschaftsf\u00fchrung entsagten dem Kampf f\u00fcr eine andere, sozialistische Gesellschaft und wurden daf\u00fcr in den Reihen des b\u00fcrgerlichen Staates empfangen \u2013 als strategischer Partner sozusagen. Ideologisch und analytisch musste daf\u00fcr nur ein Samen in die K\u00f6pfe der Bewegung eingepflanzt werden: Wenn es deinem Ausbeuter gut geht, gehts auch dir gut. Im kreativen Biotop aufstrebender sozialdemokratischer K\u00f6pfe gedieh dieser Samen zu vielen verschiedenen Pfl\u00e4nzchen und bildet das heutige Spektrum reformistischer Illusionen ab \u2013 vom Wachstumsfetischismus \u00fcber den plumpen Opportunismus bis hin zum Kriegskeynesianismus. Seither wird immer dann auf die F\u00fchrerInnen dieser Gewerkschaftsbewegung zur\u00fcckgegriffen, wenn die fundamentale Frage aufkommt, ob es uns denn wirklich besser gehe, wenn es den Herrschenden besser geht. Und diese Frage stellen sich heute wieder mehr ArbeiterInnen. Immerhin wird die kapitalistische Elite mit jeder Krise, mit jeder Umweltkatastrophe und mit jedem Krieg reicher, w\u00e4hrend die Mehrheit der Weltbev\u00f6lkerung immer \u00e4rmer und gesch\u00e4digter wird.<\/p>\n<p>In diesem Kontext wird klar, was unter strategischem Partner zu verstehen ist. Von systemkonformen Gewerkschaften wird erwartet, dass sie im Sinne der Strategie der Kapitalverwertung mitdenken. Diese Strategie begrenzt das enge Denkkorsett auf die Notwendigkeit, dass Ausgebeutete eben ihre Ausbeutung akzeptieren. Tats\u00e4chlich eine Herausforderung. So kommt der Internationale Gewerkschaftsbund in einer aktuellen <a href=\"http:\/\/www.ituc-csi.org\/igb-frontlines-umfrage-2015?lang=de\">Untersuchung<\/a> auch selbst zum Schluss, dass sich die finanzielle Situation f\u00fcr einen Grossteil der Weltbev\u00f6lkerung zunehmend verschlechtere und Unsicherheit f\u00fcr erwerbst\u00e4tige Familien an der Tagesordnung sei. Und die wenigsten Menschen w\u00fcrden ihre finanzielle Situation als sicher bezeichnen. Ein Grossteil der arbeitenden Menschen sei der Meinung, dass ihre Arbeit in den letzten Jahren irregul\u00e4rer und unsicherer geworden ist. Die Angst, in den n\u00e4chsten zw\u00f6lf Monaten arbeitslos zu werden, sei zudem weit verbreitet. Und schliesslich h\u00e4tten die Menschen das Vertrauen in ihre Regierungen und Institutionen verloren. Obwohl die Gewerkschaften weltweit schw\u00e4cheln, scheinen sich die WEF-Eliten durchaus der Tatsache bewusst zu sein, dass es in den n\u00e4chsten Jahren zu Klassenk\u00e4mpfen kommen k\u00f6nnte und hier die Gewerkschaftsf\u00fchrungen als loyale und zuverl\u00e4ssige Partner f\u00fcr die AusbeuterInnen wichtig bleiben.<\/p>\n<p><strong>ITUC: Gewerkschaftlicher Chauvinismus<\/strong><\/p>\n<p>Kapitalismus kann man aber nicht ohne Konkurrenz denken. Und so vertritt die ITUC nat\u00fcrlich nicht einfach nur alle Gewerkschaften. Wer sich entscheidet, dass es einem nur gut geht, wenn es seinen AusbeuterInnen gut geht, entscheidet sich auch f\u00fcr ein \u00abnationales\u00bb AusbeuterInneninteresse. Und so hat sich die ITUC immer wieder gen\u00f6tigt gef\u00fchlt im nationalen \u00abArbeiterInneninteresse\u00bb, die imperialistische Politik \u00abihrer\u00bb AusbeuterInnen politisch zu legitimieren. Innerhalb der ITUC sind die US-amerikanische (AFL-CIO) und britische Dachgewerkschaft (TUC) denn auch f\u00fchrend. Und diese haben es in sich. Im Kalten Krieg gelang es ihnen, die ITUC (bzw. den Vorl\u00e4ufer ICFTU) auf eine antikommunistische Linie zu bringen und prim\u00e4r die Interessen der korporatistischen Industriestaaten \u2013 sprich der ImperialistInnen \u2013 zu vertreten. Nat\u00fcrlich stand die ITUC dabei immer in direkter Konkurrenz mit dem WFTU (Weltgewerkschaftsbund), der die revisionistischen KP-nahen Gewerkschaften sammelt. Die ITUC stellte sich zum Beispiel gegen die nationalen Befreiungsk\u00e4mpfe, wie z.B. in Pal\u00e4stina. Direkter agiert die AFL-CIO selber. \u00dcberall da, wo sich die US-amerikanische Bourgeoisie Investitionsm\u00f6glichkeiten (z.B. in S\u00fcdamerika oder S\u00fcdafrika) erhoffte, schickte die CIA auch die AFL-CIO hin. Diese unterst\u00fctzte dann finanziell und organisatorisch Kampfmassnahmen gegen linke und kommunistische Gewerkschaften. Dies geschah meistens \u00fcber die Organisationsstruktur National Endowment for Democracy (NED), die 1983 durch F\u00fchrungspersonen der AFL-CIO und die US-Regierung gegr\u00fcndet wurde. Faktisch dient diese Organisation als legaler Arm f\u00fcr CIA-geleitete Unterst\u00fctzung. Um nur die letzten bekannteren Interventionen zu nennen: Die AFL-CIO unterst\u00fctzte den versuchten <a href=\"http:\/\/venezuelanalysis.com\/analysis\/1977\">Milit\u00e4rputsch 2002<\/a> in Venezuela \u00fcber das American Center for International Labor Solidarity (ACILS). Und ein aktuellerer <a href=\"http:\/\/www.counterpunch.org\/2012\/01\/05\/the-afl-cio-and-the-colombia\/\">Leak<\/a> zeigt, dass die AFL-CIO in trauter Gemeinsamkeit mit der US-Botschaft die sandinistische Bewegung in Nicaragua und Gewerkschaften in Kolumbien bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Aber auch in der aktuellen imperialistischen Eskalation in Europa hat die NED direkten Einfluss. Durch deren <a href=\"http:\/\/www.ned.org\/region\/central-and-eastern-europe\/ukraine-2014\/\">offiziellen Kan\u00e4le <\/a>flossen 2012 fast 3,4 Millionen US-Dollar in die ukrainische Opposition, die grossteils auch am Euromaidan teilnahm. Die AFL-CIO selber baut seit gut 20 Jahren die KVPU (Freie Gewerkschaften der Ukraine) finanziell und organisatorisch auf. Deren Zentrale diente der reaktion\u00e4ren Euromaidan-Bewegung als eine der organisatorischen Basen. Auch organisierte sie den Generalstreik<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> im Februar 2014 gegen Ende der Putschbewegung. Diese Loyalit\u00e4t wurde belohnt. So anerkennt die ITUC einzig die KVPU als wirklich unabh\u00e4ngige Gewerkschaft in der Ukraine \u2013 dies obwohl sie nur noch eine mangelhafte Basis besitzt und sich neben ihr zahlreiche wirklich unabh\u00e4ngige Gewerkschaften entwickelt haben.<\/p>\n<p><strong>Internationalismus der KorporatistInnen<\/strong><\/p>\n<p>Die Schw\u00e4chung der globalen ArbeiterInnenbewegung nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus hat auch die ITUC getroffen. So wurde die ITUC geschw\u00e4cht. Aber durch die fehlende Blockkonkurrenz relativierte sich auch ihre klare geopolitische und ideologische Ausrichtung. So spricht sich Burrow heute z.B. f\u00fcr eine Zweistaatenl\u00f6sung im Pal\u00e4stina-Konflikt aus. Paradoxerweise gelingt es der ITUC gerade durch die heutige scheinbare politische Offenheit auch f\u00fcr k\u00e4mpferische Gewerkschaftsbewegungen ankn\u00fcpfungsf\u00e4hig zu sein. Die WFTU scheint f\u00fcr klassenk\u00e4mpferische Gewerkschaften, die sich ideologisch nicht dem Revisionismus verpflichten wollen, keine Option zu sein. So ist auch eine klassenk\u00e4mpferische KCTU (Koreanische Gewerkschaftsf\u00f6deration) Teil der ITUC. Dies zeigt, dass es der ITUC gelingt, die organisatorische Schw\u00e4che und politische Perspektivlosigkeit der globalen Gewerkschaftsbewegung zu nutzen, um sich auch klassenk\u00e4mpferische Gewerkschaften unterzuordnen.<\/p>\n<p>Und doch heisst dies nicht, dass die ITUC irgendeine progressive Perspektive formulieren k\u00f6nnte. Vielmehr ist sie Ausdruck f\u00fcr die erfolgreiche globale Durchsetzung des Korporatismus \u2013 ganz nach dem Motto: Alle KorporatistInnen der Welt, vereinigt euch! Und diese Internationale tr\u00e4gt \u2013 wie auch das WEF \u2013 die unvereinbaren Widerspr\u00fcche des Imperialismus in sich. So treibt die AFL-CIO die US-imperialistische Politik weiter, w\u00e4hrend gleichzeitig der Vize-Pr\u00e4sident der F\u00f6deration Unabh\u00e4ngiger Gewerkschaften Russlands (FNPR) \u2013 immerhin der weitaus mitgliedst\u00e4rkste Verband innerhalb der ITUC \u2013 die FaschistInnen des franz\u00f6sischen <a href=\"http:\/\/www.globallabour.info\/en\/2015\/05\/dear_sharan_dan_gallin_2015.html\">Front Nationals begl\u00fcckw\u00fcnscht<\/a>.<\/p>\n<p>Dass Sharan Burrow mit den Eliten am WEF hockt, macht zum einen deutlich, wie sehr die offizielle Gewerkschaftsbewegung heute Teil b\u00fcrgerlicher Herrschaft ist. Sie zeigt aber auch, dass die Bourgeoisie auf eben diese Kontrollstrukturen innerhalb der ArbeiterInnenklasse immer noch angewiesen ist. Das verweist auf die Angst der Herrschenden vor dem gesellschaftsver\u00e4ndernden Potential des Klassenkampfs von unten. Auf genau diese Angst verwies <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/news\/interview-mit-davos-chef-schwab--das-kapitalistische-system-passt-nicht-mehr-in-die-welt--3522698.html\">WEF-Chef Klaus Schwab<\/a> schon 2012 mit den Worten: \u00abProteste werden dann gef\u00e4hrlich, wenn sie als Klassenkampf angesehen werden\u00bb. Und dieser zuk\u00fcnftige Klassenkampf wird nicht einfach in den gelenkten Bahnen der heute etablierten Gewerkschaften aufsteigen. Er wird sich unabh\u00e4ngig und quer durch die vorhandenen Strukturen vernetzen und neue Alternativen des gewerkschaftlichen Internationalismus bilden<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a>. Der Bruch mit dem ITUC-Korporatismus wird sich daraus ergeben, dass der Reformismus an seiner Krise zerbricht, weil er nichts mehr zu bieten hat. Es wird sich praktisch zeigen, was es heisst, dass die Interessen der ArbeiterInnenklasse antagonistisch zum barbarischen Interesse des Kapitals stehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.aufbau.org\/\">www.aufbau.org<\/a>, gelesen am 24. Januar 2016 <\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Wobei dieser laut Oleg Vernyk eher ein propagandistischer Medienhype war und der einzige Generalstreik, der auf Befehl der Unternehmer stattgefunden habe. <a href=\"http:\/\/blogs.korrespondent.net\/blog\/users\/3326750-Oleg-Vernyk-All-Ukrainian-Strike-as-big-fake-of-Euromaidan\">http:\/\/blogs.korrespondent.net\/blog\/users\/3326750-Oleg-Vernyk-All-Ukrainian-Strike-as-big-fake-of-Euromaidan<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Siehe zum Beispiel hier: http:\/\/www.globallabour.info\/en\/2014\/06\/syndicalism_an_international_a.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstmals nimmt mit Sharan Burrow eine Gewerkschaftsvertreterin als Co-Vorsitzende am Weltwirtschaftsforum in Davos teil. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[25,87,26,18],"class_list":["post-938","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-gewerkschaften","tag-imperialismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=938"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":940,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938\/revisions\/940"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}