{"id":9479,"date":"2021-03-27T10:34:44","date_gmt":"2021-03-27T08:34:44","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9479"},"modified":"2021-03-27T10:34:45","modified_gmt":"2021-03-27T08:34:45","slug":"arbeiterklasse-zahlt-kosten-der-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9479","title":{"rendered":"Arbeiterklasse zahlt Kosten der Pandemie"},"content":{"rendered":"<p><em>Elisabeth Zimmermann. <\/em>Die Corona-Krise trifft nicht alle gleich. Als Trigger-Event versch\u00e4rft sie die Krise des Kapitalismus und die damit verbundene soziale Ungleichheit. Die herrschende Klasse verfolgt eine r\u00fccksichtslose Profite-vor-Leben-Politik. W\u00e4hrend sich an der Spitze<!--more--> der Gesellschaft die Unternehmen und Banken bereichern und von den Milliarden-Rettungspaketen der Regierungen profitieren, bezahlen Arbeiter und ihre Familien daf\u00fcr mit Lohneinbu\u00dfen, Verlust des Arbeitsplatzes, Kurzarbeit und mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben.<\/p>\n<p>Am vergangenen Mittwoch, den 24. M\u00e4rz 2021, \u00fcberschritten die Todeszahlen durch Covid-19 in Deutschland erstmals die Schwelle von 75.000 Verstorbenen. Gleichzeitig teilte das Statische Bundesamt mit, dass im Jahr 2020 infolge der Corona-Krise die L\u00f6hne erstmals seit dem Beginn der Erhebungen 2007 nominal gesunken seien.<\/p>\n<p>Die Bruttomonatsverdienste einschlie\u00dflich Sonderzahlungen fielen 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 0,7 Prozent. Die Verbraucherpreise stiegen um knapp 0,5 Prozent. Somit blieb den Besch\u00e4ftigten real 1,1 Prozent weniger Lohn und Gehalt, wie das Bundesamt errechnete. Da es sich hier um den bundesweiten Durchschnittswert handelt, fielen die Verluste f\u00fcr die Betroffenen durchaus unterschiedlich und h\u00f6her aus.<\/p>\n<p>Die bezahlte Wochenarbeitszeit von Vollzeitbesch\u00e4ftigten sank im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2019 deutlich um durchschnittlich 2,9 Prozent. Den st\u00e4rksten R\u00fcckgang gab es im Gastgewerbe mit minus 19,4 Prozent, gefolgt von der Branche Kunst, Unterhaltung und Erholung mit minus 9 Prozent. Die Arbeitszeit bei der Energieversorgung und in der Finanz- und Versicherungsbranche ging nur um jeweils minus 0,4 Prozent zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die unteren Einkommensgruppen wurden von den Lohnsenkungen besonders stark getroffen. Ungelernte und angelernte Arbeiterinnen und Arbeiter haben die gr\u00f6\u00dften Lohn-Einbu\u00dfen mit im Schnitt 1,6 bzw. 2,5 Prozent erlitten. Die Eink\u00fcnfte von Arbeitern mit Leitungsfunktion stiegen um durchschnittlich 0,2 Prozent.<\/p>\n<p>Die Ausschl\u00e4ge bei den L\u00f6hnen nach unten im Jahr 2020 sind wesentlich heftiger als w\u00e4hrend der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2009. Damals waren die nominalen Verdienste noch geringf\u00fcgig um 0,2 Prozent gestiegen und die realen L\u00f6hne um 0,1 Prozent gesunken.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die Rentner hat die negative Lohnentwicklung des letzten Jahres Auswirkungen. Da sich die Rentenentwicklung nach der Lohnentwicklung des Vorjahres richtet, gibt es in diesem Jahr keine Rentenerh\u00f6hung im Westen und nur eine sehr geringf\u00fcgige Erh\u00f6hung im Osten Deutschlands. Dies aufgrund der besonderen Situation, dass die Renten in Ostdeutschland \u00fcber drei\u00dfig Jahre nach der Wiedervereinigung 1990 noch immer nicht an das Rentenniveau im Westen angepasst sind. Bei der Lohnentwicklung ist diese Schere noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Viele Unternehmer nutzen die Corona-Pandemie als Vorwand, um Stellen und L\u00f6hne abzubauen. Allerdings ist die allgemeine Lohnsenkung nicht nur der massenhaften Kurzarbeit und dem Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen geschuldet: Dazu trug auch die Lohnzur\u00fcckhaltung der Gewerkschaften wesentlich bei. So setzte die IG Metall zu Beginn des Jahres 2020 einfach die Tarifverhandlungen aus und verhandelt auch jetzt, in der laufenden Tarifrunde, \u00fcber Lohnsenkungen und massenhaften Arbeitsplatzabbau.<\/p>\n<p>Auch die Gefahr, sich mit Covid-19 anzustecken, daran schwer zu erkranken und zu sterben, trifft weltweit Arbeiter und Arme besonders stark. In Deutschland gab es dazu immer wieder lokale und regionale Berichte, aber keine umfassende Datenerhebung und systematische Erkenntnisse. In den gro\u00dfen Medien wurden solche Fragen der sozialen Ungleichheit und Klassenfragen bisher weitgehend ausgeblendet.<\/p>\n<p>Den Zusammenhang zwischen der sozialen Lage \u2013 der Arbeits-, Einkommens-, Wohn- und Lebenssituation \u2013 und der Gefahr, an Covid-19 zu erkranken, thematisieren inzwischen mehrere Berichte und neuere Erhebungen.<\/p>\n<p>Dazu z\u00e4hlt eine\u00a0<em>Panorama<\/em>-Sendung vom 3. M\u00e4rz in der ARD. Zwar h\u00e4tten nach Recherchen von\u00a0<em>NDR, WDR\u00a0<\/em>und<em>\u00a0S\u00fcddeutscher Zeitung<\/em>\u00a014 von 16 Bundesl\u00e4ndern keine Erkenntnisse dar\u00fcber, welche Menschen sich besonders h\u00e4ufig mit Corona infizieren. Aber, wie es im Begleitbericht hei\u00dft:<\/p>\n<p><em>Wer im Berliner Bezirk Neuk\u00f6lln wohnt, hat offenbar ein fast doppelt so hohes Risiko, mit Corona infiziert zu werden, als im benachbarten Treptow-K\u00f6penick. Woran das liegt? Das wei\u00df man nicht. Auff\u00e4llig ist: In Neuk\u00f6lln leben auf einem Quadratkilometer 7000 Menschen, in Treptow 1600. In Neuk\u00f6lln liegt die Arbeitslosenquote bei 16 Prozent, in Treptow bei acht Prozent. \u00c4hnlich sind die Unterschiede beim Haushaltseinkommen: In Neuk\u00f6lln betr\u00e4gt es 1825 Euro im Monat, in Treptow-K\u00f6penick 2200 Euro. In Neuk\u00f6lln haben 47 Prozent der Einwohner Migrationshintergrund, in Treptow nur 17 Prozent.<\/em><\/p>\n<p>Am 22. M\u00e4rz berichtete die\u00a0<em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>\u00a0in ihrer Online-Ausgabe \u00fcber eine Studie in K\u00f6ln, die best\u00e4tigt, dass Covid-19 vor allem Menschen in \u00e4rmeren Stadtteilen trifft:<\/p>\n<p><em>Der Corona-G\u00fcrtel legt sich quer \u00fcber K\u00f6ln. Von Chorweiler, der Hochhaussiedlung im Nordwesten, zieht sich auf der Karte des Fraunhofer-Instituts ein blaues Band bis in den S\u00fcdosten der Millionenstadt. Es sind vor allem die alten Industrie- und Arbeiterviertel am rechten Rheinufer, deren tiefes Blau auf der Grafik der Wissenschaftler signalisiert: Hier, wo in M\u00fclheim, Kalk oder Porz mehr Arbeitslose, mehr Wohngeldempf\u00e4nger und mehr Menschen mit Migrationshintergrund zu Hause sind, erkranken die B\u00fcrger am h\u00e4ufigsten an Covid-19. Das Virus plagt die Schwachen, und es schont die Reichen auf der anderen Flussseite im wohlhabenden Westen der Domstadt.<\/em><\/p>\n<p>Diejenigen, die in den Medien als \u201esozial Schwache\u201c oder \u201eBenachteiligte\u201c bezeichnet werden, sind die Arbeiterinnen und Arbeiter mit und ohne Migrationshintergrund. Sie arbeiten h\u00e4ufig in schlecht bezahlten, aber als systemrelevant eingesch\u00e4tzten Jobs wie in der Pflege, Reinigung, bei der Post, in Logistikunternehmen, im Lebensmittelhandel und im \u00f6ffentlichen Nahverkehr, um nur einige Berufsbereiche zu nennen. Sie k\u00f6nnen nicht vom Homeoffice aus arbeiten und haben weniger M\u00f6glichkeiten, sich vor Ansteckung zu sch\u00fctzen. Dazu kommen dann oftmals noch schlechtere und engere Wohnverh\u00e4ltnisse aufgrund hoher Mieten und niedrigem Einkommen.<\/p>\n<p>Das Robert-Koch-Institut ver\u00f6ffentlichte am 16. M\u00e4rz 2021 ein Faktenblatt zu seiner Untersuchung \u201cSoziale Unterschiede in der Covid-19-Sterblichkeit w\u00e4hrend der zweiten Infektionswelle in Deutschland\u201d. Die Kernaussagen sind:<\/p>\n<ul>\n<li>W\u00e4hrend der zweiten Infektionswelle im Herbst und Winter 2020\/2021 stieg die Covid-19-Sterblichkeit in Deutschland stark an und erreichte im Dezember und Januar einen H\u00f6chststand.<\/li>\n<li>Nach den Meldungen der Gesundheits\u00e4mter sind im Dezember und Januar mehr als 42.000 Menschen, bei denen Covid-19 festgestellt wurde, verstorben. Davon waren etwa 90 Prozent im Alter von 70 Jahren und \u00e4lter.<\/li>\n<li>Der Anstieg der Covid-19-Todesf\u00e4lle fiel in sozial benachteiligten Regionen Deutschland am st\u00e4rksten aus \u2013 sowohl bei M\u00e4nnern als auch bei Frauen.<\/li>\n<li>Im Dezember und Januar lag die Covid-19-Sterblichkeit in sozial stark benachteiligten Regionen um rund 50 bis 70 Prozent h\u00f6her als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die RKI-Untersuchung st\u00fctzt sich auf die Meldedaten zu Covid-19-Todesf\u00e4llen, die von den Gesundheits\u00e4mtern an das RKI \u00fcbermittelt wurden (Datenstand: 16.02.2021). F\u00fcr die Analyse sozialer Unterschiede wurden die Meldedaten auf der Ebene der 401 Landkreise und kreisfreien St\u00e4dte mit dem \u201eGerman Index of Socioeconomic Deprivation\u201c (GISD) verkn\u00fcpft. Dieser Index f\u00fcr das Ausma\u00df sozio\u00f6konomischer Benachteiligung ber\u00fccksichtigt mehrere regionale Bildungs-, Besch\u00e4ftigungs- und Einkommensindikatoren.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse dieser Untersuchung des RKI sind eine Anklage an die Politik der Bundes- und Landesregierungen. Seit Beginn der Pandemie haben sie zu keiner Zeit einen richtigen Lockdown unter Einschluss aller nicht systemrelevanten Betriebe auch nur in Erw\u00e4gung gezogen, um Corona unter Kontrolle zu bringen. Oberstes Prinzip war immer, die Wirtschaftsinteressen \u00fcber die Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung zu stellen \u2013 Profite vor Leben!<\/p>\n<p>Die Kosten f\u00fcr diese Politik m\u00fcssen vor allem Arbeiter und Arme, Rentner und Kranke mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben bezahlen. Auch jetzt, wo die Infektionszahlen wieder in die H\u00f6he schnellen, und die neuen Mutanten des Corona-Virus die Gefahr noch erh\u00f6hen, ist die Regierung nicht bereit, die Bev\u00f6lkerung durch einen richtigen Lockdown zu sch\u00fctzen. Sie weigert sich, die Betriebe, Schulen und Kitas zu schlie\u00dfen, betroffene Arbeiter durch volle Lohnfortzahlung zu entsch\u00e4digen und die \u00e4rmeren Haushalte konsequent zu unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Arbeiter m\u00fcssen selbst in das politische Geschehen eingreifen! Notwendig ist der Aufbau von Aktionskomitees f\u00fcr sichere Arbeitspl\u00e4tze und f\u00fcr sichere Bildung, um auf der Grundlage eines sozialistischen Programms einen europaweiten Generalstreik vorzubereiten. [&#8230;] Es ist die einzige M\u00f6glichkeit, die m\u00f6rderische Pandemiepolitik der herrschenden Klasse zu stoppen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Berliner Metallarbeiter demonstrieren Anfang M\u00e4rz 2021 vor dem Roten Rathaus gegen Reallohnsenkung<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/03\/27\/lohn-m27.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. M\u00e4rz 2021 mit einer leichten K\u00fcrzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elisabeth Zimmermann. Die Corona-Krise trifft nicht alle gleich. Als Trigger-Event versch\u00e4rft sie die Krise des Kapitalismus und die damit verbundene soziale Ungleichheit. Die herrschende Klasse verfolgt eine r\u00fccksichtslose Profite-vor-Leben-Politik. 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