{"id":9439,"date":"2021-03-19T12:08:52","date_gmt":"2021-03-19T10:08:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9439"},"modified":"2021-03-19T12:08:54","modified_gmt":"2021-03-19T10:08:54","slug":"pariser-kommune-enteignung-der-enteignerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9439","title":{"rendered":"Pariser Kommune: Enteignung der EnteignerInnen"},"content":{"rendered":"<p><em>Janosch Janglo. <\/em>Vor 150 Jahren, am 18. M\u00e4rz 1871, wollte die franz\u00f6sische Armee die Nationalgarde von Paris entwaffnen und 227 Artilleriegesch\u00fctze rauben, die die Bev\u00f6lkerung von Paris finanziert und\u00a0 vor den einr\u00fcckenden Deutschen gerettet<!--more--> hatte. Die Regierung der sogenannten nationalen Verteidigung hatte mehr Angst vor den bewaffneten Volksmassen als vor den Paris belagernden Preu\u00dfInnen. In der Folge kam es in der Stadt zum Volksaufstand und es begann zum ersten Mal der Versuch der \u201eEnteignung der EnteignerInnen\u201c, wie Marx es ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Marx und Engels verfolgten die Ereignisse in Frankreich aus zwei Gr\u00fcnden sehr genau. Erstens war das Land seit den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Laboratorium an Klassenk\u00e4mpfen, ein Exerzierplatz des klassenbewusstesten Proletariats der Welt auf dem politischen Terrain zweier b\u00fcrgerlicher politischer Revolutionen: der von 1830 und besonders der von 1848. Die politische Aktion der franz\u00f6sischen ArbeiterInnenklasse in der Revolution von 1848 und die nachfolgende Gegenreaktion lie\u00dfen das Verst\u00e4ndnis der beiden Klassiker bez\u00fcglich des zuk\u00fcnftigen Staats des Proletariats \u00fcber die bisherigen Formulierungen im \u201eKommunistischen Manifest\u201c und den \u201eKlassenk\u00e4mpfen in Frankreich\u201c (Erringung der vollst\u00e4ndigen Demokratie, Diktatur des Proletariats) hinausgehen.<\/p>\n<p>Zweitens standen die \u201eV\u00e4ter des Marxismus\u201c dem Krieg zwischen Preu\u00dfen und Frankreich durchaus nicht neutral gegen\u00fcber. Selbst ein Sieg des verhassten Preu\u00dfen gegen Frankreich, so argumentierten sie, w\u00e4re ein Fortschritt durch die resultierende Einheit Deutschlands \u2013 wenn auch von oben. Nach der Niederlage Frankreichs entwickelte sich das aufst\u00e4ndische Pariser Proletariat zu einer viel gr\u00f6\u00dferen Bedrohung f\u00fcr Frankreich und Preu\u00dfen\/Deutschland, als beide L\u00e4nder jemals voneinander erfuhren. Marx und Engels z\u00f6gerten keine Sekunde, sofort Partei f\u00fcr die Pariser Kommune zu ergreifen, ohne ihre Position zum preu\u00dfisch-franz\u00f6sischen Krieg jemals revidiert zu haben. Die \u00dcberwindung der Kleinstaaterei in Deutschland bereitete den Boden f\u00fcr das Wachstum der Produktivkr\u00e4fte und der Zahl der ArbeiterInnenbev\u00f6lkerung, war somit indirekt ein Fortschritt auch in Bezug auf die St\u00e4rkungsm\u00f6glichkeiten der ArbeiterInnenorganisationen. Doch wie viel direkter und bedeutender war das Werk der Pariser Kommune f\u00fcr Strategie und Taktik der KommunistInnen sowie die marxistische Lehre vom Staat! Die aufst\u00e4ndische Pariser ArbeiterInnenschaft hatte dem Weltproletariat die Konturen seiner zuk\u00fcnftigen Herrschaftsform gezeigt! Den Gefallenen geb\u00fchrt hierf\u00fcr ewiger Dank!<\/p>\n<p>Machtergreifung der Kommune<\/p>\n<p>Das Zentralkomitee der Nationalgarde, im Zuge der Belagerung der Stadt stark proletarisiert und zunehmend die Rolle einer politischen Organisation einnehmend, ergriff die Macht in Paris und veranlasste die Besetzung der strategisch wichtigen Punkte der Stadt sowie der \u00f6ffentlichen Geb\u00e4ude. Kasernen, die Polizeipr\u00e4fektur, das Justizministerium und das Rathaus wurden innerhalb weniger Stunden besetzt. Es bereitete unterdessen schnell Wahlen am 26. M\u00e4rz f\u00fcr\u00a0 den \u201eKommunalrat von Paris\u201c vor. Dieser gew\u00e4hlte Rat bildete die Pariser Kommune von 1871.<\/p>\n<p>Die Kommune machte sich sogleich daran, die sozialen Verh\u00e4ltnisse in Frankreich umzust\u00fcrzen. Ziel war nicht mehr nur die Verteidigung der Stadt, sondern vor allem die Beseitigung der alten Unterdr\u00fcckung und die Sicherung der Herrschaft des Proletariats. F\u00fcr dieses Ziel beschloss die Kommune verschiedene revolution\u00e4re Ma\u00dfnahmen wie die Ersetzung des stehenden Heeres durch die allgemeine Bewaffnung des Volkes, die \u00dcbergabe von verlassenen oder stillgelegten Fabriken an ArbeiterInnengenossenschaften, Entlohnung der Verwaltungs- und RegierungsbeamtInnen zum normalen Arbeitslohn, Wahl der Betriebsleitungen direkt durch die ArbeiterInnen, Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit und Aufhebung der Trennung von Exekutive und Legislative, jederzeitige Abw\u00e4hlbarkeit aller Stellen in Verwaltung, Justiz und Lehre sowie die Trennung von Kirche und Staat.<\/p>\n<p>Des Weiteren zahlte sie f\u00fcr alle Dienste, hohe wie niedrige, nur den Lohn, den auch andere ArbeiterInnen empfingen. Um die Lebensbedingungen der durch Krieg und Belagerung stark gebeutelten Bev\u00f6lkerung zu verbessern, sind in erster Linie im sozialen Bereich Verordnungen \u00fcber den r\u00fcckwirkenden Erlass von f\u00e4lligen Wohnungsmieten, der Verkaufsstopp und die R\u00fcckgabe von verpf\u00e4ndeten Gegenst\u00e4nden sowie die Abschaffung der Nachtarbeit f\u00fcr B\u00e4ckergesellInnen, K\u00fcndigungsverbot f\u00fcr Mietwohnungen, Aufhebung der Pfandh\u00e4user zu nennen.<\/p>\n<p>Zu den wichtigen Errungenschaften der Kommune z\u00e4hlten auch die Gleichstellung von Mann und Frau. Frauen erhielten erstmals das Recht auf Arbeit und gleichen Lohn wie die M\u00e4nner und erstritten weitere Rechte wie die Gleichstellung ehelicher und nichtehelicher Kinder sowie die S\u00e4kularisierung von Bildungs- und Krankenpflegeeinrichtungen. Frauen und Waisen von NationalgardistInnen, die bei der Verteidigung von Paris gefallen waren, stand jetzt eine Pension zu, egal ob es sich dabei um legitime oder illegitime Frauen (gesetzlich nicht legitimierte Ehen waren vor dem 18. M\u00e4rz verboten) bzw. Kinder handelte. Die Geburtsstunde der Kommune war auch die des Frauenbundes f\u00fcr die Verteidigung von Paris. Das Programm des Bundes war ein Kampfprogramm, in dem es unter anderem hie\u00df: \u201eUnterst\u00fctzung der Regierungskommissionen durch Dienst in der Krankenpflege, beim Minenlegen und beim Barrikadenbau.\u201c<\/p>\n<p>Revolution auf halbem Wege<\/p>\n<p>Die Kommune bestand mehrheitlich aus BlanquistInnen, die die Notwendigkeit erkannten, die politische Macht zu erobern. Aber notfalls sollte dies auch durch eine entschlossene Minorit\u00e4t geschehen, \u201edie durch ihre Einsicht und Aktivit\u00e4t die Masse mitrei\u00dfen und durch strenge Zentralisation die Macht in den H\u00e4nden behalten k\u00f6nnte\u201c (Anton Pannekoek: \u201eDer neue Blanquismus\u201c), bis die Masse der Bev\u00f6lkerung ihr in die Revolution folgt. Sie vertraten aber auch die richtige Auffassung, dass die b\u00fcrgerlichen Garden entwaffnet und die ArbeiterInnen bewaffnet und zur ArbeiterInnenmiliz organisiert werden mussten.<\/p>\n<p>Die Minderheit im Rat der Kommune wurde \u00fcberwiegend von ProudhonistInnen gestellt, die meist Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation (der sp\u00e4ter so genannten Ersten Internationale) waren und die in friedlichem Aufbau des Genossenschaftswesens den Kapitalismus untergraben wollten. Somit hingen sie der Illusion an, den Kapitalismus friedlich \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, obwohl dieser gerade in Form seiner Armeen waffenstarrend vor den Toren der Stadt stand und keinen Gedanken daran verschwendete, friedlich mit dem Proletariat um die Macht ringen zu wollen.<\/p>\n<p>Leider sollte diese Gruppe in der folgenden Zeit der Kommune im Wesentlichen f\u00fcr die \u00f6konomischen Dekrete verantwortlich zeichnen, was folglich zu schwersten politischen Fehlern f\u00fchren musste, die unter anderem die blutige Niederschlagung der ersten ArbeiterInnenregierung nach nur 72 Tagen zur Folge hatten. Ein entscheidender Fehler war die Nichtbesetzung des Hauptpostamtes und vor allem der Bank von Frankreich, die auch im sp\u00e4teren Verlauf der Revolution nicht erfolgen sollte. Der Kassenbestand der Bank betrug am 20. M\u00e4rz ganze 2,2 Milliarden Franc. Was f\u00fcr eine Summe, bedenkt man, dass die nach Versailles geflohene Nationalversammlung der Kommune l\u00e4cherliche 4,6 Millionen Franc hinterlie\u00df, mit denen die Arbeit der \u00f6ffentlichen Dienste und die Besoldung der 170.000 Mann starken Nationalgarde gew\u00e4hrleistet werden mussten!<\/p>\n<p>Ein weiterer Fehler war, dass die b\u00fcrgerliche Presse, die nicht nur reaktion\u00e4r war, sondern offen den Sturz der Kommune propagierte, auch nach dem 18. M\u00e4rz unbehelligt arbeiten durfte. Erst in den letzten Tagen der Kommune wurden schrittweise alle b\u00fcrgerlichen Bl\u00e4tter verboten. Zu sp\u00e4t kam aber die Einsicht, den Krieg an allen Fronten zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht war die Konterrevolution zielbewusster: Die Zeitungen der Kommune waren in Versailles verboten. Dieses b\u00fcrgerliche Propagandagift in den Zeitungen wirkte vor allem auf das Kleinb\u00fcrgerInnentum, das sich zum gro\u00dfen Teil von der Kommune abwandte oder nur z\u00f6gernd und zur\u00fcckhaltend f\u00fcr die Verteidigung von Paris eintrat.<\/p>\n<p>Auch an anderer Stelle sollte sich die Kommune durch eine z\u00f6gerliche Haltung oder besser durch eine falsche Einsch\u00e4tzung der politischen Lage das eigene Grab schaufeln. Nach dem 18. M\u00e4rz war die Gelegenheit g\u00fcnstig, da die Nationalregierung in Versailles gerade mal ein Heer von 12.000 ersch\u00f6pften und demoralisierten SoldatInnen besa\u00df, die zudem noch dicht davor standen, zur Nationalgarde \u00fcberzulaufen, der Konterrevolution mit einer milit\u00e4rischen Offensive gegen Versailles den Todessto\u00df zu verpassen. Im Gegenteil, man lie\u00df ihr gen\u00fcgend Zeit, sich milit\u00e4risch zu reorganisieren und mit den Preu\u00dfen zu verb\u00fcnden, mit denen sie sich kurz vorher noch einen blutigen Krieg geliefert hatte, um die R\u00fcckkehr von Kriegsgefangenen zu erleichtern.<\/p>\n<p>Die Blutwoche<\/p>\n<p>So lie\u00df die Gegenoffensive der Konterrevolution nicht lange auf sich warten. Seit dem 20. Mai marschierten ungef\u00e4hr 20.000 gut ausger\u00fcstete SoldatInnen in Paris ein und dr\u00e4ngten die ArbeiterInnen und die Nationalgarde an die Wand. Das Schlachtfest einer w\u00fctenden und herausgeforderten Bourgeoisie kostete 30.000 ArbeiterInnen das Leben, forderte 40.000 Gefangene, Verbannte und zur Zwangsarbeit Deportierte. Deshalb wurde die Periode zwischen dem 21. und 28. Mai im Ged\u00e4chtnis der internationalen ArbeiterInnenbewegung zur \u201eBlutwoche\u201c, einem der gr\u00f6\u00dften Massaker in ihrer Geschichte.<\/p>\n<p>Am 25. Mai 1871 fand die letzte Versammlung der Kommune statt. Die letzte Barrikade wurde am 28. Mai erobert. Die Kommune ward zwar in ihrem Blut ertr\u00e4nkt, ist aber seitdem zu einem unausl\u00f6schlichen Vorbild und einer Herausforderung f\u00fcr die weltweite sozialistische Bewegung geworden. Wegen ihrer wertvollen Erfahrungen konnte die weltweite Organisation der ArbeiterInnen qualitativ und quantitativ weiterentwickelt werden.<\/p>\n<p>Vor allem zeigte das B\u00fcndnis von Frankreich und Preu\u00dfen, die die Angst vor einem Macht beanspruchenden Proletariat verband, dass es notwendig ist, die ArbeiterInnenklasse weltweit zu organisieren. Marx sch\u00e4lte aber eine noch wichtigere Erfahrung heraus: \u201eNamentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, dass die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie f\u00fcr ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen kann.\u201c Dies hei\u00dft nichts anderes, als dass sie eine mit positivem Inhalt gef\u00fcllte Antwort auf die von ihm bereits im \u201e18. Brumaire des Louis Bonaparte\u201c aufgestellte Hypothese als Lehre aus den Klassenk\u00e4mpfen in Frankreich 1851\/52 lieferte, n\u00e4mlich dass die b\u00fcrgerliche Staatsmaschinerie vom Proletariat zerschlagen werden muss und sich nicht auf halbem Wege der Revolution mit der blo\u00dfen Besitzergreifung der Staatsmacht begn\u00fcgen darf \u2013 und zwar als Muster einer neuen proletarischen Staatsmacht, die die alte, zerschlagene ersetzt. Die Pariser Kommune war die erste Diktatur des Proletariats in der Hauptstadt Frankreichs und die erste Gegenregierung in einem ganzen Land.<\/p>\n<p>Mit der Pariser Kommune zeigt sich erstmals diese neue Form des proletarischen Staates, der die alte b\u00fcrgerliche Staatsmaschinerie ersetzen musste. Denn anders als der b\u00fcrokratische und milit\u00e4rische Staat des B\u00fcrgerInnentums, der \u2013 ob mit parlamentarischer Fassade oder ohne \u2013 \u00fcber tausende Bindeglieder mit der Herrschaft des Kapitals untrennbar verbunden ist, ist die Kommune nicht nur eine Staats- und Herrschaftsform zur\u00a0 Sicherung der Macht der arbeitenden Bev\u00f6lkerung. Sie ist auch eine Form, die den \u00dcbergang erm\u00f6glicht zu einer neuen, letztlich klassenlosen Gesellschaft, ein Staat, der im Laufe der Entwicklung einer neuen sozialistischen Produktionsweise mehr und mehr absterben und schlie\u00dflich mit der Entwicklung der klassenlosen Gesellschaft selbst verschwinden kann und wird.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/03\/18\/pariser-kommune-enteignung-der-enteignerinnen\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. M\u00e4rz 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Janosch Janglo. Vor 150 Jahren, am 18. 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