{"id":9535,"date":"2021-04-19T09:06:23","date_gmt":"2021-04-19T07:06:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9535"},"modified":"2021-04-19T09:16:04","modified_gmt":"2021-04-19T07:16:04","slug":"amazon-alabama-weshalb-keine-gewerkschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9535","title":{"rendered":"Amazon \/ Alabama: Weshalb keine Gewerkschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Der Versuch der RWDSU, im Amazon-Logistikzentrum in Bessemer \/ Alabama als gewerkschaftliche Vertretung anerkannt zu werden, wurde weltweit verfolgt. Das Wahlergebnis war ein Desaster: von 5800 Besch\u00e4ftigten haben nur 55 Prozent<!--more--> abgestimmt, 1798 gegen die Gewerkschaft, 738 daf\u00fcr. Eine heftige Niederlage f\u00fcr die Bernie-Sanders-Linke und sogar f\u00fcr Biden selber, der sich f\u00fcr Gewerkschaftsrechte ausgesprochen hatte. Eine Niederlage aber vor allem f\u00fcr die \u00bbLinke\u00ab, die mit alten (Gewerkschafts-)Modellen gegen Amazon ank\u00e4mpft \u2013 und damit bisher in der BRD (ver.di), in Italien (Amazonstreik am 22.3.) und nun auch in den USA scheitert.<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rungen waren schnell zur Hand. Die Expertin des \u00bbdeep organizing\u00ab, Jane McAlevey, f\u00fchrte in&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.thenation.com\/article\/activism\/bessemer-alabama-amazon-union\/\">ihrem Artikel vom 9. April 2021<\/a>&nbsp;in&nbsp;<em>The Nation<\/em>&nbsp;die Niederlage auf drei Gr\u00fcnde zur\u00fcck: Das b\u00f6sartige Vorgehen des Unternehmers (L\u00fcgen und Einsch\u00fcchterung); die falsche Taktik der RWDSU, die durchg\u00e4ngig als Kraft von au\u00dfen auftrat, die ArbeiterInnen als Opfer behandelte und zu keinem Zeitpunkt an ihre St\u00e4rke appellierte oder sie dazu aufrief, sich zusammenzuschlie\u00dfen; sowie drittens \u00bbden sozio-politischen Kontext\u00ab.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise kommen in ihren \u00dcberlegungen die ArbeiterInnen selber gar nicht vor! Zwar hat Amazon die ArbeiterInnen, die sich wehren wollten, massiv eingesch\u00fcchtert. Aber im Kern konnten die Manager in den angeordneten Versammlungen so argumentieren: \u00bbIm Gegensatz zu den opportunistischen Gewerkschaften und den Versprechungen der Demokratischen Partei hat Amazon die Stundenl\u00f6hne im letzten Jahr auf 15 Dollar erh\u00f6ht, w\u00e4hrend 40 Millionen US-AmerikanerInnen nach wie vor f\u00fcr den Mindestlohn von 7,25 Dollar arbeiten m\u00fcssen\u00ab \u2013 und Biden gerade aus seinem Konjunkturpaket die vorgesehene Mindestlohn-Erh\u00f6hung herausgenommen hat. Amazon bietet f\u00fcr ungelernte ArbeiterInnen Lohn und auch Arbeitsbedingungen, die trotz der intensiven Ausbeutung oft besser sind als ihre anderen Optionen.<\/p>\n<p>\u00bbVor der Frage, ob sie weiterhin individuell mit dem Arbeitgeber verhandeln sollen, oder ob sie das an eine externe Gewerkschaft delegieren sollten, stellten sich die ArbeiterInnen in Bessemer Fragen, die der traditionelle Syndikalismus nicht beantworten kann. Er geht davon aus, dass es gen\u00fcge, die Position der ArbeiterInnen am Arbeitsplatz zu st\u00e4rken \u2013 w\u00e4hrend das neue Proletariat sieht, dass die Welt au\u00dferhalb der Fabrik in Flammen steht, und deshalb den vor\u00fcbergehenden \u203aStatus quo\u2039 in der Ausbeutung bevorzugt.\u00ab (<a href=\"https:\/\/noinonabbiamopatria.blog\/2021\/04\/10\/la-vittoria-di-amazon-contro-la-sindacalizzazione-negli-stati-uniti-le-ragioni-di-una-sconfitta-annunciata\/\">Noi non abbiamo patria<\/a>)<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass man die 738 von 5800 nicht zu leicht abtun sollte. Diese ArbeiterInnen waren eine k\u00e4mpferische Minderheite, oder h\u00e4tten es zumindest sein k\u00f6nnen, wenn die bisherigen Strategien diese Minderheiten nicht verbrennen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>An anderen Amazon-Standorten sieht man dieses Potential ebenfalls, in Chicago gab es am 7. April, praktisch gleichzeitig mit der Niederlage in Bessemer, einen spontanen Streik gegen die Zehneinhalb-Stunden-Schicht von dutzenden ArbeiterInnen. Er war der letzte einer l\u00e4ngeren Folge kleinerer Streiks und Aktionen, die mit der Corona-Pandemie begannen. Auf eine der Intitativen, die diese Aktionen tr\u00e4gt, nimmt der untenstehende Artikel Bezug: \u00bbAmazonians United\u00ab.<\/p>\n<p>Ein kleiner Einwand: Der folgende Text geht davon aus, die Arbeitsabl\u00e4ufe und Lieferketten bei Amazon seien sehr st\u00f6rungsanf\u00e4llig. Aber in den letzten Jahren mussten wir immer wieder erleben, dass Amazon durch Streiks und Blockaden nicht so leicht zu treffen ist. Hier muss noch genauer gesucht werden, an welchen Punkten Amazon getroffen werden kann!<\/p>\n<p>In der BRD haben die Konflikte zu graduellen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und L\u00f6hne gef\u00fchrt \u2013 so wie es der Autor perspektivisch auch f\u00fcr das Lager in Bessemer erwartet. Und mittlerweile ist es Amazon auch gelungen, die deutschen Betriebsr\u00e4te in sein Management-Modell einzubinden.<\/p>\n<p><em>Wildcat<\/em><\/p>\n<p><strong>Warum wollen die ArbeiterInnen im Amazon-Lager von Bessemer (Alabama) keine Gewerkschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Von Felice Mometti \/&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.connessioniprecarie.org\/2021\/04\/10\/perche-i-lavoratori-non-vogliono-il-sindacato-al-magazzino-amazon-di-bessemer-alabama\/\">connessioni precarie<\/a><\/p>\n<p>Es waren sicherlich die am meisten beachteten Gewerkschaftswahlen in der j\u00fcngeren amerikanischen Geschichte. Sie wurden zu einer politischen Auseinandersetzung, die weit \u00fcber die Frage von gewerkschaftlichen Rechten im Amazon-Logistikzentrum in Bessemer \/ Alabama hinausging. Eine Delegation von Amazon-ArbeiterInnen wurde vom Wirtschaftsausschuss des Senats empfangen, Football-Spieler und Hollywood-SchauspielerInnen hatten ihre Solidarit\u00e4t erkl\u00e4rt. Sogar Pr\u00e4sident Biden hatte erkl\u00e4rt, Gewerkschaften seien notwendig, um die Mittelschicht zu st\u00e4rken; es sei nicht seine Sache, Arbeiter zum Gewerkschaftsbeitritt aufzufordern, es d\u00fcrfe aber auch keinen Druck von seiten des Unternehmers geben, um das zu verhindern. Die Endausz\u00e4hlung der Stimmen wurde im Livestream an etwa 200 Personen \u00fcbertragen, darunter Journalisten, Rechtsanw\u00e4lte, Beobachter, Gewerkschaftsfunktion\u00e4re und Amazon-Manager.<\/p>\n<p><strong>Eine \u00bbbusinessfreundliche\u00ab Stadt<\/strong><\/p>\n<p>Bessemer ist eine Kleinstadt mit etwa 30.000 EinwohnerInnen in der Metropolregion Birmingham in Alabama. 70 Prozent sind AfroamerikanerInnen, und jeder Vierte lebt unterhalb der Armutsschwelle. Es ist eine Dom\u00e4ne der Demokraten, die einen afroamerikanischen B\u00fcrgermeister stellt sowie einen Gemeinderat aus f\u00fcnf Schwarzen und zwei Wei\u00dfen, in dem die Frauen in der Mehrheit sind. Im Juli 2018 stimmte dieser einstimmig f\u00fcr die Ansiedlung eines Amazon-Logistikzentrums. Vorausgegangen war dem ein heftiger Kampf mit anderen St\u00e4dten, in dessen Verlauf dem E-Commerce-Giganten immer gr\u00f6\u00dfere \u00bbAnreizpakete\u00ab geschn\u00fcrt wurden. Die businessfreundliche Kampagne von Bessemer hat nach und nach das Jefferson-County und den Bundesstaat Alabama miteinbezogen. Stadt, County und Staat gaben insgesamt etwa 60 Millionen Dollar Zusch\u00fcsse f\u00fcr die Errichtung des Lagers mit urspr\u00fcnglich vorgesehenen 1500 ArbeiterInnen. Neben starken Steuererleichterungen, vereinfachten Genehmigungsverfahren und verbilligtem Bauland wurden Amazon auch die staatliche High School von Bessemer und das Lawson Community College zur Verf\u00fcgung gestellt, um Arbeitskr\u00e4fte auszusuchen und auszubilden. Dazu wurden in Zusammenarbeit mit Amazon Lehrg\u00e4nge zu Robotik und Programme \u00bbfit f\u00fcr die Arbeit in der Logistik\u00ab aufgestellt. Nachdem Ende M\u00e4rz 2020 das Lager er\u00f6ffnet worden war, stieg die Anzahl der Besch\u00e4ftigten im Coronaboom des Versandhandels in wenigen Monaten auf 5800. Die Anreizpakete, die Modifikationen an den Zulassungsverfahren und an den Lehrpl\u00e4nen, plus die Auswirkungen auf die Umgebung und die Folgen am Immobilienmarkt haben zu einer Art Tsunami in der ganzen Metropolregion Birmingham gef\u00fchrt was Institutionen, St\u00e4dtebau und Arbeitsmarkt betrifft.<\/p>\n<p><strong>Die Macht der Logistik<\/strong><\/p>\n<p>Weltweit hat Amazon 2020 430.000 ArbeiterInnen eingestellt sowie einen Umsatz von 390 Mrd. Dollar und einen Profit von 22 Mrd. gemacht. Im Moment haben sie 1,3 Millionen Besch\u00e4ftigte und 500.000 FahrerInnen, die als \u00bbSelbstst\u00e4ndige\u00ab gef\u00fchrt werden. In den USA sind es 900.000 Besch\u00e4ftige an 800 Standorten (Lager und Logistikzentren). Die Pandemie hat die Zentralit\u00e4t der Logistik im gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus umso deutlicher gemacht. Sie ist das R\u00fcckgrat der globalen Netze der Wertproduktion. Eine Macht, die Amazon auch politisch ausnutzt; diese Macht geht \u00fcber das aggressive Lobbyieren auf den verschiedenen institutionellen Ebenen hinaus. Die 20 Millionen Dollar, die hunderte von Lobbyisten im Dienste Amazons im letzten Jahr ausgegeben haben, sind inzwischen von sekund\u00e4rer Bedeutung. Amazon ist ein umfassender politischer Akteur, auch wenn er an die Demokratische Partei gebunden ist, so ist er auch einer der wichtigsten Finanziers an der Wall Street, ein globaler Wirtschaftsriese, ein bedeutender sozialer Akteur an den Orten, wo er seine Lager und Verteilzentren ansiedelt, ein Mainstream-Medium mit dem Besitz der Washington Post. Eine solche Konzentration von Macht braucht keine politische oder institutionelle Vermittlung mehr, um an der staatlichen und f\u00f6deralen Governance mitzuwirken. Um diese Machtstrategie auf vielen Ebenen aufrechtzuerhalten, ist Amazon auf die vollst\u00e4ndige Freiheit und Flexibilit\u00e4t bei der Organisation der Arbeit angewiesen, bei der Aneignung und Verwaltung von big data, bei der Festlegung der Hierarchie in den eigenen Strukturen. Die Mehrwertproduktion bei Amazon basiert auf einer Kombination aus Arbeitsteilung und hierarchischem kapitalisischen Kommando, unpers\u00f6nlichen Algorithmen, Video\u00fcberwachung und konkreter Kontrolle und Disziplinierung der einzelnen Arbeitskraft. Jedes Hindernis, Verlangsamung, Blockierung wirkt sich unmittelbar auf den gesamten Prozess aus. Hierin liegt der Grund, warum Amazon sich jeder Organisierung der Arbeitskraft widersetzt, die Macht am Arbeitsplatz ausdr\u00fccken k\u00f6nnte. Dieses Modell, das beinahe zur Philosophie geworden ist, ist in den letzten Monaten in Widerspruch mit der Regierung Biden getreten. Sicherlich nicht deswegen, weil dem neuen US-Pr\u00e4sidenten die Arbeiterrechte am Herzen liegen w\u00fcrden. Amazon hat sich von den traditionellen Mechanismen politischer und institutioneller Vertretung befreit; Biden hingegen will diese, leicht upgedated, wieder herstellen, um im post-pandemischen Kapitalismus eine unabh\u00e4ngige und anerkannte Rolle spielen zu k\u00f6nnen. Und w\u00e4hrend Biden die Erh\u00f6hung des Mindestlohns auf 15 Dollar verschiebt, indem er ihn aus seinem Rettungsplan ausgekoppelt hat, verst\u00e4rkt Amazon seine Medienkampagne zur Ausweitung des 15-Dollar-Stundenlohns, den es in seinen Lagern zahlt, auf die ganze USA. Amazon kann sich die Gewerkschaft nicht leisten, weil sie m\u00f6glicherweise zu Rissen in seiner Formierung, Verwaltung und Ausbeutung der Arbeitskraft f\u00fchren w\u00fcrde, Biden hingegen beruft sich auf die Wahlfreiheit der ArbeiterInnen. Die Partie ist er\u00f6ffnet, und ihr Ausgang noch keineswegs gewiss.<\/p>\n<p><strong>Eine Firma namens Gewerkschaft in der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Die Situation, in der sich die allermeisten amerikanischen Gewerkschaften befinden, l\u00e4sst sich nicht mal mehr als Business Unionism bezeichnen. Die Entwicklung der [1935 gegr\u00fcndeten, d. \u00dc.]&nbsp;<em>United Automobile Workers<\/em>&nbsp;(UAW) sind daf\u00fcr exemplarisch: vom Bild einer in den K\u00e4mpfen Ende der 1960er\/Anfang der 1970er Jahre radikalen Gewerkschaft zur aktuellen Zwangsverwaltung durch ein Bundesgericht wegen Bestechung durch Fiat-Chrysler. Von der Zurschaustellung ihrer Unabh\u00e4ngigkeit von den Unternehmern, wenn schon nicht als Klasse, so doch zumindest als Gewerkschaft, bis dahin, dass sie inzwischen der gr\u00f6\u00dfte Aktion\u00e4r bei&nbsp;<em>General Motors<\/em>&nbsp;ist und die Verwaltung ihres Aktienpakets an&nbsp;<em>BlackRock<\/em>&nbsp;delegiert hat, die gr\u00f6\u00dfte \u00bbSchattenbank\u00ab der Welt. Was zu einem gelinde gesagt paradoxen Kurzschluss gef\u00fchrt hat. W\u00e4hrend der Tarifverhandlungen in der Automobilindustrie von 2011 und 2015 erhielt die UAW bei Verhandlungen mit General Motors, dessen zweitgr\u00f6\u00dfter Anteilseigner sie damals war, Bestechungsgelder vom Konkurrenten&nbsp;<em>Fiat-Chrysler<\/em>, um Vertr\u00e4ge zu unterzeichnen, die letztere gegen\u00fcber Ford und selbst General Motors bevorzugten. Die Finanzkrise der amerikanischen Gewerkschaften r\u00fchrt von den enormen Unterhaltskosten ihrer Strukturen, der exorbitanten Anzahl ihrer Funktion\u00e4re und den fehlenden B\u00f6rsenrenditen ihrer Pensions- und Krankenversicherungsfonds her. Um die Verbindlichkeiten in ihren Bilanzen zu begrenzen, hat die Gewerkschaftsfirma die Mitgliedsbeitr\u00e4ge erh\u00f6ht und ihren \u00bbKundenkreis\u00ab ausgeweitet. Jetzt ist die UAW nicht mehr nur die Gewerkschaft der Autoarbeiter, sondern auch der Bauern, der Universit\u00e4tsforscher, des Gesundheitspersonals und des \u00f6ffentlichen Dienstes, und zwar nicht, weil sie zu einer branchen\u00fcbergreifenden Gewerkschaft geworden w\u00e4re \u2013 die verschiedenen Branchen sind strikt voneinander getrennt \u2013, sondern um den finanziellen Kollaps abzuwenden. Ist die UAW ein Grenzfall? Ja, denn die Kombination aus endemischer Korruption und der F\u00fchrung der Gewerkschaft wie eine Firma hat zum organisatorischen Zusammenbruch gef\u00fchrt. Nein, denn allein in den letzten zehn Jahren wurden auch die F\u00fchrungen von Teamsters, SEIU und der Lehrergewerkschaft, um nur die mitgliederst\u00e4rksten Gewerkschaften zu nennen, wegen Korruption oder Veruntreuung von Gewerkschaftsgeldern verurteilt. Dazu geh\u00f6rt auch die&nbsp;<em>Retail Wholesale and Department Store Unio<\/em>n (RWDSU), die Gewerkschaft, die die ArbeiterInnen des Logistikzentrums in Bessemer aufgerufen hatte, dar\u00fcber abzustimmen, ob sie sie bei den Verhandlungen mit Amazon vertreten sollte. Die RWDSU vertritt nach eigenen Angaben 100.000 Mitglieder \u2013 \u00fcber die H\u00e4lfte davon im Staat New York \u2013, sie verliert Mitglieder, steckt in finanziellen Schwierigkeiten und wird seit 23 Jahren patriarchalisch von ihrem Vorsitzenden Stuart Appelbaum gef\u00fchrt. Stuart Appelbaum ist Mitglied des Nationalkomitees der Demokratischen Partei und war von 1996 bis 2020 Delegierter auf jedem Parteitag der Demokraten. Er ist ein Unterst\u00fctzer von Biden und Andrew Cuomo, dem Gouverneur des Staates New York, der ihn in den Vorstand des&nbsp;<em>New York City Regional Economic Development Council<\/em>&nbsp;berufen hat. Er ist Vizepr\u00e4sident der AFL-CIO, des gr\u00f6\u00dften Gewerkschaftsverbandes der USA. Allein als RWDSU-Pr\u00e4sident erh\u00e4lt er ein Jahresgehalt von \u00fcber 300.000 Dollar. Die anderen Mitglieder des nationalen Vorstands \u2013 Management w\u00e4re wohl eine treffendere Bezeichnung \u2013 beziehen ein durchschnittliches Jahresgehalt von 250.000 Dollar. Der RWDSU-Mitgliedsbeitrag liegt durchschnittlich bei 950 Dollar pro Jahr, sollte aber laut einer informellen Vereinbarung mit den ArbeiterInnen in den ersten Jahren 500 Dollar nicht \u00fcberschreiten. Der Beitritt von mehreren tausend Amazon-Besch\u00e4ftigten w\u00e4re in erster Linie der Kasse einer Gewerkschaft in einer finanziellen Krise zugute gekommen. Der Einbruch des gewerkschaftlichen Organisationsgrads in der Privatwirtschaft auf sechs Prozent der Besch\u00e4ftigten ist nicht nur auf die diskriminierenden und gewerkschaftsfeindlichen Praktiken der Firmen und auf Gesetze zur\u00fcckzuf\u00fchren, die so etwas beg\u00fcnstigen, sondern auch darauf, dass viele ArbeiterInnen sich zwischen zwei Firmen gefangen sehen: der des Arbeitgebers und der der Gewerkschaft.<\/p>\n<p><strong>Eine leider absehbare Niederlage<\/strong><\/p>\n<p>Wie kam es zur Beteiligung einer Gewerkschaft wie der RWDSU? Ende letzten Sommers, wenige Monate nach der Er\u00f6ffnung des Logistikzentrums in Bessemer, begann sich eine Gruppe von ArbeiterInnen zu treffen, die das vom Amazon-Algorithmus diktierte brutale Arbeitstempo nicht mehr ertragen konnten. Der Stundenlohn von 15 Dollar und die Krankenversicherung, die Amazon anbietet, sind keine Entsch\u00e4digung f\u00fcr eine zutiefst zerm\u00fcrbende Arbeitsorganisation und Hierarchie, die das ganze Leben beeintr\u00e4chtigen. Die RWDSU hat entschieden, keine harten Kampfformen einschlie\u00dflich Streiks zu praktizieren, wie sie seit Ende&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.transnational-strike.info\/2021\/02\/23\/building-collective-power-struggles-against-racism-and-overwork-at-amazon-chicago\/\">M\u00e4rz 2020 selbstorganisiert<\/a>&nbsp;in den Amazon-Zentren in Chicago und New York stattgefunden haben. Auf Dr\u00e4ngen der \u00e4lteren ArbeiterInnen, die bereits gewerkschaftliche Erfahrungen hatten, wurde beschlossen, den gesetzlich vorgegebenen Weg zu gehen. Die Entscheidung f\u00fcr die RWDSU lag darin begr\u00fcndet, dass sich unter ihren Mitgliedern neben Besch\u00e4ftigten aus der H\u00fchnerzucht, dem Gesundheitswesen, dem \u00f6ffentlichen Dienst und dem Reinigungssektor auch solche des Einzelhandels befinden. Bis Ende Dezember wurden 2000 Unterschriften gesammelt f\u00fcr einen Antrag auf Urabstimmung dar\u00fcber, ob die RWDSU die Belegschaft gewerkschaftlich vertreten soll. Das National Labor Relations Board setzte wegen der Pandemie eine Briefwahl vom 8. Februar bis zum 29. M\u00e4rz an. In diesen 50 Tagen mobilisierte Amazon Dutzende von Beratern und Influencern, er\u00f6ffnete Websites, schickte jedem Mitarbeiter Dutzende von gewerkschaftsfeindlichen Nachrichten auf Twitter und WhatsApp und berief hunderte von Versammlungen mit Anwesenheitspflicht w\u00e4hrend der Arbeitszeit ein. Amazon zahlte einer Marketingfirma 10.000 Dollar pro Tag f\u00fcr eine Kampagne in Presse, Radio und Fernsehen. Amazon lie\u00df den gesamten Betrieb tagelang von der Polizei besetzen. Die gewerkschaftsfeindliche Botschaft konzentrierte sich auf vier Punkte: Der Mindestlohn von Amazon sei doppelt so hoch wie der gesetzliche Mindestlohn in Alabama, den zu erh\u00f6hen den Gewerkschaften mit ihren Initiativen nie gelungen ist. Die Korruption in den Gewerkschaften sei mittlerweile au\u00dfer Kontrolle geraten. Die Mitgliedsbeitr\u00e4ge der Gewerkschaft seien \u00fcberzogen im Vergleich zu den angebotenen Leistungen, und selbst diejenigen, die nicht beitreten, m\u00fcssten der Gewerkschaft einen reduzierten Beitrag zahlen. Amazon diskriminiere nicht aufgrund von Rasse, Geschlecht oder sexueller Orientierung, und 85 Prozent der ArbeiterInnen in Bessemer seien AfroamerikanerInnen, mehrheitlich Frauen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite hat Stuart Appelbaums Gewerkschaftsfirma es vermieden, ihre Mitglieder mit \u00f6ffentlichen Protestaktionen zu mobilisieren und erst recht keine Momente aktiver Solidarit\u00e4t mit anderen Amazon-Zentren und anderen Gewerkschaften hergestellt. Sie hat Amazon auf dem medialen Terrain herausgefordert und dort versucht, die Erlangung von Gewerkschaftsrechten bei Amazon mit dem Kampf um B\u00fcrgerrechte f\u00fcr die AfroamerikanerInnen in den 1960er Jahren gleichzusetzen. Als wenn die der Arbeitsorganisation und der gesellschaftlichen Reproduktion zugrunde liegenden Verh\u00e4ltnisse nicht etwas anderes w\u00e4ren als die lineare Verl\u00e4ngerung fehlender B\u00fcrgerrechten \u2013 sie sind ein immer wieder zu untersuchendes und sich st\u00e4ndig wandelndes Wechselspiel zwischen Produktionsverh\u00e4ltnissen, institutionellem Rassismus und B\u00fcrgerrechten. Dieser Ansatz hat selbst in den schwarzen Gemeinden im Raum Birmingham kaum nennenswerte Ergebnisse gebracht. Die Beteiligung an einer in Birmingham veranstalteten Kundgebung und Autokarawane mit Unterst\u00fctzung des&nbsp;<em>Black Lives Matter&nbsp;<\/em>Chapter Birmingham (keine soziale Bewegung, sondern eine kleine, von ein paar Aktivisten von Bernie Sanders&#8216;&nbsp;<em>Our Revolution<\/em>&nbsp;gegr\u00fcndete NGO) blieb mau. Amazon hingegen kombinierte eine starke Medienpr\u00e4senz mit einer bis ins kleinste Detail reichenden Beeinflussung und Erpressung der ArbeiterInnen im Betrieb. Die RWDSU konzentrierte sich haupts\u00e4chlich auf Unterst\u00fctzungsbekundungen von Politikern, bekannten Pers\u00f6nlichkeiten und Gewerkschaftsf\u00fchrern, ohne jemals das Amazon-Modell und die mit ihm einhergehenden politischen, sozialen und territorialen Umw\u00e4lzungen ernsthaft anzugreifen, dagegen aufzustehen und zu k\u00e4mpfen. Am Ende wurden 3215 Stimmen abgegeben, von 55 Prozent der Wahlberechtigten. Die Ausz\u00e4hlung dauerte etwa zehn Tage wegen Nachz\u00e4hlungen und Anfechtungen, vor allem weil Amazon daf\u00fcr sorgte, dass \u00fcber 500 Stimmzettel nicht gez\u00e4hlt wurden; dazu kommen 76 ung\u00fcltige Stimmen. Die Nein-Stimmen gegen die Gewerkschaft gewannen mit 1798 Stimmen. Die Gewerkschaft erhielt 738 Stimmen, nicht einmal halb so viel wie die im Dezember gesammelten Unterschriften. Es war eine schwere und angesichts der Art und Weise, wie die RDWSU die Kampagne f\u00fchrte, und der von Amazon zur Erpressung der ArbeiterInnen eingesetzten Mittel leider absehbare Niederlage. Jetzt wird der Klageweg gegen Amazon f\u00fcr eine neue Abstimmung beginnen, der viele Monate dauern kann. In der Zwischenzeit wird sich die Situation im Logistikzentrum Bessemer jedoch \u00e4ndern: Amazon wird einige Zugest\u00e4ndnisse machen und die engagiertesten ArbeiterInnen entlassen. Ein Sieg in Bessemer h\u00e4tte eine starke symbolische und politische Bedeutung gehabt. Er h\u00e4tte einen Pr\u00e4zedenzfall geschaffen, auf den sich andere Amazon-Zentren und -Lager h\u00e4tten berufen k\u00f6nnen. Er h\u00e4tte gezeigt, dass man in der Firma von Jeff Bezos nicht nur passiv Widerstand leisten, sondern sich auch organisieren und k\u00e4mpfen kann. So wie es \u00fcbrigens das Netzwerk \u00bbAmazonians United\u00ab getan hat und weiterhin tut \u2013 in anderen Formen und mit anderen Inhalten als die Gewerkschaftsfirmen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/aktuell\/a118_bessemer.html\"><em>wildcat.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. April 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Versuch der RWDSU, im Amazon-Logistikzentrum in Bessemer \/ Alabama als gewerkschaftliche Vertretung anerkannt zu werden, wurde weltweit verfolgt. Das Wahlergebnis war ein Desaster: von 5800 Besch\u00e4ftigten haben nur 55 Prozent<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9537,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[25,29,87,26,45,49,46,17],"class_list":["post-9535","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-repression","tag-usa","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9535","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9535"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9535\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9538,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9535\/revisions\/9538"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9537"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9535"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9535"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9535"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}