{"id":942,"date":"2016-01-26T11:42:53","date_gmt":"2016-01-26T09:42:53","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=942"},"modified":"2016-01-26T11:42:53","modified_gmt":"2016-01-26T09:42:53","slug":"fuenf-jahre-aegyptische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=942","title":{"rendered":"F\u00fcnf Jahre \u00e4gyptische Revolution"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Jahre nach dem Ausbruch revolution\u00e4rer Massenk\u00e4mpfe in \u00c4gypten, die den langj\u00e4hrigen Diktator Hosni Mubarak zu Fall brachten, f\u00fcrchtet die konterrevolution\u00e4re Milit\u00e4rjunta von General Abdel Fatah al-Sisi einen erneuten sozialen Aufstand.<!--more--><\/p>\n<p>Im Vorfeld des Jahrestages der \u00e4gyptischen Revolution am 25. Januar versch\u00e4rfte das Regime sein brutales Vorgehen gegen Arbeiter und Jugendliche. Laut Associated Press durchsuchte die Polizei in den letzten Tagen 5.000 Wohnungen in der Innenstadt von Kairo. Diese \u201eVorsichtsma\u00dfnahme\u201c sollte sicherstellen, dass die \u00e4gyptische Bev\u00f6lkerung nicht wieder auf die Stra\u00dfe geht. Im ganzen Land sind hunderttausende von schwer bewaffneten Sicherheitsbeamten, Polizisten und Soldaten im Einsatz.<\/p>\n<p>Die <em>New York Times<\/em> wies in einem seltenen Moment politischer Klarheit auf die sozialen Bedingungen hin, welche die \u00e4gyptischen Arbeiter erneut in den Kampf treiben k\u00f6nnten: \u201eDer Grund f\u00fcr die Panik sind Bef\u00fcrchtungen, dass die Bev\u00f6lkerung angesichts hoher Arbeitslosigkeit, steigender Preise und andauernder bewaffneter Auseinandersetzungen [&#8230;] die Geduld mit der Regierung verlieren k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>Weiter schrieb die <em>Times<\/em>: \u201eDoch diese Faktoren alleine erkl\u00e4ren noch nicht die \u00fcberhitzte Reaktion. Vom Standpunkt der Sicherheitsdienste war bereits das Datum des 25. Januar eine Gefahr, da es an den katastrophalen, wenn auch nur zeitlich begrenzten, Verlust ihrer Kontrolle erinnerte.\u201c<\/p>\n<p>Der in den USA ausgebildete Sisi war bereits unter Mubarak Chef des Milit\u00e4rgeheimdienstes. Seit seiner Macht\u00fcbernahme nach einem blutigen Putsch gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Mohammed Mursi und die Muslimbruderschaft im Juli 2013 regiert er das Land mit eiserner Faust. Am Samstag hielt eine drohende Ansprache an der Kairoer Polizeiakademie. Zum Anlass des \u201enationalen Tags der Polizei\u201c lobte Sisi die Sicherheitskr\u00e4fte, die tausende von Menschen get\u00f6tet und gefoltert haben, und rief alle \u00c4gypter dazu auf, \u201eim Namen der M\u00e4rtyrer und ihres Blutes ihr Land zu unterst\u00fctzen\u201c.<\/p>\n<p>Vergangene Woche war es in Tunesien zu neuen Massenprotesten gekommen. Am Freitag hatte die Regierung einen landesweiten Ausnahmezustand verh\u00e4ngt. Sisi, von den Ereignissen in Tunesien offensichtlich ersch\u00fcttert, richtete an die tunesischen Massen, die den tunesischen Autokraten Zine El Abidine Ben Ali nur wenige Wochen vor Mubaraks Sturz im Februar 2011 entmachtet hatten, die gleiche Drohung wie an die \u00e4gyptische Bev\u00f6lkerung. \u201eIch m\u00f6chte mich nicht in die inneren Angelegenheiten unseres Nachbarstaates Tunesien einmischen, aber ich rufe alle Tunesier dazu auf, ihr Land zu unterst\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<p>Laut der \u00e4gyptischen Tageszeitung <em>Al-Ahram <\/em>warnte der \u00e4gyptische Diktator zudem: \u201eDie wirtschaftliche Lage auf der ganzen Welt verschlechtert sich, und keine Nation kann sich noch mehr Unruhe leisten.\u201c<\/p>\n<p>Al-Sisi und sein blutiges Regime reagieren auf jeden Widerstand mit Terror und versuchen, die Geschichte der \u00e4gyptischen Revolution umzuschreiben. Die staatlichen Medien stellen die Revolution als ausl\u00e4ndische Verschw\u00f6rung dar, die angeblich zum Ziel hatte, die gro\u00dfe \u00e4gyptische Nation zu unterwandern und zu destabilisieren. Doch die Erinnerung an den historischen achtzehnt\u00e4gigen Aufstand vor f\u00fcnf Jahren, der Arbeiter und Jugendliche auf der ganzen Welt inspiriert hat, wird sich nicht so leicht ausl\u00f6schen lassen.<\/p>\n<p>Die \u00e4gyptische Revolution war zweifellos der Beginn einer neuen revolution\u00e4ren Epoche. Sie war der Vorbote wachsender K\u00e4mpfe der internationalen Arbeiterklasse. Ganz unmittelbar inspirierten die monumentalen K\u00e4mpfe in \u00c4gypten Arbeiter und Jugendliche auf der ganzen Welt. In Wisconsin trugen Arbeiter bei Protesten gegen den verhassten Gouverneur Scott \u201eHosni\u201c Walker im Februar 2011 Schilder mit der Parole \u201eWalk Like an Egyptian\u201c.<\/p>\n<p>Am 25. Januar 2011 demonstrierten in Kairo und anderen wichtigen St\u00e4dten wie Suez zum ersten Mal Zehntausende. Trotz der brutalen Unterdr\u00fcckung der von den USA gest\u00fctzten Diktatur versammelten sich am 28. Januar, dem sogenannten \u201eFreitag des Zorns\u201c, noch mehr Menschen und lieferten sich erbitterte K\u00e4mpfe mit Mubaraks ber\u00fcchtigter Bereitschaftspolizei. In den n\u00e4chsten Tagen demonstrierten in ganz \u00c4gypten Millionen von Menschen. Der Kairoer Tahrir-Platz wurde besetzt und entwickelte sich zum Symbol der \u00e4gyptischen Revolution.<\/p>\n<p>Wie immer in einer Revolution, f\u00fchrten die Versuche des bedr\u00e4ngten Regimes, die Proteste einzusch\u00fcchtern, nur zu noch mehr Widerstand. Nach der ber\u00fcchtigten \u201eSchlacht der Kamele\u201c am 2. Februar, bei der Mubaraks Schl\u00e4ger auf Arbeiter und Jugendliche auf dem Tahrir-Platz losgingen, str\u00f6mten noch mehr Menschen auf dem Platz, um gegen den Diktator zu protestieren, w\u00e4hrend die imperialistischen M\u00e4chte bis zuletzt versuchten, ihn zu verteidigen.<\/p>\n<p>So dramatisch die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz auch waren, noch wichtiger war die Intervention der Arbeiterklasse. Sie war es, die Mubarak am 11. Februar den entscheidenden Schlag versetzte. Die Welle von Streiks und Besetzungen in Fabriken in ganz \u00c4gypten fiel nicht vom Himmel. Sie hatten sich lange vorher angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Vor allem nach 2005 schnellte die Zahl der Streiks und Proteste dramatisch nach oben. Was am 25. Januar begann, war in vielerlei Hinsicht der H\u00f6hepunkt einer langen Periode der Wut und des Widerstands, der sich unter \u00e4gyptischen Arbeitern gegen Sozialk\u00fcrzungen, Privatisierungen und Pl\u00fcnderung der Staatskassen durch eine kriminelle und korrupte herrschende Elite angestaut hatte.<\/p>\n<p>Nach Mubaraks Sturz entwickelte sich die Arbeiterklasse weiter zur entscheidenden revolution\u00e4ren Kraft. In den Tagen unmittelbar danach gab es 40 bis 60 Streiks pro Tag, allein im Februar 2011 waren es so viele wie im ganzen Jahr 2010.<\/p>\n<p>In den kommenden Jahren stieg die Anzahl die Streiks trotz der Unterdr\u00fcckungsma\u00dfnahmen des Regimes weiter. Laut einem Bericht des \u00e4gyptischen Zentrums f\u00fcr soziale und wirtschaftliche Rechte (ECESR) fanden im Jahr 2012 3.817 Streiks und soziale Proteste statt und damit mehr als in den zehn Jahren von 2000 bis 2010. Von Januar bis Mai 2013 verzeichnete das \u00e4gyptische Zentrum f\u00fcr internationale Entwicklung sogar 5.544 Streiks und soziale Proteste.<\/p>\n<p>Nachdem Mubarak mit Unterst\u00fctzung der USA 30 Jahre lang als Diktator geherrscht hatte, war dies eine \u00e4u\u00dferst bedeutsame Erhebung der Arbeiterklasse mit immensen internationalen Auswirkungen. Doch das Hauptproblem der \u00e4gyptischen Revolution war das Fehlen einer politischen F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Einen Tag vor Mubaraks Sturz warnte der Vorsitzende der internationalen Redaktion der <em>World Socialist Web Site<\/em>, David North, in einer <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2011\/02\/egak-f11.html\">Perspektive<\/a>: \u201eDie gr\u00f6\u00dfte Gefahr droht den \u00e4gyptischen Arbeitern, wenn sich au\u00dfer den Namen und den Gesichtern des F\u00fchrungspersonals nichts politisch Substantielles \u00e4ndert, nachdem sie gen\u00fcgend gesellschaftliche Kraft entfaltet hat, um einem alternden Diktator die Macht aus den H\u00e4nden zu rei\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn anderen Worten, wenn der kapitalistische Staat intakt bleibt. Wenn die politische Macht und die Kontrolle \u00fcber das Wirtschaftsleben in den H\u00e4nden der vom Milit\u00e4r gest\u00fctzten \u00e4gyptischen Kapitalisten und ihren imperialistischen Herren in Europa und Nordamerika verbleibt. Wenn Demokratieversprechen und soziale Reformen zur\u00fcckgenommen werden und bei erster Gelegenheit ein neues Regime brutaler Unterdr\u00fcckung eingesetzt wird.<\/p>\n<p>\u201eDiese Gefahren sind nicht \u00fcbertrieben. Die gesamte Geschichte des revolution\u00e4ren Kampfes im zwanzigsten Jahrhundert zeigt, dass der Kampf f\u00fcr Demokratie und die Befreiung imperialistisch unterdr\u00fcckter L\u00e4nder nur durch die Macht\u00fcbernahme der Arbeiterklasse auf der Grundlage eines internationalistischen und sozialistischen Programms erfolgen kann, wie Leo Trotzki in seiner Theorie der permanenten Revolution ausgef\u00fchrt hat.\u201c<\/p>\n<p>Die Hauptfrage der \u00e4gyptischen Revolution war es, die politische Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiterklasse von allen b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften herzustellen. Dies beinhaltete den Kampf gegen Illusionen in den angeblich \u201efortschrittlichen\u201c Charakter des Milit\u00e4rs, das von Mubaraks Gener\u00e4len kommandiert wird und ebenso die Ablehnung jeder Anpassung an die b\u00fcrgerliche Muslimbruderschaft oder sogenannte \u201eliberale\u201c b\u00fcrgerliche Bewegungen wie Mohamed El Baradeis Nationale Vereinigung f\u00fcr den Wandel.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht spielten auch einige linke Formationen, wie etwa die Revolution\u00e4ren Sozialisten eine problematische Rolle. Es w\u00fcrde jedoch den Rahmen dieses Kommentars sprengen, alle politischen Man\u00f6ver der Revolution\u00e4ren Sozialisten und \u00e4hnlicher Gruppen im Detail zu analysieren. Sie repr\u00e4sentierten jedoch kaum je die Interessen der \u00e4gyptischen und internationalen Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Anfangs behaupteten die RS, der Oberste Milit\u00e4rrat, eine Milit\u00e4rjunta unter F\u00fchrung von Marschall Tantawi, die Mubaraks Platz eingenommen hatte, w\u00fcrde die sozialen und demokratischen Forderungen der \u00e4gyptischen Arbeiter erf\u00fcllen. Als sich im Laufe des Jahres 2011 der Widerstand der Arbeiterklasse gegen das Milit\u00e4r verst\u00e4rkte, propagierten die RS die Muslimbruderschaft als \u201erechten Fl\u00fcgel der Revolution\u201c. 2012 feierten sie Mursis Wahlsieg als \u201eSieg f\u00fcr die Revolution\u201d.<\/p>\n<p>Als sich im Jahr 2013 der Widerstand der Arbeiterklasse gegen Mursi und die Muslimbruderschaft verst\u00e4rkte, unterst\u00fctzten die RS und andere linke Gruppierungen die auf das Milit\u00e4r orientiere Tamarod-Kampagne als \u201eWeg zur Vervollst\u00e4ndigung der Revolution\u201c. Den Milit\u00e4rputsch vom 3. Juli 2013, der die Grundlage f\u00fcr den konterrevolution\u00e4ren Terror legte, der seither in \u00c4gypten herrscht, priesen sie anfangs als \u201ezweite Revolution\u201c. Nun f\u00fcrchten die RS, dass die Unterdr\u00fcckung der Junta einen neuen revolution\u00e4ren Aufstand der Arbeiter ausl\u00f6sen k\u00f6nnte und sind dabei, ihr B\u00fcndnis mit der Muslimbruderschaft zu erneuern.<\/p>\n<p>Angesichts sich anbahnender neuer revolution\u00e4rer K\u00e4mpfe der Arbeiterklasse in \u00c4gypten und weltweit m\u00fcssen wichtige Lehren gezogen werden. Notwendig ist der Aufbau einer revolution\u00e4ren Partei auf der Grundlage von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Nur auf dieser Grundlage kann die politische Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiterklasse von der Bourgeoisie und ihren kleinb\u00fcrgerlichen Verb\u00fcndeten etabliert und ein internationalistisches sozialistisches Programm formuliert werden.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag basiert auf einem Beitrag von Johannes Stern auf <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/\">www.wsws.org<\/a> vom 26. Januar 2016, der von der Redaktion maulwuerfe.ch erg\u00e4nzt und leicht abge\u00e4ndert wurde.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Jahre nach dem Ausbruch revolution\u00e4rer Massenk\u00e4mpfe in \u00c4gypten, die den langj\u00e4hrigen Diktator Hosni Mubarak zu Fall brachten, f\u00fcrchtet die konterrevolution\u00e4re Milit\u00e4rjunta von General Abdel Fatah al-Sisi einen erneuten sozialen Aufstand.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[9,25,18,4],"class_list":["post-942","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arabische-revolutionen","tag-arbeiterbewegung","tag-imperialismus","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/942","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=942"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":943,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/942\/revisions\/943"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}