{"id":9381,"date":"2021-03-10T11:51:38","date_gmt":"2021-03-10T09:51:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9381"},"modified":"2021-03-10T11:51:39","modified_gmt":"2021-03-10T09:51:39","slug":"myanmar-landesweite-streiks-gegen-den-militaerputsch-vom-1-februar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9381","title":{"rendered":"Myanmar: Landesweite Streiks gegen den Milit\u00e4rputsch vom 1.\u00a0Februar"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Symonds. <\/em>Am Montag fanden in ganz Myanmar, u.a. in den Gro\u00dfst\u00e4dten Yangon und Mandalay sowie weiteren St\u00e4dten, Demonstrationen f\u00fcr ein Ende der Milit\u00e4rherrschaft statt. Nach einem Aufruf zu einer landesweiten<!--more--> Arbeitsniederlegung blieben Gesch\u00e4fte, Unternehmen, Fabriken und Beh\u00f6rden geschlossen. Obwohl das brutale Vorgehen von Polizei und Milit\u00e4r w\u00e4hrend der letzten Woche mehr als 60 Todesopfer gefordert hat, beteiligten sich Tausende an den Demonstrationen.<\/p>\n<p>Am Sonntagabend besetzten Sicherheitskr\u00e4fte mindestens 20 staatliche Universit\u00e4ten, Schulen und Krankenh\u00e4user, u.a. in Yangon, Mandalay, Magway, Monywa und Ayeyarwady. Laut der Nachrichtenseite\u00a0<em>Irrawaddy<\/em>\u00a0er\u00f6ffneten Polizisten und Soldaten in North Oakkalapa, einer Township von Yangon, das Feuer auf eine Menschenmenge und setzten Blendgranaten ein, um die Menschen einzusch\u00fcchtern, die vor einem Lehrkrankenhaus gegen deren Verwendung durch das Milit\u00e4r demonstrierten.<\/p>\n<p>Da die Berichterstattung seit dem Coup vom 1. Februar stark zensiert wird und Dutzende von Journalisten verhaftet wurden, sind nur wenige Details \u00fcber die Streiks und Proteste bekannt.<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>Bangkok Post<\/em>\u00a0schreibt: \u201eAb Montagmorgen zogen laut lokalen Medien in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Yangon und Mandalay Arbeiter und Demonstranten durch die Stra\u00dfen. Die meisten Banken blieben geschlossen, obwohl die Zentralbank des Landes sie angehalten hatte, den Betrieb fortzuf\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Bei\u00a0<em>Nikkei Asia<\/em>\u00a0hei\u00dft es: \u201eDie meisten Banken und Betriebe [in Yangon] blieben am Montag geschlossen, der G\u00fcterverkehr wurde gr\u00f6\u00dftenteils ausgesetzt, da viele lokale und ausl\u00e4ndische Unternehmen erkl\u00e4rten, sie w\u00fcrden den Betrieb stoppen. Der d\u00e4nische Gro\u00dfreeder A.P. Moller-Maersk, der f\u00fcr den Transport betr\u00e4chtlicher Frachtmengen von und nach Yangon zust\u00e4ndig ist, k\u00fcndigte die Einstellung seiner T\u00e4tigkeit f\u00fcr mindestens eine Woche bis zum 14. M\u00e4rz an.\u201c<\/p>\n<p>Laut\u00a0<em>France 24<\/em>\u00a0wurden in der n\u00f6rdlichen Stadt Myitkyina zwei Demonstranten get\u00f6tet, als die Sicherheitskr\u00e4fte Blendgranaten, Tr\u00e4nengas und scharfe Munition einsetzten. Ein Zeuge erkl\u00e4rte gegen\u00fcber Reuters, die beiden seien nach Kopfsch\u00fcssen sofort gestorben. Einen dritten Toten gab es laut lokalen Medien bei einer Protestveranstaltung in Phyar Pon im Irrawaddy-Delta.<\/p>\n<p><em>France 24<\/em>\u00a0zitierte Zeugen in Yangon, laut denen \u201enur ein paar kleine Teegesch\u00e4fte ge\u00f6ffnet hatten&#8230; Die gro\u00dfen Einkaufszentren blieben geschlossen, in den Fabriken wurde nicht gearbeitet.\u201c Der Sender berichtete auch von Protesten in der s\u00fcdlichen Stadt Dawei unter dem Schutz der Karen National Union, einer der bewaffneten ethnischen Gruppen des Landes, die schon seit Langem an Konflikten mit dem Milit\u00e4r beteiligt sind.<\/p>\n<p>Eine Gruppe von 18 Gewerkschaftsb\u00fcnden und Arbeitervereinigungen ver\u00f6ffentlichte am Sonntag einen gemeinsamen Aufruf zu einer \u201el\u00e4ngeren landesweiten Arbeitsniederlegung zur Rettung unserer Demokratie\u201c. Die Gewerkschaften, die Arbeiter der Industrie, der Landwirtschaft, Textilbranche, Eisenbahn, Bergbau und der Energiebranche vertreten, riefen auch die F\u00fchrungskr\u00e4fte und Besch\u00e4ftigten im \u00f6ffentlichen Dienst, ob gewerkschaftlich organisiert oder nicht, zur Teilnahme an den Streiks auf.<\/p>\n<p>In der Erkl\u00e4rung hei\u00dft es: \u201eDie wirtschaftlichen und kommerziellen Aktivit\u00e4ten wie \u00fcblich fortzusetzen und eine allgemeine Arbeitsniederlegung zu verz\u00f6gern, wird nur dem Milit\u00e4r helfen, das die Energie der Bev\u00f6lkerung von Myanmar unterdr\u00fcckt. Die Zeit, zur Verteidigung unserer Demokratie aktiv zu werden, ist jetzt&#8230;\u201c Sie fordert eine Ausweitung der verbreiteten Bewegung des zivilen Ungehorsams (Civil Disobedience Movement, CDM), um einen \u201evollst\u00e4ndigen langfristigen Shutdown der myanmarischen Wirtschaft durchzusetzen\u201c.<\/p>\n<p>Die CDM entwickelte sich unter staatlichen Lehrern, Besch\u00e4ftigten im Gesundheitswesen und dem \u00f6ffentlichen Dienst und hat die Handlungsf\u00e4higkeit der Junta eingeschr\u00e4nkt.\u00a0<em>Frontier Myanmar<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichte am Montag einen Artikel, laut dem die CDM \u201emittlerweile Stra\u00dfenproteste und \u00f6ffentliche Boykotte von Produkten aus milit\u00e4reigenen Unternehmen umfasst; im Wesentlichen ist es jedoch ein Streik von Zehntausenden Besch\u00e4ftigten des \u00f6ffentlichen Dienstes, der zwei Tage nach Beginn des Putsches unter medizinischem Personal begann.<\/p>\n<p>\u00c4rzte, Pflegekr\u00e4fte, Lehrer, Bahnarbeiter und Angestellte in zahlreichen Regierungsministerien und Unternehmen im ganzen Land verweigern die Arbeit, damit die neue Junta nicht regieren kann. Ihnen haben sich Besch\u00e4ftigte aus der Privatwirtschaft angeschlossen, u.a. dem Banken- und Transportwesen, die als wichtig f\u00fcr das \u00dcberleben des Regimes gelten.\u201c<\/p>\n<p>Wie der Artikel ausf\u00fchrt, wurde die Bewegung teilweise von Aufst\u00e4nden im Rest der Welt inspiriert, vor allem von denen in Tunesien 2010 und 2011. Das tats\u00e4chliche Ausma\u00df der Teilnehmerzahlen l\u00e4sst sich zwar schwer feststellen, doch ein stellvertretender Generaldirektor des Elektrizit\u00e4ts- und Energieministeriums erkl\u00e4rte gegen\u00fcber\u00a0<em>Frontier Myanmar<\/em>, zwischen 50 und 90 Prozent des Personals der elf Abteilungen des Ministeriums h\u00e4tten sich der CDM angeschlossen, was zu einer landesweiten Stromsperre am 5. M\u00e4rz beitrug.<\/p>\n<p>Die Junta versucht verzweifelt, die Rebellion im \u00f6ffentlichen Dienst zu beenden und drohte am Wochenende erneut, jeden zu entlassen, der am Montag nicht wieder zur Arbeit erscheint. Ein Arzt erkl\u00e4rte gegen\u00fcber\u00a0<em>Frontier Myanmar<\/em>: \u201eEs ist mir egal, ob ich f\u00fcr meine Entscheidung b\u00fc\u00dfen muss, ich bin auf das Schlimmste gefasst. Das Ziel ist, f\u00fcr die R\u00fcckkehr einer gew\u00e4hlten Regierung zu k\u00e4mpfen. Wir werden mit der CDM weitermachen, bis das passiert.\u201c<\/p>\n<p>Die weit verbreiteten Arbeitsniederlegungen am Montag zeigten die Entschlossenheit der Arbeiterklasse, sich trotz der immer brutaleren Unterdr\u00fcckung der Milit\u00e4rherrschaft zu widersetzen. Auf den Stra\u00dfen wird auf Demonstranten geschossen, sie werden get\u00f6tet oder verwundet, die Sicherheitskr\u00e4fte f\u00fchren n\u00e4chtliche Razzien durch und verhaften Aktivisten. Am Sonntag starb ein lokaler Funktion\u00e4r der gest\u00fcrzten Nationalen Liga f\u00fcr Demokratie (NLD) namens Khin Maung Latt im Polizeigewahrsam. Seine Verletzungen deuten darauf hin, dass er zuvor brutal gefoltert worden war.<\/p>\n<p>Arbeiter und Jugendliche haben gegen\u00fcber schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten betr\u00e4chtlichen Mut gezeigt, genau wie bei fr\u00fcheren Revolten gegen die Milit\u00e4rherrschaft. Die fatale Schw\u00e4che der fr\u00fcheren Protestbewegungen war, dass sie politisch von der NLD und deren F\u00fchrerin Aung San Suu Kyi dominiert war. Diese f\u00fcrchtet die Gefahr einer Massenbewegung der Arbeiterklasse f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Herrschaft mehr als die burmesischen Gener\u00e4le.<\/p>\n<p>1988 wurde die Milit\u00e4rjunta, die das Land jahrzehntelang beherrscht hatte, von einer riesigen Streikbewegung in die Knie gezwungen. Suu Kyi, die im Westen als \u201eIkone der Demokratie\u201c bejubelt wird, war eine der Hauptverantwortlichen daf\u00fcr, dass das Milit\u00e4r die Arbeiterklasse unterdr\u00fccken konnte. Auf dem H\u00f6hepunkt der Bewegung rief sie die Demonstranten dazu auf, Vertrauen in das Versprechen des Milit\u00e4rs, Wahlen abzuhalten, zu setzen und \u201eihre Zuneigung zur Armee\u201c nicht zu verlieren. Damit verschaffte sie dem Milit\u00e4r eine dringend ben\u00f6tigte Atempause, in der es die brutale Unterdr\u00fcckung der Proteste vorbereiten konnte, bei denen Tausende get\u00f6tet wurden. Nachdem das Milit\u00e4r seine Herrschaft wieder stabilisiert hatte, ignorierte es das Ergebnis der Wahl von 1990 und verhaftete Suu Kyi und andere F\u00fchrer der NLD.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der letzten zehn Jahre agierten Suu Kyi und die NLD im Rahmen eines von den USA ausgehandelten Deals mit dem Milit\u00e4r als politische Frontorganisation des Milit\u00e4rs. Obwohl die NLD nach der Wahl 2016 nominell die Regierung stellte, behielt das Milit\u00e4r die Machthebel in den H\u00e4nden, indem es das Parlament mit eigenen Abgeordneten besetzte und sich die Kontrolle \u00fcber die wichtigsten Ministerien vorbehielt, darunter das Verteidigungs-, das Polizeiministerium und den Grenzschutz. Suu Kyi hat infamer Weise die Verbrechen des Milit\u00e4rs gegen die muslimische Minderheit der Rohingya verteidigt.<\/p>\n<p>Arbeiter d\u00fcrfen Suu Kyi und der NLD kein Vertrauen schenken. Sie repr\u00e4sentiert eine Fraktion der Bourgeoisie, die mit dem Milit\u00e4r rivalisiert. Ebenso wenig d\u00fcrfen sie den Gewerkschaften trauen, die zwar die Junta ablehnen, aber den wachsenden Widerstand in die Arme der NLD lenken wollen. Der Kampf f\u00fcr wirkliche demokratische Rechte ist eng verkn\u00fcpft mit dem Kampf f\u00fcr die sozialen Rechte der Arbeiterklasse, die mit einer zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Krise konfrontiert ist, verschlimmert durch die Corona-Pandemie. Das erfordert den Aufbau unabh\u00e4ngiger Organisationen der Arbeiterklasse und den Kampf f\u00fcr Sozialismus in Myanmar und international.<\/p>\n<p><em>#Bild: Demonstranten hinter einer improvisierten Barrikade in Yangon (Myanmar) am 8. M\u00e4rz, w\u00e4hrend die bewaffnete Bereitschaftspolizei einr\u00fcckt (AP Photo)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/03\/10\/myan-m10.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. M\u00e4rz 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Symonds. 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