{"id":9559,"date":"2021-04-23T14:48:11","date_gmt":"2021-04-23T12:48:11","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9559"},"modified":"2021-04-23T14:48:12","modified_gmt":"2021-04-23T12:48:12","slug":"shutdown-in-der-klassengesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9559","title":{"rendered":"Shutdown in der Klassengesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der folgende kritische Beitrag zur #Zerocovid-Kampagne stammt vom 2. Februar 2021. Er ist faktisch weiterhin berechtigt aufgrund der Versch\u00e4rfung und Ausweitung der Pandemie, des steigenden Drucks auf die Lohnabh\u00e4ngigen, die Mieter, die gesellschaftlich Sprachlosen<\/strong><!--more--><strong>, die Fl\u00fcchtigen, die Randst\u00e4ndigen, sowie durch steigende Aktienkurse, die mittlerweile auf Allzeithochs stehen. Es gibt mittlerweile zwar eine Weiterentwicklung der Kampagne, die explizit einen vollst\u00e4ndigen Lockdown f\u00fcr alle nicht lebensnotwendigen Bereich fordert, bei vollem Lohnausgleich. Dies entkr\u00e4ftet aber nicht die Kritik dieses Beitrags, der der Kampagne eine technokratische, basisfremde Orientierung ankreidet, da sie nicht auf Handlungsans\u00e4tze Bezug nimmt, wo die Arbeiterklasse mittels Kampfmassnahmen die Unternehmer in eine solche Richtung zu dr\u00e4ngen such(t)en.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dies scheint uns kein Detail zu sein, da solche Perspektiven, die letztendlich den Staat &#8211; der ja als Vollzugsorgan einen solchen solidarischen Lockdown durchsetzen m\u00fcsste &#8211; keine klassenunabh\u00e4ngige Instanz ist. Vielmehr wird im derzeitigen Durcheinander durch die politischen Akteure ein weiteres Mal Entscheidungsmacht an den Staat delegiert &#8211; wie dies ja auch die Kampagne tut. Die unzutreffende Auffassung \u00fcber die Natur des Staates &#8211; und \u00fcber die Natur und Alltagsrealit\u00e4t der Arbeiterklasse &#8211; ist f\u00fcr die nicht-revolution\u00e4re Linke geradezu ein Erkennungsmerkmal. In der klassischen Debatte heisst diese Grundorientierung Reformismus oder Neo-Reformismus. [<em>Redaktion maulwuerfe.ch<\/em>]<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;&#8211; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum die Forderungen von ZeroCovid kein Lockdown von unten sind<\/strong><\/p>\n<p>Im Januar startete ein linkes B\u00fcndnis die\u00a0<a href=\"https:\/\/zero-covid.org\/\">ZeroCovid-Kampagne<\/a>\u00a0mit dem Ziel, das Schweigen der Linken gegen\u00fcber der staatlichen Pandemiepolitik zu brechen. Der Aufruf hat einigen Zuspruch in der medialen \u00d6ffentlichkeit erhalten und innerhalb von f\u00fcnf Tagen haben ihn 70 000 Menschen unterschrieben. Zugleich gab es von unterschiedlichen Seiten Kritik an der Kampagne. Auf Anfrage der Zeitschrift\u00a0<a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/\">Analyse &amp; Kritik<\/a>\u00a0haben auch wir ein paar Kritikpunkte formuliert, die wir an der Kampagne haben. Der Text wurde zuerst auf der Website der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/bewegung\/warum-die-forderungen-von-zerocovid-kein-lockdown-von-unten-sind\/\">AK<\/a>\u00a0ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><strong>~~~<\/strong><\/p>\n<p>Seit Ankunft der Pandemie vor zw\u00f6lf Monaten hat die deutsche Linke es weitgehend vers\u00e4umt, eine eigenst\u00e4ndige Position zur gesundheitlichen, \u00f6konomischen und sozialen Krise zu entwickeln und politisch zu artikulieren. Einer libert\u00e4ren, rechtsoffenen Mischbewegung von \u00bbCoronaskeptikern\u00ab gelang es hingegen die vakante Stelle der au\u00dferparlamentarischen Opposition zu besetzen.<\/p>\n<p>Sie konnte sich medial als einzige wahrnehmbare Alternative zum lager\u00fcbergreifenden Konsens in der Corona-Krise pr\u00e4sentieren, auch wenn der gesellschaftliche Zuspruch weitgehend ausblieb. In der entstehenden Polarisierung stellte sich die Linke unter antifaschistischen Vorzeichen an die Seite des herrschenden Zentrums und verteidigte das Krisenmanagement der Regierung als geringeres \u00dcbel gegen den Sozialdarwinismus der Rechten. Die Zufriedenheit mit der Regierungspolitik war zun\u00e4chst hoch.<\/p>\n<p>Zwar gelang es der Linken, Aufmerksamkeit f\u00fcr das harte Los benachteiligter Gruppen in der Pandemie zu wecken \u2013 u.a. Gefl\u00fcchtete in Sammelunterk\u00fcnften und migrantische Arbeiter*innen in der Lebensmittelindustrie \u2013 aus diesen verstreuten Kritiken entstand jedoch keine Bewegung.<\/p>\n<p><strong>Die Zero Covid-Kampagne<\/strong><\/p>\n<p>Mit den Verheerungen der zweiten Pandemiewelle ver\u00e4nderte sich diese Konstellation seit Herbst 2020. Der gesellschaftliche Unmut w\u00e4chst. Dem Krisenmanagement der Gro\u00dfen Koalition bl\u00e4tterte der Lack ab. Auch viele Linke fokussierten sich zunehmend auf eine Kritik der Regierungsstrategie, anstatt die rasant ansteigenden Fallzahlen auf das hygienische Fehlverhalten von Corona-Rebell*innen und Tagesausfl\u00fcglern zu schieben. Zahlreiche Stimmen kritisierten nun systematischer den Zuschnitt der Ma\u00dfnahmen: Durch eine scharfe Regulation des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens wird die Wertsch\u00f6pfung in Kernsektoren der Wirtschaft aufrechterhalten, viele Tote werden daf\u00fcr in Kauf genommen. Im Zuge der fortschreitenden Privatisierung der sozialen Daseinsf\u00fcrsorge wird die Verantwortung an die Einzelnen delegiert.<\/p>\n<p>In dieser Situation hat die Initiative\u00a0<em>ZeroCovid<\/em>\u00a0den Moment genutzt und eine Bresche in den politischen Raum geschlagen. Geschickt hat sie einen von Wissenschaftler*innen vorgeschlagenen Kurswechsel in der Epidemiologie (Null-F\u00e4lle-Strategie statt\u00a0<em>Flatten the Curve<\/em>) mit einem sozialdemokratischen Programm in der Sozialpolitik verschr\u00e4nkt (progressive Steuern, St\u00e4rkung der \u00f6ffentlichen Infrastruktur und der sozialen Sicherungssysteme).<\/p>\n<p>Die Kampagne verspricht: Die Gesellschaft muss sich nicht zwischen dem planlosen Durchwurschteln des Zentrums und dem offenen Zynismus der Rechten entscheiden, sondern k\u00f6nnte einen anderen Weg in der Pandemiebek\u00e4mpfung beschreiten. Sie k\u00f6nnte konsequente Gesundheitspolitik mit sozialer Absicherung verbinden, anstatt sie in einer Art Nullsummenspiel gegeneinander auszuspielen. Sie k\u00f6nnte ein ambitioniertes Ziel verfolgen, statt im Zickzackkurs auf Sicht zu fahren. Sie k\u00f6nnte ihre Probleme in den Griff bekommen, statt von einer Katastrophe in die n\u00e4chste zu taumeln. Die Kampagne hat damit eine gro\u00dfe Aufmerksamkeit in der \u00d6ffentlichkeit erhalten, weit \u00fcber den linken B\u00e4tterwald hinaus.<\/p>\n<p>Politisch stellt die Initiative\u00a0<em>ZeroCovid<\/em>\u00a0in drei Hinsichten einen Fortschritt dar: Erstens hat sie die linke Debatte \u00fcber die Grenzen von individualistischer Moralisierung \u00e0 la\u00a0<em>#StayTheFuckHome<\/em>\u00a0hinaus auf ein gesellschaftspolitisches Terrain verschoben. Zweitens lenkt sie durch ihre Betonung des Infektionsrisikos am Arbeitsplatz den Blick auf die \u00bbverborgenen St\u00e4tten der Produktion\u00ab (Marx), und stellt mit der Forderung nach einem Shutdown der \u00bbgesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft f\u00fcr eine kurze Zeit\u00ab (<em>ZeroCovid<\/em>-Petition) die Idee einer st\u00e4rkeren gesellschaftlichen Kontrolle der Produktion in den Raum. Drittens hat sie die Linke zumindest diskursiv aus der politischen Verklammerung mit dem liberalen Zentrum herausgebrochen.<\/p>\n<p><strong>Die Grenzen der Kampagnenform<\/strong><\/p>\n<p>Neben viel Zuspruch gab es auch triftige Kritik an der Kampagne. Alex Demirovi\u0107 k\u00f6nnen wir in einigen Punkten zustimmen, was etwa die Sorge vor einer Versch\u00e4rfung \u00bbautorit\u00e4rer Tendenzen\u00ab angeht. Auch die technokratische Konzeption von Politik als blo\u00dfer Erf\u00fcllungsgehilfin \u00bbder Wissenschaft\u00ab ist \u00e4rgerlich.<\/p>\n<p>Zur Politikform der Initiative wollen wir im Folgenden noch einige Gedanken zur Diskussion stellen. Zwei Ideengeber*innen der Kampagne, Christian Zeller und Verena Kreilinger, formulierten einen \u00bbsolidarischen Shutdown \u203avon unten\u2039\u00ab als Ziel der Kampagne (siehe den Artikel in ak 667). Vor dem Hintergrund der bisherigen politischen Praxis der Kampagne erscheint uns dieser Anspruch fragw\u00fcrdig. Was konkret hei\u00dft hier \u00bbvon unten\u00ab?<\/p>\n<p>\u00bbVon unten\u00ab ist ein Verweis auf ein politisches Subjekt, das etwas durchsetzt. Im Zusammenhang mit dem anvisierten Shutdown der Produktion kann das nur bedeuten: ein Shutdown, der von den Lohnabh\u00e4ngigen gewollt, geplant und durchgesetzt wird. Denn sie sind diejenigen, die den Laden am Laufen halten, w\u00e4hrend die Eigent\u00fcmer und das Management im kapitalistischen Normalbetrieb die Entscheidungen treffen.<\/p>\n<p>Diese Art von Shutdown setzt zweierlei voraus: erstens einen demokratischen Prozess der Meinungsbildung und eine Entscheidung f\u00fcr dieses politische Ziel innerhalb der Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen und ihrer Klassenorganisationen. Zweitens die Macht, diese Entscheidung dann auch gegen die Eigent\u00fcmer und den Staat durchzusetzen. Konkret setzt diese Idee einen enormen Zuwachs an Macht und Kampfbereitschaft seitens der Lohnabh\u00e4ngigen voraus. Denn die Entscheidung \u00fcber die konkrete Gestaltung der Produktion (oder ihren Stopp) liegt bei dem gegenw\u00e4rtigen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis von Kapital und Lohnarbeit weitgehend au\u00dferhalb der Macht der Lohnabh\u00e4ngigen und ihrer betrieblichen, gewerkschaftlichen und politischen Organisationen \u2013 wobei in der BRD gegenw\u00e4rtig \u00fcberhaupt keine quantitativ bedeutsame politische Organisation der Arbeiter*innenklasse existiert. Insofern die Initiative \u00bbunten\u00ab einen erm\u00e4chtigenden, politischen Organisationsprozess bef\u00f6rdern und hierf\u00fcr mit vern\u00fcnftigen gesundheits- und sozialpolitischen Forderungen agitieren will, ist sie zu begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Man muss jedoch zun\u00e4chst feststellen, dass die Initiative nicht in diesem Sinne \u00bbvon unten\u00ab kommt. Sie ist ein ad-hoc-B\u00fcndnis gesellschaftskritischer Individuen, die sich in einer anlassbezogenen, au\u00dferparlamentarischen, au\u00dferbetrieblichen, zivilgesellschaftlichen Initiative zusammengefunden haben. Ihre Mitglieder verf\u00fcgen offensichtlich \u00fcber Know-how in Sachen PR-Management und Mediengestaltung und eine gute Vernetzung zu Mitgliedern der kulturellen und wissenschaftlichen Deutungseliten sowie in diverse Redaktionsstuben. Daher gelang es der Kampagne hervorragend, ihre Anliegen in der b\u00fcrgerlichen und linken \u00d6ffentlichkeit zu platzieren. Wenn man in der r\u00e4umlichen Metaphorik bleiben will: Die Initiative entwickelte sich weder \u00bbvon oben\u00ab, aus der Regierung, noch \u00bbvon innen\u00ab, aus anderen etablierten Institutionen. Sie entwickelte sich jedoch auch nicht \u00bbvon unten\u00ab \u2013 aus der breiten Masse, sondern am ehesten \u00bbvon au\u00dfen\u00ab. Von hier wurde sie als Appell formuliert, der versucht, das Anliegen nach oben, innen und unten gleicherma\u00dfen zu richten. So erg\u00e4nzt die Kampagne ihren Appell an die Regierung mit dem Hinweis\u00a0<em>nach unten<\/em>, dass \u00bbwir den Schutz unserer Gesundheit gegen kurzfristige Profitinteressen und gro\u00dfe Teile der Politik erk\u00e4mpfen m\u00fcssen\u00ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Politik \u00bbvon unten\u00ab w\u00e4re es naheliegend, sich auf die weltweiten K\u00e4mpfe und Forderungen der Lohnarbeiter*innen f\u00fcr besseren Gesundheitsschutz als Ankn\u00fcpfungspunkte und m\u00f6gliche Verb\u00fcndete f\u00fcr eine fundamentale Opposition zu beziehen.<\/p>\n<p>Da die Kampagne sich zun\u00e4chst kaum auf diese Ans\u00e4tze einer sozialen Gesundheitsbewegung von unten bezieht, sondern sich vor allem an die Regierungen wendet, erscheinen die Lohnabh\u00e4ngigen vor allem als Objekt der F\u00fcrsorge, nicht als Subjekte der Politik. Damit tendiert der Aufruf zu einer paternalistischen Stellvertreterpolitik\u00a0<em>f\u00fcr<\/em>\u00a0\u00bbMenschen, die von den Auswirkungen des Shutdowns besonders hart betroffen sind\u00ab (<em>ZeroCovid<\/em>-Petition).<\/p>\n<p>Da die Kampagne bislang keine st\u00e4rkere Verankerung unter gr\u00f6\u00dferen Teilen der Lohnabh\u00e4ngigen genie\u00dft, bleibt sie in die Sph\u00e4re der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit gebannt. Sie muss entweder darauf hoffen, dass sich die Bundesregierung der an sie gerichteten Forderungen annimmt \u2013 der letzte Bund-L\u00e4nder-Beschluss vom 19. Januar 2021 war hier ein D\u00e4mpfer. Oder sie muss zusehen, dass sie sich zumindest ihren momentanen Einfluss auf die \u00f6ffentliche Meinung erh\u00e4lt, indem sie genug\u00a0<em>content<\/em>\u00a0produziert, um noch eine Weile Aufmerksamkeit in den Medien zu erhalten.<\/p>\n<p>Auf das Problem der mangelnden sozialen Verankerung sind auch wir in unserer Arbeit am Blogprojekt\u00a0<em>Solidarisch gegen Corona<\/em>\u00a0gesto\u00dfen, das vor allem w\u00e4hrend der ersten Welle der Pandemie aktiv war. Als Versuch in einer neuartigen Situation eine Gegen\u00f6ffentlichkeit zu schaffen, hatte der Blog einen gewissen Erfolg mit relativ vielen Zugriffen und viel positiver Resonanz in linken Kreisen. Indem wir in den Beitr\u00e4gen unter anderem von Streiks f\u00fcr Gesundheitsschutz in Betrieben und den Aktivit\u00e4ten solidarischer Basisinitiativen berichteten, zeigten wir die Versch\u00e4rfung sozialer Widerspr\u00fcche und m\u00f6gliche Formen der Gegenwehr auf.<\/p>\n<p>Doch unsere zus\u00e4tzlich erstellten Plakate mit Forderungen wie \u00bbProduktionsstopp statt Normalbetrieb\u00ab schwebten im luftleeren Raum: Weder war klar, von wem die Forderungen ausgingen, noch an wen sie gerichtet waren oder wer sie mit welchen Mitteln umsetzen sollte. Auch bei\u00a0<em>ZeroCovid<\/em>\u00a0ist bislang noch nicht klar, wie die angestrebte Sammlung der Kr\u00e4fte vonstattengehen soll, wenn von der Sammlung von Unterschriften abgesehen wird. Ohne eine tiefere soziale Verankerung fehlen die Mittel, um weitreichende Forderungen auch durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Gl\u00e4ttung der Widerspr\u00fcche<\/strong><\/p>\n<p>Wir halten es nicht prinzipiell f\u00fcr falsch, Forderungen an den Staat oder Unternehmen zu stellen. Ein Problem sehen wir jedoch dann, wenn Forderungen so formuliert sind, als best\u00fcnde kein handfester Interessenkonflikt von Kapital und Arbeit. Dann verst\u00e4rken die Forderungen die Illusion, man m\u00fcsse den b\u00fcrgerlichen Staat lediglich von seinem Anliegen \u00fcberzeugen. Die\u00a0<em>ZeroCovid<\/em>\u00a0Kampagne suggeriert, dass der Staat auf Basis der richtigen, wissenschaftlichen Argumente bereit ist, zu einer Politik klassen\u00fcbergreifender Solidarit\u00e4t \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p>Das ist einerseits unrealistisch, wovon nicht zuletzt die seit Jahrzehnten zu beobachtende Ignoranz der herrschenden Klassen gegen\u00fcber den vorausschauenden Empfehlungen der Klimawissenschaft Zeugnis ablegt, was sich \u00e4hnlich in der Pandemie wiederholt. Andererseits dr\u00fcckt sich darin eine verzerrte Vorstellung von Solidarit\u00e4t aus. In der Arbeiter*innenbewegung meinte sie die wechselseitige Unterst\u00fctzung der Ausgebeuteten im Kampf gegen ihre Unterdr\u00fccker*innen, f\u00fcr eine neue, klassenlose Gesellschaft. Im Kontrast dazu verliert der Begriff seine antagonistische Spitze in dem Appell von\u00a0<em>ZeroCovid<\/em>. Hier geht es darum, alle, vor allem die Verm\u00f6genden an ihre Verpflichtung gegen\u00fcber dem vermeintlichen Gemeinwohl zu erinnern. Es ist ein Aufruf zur Wahrung des bestehenden sozialen Pakts.<\/p>\n<p>Da das kapitalistische Klassenverh\u00e4ltnis nicht den Ausgangspunkt ihrer Analyse darstellt, erscheinen viele Ungerechtigkeiten und Unzul\u00e4nglichkeiten der Pandemiebek\u00e4mpfung als mehr oder weniger zuf\u00e4llige M\u00e4ngel, die durch den guten Willen der Politik leicht behoben werden k\u00f6nnten. Denn es hat seine Gr\u00fcnde, dass \u00bbdie verborgenen St\u00e4tten der Produktion\u00ab im Unterschied zu den privaten Beziehungen bisher weitgehend ungeschoren davongekommen sind. Wird die Produktion in den Betrieben gro\u00dffl\u00e4chig eingestellt, dann droht ihr ganzer Zweck, n\u00e4mlich die Erwirtschaftung von Profit, wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Selbst wenn eine\u00a0<em>Zero Covid<\/em>\u2013Strategie langfristig gesehen auch f\u00fcr die Kapitalist*innenklasse die vorteilhafteste L\u00f6sung w\u00e4re, muss man festhalten, dass aktuell keine Kapitalfraktion diesen Kurs unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Auch eine \u00bbsolidarische Pause\u00ab mittels Abgaben auf hohe Verm\u00f6gen, Einkommen und Unternehmergewinne wird der Staat nicht ohne weiteres veranlassen. Denn es ist eben nicht damit getan, dass \u00bbgenug Geld da ist\u00ab, was nur f\u00fcr vern\u00fcnftige Zwecke verwendet werden m\u00fcsste. Das Problem ist, dass sich die gesamte Reproduktion der Gesellschaft unter den gegebenen \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen nur durch erfolgreiche Profitproduktion vollzieht. Vermehrte Abgaben w\u00fcrden die angeschlagene Profitproduktion weiter bedrohen. Dieser Umstand soll kein Mitleid erregen. Er geh\u00f6rt jedoch zu den konkreten Bedingungen, unter denen die Strategien der Pandemiebek\u00e4mpfung ausgehandelt werden.<\/p>\n<p><strong>Das Dilemma<\/strong><\/p>\n<p>Es kann sein, dass eine radikale Eind\u00e4mmung an der virologischen Front Erfolg h\u00e4tte und wir wollen dies nicht kleinreden. Es sind vornehmlich die unteren Schichten der Lohnabh\u00e4ngigenklasse, die am H\u00e4rtesten von der Pandemie getroffen werden und die Reduzierung des Ansteckungsrisikos w\u00e4re f\u00fcr viele eine riesige Erleichterung.<\/p>\n<p>Gleichwohl sind es gerade die proletarischen Viertel, in denen die staatliche Einsperrung zu Hause am unertr\u00e4glichsten und die \u00f6konomischen \u00c4ngste und Sorgen am gr\u00f6\u00dften sind. Scheinbar kleinliche Detailfragen k\u00f6nnen nicht \u00fcbersprungen werden. Wer entscheidet konkret \u00fcber welche Ma\u00dfnahmen und deren Anwendungsbereiche? Wie wird die corona-freie Zeit verbucht? Als Zwangsurlaub? Wie hoch f\u00e4llt das Kurzarbeitsgeld aus? Was passiert mit Leiharbeiter*innen, Jober*innen, Honorarkr\u00e4ften? Wer soll das alles zahlen? Selbst, wenn die Staaten mit Kurzarbeitergeld und \u00e4hnlichen \u00dcbergangsl\u00f6sungen einspringen w\u00fcrden, was \u2013 wir wiederholen uns \u2013 beim derzeitigen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis ein riesiger Erfolg w\u00e4re: Wer wird sp\u00e4ter f\u00fcr das Abstottern des gewachsenen staatlichen Schuldenbergs aufkommen? Es steht zu erwarten, dass die Regierungen den Lohnabh\u00e4ngigen in ein paar Jahren die Rechnung pr\u00e4sentieren werden, wie in der letzten Krise 2008ff. \u00dcber Jahre haben Lohnabh\u00e4ngige in einigen EU-Staaten ihre Lohneinkommen, Renten und sozialen Sicherungssysteme schwinden sehen und das\u00a0<em>trotz<\/em>\u00a0massiver sozialer K\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomische Krise, die durch einen tieferen Lockdown mindestens kurzfristig sehr versch\u00e4rft w\u00fcrde, stellt bereits heute eine existenzielle Bedrohung dar. Gerade f\u00fcr die unteren Schichten der Klasse pr\u00e4sentiert sich die Situation als ein Dilemma, in dem sie nicht zwischen \u00bbGesundheit\u00ab und \u00bbWirtschaft\u00ab w\u00e4hlen k\u00f6nnen, wie es die Initiative suggeriert. Deshalb \u00fcberrascht es auch nicht, dass es in verschiedenen L\u00e4ndern Proteste von Lohnabh\u00e4ngigen gegen die Regierungsma\u00dfnahmen gab, wie etwa im Herbst in Neapel und anderen italienischen St\u00e4dten. Wenn die Kampagne \u00bbunten\u00ab Erfolg haben m\u00f6chte, muss sie von diesen gemischten Gef\u00fchlen, berechtigten \u00c4ngste und widerspr\u00fcchlichen Interessenlagen ausgehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die hier angesprochenen Probleme der Initiative gibt es keine schnellen L\u00f6sungen. Auch spontane, unkoordiniert aufflackernde K\u00e4mpfe \u00bbvon unten\u00ab bieten f\u00fcr sich genommen keine ausreichende Antwort f\u00fcr einen sinnvollen Umgang mit der Pandemie. Nicht zuletzt, da der b\u00fcrgerliche Staat unter den gegebenen Verh\u00e4ltnissen de facto wesentliche Mittel daf\u00fcr in seinen Institutionen konzentriert hat. Die in der Pandemie notwendige gesamtgesellschaftlichen Koordination und die vom Staat mobilisierbaren Ressourcen k\u00f6nnen die spontanen Bewegungen und solidarischen Initiativen nicht ersetzen.<\/p>\n<p>Damit aber \u00fcberhaupt wirksam Einfluss auf die Politik genommen werden k\u00f6nnte, m\u00fcsste die Selbstorganisation in den Betrieben und Stadtteilen in Gang kommen, die es uns \u00fcberhaupt erlaubt, unsere Interessen und Bed\u00fcrfnisse wirkungsvoll geltend zu machen. Nur auf dieser Grundlage kann Gegenmacht \u00bbvon unten\u00ab entstehen und f\u00fcr eine politische Alternative zu dieser katastrophentreibenden Staats- und Gesellschaftsordnung gek\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p><em>#Bild: Jeff Bezos, der Eigent\u00fcmer von amazon, hat in der Pandemie sein Verm\u00f6gen um ein Drittel auf ca 180 Milliarden Dollar\u00a0 angewachsen ist; <\/em>rechts: <em>Arbeiter in Schutzanz\u00fcgen versenken Leichen in einem Graben auf Hart Island, 9.\u00a0<\/em><em>April 2020 (AP Photo\/John Minchillo)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/solidarischgegencorona.wordpress.com\/2021\/02\/02\/shutdown-in-der-klassengesellschaft\/\"><em>solidarischgegencorona.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. April 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende kritische Beitrag zur #Zerocovid-Kampagne stammt vom 2. Februar 2021. Er ist faktisch weiterhin berechtigt aufgrund der Versch\u00e4rfung und Ausweitung der Pandemie, des steigenden Drucks auf die Lohnabh\u00e4ngigen, die Mieter, die gesellschaftlich Sprachlosen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9524,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[25,87,10,121,44,42,4,17],"class_list":["post-9559","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-breite-parteien","tag-covid-19","tag-gesundheitswesen","tag-sozialdemokratie","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9559","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9559"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9559\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9560,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9559\/revisions\/9560"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}