{"id":9387,"date":"2021-03-12T10:23:16","date_gmt":"2021-03-12T08:23:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9387"},"modified":"2021-03-12T10:23:17","modified_gmt":"2021-03-12T08:23:17","slug":"oekonomie-was-kommt-nach-dem-pandemieeinbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9387","title":{"rendered":"\u00d6konomie: Was kommt nach dem Pandemieeinbruch?"},"content":{"rendered":"<p><em>Der britische \u00d6konom Michael Roberts<\/em>* <em>\u00fcber die wirtschaftlichen Prognosen f\u00fcr das Jahr 2021, die Wirtschaftspolitik der kapitalistischen Staaten und die kommenden sozialen K\u00e4mpfe. Wir publizieren hier ein Gespr\u00e4ch von <\/em>Ashley Smith mit ihm, das auf <a href=\"https:\/\/spectrejournal.com\/after-the-pandemic-slump-what-next\/\">Spectre<\/a><em> publiziert wurde.<\/em><!--more--><\/p>\n<p><strong>Als wir\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/arbeit\/2020\/oekonomie-virus-kapitalismus-und-die-lange-depression\/\"><strong>das letzte Mal<\/strong><\/a><strong>\u00a0miteinander gesprochen haben, befanden wir uns in der Anfangsphase der Pandemie und der globalen Rezession. Du hast argumentiert, dass das kapitalistische System bereits auf eine Krise zusteuere, bevor die Pandemie diese ausl\u00f6ste. Wie ist der Gesamtzustand der Weltwirtschaft, insbesondere ihrer wichtigsten Zentren wie den USA, der EU und China?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, es ist fast genau ein Jahr her, dass wir das letzte Mal \u00fcber die Weltwirtschaft gesprochen haben. Damals wies ich darauf hin, dass die gro\u00dfen kapitalistischen Volkswirtschaften bereits auf eine lange verz\u00f6gerte Rezession zusteuerten, da sich die Industrieproduktion, die Investitionen, der Handel und das Profitwachstum auf ein Minimum hin verlangsamten \u2013 und einige L\u00e4nder wie Japan sowie einige gro\u00dfe so genannte \u201eaufstrebende\u201c Volkswirtschaften wie Argentinien, die T\u00fcrkei und Mexiko befanden sich bereits in einer Flaute.<\/p>\n<p>Nun, im letzten Jahr haben die Covid-Pandemie und die darauffolgenden Lockdowns, die soziale Isolation usw. zum tiefsten Einbruch in den gro\u00dfen Volkswirtschaften seit fast 100 Jahren gef\u00fchrt. Im Fall von Gro\u00dfbritannien ist es der tiefste Einbruch seit 300 Jahren!<\/p>\n<p>Im letzten Sommer hoffte man, dass sich die meisten Volkswirtschaften schnell erholen k\u00f6nnten, da die Covid-F\u00e4lle zur\u00fcckgingen. Doch dann kam es zu einer zweiten \u201eWinter\u201c-Welle von Infektionen, und erneut wurden Lockdowns verh\u00e4ngt. Im Fall der USA gab es eigentlich keine \u201ezweite Welle\u201c, da die F\u00e4lle das ganze Jahr \u00fcber kaum zur\u00fcckgingen, weil viele Bundesstaaten keine angemessenen Einschr\u00e4nkungen verh\u00e4ngten und sich daf\u00fcr entschieden, alles normal weiterlaufen zu lassen.<\/p>\n<p>Aber die Fakten sind eindeutig. Die Staaten, die mit Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung strikte Lockdowns und Social Distancing durchsetzten, hatten viel niedrigere Todesraten und die geringsten Einbu\u00dfen bei wirtschaftlicher Aktivit\u00e4t, Einkommen und Besch\u00e4ftigung. Es gab und gibt keinen Kompromiss zwischen Leben und Lebensgrundlagen.<\/p>\n<p>Ende 2020 befanden sich 93 Prozent aller L\u00e4nder der Welt in einem Abschwung. Die wirtschaftliche Produktion dieser L\u00e4nder war um 5 bis 15 Prozent geschrumpft, ebenso die Investitionen und die Besch\u00e4ftigung. Die US-Wirtschaft schrumpfte weniger als andere \u2013 um etwa 4 bis 5 Prozent, aber die Besch\u00e4ftigung ging um \u00fcber 20 Millionen zur\u00fcck, und die Arbeitslosigkeit stieg auf etwa 15 Prozent. Auch Japans Wirtschaft ging um etwa 6 bis 7 Prozent zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Einbruch erlebte jedoch Europa. Die britische Wirtschaft schrumpfte um 10 Prozent, nachdem die katastrophale Pandemiepolitik in Kombination mit den Handelsunsicherheiten rund um den Brexit zum Tragen kam. Spanien schrumpfte sogar noch st\u00e4rker, w\u00e4hrend die Volkswirtschaften der Eurozone im Durchschnitt um 6 bis 9 Prozent zur\u00fcckgingen.<\/p>\n<p>Nur eine gro\u00dfe Volkswirtschaft entging diesem Desaster: China. Die drastischen Einschr\u00e4nkungen des Regimes zusammen mit massiven staatlichen Investitionen in das Testing, das Contact Tracing und das Gesundheitssystem f\u00fchrten zu einem sehr schnellen R\u00fcckgang der Infektionen. Die Todesf\u00e4lle pro Million waren die niedrigsten unter den gro\u00dfen Volkswirtschaften.<\/p>\n<p>So begann die chinesische Wirtschaft in der zweiten H\u00e4lfte des Jahres 2020 wieder zu expandieren. Es handelte sich um eine V-f\u00f6rmige Erholung, etwas, das die Trump-Regierung letztes Jahr um diese Zeit f\u00fcr die USA behauptete und was die meisten Mainstream-Prognostiker f\u00fcr die G7-Volkswirtschaften erhofft hatten. Tats\u00e4chlich ist Chinas Wirtschaft bis Ende 2020 im Vergleich zu 2019 um etwa 2-3 Prozent gewachsen!<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, was wir \u00fcber die Art des chinesischen Regimes in Bezug auf Menschenrechte und Demokratie denken m\u00f6gen, hat Chinas Entwicklung meines Erachtens gezeigt, dass staatlich geplante Investitionen in das Gesundheitssystem, die Industrie und den Handel bei der Bew\u00e4ltigung der Covid-Pandemie viel effektiver waren als die Pandemiepolitik der G7 [Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, das Vereinigte K\u00f6nigreich und die Vereinigten Staaten; die Europ\u00e4ische Kommission hat Beobachterstatus; Anm. d. Red.].<\/p>\n<p><strong>Welche Auswirkungen haben die Pandemie und die globale Rezession auf den globalen S\u00fcden? Stehen diese Staaten und Volkswirtschaften vor einer weiteren Schuldenkrise? Wie wird sich das auf sie und den Rest der Welt auswirken?<\/strong><\/p>\n<p>Die Covid-Pandemie hatte katastrophale Folgen f\u00fcr den sogenannten \u201eglobalen S\u00fcden\u201c. Viele dieser L\u00e4nder, vor allem die \u00e4rmsten in Bezug auf das Pro-Kopf-Einkommen, waren schon vor der Pandemie in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Viele hatten eine erhebliche Schuldenlast gegen\u00fcber den Konzernen und Finanzinstitutionen des imperialistischen Nordens. Ihre Gesundheitssysteme waren stark unterfinanziert, schwach und meist privatisiert.<\/p>\n<p>Viele Lohnabh\u00e4ngige des globalen S\u00fcdens arbeiten im informellen Sektor, ohne festen Arbeitsplatz oder die M\u00f6glichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, wie es ein betr\u00e4chtlicher Teil der besser gestellten Lohnabh\u00e4ngigen im Norden tun konnte. So waren sie gezwungen, unter gro\u00dfer Ansteckungsgefahr f\u00fcr Unternehmer:innen zu arbeiten oder ihre kleinen Gesch\u00e4fte aufrechtzuerhalten. Infolgedessen war die Ausbreitung des Virus in L\u00e4ndern wie Mexiko, Brasilien, Ecuador und Peru gravierend.<\/p>\n<p>In L\u00e4ndern mit einer relativ jungen Bev\u00f6lkerung, in denen man eine geringere Sterblichkeitsrate erwarten konnte, gab es dennoch kein Entrinnen. Indien hat den gr\u00f6\u00dften wirtschaftlichen R\u00fcckgang der gro\u00dfen \u201eSchwellenl\u00e4nder\u201c erlitten, und S\u00fcdafrikas Wirtschaft (die sich bereits vor Covid in einer Rezession befand) ist stark eingebrochen. Die Arbeitslosigkeit ist im gesamten globalen S\u00fcden um \u00fcber 150 Millionen gestiegen. Und die begrenzte Verbesserung der Armutsraten in diesen L\u00e4ndern, die im letzten Jahrzehnt erreicht wurde, hat sich komplett umgekehrt.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Zukunft besteht die M\u00f6glichkeit, dass es in den Jahren 2021 und 2022 zu schwerwiegenden Schulden-\u201eEreignissen\u201c kommen wird. Die internationalen Agenturen wie der IWF und die Weltbank haben nur \u201eSchuldenerleichterungen\u201c angeboten \u2013 also niedrigere Zinss\u00e4tze oder mehr Zeit zur R\u00fcckzahlung. Aber die Regierungen, die diese Agenturen leiten, haben sich geweigert, den L\u00e4ndern Schulden zu erlassen. Letztere werden sich im Verh\u00e4ltnis zur Wirtschaftsleistung und der Zahlungsf\u00e4higkeit in den n\u00e4chsten Jahren weiter erh\u00f6hen. [\u2026]<\/p>\n<p><strong>Wie schon w\u00e4hrend der Finanzkrise 2008 und der folgenden Gro\u00dfen Rezession, sind Staaten auf der ganzen Welt wieder einmal eingesprungen, um das System vor dem Zusammenbruch zu retten. Was haben sie getan? Hat es funktioniert? Warum oder warum nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt zwei wirtschaftspolitische Instrumente, die den Regierungen zur Verf\u00fcgung stehen, um mit Einbr\u00fcchen im Kapitalismus umzugehen. Es gibt die geldpolitische Lockerung [Zinssenkung und Kreditspritzen durch Nationalbanken; Anm. d. Red.] und es gibt die fiskalische Stimulierung [expansive Fiskalpolitik: \u00f6ffentliche Investitionspolitik, Steuersenkungen f\u00fcr Unternehmen und soziale Abfederungsmassnahmen; restriktive Fiskalpolitik: Sparpolitik und Steuererh\u00f6hungen auf Einkommen und Verbrauch;\u00a0Anm. d. Red.].<\/p>\n<p>[\u2026] In diesem pandemischen Einbruch wurden beide politischen Instrumente eingesetzt und zwar in einem gewaltigen Ausma\u00df. Die Kombination aus Kreditspritzen und Staatsausgaben erreichten in den meisten gro\u00dfen Volkswirtschaften im Jahr 2020 zwischen 10 und 20 Prozent des BIP, aufgeteilt zu je 50\/50. Diese \u201eGro\u00dfz\u00fcgigkeit\u201c hat es den meisten Unternehmen (aber nicht allen) erm\u00f6glicht, im Jahr 2020 zu \u00fcberleben, indem sie sich auf eine Mischung aus Krediten und Zusch\u00fcssen [in der Schweiz: H\u00e4rtefallprogramme; Anm. d. Red.] verlassen haben, w\u00e4hrend die Lohnabh\u00e4ngigen \u201ebeurlaubt\u201c wurden, einmalige Zusch\u00fcsse erhielten oder auf \u201ePandemiehilfe\u201c, also Kurzarbeit, gesetzt wurden.<\/p>\n<p>Trotzdem sind die Besch\u00e4ftigungsraten stark gesunken und viele kleine und mittlere Unternehmen stehen am Rande des Bankrotts. Etwa 20 Prozent der US-amerikanischen und europ\u00e4ischen Unternehmen waren schon vor der Pandemie so genannte \u201eZombie-Unternehmen\u201c, deren Gewinne kaum die L\u00f6hne und Schuldzinsen abdeckten und die nichts f\u00fcr Investitionen und Expansion \u00fcbrighatten. Im Laufe dieses Jahres k\u00f6nnten viele dieser \u201eZombies\u201c untergehen, wenn die fiskalischen und monet\u00e4ren [geld- bzw. kreditbezogenen] Finanzspritzen nicht aufrechterhalten werden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus haben diese geld- und fiskalpolitischen Ma\u00dfnahmen [billige Kredite und staatliche Zusch\u00fcsse; Anm. d. Red.] wenig dazu beigetragen, die produktiven, besch\u00e4ftigungswirksamen Sektoren der Wirtschaft wiederzubeleben, insbesondere den gro\u00dfen Dienstleistungssektor. Stattdessen ist die Wertsch\u00f6pfung zusammengebrochen, w\u00e4hrend\u00a0<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/arbeit\/2021\/euphorie-auf-pump-covid-19-boersen-und-fiktives-kapital\/\">fiktives Kapital in die Aktien- und Anleihem\u00e4rkte<\/a>\u00a0geflossen ist.<\/p>\n<p><strong>Die Biden-Administration plant ein enormes neues Konjunkturprogramm, eine weitere massive Investition in die Infrastruktur und erw\u00e4gt offen eine Industriepolitik, um die US-Industrieproduktion zu st\u00e4rken \u2013 vor allem im High-Tech-Bereich. Stellt dies eine Abkehr vom Neoliberalismus hin zum Keynesianismus dar? Wird es funktionieren? Werden wir einen zyklischen Aufschwung erleben, wie viele b\u00fcrgerliche \u00d6konom:innen vorhersagen, nachdem die Pandemie abgeklungen ist?<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Pandemieeinbruch hat es im Gegensatz zur Gro\u00dfen Rezession 2008\/09 einen Politikwechsel der Regierungen gegeben. Das liegt zum Teil an den Lehren, die a) aus dem Versagen der Geldpolitik [Leitzinssenkungen der Nationalbanken zur Stimulierung des Kreditwesens; Anm. d. Red.] nach der Gro\u00dfen Rezession gezogen wurden, und b) an dem zus\u00e4tzlichen Schaden, der durch die Verabschiedung fiskalischer Sparma\u00dfnahmen zur Schuldenkontrolle (und deren Scheitern) verursacht wurde [weil durch die Ausgaben- und Lohnsenkungen die Nachfrage zus\u00e4tzlich eingebrochen ist; Anm. d. Red]. Au\u00dferdem ist der pandemische Einbruch mindestens doppelt so stark wie w\u00e4hrend der Gro\u00dfen Rezession.<\/p>\n<p>Also wurde im letzten Jahr die Austerit\u00e4tspolitik aufgegeben (zumindest f\u00fcr den Moment) und der Ruf ert\u00f6nt: \u201eWir sind jetzt alle Keynesianer.\u201c [will heissen: Bef\u00fcrworter:innen staatlicher Investitionspolitik in der Krise; Anm. d. Red.] Der IWF, die OECD und die EZB sagen nun alle: \u201eMacht euch vorerst keine Sorgen um die Defizite und die Schulden, gebt einfach aus, um die Volkswirtschaften zu retten.\u201c Da die Zinss\u00e4tze so niedrig sind wie nie zuvor, werden die Kosten f\u00fcr den Schuldendienst \u00fcberschaubar sein, und sobald die Wirtschaft sich erholt hat, k\u00f6nnen wir uns dem Schuldenproblem zuwenden, so das Argument.<\/p>\n<p>In gewisser Weise ist das auf kurze Sicht auch richtig. Aber das Problem f\u00fcr kapitalistische Volkswirtschaften ist, dass, wenn die Rentabilit\u00e4t in den n\u00e4chsten Jahren nicht deutlich ansteigt, das Investitionswachstum schwach sein wird und damit auch das Wirtschaftswachstum. Und wenn die Zinsen zu steigen anfangen, dann wird die Schuldenlast die \u201eZombie-Unternehmen\u201c in den Bankrott treiben, was durch die Reduktion der fiskalischen und monet\u00e4ren Unterst\u00fctzung noch versch\u00e4rft wird.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem, selbst wenn die Zinsen niedrig bleiben, ist der Umfang der angeh\u00e4uften Schulden, sowohl bei den Unternehmen als auch beim Staat, so gro\u00df, dass die Kosten f\u00fcr den Schuldendienst ohnehin steigen, und damit werden die verf\u00fcgbaren Gewinne f\u00fcr produktive Investitionen verkleinert. Steigende und hohe Schulden k\u00f6nnen nicht unbegrenzt ignoriert werden, insbesondere wenn die Gewinne nicht ausreichend steigen.<\/p>\n<p>Genau das ist das Problem mit Bidens Konjunkturprogramm. Auf den ersten Blick scheint es gro\u00df zu sein. Mainstream-Wirtschaftsprognosen deuten darauf hin, dass es in den n\u00e4chsten Jahren mindestens 1 Prozent zum BIP-Wachstum beitragen k\u00f6nnte. Aber selbst wenn Bidens Investitionsprogramm vollst\u00e4ndig umgesetzt wird, wird das den Anteil der staatlichen Investitionen am BIP in den USA auf nur 4 Prozent bringen, w\u00e4hrend die Investitionen des kapitalistischen Sektors im Durchschnitt 15 bis 20 Prozent des BIP betragen. Letzteres ist also entscheidend f\u00fcr die Wiederherstellung des US-Kapitalismus.<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass die Profitabilit\u00e4t von ihrem derzeitigen Allzeittief stark ansteigen muss. Sicher, die sehr gro\u00dfen Tech- und Medienunternehmen wie die FAANGs (Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google) machen riesige Gewinne, aber die Mehrheit der US-amerikanischen und europ\u00e4ischen Unternehmen hat eine sehr niedrige Profitabilit\u00e4t. Um die Profitabilit\u00e4t nach oben zu bringen und sich von einem Einbruch im Kapitalismus zu erholen, bedarf es 3 Dinge.<\/p>\n<p>Erstens m\u00fcssen unproduktive Mitarbeiter entlassen und die L\u00f6hne f\u00fcr diejenigen, die weiter besch\u00e4ftigt werden, niedrig gehalten werden. Zweitens m\u00fcssen expandierende Firmen darauf abzielen, neue arbeitssparende Technologien einzuf\u00fchren, um die Arbeitsproduktivit\u00e4t zu steigern. Und drittens muss es den \u201eZombie-Unternehmen\u201c erlaubt werden, pleite zu gehen, \u00fcbernommen oder liquidiert zu werden, um den Markt zu bereinigen und die Rentabilit\u00e4t f\u00fcr den Rest zu erh\u00f6hen. Keine dieser drei Anforderungen wird in absehbarer Zeit erf\u00fcllt werden.<\/p>\n<p><strong>Bidens Konjunkturprogramm hat eine Debatte zwischen b\u00fcrgerlichen \u00d6konom:innen \u00fcber die Gefahr einer Inflation ausgel\u00f6st. Larry Summers hat argumentiert, dass Bidens Programm zu gro\u00df ist und dass es sowohl die Gefahr birgt, eine Inflation auszul\u00f6sen, als auch Geld verschwendet, das f\u00fcr Investitionen in die Infrastruktur und die Industriepolitik gespart werden sollte. Andere Bef\u00fcrworter:innen der Austerit\u00e4t, die du \u201eAusterianer\u201c nennst, stimmen ihm zu. Im Gegensatz dazu weist Finanzministerin Janet Yellen diese Bedenken als \u00fcbertrieben zur\u00fcck und argumentiert, dass die gr\u00f6\u00dfte Gefahr darin besteht, nicht genug Geld f\u00fcr die Stimulierung auszugeben. Welche Seite hat Recht?<\/strong><\/p>\n<p>Die Mainstream-\u00d6konomie hat zwei Haupttheorien, um Inflation [Anstieg des allgemeinen Preisniveaus von Waren und L\u00f6hnen; Anm. d. Red.] zu erkl\u00e4ren. Es gibt die Quantit\u00e4tstheorie des Geldes, die von Monetarist:innen vertreten wird. Sie argumentieren, dass die Inflation ein monet\u00e4res Ph\u00e4nomen ist, d.h. die Preisinflation in Bezug auf Waren nimmt immer dann zu, wenn es \u201ezu viel\u201c Geld in der Wirtschaft gibt: zu viel Geld jagt zu wenig G\u00fcter. Nun, die letzten 10 Jahre haben Zweifel an dieser Theorie aufkommen lassen, da die Geldinjektionen enorm waren und die Inflation in der \u201eRealwirtschaft\u201c sich verlangsamt hat.<\/p>\n<p>Die andere Mainstream-Theorie ist die keynesianische, die besagt, dass es einen\u00a0Trade-off\u00a0[Zielkonflikt; Anm. d. Red.] zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation gibt. Wenn also die Produktionskapazit\u00e4ten maximiert werden und Vollbesch\u00e4ftigung herrscht, dann steigen die L\u00f6hne, was die Unternehmen zwingt, die Preise zu erh\u00f6hen, um die Gewinne zu erhalten. Die Inflation wird also den Lohnabh\u00e4ngigen zugeschrieben, da sie zu viel verlangen.<\/p>\n<p>Im Grunde ist dies das Argument des orthodoxen Keynesianers Larry Summers. Der Unterschied zwischen Summers und Yellen besteht darin, dass Summers glaubt, dass die wirtschaftliche Erholung so schnell vonstattengehen wird und die Expansionsf\u00e4higkeit der US-Wirtschaft so gering ist, dass die US-Wirtschaft schnell \u00fcberhitzen wird. Dann werden die L\u00f6hne steigen und die Preisinflation wird schnell zur\u00fcckkommen. Yellen (und Powell) hingegen sind der Meinung, dass die Volkswirtschaften viel Spielraum haben und dass es f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr oder so viel Platz zum Expandieren gibt, ohne dass die L\u00f6hne steigen und damit die Inflation anheizen.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach haben beide Seiten Recht und Unrecht. Summers liegt falsch, dass die wirtschaftliche Erholung durch Bidens Pakete schnell und hoch sein wird, aber er hat Recht, dass die wirtschaftliche Kapazit\u00e4t der USA durch den Pandemieeinbruch geschw\u00e4cht wurde und nicht in der Lage ist, einen Sprung nach vorne zu machen. Yellen liegt damit falsch, aber sie hat Recht, dass die wirtschaftliche Erholung bescheiden ausfallen und nicht zu einer \u201e\u00dcberhitzung\u201c und starken Lohnsteigerungen f\u00fchren wird.<\/p>\n<p>Aber beide Mainstream-Theorien sind unzureichende Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Inflation. \u00c4nderungen der Warenpreise werden durch die Kaufkraft von Profiten und L\u00f6hnen angetrieben, d.h. durch die neue Wertsch\u00f6pfung in der Wirtschaft. Ja, Lohnerh\u00f6hungen kurbeln die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen an, aber man darf auch die Profite nicht vergessen. Und wenn die Zentralbanken auch noch Geld in die Wirtschaft pumpen, wird das zur Preisinflation beitragen, weil Geldspritzen keinen neuen Wert schaffen.<\/p>\n<p>Durch den Pandemieeinbruch sind in den USA die Gewinne um etwa 25 Prozent und die Lohnsummen (sinkende Besch\u00e4ftigung) um etwa 10 Prozent gefallen. Obwohl also die Geldmenge um \u00fcber 40 Prozent gestiegen ist, hat es keine Inflation gegeben. Da ein Gro\u00dfteil der Geldspritze gehortet wurde, ist die sogenannte Umlaufgeschwindigkeit des Geldes stark gesunken.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Jahr 2021 ist jedoch ein Anstieg der Gewinne und sogar der Lohnsumme zu erwarten, und die Geldspritzen d\u00fcrften sich fortsetzen, wenn auch langsamer. Ich erwarte also, dass die Inflation bei Waren und Dienstleistungen anziehen wird. Das wird die W\u00e4hrungsbeh\u00f6rden vor Probleme stellen, ob und wann sie die Zinsen anheben sollten, um die Inflation und die Lohnforderungen zu d\u00e4mpfen. Wenn die Zinsen steigen, dann werden die Finanzm\u00e4rkte einbrechen. Aber so weit sind wir noch nicht.<\/p>\n<p><strong>Du hast argumentiert, dass weder Keynesianismus noch neoliberale Austerit\u00e4t die Weltwirtschaft aus der langen Depression (seit 2008 bis heute) herausziehen k\u00f6nnen. Warum eigentlich? Was w\u00fcrde innerhalb des Kapitalismus funktionieren? Und wer w\u00fcrde den Preis daf\u00fcr zahlen?<\/strong><\/p>\n<p>Wie ich oben sagte, kommt der Kapitalismus aus seinen regelm\u00e4\u00dfigen und wiederkehrenden Krisen heraus, indem er die Arbeit zahlen l\u00e4sst. Er bringt Arbeit dazu, sich zu lohnen, indem er \u201eunproduktive\u201c Arbeiter:innen entl\u00e4sst und eine Reservearmee von Arbeiter:innen schafft, die die L\u00f6hne dr\u00fcckt. Und er f\u00fchrt neue Technologien ein, um die Arbeitsproduktivit\u00e4t zu steigern. Das Ziel ist es, die Profitabilit\u00e4t zu erh\u00f6hen, so dass die Unternehmen darauf mit Investitionen reagieren.<\/p>\n<p>Das ist jedoch nach der Gro\u00dfen Rezession 2008\/09 nicht geschehen. Die Profitabilit\u00e4t erholte sich nicht, weil die Liquidierung schwacher Firmen nicht zugelassen wurde. \u201eZombie-Firmen\u201c bleiben als lebende Tote bestehen. Die Preise f\u00fcr Finanzanlagen schossen in die H\u00f6he, und genau dort wurden die Profite gemacht: in fiktivem Kapital. Investitionen in produktive Verm\u00f6genswerte waren schwach und das Produktivit\u00e4tswachstum war sehr gering (nur 0,6 Prozent pro Jahr in den USA).<\/p>\n<p>Der wirtschaftliche Pandemieeinbruch hat auch zu einer ernsthaften Vernarbung des Produktivverm\u00f6gens gef\u00fchrt, einschlie\u00dflich des Verlustes von Produktionskapazit\u00e4t [also Fabriken; Anm. d. Red.] und produktiven Arbeitskr\u00e4ften, die ohne ein massives Investitionsprogramm nur schwer wiederherzustellen sein werden. Statt einer V-f\u00f6rmigen wirtschaftlichen Erholung und einer schnellen R\u00fcckkehr zum vor-Pandemie-Niveau, wird das Trendwachstum ab 2021 sogar niedriger sein als in den 10 Jahren nach der Gro\u00dfen Rezession.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Die lange Depression bei Investitionen, Produktivit\u00e4t und Profitabilit\u00e4t, die die gro\u00dfen kapitalistischen Volkswirtschaften seit 2008 erlebt haben, w\u00fcrde sich noch einmal verst\u00e4rken. Ich erinnere daran, dass es \u00fcber 20 Jahre dauerte, um die Depression von 1873-96 in den gro\u00dfen Volkswirtschaften zu \u00fcberwinden, und dass dazu mehrere schwere Einbr\u00fcche erforderlich waren. Die Gro\u00dfe Depression der 1930er Jahre wurde erst 1940 durch die Kriegswirtschaften beendet, als staatliche Investitionen die kapitalistischen Investitionen f\u00fcr die Kriegsanstrengungen ersetzten.<\/p>\n<p>Also, entweder kehrt der Kapitalismus irgendwann in diesem Jahrzehnt zu einem weiteren Einbruch zur\u00fcck, um das System zu reinigen, oder er wird ersetzt.<\/p>\n<p><strong>Die weitsichtigen Sektoren der globalen Elite sind besorgt, dass die Pandemie tiefe Missst\u00e4nde aufstaut, die eine weitere Runde der politischen Polarisierung und explosive K\u00e4mpfe auf der Welt ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Wie siehst Du die Auswirkungen dieser Krise auf die Politik sowie auf die Klassen- und sozialen K\u00e4mpfe?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab k\u00fcrzlich eine sehr interessante Analyse des IWF, die zeigte, dass das Niveau der Unruhen und sozialen K\u00e4mpfe schon vor dem Einbruch der Pandemie deutlich gestiegen war. Die Pandemie im Jahr 2020 hat das durchkreuzt, aber der IWF rechnet damit, dass der fr\u00fchere Trend zur\u00fcckkehren k\u00f6nnte, wenn die L\u00e4nder die Pandemie in diesem Jahr und dar\u00fcber hinaus \u00fcberwunden haben. Angesichts der bevorstehenden schwachen wirtschaftlichen Erholung gibt es allen Grund, dies zu erwarten. Sollte die Erholung tats\u00e4chlich st\u00e4rker ausfallen, k\u00f6nnte dies wiederum das Vertrauen der Arbeiter:innenbewegungen weltweit wiederbeleben.<\/p>\n<p><em>*Michael Roberts ist der Autor von The Long Depression: Marxism and the Global Crisis of Capitalism (Haymarket 2016) und schreibt regelm\u00e4\u00dfig Kommentare und Analysen in seinem Blog\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/thenextrecession.wordpress.com\/\"><em>The Next Recession<\/em><\/a><em>. Das Interview wurde am 25. Februar 2021 ver\u00f6ffentlicht. \u00dcbersetzung und leichte K\u00fcrzung durch die Redaktion.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/arbeit\/2021\/oekonomie-was-kommt-nach-dem-pandemieeinbruch\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. M\u00e4rz 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der britische \u00d6konom Michael Roberts* \u00fcber die wirtschaftlichen Prognosen f\u00fcr das Jahr 2021, die Wirtschaftspolitik der kapitalistischen Staaten und die kommenden sozialen K\u00e4mpfe. Wir publizieren hier ein Gespr\u00e4ch von Ashley Smith mit ihm, das auf &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9388,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,87,121,18,45,22,73,4,17],"class_list":["post-9387","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-covid-19","tag-imperialismus","tag-neoliberalismus","tag-politische-oekonomie","tag-steuerpolitik","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9387","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9387"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9387\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9389,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9387\/revisions\/9389"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9388"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9387"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9387"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}