{"id":9403,"date":"2021-03-13T12:07:41","date_gmt":"2021-03-13T10:07:41","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9403"},"modified":"2021-03-13T12:07:42","modified_gmt":"2021-03-13T10:07:42","slug":"identitaet-als-politisches-programm-marxismus-und-identitaetspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9403","title":{"rendered":"Identit\u00e4t als politisches Programm? Marxismus und Identit\u00e4tspolitik"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Suchanek. <\/em><strong>\u201eWir glauben, dass die tiefgreifendste und potentiell radikalste Politik direkt aus unserer eigenen Identit\u00e4t kommt.\u201c (<\/strong><a href=\"https:\/\/www.blackpast.org\/african-american-history\/combahee-river-collective-statement-1977\/\"><strong>Combahee River Collective, 1977<\/strong><\/a><strong>).<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Dieser Satz stellt eine Art Credo dessen dar, was heute unter \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c verstanden wird. Urspr\u00fcnglich pr\u00e4gten schwarze, antirassistische und antikapitalistische Feministinnen den Begriff. Mittlerweile werden damit Politiken von radikalen Linken, feministischen, reformistischen und b\u00fcrgerlich-liberalen Kr\u00e4ften oder auch des Rechtspopulismus gefasst.<\/p>\n<p>Mit der Ausweitung der Ph\u00e4nomene, Str\u00f6mungen und gesellschaftlichen Kr\u00e4fte, die mit dem Terminus bezeichnet werden, geht eine zunehmende Unbestimmtheit einher, die noch dadurch vermehrt wird, dass Identit\u00e4tspolitik mittlerweile zu einem Kampfbegriff geworden ist.<\/p>\n<p><strong>Ann\u00e4herung an eine erste Definition<\/strong><\/p>\n<p>Bevor wir diese Entwicklung kurz nachzeichnen und die Frage diskutieren, warum mittlerweile gegens\u00e4tzlichen Klassenkr\u00e4ften dieses Label zugeschrieben wird, wollen wir darstellen, was diese Politik von Beginn an auszeichnet. Aus obigem Zitat wird deutlich, dass der Begriff der eigenen Identit\u00e4t als entscheidende Grundlage einer radikalen Politik zur Befreiung oder zur Beseitigung von Ungerechtigkeit und Benachteiligung reklamiert wird.<\/p>\n<p>Identit\u00e4t stellt dabei das individuelle oder kollektive Bewusstsein vor, das aus der eigenen oder gemeinsam geteilten Erfahrung entsteht. Darauf basiere die radikalste Politik im Interesse der jeweiligen Gruppe von ausgebeuteten, unterdr\u00fcckten und diskriminierten Menschen. \u201eDie\u201c Frauen, \u201edie\u201c Schwarzen, \u201edie\u201c ArbeiterInnen teilten nicht nur gemeinsame Erfahrungen. Sie w\u00fcrden damit auch \u00fcber einen Zugang zur Erkenntnis der Ursachen und der Politik zur \u00dcberwindung der Lage von Ausgebeuteten oder Unterdr\u00fcckten verf\u00fcgen, der Nicht-Angeh\u00f6rigen dieser Gruppe prinzipiell verwehrt ist. Dies ergibt sich logisch daraus, dass die jeweils eigene Identit\u00e4t zur Quelle f\u00fcr die \u201etiefgreifendste und potentiell radikalste Politik\u201c erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung des Combahee River Collective bringt das direkt zum Ausdruck. Die Erfahrung mit dem Rassismus wei\u00dfer Mittelschichtfrauen im Feminismus der 1970er Jahre und mit m\u00e4nnlichem Chauvinismus sowie Sexismus in der Black Community einschlie\u00dflich radikaler linker Organisationen wie der Black Panther Party f\u00fchren sie zur Schlussfolgerung:<\/p>\n<p>\u201eWir erkennen, dass die einzigen Menschen, die sich genug um uns k\u00fcmmern, um konsequent f\u00fcr unsere Befreiung zu arbeiten, wir selbst sind. Unsere Politik entwickelt sich aus einer gesunden Liebe zu uns selbst, unseren Schwestern und unserer Gemeinschaft, die es uns erlaubt, unseren Kampf und unsere Arbeit fortzusetzen.\u201c<\/p>\n<p>Diese jeweils eigene Identit\u00e4t wird zum privilegierten Ort von Radikalit\u00e4t und Erkenntnis. Nicht-Angeh\u00f6rige der jeweils betroffenen Gruppe k\u00f6nnen Unterdr\u00fcckung zwar nachzuempfinden und nachzuvollziehen versuchen, aber sie k\u00f6nnen nie selbst auf die gleiche Weise aus dieser Erfahrung als \u201eFrau\u201c, \u201eSchwarze\u201c (oder auch als \u201eArbeiterin\u201c) sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Sobald dieses Verst\u00e4ndnis von Erfahrung \u2013 Identit\u00e4t \u2013 Politik akzeptiert wird, befinden wir uns auf dem Boden der Identit\u00e4tspolitik.<\/p>\n<p>Sobald die Grundlagen der Identit\u00e4tspolitik akzeptiert werden und diese selbst zu einer bestimmenden Ideologie politischer Str\u00f6mungen wird, entfalten sich daraus auch deren innere Widerspr\u00fcche. Sie manifestieren sich gerade mit ihrem Siegeszug z.\u00a0B. in weiten Teilen der Frauenbewegung, in der \u201eradikalen\u201c Linken, aber auch durch ihre Akzeptanz im b\u00fcrgerlichen Politikbetrieb. Im Folgenden wollen wir diese Entwicklung nachzeichnen.<\/p>\n<p><strong>Entstehung<\/strong><\/p>\n<p>Gepr\u00e4gt wurde der Begriff der Identit\u00e4tspolitik vom Combahee River Collective, einer 1974 gegr\u00fcndeten Organisation schwarzer Feministinnen. In ihrem Statement von 1977 arbeiten sie nicht nur ihre Erfahrungen als unterdr\u00fcckte schwarze, heterosexuelle und lesbische Frauen auf, sondern auch die Reproduktion von Rassismus im von wei\u00dfen Mittelschichtfrauen dominierten Feminismus, die Reproduktion von Sexismus durch die M\u00e4nner der antirassistischen Bewegung.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den meisten sp\u00e4teren VertreterInnen von \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c verstand sich das Combahee River Collective als revolution\u00e4re Organisation. \u00c4hnlich wie die von Claudia Jones schon Ende der 1940er Jahre formulierte Triple Oppression Theory (TOT) begriff es die kapitalistische Ausbeutung, Patriarchat und Rassismus als die Gesellschaft pr\u00e4genden und damit auch revolution\u00e4r zu \u00fcberwindenden Strukturen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Combahee River Collective stellte die Herausbildung einer \u201eradikalen\u201c, revolution\u00e4ren Identit\u00e4t der Unterdr\u00fcckten eine spontane Tendenz dar, sofern und sobald diese ihre gemeinsamen Erfahrungen im Rahmen kollektiven Austauschs ihrer Probleme und gemeinsamer Organisierung zu artikulieren beginnen. Diese Verk\u00fcrzung wird angesichts der geschichtlichen Lage der fr\u00fchen 1970er Jahre verst\u00e4ndlich. Seit der B\u00fcrgerrechtsbewegung war die Lage der rassistisch Unterdr\u00fcckten in den USA von einem politischen Erwachen, dem Anwachsen einer Massenbewegung und deren Radikalisierung bis hin zur Black Panther Party gepr\u00e4gt. International bildeten nationale und antikoloniale Befreiungsk\u00e4mpfe bis hin zum Sieg Vietnams gegen die USA einen historischen Hintergrund, der nicht nur Anlass zu revolution\u00e4rem Optimismus gab, sondern auch die Vorstellung n\u00e4hrte, dass die Unterdr\u00fcckten \u2013 und hier zuerst die am meisten Unterdr\u00fcckten \u2013 spontan zu revolution\u00e4rem Bewusstsein gelangen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Zugleich steht das Combahee River Collective ironischerweise auch f\u00fcr eine Kritik an der Identit\u00e4tspolitik, die die Frauenbewegung pr\u00e4gte (insbesondere den radikalen Feminismus). Das Statement von 1977 weist mit scharfer Kritik auf die widerspr\u00fcchliche Lage in den Bewegungen der Unterdr\u00fcckten selbst hin, darauf, dass in der von wei\u00dfen Mittelschichtfrauen dominierten feministischen Bewegung Rassismus reproduziert wird, die antikolonialen und antirassistischen Bewegungen vor allem von M\u00e4nnern (und oft von solchen aus der Intelligenz) dominiert wurden, in der ArbeiterInnenklasse wei\u00dfe, \u00e4ltere M\u00e4nner Politik und Ausrichtung bestimmten.<\/p>\n<p>Das Statement stellte damit auch eine Reaktion auf die Reproduktion sozialer Unterdr\u00fcckung in der ArbeiterInnenklasse und unter den Unterdr\u00fcckten wie auf die Blindheit linker Kr\u00e4fte gegen\u00fcber dieser Tatsache dar. Auch wenn in der b\u00fcrokratisch dominierten ArbeiterInnenbewegung und in nationalen Befreiungsbewegungen \u00e4hnliche Mechanismen wie in der radikalen sowie in der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung seit Ende der 1960er Jahre wirken, so wurde der Begriff der Identit\u00e4tspolitik lange Zeit vor allem auf Letztere angewandt.<\/p>\n<p>Ein bedeutender Unterschied zu sp\u00e4teren Kritiken z. B. des Queerfeminismus besteht darin, dass diese radikale Str\u00f6mung des Feminismus oder Antirassismus die Bildung einer kollektiven Identit\u00e4t bzw. einer Massenbewegung zur Beseitigung der strukturellen Ursachen der Unterdr\u00fcckung zum Ziel hatte.<\/p>\n<p><strong>Ausweitung der \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Ausweitung der Identit\u00e4tspolitik in der Frauenbewegung und im Feminismus ging, wie auch in Bewegungen gegen rassistische Unterdr\u00fcckung, zugleich oft (und wohl auch entgegen den Intentionen mancher ihrer Sch\u00f6pferInnen) damit einher, dass die \u201egemeinsame Identit\u00e4t\u201c als klassen\u00fcbergreifende vorgestellt wurde. Der radikal antikapitalistische und antiimperialistische Anspruch geht in den 1970er und 1980er Jahren mit der Verbreitung der Identit\u00e4tspolitik rasch verloren, sofern er \u00fcberhaupt je existierte. Verst\u00e4rkt wird er durch die Niederlagen der ArbeiterInnenklasse im Zuge der neoliberalen Offensive und der Restauration des Kapitalismus, die gerade f\u00fcr die Intelligenz als \u201eEnde des Marxismus\u201c erscheint. F\u00fcr die Identit\u00e4tspolitik existiert faktisch die Einheit \u201eder Frauen\u201c oder \u201eder Schwarzen\u201c als klassen\u00fcbergreifende gegen\u00fcber \u201eden M\u00e4nnern\u201c oder \u201eden Wei\u00dfen\u201c, unabh\u00e4ngig von ihrer Klassenzugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Dies unterstellt eine gemeinsame Erfahrung \u201ealler\u201c Frauen (oder \u201ealler\u201c Unterdr\u00fcckten). Wir wollen hier keineswegs bestreiten, dass es tats\u00e4chlich gemeinsame Unterdr\u00fcckungserfahrungen gibt, die die Angeh\u00f6rigen aller Klassen betreffen. Zugleich finden wir aber auch erhebliche Unterschiede. Entscheidend ist jedoch, dass auf Basis der Identit\u00e4tspolitik die grundlegenden Gegens\u00e4tze zwischen Frauen aus der herrschenden Klasse und der ArbeiterInnenklasse ebenso wie die Sonderinteressen der Frauen aus dem Kleinb\u00fcrgerInnentum und den lohnabh\u00e4ngigen Mittelschichten hintangestellt werden. Es ist auch kein Zufall, dass die VertreterInnen von Identit\u00e4tspolitik oft aus letzteren Klassen bzw. Schichten stammen. Deren Lage zwischen den Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft bildet einen sozialen N\u00e4hrboden f\u00fcr die Ausbreitung von Ideologien, deren Gehalt in der Verwischung der Klassengegens\u00e4tze besteht.<\/p>\n<p>Dabei treten die inneren Gegens\u00e4tze im realen Leben und gerade auch in Massenbewegungen mit Macht hervor. So im \u201eWomen\u2019s March\u201c gegen Trump 2017. Tamika Mallory, eine linke Aktivistin und Vertreterin von Black Lives Matter, wurde des \u201eAntisemitismus\u201c beschuldigt, weil sie sich mit dem pal\u00e4stinensischen Widerstand solidarisierte und an einer Veranstaltung der Nation of Islam teilnahm. Trotz klarer Beweise daf\u00fcr, dass sie gegen Antisemitismus in der Black Community auftrat, verstummten die Anschuldigungen nicht und es folgte schlie\u00dflich eine Spaltung der Koordinierung.<\/p>\n<p>In ihrer Verteidigung machte Mallory auf einen Punkt aufmerksam, der die Doppelstandards ihre KritikerInnen verdeutlichte. W\u00e4hrend sie sich st\u00e4ndig f\u00fcr einen Auftritt bei der Nation of Islam rechtfertigen m\u00fcsse, wurde z.\u00a0B. die Republikanerin Meghan McCain nie gefragt, ob sie sich von der Politik ihrer Partei oder frauenfeindlichen \u00c4u\u00dferungen ihres Vaters distanziere. Im Gegenteil: Sie wurde willkommen gehei\u00dfen, weil sie als prominente Republikanerin die Bewegung verbreiten, Mallory mit ihrem Antizionismus und Antikolonialismus hingegen \u201edie Frauen spalten\u201c w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Hinter dieser Konzeption wird deutlich, dass \u201eidentit\u00e4tspolitische\u201c Einheit, die Einheit \u201ealler\u201c Frauen unabh\u00e4ngig von Klassenzugeh\u00f6rigkeit und Unterdr\u00fcckung nur ein ideologischer Deckmantel f\u00fcr die Durchsetzung besonderer, in der Regel b\u00fcrgerlicher oder kleinb\u00fcrgerlicher Klasseninteressen darstellt.<\/p>\n<p>Dieses Beispiel verweist auch schon darauf, dass die Identit\u00e4tspolitik in den letzten Jahrzehnten eine weit \u00fcber die urspr\u00fcngliche Frauenbewegung hinausgehende Bedeutung erfahren hat und Eingang in die b\u00fcrgerliche \u00d6ffentlichkeit fand.<\/p>\n<p>Eine \u201e(neo)liberale\u201c Identit\u00e4tspolitik, die vor allem die besonderen Interessen der Frauen aus den Mittelschichten, dem Kleinb\u00fcrgerInnentum und z.\u00a0T. auch aus der ArbeiterInnenaristokratie artikulierte, wurde von b\u00fcrgerlichen und reformistischen Parteien aufgegriffen, um diese Frauen oder in analoger Weise auch andere Unterdr\u00fcckte als W\u00e4hlerInnen zu gewinnen.<\/p>\n<p>Linke Feministinnen wie Nancy Fraser oder im Manifest \u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c unterzogen diesen \u201eliberalen Feminismus\u201c einer scharfen Kritik, der faktisch eine Allianz mit Vertreterinnen des \u201eaufgekl\u00e4rten\u201c Kapitalismus auf dem R\u00fccken der proletarischen \u201ewei\u00dfen\u201c M\u00e4nner, aber auch aller anderen subalternen Schichten und Klassen geschlossen habe. Damit h\u00e4tte er Trump und dem Rechtspopulismus erleichtert, sich als Vertretung der \u201earbeitenden Klasse\u201c, der \u201ehart arbeitenden AmerikanerInnen\u201c auszugeben.<\/p>\n<p>Dieser durchaus berechtigte Vorwurf greift aber zu kurz. W\u00e4hrend Fraser die Folgen und die politische Kapitulation eines liberalen Feminismus entlarvt, greift sie nicht die jeder Identit\u00e4tspolitik zugrundeliegende Vorstellung an, dass die eigene Erfahrung direkt zu fortschrittlichem, befreiendem und gesellschaftsver\u00e4nderndem Bewusstsein f\u00fchren w\u00fcrde. Im Gegenteil, das Manifest \u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c durchziehen selbst identit\u00e4tspolitische Vorstellungen, namentlich wenn die Bildung eines gesellschaftsver\u00e4ndernden \u201erevolution\u00e4ren\u201c Subjekts selbst als Allianz verschiedener Klassenfraktionen der Subalternen und der Unterdr\u00fcckten, also als Addition kollektiver Identit\u00e4ten, verstanden wird (eine ausf\u00fchrliche Kritik findet sich in Urte March,\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/03\/04\/feminismus-fuer-die-99-prozent\/\">Feminismus f\u00fcr die 99 Prozent \u2013 eine Kritik<\/a>, in: Fight 8, M\u00e4rz 2020).<\/p>\n<p><strong>Ver\u00e4nderung der Klassenbasis<\/strong><\/p>\n<p>Die Erweiterung des Begriffs gegen\u00fcber den 1970er Jahren reflektiert eine Ver\u00e4nderung der Klassenbasis von Identit\u00e4tspolitik. Urspr\u00fcnglich stellte sie eine kleinb\u00fcrgerliche Ideologie dar, die aus Bewegungen von Unterdr\u00fcckten hervorging und eine, aus der gemeinsamen Erfahrung gewonnene Einheit im Kampf begr\u00fcnden sollte \u2013 auch in Abgrenzung zu anderen Unterdr\u00fcckten oder Ausgebeuteten, die eine vergleichsweise privilegierte Stellung in der Gesellschaft innehatten.<\/p>\n<p>Die fr\u00fchen, identit\u00e4tspolitisch gepr\u00e4gten Gruppierungen, B\u00fcndnisse und Bewegungen gingen oft mit einer ideologischen Tendenz zur \u201eEssentialisierung\u201c des Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisses einher. Diese dr\u00e4ngt sich geradezu auf, wenn die Identit\u00e4t der Unterdr\u00fcckten direkt der gemeinsamen Erfahrung entspringen soll. Diese scheint dann nicht in einem historisch konstituierten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnis zu stehen, sondern als \u201eEigenschaft\u201c einer bestimmten Gruppe von Menschen, die im Extremfall biologisch, nat\u00fcrlich oder durch gemeinsame Kultur, Lage usw. spontan produziert wird.<\/p>\n<p>Daher k\u00f6nnen Frauen z.\u00a0B. als das \u201efriedliche\u201c Geschlecht erscheinen, das von Haus aus \u201everst\u00e4ndigungsorientierter\u201c sei. Die Tendenz zur Naturalisierung liegt der Identit\u00e4tspolitik zugrunde, weil ihr die Identit\u00e4t (bzw. das b\u00fcrgerliche Individuum) selbst als etwas \u201eNat\u00fcrliches\u201c erscheint, als Grundkonstante, als ein vorgefundenes Wesen des\/der Unterdr\u00fcckten.<\/p>\n<p>Dies trifft auch auf radikalere Teile der Frauenbewegung zu, die ihre Politik oft genug mit einer \u201eEssentialisierung\u201c der gemeinsamen Erfahrung begr\u00fcnden. So lassen sich auch die heftigen Konflikte jener Teile des Feminismus, die ein essentialistisches Verst\u00e4ndnis des nat\u00fcrlichen Geschlechts und der Geschlechteridentit\u00e4t (\u201eFrauen sind Frauen\u201c) vertreten, mit Trans-AktivistInnen verstehen. Auf der Basis von Identit\u00e4tspolitik sind diese Gegens\u00e4tze letztlich nicht aufl\u00f6sbar.<\/p>\n<p>Solange der\/die Tr\u00e4gerIn der Identit\u00e4t nicht als Ensemble gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse, sondern als vereinzeltes b\u00fcrgerliches Individuum oder als Gruppe von Individuen verstanden wird, die gemeinsame Eigenschaften und Erfahrungen teilen, erscheint Identit\u00e4t als ein unhinterfragbares Absolutes. Wer nichts besitzt, besitzt immerhin, so scheint es, seine eigene Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wohnt der Suche nach ihr und dem Austausch gemeinsamer Erfahrungen auch ein wichtiges emanzipatorisches Moment inne, ohne das es keine fortschrittliche oder revolution\u00e4re politische Bewegung geben kann. Aber zugleich m\u00fcssen die Grenzen dieser Suche verstanden werden.<\/p>\n<p>Wird die Identit\u00e4t als Ort privilegierter Erfahrung und Wahrheit gesetzt, so ergibt sich f\u00fcr jede darauf begr\u00fcndete Politik eine Tendenz zur Verabsolutierung der jeweils individuellen oder Gruppenerfahrung \u201eder\u201c Frauen, \u201eder\u201c Schwarzen, aber auch \u201eder\u201c FabrikarbeiterInnen usw. usf.<\/p>\n<p>Wird die eigene oder kollektive Erfahrung zum entscheidenden Kriterium f\u00fcr Wahrheit und Richtigkeit von Politik, so l\u00e4sst sich \u00fcber diesen Wahrheitsanspruch und die daraus abgeleitete Politik letztlich nicht vern\u00fcnftig streiten. Verschiedene Anspr\u00fcche stehen einander mit gleichem Recht auf Authentizit\u00e4t entgegen. Jedes Infragestellen des unbedingten Anspruchs auf die Richtigkeit der eigenen Erfahrung und Wahrnehmung erscheint notwendigerweise als eine Relativierung der sich erhebenden Identit\u00e4t der\/des Betroffenen.<\/p>\n<p>Die Verabsolutierung der eigenen Erfahrung tritt uns in verschiedenen Formen entgegen, z.\u00a0B. im Konzept von Definitionsmacht, dem zufolge allein die Beschuldigung von T\u00e4terInnen durch Opfer physischer oder verbaler \u00dcbergriffe auf Unterdr\u00fcckte definiert, ob eine solche Tat auch vorlag \u2013 im Grunde ein R\u00fcckfall hinter das b\u00fcrgerliche Recht, weil Beschuldigten oder T\u00e4terInnen jedes Recht auf Verteidigung genommen wird. Die rechtliche oder gesamtgesellschaftliche Problematik ist offenkundig. Sie zeigt sich au\u00dferdem auch schlagend, sobald verschiedene Unterdr\u00fcckte auf ihre jeweilige Definitionsmacht absolut pochen, wenn also z.\u00a0B. ein rassistisch unterdr\u00fcckter Mann einer wei\u00dfen Frau Rassismus vorwirft, diese wiederum dem Mann Sexismus.<\/p>\n<p>Noch weitaus problematischer wird es, wenn die eigene Unterdr\u00fcckungserfahrung zum entscheidenden Wahrheitskriterium f\u00fcr die Richtigkeit von Politik gemacht wird. \u00dcber die Politik einer nationalen Befreiungsbewegung k\u00f6nnten demzufolge Menschen aus den Metropolen, die keine Angeh\u00f6rigen der unterdr\u00fcckten Nation sind, nicht \u201evon au\u00dfen\u201c urteilen. Dies k\u00e4me einer typisch westlichen, kolonialistischen Arroganz gleich. Lassen wir einmal beiseite, dass auch die Solidarisierung mit einer Befreiungsbewegung (oder erst recht mit einer bestimmten politischen Str\u00f6mung) ein Urteil \u201evon au\u00dfen\u201c impliziert, so l\u00e4uft diese identit\u00e4tspolitische Vorstellung regelm\u00e4\u00dfig auf eine Immunisierung vor Kritik hinaus. Und diese beg\u00fcnstigt unwillk\u00fcrlich die dominierenden b\u00fcrgerlichen Klassenkr\u00e4fte innerhalb dieser Bewegungen.<\/p>\n<p>In extremer Form schl\u00e4gt die Identit\u00e4tspolitik in einen Relativismus um, der den Kampf gegen reaktion\u00e4re Ideologien und Organisationen unter den Unterdr\u00fcckten ablehnt oder deren repressiven Charakter verharmlost. Vom Standpunkt revolution\u00e4rer Klassenpolitik aus bedeutet eine Akzeptanz der Identit\u00e4tspolitik in der Frauenbewegung eine Anpassung an kleinb\u00fcrgerliche und b\u00fcrgerliche, zumeist feministische Ideologien, bei nationalen Befreiungsbewegungen an verschiedene Spielarten des Nationalismus. Kurzum, der mit der Identit\u00e4tspolitik einhergehende Relativismus f\u00fchrt unwillk\u00fcrlich zur politischen Unterordnung des Proletariats unter kleinb\u00fcrgerliche, b\u00fcrgerliche, im Extremfall sogar direkt reaktion\u00e4re Klassenkr\u00e4fte.<\/p>\n<p><strong>Linke L\u00f6sungsversuche<\/strong><\/p>\n<p>Diese Problemstellungen greifen linke VerteidigerInnen der Identit\u00e4tspolitik wie Lea Susemichel\/Jens Kastner in ihrem Buch \u201eIdentit\u00e4tspolitiken\u201c auf und versuchen, eine \u201erelativierte\u201c Identit\u00e4tspolitik zu begr\u00fcnden, die diesen Fehler vermeiden soll.<\/p>\n<p>Einerseits nehmen sie eine Erweiterung des Begriffs vor, indem sie faktisch jede Massenpolitik, jede Bewegung als eine Form von Identit\u00e4tspolitik interpretieren, weil diese immer auf ein kollektives Wir verweisen m\u00fcsse, auf eine gemeinsame Lage, Erfahrung und GegnerInnen, um eine gemeinsame politische oder gesellschaftliche Kraft zu konstituieren.<\/p>\n<p>So erscheint f\u00fcr Susemichel\/Kastner die ArbeiterInnenbewegung als eine neue, organisierte Massenbewegung, als erste, globale Form der Identit\u00e4tspolitik. Neben dieser fortschrittlichen Urform (Identifikation mit der Klasse statt mit der Nation) steht f\u00fcr sie am anderen Pol eine rechte Identit\u00e4tspolitik wie z.\u00a0B. der Populismus eines Trump.<\/p>\n<p>Wenn alles Identit\u00e4tspolitik ist, diese also als Bedingung des Politischen erscheint, wird der Begriff freilich inflation\u00e4r und nichtssagend. Wohl m\u00fcssen wir uns fragen, warum so diese verschiedenen politische Bewegungen und Ideologien \u00fcberhaupt als \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c erscheinen k\u00f6nnen. Der Grund daf\u00fcr liegt nicht einfach darin, dass Bewegungen auch auf gemeinsame Erfahrungen rekurrieren sowie auf ein gemeinsames Wir oder eine\/n gemeinsamen (Klassen-)GegnerIn.<\/p>\n<p>Der Punkt f\u00fcr die \u00dcberlappung von rechter und linker Identit\u00e4tspolitik liegt vielmehr im Versuch, die Politik einer Bewegung, ihr Programm, ihre Forderungen usw. aus dieser scheinbar unmittelbar vorgefundenen Identit\u00e4t herzuleiten. Er rekurriert dabei auf eine wirkliche oder angebliche gemeinsame Erfahrung aller Frauen, Wei\u00dfen, Unterdr\u00fcckten, die zu einer \u201enat\u00fcrlichen\u201c Gemeinsamkeit verkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Auch wenn alle diese Bewegungen Momente von Identit\u00e4tspolitik enthalten, so wirft die Charakterisierung politischer Str\u00f6mungen unter diesem Label eigentlich mehr Probleme auf, als sie l\u00f6st. Wenn Bewegungen und politische Kr\u00e4fte, die sich auf unterschiedliche Klassen (oder Teile von Klassen) st\u00fctzen, zusammengeworfen werden, wird der Begriff entweder nichtssagend oder er verwischt die eigentlich grundlegenden Unterschiede zwischen diesen Bewegungen, vor allem ihren Bezug auf die verschiedenen Klassen der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die Frage m\u00fcsste also vielmehr lauten, warum Nationalismus, Populismus, Feminismus, \u00d6konomismus so leicht mit identit\u00e4tspolitischen Vorstellungen verkn\u00fcpft werden k\u00f6nnen. Der Grund liegt darin, dass diese Ideologien allesamt mit dem Rekurs auf eine angebliche gemeinsame Identit\u00e4t oder Erfahrung die ArbeiterInnenklasse sowie gesellschaftlich Unterdr\u00fcckte b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften unterordnen. Dies verdeutlicht einmal mehr den grunds\u00e4tzlich reaktion\u00e4ren Charakter der Identit\u00e4tspolitik.<\/p>\n<p><strong>Vorl\u00e4ufer und historische Bezugspunkte linker Identit\u00e4tspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Die VertreterInnen einer \u201elinken\u201c Identit\u00e4tspolitik versuchen, die Probleme, die mit deren \u201eEssentialisierung\u201c einhergehen, durch die Begr\u00fcndung einer nicht-essentialistischen Identit\u00e4tspolitik zu l\u00f6sen. Ihre Bem\u00fchungen kn\u00fcpfen dabei an historische Vorbilder wie Simone de Beauvoir oder an Frantz Fanon an, die wir im Folgenden untersuchen werden, um zu verdeutlichen, dass auch diese Spielart der Identit\u00e4tspolitik ihren inneren Problemen nicht entkommen kann.<\/p>\n<p><strong>De Beauvoir<\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Werk \u201eDas andere Geschlecht\u201c kommt de Beauvoir das Verdient zu, radikal \u201edas Frausein\u201c in Frage zu stellen. \u201eMan kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es\u201c, fasst sie zusammen. Damit verweist sie \u2013 \u00e4hnlich wie die marxistisch-materialistische Erkl\u00e4rung der Frauenunterdr\u00fcckung \u2013 darauf, dass Geschlechterrollen, das \u201eFrausein\u201c, weibliche Sexualit\u00e4t (bzw. deren Verleugnung) keine \u201enat\u00fcrlichen\u201c, angeborenen Eigenschaften \u201eder Frau\u201c, sondern gesellschaftliche Ph\u00e4nomene darstellen.<\/p>\n<p>Auch wenn de Beauvoir nicht die Erste war, die auf die gesellschaftliche Konstitution der Geschlechterrollen und Identit\u00e4ten hingewiesen hat, so liegt die Bedeutung ihres Buchs darin, diese markant und f\u00fcr Millionen Frauen hervorgehoben zu haben.<\/p>\n<p>Aber aufgrund ihrer philosophischen Grundlage, des Existenzialismus, kann sie das Wesen \u201edes Menschen\u201c nur individualistisch und abstrakt fassen. F\u00fcr sie geht (wie f\u00fcr Sartre und andere) die Existenz \u201edes Menschen\u201c seinem gesellschaftlichen Wesen voraus; d.\u00a0h. das Individuum wird ontologisch als Mensch verstanden, der in die Welt geworfen, zum Individuum gemacht wird, indem er gezwungen ist, sich zu entscheiden. Der Mensch ist, wof\u00fcr, wozu er sich entscheidet. Bei de Beauvoir ist dies eng mit dem Streben nach Freiheit verbunden.<\/p>\n<p>Damit greift sie zwar ein reales Moment menschlichen und insbesondere politischen Handelns auf, das notwendig Entscheidungssituationen hervorbringt. Aber sie abstrahiert von der historischen Bestimmtheit dieses Entscheidens und des Strebens nach Freiheit. \u201eEntscheidung\u201c und \u201eFreiheit\u201c werden nicht mehr als historisch konstituierte und wandelbare Gr\u00f6\u00dfe begriffen, sondern als Grundeigenschaften \u201edes Menschen\u201c.<\/p>\n<p>In de Beauvoirs Arbeiten werden zwar immer wieder die Grenzen dieser abstrakten Bestimmungen des f\u00fcr sich existierenden Individuums deutlich. Aber ihr philosophischer Ausgangspunkt l\u00e4sst in sie gesellschaftliche und historische Faktoren nur im Nachhinein einflie\u00dfen. Diese relativieren zwar die grundlegenden Fehler des Existenzialismus, aber ohne dessen eigentliche Grundlagen zu \u00fcberwinden, n\u00e4mlich \u201eFreiheit\u201c oder \u201eEntscheidung\u201c nicht als historische, sich entwickelnde Ph\u00e4nomene zu begreifen, die mit der Entwicklung der Gesellschaftsformationen und der Produktivkr\u00e4fte selbst erst entstehen und einem Ver\u00e4nderungsprozess unterzogen sind.<\/p>\n<p>Diese Probleme tauchen in jeder \u201enicht-essentialistischen\u201c Identit\u00e4tspolitik auf wie auch im Queer- und Differenzfeminismus. Um den Fallstricken des \u201eEssentialismus\u201c zu entgehen, nehmen Letztere zum subjektiven Idealismus Zuflucht. Frau, Geschlecht, Identit\u00e4t erscheinen als rein diskursive Konstruktionen, in denen \u201edie Frau\u201c oder \u201edas Geschlecht\u201c \u201egemacht\u201c wird. Der Preis f\u00fcr diese \u201eL\u00f6sung\u201c besteht freilich darin, dass jede kollektive Identit\u00e4t per se suspekt und tendenziell repressiv wird. Differenz- oder Queerfeminismus f\u00fchren daher politisch logisch zu einer rein idealistischen, individualistischen Politik \u2013 Identit\u00e4t selbst ist eine Konstruktion. Oder anders formuliert: Auf Grundlage einer Dekonstruktion eines scheinbar nat\u00fcrlichen Wesens kann nur eine rein individuell, negativ bestimmte Identit\u00e4t von Unterdr\u00fcckten hergeleitet werden. Befreiung wird damit ihrer kollektiven Aspekte entkleidet und wesentlich auf Selbstbestimmung, Selbsterm\u00e4chtigung des Individuums und auf Verschiebung von Diskursen, also Sprachpolitik konzentriert. Der Queer- und Differenzfeminismus mit seinem Fokus auf das Individuum stellt dabei nicht nur eine reaktion\u00e4re, idealistische Konzeption dar. Diese Ideologie entspricht zugleich der Klassenlage der Mehrzahl ihrer VertreterInnen unter den lohnabh\u00e4ngigen Mittelschichten (v.\u00a0a. den akademisch ausgebildeten).<\/p>\n<p><strong>Grenzen<\/strong><\/p>\n<p>Die \u201enicht-essentielle\u201c Identit\u00e4tspolitik hingegen will nicht nur dem Problem des \u201eEssentialismus\u201c, sondern auch des b\u00fcrgerlichen Individualismus entgehen. Sie greift daher \u2013 wie der \u201eEssentialismus\u201c \u2013 auf eine gemeinsame Erfahrung als Grundlage f\u00fcr gemeinsame Politik zur\u00fcck. Dessen Fehler und Tendenzen zur Verabsolutierung sollen aber durch Reflexion auf ihre m\u00f6glichen, andere Unterdr\u00fcckte \u201eausschlie\u00dfenden\u201c Momente der eigenen Identit\u00e4t vermieden werden. Dazu wurde eine ganze Reihe von Techniken entwickelt, darunter der Intersektionalismus, eine Art Reparaturbetrieb auf Grundlage der Identit\u00e4tspolitik.<\/p>\n<p>Das Problem, das bei der Begr\u00fcndung einer \u201enicht-essentialistischen\u201c Identit\u00e4tspolitik immer wieder auftaucht, h\u00e4ngt mit Folgendem zusammen. Um die Identit\u00e4t einer Massenbewegung zu begr\u00fcnden, reicht eine rein abstrakte, blo\u00df negative oder rein diskursive Bestimmung der Identit\u00e4t nicht aus. Eine kollektive Identit\u00e4t muss also an der Wirklichkeit ansetzen. Dazu soll die gemeinsame Erfahrung herhalten. Doch die Erfahrung selbst stellt sich in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft als widerspr\u00fcchliche dar. Auch jene der Unterdr\u00fcckung (oder erst recht des \u201eAusgebeutet-Seins\u201c) bringt die realen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse keineswegs unmittelbar zum Ausdruck, sondern auf eine ideologisierte, die realen Verh\u00e4ltnisse teilweise sogar auf den Kopf stellende oder verschleiernde Weise.<\/p>\n<p>Wenn bei Bildung einer kollektiven Identit\u00e4t unmittelbar aus der eigenen Erfahrung ein sich befreiendes Subjekt abgeleitet werden soll, entsteht unwillk\u00fcrlich die Tendenz, dass auf gesellschaftlich vorherrschende Formen des Bewusstseins der Unterdr\u00fcckten zur\u00fcckgegriffen wird. Dass z.\u00a0B. auch der Masse der Frauen die Familie als \u201enat\u00fcrliche\u201c und w\u00fcnschenswerte Form des Zusammenlebens erscheint, entspringt den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen im Kapitalismus selbst (ganz so wie den WarenbesitzerInnen die Warenproduktion als nat\u00fcrlich erscheint).<\/p>\n<p>Wir wollen das an einem Beispiel verdeutlichen. Im Kapitalismus wird der gr\u00f6\u00dfte Teil der Reproduktionsarbeit von Frauen geleistet. Diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung f\u00fchrt dazu, dass sie nicht nur dementsprechende F\u00e4higkeiten und darauf aufbauende Bewusstseinsformen st\u00e4rker ausbilden als M\u00e4nner. Weil diese Arbeitsteilung \u00fcber Generationen, ja in unterschiedlicher Form die gesamte Geschichte der Klassengesellschaften pr\u00e4gt, erscheint es so, dass Frauen nicht nur \u201evon Natur\u201c aus besser f\u00fcr Reproduktions- und Sorgearbeiten geeignet w\u00e4ren, sondern auch mit dieser verbundene Haltungen gegen\u00fcber anderen Menschen \u201enat\u00fcrlich\u201c einn\u00e4hmen. Sie w\u00e4ren sorgender, mitf\u00fchlender, kooperativer, friedfertiger, kompromissbereiter \u2026 Ein auf Identit\u00e4tspolitik basierender Feminismus greift zwar durchaus die in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft vorherrschenden Rollenzuschreibungen und Ungleichheiten der Geschlechter an, er \u00fcbernimmt aber auch bestimmte scheinbar nat\u00fcrliche Charaktereigenschaften \u201eder\u201c Frau. Statt diese als Resultate einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zu begreifen, werden diese auch in der Identit\u00e4tspolitik als nat\u00fcrliche Eigenschaften der Frau reklamiert, allerdings positiv konnotiert. So sollten Frauen mehr bestimmen, weil sie das an sich friedfertigere, solidarischere, sorgendere Geschlecht seien.<\/p>\n<p>Die \u201enicht-essentialistische\u201c Identit\u00e4tspolitik begreift zwar dieses Problem. Sie erkennt, dass die identit\u00e4tspolitischen Bewegungen gesellschaftlich Unterdr\u00fcckter an einen toten Punkt angelangten, wenn verschieden Unterdr\u00fcckte (z.\u00a0B. \u201edie Frauen\u201c, \u201edie rassistisch Unterdr\u00fcckten, \u201edie Jugend\u201c) ihre Unterdr\u00fcckung gegen\u00fcber anderen jeweils absolut setzten. Aber die Begrenzung gegen\u00fcber der Absolutheit durch Vermittlung zwischen den Bewegungen und Reflexion der eigenen \u201eblinden Flecken\u201c greift in Wirklichkeit zu kurz.<\/p>\n<p>Ihr ger\u00e4t n\u00e4mlich der ideologische, widerspr\u00fcchliche, verkehrte Charakter der \u201espontanen\u201c Identit\u00e4t der Unterdr\u00fcckten selbst aus dem Blick. Um die Grenzen der Identit\u00e4tspolitik zu sprengen und zugleich eine Massenbewegung (z.\u00a0B. von proletarischen Frauen oder von rassistisch Unterdr\u00fcckten) aufzubauen, reicht es nicht aus, die ausgrenzenden Tendenzen \u201espontaner\u201c identit\u00e4tspolitischer Bewegungen einzuhegen. Es muss vielmehr die Vorstellung problematisiert werden, dass die eigene Erfahrung von Unterdr\u00fcckung spontan zur richtigen Erkenntnis der Ursachen und Wege zur \u00dcberwindung der Unterdr\u00fcckung f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Frantz Fanon<\/strong><\/p>\n<p>Dies wollen wir auch an einem zweiten Vorbild der \u201enicht-essentialistischen Identit\u00e4tspolitik\u201c verdeutlichen: Franz Fanon. In seiner Schrift \u201eDie Verdammten dieser Erde\u201c \u00fcbt er immer wieder scharfe Kritik an der Anpassung der schwarzen Intelligenz an koloniale Herrschaft und b\u00fcrgerlich-demokratische Ideologien, aber auch an einen schwarzen Nationalismus, der die traditionellen afrikanischen Gesellschaften romantisiert und deren Vergangenheit neu beleben m\u00f6chte. Fanon selbst charakterisiert dies als reaktion\u00e4re und folkloristische Sentimentalit\u00e4t, als Ablenkung vom Kampf um Befreiung.<\/p>\n<p>In diesem Sinn ist Fanon \u201eanti-essentialistisch\u201c. Aber um eine Massenbewegung im antikolonialen Befreiungskampf zu begr\u00fcnden, greift er nicht zum Marxismus und zu Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die allein den Kampf um demokratische Rechte und die sozialistische Revolution theoretisch und programmatisch zu verbinden vermag. Er steht vielmehr in der Tradition des sowjetrussischen Stalinismus und Maoismus und der von ihnen gepr\u00e4gten Etappentheorie, der zufolge die Revolution in den Halbkolonien zuerst zur nationalen Befreiung f\u00fchren muss, bevor die sozialistischen Aufgaben angegangen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er verleiht ihr freilich noch eigene Elemente. Erstens gilt Fanon die st\u00e4dtische ArbeiterInnenklasse in den Kolonien als eine gekaufte, eng mit dem Kolonialismus verbundene Klasse, und sie scheidet somit als revolution\u00e4re Kraft aus, ja mag wie gro\u00dfe Teile der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung als r\u00fcckschrittlich erscheinen. Kein Wunder also, dass er die revolution\u00e4re Kraft eher auf dem Land als in den Zentren sucht und der von dort aus organisierte Befreiungskampf favorisiert wird.<\/p>\n<p>Zweitens trennt er scharf zwischen der \u201enationalen Kultur\u201c, wie sie vorgefunden wird, von der \u201eNation\u201c, wie sie im Befreiungskampf erst begr\u00fcndet wird, am Entstehen ist. Wie ein Ph\u00f6nix aus der Asche erhebt sich ein nationales Bewusstsein, das f\u00fcr ihn auch die h\u00f6chste Form revolution\u00e4ren Bewusstseins darstellt.<\/p>\n<p>\u201eDie internationalen Ereignisse, der um sich greifende Zusammenbruch der Kolonialreiche, die Widerspr\u00fcche innerhalb des kolonialistischen Systems unterhalten und verst\u00e4rken die Kampfbereitschaft, lassen ein nationales Bewusstsein entstehen und geben ihm Kraft.\u201c (Fanon, Die Verdammten dieser Erde, suhrkamp, Frankfurt\/Main 1981, S. 202)<\/p>\n<p>Und weiter: \u201eWenn die Kultur eine \u00c4u\u00dferung des Nationalbewusstseins ist, so z\u00f6gere ich f\u00fcr unseren Fall nicht zu sagen, dass das Nationalbewusstsein die am meisten entwickelte Form der Kultur ist.\u201c (Ebenda, S. 208)<\/p>\n<p>Er versucht, einen \u201erevolution\u00e4ren Nationalismus\u201c zu begr\u00fcnden, der ihm zufolge qualitativ anders als der Nationalismus alter Pr\u00e4gung sei, insofern er eine \u201einternationale Dimension\u201c besitze. Anders als der Marxismus, der auch den Nationalismus der unterdr\u00fcckten Nationen als b\u00fcrgerliche Ideologie betrachtet und kritisiert und daher den Kampf um nationale Befreiung scharf von allen Zugest\u00e4ndnissen an den Nationalismus abgrenzt, imaginiert Fanon einen \u201einternationalen\u201c Befreiungsnationalismus. F\u00fcr diesen will er in der Realit\u00e4t Ankn\u00fcpfungspunkte finden, ihn aus den \u201epositiven\u201c Traditionen des nationalen Kampfes ziehen. Im konkreten Fall des Befreiungskampfs in Algerien waren dies die linke, b\u00fcrgerlich-nationalistische Befreiungsfront FLN und die entstehende panafrikanische Bewegung.<\/p>\n<p>Die Verallgemeinerung einer aus unmittelbaren Erfahrungen gewonnenen \u201eIdentit\u00e4t\u201c, selbst wenn sie sich von Beginn an von problematischen hergebrachten Formen abgrenzt, f\u00fchrt also auch bei Fanon dazu, dass er auf eine reale, vorgefundene, von der Gesellschaft gepr\u00e4gte Identit\u00e4t zur\u00fcckgreifen muss.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bildung eines kollektiven Subjekts reicht auch beim \u201eBefreiungsnationalismus\u201c eine rein negative Bestimmung letztlich nicht aus. Es muss an etwas, das \u201espontan\u201c in den Auseinandersetzungen, Erfahrungen auftritt, angekn\u00fcpft werden, das dann die gemeinsame Identit\u00e4t bildet. Diese kann entweder \u201eessentialistisch\u201c im biologischen Wesen, der Natur des Menschen gefunden oder muss scheinbar spontan auftretenden, in Wirklichkeit jedoch gesellschaftlich vermittelten objektiven Bewusstseinsformen entnommen werden. Im Fall Fanons ist Letzteres der k\u00e4mpfende Nationalismus. Letztlich entrinnt diese \u201enicht-essentialistische\u201c Identit\u00e4tspolitik den Problemen ihres Konterparts nicht, sondern ideologisiert vielmehr das Klasseninteresse der b\u00fcrgerlichen F\u00fchrungen der Befreiungsbewegungen der 1960er Jahre.<\/p>\n<p><strong>\u00d6konomismus<\/strong><\/p>\n<p>Neben AutorInnen wie de Beauvoir oder Fanon pr\u00e4sentieren einige VerteidigerInnen einer linken Identit\u00e4tspolitik auch die ArbeiterInnenbewegung als eine solche. \u201eDenn auch all jene praktischen wie theoretischen Versuche, unter den Lohnabh\u00e4ngigen (und \u00fcber diese hinaus) Klassenbewusstsein zu formieren, sind Formen von Identit\u00e4tspolitik: Schlie\u00dflich ging es nicht zuletzt darum, dass die einzelnen Individuen sich kollektiv \u00fcber die Arbeit und \u00fcber ihre Klassenposition identifizieren.\u201c (Susemichel\/Kastner, Identit\u00e4tspolitiken, UNRAST-Verlag, M\u00fcnster, 2018, S. 13)<\/p>\n<p>Das Problem mit dieser Auffassung besteht aber gerade darin, dass das \u201espontane\u201c, im Rahmen des Lohnabh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisses und der Identifikation mit der Arbeit hervorgebrachte Bewusstsein l\u00e4ngst noch kein Klassenbewusstsein darstellt \u2013 jedenfalls nicht f\u00fcr Marx, Lenin und andere AutorInnen der revolution\u00e4r-marxistischen ArbeiterInnenbewegung. Im Gegenteil: Marx verweist im \u201eKapital\u201c auf die Problematik des spontanen ArbeiterInnenbewusstseins. So zeigt er beispielsweise im Kapitel \u00fcber den Arbeitslohn, dass die Lohnform notwendigerweise bei den KapitalistInnen wie bei den ArbeiterInnen ein verkehrtes Bewusstsein \u00fcber das Klassen- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnis hervorbringt.<\/p>\n<p>In der kapitalistischen Produktionsweise muss der Wert der Ware Arbeitskraft notwendigerweise die Form des Arbeitslohns annehmen. Es erscheint, als w\u00fcrde der\/die KapitalistIn nicht die Arbeitskraft kaufen, sondern die gesamte, vom\/von der Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fcr ihn verrichtete Arbeit bezahlen. Daher verschwinden mit der Lohnform auch Mehrarbeit und -wert und damit die eigentliche kapitalistische Ausbeutung im Bewusstsein von KapitalistInnen und LohnarbeiterInnen. Wie Marx zeigt, stellt dieses Verschwinden des grundlegenden Ausbeutungsverh\u00e4ltnisses im Bewusstsein antagonistischer Klassen ein notwendiges Resultat der kapitalistischen Produktionsweise selbst dar, eine Verkehrung, die mit der Wertform der Waren untrennbar verbunden ist. Es handelt sich bei der Lohnform also um eine objektive Gedankenform, eine Mystifikation wesentlicher Verh\u00e4ltnisse. Die unmittelbare Erfahrung der ArbeiterInnenklasse und der nur-gewerkschaftliche Kampf zwischen Lohnarbeit und Kapital bewegen sich innerhalb dieser Gedankenform, ja best\u00e4rken diese sogar bis zu einem gewissen Grad. Im Alltagsbewusstsein der Arbeitenden dr\u00fcckt sich das z.\u00a0B. darin aus, dass nur schlecht bezahlte, prek\u00e4re Arbeit als \u201eAusbeutung\u201c zu einem Hungerlohn erscheint, w\u00e4hrend ein Lohn, der die Reproduktionskosten deckt oder sogar etwas h\u00f6her als diese bezahlt wird, als \u201egerecht\u201c wahrgenommen wird.<\/p>\n<p>Auch der rein \u00f6konomische Klassenkampf verbleibt, wie Lenin an Marx ankn\u00fcpfend in \u201eWas tun\u201c deutlich macht, noch auf der Ebene des Aushandelns der Verkaufsbedingungen der Ware Arbeitskraft. Diese Auseinandersetzung kann zwar eine Sch\u00e4rfe erreichen, die Lohnabh\u00e4ngige empf\u00e4nglich f\u00fcr revolution\u00e4re Agitation und Propaganda macht, z.\u00a0B. wenn bestimmte K\u00e4mpfe wie Streiks, die vom Staat unterdr\u00fcckt werden, Fragen aufwerfen, die \u00fcber den Bewusstseinshorizont der gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen hinausgehen. Dies \u00e4ndert jedoch nichts daran, dass das politische Klassenbewusstsein nicht spontan in diesen Auseinandersetzungen entsteht. Es kann vielmehr, wie es Lenin ausdr\u00fcckt, \u201edem Arbeiter nur von au\u00dfen gebracht werden, das hei\u00dft aus einem Bereich au\u00dferhalb des \u00f6konomischen Kampfes, au\u00dferhalb der Sph\u00e4re der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern.\u201c (Lenin, Was tun?, LW 5, S. 436)<\/p>\n<p>Wenn die ArbeiterInnenbewegung als identit\u00e4tspolitische, also auf der spontanen, naturw\u00fcchsig entstehenden Identifikation mit der Arbeit, dem ArbeiterInnensein und der Lohnbewegung beruhende begriffen, ja fixiert wird, so wird hier nur der Fehler des \u00d6konomismus wiederholt, den gewerkschaftlichen Konflikt und dessen reformpolitische, gesetzgebende Verl\u00e4ngerung im Ringen gegen \u201esoziale Ungleichheit\u201c zum eigentlichen ArbeiterInnenkampf zu verkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Das Problem besteht aber gerade darin, dass dieses spontane ArbeiterInnen- kein revolution\u00e4res Klassenbewusstsein bilden kann, sondern eine Form b\u00fcrgerlichen Bewusstseins darstellt. Dasselbe trifft auch auf eine solcherart gepr\u00e4gte \u201eArbeiterInnenidentit\u00e4t\u201c zu. Wenn wir beispielsweise die Kultur und Identit\u00e4t betrachten, wie sie z.\u00a0B. der Austromarxismus, der \u201eSozialstaat\u201c, aber auch die vom Stalinismus beherrschten Staaten hervorbrachten, so waren diese wesentlich Formen verb\u00fcrgerlichter \u201eArbeiterInnenkultur\u201c und dementsprechender Identit\u00e4ten. Diese gingen zwar mit der Anerkennung der LohnarbeiterInnen als gesellschaftlicher Kraft einher. Zugleich jedoch wurden mit dieser nicht nur Identifikation mit \u201eder Arbeit\u201c und ein gewisser Stolz vermittelt, sondern auch ein in den gesellschaftlichen Zusammenhang eingegliedertes \u201eArbeiterInnensein\u201c, das dann nicht auf die Aufhebung der ArbeiterInnenklasse (oder gar den revolution\u00e4ren Sturz des Kapitalismus oder der Herrschaft einer Staatsb\u00fcrokratie) abzielte. Im Gegenteil, Sozialdemokratie, Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und Stalinismus dr\u00e4ngten und dr\u00e4ngen danach, eine bestimmte \u201eArbeiterInnenkultur\u201c zu verewigen. Diese geht notwendigerweise mit einer Anpassung an die b\u00fcrgerliche Kultur, eine \u00dcbernahme von reaktion\u00e4ren Elementen einher, so z.\u00a0B. einer Idealisierung der b\u00fcrgerlichen Familie, von reaktion\u00e4ren Geschlechterrollen, aber auch der jeweiligen nationalen Kultur. Wie die Identit\u00e4tspolitik fassen auch Reformismus und \u00d6konomismus die \u201eArbeiterInnenidentit\u00e4t\u201c als etwas Gegebenes, Statisches.<\/p>\n<p>F\u00fcr den revolution\u00e4ren Marxismus hingegen ist revolution\u00e4res, das eigentliche proletarische Klassenbewusstsein grundlegend verschieden von demjenigen, das an der Oberfl\u00e4che der Gesellschaft entsteht. Das spontane Bewusstsein ist ein b\u00fcrgerliches. Dem Marxismus geht es darum, die ArbeiterInnenbewegung in eine Richtung zu lenken, die Verh\u00e4ltnisse erk\u00e4mpfen kann, in denen nicht nur diese Bewusstseinsformen aufgehoben werden k\u00f6nnen, sondern vor allem die Bedingungen, die sie notwendig hervorbringen.<\/p>\n<p>In der Einleitung zur \u201eKritik der Hegelschen Rechtsphilosophie\u201c formuliert Marx die Forderung, \u201ealle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist\u201c (MEW 1, S. 385).<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4re Kraft der ArbeiterInnenklasse besteht nicht darin, die Identit\u00e4t, die der aktuelle Zustand hervorbringt, einfach positiv bejahend aufzunehmen, sondern sich vielmehr als ein im Werden begriffenes Subjekt zu verstehen. Dies erfordert aber, dass die ArbeiterInnenklasse (wie auch sozial Unterdr\u00fcckte) nicht blo\u00df als bestehende Gruppe von Menschen mit \u00e4hnlichen Erfahrungen (oder auch einem\/r gemeinsame GegnerIn) begriffen werden darf, sondern auch von ihrem Ziel, von ihrer Bestimmung als revolution\u00e4rer Kraft verstanden werden muss. Das Wesen der ArbeiterInnenklasse, das sie \u00fcberhaupt erst zu einer revolution\u00e4ren Klasse macht, besteht also nicht darin, wie sie ist, sondern wie sie werden kann und muss, um sich selbst und die gesamte Menschheit von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung zu befreien.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4tspolitik hingegen vertritt einen statischen, aus dem Hier und Jetzt, sei es nun \u201eessentialistisch\u201c oder \u201enicht-essentialistisch gewonnenen Begriff von Identit\u00e4t. Da sie Identit\u00e4t als etwas Gegebenes, Statisches oder Konstruiertes auffasst, verstrickt sie sich in die Dialektik des Wesens und kann zu keiner Aufhebung vorgefundener Identit\u00e4ten kommen. Hier erweist sich das philosophische Verharren auf dem Empirismus, Pragmatismus, Existenzialismus, Postmodernismus oder auch einem mechanischen Materialismus als fatal.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber diesen letztlich antidialektischen Theorien besteht der Fortschritt in der Hegel\u2019schen Bestimmung des Wesensbegriffs gerade darin, dass es selbst als etwas erst im Entstehen Begriffenes, Nicht-Fertiges aufgefasst ist, das gerade und trotz dieser Unbestimmtheit und Offenheit der Entwicklung im Zusammenhang des Ganzen zentral f\u00fcr die Gesamtbewegung ist. Wie es in der Ph\u00e4nomenologie hei\u00dft: \u201eDas Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.\u201c Und weiter: Es ist \u201ewesentlich\u00a0<em>Resultat<\/em>, da\u00df es erst am\u00a0<em>Ende<\/em>\u00a0das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.\u201c (Hegel, Ph\u00e4nomenologie des Geistes, Werke, Bd. 3, S. 24)<\/p>\n<p>Das Subjekt der Befreiung liegt daher in diesem Sinn nicht fertig vor. Seine Wirklichkeit und Erfahrungen sind vielmehr notwendig widerspr\u00fcchlich und erst in Bildung begriffen. Die dekonstruktivistische Kritik am \u201eEssentialismus\u201c beraubt das Subjekt gerade um das, was Voraussetzung seines Werdens als Geschichtssubjekt ist \u2013 seine Kollektivit\u00e4t, seinen Massencharakter \u2013, w\u00e4hrend letztlich jede Form von Identit\u00e4tspolitik verkennt, dass sich das Subjekt \u00fcberhaupt erst herausbilden muss.<\/p>\n<p>Genau diesen Punkt greift der Marxismus auf, wenn er von der Entwicklung der Klasse an sich zu einer f\u00fcr sich spricht. Als eine Klasse f\u00fcr sich bildet sich die ArbeiterInnenklasse jedoch nur als revolution\u00e4re, wenn sie sich als Geschichtssubjekt der Umw\u00e4lzung und Errichtung einer neuen Gesellschaftsordnung konstituiert, also die Bedingungen schafft f\u00fcr das Abstreifen aller reaktion\u00e4ren, r\u00fcckschrittlichen Seins- und Bewusstseinselemente sowie ihrer Aufhebung als Klasse, ihr Aufgehen in einer vom Joch der Klassenherrschaft befreiten Menschheit. Das Ziel der revolution\u00e4ren Bewegung der ArbeiterInnenschaft besteht schlie\u00dflich nicht in der nachrevolution\u00e4ren Verewigung als nun herrschende Klasse, sondern in der \u00dcberwindung der Klassenspaltung selbst und dem Schaffen einer klassenlosen Gesellschaft, in der erst die Menschen endg\u00fcltig das Erbe ihrer Erniedrigung, Versklavung, Vereinseitigung abgeschafft haben werden.<\/p>\n<p><strong>Wurzeln der Identit\u00e4tspolitik unter Unterdr\u00fcckten<\/strong><\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend wollen wir noch einige wesentliche Schlussfolgerungen unserer Betrachtung und Kritik zusammenfassen:<\/p>\n<p>Erstens muss eine marxistische Kritik der linken Identit\u00e4tspolitik verstehen, warum diese ideologisch so pr\u00e4gend werden konnte. Dies liegt zu einem guten Teil auch an den traditionell vorherrschenden Str\u00f6mungen und Ideologien in der ArbeiterInnenklasse. Stalinismus, Sozialdemokratie und Gewerkschaftsb\u00fcrokratie negieren letztlich die subjektiven Erfahrungen der Lohnabh\u00e4ngigen als handelnde Subjekte. Daher machen viele Unterdr\u00fcckte, darunter auch sozial unterdr\u00fcckte Teile der ArbeiterInnenklasse mit den verkrusteten, verb\u00fcrokratisierten und reformistischen F\u00fchrungen die Erfahrung, dass ihre Unterdr\u00fcckung, ihre verst\u00e4rkte Ausbeutung auch von der ArbeiterInnenbewegung nicht ernst genommen wird. Sie werden \u2013 oft nicht viel anders als in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft \u2013 auf einen \u201esp\u00e4teren\u201c Zeitpunkt vertr\u00f6stet, weil jetzt angeblich Wichtigeres auf der Tagesordnung st\u00fcnde. Sie werden paternalistisch-wohlwollend behandelt, als Objekt, um das man sich schon k\u00fcmmern w\u00fcrde. Ihre Subjektivit\u00e4t, zumal eine aktive, rebellische, gilt als suspekt. Die Tatsache, dass die ArbeiterInnenb\u00fcrokratie auch alle anderen Teile der Klasse passiv und unter Kontrolle h\u00e4lt, kann dar\u00fcber nicht hinwegtr\u00f6sten.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Die ArbeiterInnenb\u00fcrokratie st\u00fctzt sich in der Regel auf die relativ privilegierten Lohnabh\u00e4ngigen in den imperialistischen L\u00e4ndern, auf die ArbeiterInnenaristokratie, die ihrerseits oft m\u00e4nnlich, wei\u00df, heterosexuell gepr\u00e4gt ist. Nat\u00fcrlich sind auch deren Bewusstseinsformen oft von reaktion\u00e4ren Ideologien \u2013 Chauvinismus, Sexismus, teilweise sogar Rassismus \u2013 gepr\u00e4gt. Die vorherrschende Politik der Gewerkschaften und reformistischen Parteien, sich auf rein \u00f6konomische K\u00e4mpfe bzw. Wahlk\u00e4mpfe und Sozialreform zu beschr\u00e4nken, bedeutet, dass der gesellschaftlich vorherrschende Bewusstseinszustand der Klasse nicht nur in Kauf genommen wird. Oft st\u00fctzen sich gewerkschaftliche Apparate und reformistische Parteien direkt auf diese Formen. Im schlimmsten Fall verhalten sie sich gegen\u00fcber K\u00e4mpfen der Unterdr\u00fcckten passiv oder vertreten Formen von Chauvinismus, Nationalismus, Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie, wie sie auch im b\u00fcrgerlichen Mainstream vorherrschen.<\/p>\n<p>Daher erfordert eine politische Auseinandersetzung mit Identit\u00e4tspolitik in fortschrittlichen Bewegungen einen unvers\u00f6hnlichen Kampf gegen alle Formen repressiver, unterdr\u00fcckerischer Politik in der ArbeiterInnenbewegung selbst. Nur so werden die besten K\u00e4mpferInnen von den inneren Grenzen und der Notwendigkeit des Bruchs mit der Identit\u00e4tspolitik \u00fcberzeugt werden k\u00f6nnen. Nur so werden sie \u00fcberzeugt werden k\u00f6nnen, dass die marxistische Kritik am b\u00fcrgerlichen Charakter dieser Ideologie nichts mit einer passiven Haltung zu ihrer Unterdr\u00fcckung und ihren pers\u00f6nlichen und kollektiven Erfahrungen zu tun hat.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, Revolution\u00e4rInnen m\u00fcssen daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass diese geh\u00f6rt werden, diese Kraft Eingang in den Kampf findet. Eine Erscheinungsform jeder sozialen Unterdr\u00fcckung wie auch der kapitalistischen Ausbeutung besteht schlie\u00dflich tats\u00e4chlich darin, dass ihre Erfahrungen (und noch vielmehr spontane Formen von Rebellion, Aufbegehren und Widerstand) in dieser Gesellschaft marginalisiert werden.<\/p>\n<p>Der Marxismus erkennt an, dass Subjektwerdung der Klasse auch eine viel breitere, umfassende Artikulation der Erfahrungen mit Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung beinhaltet. Die ArbeiterInnenkorrespondenzen in den Zeitungen der Zweiten und Dritten Internationale verdeutlichten auch, wie wichtig diese f\u00fcr die Formierung einer k\u00e4mpfenden Bewegung und den kollektiven Austausch waren. Die Betonung dieser Erfahrung in der Identit\u00e4tspolitik inkludiert somit ein richtiges Moment, das die ArbeiterInnenbewegung insgesamt \u2013 und zwar nicht nur hinsichtlich der Erfahrung von Lohnabh\u00e4ngigen, sondern aller Unterdr\u00fcckten forcieren muss.<\/p>\n<p>Zweitens muss die ArbeiterInnenbewegung alle fortschrittlichen K\u00e4mpfe von gesellschaftlich Unterdr\u00fcckten, sei es gegen die UnternehmerInnen, den Staat oder die Rechten, sei es gegen imperialistische Ausbeutung und Besatzung, ohne Wenn und Aber unterst\u00fctzen. Dass die Identit\u00e4tspolitik bei vielen Auseinandersetzungen und Bewegungen eine bedeutende, wenn nicht sogar vorherrschende Ideologie spielen mag, \u00e4ndert daran nichts. Es geht schlie\u00dflich nicht darum, eine falsche politische Konzeption zu unterst\u00fctzen, sondern die legitime Gegenwehr. Wenn die ArbeiterInnenbewegung und vor allem deren revolution\u00e4rer Fl\u00fcgel wirklich zeigen will, dass sie jedes Aufbegehren gegen Unterdr\u00fcckung als integralen Bestandteil des Klassenkampfes um eine andere, sozialistische Gesellschaft begreift, so muss sie dies z.\u00a0B. den AktivistInnen der Frauenbewegung, in antirassistischen K\u00e4mpfen, Gefl\u00fcchteten, sexuell Unterdr\u00fcckten auch praktisch zeigen.<\/p>\n<p><strong>Kritik der Identit\u00e4tspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Diese praktische Politik muss aber einhergehen mit eine unvers\u00f6hnlichen Kritik der Identit\u00e4tspolitik selbst. Diese geht letztlich von einem b\u00fcrgerlichen Verst\u00e4ndnis der Subjektbildung aus. Im Grunde betrachtet sie das Individuum oder Identit\u00e4t und damit Bewusstsein nicht als gesellschaftliches, geschichtliches, ver\u00e4nderbares Produkt.<\/p>\n<p>Entweder tut sie das in der kruden Form, dass aus der eigenen Erfahrung\/Empfindung unmittelbar auf die Richtigkeit der gesellschaftlichen Einsch\u00e4tzung R\u00fcckschluss gezogen wird (Teile des Feminismus, Antikolonialismus, \u00d6konomismus) oder diese Politik wird komplexer gedacht und begr\u00fcndet. So wird anerkannt, dass auch das Bewusstsein der Unterdr\u00fcckten \u201eentstellt\u201c, vom Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnis gepr\u00e4gt sein kann. Aber statt den widerspr\u00fcchlichen Charakter der pers\u00f6nlichen und kollektiven Erfahrung selbst zu begreifen, wird auf eine eigentliche, aber dahinter liegende, weniger unmittelbare Erfahrung rekurriert, die gewisserma\u00dfen nur freigelegt werden m\u00fcsse, oder es wird eine gewisse Relativierung wie im Intersektionalismus vorgenommen, wenn verschiedene Erfahrungen gegeneinander abgewogen werden.<\/p>\n<p>Auch wenn die eigene bzw. kollektive Erfahrung f\u00fcr den Kampf gegen Ausbeutung oder Unterdr\u00fcckung einen unerl\u00e4sslichen Ausgangspunkt f\u00fcr Handeln, Rebellion, Infragestellung scheinbarer Selbstverst\u00e4ndlichkeiten darstellt, so kann aus ihr selbst heraus sicher nie die Richtigkeit einer Analyse, eines Verst\u00e4ndnisses des Gesamtzusammenhangs hergeleitet werden.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, im Kapitalismus kann, ja wird bei den Unterdr\u00fcckten notwendig und spontan ein falsches Verst\u00e4ndnis reproduziert werden. Das tut z.\u00a0B. der b\u00fcrgerliche Feminismus, indem er die Frauenunterdr\u00fcckung auf eine Gleichheitsfrage reduziert; das tut der Nationalismus von Befreiungsbewegungen, denn der Nationalismus ist auch dann noch eine b\u00fcrgerliche Ideologie; das tut der \u00d6konomismus, indem er ArbeiterInnenpolitik als Verl\u00e4ngerung des nur-gewerkschaftlichen Klassenkampfes betrachtet.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Marxismus stellt der Mensch hingegen ein \u201eEnsemble gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse\u201c dar. D.\u00a0h. die Individualit\u00e4t, auch die Identit\u00e4t der Einzelnen z.\u00a0B. ist selbst ein historisches Produkt.<\/p>\n<p>Damit ist nicht nur gemeint, dass wir in eine bestimmte Welt mit bestimmten M\u00f6glichkeiten hineingeboren worden sind. Bestimmte Klassengesellschaften bringen auch verschiedene Klassenindividuen hervor und je nach Typus spezifische objektive Gedanken- und Bewusstseinsformen, damit auch bestimmte Formen der Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber die Identit\u00e4t stellt sich im Kapitalismus spezifisch dar. Und zwar selbst in doppelter Weise als b\u00fcrgerliches\u00a0 (WarenbesitzerIn) und Klassenindividuum (Klasse an sich).<\/p>\n<p>Das Bewusstsein, bestimmte Bewusstseinsformen der Individuen sind schon in der Form davon gepr\u00e4gt, dass die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in ihnen verschleiert werden, verkehrt erscheinen oder \u00fcberhaupt ihr Wesen verschwindet \u2013 und zwar mit Notwendigkeit. So z.\u00a0B. in der Lohnform \u2013 und das hat auch Auswirkungen auf die Frage der Hausarbeit, privaten Arbeit, damit auch des Verh\u00e4ltnisses zwischen den Geschlechtern.<\/p>\n<ol>\n<li>h. die Identit\u00e4t der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten ist nicht einfach nur in dem Sinne \u201egeformt\u201c, dass sie z.\u00a0B. herrschaftskonforme Stereotypen nachvollziehen (z.\u00a0B. Gehorsam, moralische Werte, Geschlechternormen), sondern auch in dem, dass ihre spontanen moralischen Ziele (Gleichheit, Gerechtigkeit, \u2026) selbst ideologische Formen darstellen und eine dem System selbst entsprechende, wenn auch widerspr\u00fcchliche Identit\u00e4t gebildet wird. Diese enth\u00e4lt bewusste und unbewusste Komponenten und auch in sich widerspr\u00fcchliche Momente \u2013 nicht zuletzt weil auch die Gesellschaft, deren subjektive Reflexion sie darstellt, widerspr\u00fcchlich ist.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Eine nicht gesellschaftsbezogene Betrachtung f\u00fchrt das dazu, dass die Ungleichheit von Mann und Frau in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung als Effekt biologischer \u201enat\u00fcrlicher\u201c Unterschiede erscheint oder als Auswirkung eines Diskurses, Narrativs betrachtet wird.<\/p>\n<p>Dieser Biologismus sitzt ebenso wie Identit\u00e4tspolitik und Queerfeminismus gesellschaftlichen Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomen auf. Er nimmt die Identit\u00e4t (oder im Fall des Letzteren den Diskurs), also eine bewusstseinsm\u00e4\u00dfige Widerspiegelung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zum Ausgangspunkt, nicht die materiellen, allt\u00e4glichen Grundlagen der Gesellschaft: die herrschenden Produktionsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Wenn aber die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse (Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung) nur vermittelt, ideologisiert im Bewusstsein und in Rollen\u201ezuweisungen\u201c erscheinen k\u00f6nnen, so kann auch nicht aus der eigenen Erfahrung unmittelbar auf die Wurzeln oder die gesellschaftliche Bedeutung der eigenen Unterdr\u00fcckung\/Ausbeutung geschlossen werden.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis von kapitalistischer Ausbeutung zu Frauenunterdr\u00fcckung l\u00e4sst sich aus der unmittelbaren Erfahrung nicht ableiten. So stellt das Kapitalverh\u00e4ltnis (und damit die Ausbeutung der Lohnarbeit) das grundlegende gesellschaftliche dar. Das bedeutet jedoch keineswegs immer, dass die Lebenslage der ArbeiterInnenklasse am schlechtesten w\u00e4re. In etlichen L\u00e4ndern oder ganzen Perioden kann die der Kleinbauern\/-b\u00e4uerinnen und Landlosen deutlich schlechter sein. Nichtsdestotrotz verm\u00f6gen diese keine konsequent revolution\u00e4re Kraft zu konstituieren aufgrund ihrer gesellschaftlichen Lage als, wenn auch in Aufl\u00f6sung begriffener, Teile des Kleinb\u00fcrgerInnentums.<\/p>\n<p>Auch der Unterschied zwischen Ausbeutungs- und Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnis l\u00e4sst sich nicht aus der Erfahrung erkennen und verstehen, l\u00e4sst sich nicht aus der Identit\u00e4t der Ausgebeuteten oder Unterdr\u00fcckten herleiten, weil die Identit\u00e4t selbst objektiv gesellschaftlich gepr\u00e4gt ist, also \u201efunktionale\u201c unterm Kapitalismus spezifische objektive Bewusstseinsformen, Fetischformen (nicht nur im Sinn von falschen Zuschreibungen) hervorbringt.<\/p>\n<p>Identit\u00e4tspolitik geht nicht vom Menschen als \u201eEnsemble gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse\u201c aus, sondern vom Individuum. Die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse werden nicht als konstitutiv eingef\u00fchrt, sondern bei der Analyse erst nachtr\u00e4glich (z.\u00a0B. in Form von Kritik an Privilegien, diskursiven Zuschreibungen usw.) hinzugef\u00fcgt und auch dann in der Regel auf der Ebene von Verteilungsverh\u00e4ltnissen, nicht des ihnen zugrundeliegenden kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisses und eines Verst\u00e4ndnisses der Totalit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Gesellschaftsformation.<\/p>\n<p>Damit werden zwar reale Erscheinungsformen zur Kenntnis genommen und betont, aber auf einer falschen methodischen Grundlage, in der z.\u00a0B. Klassenverh\u00e4ltnisse nur als ein weiteres Attribut von Diskriminierung und (autorit\u00e4rer) Herrschaft erscheinen, nicht als grundlegendes Ausbeutungsverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Daher kann ein Programm auf Basis der Identit\u00e4tspolitik bestenfalls eklektisch sein, nicht revolution\u00e4r.<\/p>\n<p>Daher muss der Marxismus Identit\u00e4tspolitik grunds\u00e4tzlich und in jeder Form ablehnen, insbesondere\u00a0 auch die Vorstellung, Klassenpolitik als eine Form der Identit\u00e4tspolitik zu begreifen. Das w\u00fcrde bedeuten, Marxismus auf \u00d6konomismus zu reduzieren.<\/p>\n<p>Die Ablehnung der Identit\u00e4tspolitik bedeutet dabei nicht, die Wichtigkeit eigener Erfahrung und der Bedeutung kollektiver Identit\u00e4t abzulehnen. Im Gegenteil: Deren Betonung stellt ein wichtiges Element revolution\u00e4rer Politik dar. Aber diese kann nicht spontan zu revolution\u00e4rer Politik f\u00fchren. Revolution\u00e4res Klassenbewusstsein erfordert vielmehr eine Verbindung kollektiver Erfahrung mit dem Marxismus. Dies wiederum bedeutet den Aufbau einer revolution\u00e4ren Partei und Internationale, eines internationalen Kampfverbandes der entschlossensten und bewusstesten Teile der ArbeiterInnenklasse und aller Unterdr\u00fcckten auf der Basis eines Programms, dem eine wissenschaftlich fundierte Verallgemeinerung geschichtlicher Erfahrung zugrunde liegt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/03\/06\/identitaet-als-politisches-programm-marxismus-und-identitaetspolitik\/\"><em>Fight! Revolution\u00e4re Frauenzeitung&#8230;<\/em><\/a><em> vom 13. 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