{"id":9544,"date":"2021-04-22T08:37:22","date_gmt":"2021-04-22T06:37:22","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9544"},"modified":"2021-04-22T08:37:23","modified_gmt":"2021-04-22T06:37:23","slug":"julian-assange-die-leiche-im-keller-des-westens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9544","title":{"rendered":"Julian Assange: Die Leiche im Keller des Westens"},"content":{"rendered":"<p><em>Ortwin Rosner. <\/em><strong>Zwei Jahre dauert bereits die menschenrechtswidrige Inhaftierung des WikiLeaks-Gr\u00fcnder an. Ein Res\u00fcmee. <\/strong><\/p>\n<p>Als am 4. Januar ein britisches Gericht den Antrag der USA<!--more--> auf Auslieferung des Australiers Julian Assange zur\u00fcckgewiesen hatte, trat nat\u00fcrlich zuerst einmal eine gro\u00dfe Erleichterung auf der Seite seiner Verteidiger ein. Au\u00dferdem \u00e4u\u00dferten manche, die eher der anderen Seite zuzurechnen waren, h\u00e4mische Bemerken \u00fcber diejenigen, die das britische Verfahren angeprangert hatten. Schien es doch nun so, als ob sie vollkommen im Unrecht gewesen w\u00e4ren und an der Unabh\u00e4ngigkeit der Richterin und an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Abl\u00e4ufe keine Zweifel mehr angebracht w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Das Gerichtsurteil vom 4. Januar h\u00e4tte demnach alle Kritik am Vorgehen gegen Assange obsolet gemacht, die britische Justiz w\u00e4re nun doch in Ordnung, und wir k\u00f6nnten wieder beruhigt sein? Die Dinge stehen leider v\u00f6llig anders.<\/p>\n<p><strong>Der verewigte Skandal<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man es darauf abgesehen h\u00e4tte, eine Verschw\u00f6rungstheorie zu basteln, so k\u00f6nnte man regelrecht an ein ganz raffiniertes Komplott glauben, derma\u00dfen g\u00fcnstig ist die Sache nun aufgrund des subtil formulierten Urteils von Richterin Vanessa Baraitser f\u00fcr die Gegner Assanges gelaufen. H\u00e4tte das Gericht dem Antrag auf Auslieferung n\u00e4mlich einfach rundweg zugestimmt, dann h\u00e4tte dies wom\u00f6glich doch eine gr\u00f6\u00dfere Welle der Emp\u00f6rung in der europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Die Proteste h\u00e4tten Nahrung bekommen und sich vervielfacht. Und dann h\u00e4tten vielleicht auch einige bis dahin z\u00f6gerliche Spitzenpolitiker in der EU deutlicher das Wort dagegen ergriffen. Die britische Justiz w\u00e4re gar nicht gut dagestanden, und die Angelegenheit w\u00e4re bis zum Europ\u00e4ischen Gerichtshof getragen worden. Alles eine peinliche Angelegenheit. Auch in den USA h\u00e4tte es Gegenwind geben k\u00f6nnen, denn grunds\u00e4tzlich ist dort freier Journalismus ein hoch angesehenes Gut.<\/p>\n<p>Das hat man sich nun erspart. Das Urteil, so wie es gef\u00e4llt wurde, hat den \u00f6ffentlichen Diskurs ruhig gestellt, Kritikern den Wind aus den Segeln genommen, der gro\u00dfe Skandal blieb aus, die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit hat wieder nachgelassen. Assange kann weiterhin im Gef\u00e4ngnis verrotten, und fast alle schauen weg. Alles scheint ohnehin wieder in Ordnung zu sein.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich jedoch ist der Skandal mit diesem Urteil nicht beendet, sondern ganz im Gegenteil verl\u00e4ngert worden. An der Lage des WikiLeaks-Gr\u00fcnders hat sich, und das wird von vielen geflissentlich \u00fcbersehen, dadurch bis jetzt \u00fcberhaupt nichts zum Besseren gewendet.<\/p>\n<p>Seit gut zwei Jahren befindet sich Assange bereits unter menschenrechtswidrigen Umst\u00e4nden in Isolationshaft \u2013 auch als &#8222;Wei\u00dfe Folter&#8220; bezeichnet \u2013 in Belmarsh, einem Londoner Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis, das f\u00fcr gemeingef\u00e4hrliche M\u00f6rder und Terroristen vorgesehen ist und dessen Haftbedingungen so ber\u00fcchtigt sind, dass es das &#8222;britische Guant\u00e1namo&#8220; genannt wird. Das Urteil vom 4. Januar hat bizarrerweise daran \u00fcberhaupt nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Und das, man kann es nicht oft genug wiederholen, obwohl der Australier auf britischem Boden kein anderes Verbrechen begangen hat, als gegen Kautionsauflagen zu versto\u00dfen. \u00dcblicherweise gibt es daf\u00fcr nicht einmal eine Haftstrafe.<\/p>\n<p><strong>Eine Katastrophe f\u00fcr die Pressefreiheit<\/strong><\/p>\n<p>Assange wurde hingegen daf\u00fcr zu ganzen 50 Wochen verdonnert, die er nat\u00fcrlich l\u00e4ngst abgesessen hat. Um ihn danach nicht freilassen zu m\u00fcssen, wurde rasch ein passender Vorwand gefunden: Sein derzeitiger Gef\u00e4ngnisaufenthalt gilt als Pr\u00e4ventivhaft wegen Fluchtgefahr.<\/p>\n<p>Das muss man sich einmal vorstellen: Pr\u00e4ventivhaft in einem derartigen Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis unter derartigen Bedingungen, ohne eine rechtskr\u00e4ftige Verurteilung, f\u00fcr einen Journalisten, dem lediglich seine Ver\u00f6ffentlichungen vorgeworfen werden. So etwas hat keine rechtliche Grundlage.<\/p>\n<p>Der Schweizer Nils Melzer, UN-Sonderbeauftragter f\u00fcr Folter, macht die Relationen klar, indem er darauf hinweist, wie im Vergleich dazu die Pr\u00e4ventivhaft aussah, der der von den USA gef\u00f6rderte und f\u00fcr Massenmorde verantwortliche chilenische Diktator Augusto Pinochet zwischen 1998 und 2000 in Gro\u00dfbritannien unterstellt war: Er erhielt Hausarrest in einer komfortablen Villa, in der er unbegrenzt Besuch empfangen konnte, unter anderem auch den der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher.<\/p>\n<p>Von weitreichender Bedeutung aber ist: Das Gericht unter dem Vorsitz von Baraitser hat in allen Punkten der Anklage zugestimmt und damit einen verheerenden Pr\u00e4zedenzfall geschaffen, der der Kriminalisierung und Verfolgung von US-kritischen investigativen Journalisten T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Und das nun sogar auf extraterritorialem Gebiet, das hei\u00dft weltweit, wo auch immer die USA einer Person irgendwie habhaft werden k\u00f6nnen, und gleichg\u00fcltig, ob es sich nun dabei um einen amerikanischen Staatsb\u00fcrger handelt oder nicht. Man muss sich das einmal vorstellen, was f\u00fcr eine unglaubliche Machtf\u00fclle hier den Vereinigten Staaten rechtlich zugestanden wird.<\/p>\n<p>Einzig und allein der angeschlagene gesundheitliche Zustand des WikiLeaks-Gr\u00fcnders wurde als Argument f\u00fcr die Ablehnung des Antrags auf Auslieferung angef\u00fchrt. Inhaltlich, und das ist das eigentlich Erschreckende, gibt es \u00fcberhaupt keine Differenzen zwischen der britischen Justiz und den Vertretern der amerikanischen Regierung. Es ist in dieser Hinsicht also das Schlimmste eingetreten, was kluge K\u00f6pfe bef\u00fcrchtet haben.<\/p>\n<p><strong>Ein Urteil mit T\u00fccken<\/strong><\/p>\n<p>Hinzu kommt: Der Antrag auf Auslieferung wurde zwar zur\u00fcckgewiesen, aber die spezifische Begr\u00fcndung der Ablehnung ist durch und durch vorteilhaft f\u00fcr die USA. Welches Szenario sich nun auch genau abspielen wird, die Amerikaner haben das Spiel bereits gewonnen. Assange sitzt in der Falle, so oder so. Sie werden ihn nicht mehr aus den Fingern lassen. Warum das so ist, sei hier in einer Fu\u00dfnote kurz erkl\u00e4rt.<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Julian-Assange-Die-Leiche-im-Keller-des-Westens-6024025.html?view=fussnoten#f_1\"><strong>1<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Zum einen hat die Berufung gegen ein solches Urteil gute Chancen. Die amerikanischen Kl\u00e4ger brauchen im Grunde nur versichern, dass sie Assange gut behandeln werden, und damit k\u00f6nnte das H\u00f6chstgericht sofort gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die Auslieferung erteilen.<\/p>\n<p>Oder aber das H\u00f6chstgericht verf\u00fcgt die Neuauflage des Verfahrens in erster Instanz. Auf diese Weise kann sich das Verfahren noch \u00fcber Jahre ziehen, ohne dass Assange dabei aus Belmarsh herauskommt. Wie Melzer mehrfach dargelegt hat, spielt es f\u00fcr die USA keine besondere Rolle, ob Assange in London irgendwann den Strapazen der Isolationshaft erliegt und auf diese Weise aus dem Leben scheidet oder ob er in den USA wegen Spionage zu 175 Jahren in einem \u00e4hnlichen Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis verurteilt wird. Wichtig f\u00fcr die Amerikaner ist, dass er nie mehr seiner journalistischen T\u00e4tigkeit nachgehen kann und ein abschreckendes Exempel an ihm statuiert wird.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn es so ausgehen sollte, dass der WikiLeaks-Gr\u00fcnder das alles \u00fcberlebt und er am Ende aufgrund seines gesundheitlichen Zustands aus Belmarsh entlassen wird, wird er sich f\u00fcr den Rest seines Lebens nur mehr unter Anf\u00fchrungszeichen in &#8222;Freiheit&#8220; befinden. England wird er n\u00e4mlich nie mehr verlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dort wurde der Auslieferungsantrag zwar abgelehnt, aber kaum betritt er ein anderes Land, kann das ganze Spiel von vorne beginnen, kann er verhaftet und ein neuer Auslieferungsantrag gegen ihn gestellt werden. Selbst wenn er in England bleibt, befindet er sich aber nicht in Sicherheit. Es br\u00e4uchte nur eine Verbesserung seines gesundheitlichen Zustands festgestellt werden, und dann k\u00f6nnte er doch wieder verhaftet und ausgeliefert werden, weil ja dann der Grund der Ablehnung des Auslieferungsantrags weggefallen w\u00e4re. Alle diese Optionen h\u00e4lt das willf\u00e4hrig Urteil, das Baraitser gef\u00e4llt hat, offen.<\/p>\n<p>In der Falle mit Assange sitzen aber vor allem wir selbst. Es geht um Demokratie und Pressefreiheit, um Menschenrechte und um die geheim gehaltenen Kriegsverbrechen der USA, die nicht Thema sein d\u00fcrfen. Melzer weist wiederholt darauf hin, wie sehr es den amerikanischen Strategen gelungen ist, davon abzulenken. Sie haben den Scheinwerfer auf den Australier gerichtet, weg von den Untaten, um die es eigentlich gehen sollte.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist, dass wir zwar einerseits zu wenig \u00fcber Assange reden, auf der anderen Seite aber im Grunde immer schon viel zu viel, selbst dann, wenn wir ihn verteidigen. Um ihn h\u00e4tte es nie gehen sollen. Das urspr\u00fcngliche Anliegen Assanges, Umtriebe, Korruption und Verbrechen der M\u00e4chtigen aufzudecken, die Inhalte, die er eigentlich transportieren wollte, die kommen gar nicht mehr zur Sprache, die werden von den Diskussionen um seine Person verdeckt.<\/p>\n<p>Diejenigen US-amerikanischen Soldaten, die, wie WikiLeaks publik gemacht hat, einfach so zum Spa\u00df aus einem Hubschrauber Passanten in Bagdad abgeknallt haben, \u00fcber die redet niemand, die laufen frei herum und die werden auch nicht gerichtlich verfolgt. Und einige andere Kriegsverbrecher hat das Wei\u00dfe Haus sogar explizit begnadigt. Assange aber sitzt f\u00fcr nichts im Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis. Irgendetwas l\u00e4uft hier also grundlegend falsch.<\/p>\n<p>Sch\u00e4tzungen zufolge haben die USA in den letzten 30 Jahren allein im Irak 2,7 Millionen Menschen get\u00f6tet. &#8222;Ich schere mich nicht um das, was diese V\u00f6lkerrechtsanw\u00e4lte sagen, wir m\u00fcssen einige in den Arsch treten&#8220;, hat seinerzeit US-Pr\u00e4sident George Bush sein allen Menschenrechten spottendes Vorgehen verteidigt. Sein Nachfolger Barack Obama dr\u00fcckte es zwar nicht so grobschl\u00e4chtig aus und gab sich besser erzogen \u2013 tats\u00e4chlich aber unterschieden sich seine Handlungen nicht viel von denen seines Vorg\u00e4ngers. Sein Spezialgebiet wurde der Drohnenmord.<\/p>\n<p>Wenn jedoch in Myanmar Milit\u00e4rgewalt gegen Demonstranten eingesetzt wird, dann emp\u00f6rt sich der frisch gebackene US-Pr\u00e4sident Joe Biden scheinheilig dar\u00fcber und nennt so ganz nebenbei auch noch den russischen Staatschef Wladimir Putin einen &#8222;M\u00f6rder&#8220;. Derselbe Biden, der neuerlich die Auslieferung von Assange verlangt hat, obwohl er den Fall nicht weiter h\u00e4tte verfolgen m\u00fcssen. Diese unversch\u00e4mte Heuchelei des Westens ist es, die unertr\u00e4gliche Ausma\u00dfe angenommen hat und viel mehr Thema sein sollte.<\/p>\n<p><strong>St\u00f6rung im Selbstbild des Westens<\/strong><\/p>\n<p>Wir kommen hier vielleicht zum eigentlichen Kern dessen, warum das US-amerikanische Imperium derart aggressiv und feindselig gegen den Australier und WikiLeaks vorgeht, warum auch seine europ\u00e4ischen Partner lieber Stillschweigen \u00fcber den Fall bewahren und warum wir uns \u00fcberhaupt so schwertun, \u00fcber das alles zu sprechen.<\/p>\n<p>Wir tragen alle (die meisten von uns) ein v\u00f6llig verkl\u00e4rtes Bild des Westens in uns, der USA im Speziellen. Es handelt sich um ein Selbstbild, mit dem wir aufgewachsen sind, zu dem wir erzogen worden sind und das im \u00f6ffentlichen Diskurs seit den 50er-Jahren eifrig gepflegt wurde und auch immer noch wird. Es ist ein Bild des Westens, das sich erheblich von dem unterscheidet, was in anderen Regionen der Welt \u00fcber die USA und den Westen gedacht wird, nicht nur in Russland, sondern \u00fcberall dort, wo der Westen mit seinen politischen, wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Interventionen Unheil angerichtet hat.<\/p>\n<p>Neben diesem idealisierten Selbstbild des Westens gibt es also eine ganz andere Wirklichkeit des Westens, die verborgene Geschichte des Westens, von der wir, die wir im Westen leben, ironischerweise am wenigsten mitbekommen, und die teilweise auch ganz bewusst von uns ferngehalten wird.<\/p>\n<p>&#8222;The Untold History of the United States&#8220; hat darum der Hollywood-Regisseur Oliver Stone eine zehnteilige Dokumentation genannt, die er zu diesem Thema produziert hat. Es ist eine grundlegend andere Geschichte als das Kindergartenm\u00e4rchen, das wir sonst immer um die Ohren geschlagen bekommen: ein M\u00e4rchen, in dem mal der russische Pr\u00e4sident Putin (fr\u00fcher die Sowjets) der B\u00f6se ist, dann wieder China, dann der Iran, und \u00fcberhaupt das B\u00f6se an allen m\u00f6glichen Orten auf der Welt an der Macht ist, aber sicherlich nicht in den USA und auch nicht in Europa. Die retten uns dann vor dem b\u00f6sen Putin, dem b\u00f6sen China und dem b\u00f6sen Iran (&#8222;Schurkenstaaten&#8220;) und bringen \u00fcberall auf der Welt Menschenrechte und Demokratie hin.<\/p>\n<p>Sicherlich, das Ph\u00e4nomen Trump beispielsweise stellte eine erhebliche Irritation f\u00fcr dieses infantile Micky-Maus-Weltbild dar, ebenso die rechtspopulistischen Regierungen Osteuropas. Aber andererseits hatte man auch kein allzu gro\u00dfes Problem damit. Der US-Pr\u00e4sident wurde als durchgeknalltes psychopathisches Individuum abgetan, anstatt dass man ihn als ungew\u00f6hnlich authentischen Ausdruck eines in vielerlei Hinsicht perversen US-amerikanischen gesellschaftlichen und politischen Systems begriffen hat, das eine solche Pers\u00f6nlichkeit hervorgebracht hat.<\/p>\n<p>Und die osteurop\u00e4ischen Regierungspolitiker werden eben schlichtweg nicht als &#8222;richtige&#8220; Europ\u00e4er betrachtet. Jedenfalls sind sie nicht &#8222;wir&#8220;. Denn &#8222;wir&#8220;, das hei\u00dft, der Westen, &#8222;wir&#8220; sind grunds\u00e4tzlich immer die Guten, die Demokraten, die Liberalen, das B\u00f6se aber ist immer woanders, in dem &#8222;Nicht-Wir&#8220;.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es vieles, was auch bei &#8222;uns&#8220; nicht in Ordnung ist, was auch bei &#8222;uns&#8220; kritisiert werden darf, aber im Gro\u00dfen und Ganzen stimmt alles bei &#8222;uns&#8220;, anders als woanders auf der Welt. Das ist das Narrativ, das mehr oder weniger alle, die im Westen aufgewachsen sind, von klein auf gelernt und internalisiert haben. Das kenne ich zur Gen\u00fcge, weil es mich auch selbst betrifft.<\/p>\n<p>Assange aber hat mitten in das Herz dieses verkl\u00e4rten, idealisierten und heuchlerischen Selbstbildes des Westens gezielt. Er hat offengelegt, wie sehr es auf L\u00fcgen gebaut ist und in welchem Ausma\u00df das B\u00f6se gerade an den Schaltstellen des Westens zu Hause ist.<\/p>\n<p>Er hat sich mit den M\u00e4chtigen angelegt. Das haben zwar auch schon andere vorher getan, aber er war dabei so erfolgreich wie kein Zweiter, aufgrund seiner Vernetzung mit f\u00fchrenden Massenmedien und einer genialen Idee: einer Informationsaustauschplattform namens WikiLeaks. Er hat damit das herrschende Narrativ ernsthaft gest\u00f6rt und durchbrochen. Das, was er ver\u00f6ffentlicht hat, darf schlicht nicht ver\u00f6ffentlicht werden. So etwas geht nicht.<\/p>\n<p>Hier l\u00f6st sich auch das R\u00e4tsel, wieso die europ\u00e4ische Politik im Falle Assanges ganz anders reagiert als beim vom Kreml verfolgten Politiker Alexej Nawalny. In vielerlei Hinsicht sind die beiden F\u00e4lle vergleichbar. Obwohl es im Unterschied zu Nawalny bei Assange \u2013 bislang \u2013 zu keinem Giftanschlag kam, schmiedete der amerikanische Geheimdienst bereits konkrete Plane f\u00fcr genau einen solchen Schritt. Nawalny und Assange sind somit in gewisser Hinsicht Spiegelbilder, der eine ein Opfer der US-Amerikaner, der andere eins der Russen.<\/p>\n<p>Und trotzdem, wie unterschiedlich ist der Umgang der europ\u00e4ischen Politik mit den beiden Rebellen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel h\u00f6chstpers\u00f6nlich eilt \u00f6ffentlichkeitswirksam ans Krankenbett Nawalnys, und er wird zu einem bedeutsamen russischen Oppositionellen hochstilisiert, der sich heldenhaft gegen Putin stellt.<\/p>\n<p>Und das, obwohl er \u2013 was gerne unter den Tisch fallen gelassen wird \u2013 eine fragw\u00fcrdige Gestalt ist, mit Wurzeln im ultranationalistischen und rechtsextremistischen Milieu. In einem Video hat er schon mal Moslems sehr anschaulich als Kakerlaken dargestellt, die er mit der Fliegenklatsche erschl\u00e4gt oder gar mit der Pistole erledigt.<\/p>\n<p>Seinetwegen \u2013 angeblich seinetwegen, das m\u00fcssen ja nicht die wahren Gr\u00fcnde sein \u2013 werden sogar Sanktionen gegen Russland verh\u00e4ngt. Wenn Melzer aber bei den zust\u00e4ndigen Stellen der deutschen Bundesregierung f\u00fcr Assange zu intervenieren versucht und ruhig und sachlich handfeste Beweise f\u00fcr die schweren Menschenrechtsverletzungen an diesem vorlegt, st\u00f6\u00dft er auf taube Ohren.<\/p>\n<p>Der Fall interessiert dort keinen, oder mehr noch: damit will niemand etwas zu tun haben. Das ist zu heikel, daran will keiner r\u00fchren. Von irgendwelchen Sanktionen gegen die USA oder Gro\u00dfbritannien nat\u00fcrlich ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Wir haben es hier einfach mit einem Bereich zu tun, in dem der Rechtsstaat und Menschenrechte nichts mehr z\u00e4hlen, erkl\u00e4rt sich das Melzer. Niemals werden sich westliche Regierungspolitiker auf die Seite Assanges stellen. Melzer legt auch dar, warum das so ist: Deren Geheimdienste sind alle untereinander verflochten, sie arbeiten eng miteinander zusammen, und was gegen die USA geht, geht daher gegen sie alle. Keiner von denen hat ein Interesse daran, dass da einer wie Assange etwas \u00fcber sie zutage f\u00f6rdert. Man m\u00fcsse realistisch sein, sagt Melzer: Es sei eine Illusion zu glauben, die Regierungspolitiker w\u00fcrden sich aus R\u00fccksichtnahme auf die Menschenrechte gegen ihre Geheimdienste stellen.<\/p>\n<p>Ich dr\u00fccke es ein wenig anders aus: Assange musste aus dem Weg ger\u00e4umt werden, weil er das grundlegende Narrativ zu zerst\u00f6ren drohte, welches das Machtfundament der westlichen Gesellschaften darstellt.<\/p>\n<p><strong>Ein Familiengeheimnis<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde es gerne auch ein wenig philosophisch formulieren. Das Drama um Assange ist Ausdruck einer Gesellschaft, die ihr eigenes Anderes nicht kennt \u2013 und nicht kennen will. Die das B\u00f6se immer in ein absolut anderes projizieren muss, mit dem sie nichts gemeinsam hat. Zumindest muss sie vorgeben, dass sie nichts damit gemeinsam hat. So \u00e4hnlich wie in der Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde.<\/p>\n<p>Das spiegelt sich in dem, was nach dem 9\/11-Anschlag 2001 Bush klipp und klar gesagt hat wider: Alle in der Welt sollen wissen, entweder ihr steht auf unserer Seite, oder aber auf jener der Terroristen. Etwas Drittes schloss er damit diktatorisch aus, ebenso wie er nicht die Denkm\u00f6glichkeit zulie\u00df, dass er selbst ein Terrorist sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Mit dem derzeitigen Schweigen zu Assange verh\u00e4lt es sich nicht viel anders als mit einem wohl geh\u00fcteten Familiengeheimnis. Jeder wei\u00df, was Sache ist, aber niemand redet dar\u00fcber. Er aber hat begonnen \u00fcber Dinge zu sprechen, von denen man normalerweise nicht spricht. Von den Leichen im Keller. Und zwar, und darin liegt der Skandal, von den Leichen in unserem eigenen Keller, nicht in dem der anderen.<\/p>\n<p>Er hat zu reden begonnen, und er hat damit den sch\u00f6nen Schein zerst\u00f6rt. Oder es drohte, dass das geschah. Bevor das wirklich geschah, hat man aus ihm selbst eine Leiche im Keller gemacht. Eine Leiche im Keller des Westens.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Julian-Assange-Die-Leiche-im-Keller-des-Westens-6024025.html?seite=all\"><em>heise.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. April 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ortwin Rosner. Zwei Jahre dauert bereits die menschenrechtswidrige Inhaftierung des WikiLeaks-Gr\u00fcnder an. Ein Res\u00fcmee.<br \/>\nAls am 4. 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