{"id":9390,"date":"2021-03-12T10:30:30","date_gmt":"2021-03-12T08:30:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9390"},"modified":"2021-03-12T10:30:31","modified_gmt":"2021-03-12T08:30:31","slug":"myanmar-die-wachsende-rolle-der-arbeiterklasse-im-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9390","title":{"rendered":"Myanmar: Die wachsende Rolle der Arbeiterklasse im Widerstand"},"content":{"rendered":"<p><em>Dave Stockton. <\/em>Der M\u00e4rz eskalierte die Repression durch das Milit\u00e4r Myanmars \u2013 die Tatmadaw \u2013 gegen v\u00f6llig friedliche und unbewaffnete DemonstrantInnen massiv. Neben Gummigeschossen und scharfer Munition werden auch<!--more--> Splittergranaten eingesetzt, die einen Kugelhagel aussto\u00dfen, der schwere Verletzungen verursacht.<\/p>\n<p>In der n\u00f6rdlichen Stadt Myitkyina haben Scharfsch\u00fctzen wahllos von Geb\u00e4uden entlang der Demonstrationsrouten geschossen. In Yangon (Rangun) und anderen St\u00e4dten werden bei n\u00e4chtlichen Razzien Hunderte von Menschen aufgegriffen, die Zahl der Festgenommenen liegt nach den Angaben der Menschenrechtsorganisationen des Landes inzwischen bei weit \u00fcber tausend.<\/p>\n<p>Ein Funktion\u00e4rIn der National League for Democracy, NLD, deren Pr\u00e4sidentin Aung San Suu Kyi inhaftiert ist, ist im Gewahrsam gestorben, es ist der zweite innerhalb von zwei Tagen.<\/p>\n<p>Angesichts der immer massiver werdenden Demonstrationen setzt Min Aung Hlaing, der Oberbefehlshaber der Streitkr\u00e4fte, zunehmend t\u00f6dliche Gewalt ein, um den Aufstand niederzuschlagen. Wie Macbeth in Shakespeares Drama denkt er zweifelsohne: \u201eIch bin einmal so tief in Blut gestiegen \/ Dass, wollt\u2018 ich nun im Waten stille stehn \/ R\u00fcckkehr so schwierig w\u00e4r\u2018, als durch zu gehn.\u201c<\/p>\n<p>Nach UN-Quellen hat die Zahl der Todesopfer seit dem 1. Februar inzwischen die 50 \u00fcberschritten. Allein am 28. Februar gab es 18 Tote und \u00fcber 30 Schwerverletzte. Dann, am 3. M\u00e4rz, t\u00f6tete die paramilit\u00e4rische Polizei mit Sturmgewehren mindestens 38 Menschen. Das T\u00f6ten und Verst\u00fcmmeln fand in Yangon, der gr\u00f6\u00dften Stadt und dem Industriezentrum des Landes, in Mandalay und vielen anderen St\u00e4dten des Landes statt. Aber die Niederschlagung der landesweiten Revolte wird ein weit tieferes Waten im Blut erfordern.<\/p>\n<p>Dennoch hat die massive Zunahme von T\u00f6tungen und Massenverhaftungen die Proteste bisher nicht beenden k\u00f6nnen. Vielmehr haben sie die DemonstrantInnen gezwungen, defensive Ma\u00dfnahmen zu ergreifen. W\u00e4hrend sie immer noch v\u00f6llig friedlich bleiben, haben junge Leute Reihen von \u201eVerteidigerInnen\u201c mit Helmen und improvisierten Schilden organisiert und Barrikaden errichtet, um die Durchfahrt von Milit\u00e4rfahrzeugen zu verhindern.<\/p>\n<p><strong>Zunehmende Rolle der ArbeiterInnenklasse<\/strong><\/p>\n<p>Ein entscheidender Faktor f\u00fcr die Niederschlagung des Putsches ist die zunehmende Rolle, die die ArbeiterInnen bei den Protesten und wiederholten Streiks spielen. Die IndustriearbeiterInnen-F\u00f6deration von Myanmar, IWFM, und neun Einzelgewerkschaften riefen am 22. Februar und am 8. M\u00e4rz, dem Internationalen Frauenkampftag, zu eint\u00e4gigen Generalstreiks auf, bei denen Fabriken, Gesch\u00e4fte, Regierungsb\u00fcros, Banken und Eisenbahnen bestreikt wurden. Die F\u00f6deration der BekleidungsarbeiterInnen von Myanmar, FGWM, die aus 20 lokalen Gewerkschaften besteht, hat eine wichtige Rolle gespielt. Ihre Fabriken produzieren f\u00fcr internationale Marken wie The North Face und H&amp;M.<\/p>\n<p>EisenbahnerInnen, BekleidungsarbeiterInnen, BeamtInnen, Besch\u00e4ftigte im Gesundheitswesen und KupferminenarbeiterInnen haben sich wiederholt den Protesten angeschlossen. Streikende ArbeiterInnen der Eisenbahn sind in ihren Wohnanlagen vom Milit\u00e4r belagert worden, welches sie mit Verhaftungen bedrohte. Eine prominente Organisatorin, Moe Sandar Myint, erkl\u00e4rte: \u201eDie ArbeiterInnen sind bereit f\u00fcr diesen Kampf. Wir wissen, dass sich die Situation unter der Milit\u00e4rdiktatur nur verschlechtern wird, deshalb werden wir als Einheit bis zum Ende k\u00e4mpfen\u201c. Kein Wunder also, dass alle unabh\u00e4ngigen Gewerkschaftsverb\u00e4nde Ende Februar verboten wurden.<\/p>\n<p>Die st\u00e4dtische ArbeiterInnenklasse Myanmars ist seit der \u00d6ffnung des Landes f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investitionen vor zehn Jahren gewachsen, besonders in der gr\u00f6\u00dferen Industrieregion Yangon. Die ArbeiterInnen in der Textilindustrie, meist sehr junge Frauen, kommen vom Land und haben mit den patriarchalischen Traditionen, in denen sie aufgewachsen sind, gebrochen. Sie organisierten sich und k\u00e4mpfen f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und h\u00f6here L\u00f6hne. Jetzt wurden Haftbefehle gegen zwanzig Gewerkschaftsf\u00fchrerInnen ausgestellt, darunter die Vizepr\u00e4sidentin der IWFM, Soe Lay. Ihre Pr\u00e4sidentin, Khang Zar, hat einen Appell an die Menschen in aller Welt gerichtet:<\/p>\n<p>\u201eDurch zivilen Ungehorsam, Proteste und Streiks melden sich die Menschen in Myanmar klar und lautstark zu Wort. Wir brauchen die internationale Gemeinschaft, um das Gleiche zu tun. Wir brauchen Sie, um an unserer Seite zu stehen, damit dieser Putsch zusammenbricht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Stellung des Milit\u00e4rs<\/strong><\/p>\n<p>Es ist jetzt klar, dass die Gener\u00e4le nicht einfach durch den wiederholten Beweis, dass die Bev\u00f6lkerung in Myanmars St\u00e4dten sie hasst und ihre Diktatur ablehnt, von der Macht verdr\u00e4ngt werden. Schlie\u00dflich hat die Tatmadaw seit 1962 auch niemals wirklich die Macht an eine gew\u00e4hlte zivile Regierung abgetreten. Ihre Geschichte ist gepr\u00e4gt von Korruption, wirtschaftlicher Kontrolle und einem nicht enden wollenden Krieg gegen die ethnischen Minderheiten des Landes (Kachin, Karen, Kayin, Mon, Rohingya usw.), die 32 % der Bev\u00f6lkerung ausmachen, aber seit langem von der Bamar-Mehrheit unterdr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p>Obwohl es klar ist, dass der Widerstand der jugendlichen DemonstrantInnen nichts an der Mentalit\u00e4t der Generalit\u00e4t ge\u00e4ndert hat, die in ihren luxuri\u00f6sen, mit Teakholz ausgekleideten Villen mit privaten Golfpl\u00e4tzen in Sonderzonen fernab der St\u00e4dte leben, gibt es Anzeichen von Unzufriedenheit unter der Polizei. Bislang haben sie die Hauptlast der Drecksarbeit der Tatmadaw getragen. Einige haben den Befehl, auf unbewaffnete DemonstrantInnen zu schie\u00dfen, verweigert und sind ins benachbarte Indien geflohen. In einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung an die Polizei im indischen Mizoram erkl\u00e4rten vier OffizierInnen:<\/p>\n<p>\u201eAls die Bewegung des zivilen Ungehorsams an Fahrt aufnahm und in verschiedenen Orten Proteste von Anti-Putsch-DemonstrantInnen stattfanden, wurden wir angewiesen, auf die Protestierenden zu schie\u00dfen. In einem solchen Szenario besitzen wir nicht den Mut, auf unsere eigenen Leute zu schie\u00dfen, die friedliche DemonstrantInnen sind.\u201c<\/p>\n<p>Nur wenn die ArbeiterInnenklasse die Wirtschaft zum Stillstand bringen kann und AktivistInnen die Moral der \u201eOrdnungskr\u00e4fte\u201c untergraben k\u00f6nnen, nur wenn die namenlosen VerteidigerInnen sich bewaffnen, kurz, nur wenn die Proteste zu einer Revolution und einem Aufstand entwickelt werden, kann gesiegt werden. Das ist die zentrale Lektion des Arabischen Fr\u00fchlings vor zehn Jahren.<\/p>\n<p><strong>Imperialistische Heuchelei<\/strong><\/p>\n<p>US-Pr\u00e4sident Joe Biden hat den Putsch verurteilt und die USA haben begrenzte Sanktionen gegen Mitglieder des milit\u00e4rischen Oberkommandos verh\u00e4ngt. Australien hat die Anwendung von t\u00f6dlicher Gewalt gegen ZivilistInnen, die ihre Rechte aus\u00fcben, verurteilt und sein Verteidigungskooperationsprogramm mit der Tatmadaw ausgesetzt. Der Hohe Vertreter f\u00fcr Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik der Europ\u00e4ischen Union, Josep Borrell, verurteilte ebenfalls die \u201egewaltsame Unterdr\u00fcckung friedlicher DemonstrantInnen durch das Milit\u00e4r in Myanmar\u201c und forderte \u201eeine R\u00fcckkehr zur Demokratie\u201c.<\/p>\n<p>Noch im April und November des vergangenen Jahres wurde Min Aung Hlaing in Br\u00fcssel von den ChefInnen der NATO gefeiert. Er besuchte auch Deutschland, \u00d6sterreich und Italien, um Hightech-Waffen und gepanzerte Fahrzeuge f\u00fcr seine Streitkr\u00e4fte in ihrem Krieg gegen die ethnischen Minderheiten Myanmars zu kaufen. Diese Beziehung kam trotz der Vertreibung von 750.000 Rohingya im Jahr 2017 zustande, die der General gegen\u00fcber der NATO-Spitze zu verteidigen wagte. Tats\u00e4chlich bel\u00e4uft sich der Verteidigungshaushalt des Landes bereits auf mehr als das Gesundheits- und Bildungsbudget zusammen. Doch jede Hoffnung, dass die westlichen imperialistischen Demokratien irgendetwas Entscheidendes unternehmen werden, ist vergebens.<\/p>\n<p>Noch unwahrscheinlicher ist ein Wort des Widerstandes seitens des neuen imperialistischen Aufsteigers, dem \u201ekommunistischen China\u201c. Peking ist damit besch\u00e4ftigt, seine neue Seidenstra\u00dfe (One Belt, One Road) durch das Land zu bauen, um wichtige H\u00e4fen am Indischen Ozean zu erreichen. Diese Route ist von massiver strategischer Bedeutung f\u00fcr China, weil sie es der Schifffahrt und damit dem Handel erlauben w\u00fcrde, die Stra\u00dfe von Malakka zu umgehen, ein Engpass und potentieller \u201eAbschn\u00fcrungspunkt\u201c Chinas durch die USA und ihre Verb\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist es unwahrscheinlich, dass ein Regime, das 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tian\u2019anmen-Platz) Tausende seiner eigenen DemonstrantInnen abschlachtete, gegenw\u00e4rtig einen kulturellen V\u00f6lkermord an einer Million UigurInnen begeht und gegen den demokratischen Widerstand in Hongkong vorgeht, einen solchen Aufstand in Myanmar auch nur verbal unterst\u00fctzen wird.<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Es ist von entscheidender Bedeutung, dass SozialistInnen und GewerkschafterInnen in Europa nicht nur ihre Solidarit\u00e4t mit den jungen DemonstrantInnen und ArbeiterInnen in Myanmar zeigen, sondern auch ihre Regierungen zwingen, die Waffenlieferungen an die Tatmadaw einzustellen. GewerkschafterInnen und SozialistInnen auf der ganzen Welt m\u00fcssen schnell reagieren, indem sie Waren, die aus Myanmar kommen oder f\u00fcr Myanmar bestimmt sind, blockieren. L\u00e4nder, die Waffen an das Milit\u00e4r in Myanmar liefern, m\u00fcssen unter Druck gesetzt werden, dies sofort zu beenden. In der Tat m\u00fcssen alle Verbindungen mit der illegitimen Junta aufgedeckt und gekappt werden.<\/p>\n<p>Wenn es den ArbeiterInnen Myanmars gelingt, die Streiks zu einem Generalstreik auszuweiten, k\u00f6nnte dies zu Spaltungen in der Armee f\u00fchren, besonders zwischen der Basis und der Offizierskaste. Es sind die SoldatInnen und PolizistInnen, die die Waffen besitzen, und selbst die st\u00e4rkste Volksbewegung wird immer besiegt werden, wenn sie unbewaffnet bleibt.<\/p>\n<p>Denn letztlich wird die Verwandlung des Massenprotests in eine erfolgreiche Revolution nur dadurch m\u00f6glich sein, indem die Disziplin der einfachen SoldatInnen aufgebrochen wird und sie auf die Seite des Volkes gezogen werden. Dann w\u00e4re es m\u00f6glich die M\u00f6rderInnen von der Macht zu vertreiben und sie f\u00fcr ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Um dies zu beschleunigen, sollten Gewerkschaften und sozialistische Organisationen auf der ganzen Welt dringend praktische Schritte unternehmen, um den ArbeiterInnen und der Jugend Myanmars Solidarit\u00e4t entgegenzubringen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/03\/11\/myanmar-der-widerstand-gegen-den-putsch-geht-weiter-solidaritaet-mit-den-arbeiterinnen-und-der-jugend\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. M\u00e4rz 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dave Stockton. Der M\u00e4rz eskalierte die Repression durch das Milit\u00e4r Myanmars \u2013 die Tatmadaw \u2013 gegen v\u00f6llig friedliche und unbewaffnete DemonstrantInnen massiv. 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