{"id":9451,"date":"2021-03-22T09:59:22","date_gmt":"2021-03-22T07:59:22","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9451"},"modified":"2021-03-22T09:59:23","modified_gmt":"2021-03-22T07:59:23","slug":"corona-pandemie-verschaerft-soziale-ungleichheit-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9451","title":{"rendered":"Corona-Pandemie versch\u00e4rft soziale Ungleichheit in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><em>Elisabeth Zimmermann. <\/em>In Deutschland sind immer mehr Menschen dauerhaft von Armut betroffen \u2013 eine Entwicklung, die durch die Corona-Pandemie weiter beschleunigt und versch\u00e4rft wird. Dies zeigt der vor kurzem ver\u00f6ffentlichte<!--more-->\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wzb.eu\/de\/publikationen\/datenreport\/datenreport-2021-ein-sozialbericht-fuer-die-bundesrepublik-deutschland\">Datenreport 2021<\/a>, der am 10. M\u00e4rz vorgestellt wurde.<\/p>\n<p>Der \u201eSozialbericht f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\u201c wird alle zwei Jahre vom Wissenschaftszentrum Berlin (wzb), dem Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung (BiB), dem SOEP (Sozio-\u00f6konomisches Panel) und dem Statistischem Bundesamt erstellt und von der Bundeszentrale f\u00fcr politische (bpb) Bildung publiziert. Er enth\u00e4lt zahlreiche Informationen zur sozialen und \u00f6konomischen Lage.<\/p>\n<p>Die Armutsrisikoschwelle lag im Jahr 2018, auf das sich der Report bezieht, f\u00fcr einen Ein-Personenhaushalt bei einem Nettoeinkommen von 1040 Euro monatlich und f\u00fcr einen Ein-Elternhaushalt mit einem Kind unter 14 Jahren bei 1352 Euro. Fast jeder sechste Einwohner Deutschlands lebte 2018 unter der Armutsgrenze, also in Armut.<\/p>\n<p>Von den Armen des Jahres 2018 waren 88 Prozent bereits in den vier davor liegenden Jahren mindestens einmal von Armut betroffen. Die H\u00e4lfte von ihnen, also 44 Prozent, lebten durchgehend in Armut. Damit hat sich der Anteil der dauerhaft in Armut lebenden Menschen seit 1998 mehr als verdoppelt. Damals hatte ihr Anteil noch 20 Prozent betragen.<\/p>\n<p>Den wichtigsten Ansto\u00df f\u00fcr das Anwachsen der Armut gaben die Hartz-IV-Gesetze und andere Ma\u00dfnahmen der rot-gr\u00fcnen Regierung von Gerhard Schr\u00f6der und Joschka-Fischer, die zu einem massiven Anwachsen des Niedriglohnsektors in Deutschland f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Inzwischen ist die Armut weiter angestiegen. Der j\u00fcngste&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/11\/28\/armu-n28.html\">Armutsbericht<\/a>&nbsp;des Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverbands vom November letzten Jahres meldet einen Anstieg der Armut von 15,5 Prozent im Jahr 2018 auf 15,9 Prozent im Jahr 2019. Das sind 13,2 Millionen Menschen. Das Armutsrisiko ist besonders hoch f\u00fcr Alleinerziehende (41 Prozent), Menschen mit Hauptschul- und ohne Berufsabschluss (35 Prozent) und Menschen mit Migrationshintergrund (29 Prozent).<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe soziale Ungleichheit schl\u00e4gt sich auch in der Wahrnehmung und den Einstellungen nieder. So halten nur knapp die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ihr eigenes Bruttoeinkommen f\u00fcr gerecht. Vor allem niedrige Einkommen werden als ungerecht angesehen.<\/p>\n<p>Das letzte Kapitel des Datenreports 2021 beleuchtet die ersten Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die soziale Lage im Zeitraum von Ende M\u00e4rz bis Anfang Juli 2020. So berichten 17 Prozent der an- und ungelernten Arbeiter und Arbeiterinnen und knapp 14 Prozent der einfachen Angestellten von finanziellen Schwierigkeiten. Bei den Beziehern von Niedrigeinkommen war jeder f\u00fcnfte von finanziellen Problemen betroffen. Bei Facharbeiter-, Meister- und qualifizierten Angestelltenberufen fiel der Anteile mit 9 Prozent niedriger aus. Auch hier waren Alleinerziehende mit 25 Prozent, Selbstst\u00e4ndige mit 20 Prozent und Menschen mit Migrationshintergrund mit 15 Prozent am st\u00e4rksten von finanziellen Schwierigkeiten betroffen.<\/p>\n<p>Ein F\u00fcnftel aller in Deutschland lebenden arbeitenden Menschen beziehen ein Niedrigeinkommen. \u00dcber ihre Not unter Corona-Bedingungen sagte der WZB-Experte Philip Wotschak bei der Vorstellung des Berichts: \u201eSie waren in Zahlungsschwierigkeiten geraten, mussten Kredite aufnehmen, waren in ernsthafte Geldprobleme geraten, mussten m\u00f6glicherweise auf Ersparnisse zur\u00fcckgreifen, Sozialleistungen beantragen oder ihren Lebensstandard drastisch einschr\u00e4nken.\u201d<\/p>\n<p>Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftseigenen Hans-B\u00f6ckler-Stiftung hatte bereits im Dezember letzten Jahres die Einkommensverluste dieser Menschen w\u00e4hrend der letzten Monate untersucht. Die&nbsp;<em>WSWS<\/em>&nbsp;hat dar\u00fcber&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/12\/18\/ungl-d18.html\">berichtet<\/a>.<\/p>\n<p>Der Datenreport 2021 zeigt auch, dass nur wenige Besch\u00e4ftigte die M\u00f6glichkeit hatten, sich durch die Nutzung von Homeoffice vor einer Corona-Infektion zu sch\u00fctzen. Im ersten Lockdown von M\u00e4rz bis April 2020 betrug der Anteil derer, die komplett im Homeoffice arbeiten konnten, 26,3 Prozent. Es handelte sich vor allem Arbeiter und Angestellte in B\u00fcros und Verwaltung mit relativ guter Ausbildung und Bezahlung. Nach den Lockerungen im Mai sank der Anteil auf 11,5 und im Sommer auf 6 Prozent. Mehr als jeder f\u00fcnfte Besch\u00e4ftigte nutzte das Homeoffice aber weiterhin zeitweilig.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des ersten Lockdowns, der als der bisher sch\u00e4rfste gilt, mussten 60 Prozent der Arbeiter und Angestellten weiterhin vor Ort arbeiten, ohne ausreichenden Schutz vor dem lebensgef\u00e4hrlichen Virus. Betriebe wurden nur kurzzeitig geschlossen, wenn es Zulieferprobleme wegen unterbrochener Lieferketten gab. In solchen F\u00e4llen wurden Arbeiter in Kurzarbeit geschickt oder kurzzeitig freigestellt. Arbeiter in Leih- und Zeitarbeit verloren ihre Arbeit h\u00e4ufig ganz und erhielten keinerlei Unterst\u00fctzung. Dies betraf vor allem den Einzelhandel, die Gastronomie, das Hotelwesen, den Kultur- und Veranstaltungsbereich sowie Soloselbst\u00e4ndige.<\/p>\n<p>Von Kurzarbeit waren im April 2020 fast 7 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter betroffen, weitaus mehr als w\u00e4hrend der Finanzkrise 2008\/2009, mit entsprechenden Einkommensverlusten. Besch\u00e4ftige ohne Kinder erhalten 60 und Besch\u00e4ftigte mit Kindern 67 Prozent des Nettolohns. Erst ab dem siebten Monat wird das Kurzarbeitergeld auf 80 bzw. 87 Prozent erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Auch die Arbeitslosigkeit ist in den ersten Monaten des Ausbruchs der Corona-Pandemie gestiegen. Seit Beginn der Pandemie sind mehr als eine halbe Million Menschen arbeitslos geworden.<\/p>\n<p>Schulen und Kitas geh\u00f6ren zu den wichtigsten Verbreitern der Pandemie. Kinder zeigen zwar weniger h\u00e4ufig Symptome, verbreiten das Virus aber wie Erwachsene, tragen es in die Familie und stecken Lehrer und Erzieher an. Trotzdem wurden Schulen und Kitas nicht oder nur kurzfristig geschlossen, damit die Eltern weiter arbeiten konnten, um Profite f\u00fcr die Unternehmen zu erwirtschaften. Zur Begr\u00fcndung wurde von Regierungsmitgliedern und Medien oft das \u201eKindeswohl\u201c angef\u00fchrt, der erzieherische und psychische Schaden, der durch lange Schulschlie\u00dfungen entstehe.<\/p>\n<p>Der Datenreport 2021 zeigt, dass dies pure Heuchelei ist. Er stellt fest, dass die Ausstattung mit technischen Ger\u00e4ten in Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 5000 bis 18.000 Euro mit durchschnittlich vier PCs weit besser ist, als bei einem Einkommen unter 2000 Euro mit durchschnittlich zwei Ger\u00e4ten. In armen Haushalten gibt es verbreitet gar keine Endger\u00e4te, mit denen die Kinder am digitalen Unterricht teilnehmen k\u00f6nnen. Dazu kommen oft enge Wohnverh\u00e4ltnisse, die Lernen und Konzentration erschweren oder unm\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Alleinerziehende ist es zudem extrem schwierig, ihre Kinder im Home-Schooling ausreichend zu betreuen und zu unterst\u00fctzen, wenn sie selbst arbeiten gehen m\u00fcssen. Hilfe und Unterst\u00fctzung durch die Gro\u00dfeltern war ebenfalls nicht m\u00f6glich, da sie zu den gef\u00e4hrdetsten Gruppen geh\u00f6ren. Selbst f\u00fcr Eltern im Homeoffice ist es ein permanenter Balanceakt, unter Stressbedingungen die eigene Arbeit und die Unterst\u00fctzung und Betreuung der Kinder unter einen Hut zu bringen.<\/p>\n<p>Obwohl alle diese Probleme bekannt waren, hat die Bundesregierung Arbeiter- und arme Familien so gut wie gar nicht unterst\u00fctzt. Es gab weder Hilfen f\u00fcr technische Ausstattung, noch f\u00fcr Masken und Hygieneartikel, noch eine bezahlte Freistellung f\u00fcr die Kinderbetreuung. Stattdessen wurden Banken, Konzernen und der Bundeswehr Hunderte Milliarden Euro in den Rachen geworfen.<\/p>\n<p>Die Zahl der Menschen, die in Deutschland an Covid-19 gestorben sind, ist inzwischen auf 75.000 gestiegen. \u00dcber die Zahl der an den Langzeitfolgen (Longcovid) Erkrankten, einschlie\u00dflich Kindern, gibt es noch keine umfassenden Daten. Betroffen sind vor allem das Leben, die Gesundheit, die L\u00f6hne und Arbeitspl\u00e4tze der Arbeiterklasse, wobei \u00c4rmere \u00fcberproportional betroffen sind. Die Zahlen aus dem Datenreport 2021 beleuchten nur die ersten Monate, die Entwicklung hat sich seither weiter versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Unternehmen und Reiche an der Spitze der Gesellschaft haben dagegen von der Pandemie profitiert. Die Aktienkurse haben neue historische H\u00f6chstwerte erreicht. Das Nettoverm\u00f6gen der Ultrareichen in Deutschland ist allein zwischen M\u00e4rz und Juli 2020 um fast 80 Milliarden auf 486 Milliarden Euro gestiegen. Inmitten von Tod und Leid ist eine neue Schicht von \u201ePandemie-Profiteuren\u201d herangewachsen. Zwischen Januar und Juni stieg die Zahl der US-Dollar-Million\u00e4re um 58.000, die Zahl der Milliard\u00e4re stieg von 114 auf 119.<\/p>\n<p>Gerade meldete die Deutsche Bank, dass sie im Jahr 2020 684 Investmentbanker besch\u00e4ftigte, die inklusive Boni mehr als eine Million Euro verdient haben. Auch die Deutsche Bank hat wie viele andere Unternehmen unter dem Vorwand der Corona-Pandemie Tausende von Arbeitspl\u00e4tzen abgebaut.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/03\/22\/ungl-m22.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. M\u00e4rz 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elisabeth Zimmermann. In Deutschland sind immer mehr Menschen dauerhaft von Armut betroffen \u2013 eine Entwicklung, die durch die Corona-Pandemie weiter beschleunigt und versch\u00e4rft wird. 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