{"id":9463,"date":"2021-03-23T17:33:57","date_gmt":"2021-03-23T15:33:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9463"},"modified":"2021-03-23T17:33:59","modified_gmt":"2021-03-23T15:33:59","slug":"selbst-rosa-luxemburg-war-gelegentlich-deprimiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9463","title":{"rendered":"Selbst Rosa Luxemburg war gelegentlich deprimiert"},"content":{"rendered":"<p><em>Nathaniel Flakin.<\/em> <strong>Rosa Luxemburg war bekannt als ein Energieb\u00fcndel \u2013 \u00abwie eine Kerze, die an beiden Enden brennt.\u00bb Aber wie jeder Mensch litt auch sie unter Momenten der Verzweiflung.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Wir haben gerade den 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg gefeiert. Man erinnert sich an sie als eine der erstaunlichsten Revolution\u00e4rinnen in der Geschichte des Kampfes des Proletariats um Emanzipation.<\/p>\n<p>Sie war eine Frau in einer Gesellschaft, die Frauen vom politischen Leben ausschloss; sie war eine Immigrantin in einem zutiefst rassistischen Land; sie war eine J\u00fcdin in einer antisemitischen Welt. Obwohl sie mit so viel Diskriminierung konfrontiert war, erschreckte sie den Zaren, den Kaiser und alle Kapitalisten.<\/p>\n<p>Ihre Freundin Clara Zetkin schrieb \u00fcber sie: \u00abDie kleine, zerbrechliche Rosa war die Verk\u00f6rperung einer unvergleichlichen Energie.\u00bb[1] Luxemburgs Motto war, dass ein Mensch \u00abwie eine Kerze sein muss, die an beiden Enden brennt.\u00bb<\/p>\n<p>In gewisser Weise ist es sehr schwer, sich mit jemandem wie ihr zu identifizieren. Ich f\u00fchle mich von Luxemburg inspiriert, aber ich f\u00fchle selten \u00abunvergleichliche Energie\u00bb. Ganz im Gegenteil: Ich f\u00fchle mich oft deprimiert und mutlos. Ich denke, vielen Menschen im Jahr 2021 geht es ebenso.<\/p>\n<p>So war es in gewisser Weise herzerw\u00e4rmend zu lesen, dass auch Luxemburg Verzweiflung empfand und manchmal ihre Arbeit als Revolution\u00e4rin aufgeben wollte. Die Entbehrungen und der Stress, die endlosen Versammlungen und die anstrengenden K\u00e4mpfe k\u00f6nnen jeden zerm\u00fcrben \u2013 Luxemburg verbrachte viele Stunden mit anderen Hobbys wie dem Sammeln von Pflanzen.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1917, als sie wegen ihres Widerstandes gegen den Ersten Weltkrieg im Gef\u00e4ngnis sass, schrieb Rosa Luxemburg an ihre liebe Freundin Sophie Liebknecht:<\/p>\n<p><em>Tief im Innern f\u00fchle ich mich in einem kleinen Garten wie diesem oder auf einem Feld zwischen Hummeln und Gr\u00e4sern viel wohler als \u2013 auf einem Parteitag. Ich kann Ihnen das alles sagen: Sie werden nicht sofort einen Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, dass ich trotzdem hoffentlich auf meinem Posten sterben werde: in einer Strassenschlacht oder im Gef\u00e4ngnis. Aber mein Innerstes geh\u00f6rt mehr meinen V\u00f6geln als meinen Genossen.<\/em>[2]<\/p>\n<p>Dass sie andere Leidenschaften hatte, die ihr am Herzen lagen, machte sie nicht weniger zu einer Revolution\u00e4rin. Und das macht ihr tragisches Ende irgendwie reizvoll: Sie erlosch genauso, wie sie es sich erhofft hatte.<\/p>\n<p>Die Revolution am 9. November 1918 befreite sie aus dem Gef\u00e4ngnis, und die letzten zwei Monate ihres Lebens verbrachte sie in einem Strudel von Reden, Schreiben, Redigieren und Verstecken vor konterrevolution\u00e4rer Gewalt. In einer dieser N\u00e4chte, auf dem R\u00fcckweg von der Redaktion der Roten Fahne in ihre Wohnung in Berlin-S\u00fcdende, \u00e4usserte sich Luxemburg gegen\u00fcber ihrer Freundin und Sekret\u00e4rin Mathilde Jacobs:<\/p>\n<p><em>K\u00f6nnen Sie mir sagen, warum ich immer in einem Zustand lebe, zu dem ich nicht die geringste Neigung habe? Ich m\u00f6chte malen und auf einem Fleckchen Erde leben, wo ich Tiere f\u00fcttern und sie lieben kann. Ich m\u00f6chte Naturwissenschaften studieren. Vor allem m\u00f6chte ich selbst friedlich leben und nicht in diesem endlosen Get\u00fcmmel.<\/em>[3]<\/p>\n<p>Das ist ein Mensch, mit dem ich mich identifizieren kann! Wenn wir also danach streben, wie Luxemburg zu sein, m\u00fcssen wir nicht immer \u00abunvergleichliche Energie\u00bb sp\u00fcren. Wir m\u00fcssen nicht immer Freude an unserer politischen Arbeit haben. Wir k\u00f6nnen auch Gef\u00fchle der Hoffnungslosigkeit anerkennen und versuchen, dagegen anzuk\u00e4mpfen, wie sie es tat. Es schadet auch nicht, sich ab und zu Zeit zu nehmen, um V\u00f6gel zu f\u00fcttern und Pflanzen zu sammeln, wie Luxemburg es zwischen ihren politischen Engagements tat.<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p>[1] Clara Zetkin, \u00ab<em>Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht\u00bb<\/em>, Sozialistische Klassiker 2.0, unsere R\u00fcck\u00fcbersetzung aus dem Englischen.<\/p>\n<p>[2] Rosa Luxemburg in einem Brief an Sophie Liebknecht, zitiert in: Heinz Knobloch, \u00ab<em>Meine liebste Mathilde\u00bb<\/em> (Berlin: Der Morgen, 1988), 169, unsere R\u00fcck\u00fcbersetzung aus dem Englischen.<\/p>\n<p>[3] Ebd., 167, unsere R\u00fcck\u00fcbersetzung aus dem Englischen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Dies ist nicht Rosa Luxemburg. Es ist die Schauspielerin Barbara Sukowa, die Rosa Luxemburg in einem Film von 1986 spielt. Es scheint keine historischen Fotos von Mimi, der Katze, zu geben, also haben wir dieses ausgew\u00e4hlt.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle\u00a0: <\/em><em><a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/sometimes-rosa-luxemburg-was-depressed-too\">leftvoice.org&#8230;<\/a><\/em><em> vom 23. M\u00e4rz 2021; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathaniel Flakin. 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