{"id":95,"date":"2014-03-26T21:24:23","date_gmt":"2014-03-26T19:24:23","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=95"},"modified":"2014-06-04T08:57:39","modified_gmt":"2014-06-04T06:57:39","slug":"leo-trotzki-die-ukrainische-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=95","title":{"rendered":"Leo Trotzki : Die ukrainische Frage"},"content":{"rendered":"<p>Leo Trotzki hat diesen Aufsatz in seinem mexikanischen Exil in\u00a0Coyoac\u00e1n im April 1939 geschrieben, als die Gefahr einer Invasion der Nazis in die Ukraine dramatisch zunahm; diese wurde\u00a0im zweiten Weltkrieg zu einem zentralen Schlachtfeld zwischen der Sowjetunion und den Nazis. Trotzki stellt hier die Politik Stalins gegen\u00fcber der Ukraine derjenigen der Revolution\u00e4re von 1917 gegen\u00fcber<!--more-->; diese betonten stets das Recht der unterdr\u00fcckten Nationen auf Selbstbestimmung. Nun, im Fr\u00fchjahr 2014, erwartet die Ukrainer und Ukrainerinnen ein Aushungerungsprogramm \u00e0 la grecque aus den H\u00e4nden des IWF und der EU. Bereits jetzt ist klar, dass ihnen eine Erh\u00f6hung der Gaspreise um 50% ab dem 1. Mai 2014 aufgeb\u00fcrdet wird (Handelszeitung online 26.4.2014). Vonwegen Unabh\u00e4ngigkeit, wie sie heuchlerisch von Obama, Merkel, Cameron, Hollande, Rasmussen und Konsorten\u00a0f\u00fcr das ukrainische Volk und die Krim\u00a0gefordert werden! Derweil sie in Afrika, im Vorderen Orient bis zum Hindukusch, auf dem Balkan das Recht auf Selbstbestimmung der V\u00f6lker mit\u00a0F\u00fcssen treten.<\/p>\n<p>(Dieser Text folgt: Leo Trotzki: Schriften Band 1.2, pp1168ff : Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur 1936-1940, Hamburg, Rasch und R\u00f6hring 1988) F\u00fcr diese Abschrift wurden die umfangreichen Fussnoten nicht reproduziert. Die Redaktion <em>Maulwuerfe<\/em> wird sich in n\u00e4chster Zeit mit einem Kommentar zu dem aktuellen Aufbau einer neuen imperialistischen politischen und milit\u00e4risch untermauerten Offensive gegen Russland \u00e4ussern.)<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Die ukrainische Frage, die viele Regierungen, viele \u00bbSozialisten\u00ab, selbst viele \u00bbKommunisten\u00ab zu vergessen oder auf die lange Bank der Geschichte zu schieben suchten, steht wieder einmal auf der Tagesordnung, aber diesmal mit doppelter Dringlichkeit. Die neue Zuspitzung der ukrainischen Frage ist aufs engste verkn\u00fcpft mit der Entartung von Sowjetunion und Komintern, den Erfolgen des Faschismus und dem N\u00e4herr\u00fccken des n\u00e4chsten imperialistischen Krieges. Gekreuzigt zwischen vier Staaten, ist die Ukraine heute in der Entwicklung Europas in die gleiche Situation geraten wie seinerzeit Polen, doch mit dem Unterschied, dass die internationalen Beziehungen heute unvergleichlich gespannter sind und das Tempo der Entwicklung sich beschleunigt hat. Die ukrainische Frage wird in allern\u00e4chster Zukunft eine gewaltige Rolle im Leben Europas spielen. Nicht umsonst hat Hitler so ger\u00e4uschvoll die Frage nach der Schaffung einer \u00bbGrossukraine\u00ab gestellt, und nicht umsonst hat er diese Frage mit solch verstohlener Eile wieder fallen lassen.<\/p>\n<p>Die Zweite Internationale, die die Interessen der Arbeiterb\u00fcrokratie und -aristokratie der imperialistischen Staaten auszudr\u00fccken pflegte, ignorierte die ukrainische Frage vollkommen. Selbst ihr linker Fl\u00fcgel schenkte der Frage nicht die n\u00f6tige Aufmerksamkeit. Man muss sich nur daran erinnern, dass Rosa Luxemburg bei all ihrem gl\u00e4nzenden Intellekt und wahrhaft revolution\u00e4rem Geist die Aussage f\u00fcr m\u00f6glich hielt, die ukrainische Frage sei Erfindung einer Handvoll Intellektueller. Diese Einstellung hinterliess selbst bei der polnischen kommunistischen Partei einen tiefen Eindruck.<\/p>\n<p>Die ukrainische Frage erschien den offiziellen F\u00fchrern der polnischen Sektion der Komintern eher als ein Hindernis denn als ein revolution\u00e4res Problem. Daher best\u00e4ndig die opportunistischen Versuche, dieser Frage auszuweichen, sie zu unterschlagen, mit Stillschweigen zu \u00fcbergehen oder sie in eine unbestimmte Zukunft zu verschieben.<\/p>\n<p>Der bolschewistischen Partei gelang es nicht ohne Schwierigkeiten und nur allm\u00e4hlich, unter dem st\u00e4ndigen Druck Lenins, eine richtige Herangehensweise an die ukrainische Frage zu finden. Das Recht auf Selbstbestimmung, d.h. das Recht auf Losl\u00f6sung [von Russland], gestand Lenin den Polen und den Ukrainern gleichermassen zu. Aristokratische Nationen erkannte er nicht an. Jede Neigung, das Problem einer unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4t zu umgehen oder auf die lange Bank zu schieben, betrachtete er als Ausdruck grossrussischen Chauvinismus.<\/p>\n<p>Nach der Eroberung der Macht begann in der Partei eine ernste Auseinandersetzung um die L\u00f6sung der zahlreichen, vom alten Russland ererbten nationalen Probleme. In seiner Eigenschaft als Volkskommissar f\u00fcr die Nationalit\u00e4ten vertrat Stalin best\u00e4ndig die zentralistischste und b\u00fcrokratischste Tendenz. Das zeigte sich besonders deutlich an der georgischen und der ukrainischen Frage. Die Korrespondenz \u00fcber diese Angelegenheit ist bis heute nicht ver\u00f6ffentlicht worden. Wir hoffen, einen Teil davon zu ver\u00f6ffentlichen \u2014 den sehr kleinen Teil, der uns zur Verf\u00fcgung steht. Aus jeder Zeile der Briefe und Vorschl\u00e4ge Lenins spricht das Bestreben, den in der Vergangenheit unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten so weit wie m\u00f6glich entgegenzukommen. In den Vorschl\u00e4gen und Erkl\u00e4rungen Stalins hingegen klingt unver\u00e4ndert die Tendenz zum b\u00fcrokratischen Zentralismus an. Um \u00bbadministrative Erfordernisse\u00ab, d.h. die Interessen der B\u00fcrokratie zu sichern, wurden die legitimsten Anspr\u00fcche der unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten zu einer Erscheinung des kleinb\u00fcrgerlichen Nationalismus erkl\u00e4rt. Alle diese Symptome waren schon in den Jahren 1922\/1923 zu beobachten. Seitdem wuchsen sie in ungeheuerlichem Masse und f\u00fchrten zur vollst\u00e4ndigen Erdrosselung jeder unabh\u00e4ngigen nationalen Entwicklung der V\u00f6lker der UdSSR.<\/p>\n<p>Nach Auffassung der alten bolschewistischen Partei sollte die Sowjetukraine eine machtvolle Achse werden, um die herum sich die \u00fcbrigen Teile des ukrainischen Volkes vereinigen sollten. Es ist unbestreitbar, dass die Sowjetukraine in der ersten Periode ihres Bestehens eine m\u00e4chtige Anziehungskraft, auch in nationaler Hinsicht, entwickelte und Arbeiter, Bauern und revolution\u00e4re Intelligenz der von Polen versklavten Westukraine zum Kampf anspornte. In den Jahren der thermidorianischen Reaktion wandelte sich jedoch die Lage der Sowjetukraine und damit der Rahmen der ukrainischen Frage insgesamt deutlich. Je gr\u00f6sser die einmal geweckten Hoffnungen waren, desto schmerzlicher war nun die Entt\u00e4uschung. Die B\u00fcrokratie unterdr\u00fcckte und pl\u00fcnderte das Volk auch in Grossrussland aus. Aber in der Ukraine komplizierte sich die Angelegenheit durch die Zerst\u00f6rung nationaler Hoffnungen. Nirgendwo haben Unterdr\u00fcckung, S\u00e4uberungen, Repressalien und \u00fcberhaupt alle Formen des b\u00fcrokratischen Rowdytums derart m\u00f6rderische Ausmasse angenommen wie im Kampf gegen das machtvolle, tief verwurzelte Streben der ukrainischen Massen nach mehr Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit. Die Sowjetukraine wurde f\u00fcr die totalit\u00e4re B\u00fcrokratie zum Verwaltungsabschnitt einer Wirtschaftseinheit und einer UdSSR-Milit\u00e4rbasis. Die Stalinb\u00fcrokratie errichtet Schewtschenko zwar Denkm\u00e4ler, aber nur, um das ukrainische Volk mit ihrem Gewicht zu erdr\u00fccken und es zu n\u00f6tigen, der gewaltt\u00e4tigen Kreml-Clique Lobeshymnen in der Sprache Kobzars zu singen.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber den ukrainischen Gebieten ausserhalb der UdSSR verh\u00e4lt sich der Kreml so, wie gegen\u00fcber allen unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten, allen Kolonien und Halbkolonien, d. h. der Kreml betrachtet sie als Wechselgeld f\u00fcr seine internationalen Abmachungen mit imperialistischen Regierungen. Auf dem k\u00fcrzlich stattgefundenen 18. Parteitag der Stalinschen \u00bbPartei\u00ab erkl\u00e4rte Manuilski, einer der widerlichsten Renegaten des ukrainischen Kommunismus, ganz offen, nicht nur die UdSSR, sondern auch die Komintern (ein \u00bbKr\u00e4merladen\u00ab nach Stalins Worten) lehne es ab, die Befreiung der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker zu fordern, wenn deren Unterdr\u00fccker keine Feinde der herrschenden Moskauer Clique sind. Indien wird heute von Stalin, Dimitroff und Manuilski gegen Japan, aber nicht gegen England verteidigt. Die Kremlb\u00fcrokraten sind bereit, die Westukraine im Austausch gegen ein diplomatisches Abkommen, das ihnen gegenw\u00e4rtig vorteilhaft erscheint, endg\u00fcltig an Polen abzutreten. Sie beschr\u00e4nken sich in ihrer Politik schon lange auf M\u00e4nner im Rahmen der Tageskonjunktur.<\/p>\n<p>Von dem fr\u00fcheren Vertrauen und der Sympathie der westukrainischen Massen f\u00fcr den Kreml ist keine Spur mehr \u00fcbrig. Seit der letzten m\u00f6rderischen \u00bbS\u00e4uberung\u00ab in der Ukraine w\u00fcnscht im Westen niemand mehr, sich der Kreml-Satrapie anzuschliessen, die weiterhin Sowjetukraine genannt wird. Die Arbeiter- und Bauernmassen in der Westukraine, der Bukowina und der Karpato-Ukraine sind desorientiert: Wohin soll man sich wenden? Was soll man fordern? In dieser Situation ger\u00e4t die F\u00fchrung nat\u00fcrlich in die H\u00e4nde der reaktion\u00e4rsten ukrainischen Cliquen, deren \u00bbNationalismus\u00ab sich darin ausdr\u00fcckt, das ukrainische Volk mit dem Versprechen einer fiktiven Unabh\u00e4ngigkeit an den einen oder anderen Imperialismus zu verkaufen. Auf diese tragischen Verwirrungen gr\u00fcndet Hitler seine Politik in der ukrainischen Frage. Seinerzeit sagten wir: Ohne Stalin (d. h. ohne die verh\u00e4ngnisvolle Politik der Komintern in Deutschland) h\u00e4tte es Hitler nicht gegeben. Dem k\u00f6nnen wir heute hinzuf\u00fcgen: Ohne die Vergewaltigung der Sowjetukraine durch die stalinistische B\u00fcrokratie g\u00e4be es keine Hitlersche Ukrainepolitik.<\/p>\n<p>Wir wollen hier nicht bei der Analyse der Motive verweilen, die Hitler dazu bewegten, seine Losung von einer Grossukraine, zumindest vorl\u00e4ufig, aufzugeben. Diese Motive m\u00fcsste man einerseits in den betr\u00fcgerischen B\u00fcndnissen des deutschen Imperialismus suchen, andererseits in der Bef\u00fcrchtung, man werde einen b\u00f6sen Geist rufen, den man dann nur schwer wieder loswerde. Hitler schenkte den ungarischen Henkern die Karpato-Ukraine. Das geschah zwar nicht mit der offenen Billigung Moskaus, aber doch in Erwartung einer solchen Billigung. Es war, als ob Hitler zu Stalin gesagt h\u00e4tte: ,H\u00e4tte ich die Absicht, morgen die Sowjetukraine anzugreifen, dann h\u00e4tte ich die Karpato-Ukraine in eigener Hand behalten.&#8216; Als Antwort darauf \u00fcbernahm Stalin auf dem 18. Parteitag \u00f6ffentlich die Verteidigung Hitlers gegen die Verleumdungen der \u00bbwestlichen Demokratien\u00ab. Hitler beabsichtigt, die Ukraine anzugreifen? Kein Gedanke! Gegen Hitler k\u00e4mpfen? Nicht die geringste Veranlassung! Stalin interpretiert die \u00dcbergabe der Karpato-Ukraine an Ungarn offensichtlich als einen Akt der Friedensliebe. Das bedeutet, dass Teile des ukrainischen Volkes f\u00fcr den Kreml zum Wechselgeld in seinen internationalen Kalkulationen geworden sind.<\/p>\n<p>Die Vierte Internationale muss sich klar sein \u00fcber die gewaltige Bedeutung der ukrainischen Frage f\u00fcr das Schicksal nicht nur S\u00fcdost- und Osteuropas, sondern ganz Europas. Es geht um ein Volk, das seine Lebensf\u00e4higkeit bewiesen hat, das zahlenm\u00e4ssig der Bev\u00f6lkerung Frankreichs gleichkommt und ein aussergew\u00f6hnlich reiches Territorium besitzt, ein Territorium, das zudem von h\u00f6chster strategischer Bedeutung ist. Die Frage nach dem Schicksal der Ukraine stellt sich in ihrer ganzen Bedeutung. Wir brauchen eine klare und pr\u00e4gnante Losung, die der neuen Situation entspricht. Meiner Meinung nach kann es heute keine andere Losung geben als diese: Eine vereinigte, freie und unabh\u00e4ngige Sowjetukraine der Arbeiter und Bauern.<\/p>\n<p>Dieses Programm steht vor allem zu den Interessen der drei imperialistischen Staaten Polen, Rum\u00e4nien und Ungarn in unvers\u00f6hnlichem Widerspruch. Nur hoffnungslose, pazifistische Dummk\u00f6pfe k\u00f6nnen sich vorstellen, dass die Befreiung und Vereinigung der Ukraine durch friedliche diplomatische Mittel, durch Referenden, Beschl\u00fcsse des V\u00f6lkerbunds usw. erreicht werden kann. Keinen Deut besser sind freilich jene \u00bbNationalisten\u00ab, die die ukrainische Frage dadurch l\u00f6sen wollen, dass sie einem Imperialismus Handlangerdienste gegen den anderen leisten. Diesen Abenteurern erteilte Hitler eine unsch\u00e4tzbare Lehre, indem er den Ungarn die Karpato-Ukraine \u00fcberliess (f\u00fcr wie lange wohl?), die auf der Stelle eine nicht geringe Anzahl gutgl\u00e4ubiger Ukrainer ermordeten. Da die Angelegenheit von der milit\u00e4rischen St\u00e4rke der imperialistischen Staaten abh\u00e4ngig ist, wird der Sieg dieser oder jener Gruppierung nichts anderes zu bedeuten haben, als eine erneute Zerst\u00fcckelung und eine noch brutalere Unterjochung des ukrainischen Volkes. Das Programm f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine ist in der Epoche des Imperialismus unmittelbar und unl\u00f6sbar mit dem Programm der proletarischen Revolution verbunden. Es w\u00e4re verbrecherisch, irgendwelche Illusionen in diesem Punkt zu hegen.<\/p>\n<p>Aber die Unabh\u00e4ngigkeit einer vereinigten Ukraine w\u00fcrde doch die Losl\u00f6sung der Sowjetukraine von der UdSSR bedeuten, werden die \u00bbFreunde\u00ab des Kreml im Chor rufen. Was ist denn daran so schrecklich? &#8211; entgegnen wir. Inbr\u00fcnstige Verehrung von Staatsgrenzen ist uns fremd. Wir vertreten nicht die Position eines \u00bbvereinigten und unteilbaren\u00ab Ganzen. Sogar die Verfassung der UdSSR erkennt den in der F\u00f6deration zusammengeschlossenen V\u00f6lkern das Recht auf Selbstbestimmung, das heisst das Recht auf Losl\u00f6sung zu. Folglich wagt nicht einmal die derzeitige Kreml-Oligarchie, dieses Prinzip zu leugnen. Freilich steht es nur auf dem Papier. Der leiseste Versuch, offen die Frage nach einer unabh\u00e4ngigen Ukraine aufzuwerfen, w\u00fcrde die sofortige Erschiessung wegen Hochverrats bedeuten. Aber gerade diese widerw\u00e4rtige Zweideutigkeit, gerade diese erbarmungslose Hetzjagd auf jeden freien, nationalen Gedanken hat dazu gef\u00fchrt, dass die arbeitenden Massen der Ukraine, mehr noch als die Massen Grossrusslands, die Kreml-Herrschaft als ungeheuer tyrannisch empfinden. Angesichts solcher inneren Verh\u00e4ltnisse kann von einem freiwilligen Anschluss der Westukraine an die UdSSR, so wie sie zur Zeit besteht, selbstverst\u00e4ndlich keine Rede sein. Die Vereinigung der Ukraine setzt also die Befreiung der so genannten Sowjetukraine vom stalinistischen Joch voraus. Auch in dieser Frage wird die bonapartistische Clique das ernten, was sie ges\u00e4t hat.<\/p>\n<p>Aber w\u00fcrde das nicht eine milit\u00e4rische Schw\u00e4chung der UdSSR bedeuten? &#8211; werden die \u00bbFreunde\u00ab des Kreml entsetzt schreien. Die Schw\u00e4chung der UdSSR antworten wir, ist Folge jener stetig anwachsenden zentrifugalen Tendenzen, die die bonapartistische Diktatur hervorbringt. Im Kriegsfall kann der Hass der Massen auf die herrschende Clique zur Vernichtung aller sozialen Errungenschaften des Oktober f\u00fchren. Die Quelle der def\u00e4tistischen Stimmungen liegt im Kreml. Eine unabh\u00e4ngige Sowjetukraine w\u00e4re andererseits, schon aufgrund ihrer eigenen Interessen, im S\u00fcdwesten ein m\u00e4chtiges Bollwerk f\u00fcr die UdSSR. [Eine Losl\u00f6sung der Ukraine w\u00fcrde nicht eine Schw\u00e4chung der Verbindungen mit den werkt\u00e4tigen Massen Grossrusslands bedeuten, sondern lediglich eine Schw\u00e4chung des totalit\u00e4ren Regimes, das Grossrussland wie auch die anderen V\u00f6lker der UdSSR unterdr\u00fcckt.] Je eher die jetzige bonapartistische Kaste unterminiert, ersch\u00fcttert, zerschlagen und hinweggefegt wird, desto solider wird die Verteidigung der Sowjetrepublik und desto gesicherter wird ihre sozialistische Zukunft sein.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnte eine unabh\u00e4ngige Arbeiter-und-Bauern-Ukraine sp\u00e4ter der Sowjetf\u00f6deration beitreten; aber freiwillig und zu Bedingungen, die sie selbst f\u00fcr akzeptabel h\u00e4lt, was wiederum eine revolution\u00e4re Erneuerung der UdSSR selbst voraussetzt. Eine wirkliche Befreiung des ukrainischen Volkes ist undenkbar ohne die Revolution oder eine Reihe von Revolutionen im Westen, die letztendlich zur Gr\u00fcndung der Vereinigten Sowjetstaaten von Europa f\u00fchren m\u00fcssen. Eine unabh\u00e4ngige Sowjetukraine k\u00f6nnte und w\u00fcrde zweifellos dieser F\u00f6deration als gleichberechtigtes Mitglied beitreten. Die proletarische Revolution in Europa w\u00fcrde das widerliche Bauwerk des stalinistischen Bonapartismus Stein f\u00fcr Stein zerst\u00f6ren. In diesem Fall w\u00e4re das engste B\u00fcndnis der Vereinigten Sowjetstaaten von Europa mit der erneuerten UdSSR unvermeidlich und w\u00fcrde f\u00fcr den europ\u00e4ischen und den asiatischen Kontinent, nat\u00fcrlich einschliesslich der Ukraine, unermessliche Vorteile bieten. Aber hier kommen wir bereits auf Fragen zweiter und dritter Ordnung zu sprechen. Ein Problem erster Ordnung ist eine revolution\u00e4re Gew\u00e4hrleistung der Einheit und Unabh\u00e4ngigkeit einer Arbeiter-und-Bauern-Ukraine im Kampf gegen den Imperialismus einerseits und den Moskauer Bonapartismus andererseits.<\/p>\n<p>Die Ukraine verf\u00fcgt \u00fcber eine besonders reiche Erfahrung an Irrwegen im Kampf um die nationale Befreiung. Hier wurde schon alles versucht: die kleinb\u00fcrgerlichen Rada, Skoropadsk und Petljur, das \u00bbB\u00fcndnis\u00ab mit Hohenzollern sowie Kombinationen mit der Entente. Nach all diesen Experimenten k\u00f6nnen nur noch politische Kadaver weiterhin hoffen, dass irgendeine der Fraktionen der ukrainischen Bourgeoisie als F\u00fchrerin des nationalen Befreiungskampfs in Frage kommen kann. Allein das ukrainische Proletariat ist f\u00e4hig, diese &#8211; ihrem Wesen nach revolution\u00e4re &#8211; Aufgabe zu l\u00f6sen und die Initiative zu ihrer L\u00f6sung zu ergreifen. Nur das Proletariat kann die Bauernmassen und die wirkliche revolution\u00e4re nationale Intelligenz um sich vereinen.<\/p>\n<p>Zu Beginn des letzten imperialistischen Krieges versuchten die Ukrainer Meienewski (\u00bbBasok\u00ab) und Skoropis-Jeltuchowski die ukrainische Freiheitsbewegung dem Schutz des Hohenzollerngenerals Ludendorff zu unterstellen, wobei sie ihr Vorgehen mit linken Phrasen bem\u00e4ntelten. Die revolution\u00e4ren Marxisten bef\u00f6rderten diese Herren mit einem Fusstritt aus dem Weg. So m\u00fcssen Revolution\u00e4re auch k\u00fcnftig verfahren. Der n\u00e4her r\u00fcckende Krieg wird f\u00fcr alle m\u00f6glichen Abenteurer, W\u00fcnschelruteng\u00e4nger und solche, die das goldene Vlies suchen, ein g\u00fcnstiges Klima schaffen. Diese Herren, die sich besonders gerne die H\u00e4nde an der nationalen Frage w\u00e4rmen, sollte man nicht einmal auf Kanonenschussweite an die Arbeiterbewegung heranlassen. Nicht den geringsten Kompromiss mit dem Imperialismus, weder dem faschistischen noch dem demokratischen! Nicht das geringste Zugest\u00e4ndnis an die ukrainischen Nationalisten, weder die klerikal-reaktion\u00e4ren noch die liberal-pazifistischen! Keine \u00bbVolksfronten\u00ab! V\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit der proletarischen Partei als Avantgarde der Arbeiter!<\/p>\n<p>Das scheint mir die richtige Politik in der ukrainischen Frage zu sein. Ich spreche hier f\u00fcr meine Person und in meinem eigenen Namen. Die Frage bedarf einer internationalen Diskussion. Der vorderste Rang in dieser Diskussion geb\u00fchrt den ukrainischen revolution\u00e4ren Marxisten. Wir werden ihnen mit gr\u00f6sster Aufmerksamkeit zuh\u00f6ren. Doch sie sollen sich beeilen. Es bleibt uns nur wenig Zeit zur Vorbereitung!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leo Trotzki hat diesen Aufsatz in seinem mexikanischen Exil in\u00a0Coyoac\u00e1n im April 1939 geschrieben, als die Gefahr einer Invasion der Nazis in die Ukraine dramatisch zunahm; diese wurde\u00a0im zweiten Weltkrieg zu einem zentralen Schlachtfeld zwischen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[18,20,21,19],"class_list":["post-95","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-imperialismus","tag-sowjetunion","tag-trotzki","tag-ukraine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=95"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":199,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95\/revisions\/199"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=95"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=95"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=95"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}