{"id":9422,"date":"2021-03-16T10:08:43","date_gmt":"2021-03-16T08:08:43","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9422"},"modified":"2021-03-16T10:08:44","modified_gmt":"2021-03-16T08:08:44","slug":"ernest-mandel-und-der-zusammenbruch-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9422","title":{"rendered":"Ernest Mandel und der Zusammenbruch des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>George Kerevan.<\/em> Es sind 25 Jahre seit dem Tod von Ernest Mandel (1923-1995) vergangen, einem der interessantesten und originellsten Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. \u00d6konomie ist nicht jedermanns Sache. Der schottische<!--more--> Philosoph Thomas Carlyle taufte sie die \u201ed\u00fcstere Wissenschaft\u201c und das war, bevor die Disziplin durch abstruse mathematische Modelle vergiftet wurde. Au\u00dferdem ist die Erfolgsbilanz moderner \u00d6konomen bei der Vorhersage drohender Finanzkatastrophen nicht gerade gut. Was macht Ernest Mandel also erinnerungsw\u00fcrdig?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal hatte Mandel, ein Marxist, eine bessere Erfolgsbilanz bei wirtschaftlichen Vorhersagen als die meisten \u00d6konomen mit Einsichten, die auch heute noch g\u00fcltig sind, wie wir weiter unten sehen werden. Er war auch die Antithese des spie\u00dfigen, b\u00fcrgerlichen Akademikers. Als j\u00fcdischer Widerstandsk\u00e4mpfer gegen die Nazis in seiner belgischen Heimat wurde Ernest verhaftet und konnte dreimal fliehen. In den 50er Jahren hatte er einen wichtigen Einfluss in der belgischen Gewerkschaftsbewegung. In den fr\u00fchen 60er Jahren war Mandel in Kuba und arbeitete mit Che Guevara an der Wirtschaftsplanung. W\u00e4hrend des Aufstandes im Mai \u201968 in Paris stellte er gerne sein eigenes umgest\u00fcrztes Auto als Stra\u00dfenbarrikade zur Verf\u00fcgung, um die CRS-Sturmtruppen abzuwehren. Doch Ernest war auch eine charmante, undogmatische Pers\u00f6nlichkeit wie ich in den 1970er Jahren feststellte, als ich ihn in Edinburgh herumf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Vor allem aber war Mandel ein vielseitiger Intellektueller der Aufkl\u00e4rung. Er dozierte und schrieb \u00fcber politische \u00d6konomie in einer verwirrenden (manchmal vermischten) Vielzahl von Sprachen und war doch immer m\u00fchelos verst\u00e4ndlich und faszinierend. In einem absurd \u00fcberf\u00fcllten Leben ver\u00f6ffentlichte er 30 B\u00fccher und etwa 2000 oft technische Artikel auf Deutsch, niederl\u00e4ndisch, franz\u00f6sisch und englisch. Eines dieser B\u00fccher war eigentlich eine politische Geschichte des Kriminalromans, ein Genre, dem er verfallen war. Die Kollegen der britischen Zeitschrift\u00a0<em>New Left Review<\/em>\u00a0waren entsetzt \u00fcber diesen \u201eLapsus\u201c, aber Ernest l\u00e4chelte nur sein ewiges, schelmisches L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Ernest Mandel war kein heimlicher Akademiker, sondern ein \u00fcberzeugter Antikapitalist. Tats\u00e4chlich wurde sein Weg in die akademische Welt durch die Kleinigkeit verz\u00f6gert, dass ihm die Einreise in verschiedene westliche Demokratien, darunter Frankreich, die Vereinigten Staaten, [Deutschland, d.Red.], Australien und die Schweiz, untersagt wurde zu der einen oder anderen Zeit. Die Weigerung der Nixon-Regierung, Mandel in die USA einreisen zu lassen, um an der Stanford University zu lehren (und mit Kennedys Lieblings\u00f6konomen John Kenneth Galbraith zu debattieren), wurde bis zum Obersten Gerichtshof angefochten.<\/p>\n<p><strong>Sp\u00e4tkapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Mandel hatte die Kardinals\u00fcnde begangen, nicht nur ein Marxist zu sein, sondern einer, der seinen Marxismus intellektuell (und mit gro\u00dfer Wirkung) gegen die bestehende \u00f6konomische Orthodoxie ins Spiel bringen konnte. Ber\u00fchmt ist, dass er den Zusammenbruch des Nachkriegs-Wirtschaftsbooms zu einer Zeit vorhersagte, als konventionelle b\u00fcrgerliche \u00d6konomen davon tr\u00e4umten, dass Wachstum und Vollbesch\u00e4ftigung dank staatlicher Intervention ewig anhalten w\u00fcrden. Mandels Hauptwerk mit dem Titel\u00a0<em>Sp\u00e4tkapitalismus<\/em>\u00a0wurde kurz vor dem Einbruch der globalen Wirtschaftskrise von 1974-75 geschrieben, der ersten weltweiten Rezession seit den 30er Jahren und dem Vorboten des Zeitalters des Neoliberalismus.<\/p>\n<p>Der Sp\u00e4tkapitalismus ist eine 600seitige akribische Analyse der Mechanismen der keynesianischen \u00c4ra von 1940-1975, die kunstvoll vorhersagt, dass staatliche Defizitausgaben und die permanente R\u00fcstungswirtschaft nicht ausreichen, um eine allgemeine globale Krise zu verhindern. Mandel war einer der wenigen Theoretiker, die begriffen, dass keynesianische Defizitausgaben und hohe Wohlfahrtsausgaben hohe Steuern bedeuteten, und dass dies schlie\u00dflich die Profite bis zu dem Punkt dr\u00fccken w\u00fcrde, an dem die Kapitalisten revoltierten. Er sah voraus, dass daraus ein Angriff auf den Wohlfahrtsstaat folgen w\u00fcrde, den es damals in den meisten westlichen Demokratien gab, ein Angriff, der schlie\u00dflich von Reagan und Thatcher eingeleitet wurde.<\/p>\n<p>Man beachte hier, dass Mandel nicht den wirtschaftlichen Zusammenbruch in mechanistischer Art und Weise vorhersagte, wie es der vulg\u00e4re Propagandismus tat, den einige auf der sozialistischen Linken pflegten (einschlie\u00dflich der alten Str\u00f6mung\u00a0<em>Militant<\/em>\u00a0und ihres F\u00fchrers Ted Grant, der Jahr f\u00fcr Jahr den sofortigen Zusammenbruch des Kapitalismus vorhersagte). Vielmehr versuchte Mandel, die Wirkung der zeitgen\u00f6ssischen Wirtschafts- und Klassenkr\u00e4fte in Echtzeit zu erkennen. In einem vorausschauenden Kapitel von\u00a0<em>The Second Slump\u00a0<\/em>(\u201eDer zweite Abschwung\u201c) mit dem Titel\u00a0<em>\u201eIndustrial Contraction, Financial Panic\u201c<\/em>\u00a0(Schrumpfende Industrie, Panik der Finanzwelt) machte Mandel das globale Bankwesen als neue Nahtstelle der Instabilit\u00e4t aus, was Jahrzehnte sp\u00e4ter im Crash von 2008 fatale Folgen haben sollte.<\/p>\n<p>Er stellte fest, dass gro\u00dfe Unternehmen zunehmend in der Lage sind, sich bei den Banken zu verschulden und gleichzeitig ihre Konten zu verschleiern (man denke an Enron, Carillion und Subprime-Hypothekenkreditgeber). Ungl\u00fccklicherweise, so Mandel, \u201esinkt die Kompetenz der Top-Bankangestellten unweigerlich, wenn sich die Nachfrage nach ihnen beschleunigt\u201c, w\u00e4hrend \u201edie Atmosph\u00e4re des versch\u00e4rften Wettbewerbs, die unter den Banken herrscht, diese h\u00e4ufig dazu treibt, gr\u00f6\u00dfere Risiken einzugehen\u2026\u201c. Er stellte auch fest, dass die r\u00fccksichtslose Kreditvergabe sich immer st\u00e4rker auf die Zentralbanken verlagerte, was einen Zyklus von immer gef\u00e4hrlicheren Finanzkrisen in Aussicht stellte. Leider hat er dieses vielversprechende Thema in sp\u00e4teren Jahren nicht weiterentwickelte \u2013 ein Fehler, den die meisten marxistischen \u00d6konomen um das Ende des 20. Jahrhunderts begingen.<\/p>\n<p><strong>Mandels Methode<\/strong><\/p>\n<p>Der Kern von Mandels Methode bestand darin, mit marxistischen \u00f6konomischen Kategorien aktuelle Probleme zu analysieren, an Hand von zeitgen\u00f6ssischen Daten und nicht von Zitaten aus dem Kapital. Das erste Beispiel f\u00fcr diesen Ansatz war Mandels weithin ver\u00f6ffentlichte\u00a0<em>Marxistische Wirtschaftstheorie<\/em>, die er in den 1950er Jahren schrieb, als er Redakteur der belgischen sozialistischen Parteizeitung\u00a0<em>La Gauche<\/em>\u00a0war. Mit diesem Werk betrat er Neuland, indem er die Marxsche \u00d6konomie durch eine kritische Auseinandersetzung mit pro-kapitalistischen \u00d6konomen und Soziologen der Nachkriegszeit rekonstruierte \u2013 eine ideologische Volloffensive gegen die akademische Festung der b\u00fcrgerlichen Theorie. Infolgedessen hatte die\u00a0<em>Marxistische Wirtschaftstheorie<\/em>\u00a0Einfluss weit \u00fcber Mandels winzigen trotzkistischen Kreis hinaus, einschlie\u00dflich radikaler Bewegungen in Nord- wie in S\u00fcdamerika. Die b\u00fcrgerlichen Akademiker waren gezwungen zu reagieren. Robert Heilbroner, ein Doyen der US-amerikanischen Mainstream-\u00d6konomie, unterzog Mandels Buch in der\u00a0<em>New York Review of Books<\/em>\u00a0einer kritischen, aber h\u00f6chst lobenden Pr\u00fcfung und nannte die Ver\u00f6ffentlichung der amerikanischen Ausgabe \u201eein Ereignis von gro\u00dfer Bedeutung\u201c.<\/p>\n<p>Mandels Neuformulierung der marxistischen \u00d6konomie brach mit dem mechanischen Determinismus, der die Interpretation des\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0durch Stalinisten, linke Sozialdemokraten und orthodoxe Trotzkisten gleicherma\u00dfen infiziert hatte. Er kehrte zu Marx\u2018 urspr\u00fcnglicher Einsicht zur\u00fcck, dass das System durch ein Zusammenspiel von realen Kr\u00e4ften bestimmt wird. Diese wirken dialektisch zusammen, das hei\u00dft, die verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen und Tendenzen ver\u00e4ndern sich gegenseitig, wenn sie zusammenwirken. Infolgedessen lehnte Mandel wie Marx monokausale Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die kapitalistische Krisenhaftigkeit und den Zusammenbruch ab. Im Gegensatz zu anderen bekr\u00e4ftigte er Marx\u2018 Schlussfolgerung, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem tats\u00e4chlich chaotisch ist und aufgrund der inneren Widerspr\u00fcche seiner ihm innewohnenden konkurrierenden Kr\u00e4fte existenziell an seine Grenzen kommt.<\/p>\n<p>Kritiker m\u00f6gen einwenden, dass Mandels Methode ein wenig eklektisch ist. Der angels\u00e4chsische Empirismus sehnt sich nach einfachen monokausalen Erkl\u00e4rungen einer Krise. Leider ist die materielle Welt, insbesondere das Dickicht der sozialen Beziehungen, die eine kapitalistische Wirtschaft definieren, immer vielschichtig, facettenreich, mehrfach verflochten und multidirektional. Um dem Meta-Ph\u00e4nomen, das eine Produktionsweise darstellt, einen Sinn zu geben, bedarf es einer konkreten Analyse in Echtzeit. Was Marx lieferte (und Mandel wiederbelebte und modernisierte), ist eine Reihe von begrifflichen Werkzeugen, um die genauen wirtschaftlichen Beziehungen und Kr\u00e4fte zu beschreiben, die in einem spezifisch kapitalistischen System am Werk sind. F\u00fcr Marx und Mandel ist das Zusammenspiel dieser Beziehungen und Kr\u00e4fte niemals zuf\u00e4llig. Vielmehr wird es von identifizierbaren Tendenzen, auch bekannt als \u201e\u00f6konomische Gesetze\u201c, bestimmt.<\/p>\n<p><strong>Lange Wellen<\/strong><\/p>\n<p>Insbesondere aktualisierte und verbesserte Mandel die Idee der \u201elangen Wellen\u201c kapitalistischer Expansion und Kontraktion, die zuerst von dem sowjetischen Statistiker Nikolai Kondratjew (1938 vom NKWD erschossen) vorgetragen wurde. Die kapitalistische Instabilit\u00e4t \u00e4u\u00dfert sich demnach in periodischen Booms und Einbr\u00fcchen. Kondratjew stellte jedoch einen l\u00e4ngeren Zyklus fest: Etwa 25-30 Jahre lang gebe es eine Expansion, in der Investitionen in neue Technologien einen Anstieg der Kapitalakkumulation ausl\u00f6sten. Darauf folge ein Abschwung von ebenfalls 25-30 Jahren, in denen die Gewinne einbrechen und das Wirtschaftswachstum sich verlangsamt. Mandel ging \u00fcber Kondratjews empirische Studien hinaus und arbeitete die Kr\u00e4fte heraus, die solche generationen\u00fcbergreifenden Wirtschaftsimpulse erzeugen. Im Grunde stellt Mandels Faszination f\u00fcr das Ph\u00e4nomen der langen Wellen den Versuch dar, die verl\u00e4ngerte Existenz des Kapitalismus im 20.Jahrhundert zu erkl\u00e4ren \u2013 eine Langlebigkeit, die weit \u00fcber das hinausgeht, was sich die Gr\u00fcnderv\u00e4ter oder die Generation Lenins jemals h\u00e4tten vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mandels Hauptanliegen war die Erkl\u00e4rung des (sogar von pro-kapitalistischen \u00d6konomen) v\u00f6llig unerwarteten Aufschwungs w\u00e4hrend der Periode 1940-1965 (manchmal auch 1945-1970). Offensichtlich gab es in diesen Jahrzehnten einen \u201elangen Boom\u201c, der durch massive neue Investitionen in Autos, langlebige Konsumg\u00fcter, Fernsehen, Freizeit und Reisen, automatisierte Werkzeugmaschinen und Rechner, Flugzeuge, Atomwissenschaft, fr\u00fche Computer, Energie und R\u00fcstungstechnologie gekennzeichnet war. An der Klassenfront erzwang die starke Ausdehnung des organisierten amerikanischen und europ\u00e4ischen Industrieproletariats massive Lohnzugest\u00e4ndnisse, die jedoch aufgrund enormer Produktivit\u00e4ts- und Produktionssteigerungen kurzfristig erschwinglich waren. Den Ausl\u00f6ser dieses Zyklus ortete Mandel in dem \u00fcberh\u00f6hten Anstieg der Ausbeutungsrate (auch bekannt als steigender relativer Mehrwert) der Arbeiterklasse, der durch den Faschismus in Verbindung mit der gro\u00df angelegten physischen Zerst\u00f6rung des bestehenden fixen Kapitals w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs eingeleitet wurde. Mandel charakterisierte diese neue Periode etwas unzureichend als \u201eNeokapitalismus\u201c oder \u201eSp\u00e4tkapitalismus\u201c.<\/p>\n<p>Innerhalb dieses Rahmens erkannte Mandel die wichtige zus\u00e4tzliche Rolle, die der Wettbewerb innerhalb der Triade aus den USA, dem Gemeinsamen Markt (der sp\u00e4teren EU) und Japan spielte. Europa gr\u00fcndete den Gemeinsamen Markt, um sich vor ausl\u00e4ndischer Konkurrenz zu sch\u00fctzen, w\u00e4hrend es zugleich ein massives Investitionsprogramm startete, das die billigen Arbeitskr\u00e4fte der deutschen, franz\u00f6sischen und italienischen Bauern ausnutzte, die durch die Gemeinsame Agrarpolitik vom Land vertrieben wurden. Japan folgte dem gleichen Weg. Das Ergebnis: Zu Beginn der 60er Jahre standen die USA unter starkem Wettbewerbsdruck von seiten Europas und Japans. Die Kennedy-Regierung reagierte mit Steuersenkungen und einer massiven Investitionswelle in neue Technologien, um dem wiedergeborenen deutsch-franz\u00f6sischen und japanischen Kapitalismus zu begegnen. Mandel war ein langj\u00e4hriger Gegner des Gemeinsamen Marktes und der EU, da er sie als das sah, was sie waren und immer noch sind: eine Fassade f\u00fcr die Interessen des europ\u00e4ischen Gro\u00dfkapitals und Finanzkapitals.<\/p>\n<p><strong>Was verursacht Wirtschaftskrisen?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist wichtig anzumerken, dass Mandel die intensive Konkurrenz zwischen den Nachkriegsimperialismen nie als prim\u00e4re oder exogene Erkl\u00e4rung f\u00fcr die globale \u00dcberinvestition und die sinkenden Profitraten heranzieht, die den Nachkriegsboom stoppten. Sie ist lediglich ein Faktor, der ber\u00fccksichtigt werden muss. Stattdessen sieht er die Krise bereits strukturell in das System eingebaut, da die exzessive globale Kapitalakkumulation die durchschnittliche Profitrate senkt, bis sich die zus\u00e4tzliche Produktivit\u00e4t (der relative Mehrwert), die durch neue technische Investitionen aus dem globalen Proletariat herausgepresst wurde, als unzureichend erweist, um deren Kosten zu bezahlen, und das System trotz der F\u00fclle an zus\u00e4tzlichen Waren, die ausgesto\u00dfen werden, in einen Stillstand ger\u00e4t. Der genaue Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Moment der \u00dcberakkumulation variiert historisch, aber unabh\u00e4ngig davon ist er eher der Strohhalm, der dem Kamel den R\u00fccken bricht, als die treibende Kraft. In diesem Punkt bleibt Mandel ein klassischer Marxist.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Mandel hat der bekannte amerikanische marxistische Historiker Robert Brenner die Marx\u2019sche Theorie der fallenden Profitrate explizit aufgegeben und ist auf ein geopolitisches Modell zur\u00fcckgefallen, das die innerimperialistische Wirtschaftskonkurrenz zur treibenden Kraft bei der Erkl\u00e4rung der langen Wellen erkl\u00e4rt. Das ist deshalb interessant, weil Brenner Mandel als f\u00fchrenden \u00d6konomen abgel\u00f6st hat, der f\u00fcr die britische linke Theoriezeitschrift\u00a0<em>New Left Review schreibt.\u00a0<\/em>Brenner akzeptiert die fallende Profitrate als empirische Realit\u00e4t, argumentiert aber, dass sie eher eine Wirkung als eine Ursache ist (siehe\u00a0<em>NLR<\/em>\u00a0Nr. I\/229). Dies f\u00fchrte ihn jedoch in ein gef\u00e4hrliches Fahrwasser. Dann hat der Kapitalismus n\u00e4mlich keine innere Tendenz zur Entropie mehr, wie Marx und Mandel behaupteten [Entropie meint einen Zustand der Unordnung, d.Red.]. Stattdessen verweist Brenner auf \u201edie inh\u00e4rente Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft auf lange Sicht\u201c.<\/p>\n<p>Was also verursachte die Abw\u00e4rtswelle nach den 70er Jahren? Die Antwort musste Zufall und Konjunktur lauten. Brenner hat zwei Faktoren vorgeschlagen: Erstens habe die exzessive Lohndr\u00fcckung die effektive Nachfrage zu stark reduziert \u2013 aber eine denkende Kapitalistenklasse kann das doch sicher beheben? Zweitens habe das \u00dcberangebot auf dem Weltmarkt neue Investitionen blockiert. War dies jedoch nicht nur eine andere Art zu sagen, dass die Rentabilit\u00e4t ins Stocken geraten war, weil es bereits zu viele Investitionen gab, um die notwendige Rendite zu erzielen? Das war der Punkt von Marx und Mandel, um es gleich vorwegzunehmen.<\/p>\n<p>Das ist kein abwegiger Punkt in der Debatte. Wir befinden uns einmal mehr in einer Periode sich versch\u00e4rfender globaler innerimperialistischer Konkurrenz, zu der nun auch das kapitalistische China hinzukommt. Wie wird sich das auf die zuk\u00fcnftige Kapitalakkumulation auswirken? Nachdem der \u201elange Boom\u201c der Nachkriegszeit in den 70er Jahren endete, sagte Mandel den n\u00e4chsten Abschwung voraus, einen, den wir heute mit Neoliberalismus und Globalisierung assoziieren. Leider lebte er nicht lange genug, um mit seinen unbestrittenen F\u00e4higkeiten die Mechanismen dieses Abschwungs verst\u00e4ndlich zu machen, der ja eine Flut marxistischer akademischer W\u00e4lzer hervorgebracht hat, aber wenig \u00dcbereinstimmung. Diese intellektuelle L\u00fccke deutet auf eine Schw\u00e4che in Mandels Konzeption der langen Wellen hin: Es gilt zu erk\u00e4ren, wie sich diese Achterbahnen zu Marx\u2018 Theorie des endg\u00fcltigen Zusammenbruchs des Kapitalismus verhalten.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eZusammenbruch\u201c bildet das Herzst\u00fcck von Marx\u2018 urspr\u00fcnglichem theoretischen Rahmen, er bezeichnet den endg\u00fcltigen Zusammenbruchs der kapitalistischen Reproduktion durch Akkumulation (obwohl betont werden muss, dass Marx seine detaillierte Analyse dieser Tendenz nie abgeschlossen hat). Zusammenbruch ist nicht im Sinne eines einzelnen, katastrophenartigen Ereignisses gemeint, sondern eher als kumulativer Verfall und St\u00f6rung des Systems bis zum Punkt, wo es nicht mehr funktioniert \u2013 verursacht durch seine inneren Widerspr\u00fcche. Sicherlich hat der Zusammenbruch eine Weile gebraucht, um manifest zu werden, was einige dazu veranlasst hat, die \u00f6konomische Logik von Marx abzulehnen (angefangen bei seinem engen Sch\u00fcler Eduard Bernstein). Das Problem mit der Theorie der langen Wellen ist jedoch, dass sie so interpretiert werden kann, als fehle dem System jegliche inh\u00e4renter Entropie, trotz Mandels bester Absichten. Mit anderen Worten, der Kapitalismus trudelt ihrer ungeachtet durch eine Reihe von Houdini-artigen Ausbr\u00fcchen weiter (man denke an 2009). Wer wei\u00df, vielleicht \u00fcberlebt ein widerstandsf\u00e4higer Kapitalismus bis weit in das 21.Jahrhundert hinein, getragen von einer Flut gr\u00fcner Investitionen (der n\u00e4chste Investitionsaufschwung?), unterst\u00fctzt von einer durch die prek\u00e4re Gig-Economy und die Internet\u00fcberwachung neu disziplinierten Belegschaft. In diesem Fall scheint ein revolution\u00e4rer Umsturz des Kapitalismus schwache Aussichten zu haben, au\u00dfer ein Deus steigt ex machina herab (von au\u00dferhalb).<\/p>\n<p>Doch dies ist nicht der Fall. Ohne auch nur einen Moment lang die konjunkturelle Bedeutung der erneuten innerimperialistischen Konkurrenz (die die Gefahr eines Krieges mit sich bringt) oder des Klimawandels zu leugnen, ist es wichtig festzustellen, dass der globale Kapitalismus in eine Endphase seiner Existenz eingetreten ist, als Ergebnis seiner eigenen internen \u00f6konomischen Widerspr\u00fcche. Dies ist genau so, wie es Mandel (in Anlehnung an Marx) vorhergesagt hat. Das letzte halbe Jahrhundert hat eine globale Schwemme an Produktionskapazit\u00e4ten, eine anschlie\u00dfende Kontraktion der Investitionsraten und einen Zusammenbruch des Produktivit\u00e4tswachstums mit sich gebracht. Wenn \u00fcberhaupt, scheint sich der Kondratjew-Zyklus in einen permanenten Abw\u00e4rtszyklus verwandelt zu haben. Sowohl Marx als auch Mandel sagten voraus, dass eine solche Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise inh\u00e4rent ist. Sie verbanden diese Entropie mit der dem Kapitalismus innewohnenden Tendenz zum Fall der Profitrate, die auf Investitionen abschreckend wirkt.<\/p>\n<p>Hier ist nicht der Ort f\u00fcr eine detaillierte technische Diskussion dar\u00fcber, wie dieser Prozess funktioniert. Es gen\u00fcgt zu sagen, dass im Kapitalismus Wert durch die Ausbeutung von Arbeitskraft geschaffen wird \u2013 in Form von lebendiger Arbeit im B\u00fcro wie in der Fabrik, aber auch in Form von vergegenst\u00e4ndlichter Arbeit in Maschinen und Computern. Die verf\u00fcgbare Menge an lebendiger Arbeit setzt der Produktion und Kapitalakkumulation eine Grenze. Die Kapitalisten versuchen st\u00e4ndig, durch technologische Investitionen zus\u00e4tzlichen Output aus den vorhandenen Arbeitskr\u00e4ften herauszuquetschen. Angesichts der biologischen Begrenzung des Arbeitstages sind immer mehr Investitionen in Maschinen erforderlich, um mit der lebendigen Arbeitskraft einen zus\u00e4tzlichen Wert zu schaffen. Daraus resultiert der Abw\u00e4rtsdruck auf die durchschnittliche Profitrate.<\/p>\n<p>Dieser Abw\u00e4rtsdruck hat auf globaler, systemischer Ebene negative Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen. Einzelne Firmen oder sogar einzelne Volkswirtschaften k\u00f6nnen eine Zeit lang weiter expandieren (z.B. die US-High-Tech-Monopole). Aber Mandel warnt: \u201eEin Teil des neu akkumulierten Kapitals kann nicht mehr zu den \u2019normalerweise erwarteten\u2018 Bedingungen der Rentabilit\u00e4t investiert werden. Dieses Kapital wird zunehmend in die Spekulation gelenkt\u2026\u201c (<em>The Second Slump<\/em>, S. 173-175). Daher die Finanz- und Bankeninstabilit\u00e4t der letzten zwei Jahrzehnte und der derzeitige, irrsinnige Anstieg der B\u00f6rsenkurse. Oder das nicht investierte Kapital wird von der Kapitalistenklasse einfach in Luxuskonsum gesteckt. Nat\u00fcrlich gibt es immer noch absolute Geldgewinne, aber letztlich reichen die erwarteten Grenzertr\u00e4ge nicht mehr aus, um das historische Niveau der Investitionen in Anlagen und Maschinen zu finanzieren. Die Kapitalistenklasse weigert sich zunehmend, in neue Technologien zu investieren oder ihre Nutzung auf das gesamte Spektrum menschlicher Bed\u00fcrfnisse auszudehnen, stattdessen br\u00fctet sie verr\u00fcckte spekulative Pl\u00e4ne aus wie den, Raketen f\u00fcr den Weltraumtourismus zu bauen. Sie gleicht einem menschlichen K\u00f6rper, dessen Organe eins nach dem anderen stillgelegt werden. So kommt die einzige historische Mission des Kapitalismus, die menschliche Produktivit\u00e4t zu steigern, zu einem ersch\u00fctternden Stillstand. In der realen Welt ist das Produktivit\u00e4tswachstum in den letzten Jahrzehnten trotz des Aufkommens des Internets auf der Stelle getreten. Das ist der ultimative Beweis daf\u00fcr, dass der Kapitalismus zu einer dekadenten Produktionsweise geworden ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich entwickeln sich verschiedene Industriesektoren auf der Welt unterschiedlich schnell. In den letzten drei Jahrzehnten haben US-Hightech-Firmen neue M\u00e4rkte geschaffen und (\u00fcberdurchschnittliche) Monopolprofite eingefahren, w\u00e4hrend in anderen Sektoren (z.B. in der Automobilindustrie) die Profitraten gesunken sind. Insgesamt ist das kapitalistische System in sein geriatrisches Stadium eingetreten, und wenn wir das \u00fcbersehen, werden wir auf die Ereignisse der n\u00e4chsten Jahrzehnte nicht vorbereitet sein. Trumps nackter Versuch, die US-Monopolprofite in der Hochtechnologie vor chinesischen \u00dcbergriffen zu sch\u00fctzen, bietet kaum eine Atempause. Unternehmen wie Apple und Microsoft sitzen auf Bargeldbergen oder kaufen Aktien zur\u00fcck statt zu investieren. Das globale System der Kapitalakkumulation um der Akkumulation willen schaltet sich selbst ab, weil es an Investitionsm\u00f6glichkeiten mangelt, die seine Rentabilit\u00e4tskriterien erf\u00fcllen. Das ist ein historischer Irrsinn angesichts der Bedrohung der Menschheit durch den Klimawandel (der selbst ein Nebenprodukt des kapitalistischen Wachstums ist). Infolgedessen treten wir in eine neue \u00c4ra des Widerstands und der sozialen Revolution ein, die den Rest des 21. Jahrhunderts dominieren wird.<\/p>\n<p><strong>Warum an Ernest Mandel erinnern?<\/strong><\/p>\n<p>Warum sollte man sich so lange nach seinem Tod an Ernest Mandel erinnern? Vor allem, weil er ein massives und nachhaltiges intellektuelles Argument gegen die Irrationalit\u00e4t des Kapitalismus der freien Marktwirtschaft pr\u00e4sentiert. Mehr noch, er pr\u00e4sentiert das Argument f\u00fcr eine alternative Realit\u00e4t. Der Neoliberalismus hat versucht, den Wettbewerb der Ideen in die Enge zu treiben, indem er im Wesentlichen behauptet, es sei keine andere Weltordnung m\u00f6glich als die liberale Demokratie, das Privateigentum an der Produktion, der absolut freie Handel mit Waren und Dienstleistungen und die Freiz\u00fcgigkeit von Kapital und Arbeit. Das Ergebnis lautet in Wirklichkeit: null Produktivit\u00e4tsgewinne trotz neuer Technologien; Schaffung einer Nachfrage nach Scheinkonsum, w\u00e4hrend die s\u00fcdliche Hemisph\u00e4re hungert und die n\u00f6rdliche Hemisph\u00e4re an Fettleibigkeit stirbt; \u00fcberall Verl\u00e4ngerung der Arbeitswoche trotz der Erfindung von Robotern und k\u00fcnstlicher Intelligenz, die den Menschen von der Arbeit befreien k\u00f6nnten; Aufstieg von autorit\u00e4rem Populismus und \u00dcberwachungskapitalismus.<\/p>\n<p>Wie h\u00e4tte Ernest Mandel auf diese sehr reale Dystopie, in der wir alle leben, reagiert? Mandel wurde oft daf\u00fcr kritisiert, \u201ezu optimistisch\u201c zu sein, was die Aussichten auf einen Umsturz des kapitalistischen Systems angeht. Tats\u00e4chlich war er einer der wenigen marxistischen Denker der Gegenwart, die sich erlaubten zu skizzieren, wie die postkapitalistische Zukunft aussehen k\u00f6nnte. Insbesondere argumentierte er unabl\u00e4ssig, dass mit der Abschaffung des Kapitalismus sehr schnell eine radikale Verk\u00fcrzung der Arbeitswoche eingef\u00fchrt werden k\u00f6nnte. Denn hier liegt die ultimative Absurdit\u00e4t des Kapitalismus: Er erfindet und baut Maschinen, um die Menschen von der Arbeit zu befreien, und zwingt sie dann, noch l\u00e4nger zu arbeiten, um Waren zu produzieren, die nur dem Zweck dienen, mehr Profit zu generieren, anstatt Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen. Mandel war der \u00dcberzeugung, dass sich die Menschen irgendwann gegen ein solch irrationales System auflehnen w\u00fcrden. Das ist eine Vision, die optimistisch stimmen kann, selbst in der Dunkelheit der gegenw\u00e4rtigen Krise.<\/p>\n<p><em>Der Artikel erschien zuerst auf\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.conter.co.uk\/blog\/2020\/8\/3\/mandel-and-capitalist-breakdown\"><em>https:\/\/www.conter.co.uk\/blog\/2020\/8\/3\/mandel-and-capitalist-breakdown<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/03\/ernest-mandel\/\"><em>sozonline.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. M\u00e4rz 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>George Kerevan. Es sind 25 Jahre seit dem Tod von Ernest Mandel (1923-1995) vergangen, einem der interessantesten und originellsten Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. \u00d6konomie ist nicht jedermanns Sache. Der schottische<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9423,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,23,65,13,45,22,4],"class_list":["post-9422","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-buecher","tag-ernest-mandel","tag-marx","tag-neoliberalismus","tag-politische-oekonomie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9422","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9422"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9422\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9424,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9422\/revisions\/9424"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}