{"id":9514,"date":"2021-04-06T09:12:09","date_gmt":"2021-04-06T07:12:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9514"},"modified":"2021-04-06T09:12:10","modified_gmt":"2021-04-06T07:12:10","slug":"christian-levrat-karriere-a-la-schroeder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9514","title":{"rendered":"Christian Levrat \u2013 Karriere \u00e0 la Schr\u00f6der?"},"content":{"rendered":"<p><em>Theo Vanzetti und Rhea Lang. <\/em><strong>Knapp ein halbes Jahr nach seinem R\u00fccktritt vom Pr\u00e4sidium der SP Schweiz wechselt Levrat vom Parlament an die F\u00fchrungsspitze eines bundesnahen Betriebs.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Wir hielten es erst f\u00fcr einen verfr\u00fchten Aprilscherz. Am Mittwoch, 31. M\u00e4rz, gab Bundesr\u00e4tin Simonetta Sommaruga bekannt, dass sie ihren Parteikollegen Christian Levrat zum neuen Verwaltungsratspr\u00e4sidenten der Post nominiert. Es schien, als sei selbst die Handelszeitung in den lustigen Streich eingeweiht, da sie Levrat prompt als tief-roten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.handelszeitung.ch\/unternehmen\/christian-levrat-ist-eine-fehlbesetzung\">\u00abKlassenk\u00e4mpfer alter Schule\u00bb<\/a>\u00a0betitelte. Doch schnell wurde klar, dass Levrats Ernennung ernst gemeint ist. Zumindest uns hat die Handelszeitung zum Lachen gebracht. Doch wer braucht heute noch Satire, wenn die Realit\u00e4t bereits dermassen absurd ist?<\/p>\n<p>Knapp ein halbes Jahr nach seinem R\u00fccktritt vom Pr\u00e4sidium der Sozialdemokratischen Partei Schweiz (SP) wechselt Levrat, der gestandene Fribourger Politiker, vom Parlament an die F\u00fchrungsspitze eines bundesnahen Betriebs. Ihm winkt f\u00fcr ein Halbzeitpensum ein Jahressal\u00e4r von 225\u2019000 CHF. Macht monatlich 18\u2019750.- CHF und ausgehend von einer 42-Stundenwoche (50% Anstellung, 5 Wochen Urlaub und 13 Monatsl\u00f6hne) einen Stundenlohn von rund 228.- CHF. Das nennen wir in der Tat tief-roten Klassenkampf, Herr Levrat.<\/p>\n<p>Die grossz\u00fcgige Entl\u00f6hnung deutet es bereits an: Hier schl\u00e4gt sich jemand auf die Seite des B\u00fcrgertums, der vorher nie m\u00fcde wurde zu betonen, dass er \u2018von unten\u2019 komme und selbst einmal Lastwagenfahrer gewesen sei. Es w\u00e4re aber definitiv falsch, Levrat jetzt als Kapitalisten zu bezeichnen. Daf\u00fcr reicht ihm sein neues Gehalt im Vergleich zu den Milliarden, welche die reichsten Schweizer Familien an Verm\u00f6gen angeh\u00e4uft haben, bei Weitem nicht. Er ist vielmehr ein Handlanger des Grossb\u00fcrgertums. Obschon Levrat pers\u00f6nlich auch als St\u00e4nderat finanziell nichts zu bef\u00fcrchten h\u00e4tte, l\u00e4sst er sich also f\u00fcr die Interessen der Reichsten einspannen. Ist es einem eigentlich nicht irgendwie peinlich, wenn man f\u00fcr Geld die eigenen politischen Ideale, die auch Herr Levrat zumindest am Anfang seiner Laufbahn gehabt haben d\u00fcrfte, \u00fcber den Haufen wirft?<\/p>\n<p>Wie erw\u00e4hnt, sorgte die Nachricht von Levrats Ernennung in b\u00fcrgerlichen Kreisen f\u00fcr grosses Aufsehen. Man zeigte sich\u00a0<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/nachfolger-von-urs-schwaller-christian-levrat-wird-neuer-verwaltungsratspraesident-der-post\">\u00ab\u00fcberrascht, irritiert und erschreckt\u00bb<\/a>, und die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.handelszeitung.ch\/unternehmen\/christian-levrat-ist-eine-fehlbesetzung\">Handelszeitung<\/a>\u00a0bezeichnete\u00a0\u00a0Levrat gar als \u00abkrasse Fehlbesetzung\u00bb, welche die Steuerzahlenden \u00abviel Geld\u00bb kosten werde. Dass diese Angst wohl stark \u00fcbertrieben ist, zeigte hingegen ein Kommentar im\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/eine-wahl-mit-risiken-766527262975\">Tagesanzeiger<\/a>: \u00abDie Hoffnung, dass Levrat den linken Widerstand gegen Reformen und Umstrukturierungen verringert, also die Gegner ins Boot holt, d\u00fcrfte f\u00fcr Simonetta Sommaruga ausschlaggebend gewesen sein.\u00bb<\/p>\n<p>Das heisst im Klartext nichts anderes, als dass sich die Sozialdemokratie einmal mehr vor den Karren des B\u00fcgertums spannen l\u00e4sst, um das politische Vorhaben der Herrschenden besser zu \u2018verkaufen`. \u00c4hnliches kennen wir bereits aus Deutschland (Agenda 2010) oder Grossbritannien (New Labour). Wenn wir eher die Lokalpolitik betrachten wollen, dann gibt es ausserdem das Beispiel der Stadt Z\u00fcrich. Dort arbeiteten SP-Exponent:innen wie Robert Neukomm und Esther Maurer mit Handkuss als Polizeivorsteher:innen, bevor diese Funktion dann Stadtr\u00e4t:innen der Gr\u00fcnen und der Alternativen Liste \u00fcbernehmen durften.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zum neuen Chef-P\u00f6stler Levrat. Er wird sich wohl kaum f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen bei der Post einsetzen. Der Filialabbau wird genauso weitergehen wie auch die Digitalisierung und die damit verbundenen K\u00fcndigungswellen. Jetzt kann man nat\u00fcrlich sagen, dass dies nicht Levrats b\u00f6swillige Absicht sei, da dies strukturell bedingt ist. Die Wirtschaftswelt \u00e4ndere sich nun mal und die Post m\u00fcsse mit der Zeit gehen. Als vorgeblich Linker sollte man aber dieses M\u00e4rchen, dass es sich dabei um einen angeblich nat\u00fcrlichen und nicht bewusst steuerbaren Wandel handle, eben genau nicht unreflektiert \u00fcbernehmen. Das Transportvolumen insbesondere von Paketen nimmt bei der Post weiterhin rasant zu, und auch sonst kann von einem Einbruch beim Heimlieferungsbedarf keine Rede sein. Diese logistischen Aufgaben werden aber immer st\u00e4rker in den prekarisierten Bereich der privaten \u00abGig Economy\u00bb abgeschoben. Ein Stellenabbau bei der Post geschieht also nicht aus struktureller Notwendigkeit, sondern ist nichts weiter als eine bodenlose Frechheit. Es geht bei linker Politik darum, den Kapitalismus zu bek\u00e4mpfen und nicht ihn mitzuverwalten. Doch dies ernsthaft von der SP zu erwarten, ist ja ehrlich gesagt eh naiv.<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend f\u00fcr unser neoliberales Zeitalter und den Zustand der Sozialdemokratie, dass jemand wie Levrat als\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/eine-wahl-mit-risiken-766527262975\">\u00abkampferprobter Linker\u00bb<\/a>\u00a0gilt. Schliesslich war er \u00fcber seine gesamte SP-Zeit hinweg immer ein Verfechter der Sozialpartnerschaft, statt die sozialen Gegens\u00e4tze (in Bezug auf Klasse, Gender und Rassismus) eindeutig beim Namen zu nennen und anzuprangern. Ausserdem ist Sommaruga, welcher Levrat seinen vergoldeten Posten zu verdanken hat, ja selbst vom wirtschaftsaffinen Parteifl\u00fcgel und hat lange bevor sie Justizministerin wurde, die SP in ihrer Rolle als Mitverfasserin des Gurten-Manifests nach rechts getrieben. Von ihrer Rolle als Versch\u00e4rferin des Schweizischen Asylgesetzes brauchen wir gar nicht erst zu reden.<\/p>\n<p>Es scheint jedoch gewissermassen Tradition geworden zu sein, dass sozialdemokratische Spitzenpolitiker:innen nach ihrer Parlaments- oder Regierungslaufbahn zu willf\u00e4hrigen Helfer:innen des neoliberalen und arbeiter:innenfeindlichen Wirtschaftsprojekts werden. So hat auch Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger quasi direkt nach seinem R\u00fccktritt ein Vorstandsmandat bei Implenia \u00fcbernommen. Und der \u00abGenosse\u00bb der bundesdeutschen Sozialdemokratie Gerhard Schr\u00f6der ist bekanntlich auf der Gehaltsliste des russischen Rohstoffgiganten Gazprom. Selbstverst\u00e4ndlich sind Implenia und Gazprom eine ganz andere Liga als die Post. Aber wer weiss, Levrat ist ja noch jung. Wir w\u00fcnschen ihm alles Gute auf seinem weiteren beruflichen Werdegang. Als n\u00e4chsten Schritt s\u00e4hen wir beispielsweise den Posten als Nachhaltigkeitsverantwortlicher bei Glencore in Baar (ZG). Da w\u00fcrden nochmal ganz neue Synergien entstehen, da sich Levrat schliesslich auch stets f\u00fcr die Beseitigung des Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lles einsetzte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/arv\/2021\/am-rande-vermerkt-christian-levrat-karriere-a-la-schroeder\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. April 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theo Vanzetti und Rhea Lang. 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